Aus der Not geboren - Ein gebrochenes Versprechen

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Gut Pergelfurt, Weidenhag, Ende Boron 1033 BF

Ailfir lag in seiner Bettstatt und blickte auf eine kleine geschnitzte Gans, die er in seinen Händen hielt. Es war eine seiner ersten Arbeiten, die er selbst schnitzte und bei weitem nicht eine seiner besten. Doch trotzdem war dieses Stück Holz neben seiner Tochter mit Sicherheit sein wertvollster Besitz. Ailfir strich mit seinen Fingern über die sorgsam gearbeiteten Züge des nachmodellierten Tieres. Er erinnerte sich noch so als ob es gestern gewesen wäre, dass er für sich und seine Fenia je eine Gans schnitzte, die sie sich gegenseitig als Zeichen ihrer Liebe schenkten. Fenia starb vor wenigen Monden bei einem Angriff der Orks auf Travienlob und dank dieses Amulettes, das er immer noch um seinen Hals trug, fühlte er sie immer noch ständig bei sich. Ailfir ließ von seinem Amulett ab und blickte neben sich – dort lag, gleichmäßig atmend und bar jeder Kleidung die Frau, die er noch gar nicht richtig kannte und mit der er dennoch vor einigen Praiosläufen den Bund vor Rondra einging.

Das Einzige, das er über Rovenna wusste, war, dass sie sich unbedingt einen Nachkommen und Stammhalter wünschte, war sie doch – neben einem anderen Ritter in Diensten des Wachtgrafen – die letzte aus ihrem Geschlecht. Ein Wunsch, der sich vor allem in der Tatsache zeigte, dass sie in den Praiosläufen seit ihrem Bund mehr Zeit auf ihm als auf ihrem Pferd verbrachte. Rovenna war keinesfalls hässlich zu nennen, aber als Schönheit würde man sie hierzulande auch nicht bezeichnen. Sie war großgewachsen, hatte dunkelbraune lockige Haare, die ihr von den Schultern auf den Rücken hinab fielen und feste Brüste, die so gut in eine Männerhand passten. Ihre von einigen Kämpfen gestählten, doch immer noch schlanken Arme und Beine rundeten das Bild einer durchschnittlich aussehenden Weidener Ritterin ab.

Jedoch machte ihm vor allem ihre herrische und stolze Art etwas Sorgen – so möchte sie beispielsweise seine Tochter Inja auf keinen Fall in ihrer Nähe haben. Ailfir griff nach der Nachricht, die ihm gestern ein Bote vom Hohenstein überbrachte und nutzte den tiefen Schlaf seiner ihm Angetrauten dazu, das Pergament zu entrollen. Hastig überflog er die in fein säuberlicher Schrift niedergeschriebenen Zeilen:


Blaubinge!

Erstmal wollte ich Euch zu Eurem geschlossenen Traviabund gratulieren, doch ist dies nicht der eigentliche Grund für meine Nachricht. Diese als Orkenschädelbande bekannten Räuber, die Ihr für uns verfolgen solltet, haben in den letzten Praiosläufen nach längerer Pause erneut zugeschlagen und einen Weiler nahe Waldscheit überfallen. Vielleicht solltet Ihr die einsetzenden Schneefälle dazu nutzen, um erneut ihre Verfolgung aufzunehmen. Die Situation mit dem Drachen lässt es uns nicht zu, einen anderen Ritter zu schicken. Also rollt von Eurem Weib hinunter und bewegt Euch zum Hohenstein. Seine Hochgeboren erwartet von Euch zu hören.

Gezeichnet
Firian Waldscheiter für Firutin von Hohenstein zu Weiden



Ailfir ließ das Schreiben sinken und ballte seine Fäuste so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Seine Schwester hatte ihm versprochen, dass die Überfälle bei seiner Einwilligung zum Traviabund mit Rovena aufhören würden. „Dieses eine Mal Füchsin ... . Dieses eine Mal ...“, knurrte er, dann warf er den Brief ins nahe Kaminfeuer und verließ den Schlafraum.