Ex umbra in solem

Ex umbra in solem (Bosp. Aus dem Dunkel ins Licht)


Baronie Nordhag, Peraine 1040 BF

Gen Rahja nahm das Mal des Herrn Praios seine Wanderschaft über das Firnament auf und warf erstes wärmendes Licht auf den düsteren Hang des mächtigen Finsterkamms. Trautmann von Gugelforst blickte seufzend hoch zu Überbleibseln von Burg Lichtwacht – „wie passend“, dachte er sich. Es ist noch nicht viel Wasser den Dergel hinabgeflossen seit er und seine drei Gefährten die Dunkelheit von diesem Ort vertrieben haben…

„Ähm, Herr Trautmann?“, es war die Stimme seines Pagen Bogumil Blaubinge, der auf leisen Sohlen an ihn herangetreten war. Der Angesprochene gab dem Jüngling mit einem einfachen Kopfnicken zu verstehen, dass er seine Ankunft registriert hatte und er ihm seine Aufmerksamkeit schenkte. „Herr, was tun wir hier eigentlich?“, fuhr Bogumil daraufhin unsicher fort.

„Komm setz dich zu mir.“ Trautmann rutschte auf dem liegenden Baumstamm, der ihm als behelfsmäßige Bank diente, ein Stück weit zur Seite. Nachdem er ein kleines Holzscheit in die Flammen warf, wandte er sich seinem Pagen zu. „Wir nehmen unsere neue Heimat in Besitz.“

„N…neue Heimat? Ihr meint wir gehen nicht mehr zurück nach Reichsend?“ Bogumils Augen wurden groß und Trautmann konnte ganz klar die Verwunderung und auch Angst am Antlitz des Jünglings erkennen. Es war ihm natürlich bewusst, dass der Grafenhof für einen 9 Winter zählenden Jungen weit aufregender war als eine Burgruine in der Einöde des Finsterkamms.

„Ganz recht, Junge.“ Der Ritter zauste seinem jungen Begleiter das Haar. „Es liegt nun an uns diesen Ort wieder bewohnbar und heimelig zu machen.“ Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er auf die gut ein Dutzend Menschen, die sie begleitet hatten. „Meine Base Gwidûhenna war so nett uns ein paar helfende Hände und Waffenknechte zur Verfügung zu stellen, die uns dabei helfen werden.“ Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Doch habe ich dir überhaupt schon erzählt, wie wir an diese Burg kamen?“

Ein wortloses Kopfschütteln war die einzige Antwort, die er bekommen sollte. In Bogumils Kopf schien es immer noch zu arbeiten und er realisierte nur langsam, dass die Zeiten, in denen er die Tage außerhalb seiner Pflichten damit zubrachte durch die mächtige Festung Reichsend zu streunen und mit den anderen Pagen und Knappen zusammen Schabernack zu treiben, nun vorbei waren.

„Gut. Dann hör gut zu.“ Trautmann leckte sich über die Lippen. „Wie du wahrscheinlich noch weist folgte ich im Travia dieses Jahres dem Ruf des Rentgrafen in die Stadt Nordhag, wo ich mich um die Hand der hiesigen Baronin bemühte.“ Bogumil nickte. „Nachdem ich beim Turnier bereits in der zweiten Runde meine Segel streichen musste, beauftragte mich der Rentgraf zusammen mit drei anderen damit die schriftliche Urfassung einer uralten Sage zu finden.“

Trautmann bemerkte, dass er nun wieder die ganze Aufmerksamkeit des Jünglings besaß, wohl wissend, wie sehr dieser denn Heldengeschichten liebte.

„So machte ich mich, gemeinsam mit den Junkern Rodunk Hadamar von Biberwald und Grifo von Binsböckel-Graûgard, sowie eines tobrischen Dieners der Schlangengleichen auf gen Trallop, wo wir uns im Hause Aldifreids Hinweise auf den Verbleib des Dokuments erhofften.“ Trautmann tippte sich zweimal auf die Nasenspitze. „Der Rentgraf berichtete uns nämlich, dass er dort von der Existenz dieses Dokuments erfahren hatte.“

Der Ritter erhob sich kurz, blickte sich suchend um, nur um dann einen nahen Knecht anzuweisen noch mehr Feuerholz zu suchen.

„Gut…wo war ich? Ach ja…Trallop.“ Er räusperte sich. „Im Hause Aldifreids angekommen wurde uns eröffnet, dass das gesuchte Dokument erst vor Kurzem auf einer Inventarliste aufgeschienen ist. Das Problem hierbei war jedoch, dass es sich bei dieser Liste um eine Aufstellung von Stücken handelte, die schon während der Priesterkaiserzeit an einen Ort namens Lichtwacht verbracht worden sind.“ Den fragenden Blick Bogumils quittierte Trautmann mit einem Schnauben. „Priesterkaiser hast du wohl noch nie gehört, was?“

Der Jüngling schüttelte sein Haupt, was den Ritter noch einmal aufseufzen ließ. „Das war die Zeit, da wo Weiden nicht von Herzögen, sondern von praiosgeweihten Herzogenwahrern beherrscht wurde…das ist jetzt schon bestimmt…uhm…sehr lange her.“ Bogumil nickte so, als hätte er es verstanden, was Trautmann wiederum zufrieden stimmte.

„Weiter im Text; unser nächster Anlaufpunkt war daraufhin der Tempel des Götterfürsten in Altentrallop. Dort kam unsere kleine Gruppe in den Genuss, gemeinsam mit einem örtlichen Geweihten, einen dieser Choräle anzustimmen.“ Trautmann lachte auf. „Die erste Euphorie des jungen Geweihten war dann recht schnell verflogen als er mit unseren Singstimmen konfrontiert wurde. Dennoch konnten wir erfahren, dass es sich bei Lichtwacht um einen Turm der Finsterwacht nahe Nordhag handelte. Uns Trutzern war dieser Name jedoch nicht wirklich bekannt und ich wusste nicht, dass ich ihn jemals im Zusammenhang mit der Wachturmkette hörte.“

Trautmann blickte auf seinen Pagen. „Was hättest du denn in diesem Fall gemacht?“ Bogumil jedoch hob nur unwissend seine Schultern, was dem Ritter abermals ein Schnauben abrang. „Na was wird man machen, wenn man Fragen zur Wachturmkette hat? Den Wachtgrafen aufsuchen, natürlich... Das taten wir dann auch, doch konnte uns Halgan selbst auch keine genaue Auskunft geben. Er ließ er uns jedoch in Dokumente einsehen, die damals von einem gewissen Mattis Blaubinge von Wulffenthal gesammelt wurden. Hierin ging es um die Standorte der einzelnen Türme und dank seiner Gnaden, des Hesindegeweihten war es uns möglich den Standort der Lichtwacht ausfindig machen. Du musst wissen, dass Lichtwacht uns nur als Toter Turm bekannt war.“

Trautmann deutete hoch zur Burg. „Die Anreise stellte eine große Erschwernis dar. Über Stock und Stein mussten wir kriechen um Zugang zu den alten Gemäuern zu erhalten. Fast verließ uns hierbei der Mut, doch schickte uns die gütige Göttin ein Zeichen; von Osten kommend zog ein Schwarm Wildgänse über den Turm hinweg. Da störte mich auch diese Fistelstimme nicht mehr, die uns immerzu davor warnte die Burg zu betreten.“ Der Ritter machte eine Pause und fast schien es seinem Zuhörer, dass er hier enden möchten.

„Was geschah dann in der Burg, Herr?“, flüsterte Bogumil vor Aufregung zitternd.

„Die Burg war ein Hort der Finsternis.“ Trautmann führte einen innerlichen Kampf mit sich selbst, unsicher ob er durch eine Nacherzählung der Ereignisse nicht Erinnerungen hervorrief, die besser in den hintersten Winkeln seines Geistes verborgen bleiben sollten. „In der Burg ging ein sogenannter Heerführer um – ich glaube so nannte der Hesindianer ihn. Es war ein Untoter, der über Scharen von anderen Untoten gebot.“

Bogumil hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund. Ängstlich blickte er hoch zur Burg.

„Was genau sich dort oben vor vielen Jahren abspielte weiß ich nicht. Allem Anschein nach wurde die Burgbesatzung nach dem Ende der Priesterkaiserzeit von einem Mob dort oben eingemauert und der damalige Burgherr Praiodan von Kuslik, anscheinend auch ein Geweihter des Götterfürsten, verwandelte sich in…eben diesen Feldherrn. Das erste Aufeinandertreffen mit ihm in den Katakomben der Burg hätte uns fast das Leben gekostet, doch konnten wir uns mit Hilfe des Geistes eines jungen Praioraners, der damals ebenso zu Tode kam, zurückziehen und einen Plan zur Vernichtung des Untoten schmieden. So gelang es uns durch alte, polierte Bronzeschilder einen Lichtstrahl in eine unterirdische Kapelle zu leiten.“

Grimmig blickte Trautmann in das Gesicht seines Pagen, das inzwischen alles an Farbe verloren hatte. „In einem Anflug von Übermut setzte ich dann mein Leben aufs Spiel den Heerführer in seine Falle zu locken. Auch wenn es hätte übel enden können gelang es uns ihn zu vernichten und diesen Ort von seiner unheiligen Präsenz zu befreien... Auch das Versteck der gesuchten Urschrift haben wir gefunden…zusammen mit vielen rondrianischen Ritualgegenständen, die hier ebenso eingeschlossen wurden und die wir dem Orden zur Wahrung überantwortet haben.“

Der Ritter nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Wasserschlauch bevor er fortfuhr. „Zusammen machten wir uns daraufhin wieder auf nach Nordhag. Wie du weist wurden wir ja vom Rentgrafen auf die Suche geschickt. Dieser war dann auch hocherfreut als wir ihm die Sage vorlegten, festigte deren Inhalt doch gewissermaßen den Herrschaftsanspruch seiner Familie…“

„Herr?“, zögerlich unterbrach Bogumil den Erzähler. „Was passierte dann mit der Baronin und Eurem Werben um sie?“

Trautmann seufzte auf. „Die Baronin hat sich gegen mich und für einen meiner Mitbewerber entschieden. Sie dankte mir von ganzem Herzen für meine Aufwendungen, doch gab sie dem traviagefälligen Herrn von Eberstamm den Vorzug…“

Die beiden schwiegen einige Momente vor sich hin bevor Trautmann die Stille brach. „Schon seltsam, findest du nicht? Gerade die eine Sache, die ich meiner Meinung nach nicht erst hätte beweisen müssen, wurde als Grund gegen mich genannt.“ Er lächelte bitter. „Ich habe auch mit meiner Mutter, die wie du ja weist Tempelvorsteherin der Travia ist, darüber gesprochen und sie meinte, dass das wohl alles dem Willen der Göttin entsprach. Die Gütige sendete mir ein Zeichen und ich bin mir nun sicher, dass es mir alleine galt. Es war mir wohl bestimmt diesen einst so finsteren Ort wieder zur Heimat von und für Menschen zu machen. Das sah dann wohl auch der Vater der Braut so, der mir diese Burg zum Lehen gab.“

Der Ritter erhob sich vom Holzstamm und ließ seinen Blick über die Szenerie schweifen. Dabei traf sein Blick eine Gruppe Leibeigene, die sich gerade daran zu schaffen machten die Schlehenhecke hoch zur Burg zu roden. Er lächelte. „Und nun lass uns in die Hände spucken, auf uns wartet einiges an Arbeit…“