Die miserablen Drei

Die miserablen Drei
Vor den Toren Kressenburgs, Baronie Kressenburg, Praios 1042 BF

Luten ärgert sich:
Artig gratulierte Luten seinem siegreichen Gegner, erwies den Gastgebern seine Referenz und bei jeder dieser Verrichtungen wuchs der Ärger in ihm.

Mit jedem Schritt weg vom Kampfplatz gewann er an Wärme, dann an Hitze und bahnte sich schließlich einen Weg in die Hand des jungen Corrhensteiners. Unbeherrscht hieb er auf den Pfosten des begrenzenden Holzzaunes und grunzte dazu. Vornehmlich aus Ärger, im Abgang aber auch aus Schmerz. So kräftig war der Schlag gewesen und so innbrünstig seine Unzufriedenheit.

Vermaledeiter Orkendreck aber auch!

Er blickte auf und fing im Vorbeigehen den Blick Edignas von Weiden-Harlburg auf. Diese schickte sich an, ihren Erstrundenkampf gegen irgend so eine Koscherin zu fechten. Und als er sie passierte, lächelte sie ihm aufmunternd zu und nickte. Luten wusste nicht genau, warum sie nickte. Oder lächelte. Immerhin hatte er verloren.

Ogerkacke, damische!

Dabei hatte das Ganze so gut angefangen und er so leicht wie lange nicht in den Reigen gefunden. Doch kaum war ihm das aufgefallen, hatte der Greifenfurter Baron ihn mit ein paar wohlgesetzten Hieben wieder aus dem Takt und damit um den Sieg gebracht.

Und das ärgerte Luten so dermaßen, dass er gar nicht wusste wohin mit seinen aufwallenden Gefühlen. Vor allem mit der Enttäuschung, die den Ärger mit spitzen Attacken niederrang und ihre langen, dürren Finger von Innen um Lutens Hals legte. Vielleicht wäre es nicht gar so schlimm, wenn er nicht für einen kurzen Augenblick gedacht hätte, er könnte seinen Gegner packen, den Kampf als Sieger beenden und wenigstens die erste Runde überstehen. Vielleicht war die Niederlage so einschneidend, weil die Hoffnung sich ein kurzes Stelldichein gegeben und sich dann ... verpisst hatte. Wieder einmal. Elendiges Drecksstück das.

Luten schnaufte durch, schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen Atem, auf andere Gedanken als Enttäuschung und Wut. Darauf, dass seine Vorstellung nicht glorreich, aber auch nicht allzu peinlich gewesen war. Das brachte ihm Linderung, Ruhe und ein wenig Erleichterung. Also öffnete er die Augen wieder und wandte sich dem Kampfplatz zu. Immerhin focht dort die Base seines Barons und das wollte er nicht verpassen.

Da rechnete er auch noch nicht damit, dass just dieses Schauspiel sein Unbehagen im Handumdrehen zurück bringen würde.


Edigna blamiert sich:
Marsus mochte seinen Augen nicht trauen, war das eine oder andere Mal sogar versucht, sie abzuwenden. Was dort auf dem Feld, das Ehre bedeuten sollte, geschah, war schlicht peinlich. Da wurde seine Schwertmutter, eine erfahrene und kampferprobte Ritterin, von ihrer gut zehn Jahre jüngeren Gegnerin nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen. Die Weiden-Harlburg bekam keinen Fuß an den Boden und vermutlich hätte sie ihre Angriffe auch laut ankündigen können, so harmlos liefen sie in die sicheren Wehren der Koscherin.

Im Gegenzug kamen ihre Wehren gefühlt erst dann, wenn die andere ihren Angriff bereits abgeschlossen hatte.

Das einzig Gute, das der Löwenhaupter über diesen Kampf sagen konnte war, dass er schnell vorbei war.

Wobei seine Schwertmutter auch das nicht recht mitzukriegen schien, denn selbst nach dem letzten und entscheidenden Treffer stand Edigna von Weiden-Harlburg, wie vom Donner gerührt. Stand, während ihre Gegnerin den Sieg ohne jede Regung zur Kenntnis nahm. Stand, als diese mit grimmigem Blick und stampfendem Schritt davon rauschte. Und stand immer noch.

Marsus stand auch, inzwischen aber immerhin nicht mehr alleine. Luten Corrhenstein hatte zu ihm aufgeschlossen – Schild und Streitaxt vom eigenen Kampf noch bei der Hand – und hatte das Schauspiel mit ebenso unverhohlenem Unglauben verfolgt, wie der junge Löwenhaupter. Sie hatten einen ratlosen Blick gewechselt und als sie ihn nun wieder zum Kampfplatz lenkten, konnten sie immerhin feststellen, dass endlich Bewegung in die Bärenritterin kam.

Entschlossen zog sie ihren Helm ab, wandte sich den Gastgebern und dem Turniermarschall zu und grüßte mit der Schwertfaust über dem Herzen.

Dann marschierte sie mit festem Schritt auf Marsus und Luten zu. Im Gesicht trug sie dabei ein leichtes Lächeln, das Marsus komplett aus der Fassung brachte. Ebenso blickte er ihr entgegen und ihr Lächeln wuchs sich zu einem Grinsen aus. „Guck’ nicht so!“, raunte seine Ausbilderin und reichte ihm den ramponierten Schild mit der gar nicht mehr so stolzen Weide. „Und ihr auch nicht“, adressierte sie den Corrhensteiner.

„Aber ...“, brummte Marsus.

„Braucht beide nicht glauben, dass mir nicht klar ist, was für eine erbärmliche Vorstellung ich gerade abgegeben habe. Das hat die Sindelsaumerin mir mit Nachdruck in den Schädel gehämmert.“

„Aber ...“.

„Also, Marsus, merk dir das hier gut und wenn du das Gefühl hast, ich wäre etwas zu selbstzufrieden, dann sei doch so nett und wirf mir diesen Namen zu: Sindelsaum!“ Luten fing sich einen kurzen Seitenblick und ein knappes „Für Euch gilt das freilich nicht, klar?“, ein, auf das er nur beschwichtigend den Schild hob.

„In Ordnung“, reagierte Marsus derweil, „aber ...“.

„Du, junger Löwenhaupt, merkst dir, dass zum Gewinnen mehr gehört, als ein flinkes Schwert und ein sicheres Auge. Anstand gehört auch dazu, ebenso Würde und der Respekt vor dem Gegner. Nämliches gehört übrigens auch zum Verlieren und auch wenn man heute nichts Gutes über meine Kampffertigkeiten sagen kann, soll man wenigstens anerkennen, dass eine Weiden-Harlburg in Würde zu verlieren weiß.“

Edigna donnerte erst ihrem Knappen und dann Luten eine behandschuhte Linke auf die Schulter. „Und darauf einen Humpen kühles Bier, für uns alle!“ Marsus schaute seine Ritterin an, dann zupfte auch an seinen Mundwinkeln ein Grinsen. „Ai“, brummte er, „darauf trink’ ich gern, Hohe Dame. Und auf das, was ihr mir aufgetragen habt auch. Sagt Ihr nicht immer, ein Mensch braucht einen Ansporn?“ „Wollja, sage ich. Einen solchen hab’ ich grad gefunden und meinen Geschmack an Turnieren irgendwie auch! Oder vielmehr wieder. Wie auch immer.“ Sie fasste Luten ins Auge. „Und wie ist es mit Euch? Seid Ihr drüber weg? Immerhin habt ihr es geschafft mitzuhalten. Ein bisschen wenigstens.“

Der junge Ritter wog den Kopf. „Halbwegs! Aber ich bin sicher, das Bier wird mir dabei helfen.“ ‚Vor allem aber das Schauspiel, das Ihr gerade geboten habt‘, dachte er und musste darob selbst ein bisschen grinsen. Geflissentlich ignorierte er den forschenden Blick Edignas und deutete auf den nächsten Ausschank. „Ich übernehm’ übrigens die zweite Runde“, erklärte er und marschierte los.


Furgund kriegts gezeigt:
„Die hats’s dir aber gezeigt“. Merkwürdigerweise klang Baldegund so atemlos, als habe sie selbst gerade gekämpft und nicht nur zugesehen.

„Hrumpf!“, brummte Furgund von Hölderlingen und versuchte verbissen weiter, sich den Anschein zu geben, frisch zu sein wie der junge Morgen und natürlich geschmeidig. Innerlich wimmerte und jammerte sie innbrünstig. Jeder Schritt war eine Qual und richtig deutlich sehen konnte sie immer noch nicht.

„Liebe Herrin Rondra, das war aber auch eine Vorstellung. Unfassbar“, fuhr ihre Base begeistert fort.

Gab es an ihrem Körper eigentliche eine Stelle, eine einzige nur, die nicht weh tat? Versuchsweise rollte Furgund die Hüfte und befand, dass das keine wirklich beantwortenswerte Frage war.

War das schön, wenn der Schmerz nachließ!

„Ich meine, du bist ja nicht schlecht“, fuhr die blöde Kuh fort zu salbadern, „aber die Arpitzerin … manmanman … die hat’s dir wirklich gezeigt.“ Tröstend wollte sie ihrer Base die Hand auf die gerüstete Schulter legen, die aber überraschend gewandt zurückgezogen wurde.

Ein spitzer Schmerz durchzuckte Furgunds Schulter, den Nacken und fuhr in ihren Hinterkopf, dass ihr kurz schwarz vor Augen wurde. Aber das war’s wert. Hätte Baldegund sie wirklich getätschelt, Fugrund wusste nicht, was dann passiert wäre. Besser war’s, das gar nicht erst herauszufinden.

„Immerhin war’s ne Weidenerein, nech“, kannte Baldegund kein Erbarmen, „da tut’s nicht ganz so weh, gleich in der ersten Runde rauszu …“

„UND WAS GENAU WEISST DU SCHON DAVON, EH?“ brach’ sich Furgunds Wut nun endlich Bahn.

„Ähm“, fuhr Baldegund zusammen, blinzelte und blickte sich verlegen um. „Nich’ so laut“, versuchte sie zu beschwichtigen.

„Is’ doch wahr, du blöde Kuh!“, motzte Furgund. Endlich hatten sie ihr gemeinsames Zelt erreicht. „Hilf mir einfach aus meiner Rüstung und halt zur Abwechslung einfach mal die Klappe, ja? Schlimm genug, zu verlieren. Noch schlimmer, wenn man keinen Stich macht. Keinen einen, wohlgemerkt. Und am allerschlimmsten, wenn die Gegnerin auch noch so vollkommen kämpft, dass man da gar nix gegen sagen kann, weil sie einfach nur unfassbar gut war. Das ist alles ein riesengroßer Scheißhaufen, ist das. Also halt gefälligst die Klappe, ist so schon schlimm genug!“

Baldegund blinzelte erneut, dann krauste sie die Nase, nickte und tat, wie geheißen. „Es gibt ja noch die Tjoste“, murmelte sie leise und wie sie hoffte tröstend.

„KLAPPE!“, schnappte die junge Baroness und tief in sich weinte sie.