Eine Gesetzlose stellt sich vor

Eine Gesetzlose stellt sich vor

Eine alte Bekannte füllt das nach Borka Fälklins Tod entstandene Vakuum an Gesetzlosigkeit.

Ort:
Baronien Weidenhag und Hzgl. Weiden

Dramatis Personae:
Henya Hadamar von Biberwald (brutale Raubritterin)
Hainrich von Gugelforst und die Orkenschädelbande (gemäßigtere Raubritter)


Revierstreitigkeiten


Hohe Klamm, Hohenforst, Baronie Hzgl. Weiden, Peraine 1041 BF
 
Ein stechender Schmerz ließ Praiotin wieder zu sich kommen. In seinem Kopf fühlte es sich an als würde Vater Ingerimm darin seinen Hammer Malmar schwingen. Um ihn herum herrschte jedoch Totenstille. Nur noch sehr schemenhaft war die Erinnerung daran was genau der Grund für seine derzeitige Lage war. Der junge greifenfurter Händler war vor gut einem Praioslauf mit einer Lieferung Salz aus Nordhag in Richtung seiner Heimat aufgebrochen. Mit ihm auch eine kleine Gruppe Söldner – allesamt Veteranen wie man ihm versicherte – um seine wertvolle Fracht, das sogenannte „weiße Gold“, zu schützen. Praiotin versuchte sich vom feuchten Boden aufzurichten, fand jedoch nicht die nötige Kraft dazu. Erst Herzschläge später hinterfragte er die Feuchte des Bodens, hatte es in diesen Breiten doch schon seit mehreren Praiosläufen nicht mehr geregnet. Das Öffnen seiner Augen sollte ihm dahingehend Klarheit verschaffen – der junge Händler lag demnach in einer Lache Blut. Ob dies sein eigenes war oder jenes seiner Begleiter konnte er auf die Schnelle jedoch nicht herausfinden.

Von hinten näherte sich das Scheppern von gepanzerten Beinen und kurz flammte in Praiotins dröhnendem Kopf die Hoffnung auf, dass es einer seiner Söldner geschafft hatte zu überleben. Ein Anflug von Hoffnung, der jedoch gleich wieder ersterben sollte. Mit einem Tritt wurde der Händler aus seitlicher Lage auf seinen Rücken befördert. Der Greifenfurter öffnete seine Augen und es sollte einige Momente dauern, bis sich der Schemen vor seinen Augen so weit aufklarte, dass er erkennen konnte wer über ihm stand. Dies war eine junge Frau in schwarzer Plattenrüstung mit schulterlangen braunen Locken und großen grünen Augen. Ihr Gesicht war gleich einer Statue und demnach regungslos. Einzig ihre Augen – Praiotin überlegte ob aus dem Funkeln ein Ausdruck von Belustigung oder Verachtung sprach - schienen ihrem Antlitz Leben zu verleihen. Die schwarze Kriegerin hob ihren Morgenstern, dessen übergroße Kugel bereits mit Blut benetzt war und ohne zu winseln oder um Gnade zu flehen, schloss der junge Händler seine Augen. Er wusste was nun folgen würde und er war bereit dazu…


Am Rande des Hohenforst, Baronie Hzgl. Weiden, wenig später

Hainrich saß ungeduldig auf seinem Pferd, das die Nervosität seines Herren übernommen hatte und nervös tänzelte. Auf seinem Schoß lag ein seltsam mit Pelz und Knochen verzierter Topfhelm, in seiner linken hielt er das „Feldzeichen“ seiner Bande. Zwei, von Fliegen umschwirrte, abgeschlagene Orkköpfe, die über die letzten Praiosläufe schon einen leichten Verwesungsgeruch angenommen hatten. Fragend richtete sich der Ritter zu seiner Rechten. Der dort auf einem weiteren Pferd sitzende Jüngling hob die Schultern. Nach einem verächtlichen Schnauben ging Hainrichs Aufmerksamkeit weiter zu seiner linken. Der dort sitzenden junge Frau war der Gestank des Feldzeichens wohl zu viel und sie hielt sich ein Taschentuch vor ihr blasses Gesicht. „Die sollten doch schon lange hier sein…“, brummte der Ritter mit Blick auf den Norrnstieg. Auch der Frau konnte er in dieser Situation nicht mehr entlocken als ein Schulterzucken. „Verdammt ich will wissen was schief gegangen ist“, kam es dann etwas lauter. „Der Greifenfurter Lappen sollte vor einem Stundenglas hier vorbeigekommen sein. Sag mir nicht, dass du es vergeigt hast…“

Die Angesprochene sollte zu keiner Antwort mehr kommen. Just im nächsten Moment lenkte ein einzelnes Pferd die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich. Auf dem Rücken des Zossen saß eine in sich zusammengesunkene Gestalt. Ziemlich genau auf jener Höhe wo Hainrich und seine Spießgesellen warteten rutschte der junge Mann aus dem Sattel und fiel auf den harten Boden. Sein Gesicht war blutüberströmt und auch sein Wams trug dunkle rote Flecken. Der Blick des Ritters lag nun abermals fragend auf der jungen Frau zu seiner linken. „Ja, das ist er…“, bestätigte diese. „Orkendreck…dann ist uns jemand zuvorgekommen und dieser Jemand war anscheinend nicht gerade zimperlich…“ Hainrich hob seine Rechte, drehte diese zweimal im Kreis und beugte den Arm dann zurück. Das Zeichen für „Abzug“ – hier gab es für sie nichts mehr zu holen.


Roter Hahn

Weiler Ifirnshau nahe dem Hohenforst, Baronie Weidenhag, Peraine 1041 BF

Etzel blickte zufrieden auf seine Beute. Zwei kapitale Rammler. Ja, es war eine gute Jagd gewesen. Vorfreudig, was ihm sein Weib daraus wohl gutes zaubern würde, band er die Tiere an den Hinterläufen zusammen und warf sie sich über die Schulter.. Mit einem Lied auf seinen Lippen trat er gut gelaunt den Heimweg in Richtung Ifirnshau an. Jenem Dorf, dem er als Wehrsasse vorstand. Doch sollte sich seine gute Laune schon bald nachdem er aus dem dunklen Forst trat ins Gegenteil umschlagen. Es waren die Schreie und Rufe von Menschen, die an sein Ohr drangen und sie kamen aus der Richtung des Dorfes. Etzel war ein fähiger Jäger und Fährtensucher, weshalb er, obwohl er um eine mögliche Gefahr für seine Lieben wusste, nicht blindlings zum Dorf lief ohne sich einen Überblick zu verschaffen.

Im Dorf selbst waren dunkel gekleidete Banditen unterwegs. Sie zogen die Menschen aus ihren Häusern, warfen deren Besitztümer zusammen auf einen Haufen und trieben die verängstigten Dorfbewohner dann zur Halle des Wehrsassen. Das einzige Gebäude des Weilers, das allen gut 30 Seelen Platz bot. Er erkannte Perdan, den Sohn Birsels, der seiner Mutter nach dem Tode seines Vaters stets so aufopferungsvoll zur Seite gestanden war und für sie sogar ein Noviziat im Perainekloster ablehnte, der sich los riss und versuchte zum Palisadentor zu laufen. Nun trat auch die wahrscheinliche Anführerin der Bande in Erscheinung. Gerüstet in schwarze Platte und auf einem schwarzen Gaul, der den Begriff Dämon verdiente, setzte sie Perdan nach und noch bevor dieser das Tor erreichte, ritt sie ihn über den Haufen. Beim Blick in das Gesicht dieser Ritterin, jagte es Etzel einen kalten Schauer über den Rücken. Ihrem jungen Gesicht war nicht die kleinste Regung zu entnehmen – auch als sie ihr Pferd wendete und es vor Perdan zum Stehen brachte. Sie ließ das pechschwarze Ross steigen, dann wandte der Wehrsasse seinen Blick ab. Der Schrei Birsels aus dem Dorf sagte ihm alles was er in diesem Moment wissen musste.

Kurz brüllte die schwarze Kriegerin ein paar Befehle, dann trieben ihre Männer und Frauen die Dörfler in die Halle und verbarrikadierten das Tor von außen. Erst als sie sich dann eine Fackel reichen ließ, wusste Etzel genau was hier gespielt wurde. Der Wehrsasse nahm seine Beine in die Hand und lief hinunter zum Dorf. Dort angekommen stand das Dach seiner Behausung bereits in Brand. Kurz schickte er ein Stoßgebet zu den Göttern, waren doch auch die Banditen schon auf dem Weg aus dem Dorf gewesen. So schnell es ging entfernte er die Barrikade und schenkte den Dörflern damit in einer wahren Heldentat die Freiheit.

Es war Etzels Verdienst gewesen, dass an diesem Tage nicht mehr Menschen aus seinem Dorf sterben mussten. Erleichtert fiel er seiner Frau in die Arme, nur um im nächsten Moment einen wuchtigen Schlag in den Rücken, gefolgt von einem stechenden Schmerz zu fühlen. Ungläubig betrachtete er den blutigen Sprühregen, der aus seinem Mund das Gesicht seines Weibes bedeckte. Ihre vor Schreck geweiteten Augen blickten jedoch an ihm vorbei. Langsam und dabei doch so schnell es sein Körper zuließ wandte sich der Wehrsasse um. Er blickte direkt in jenes statuenhafte Gesicht, das ihn schon vorher in seinen Bann zog. Die Kriegerin saß auf ihrem Gaul und hielt in ihrer ausgestreckten Rechten eine Armbrust. Nun schien es ihm erstmals als zeige sich auf ihren Lippen ein leichter Anflug eines Lächelns. Etzel kannte es. Das Lächeln. Es gehörte zu einem Problem, das er schon längst aus der Welt geglaubt hatte und es wurde ihm klar, dass er von Anfang an das Ziel dieses Überfalls gewesen war. Henya war zurück, nach all den Jahren und sie hatte ihn nicht vergessen – hatte nicht vergessen wer ihr damals nicht glaubte und sie fortschickte, als ihr Vater dem Leben ihrer Mutter ein brutales Ende setzte. Die verloren geglaubte Schwester des Junkers von Biberwald wendete ihr Pferd und ritt aus dem Palisadentor hinaus, dann umfing Etzel die ewige Dunkelheit.