Sünden der Vergangenheit

Dramatis Personae:

 

Gut Weidenwald, Baronie Weidenhag, Ende Boron 1044 BF

Schrill klirrte Stahl auf Stahl und ließ die kalte Luft erzittern, während die Wände der nahe stehenden Häuser das Echo der rondragefälligen Symphonie schier hundertfach wiederzugeben schienen. Der grimme Firun war diesen Götterlauf besonders früh gekommen und bedeckte die Lande im Schatten des Finsterkamms mit seiner weißen Pracht und dazugehörigem Frost. Da dessen göttlicher Bruder Efferd sich ebenfalls nicht lumpen ließ, war auch der gefürchtete Augrimmer unerbittlich gewesen. Zwei Phänomen, die kombiniert ein Wetter hervorriefen, das jeden vernünftigen Menschen an die warmen Herdfeuer treiben würde. Betrachtete man die schmalen Rauchfahnen aus den Schornsteinen der eingeschneiten Holzhäuser im kleinen Dorf Weidenwald, schienen es jene, die im Schatten des beeindruckenden Weydensteyns lebten, genauso zu halten.

Ganz im Gegensatz zu den beiden Kämpfern am Vorplatz des Ritterguts; in heftigen Zügen stießen sie ihren Atem aus, was ob der herrschenden winterlichen Kälte dazu führte, dass dieser in der Form kleiner Wölkchen sichtbar wurde. Immer wieder schienen sie auf dem glatten Untergrund auszurutschen, was die offensichtliche Schwertübung deutlich erschwerte. Das göttinnengefällige Spiel ging noch bestimmt für ein Viertel Wassermaß hin und her, bis es den älteren der Beiden tatsächlich erwischte und er auf dem rutschigen Untergrund ausglitt.

“Nicht schlecht, alter Mann”, nickte der Jüngere anerkennend. Der groß gewachsene Mann trug einen dunkelgrünen Gambeson mit dem Weidener Bären über dem Herzen, dazu stählerne Armschienen und feste Beinlinge und Stiefel in Schwarz. Er schüttelte seine schulterlangen Locken und fuhr sich durch den gepflegten Bart, um diesen von Eiskristallen zu befreien.

“Aber auch nicht gut genug”, antwortete der Alte bitter und ließ sich dann vom Jüngeren auf die Beine helfen. Der betagte Waffenknecht war bereits ergraut gewesen. Sein vernarbtes Gesicht zeugte von einem bewegten Leben und auch die feste, aber speckige Lederweste sah bereits bessere Tage.

“Lass uns hinein gehen. Nach der Anstrengung haben wir uns einen Platz am Feuer und etwas Warmes im Magen verdient.” Respektvoll klopfen sich die beiden Männer gegenseitig auf die Schultern und begaben sich in das Gutshaus.

***

Wallfried vom Blautann rieb sich seine Hände, als er in die warm beheizte Halle seines Gutshauses trat. Für gewöhnlich lebte er in einer Dienstwohnung auf der Bärenburg, wie viele andere Bärenritter auch. Weidenwald wurde ihm von seiner Familie und dem Einverständnis der Weidenhager Baronin als Versorgungslehen zugestanden. Olin Grünstein, der alternde Waffenknecht und Veteran vieler Kriege der letzten Jahrzwölfte, diente ihm als Vogt, denn Besuche des Ritters hier in der Heldentrutz waren selten.

Der Hausherr warf ein zusätzliches Scheit ins offene Feuer des Kamins und setzte sich dann in seinen abgewetzten Lederstuhl, ihm gegenüber hatte Olin Platz genommen und hielt seine Hände in die Richtung der wärmenden Flammen.

“Wann wirst du denn wieder nach Trallop zurück?”, fragte der Knecht seinen Herrn in vertrautem Ton.

“Sobald es das Wetter zulässt”, gab der junge Ritter zur Antwort. “Erst auf einen Sprung zum Hag und dann gleich wieder in die Capitale. Ich will die kurze Stippvisite, die mir zugestanden wurde, nicht über Maßen ausreizen.”

“Mhmm”, brummte Olin zustimmend. “Du besuchst Arika am Hag?” Es war keine Frage, sondern eher eine Feststellung. “Wann ist es denn soweit?”

“Die Hochzeit meinst du?”, beantwortete Wallfried die Frage mit einer Gegenfrage. Nach einem Nicken seines Vogtes fuhr er fort: “Nächsten Travia, nachdem sie im Rondra ihre Sporen erhalten soll. Wir wollen es dann recht schnell machen.”

“Mhmmm”, brummte Olin abermals und sah für einen Moment nachdenklich ins Feuer. “Und hast du dir überlegt was dann passiert? Zieht sie nach Trallop oder bleibt sie hier in Weidenwald? Oder am Hag?”

Wallfried wunderte sich etwas über die vielen Fragen des älteren Mannes, wo sie ihn doch eigentlich nichts anzugehen hatten. “Das wird sich noch zeigen. Vielleicht geht sie zu den Donnerern … ich hoffe aber doch, dass sie mit mir kommt und bei mir lebt.”

“Ja, sie scheint mir nicht wie der Typ Frau, der das Schwert niederlegt und zu sticken beginnt, während sie dem Nachwuchs beim Spielen zusieht.” Olin wog seinen Kopf hin und her. “Aber die Schwester einer Baronin aus dem reichen Gratenfelser Becken bei den Donnerern … das ist auch eher schwer vorstellbar.”

“Es wird sich schon zeigen”, wiederholte Wallfried seine Worte von vorhin, eher unwillig diese Diskussion mit einem Untergebenen zu führen.

Wieder lag der Blick des Älteren in den Flammen der offenen Feuerstelle. Dann erhob er sich unter den verwunderten Blicken seines Herrn und ging zu einem Beistelltisch. Ohne seine Taten weiter zu kommentieren befüllte er zwei kurze Stumpen mit Schnaps, ging zurück und bot einen davon Wallfried an. “Du hast mich doch auch darum gebeten deine Post zu sichten, so dich denn einmal eine Nachricht erreichen sollte?”

Der Blick des Blautanners ging vom Stumpen hoch zu seinem Vogt. Er nickte. “Ja, das habe ich.”

“Nun …”, Olin räusperte sich verlegen, “... vor wenigen Tagen hat uns tatsächlich eine Nachricht erreicht. Aus den Nordmarken.”

“Nordmarken?”, Wallfried zog seine Augenbrauen hoch. “Von Arikas Familie? Ist es wegen der Hochzeit?”

Wieder ließ der Waffenknecht seinen Herrn alleine vor dem Feuer sitzen, holte eine lederne Rolle und übergab sie dem Hausherren. “Lies selbst.”

Der Blautanner tat wie ihm geheißen. Er fingerte das Schriftstück aus seinem Behältnis, rollte für einen Moment mit seinen Augen und begann zu lesen:

Rondra zum Gruß!

Die Wege der Götter sind unbestimmbar und falls wir dachten, dass unsere Wege sich nur einmal kreuzen würden, so muss ich eingestehen, dass wir uns getäuscht haben. Das Unerwartete ist eingetreten und ich fühle mich verpflichtet, Euch an der Kunde teilhaben zu lassen. Meine Schwertmutter, Thalina von Sturmfels-Maurenbrecher, war es, die mich an unsere geschworenen Tugenden vor der Himmelsleuin erinnerte und dazu gehört auch Mut und Ehrlichkeit. Rahja hat mein Herz schon vor langer Zeit jemand anderem geschenkt, doch dieselbe Göttin hat uns, Euch Wallfried und mich, in einer Nacht der Leidenschaft, zusammengeführt. Vorher, wie auch nachher, gab es keinen Mann, dem ich in solch einer Nacht wieder gefolgt wäre. Die Lebensgöttin Tsa hat entschieden, meinen Leib mit unserer Frucht zu segnen. Ich hoffe, Ihr könnt mein Schweigen entschuldigen, doch hätte ich nie damit gerechnet. Mein Bruder Rahjel, Lehrer der Leidenschaft der schönen Göttin, stand an meiner Seite und bei einem gemeinsamen Freund brachte ich mein und Euren Sohn auf Dere.

Am 11. Praios 1044 BF erblickte Lilian Lares von Altenberg das Licht Deres. Er ist ein gesundes und kräftiges Kind.

Auch wenn ich unvermählt bin, so liegt es mir nicht, mit Euch einen Bund im Sinne Travias zu schließen. Mein Herz gehört einer Anderen und ich habe vor den Göttern geschworen, nur mit Dieser einen Bund im Sinne der heiligen Mutter zu schließen.  Dennoch bat mich meine Schwertmutter ehrlich und offen mit Euch zu sein.

Wie auch immer Ihr über diesen Umstand fühlt, so werde ich alles akzeptieren. Unser Sohn wird eines Tages nach seinem Vater fragen. Was soll ich ihm erzählen? Oder ist es Euch lieb, borongefälliges Schweigen einzuhalten? Oder wäret ihr bereit, eines Tages die Rolle eines Vaters einzunehmen?

Ich hoffe, dass dieser Brief nicht unbeantwortet bleibt. Sollte dieser es dennoch sein, so sehe ich es auch als eine Antwort.

Aufrichtig, vor Rondra und Praios,

Alana von Altenberg

Der Blautanner ließ das Schreiben sinken und stürzte den Stumpen Schnaps hinunter. “Ugh …”, stieß er einen unwilligen Laut aus, “... das ist … übel.” Er hielt Olin sein leeres Trinkgefäß entgegen, um es sich wieder auffüllen zu lassen.

“Sieh es so, Wallfried … du hast Glück im Unglück”, der Vogt tat wie ihm durch die Geste geheißen und füllte den Stumpen an.

“So?”

“Ja, diese Frau scheint eine Amazone zu sein und hat kein Interesse an einem Bund”, führte Olin seine Gedanken aus. “Das würde zum Problem, wenn ein Kind da ist und ihre Familie darauf pocht. Sie ist adelig, wenn du eine Gemeine schwängerst, wäre es kein Drama.”

Wallfried starrte den Waffenknecht wortlos an.

“Und sie würde über deine Vaterschaft schweigen. Ich würde dieses Angebot annehmen.” Da immer noch keine Antwort des Ritters kam, fuhr Olin fort: “Du bist ein Ritter ihrer Hoheit, wirst einmal deinen Vater als Junker von Leuengrund beerben und damit wohl auch das nächste Oberhaupt der Familie vom Blautann. Ein Bastard würde wie eine dunkle Wolke über dir hängen, noch dazu weil er mit einer Adeligen gezeugt wurde. Warum hast du eigentlich …”, der Waffenknecht brach seine Frage ab. Es war ein Mysterium, wenn er daran dachte, wie sehr Wallfried seine Verlobte verehrte.

“Es war seltsam …”, kam es nach Momenten des Schweigens aus seinem Mund, “... es war, als hätte eine unsichtbare Hand geführt. Damals auf der Hochzeit von Arikas Schwester … in diesem seltsamen Park. Du siehst es ja selbst … ich liebe Arika und diese Alana schreibt in ihrem Brief ebenfalls, dass sie nicht nur eine Amazone ist, sondern auch ihr Herz bereits verschenkt hat.” Der Blautanner fuhr sich durch seine Locken. “Ich werde ihr antworten.”

“Ja?”

“Ja”, Wallfried nickte entschlossen. “Ich werde ihr schreiben, dass ich zur Vaterschaft stehe. Dass ich dem Kind eine Ausbildung ermöglichen werde, wenn er alt genug dafür ist. Und ich werde sie demnächst besuchen … sobald es meine Pflichten am Hof zulassen.”

“Und Arika?” Olin schob seine Augenbrauen skeptisch zusammen. “Und deine Familie?”

“Die werde darüber in Kenntnis setzen”, der Blautanner straffte sich. “Ich werde ehrlich sein … und mutig. Und was daraus erwachsen wird, wird sich zeigen.”

Fin -