Die Bürde einer Gabe

Die Bürde einer Gabe

Elenvina, den 6. Phex 1044

Verstört und zutiefst aufgewühlt saß Coris Etiliane Fesslin auf den Stufen eines Gebäudes unweit des neu eingeweihten Museums für Reichsgeschichte. Die Dienerin Golgaris haderte mit sich und mit der Gabe, die der Dunkle Vater ihr ganz offensichtlich zugewiesen hatte.

An diesem Abend war Seine Eminenz, der Großinquisitor Amando Laconda da Vanya von Boron abbefohlen worden. Er hatte sein Leben geben müssen, um eine vom Namenlosen in Besitz genommene Keule, die den Kult des Rahjasohnes Levthan in Misskredit gebracht hatte, unschädlich zu machen.

Coris hatte wie gelähmt daneben gestanden. Anstatt sich gebührend um die Toten zu kümmern, ihren Dienst an den sterblichen Hüllen zu verrichten und die Gebete zu sprechen, die den Seelen den Weg über das Nirgendmeer erleichterten, hatte sie nur still neben ihrem Glaubensbruder Bishdaryan von Tikalen gestanden und gerade mal das Segenszeichen des Schweigsamen in die Luft gezeichnet. Letztlich hatte sogar der al’anfanische Hüter der Nacht, Adario von Zornbrecht-Lomarion, mehr Beistand gegeben als sie.

Coris schämte sich. Sie hatte versagt. Dabei hatte der Unabwendbare sie tags zuvor gewarnt: Er hatte ihr in einer Vision den Sendboten Golgari geschickt.

Die Etilianerin hatte seinen Schwingenschlag gehört und dann Golgaris Schatten auf dem weißen Hinterhaupt des Großinquisitors erblickt. In diesem Traumbild hatte sich der Todesbote mit einem krächzenden Schrei wieder in die Luft erhoben und war davongeflogen. Diese verstörende Vision hatte Coris sowohl mit der Hüterin der Saat, Hochwürden Ivetta Perainlieb von Leihehof, als auch mit ihrem Glaubensbruder Bishdaryan und einigen Praioten geteilt, die sie bat, besonders gut Acht auf den Großinquisitor zu geben.

Bis zu dem Moment, in dem Amando Laconda da Vanya den Kampf gegen den in der Keule manifestierten Dämonen verlor, hatte sie gehofft, dass die Vision nur eine Warnung gewesen sei oder gar ein Trugbild. Nun aber, mit der Gewissheit um den Wahrheitsgehalt der Vision, kam die Erkenntnis, dass die Gabe Golgaris auch eine Bürde war.

Sie hatte noch nicht oft eine Vision des geflügelten Todesboten gehabt. Doch wenn, dann war sie jedesmal eingetreten. Wie sollte sie zukünftig damit umgehen? Vor allem, wenn es einen Menschen aus ihrem näheren Umfeld betraf?

Dass jemand mit Reiterstiefeln so leise gehen konnte, hatte Coris bereits bei früheren Gelegenheiten erstaunt. Erst das Rascheln seines Umhangs ließ sie auf ihn aufmerksam werden, als Bishdaryan von Tikalen sich links von ihr auf die Stufe setzte.

War sie so in ihren trüben Gedanken versunken gewesen? Oder hatte er sich in eine heilige Aura der Stille gehüllt?

Die junge Frau blickte den Reisegefährten an, ohne etwas zu sagen. Ihr vermeintlich gleichmütiger Gesichtsausdruck und ihre Körpersprache waren für ihn ein beim Inhaltsverzeichnis aufgeschlagenes Buch: “Falls du einst meinen Tod voraussiehst, sag mir davon”, wiederholte er sinngemäß das, was er unmittelbar nach der schicksalhaften Entschwörung des namenlosen Einflusses zu ihr gesagt hatte. Da war kein Vorwurf, kein Drängen.

Er hatte mit erschütterten Zeugen des Geschehens gesprochen und Trost gespendet. ‘Nun ist er bei mir, die solchen Beistand doch am wenigsten benötigen sollte’, dachte Coris bitter.

Dankbar blieb sie zunächst für einige Momente in Stille neben ihm sitzen, nahm Bishdaryans beruhigende Aura wahr, genoss die Nähe, die so viel Harmonie ausstrahlte. Außerhalb der schützenden Klostermauern Etiliengrunds war Coris unsicher, von Selbstzweifeln gepeinigt. Und die Erfahrungen der vergangenen zwei Tage machten das Gefühl der Inkompetenz nicht besser.

Wie sollte sie mit dieser Erkenntnis umgehen? Sie hatte geahnt, was passieren würde und dennoch, als es eingetreten war, hatte sie daneben gestanden, unfähig zu handeln. Schlimmer als eine Novizin im ersten Götterlauf ihres Noviziats hatte sie sich nur mit sich selbst beschäftigt, statt die Toten borongefällig zu segnen, ihre Körper ansprechend herzurichten, um den Toten ihre Würde wiederzugeben und den erschütterten Zeugen Trost zu spenden.

Die Gedanken kreisten, ihr Herz war schwer. Es fiel ihr ungemein schwer, über ihre Unzulänglichkeiten zu sprechen. Doch sie wusste, dass Bishdaryan genau aus diesem Grund so still und sanft an ihrer Seite Platz genommen hatte. Sie sollte die Gelegenheit nutzen.

Mit unendlich trauriger Miene nickte sie: “Genau davor habe ich solche Angst. Kannst du das verstehen, Bruder? Ich kann schon nicht damit umgehen, wenn sich mir Golgari bei einem vollkommen Fremden zeigt. Wie soll das erst sein, wenn ich den geflügelten Boten auf deiner Schulter landen sehe?”

Sie hielt inne und schüttelte leicht den Kopf: “Ich weiß nicht, ob sich der Dunkle Vater das richtige Gefäß für solche Visionen gesucht hat. Im Gegensatz zu dir bin ich nicht mit dieser tiefen seelischen Kraft und Ruhe gesegnet. Ich habe Angst davor, über eine solche düstere Botschaft meinen Verstand zu verlieren.”

“Ich sehne meinen Tod nicht mehr herbei”, sagte Bishdaryan ruhig. “Aber ich fürchte ihn auch nicht. Jeden Tag, den ich auf Dere weile und versuche, anderen zu helfen, ist ein sinnvoller Tag. Sollte diese Zeit enden, so wird das Borons Wille sein, der mich einst auf meinen Platz in dieser Welt zurück wies, und für mich kein Grund zur Trauer.”

Der ältere Geweihte blickte von der Seite ins wachshelle, vom Madaschein scharf gezeichnete Gesicht der jüngeren, dann fuhr er fort: “Deine Zweifel sind verständlich. Jeder von uns Berufenen hat sie zu der einen oder anderen Zeit. Wir hinterfragen den Sinn unseres Tuns, fragen uns, ob wir den Aufgaben gewachsen sind, ob unsere Fähigkeiten und unser Wille genügen. Nur Fanatiker und Selbstgerechte zweifeln nie - und jene trennt oft nur noch ein Schritt von… der Gegenseite. Es ist menschlich zu zweifeln, kein Zeichen von Schwäche, kein Versagen.”

Der Schein des Vollmonds wurde schwächer, obgleich keine Wolke ihn verdeckte. Die entfernten Freudenlaute der Feiernden im Rahjatempel wurden leiser. Coris spürte, wie sich die feinen Härchen auf ihren dünnen Armen und auf ihrem Nacken aufstellten. Keine Gefahr, etwas anderes.

Die beruhigende Stimme des Noioniten klang klar neben ihrem Ohr: “Glaubst du, dass du mit der Gabe der Vorahnung wachsen wirst? Glaubst du, dass du lernen kannst, mit dem Schmerz zu leben, ihn nicht zu vermeiden oder ihn dich überwältigen zu lassen?” Es waren als Frage formulierte Worte, doch es klangen Gewissheit und Vertrauen darin.

Coris schwieg wieder eine Weile, ließ die Worte ihres Glaubensbruders auf sich wirken, fühlte die innige Fürsorge, die echte Anteilnahme. Er war Seelsorger, durch und durch, konnte im Innersten seines Gegenübers lesen wie in einem offenen Buch.

Sie versuchte ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren. Dann begann sie ein wenig stockend eine Antwort zu formulieren: “Auch ich fürchte den Tod nicht, denn ich weiß, dass jedem von uns seine Zeit gesetzt ist und dass der Dunkle Vater uns jenseits des Nirgendmeers mit offenen Armen empfangen wird. Jede und jeder von uns hat zu Lebzeiten die Möglichkeit, sich auf diesen Moment vorzubereiten, sein Leben gut zu führen, die Zwölf zu ehren, zu beten, zu beichten, Angefangenes zu beenden und Frieden mit jenen zu schließen, mit denen man sich nicht ausgesprochen hat. Wir beide wissen das und bereiten uns entsprechend vor. Wobei… einen Unterschied zwischen uns beiden gibt es doch wohl noch. Du weißt, dass du dereinst in Borons Hallen erwartet werden wirst…”

Coris hörte und spürte, wie Bishdaryan unmittelbar neben ihr tief und lange durch die Nase Luft einsog, und gleichmäßig wieder ausatmete. Wenig genug hatte er ihr davon angedeutet, was ihn dazu bewegt hatte, ins Noionitenkloster Tikalen zu gehen, und was ihn letztlich zu der späten Weihe geführt. Kontrolliertes Atmen schien ein Mittel für ihn zu sein, nicht zu tief in Gedanken daran zu versinken. Doch er sagte nichts. Zu einer anderen Zeit, vielleicht… aber jetzt ging es um sie.

Coris hielt inne und blickte zum Sternenhimmel empor, dessen glitzerndes Zeltdach sich über Elenvina ausbreitete: “Ob ich mit dem Schmerz leben kann, wenn diese Vorahnungen mich überfallen? Ich denke, dass ich im Laufe der Zeit besser mit dieser ungeliebten Gabe leben werde. Aber ob ich den Schmerz immer gleich gut ertragen kann, das weiß ich nicht. Es macht doch einen Unterschied, ob jemand gerüstet ist für den letzten Weg, den Flug über das Nirgendmeer oder ob dieser unvorbereitet vor Rethon treten wird.”

Wieder machte Coris eine Pause und blickte dann hinüber zum Rahjatempel, von dem Gelächter und Musik die Freude der Feiernden zu ihnen trugen: “Du sagst, dass du jeden Tag auf Dere dafür nutzt, den Menschen zu helfen und Sinnvolles zu tun. Ist denn eine solche Gabe wie die meine von Nutzen für die Menschen? Kann ich sie als solche annehmen? Dann fällt es mir vielleicht auch leichter mit ihr zu leben.”

Er gab einen amüsierten Laut von sich: “Ich sage lediglich, dass es gute Tage sind, an denen ich das versuche.” Das letzte Wort betonte er. “Weil es meinem Dasein Sinn verleiht. Nicht, dass es mir jeden Tag gelingt. Doch mit den Möglichkeiten, die unser Herr mir gegeben hat, bin ich gewillt, Trauer und Leiden zu lindern, Gerechtigkeit zu schaffen, dem Bösen Einhalt zu gebieten, wo möglich…”

Seine Stimme verklang und er überlegte still, ehe er schließlich fortfuhr: “Und auch deine Gabe, die ja nur ein kleiner Teil der reichen Fähigkeiten ist, mit denen die Zwölfe dich versehen haben, hat einen Nutzen und Sinn. Du hast es schon selbst erkannt, Du weißt um und akzeptierst die Endlichkeit der Menschen auf Dere. Was könnte hilfreicher sein als jenen, deren Ende du nahen siehst, zu dieser Einsicht zu verhelfen? Sie auf den Weg zu bringen, ihre derischen Belange zu ordnen und mit sich ins Reine zu kommen, statt mit der vermeintlichen Ungerechtigkeit des letzten Richters zu hadern?”

Coris lauschte dem Wohlklang von Bishdaryans Stimme, die ihr das Gefühl gab, vertrauen zu können, sie förmlich umhüllte wie ein schützender Mantel. Sie ließ seine weisen Worte auf sich wirken. Tröpfchenweise sickerte die Botschaft des Noioniten in ihr Unterbewusstsein und verrichtete dort das Wunderwerk, das sie so an ihm schätzte. Niemand sonst vermochte auf diese Weise ihre Selbstzweifel zu zerstreuen, ihr den Sinn ihres derischen Daseins zu vermitteln.

Die Etilianerin atmete mehrmals tief ein und lang aus. Sie spürte die tiefe, wohltuende Ruhe, die sich mit seinen Worten in ihr ausbreitete und nickte dann bedächtig.: “Vermutlich hast du Recht. Unser Herr wird seine Gründe gehabt haben, mich gerade mit dieser Gabe zu segnen. Ich werde ihren Wert für mich und andere vermutlich erst mit der Zeit schätzen lernen. Hab Dank, dass du mir zu dieser Erkenntnis verholfen hast.”

Es drängte sie ihm zu sagen, wie wertvoll diese Momente für sie waren, wie bereichernd. Dass sie in diesem Augenblick schon wieder Angst davor hatte, dass der Moment so schnell verflog, er aufstehen und gehen könnte. Sie fürchtete so sehr, dass die unbarmherzige Weberin sie in Kürze wieder trennen würde. Nur der Unergründliche wusste, ob sie sich in diesem Leben noch einmal begegnen würden.

Doch Coris schwieg. Sie atmete tief ein und aus und versuchte, ihre Hoffnung, ihr Sehnen, dem Meister der Rätsel und Mysterien zu übergeben. Er würde ihren Weg lenken, sie musste vertrauen lernen.

Und der Noionit in Schwarz und Blau blieb an ihrer Seite sitzen. Jedes weitere Wort wäre unnötig gewesen.