Variae sunt viae fortunae - In der Wildermark


Nördliche Wildermark, einige Praiosläufe darauf

Feyenhold Welkenstein trieb sein Pferd an. Der Jüngling liebte es bei einem scharfen Ritt den Wind in seinen goldblonden Haaren zu spüren. Einige Rosslängen hinter ihm versuchte der Waffenknecht Nolle erfolglos mit seinem jungen Herrn Schritt zu halten. Der alternde Knecht hatte sich dazubereit erklärt mit Feyenhold auszureiten, bevor er und seine Mutter Waidgunde weiter in Richtung Weiden zogen. Ihr Ziel war der Baronshof von Weidenhag um einer Einladung von Hochgeboren Gwidûhenna nachzukommen, die seine Mutter noch aus ihrer Zeit in Rommilys kannte.

„Herr haltet ein", rief der alte Recke dem jungen Adeligen zu, der sogleich sein Pferd anhielt. Sie waren inzwischen in Sichtweite zu dem verlassenen Hof gekommen, in welchem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten.

„Irgend etwas stimmt hier nicht." Erst nach wiederholtem Hinsehen konnte es auch Feyenhold erkennen. Vor der Tür des Stalles lag Nille,der zweite Waffenknecht der Familie in sich zusammengesunken auf dem Boden.

„Ist er…", fragte Feyenhold, doch zuckte Nolle nur mit den Schultern. Langsam näherten sich die Beiden daraufhin dem verwundeten, regungslosen Körper von Nille. Als sie sich bis auf wenige Schritt angenähert hatte, schlug dieser die Augen auf.

"Seht…zu das ihr…ver…verschw…sie wollen…den…Jungen." Aus seinem Mund quoll schaumig roter Speichel. „Was ist mit meiner Mutter?", wollte Feyenhold wissen, doch Nille schwieg.

„Herr, wir sollten verschwinden.", wandte der Waffenknecht ein, doch stürmte sein junger Begleiter bereits in das alte Gutshaus.

Drinnen lagen noch mehr Leichen, darunter auch die seiner Mutter. Wimmernd rannte Feyenhold zu ihr und kniete sich neben sie hin. Er bettete ihren Kopf in seinen Schoß und streichelte ihr über Gesicht und Haare. Sie hatte, wie alle Welkensteins, blonde Haare und dunkelblaue Augen. Beinahe schien es ihm, als würde sie schlafen. Es lag eine Ruhe und Entspanntheit in ihrem Blick, die ihn fast schon beunruhigte. Plötzlich ließ sich eine schwere Handauf seiner Schulter nieder. Feyenhold schreckte hoch und entspannte sich sogleich, als er in das Gesicht Nolles blickte.

„Sie weilt nun an Rondras Tafel, Herr. Wir sollten gehen. Wer auch immer Eurer Mutter das Leben nahm, war allem Anschein nach hinter Euch her."

„Aber Mutter…", flüsterte Feyenhold mit gebrochener Stimme. Nolle nickte wissend, dann führte er den jungen Adeligen aus dem Gutshaus.

„Wohin bringt Ihr mich nun?", wollte er wissen.

„Zu Freunden…", war Nolles knappe Antwort.