Aus der Not geboren - Der Drache


Wenig später im Wald nahe Pergelgrund, Dergelquell, Travia 1033 BF

Hainrich und seine beiden Begleiter ritten Seite an Seite den schmalen Weg entlang, der sie aus dem Tal in Richtung Papenstein, des Hauptortes der Baronie führte. Rechter und linker Hand der dreiköpfigen Gruppe erhoben sich mächtige Bäume und dichte Sträucher, aus dem Wald waren vereinzelt Geräusche von Tieren zu hören. Die Augen der drei Reiter suchten immer wieder die Räume zwischen den dicht stehenden Bäumen, dem Buschwerk und dem dunklen Unterholz ab, jedes Knacken, jeder auffällige Vogelruf und jedes seltsame Windgeräusch ließen die drei aufmerken und erneut Ausschau halten. Der Jäger Ragnir lehnte sich entspannt im Sattel zurück und sog tief die frische Waldluft ein. Plötzlich machte er am Himmel einen großen, einem Drachen ähnelten Schemen aus, der über dem Tal und dem Dorf seine Kreise zog.

„Äh H... Herr, seht ...“, sprach der Jäger mit zittriger Stimme und zeigte mit seiner Hand in den Himmel, „... d... der Drache. E... Er fliegt zum Dorf! Stirnrunzelnd beobachtete Hainrich einige Momente lang den wolkenlosen Himmel durch die dichten Baumkronen, dann wendete er, drückte seinem Hengst Astaran die Fersen in die Flanken und preschte über den Weg zurück in Richtung Dorf ...


Zur selben Zeit am Dorfplatz

Emmerich hob seine Hand zum Gruß und lächelte Birsel ebenfalls zu. Nachdem er sich versichert hatte, dass ihn niemand beobachtet eilte er im schnellen Schritt weg vom Tor hin zum Dorfbrunnen, bei welchem seine Liebste gerade damit beschäftigt war ihren Holzeimer mit Wasser zu füllen. Mit einem erwartungsvollen Ziehen in seinen Lenden schloss er die Magd in seine Arme und drückte sie nach einem kurzen Kuss fest an sich. Birsel jedoch stieß in diesem Moment einen spitzen Schrei aus und wand sich verzweifelt aus seiner festen Umarmung. Erst jetzt bemerkte Emmerich den am Himmel kreisenden Drachen. Er fasste seinen Jagdspieß fester, bedeutete Birsel mit einer Handbewegung sich im Gutshaus zu verstecken und blies kräftig in das Signalhorn. Der lang gezogene Warnton rief die wehrfähigen Pergelgrunder zu den Waffen und bedeutete den Kindern, Alten, Schwachen und Kranken sich in Sicherheit zu bringen ...


Wenig später

Aerin verließ im schnellen Schritt das Gutshaus. Ihr bot sich ein Bild des Schreckens. Überall liefen laut jammernde Menschen aufgeregt hin und her; einige versuchten das verängstigte Vieh zu beruhigen, wieder andere machten sich gerade daran mit Wassereimern die in Flammen stehende Hütte nahe der Palisade zu tragen. Die junge Ritterin legte flehentlich ihren Kopf in den Nacken und blähte die Nasenflügel. Über dem ganzen Dorf lag der Geruch von verbranntem Holz und verbranntem Fleisch. In der Nähe der Palisade lagen eine Hand voll Leichen, vor der Palisade dutzende Schafe und Ziegen – alle hinweggefegt durch den Odem des Todes und auch die Hütte des alten Bauern Wulfgrimm stand noch immer in Flammen. Der Angriff des Drachen war kurz, aber umso schmerzvoller und trotzdem mussten sie alle froh sein, dass der Drache anscheinend schnell seine Lust an diesem Angriff verlor und sich bald wieder davon machte.

„Wie viele?“, fragte Aerin den eben herbeigeeilten Knecht Emmerich mit leiser und geknickt wirkender Stimme. „Herrin, sieben gute Männer und Frauen haben wir verloren, doch ...“, er stockte kurz, Tränen kullerten seine jungen Wangen hinunter, „... doch haben wir auch einen großen Teil unseres Viehs und der bei Wulfgrimm gelagerten Vorräte verloren ...“ „Rondra steh uns bei ...“, Aerin wirkte nach Bekanntwerden dieser Tatsache nur äußerlich gefasst.

Sieben ihrer Schutzbefohlenen ließen ihr Leben und mit den verbleibenden Vorräten und Vieh werde sie niemals alle Bewohner des Dorfes über den Winter bringen. Ohne dem Knecht auch nur einen weiteren Blick zuzuwerfen schritt Aerin langsam zur äußeren Palisade des Dorfes. Hier lagen die verbrannten und entstellten Leichen der gefallenen Pergelgrunder. Aerin fiel auf die Knie und sprach ein stummes Gebet, als sie sich wieder aufrichtete nahm sie der eben angekommene Hainrich tröstend in den Arm.

„W... Ich dachte du bist auf deinem Kontrollritt ...“, sprach sie mit tonloser Stimme. „Ja waren wir auch. Als Ragnir den Drachen über dem Tal erblickte machten wir sofort kehrt ...“, sein Blick schweifte über die Leichen und die zerstörte Hütte Wulfgrimms, „... doch anscheinend kamen wir zu spät.“ „Das hätte nichts geändert…“, unterbrach sie ihn, „... wohlmöglich hätten wir dann noch mehr Tote zu betrauern, doch sieh nur das tote Vieh ... Wir werden es nicht über den Winter schaffen ...“, sprach Aerin bevor sie sich von ihm zurückzog und wieder hinauf zu Gutshaus schritt ...


Gehört am nächsten Tag in der Halle des Gutshauses

“Du willst was? Bei den Göttern... . Du, du Narr!“ Die schneidend-scharfe weibliche Stimme mit spöttischem Unterton überschlug sich fast beim Reden. Unterbrochen wurde diese nur von einer ruhigen, tiefen, männlichen Stimme, der man, im Gegensatz zur weiblichen Stimme, auf Grund der gedämpften Tonlage anmerkte, dass das eben gesprochene nicht für jedermann bestimmt war: „Es ist die einzige Möglichkeit, wie wir es vielleicht doch über den Winter schaffen ...“ „Pah einzige Möglichkeit! Du Narr, du versündigst dich an den Göttern!“ „So? Willst du den Tod von vielen guten Männern, Frauen und Kindern verantworten? Es wird niemand zu Schaden kommen, das schwöre ich dir.“ „Es muss aber eine andere Möglichkeit geben, es muss ...“„Ahso? Und welche? Der Graf schert sich doch nicht um uns. Und Leufels? Leufels ist bemüht und ein Mann von Ehre. Er würde uns wohl möglich sogar helfen, doch er KANN es nicht, verstehst du? Er hat doch selbst kaum genug um zu leben.“ „Hm, aber dein Weg ist ebenso der falsche, doch wenn es wirklich so nötig ist dann geh! Geh und versuche dein Glück, doch versündige dich nicht. Schwöre mir das?“ „Ja ich schwöre es dir Liebste. Ich breche morgen beim Aufgang des Praiosmales auf. Rulman, Ragnir, Emmerich, Lynde, Erlmann und Holwar werden mich begleiten. Sorge dich nicht, denn wir werden weder die Farben Pergelgrunds tragen, noch unsere Gesichter zeigen.“ „Mögen dir die Götter beistehen Hainrich von Gugelforst, denn du weißt nicht was du tust ...“