Unerwarteter Besuch

Unerwarteter Besuch


Ort:
Gut Pergelgrund, Baronie Dergelquell

Dramatis Personae:
Hainrich von Gugelforst (Ritter von Pergelgrund)
Alanel von Gugelforst (dessen vorehelicher Bastard)
Aerin Blaubinge von Pergelgrund (Hainrichs Ehefrau)
Myria von Gugelforst (die Dame in Rot)


Gut Pergelgrund, Dergelquell, Travia 1037 BF

Stahl klirrte auf Stahl, so schrill, dass die Luft erzitterte und die Wände der nahe stehenden Häuser ihr Echo schier hundertfach wiedergaben. Das Praiosmal war bereits hinter der mächtigen Zackenreihe des Finsterkamms verschwunden und es war kalt geworden im Dorf Pergelgrund. Die beiden Kämpfer schienen sich jedoch nicht daran zu stören; in heftigen Zügen stießen sie den Atem aus, was ob der herrschenden Kälte dazu führte, dass dieser in Form kleiner Wölkchen sichtbar wurde. Ritter Hainrich von Gugelforst stand mit verschränkten Armen nebenbei. Er sog die kühle Abendluft ein und nickte seinen Kämpfern anerkennend zu.

Neben dem Ritter verfolgte ein etwa 10 Winter zählender, schmächtiger Junge das Geschehen. Schmerzvoll verzog er sein Gesicht, das Klirren des Stahls ließ ich zusammenzucken. Als sich Hainrich dessen bewusst wurde schüttelte er resignierend den Kopf. Er seufzte. Beinahe 5 Götterläufe war der Bursche nun schon unter seiner Obhut. Ein Halbelf - die Frucht seiner „Liebe“ zu einer Elfe der Bärenherzhüter-Sippe (vgl. Fantholi 36). Hainrich wusste, dass ihn die ersten 6 Götterläufe seines Lebens bei den Spitzohren verweichlicht hatten, dennoch wollte er ihn selbst abhärten und zu einem gestandenen Weidener Ritter erziehen - koste es was es wolle.

„Komm lass uns reingehen.“ Der Ritter zauste dem Jungen die Haare und bedeutete ihm mit einem Kopfnicken noch nach den Pferden zu sehen.

***

Hainrich rieb sich die Hände als er in die gut geheizte Halle seines Gutshauses trat. Er wusste, dass sein Weib alles andere als Kälteresistent war und demnach immer gerne ein paar Scheite mehr als nötig ins Feuer warf. Auch liebte sie es vor dem offenen Feuer in ihrem hochlehnigen Stuhl zu sitzen, ihren beiden Kindern Bogumil und Madalena beim Spielen zuzusehen und ihre Waffen zu pflegen.

Dies sollte heute wohl nicht anders sein, konnte der Ritter doch die Silhouette einer schlanken Frauenhand ausmachen, die entspannt auf der Stuhllehne ruhte.

„Der Junge wird wohl nie ein Ritter werden.“ Hainrich lächelte bitter. „Macht sich schon beim Klang von Stahl ins Hemd.“ Er wusste wie sehr sein Weib Aerin seinen Halbelfenbastard verabscheute, auch wenn er schon Götterläufe vor ihrem Ehebund gezeugt wurde. Demnach erwartete er sich keine Antwort – er sollte diese auch nicht bekommen.

„Linje! Bring mir Bier und Abendmahl!“, rief Hainrich nachdem er sich ächzend in seinen Stuhl warf, doch sollte er abermals keine Antwort bekommen. Hainrich schnaubte verächtlich. Nun überhörte ihn schon das Gesinde. Wiewohl er sich eingestehen musste, dass es an diesem Abend beinahe schon bedrohlich ruhig war. Weder seine Kinder noch das Gesinde ließen sich in der Halle blicken.

„Orkendreck, was ist hier heute los? Wenn ich nach meinem Abendmahl verlange dann hat es mir auch gebracht zu werden – aber zackig.“ Der Ritter ließ seine schwere Rechte mit einer Intensität auf den Tisch fahren, die die hölzernen Becher und Teller um ihn herum hüpfen ließ.

„Sssscht.“ Nun endlich erhob sich die einzig anwesende Person aus ihrem Lehnensessel nahe dem Kamin. Zu Hainrichs Verwunderung handelte es sich jedoch nicht um sein Eheweib Aerin. Die Frau, die ihm nun gegenüberstand war ungleich beeindruckender; Feuerrote, beckenlange Locken fielen ihr über die schmalen Schultern und rahmten ein ebenmäßig blasses Gesicht ein, das bezaubernd, verwegen, aber auch abweisend zu gleich wirkte. Hainrich schwor sich die Unbekannte zu kennen, doch konnte er sie noch keinen Erinnerungen zuordnen.

„Hallo Hainrich.“ Sprach sie nachdem ein verstohlenes Lächeln über ihre Züge huschte.

„W…Wer bist du?“, entgegnete ihr der Ritter. Hainrichs Blick fiel auf den geschliffenen Rubin, der in das lederne Halsband der Unbekannten eingearbeitet war. Vielfach spiegelte der Schliff des Steines das nahe Licht der Kerzen wieder.

„Oh…“, erwiderte sie gespielt beleidigt. „Du kennst mich, da bin ich mir sicher. Mein Blut fließt durch deine Adern, auch wenn es nur noch sehr dünn sein mag. Myria nennt man mich. Ich bin sozusagen ein fester Teil der Familiengeschichte.“ Sie kicherte keck, als sie sich unaufgefordert zu ihm an den Tisch setzte.

„Was willst du hier?“, Hainrich spannte sich, diese Fremde war ihm nicht geheuer.

„Was denn, so kühl begegnest du mir?“ Spöttisch funkelte Myria ihn an. „Dabei dachte ich, dass wir Gugelforster etwas auf die Familie geben – so erzählt man es sich zumindest, habe ich nicht recht?“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, ganz so als wolle sie dieses Thema vom Tisch vertreiben. „Nun sei es wie es sei. Der Grund für mein Kommen ist dein Bastard Alanel.“

„Woher…“

„Woher ich von ihm weiß?“, unterbrach sie ihn sogleich. „Ich bin stets darüber informiert was in meiner Familie vorgeht.“ Myrias Stimme wurde von einen auf den anderen Herzschlag bitter ernst. „Er ist talentiert. Er trägt Madas Gabe. Ich werde es nicht zulassen, dass du dieses Talent mit deinen Ritterspielereien zerstörst.“

Hainrichs sog tief Luft ein um zu einer lautstarken Erwiderung anzusetzen, doch schnitt sie ihm diese mit einer bestimmenden Handbewegung ab.

„Ich werde ihn mit mir nehmen. Ich werde ihn ausbilden, so wie ich es mit allen anderen von Mada gesegneten Angehörigen unserer Familie getan habe. Bis jetzt waren es zwar immer nur Mädchen, aber ich werde auch für Alanel einen Platz finden…“

„Ausgeschlossen…“, unterbrach sie Hainrich bestimmt. „…Nur über meine Leiche.“

„Ich habe nicht erwartet, dass du einwilligst.“ Myrias Stimme war nun wieder ruhig und von Spott durchzogen.

Sie erhob sich aus ihrem Stuhl, begab sich hinter den Ritter und streichelte ihm sanft über Oberarme und Brust. Erst jetzt wurde sich Hainrich des betörenden Duftes gewahr, den Myria umgab. Fast schien es ihm als würde sie ein leises Summen von sich geben. Die Lider des Ritters wurden schwer und ein unverständlicher Satz war das letzte, das er hören sollte bevor ihn die Dunkelheit umgab.

***

Die Berührung einer schmalen Hand ließ ihn hochfahren. Hainrich blickte in das freundliche Gesicht seines Eheweibes. Doch etwas war anders - sie wirkte besorgt.

„Aerin…“, sprach er mit rauer Stimme. „Wo bin ich? Was ist passiert?“ Seine Stimme war voll Hoffnung, dass seine Begegnung von letzter Nacht nur ein böser Traum war.

„Wo du bist? Du hast die Nacht am Tisch in unserer Halle verbracht. Was ist gestern geschehen?“ Sorge schwang in ihrer Stimme mit. „Wir konnten dich bis jetzt nicht wecken. Das Praiosmal hat beinahe seinen höchsten Stand erreicht und Alanel ist verschwunden. Ich lasse bereits zwei Knechte nach ihm suchen.“

Hainrich richtete sich auf, was ihm ob seiner immer noch kraftlosen Beine äußerst schwer fiel. Sein Schädel dröhnte. „Nein…“, murmelte er, dann verließ er unsicheren Schrittes die Halle…