Baliho, Ingerimm 1045 BF
Während der diesjährigen Warenschau in Baliho ereignete sich ein ungewöhnliches Schurkenstück, von dem manch einer noch lange erzählen dürfte: Ein bisher unbekannter Gaukler führte ein Puppen-Possenspiel auf, das zwar das einfache Volk zu erheitern wusste, der Familie Löwenhaupt aber einigen Verdruss bereitete.
Wer im Ingerimm zur Warenschau nach Baliho reiste, erwartete bunte Marktstände, kunstfertig gearbeitete Lederwaren und allerlei fahrendes Volk. Dass jedoch ein dreistes Puppen-Possenspiel über den bald anstehenden 90. Tsatag der Altgräfin Walderia von Löwenhaupt aufgeführt werden würde, damit rechnete niemand.
Ein Mann, der sich selbst prahlerisch als "Leofried Lichterloh, der Leuchtende" vorstellte, hatte zwischen zwei Marktständen eine kleine, unscheinbare Bühne errichtet und präsentierte mit nur knapper Vorrede ein Stück ohne Titel. Der Menge war es völlig unbekannt, doch schon nach kurzer Zeit zeigte das Gelächter deutlich, wie urkomisch es war.
Es handelte sich um eine Farce, in der eine hochbetagte Adlige Jahr um Jahr dieselben Gäste bewirtet, obwohl diese längst verstorben waren – und in der ihr Hofbarde gezwungen ist, alle Rollen zugleich zu übernehmen, mitsamt sämtlichen Trinksprüchen und deren unausweichlichen Folgen.
Wichtig ist festzuhalten: Die Aufführung war kein Teil des offiziellen Marktprogramms, sondern ein freches, unangemeldetes Spiel zur Belustigung der Menge.
Die zentrale Figur erschien als Puppe von betont vornehmer Steifheit: graues Haar streng hochgesteckt, Haltung unbeugsam, das Gesicht unbewegt wie ein geschnitztes Standbild höfischer Würde. Von ihrem Diener stets mit „Euer Hochwohlgeboren“ angesprochen, war sofort ersichtlich, welche hochgestellte Dame hier gemeint war: Altgräfin Walderia von Löwenhaupt.
Die zweite Puppe stellte nicht etwa einen gewöhnlichen Diener dar, sondern den berühmten, ebenfalls deutlich in die Jahre gekommenen Hofbarden Eisewyn: hager, mit überlangen Armen, buntem Gewand und einem Ausdruck pflichtbewusster Gelassenheit im hölzernen Gesicht.
Dieser Barde hatte bei jedem Gang des Festtagsmahls für jeden Ehrengast stellvertretend einen Trunk zu nehmen – sei es Kräuterwein, Balihoer Bärentod und gar ein feiner Bosparanjer. Dabei wechselte er zugleich Stimme, Haltung und Tonfall, während er nacheinander die Rollen der Verstorbenen annahm, die sozusagen als unsichtbare Geister am Tisch saßen:
• der brummige Herzog Waldemar der Bär, Walderias Bruder
• der galante Schwertkönig Raidri Conchobair, Walderias Liebe aus jungen Jahren,
• der grunzend-fröhliche Fürst Blasius vom Eberstamm, ein alter Freund der Gräfin,
• und der selbstverliebte Herzog Jast Gorsam vom Großen Fluss, der sich einst als „Retter“ Weidens wähnte.
Die Kombination aus den übertriebenen Rollenwechseln, den markanten Trinksprüchen und den zunehmend schwankenden Bewegungen des Hofbarden erzeugte ein urkomisches Ritual, das die Menge immer wieder aufs Neue zum Lachen, Johlen und Klatschen brachte.
Ein besonderes Hindernis für den armen Eisewyn bildete ein präpariertes Fell mit einem großen Löwenkopf. Bei jedem Gang musste der Barde darüber steigen – und tat dies zunehmend unsicher. Dass ausgerechnet hier gestrauchelt und beinahe gestürzt wurde, war eine Anspielung so deutlich, dass selbst ohne Namen klar war, wessen Zeichen hier mit Füßen getreten wurde.
Immer wieder stellte der Hofbarde dieselbe Frage, jedes Mal etwas verwaschener, während die alte Dame mit unveränderter Ruhe und Würde antwortete – ein Ritual, das offenbar wichtiger war als alle Vernunft:
„Die gleiche Abfolge wie jedes Jahr?“
„Die gleiche Abfolge wie jedes Jahr.“
Erst lange nachdem die Aufführung beendet, der Hut für Münzen herumgereicht und das Gelächter verklungen war, traf die überforderte Stadtwache ein. Zeugen beschrieben den flüchtigen Possenreißer übereinstimmend als hageren Mann mit langem Bart und grellbuntem Gewand, doch schon bald kamen Zweifel auf: Mehrere Stimmen meinten, der Bart habe „seltsam gesessen“, andere wollten gesehen haben, wie er sich am Kinn löste. Es gilt daher als wahrscheinlich, dass der Mann verkleidet war – und dass zumindest der Bart nicht echt gewesen war.
Der angebliche Leofried Lichterloh, der Leuchtende, war da längst verschwunden – mitsamt Puppen und Löwenfell.
Fantholi hält abschließend fest:
Die Familie von Löwenhaupt reagierte rasch und entschlossen. Nicht aus bloßer Eitelkeit, sondern aus Sorge um das hohe Ansehen von Altgräfin Walderia, wurde eine hohe Belohnung für die Ergreifung des Possenreißers ausgesetzt. Ob der Mann je gefasst wird, bleibt offen. Dass sein Stück jedoch weitererzählt, nachgeahmt und hinter vorgehaltener Hand zitiert werden wird, gilt bereits jetzt als gewiss.