Zwist im Hause Löwenhaupt

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Alte Wunden

Bärenburg in Trallop, Herzogtum Weiden
15. Firun 1040 BF

Walpurga sah dem alten Mann schweigend hinterher. Er ging gebeugt, wirkte gebrochen. Seit bald 15 Götterläufen tat er das nun schon. Von der einst vollen, schwarzen Haarpracht Uldreichs von Klingenthal war nur ein dünner weißer Kranz geblieben, und Bitterkeit wie stiller, ohnmächtiger Zorn hatten tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben. Die Jahre waren nicht gut zu ihm gewesen. Dennoch lebte er weiter. Und immer weiter. Schleppte sich jeden Firunmond zum winterlichen Gerichtstag an ihren Hof und trug stets das gleiche Anliegen vor. Legte seinen Finger in eine alte Wunde, die im Grunde nur noch wegen ihm so heiß und schmerzhaft schwärte. Weil er kam. Jedes Jahr. Und sie daran erinnerte. Die Herzogin seufzte. Nach allem, was sie wusste, ging der Trutzer Ritter stramm auf die 80 Winter zu. Es war Zeit für ihn zu gehen. Er hatte es verdient, endlich seinen Frieden zu finden. Doch er wollte nicht. Er klammerte sich an sein Leben. Offenbar in der verzweifelten Hoffnung, dass sie irgendwann nachgeben würde. Seinem Wunsch Folge leisten und den Stab über Wallbrord von Löwenhaupt-Berg brechen. Für Verfehlungen, die er im Firun 1026 BF begangen hatte. Vor weit mehr als einem Jahrzehnt.

„Ich hatte so gehofft, dass er diesmal wegbleibt“, sagte Walpurga leise, als sich die Tür hinter dem Greis schloss und sie wieder mit ihren Vertrauten allein war. „Wallbrord ist vor Mendena gefallen. Ist das denn nicht genug? Warum gibt er immer noch keine Ruhe?“

„Weil es nie um Wallbrord ging“, wandte Eberwulf ebenso leise ein. „Es ging immer nur um Euch. Darum, dass Ihr nie öffentlich Stellung zu der Sache bezogen habt. Darum, dass Ihr Euch seinerzeit geweigert habt, die Geschehnisse im Finsterkamm zu kommentieren und ihn für den Verrat an der Mittnacht und an Eurer Familie zur Rechenschaft zu ziehen.“

„Verrat, Eberwulf, das ist so eine Sache.“

„Ich weiß. Aber das ist die Meinung vieler und sie verstehen nicht, warum Ihr den Mann so billig habt davonkommen lassen“, meinte ihr Kanzler schlicht. „Was denkt Ihr denn, warum die bloße Erwähnung des Namens von Löwenhaupt-Berg heute noch allenthalben für Aufruhr sorgt?“

„300 Mann.“

„Wie bitte?“, Walpurga wandte ihren Blick nach links, wo Arlan stand.

Zum ersten Mal war er einen ganzen Gerichtstag lang an ihrer Seite gewesen. Hatte schräg hinter dem Thron gestanden. Schweigend und überaus aufmerksam. So wie es sich für den künftigen Herzog geziemte. Einen künftigen Herzog, der genau zuhörte und aufrichtig Anteil nahm am Schicksal seines Volks. Zu viel Anteil im Grunde. Manches Mal sogar deutlich zu viel! Wie jetzt gerade. Walpurga bemerkte, dass die Augen ihres Sohns feucht glänzten und seufzte abermals. Er kam zu sehr nach seinem Großvater. Und dem Vater. Sie hatte gehofft, dass er ein bisschen mehr von ihrer Abgeklärtheit erben würde. Der ihrer Mutter. Aber das war nicht der Fall. Und seine Empfindsamkeit wollte einfach nicht abstumpfen. Trotz allem, was er in jungen Jahren bereits hatte erleben müssen.

„Bald 300 Männer und Frauen hat er damals im Finsterkamm verloren, Mutter“, fügte Arlan nun mit belegter Stimme an. „268 tote Berittene und zwei davon waren die Kinder des Herrn Uldreich. Dann ist sein Weib noch erschlagen und sein Gut vom Ork niedergebrannt worden, als Wallbrord schon auf dem Weg nach Wehrheim war, um dem Reichserzmarschall zu sagen, dass er Weiden verloren geben soll, anstatt zu dir zu eilen und hier die Stellung zu halten. Das ist ein Verrat an uns gewesen – und mehr noch am Herzogtum und unseren treuen Vasallen. An Leuten wie diesem armen Kerl, der damals alles verloren hat und trotzdem weiterkämpfte. Du hast gehofft, dass er nicht mehr kommen würde? Warum? Was hast du denn getan, um seinen Schmerz zu lindern?“

Walpurga blinzelte irritiert. Wurde sie etwa gerade gemaßregelt? Von ihrem eigenen Sohn? Na so was! Sie hätte ihm gern eine spontane Antwort gegeben, aber leider war sie für den Moment zu überrumpelt. Sie starrte Arlan an und ging im Geiste sämtliche Argumente durch, die sie sich über die vergangenen 14 Götterläufe zurechtgelegt hatte, um ihr Handeln vor sich selbst zu rechtfertigen. Wahrscheinlich hätte keins davon ihren Jungen auch nur ansatzweise überzeugt. Um ehrlich zu sein taugten die meisten davon nicht einmal in ihren eigenen Augen. Sie war nicht stolz darauf, wie sie die Situation damals gehandhabt hatte. Aber in den Nachwehen des Vierten Orkensturms gab es so viele andere Feuer zu löschen. Größere. Wichtigere. Und, ja, auch welche, bei denen nicht die Gefahr bestand, selbst in Brand zu geraten. Bei denen ihr und ihrer Familie kein Gesichtsverlust drohte. Wallbrord war nun mal ein Vetter. Und sie hatte ein paar Jahre davor erst einen anderen Vetter erschlagen müssen, weil er nach ihrem Thron griff. Wie schlecht hätte das Haus Löwenhaupt dagestanden, wenn so kurz darauf gleich der nächste fiel? Nein, da wahrte sie lieber ihr Schweigen. Allzumal die Lage schwierig gewesen war.

„Statt ihn zu tadeln, hast du ihn auch noch zum Edlen der Weidener Lande erklärt und ihn damit rehabilitiert. Ist doch klar, dass die Leute so was als Schlag ins Gesicht empfinden“, Arlan hatte nun keine Tränen mehr in den Augen. Dafür bildeten sich hektische rote Flecken auf seinen Wangen. Ein zuverlässiges Anzeichen dafür, dass er drauf und dran war, in Rage zu geraten. „Was hast du dir dabei nur gedacht, Mutter?“, wollte er wissen.

„Ach, Arlan“, murmelte Walpurga. „Wenn die Welt nur so einfach wäre, wie du dir das vorstellst!“

„Du hättest diesem Mistkerl das Fell gerben müssen für seine Treulosigkeit. Und stattdessen tätschelst du ihm den Kopf? Wie kann das sein? Weißt du nicht, dass du unserem Volk damit beinahe ebenso viel Leid zugefügt hast wie er?“

„Seine Treue galt in erster Linie dem Reichserzmarschall“, meldete sich Eberwulf zu Wort. „Er war da schon kein Weidener Marschall mehr, sondern der des Reiches in Weiden.“

„Orkdreck!“, begehrte Arlan auf. „Soll das etwa eine Entschuldigung dafür sein, dass er nach Wehrheim ist, während hier alles in Flammen stand? Dass er seine Leute sterben ließ und sich selbst aus dem Staub machte? Was für ein Anführer tut denn so was?“

„Einer, der mit dem Kopf denkt und nicht mit dem Bauch“, meinte Eberwulf in einem merkwürdig säuselnden Tonfall, der irgendwie an einen in akute Gefahr geratenen Tierbändiger gewahrte.

„Er hat dem Reichserzmarschall empfohlen, Weiden zu opfern!“, Arlan gab nicht nach. „Wäre Emer nicht gewesen, gäbe es hier heute nur noch Staub und Asche. Und dafür erklärst du ihn zum Edlen der Mittnacht, Mutter?!“ Die Stimme ihres geliebten Sohns klang nun anklagend. Und verzweifelt. Er verstand nicht. Aber er sollte verstehen!

„Ich war dankbar dafür, dass er das Amt in Darpatien angenommen hat und nicht auf dem Gut in der Stadtmark bestand“, hob Walpurga an. „Ich bin davon ausgegangen, dass er Weiden für immer den Rücken kehren und es künftig keine Berührungspunkte mehr geben würde. Dass Gras über die Sache wächst und die Wunden sich mit der Zeit schließen. Er ist nicht der erste gescheiterte Feldherr in der Geschichte des Mittelreichs. Solche Dinge passieren – und werden vergessen.“

„Er war ein Feldherr aus dem Haus Löwenhaupt, der Weiden dem Ork preisgeben wollte! Ich schätze, das ist in unserer Geschichte ohne Beispiel“, begehrte Arlan wütend auf. „Darauf hätte es eine Reaktion ohne Beispiel geben müssen. Warum hast du ihm nicht wenigstens das Recht genommen, unseren Namen zu führen? Reicht ein solcher Verrat dafür etwa nicht?“

„Du machst es dir zu einfach“, wiederholte Walpurga und lächelte gequält.

Sie hatte das Gefühl, in einer Zeitschleife zu hängen. Denn dieses Gespräch war nicht neu. Sie hatte es vor ziemlich genau 14 Götterläufen schon einmal geführt. Damals stand Emmeran mit hochrotem Kopf und wild funkelnden Augen vor ihr und forderte genau das Gleiche: Dass sie Wallbrord einen Verräter hieß und ihn richten ließ, oder für seine Verfehlungen doch wenigstens aus der Familie verstieß. Weil er die Schmach nicht ertragen konnte, einen solchen Mann zum Bruder zu haben – davon war Walpurga überzeugt. In seinem Zorn hatte der werte Herr Graf gebrüllt wie ein angeschossener Bär und jedes Maß verloren. Wie so oft. Sie hatte ihm so wenig nachgegeben, wie sie das jetzt bei Arlan tun würde.

„Was du anprangerst, bewegt sich auf moralischer Ebene“, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort. „Bei einer rechtlichen Überprüfung hätte sich das Ganze nicht so simpel dargestellt. Und vor all...“

„Was interessiert mich das verfluchte Recht? Mir reicht die Moral!“, rief Arlan und schüttelte den Kopf, dass die blonden Locken nur so flogen. „Wir haben eine Familienräson. Eine Berufung. Unsere Ehre!“ Er machte eine weit ausholende Geste, die wohl nicht nur den Thronsaal, sondern auch alles andere einschließen sollte. „Wir sind die Wacht im Norden, Mutter, der Schild des Reiches! Uns fällt die Aufgabe zu, es zu schützen. Wallbrord hat diesen Schild in den Dreck geworfen, direkt vor die Füße der Orks. Statt ihn zu halten und bis zum Tod zu kämpfen, wie es jeder gute Löwenhaupt ohne Zögern tun würde, wollte er das Herzogtum verloren geben. Er hat uns verraten! Unser Land, unsere Leute, unsere Sache! Und dadurch hat er den Ruf der Familie beschmutzt. So jemand verdient es nicht, unseren Namen zu tragen. Er ist ein feiger Hund, kein Löwe!“

„Arlan, ich bitte dich!“, Walpurga setzte zu einem Tadel an, der ihr dann aber doch nicht über die Lippen kam. Stattdessen starrte sie ihren Sohn abermals schweigend an. In all seinem gerechten Zorn. Dem gottgegebenen Selbstverständnis, das auch ihren Vater ausgezeichnet hatte – und das sie sich schwer erarbeiten musste. Jeden Tag aufs Neue. Weil sie anders war. Kopflastiger. Abwägender. Zögerlicher. Geprüft. Beschädigt. Sie glaubte nicht mehr daran, dass strahlendes Heldentum das Höchste war, was ein Mensch in seinem Leben erreichen konnte. Dass die Ehre mehr zählte als alles andere. Sie glaubte auch nicht mehr an Schwarz und Weiß. Sie glaubte an Grautöne. In Hunderten Schattierungen. Und daran, dass es Zwänge gab, denen man sich nicht entziehen konnte. Dinge, über die besser die Zwölf oben in Alveran richteten als Menschen unten auf Deren.

„Warum hast du ihn nicht verstoßen?“, fragte Arlan, die Stimme nun zu einem heiseren Flüstern gesenkt. „Hattest du Angst, dass es auf die Familie zurückfällt? Hast du den Strauß deshalb nicht ausgefochten?“

„Unfrieden in der Familie wäre mir in der Tat eine Qual gewesen, nachdem wir den Ork gerade unter hohen Verlusten zurückgeschlagen hatten“, erwiderte Walpurga aufrichtig. „Doch auch dies ist die Wahrheit: Ich bewerte die Situation anders als du. Ich weiß nicht, was damals in Wallbrords Kopf vorgegangen ist. Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, hätte ich mit ihm sprechen müssen. Und dazu war mir die Zeit zu kostbar. Du magst dich nicht erinnern, aber es gab nach dem Orkensturm drängendere Probleme. Hier in Weiden und im gesamten Reich. Ernsthafte Probleme, von denen das Leben der Menschen abhing. Ich habe entschieden, dem Wohl meines Volkes Vorrang vor meinem verletztem Stolz und der Enttäuschung über den Vertrauensbruch eines Verwandten zu geben.“

„Du hättest dich um beides kümmern sollen“, meinte Arlan vorwurfsvoll. „Dann würde die Sache dich heute nicht mehr verfolgen.“ Er deutete auf die Tür, durch die der alte Trutzer verschwunden war: „Wenn du nur einmal öffentlich gesagt hättest, dass Wallbrord Kacke am Hacken hat, dass du sein Verhalten unter aller Sau findest und er hier nicht mehr willkommen ist, hätten die Wunden vielleicht wirklich heilen können. So aber hast du es ihm ermöglicht, zu tun als sei nichts gewesen. Du hast den Weg für das geebnet, was heute für so viel Ärger sorgt: Er und seine Kinder betonen die Nähe zum Weidener Herzogenhaus alle Nase lang. Sie tragen unseren Namen und Wallbrord führt den Weidener Bären in seinem Wappen. Ist es ein Wunder, dass unseren Leuten da die Galle überläuft? Sie sehen, dass du ihn gewähren lässt, den Verräter, und fühlen sich an deine Entscheidung gebunden. Deswegen halten sie zähneknirschend den Mund, statt ihm für seine Anmaßung den Schädel einzuschlagen!“

„Wallbrord ist bereits tot“, gab Walpurga trocken zurück.

„Bleiben seine Kinder“, beharrte Arlan. „Und ich verspreche dir hier und heute: Wenn ich dereinst Herzog von Weiden bin, werde ich diese Bande kappen! Keiner von denen hat je etwas unternommen, um die Taten von damals zu sühnen. Ich habe nie eine Entschuldigung von Wallbrord gehört. Für das Debakel im Finsterkamm nicht und auch nicht dafür, dass er die Situation falsch eingeschätzt hat und uns alle drangeben wollte. Ich lasse das nicht auf mir sitzen. Ich lasse das nicht auf Weiden sitzen! Unsere Leute haben es verdient, dass sie ...“

„Arlan“, Walpurga schüttelte tadelnd den Kopf. „Hör schon auf! Lass das mit Versprechungen, die dir später nur leidtun. Warte damit, bis dein Kopf wieder die Kontrolle übernommen hat.“

„So wie du es immer tust?“, fuhr er sie an. „Wir sehen ja gerade, wohin uns das führt.“ Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Brust, schnipste sich dann an die Stirn und zischte: „Das hier ist Weiden, nicht das da oben. Das verstehen unsere Leute. Das ist aufrecht und wahrhaftig. Das Einzige, was zählt. Warum erkennst du das bloß nicht?“

Sie sah in die zornblitzenden Augen ihres Sohns und schnalzte leise. Das war eine Warnung. Er wusste das. Aber sie bezweifelte, dass es heute irgendetwas nutzen würde.

„Du willst dich also von deinem Herzen leiten lassen und Wallbrords Kinder für etwas bestrafen, womit sie nichts zu schaffen haben?“, fragte sie.

„Wallbrords Kinder sind mir scheißegal!“, knurrte er. „Mich interessieren die Kinder Weidens. Wenn die heute nicht damit leben können, dass die Löwenhaupt-Bergs sich als Freunde des Herzogtums und Angehörige seiner Herrscher gefallen, dann sorge ich morgen für Abhilfe!“

„Und bedienst damit die Vorurteile all jener, die sagen, dass Weidener nicht zu durchdachtem Handeln in der Lage sind? Als Sklaven ihrer Gefühle und ihres Stolzes?“, fragte Walpurga. „Wie willst du eine solche Entscheidung denn rechtfertigen?“

„Scheißegal!“, wiederholte Arlan. „Da fällt mir schon was ein! Sorge dich nicht, ich bügle dein Versäumnis gern wieder aus. Keine Ursache.“

„Ein Wort noch, Bürschchen, und ich leg dich übers Knie! Dein Stolz in allen Ehren, aber lass dich davon nicht hinfort tragen, oder ich stutze ihn zurecht“, brach es aus Walpurga hervor – lauter als geplant. „Über diese Entgleisung reden wir noch, verstanden?“, fügte sie danach etwas leiser an. „Morgen. Wenn du hoffentlich wieder halbwegs klar denken kannst.“

Nach diesem Schlagabtausch herrschte einen Moment Totenstille im Saal. Walpurga starrte ihren Sohn an und der starrte mit trotzig nach vorn gerecktem Kinn zurück. Ein Stück weiter kratzte sich Eberwulf verlegen am Kopf. Er wusste offenbar nicht, was er sagen sollte. Anders als Gwynna, die die ganze Zeit über brav schweigend im Schatten der Balustrade gesessen hatte und sich jetzt erhob.

„Sehr schön“, sie trat an den Thron heran, ließ den Blick freundlich lächelnd über ihre Gesichter gleiten und nickte hernach – irgendwie zufrieden. „Dann wäre das ja mal geklärt. Darf ich dich jetzt auch mit einem Anliegen behelligen, Walpurga?“

„Ich weiß nicht, ob ich heute noch irgendetwas hören will“, erwiderte die Herzogin, ohne den Blick von ihrem Sohn zu nehmen, dem frechen Bengel.

„Oh doch. Das hier willst du hören, glaub mir!“

„Warum?“

„Weil es mit der Sache zu tun hat. Im weitesten Sinne.“

„Du nicht auch noch!“

Walpurga löste sich von Arlan, um in das alterslose Gesicht ihrer nervigsten, leider aber mitunter auch wertvollsten Beraterin zu sehen. Gerade war ihr mit aller Macht vor Augen geführt worden, wie sehr sie sich geirrt hatte. Dass der Plagegeist von Klingenthal zwar der Einzige war, der seinen Finger ständig in ihre Wunde legte, aber bei Weitem nicht der Einzige, der den Drang dazu verspürte. Wenn Gwynna ihr jetzt auch noch Vorwürfe machte, würde das Fass überlaufen.

„Ich will, dass du Emmeran in die Nordmarken schickst. Zu seiner Mutter.“

„Zu der Mutter, die seit 14 Götterläufen nicht mehr mit ihm spricht, weil er sich außerstande sah, seinen eigenen Bruder wenigstens vor ihr nicht als verräterischen Hund, wertlosen Drecksack und Schande für die Familie zu beschimpfen?“

„Genau die“, Gwynna lächelte weiter. „Es ist an der Zeit.“

„Will ich wissen, was du damit meinst?“, hakte Walpurga nach.

„Hum“, Gwynna wiegte den Kopf. Immer noch lächelnd. „Später vielleicht. Wenn er selbst den Grund erfahren will, kannst du ihn gern an mich verweisen. Aber ich nehme an, er würde sich lieber in sein Schwert stürzen, als mit mir zu reden. Beim letzten Mal hat er gesagt, dass jedem vernünftigen Mann bei meinem Gefasel der Kopf platzen muss ...“ Sie überlegte kurz und hob die Brauen: „Er war dabei sehr laut. Vielleicht befiehlst du es ihm besser einfach? Das könnte unterhaltsam werden.“

Die Herzogin der Bärenlande seufzte schwer, nickte dann jedoch ergeben. Dieser Tag war ein ganz beschissener. Und sie hatte jetzt keine Lust mehr auf ihn. Also erhob sie sich und verließ mit einem leise gebrummten „Ihr könnt mich alle mal!“ den Saal.


Alte Schmach

Burg Meilingen in der Baronie Meilingen, Herzogtum Nordmarken
30. Rahja 1040 BF

Zögernd trat Yalagunde auf den Balkon hinaus, in die schwüle Hitze eines sterbenden Sommertags. Sie wusste nicht, ob es ein guter Zeitpunkt war, um das Gespräch mit ihrem Gatten zu suchen. Aber wenn nicht heute, wann dann? In der kommenden Woche würde sie sich bestimmt nicht auf Diskussionen mit ihm einlassen. Er war an normalen Tagen schon ein schwieriger Gesprächspartner – allzumal, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Welchen Sinn hätte es da gehabt, sich in der Zeit zwischen den Jahren mit ihm zu beharken? Den Tagen des Namenlosen, aus denen nichts Gutes erwuchs. Niemals!

Statt zu grüßen, näherte sie sich Emmeran wortlos – von hinten und damit unbemerkt. Er stand gegen die steinerne Brüstung gelehnt, den Blick auf das fette grüne Land gerichtet, das so viel lieblicher und fruchtbarer war als alles, worüber er in der Heldentrutz gebot. All dies wäre sein Erbe gewesen, wenn er nicht zugunsten seiner jüngsten Schwester Tsaja schon vor Jahr und Tag darauf verzichtet hätte. Und wenn er nicht einem Familientreffen im Peraine 1039 ferngeblieben wäre. Damals wurde das Erbe neu geregelt, weil Tsaja kinderlos geblieben und ihr Gemahl unerwartet verstorben war. Nicht, dass Emmeran keine Einladung erhalten hätte. Aber als er erfuhr, dass auch Wallbrord zugegen sein würde, war einer seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle über ihn gekommen. In namenlosem Zorn hatte Yalagundes Gemahl die Feste Reichsend zusammengebrüllt und den Brief seiner Schwester einen schlechten Witz geheißen. Ob sie wirklich glaube, dass er sich mit „dem dreckigen Verräter“ an einen Tisch setzen werde, um über sein Erbe zu verhandeln, hatte er gefragt.

Yalagunde wusste darauf keine Antwort, weil sie ihre Schwägerin nach 15 Jahren ohne direkten Kontakt kaum noch kannte. Der schwärende Konflikt zwischen den Brüdern hatte die Familie zerrissen und zog sie alle in Mitleidenschaft. Das war aber nicht der einzige Grund für ihr Schweigen gewesen. Sie hatte Emmeran auch deshalb keine Antwort gegeben, weil sein Zorn sie sprachlos machte. Nach all den Jahren brannte er noch genauso heiß wie ganz am Anfang. Das zeigte, wie tief die Wunden waren, die Wallbrord seinerzeit geschlagen hatte. Wie sehr es den Stolz und die Überzeugungen ihres Gatten verletzte, dass ausgerechnet sein kleiner Bruder Weiden nicht bloß im Stich gelassen hatte, sondern sogar noch einen Schritt weiter gegangen war.

Gleich wie: Das Antwortschreiben, das Emmeran seinerzeit verfasste, hatte Tsaja offenbar nie erreicht. Sie hatte also auch nie zur Kenntnis genommen, dass er nicht mit seinem jüngeren Bruder über Ansprüche zu verhandeln gedachte, die den „einen Scheißdreck“ angingen, und dass er stattdessen ein Vier-Augen-Gespräch mit ihr wünschte. So hatte der Familienrat 1039 in Emmerans Abwesenheit getagt, und er war ohne es zu wissen und ohne Kompensation aus der Erblinie gestrichen worden. Wallbrord hingegen hatte für seine freundliche Zurückhaltung ein Gestüt in Meilingen zugesprochen bekommen. Das stieß selbst Yalagunde übel auf. Sie verstand den Starrsinn ihres Mannes zwar nicht – und es tat ihr bisweilen ganz schön weh zu beobachten, wie er sich selbst im Weg stand –, gleichwohl war der Entschluss seiner Geschwister mehr als fragwürdig: Er war nicht rechtens.

Mit nachdenklicher Miene trat Yalagunde an Emmeran heran, lehnte sich ebenfalls an die Brüstung und sah schweigend auf das Land hinaus. Er würde nicht um die Baronie kämpfen, wie wertvoll sie auch sein mochte. Es machte ihm nichts aus, das Lehen an seine jüngste Schwester und deren Erbin abzutreten. Was ihm aber sehr wohl etwas ausmachte, war die Art, auf die die Verwandtschaft sich seiner entledigt hatte. Er würde das nicht auf sich beruhen lassen. So viel stand fest. Er würde nicht auf ein angemessenes Entgelt verzichten. Allein schon um seiner Kinder Willen, die eines Tages ein Auskommen brauchen und es hier sicher leichter finden würden als in der kargen Heldentrutz.

In seiner Mutter, der älteren Tsaja, hatte Emmeran unerwartet eine starke Fürsprecherin gefunden. Die Verhandlungen waren auf einem guten Weg gewesen, doch vor vier Tagen kamen sie schlagartig zum Erliegen – als die alte Dame verstarb. Trotz aller Zipperlein unerwartet und dann auch noch so kurz vor den Namenlosen Tagen, dass keine Zeit für eine anständige Bestattung blieb. Sie hatten Emmerans Mutter gestern unter die Erde gebracht. Im Beisein des Bisschens Trauergemeinde, das sich auf die Schnelle zusammenfand. Das war nicht schön, aber besser, als einen Leichnam über die unheilige Zeit aufzubahren und auf das Beste zu hoffen. Es würde im neuen Jahr noch einen großen Trauergötterdienst geben, wie es sich für eine einstige Baronin der Nordmarken geziemte.

„Sie hat es gewusst, oder?“, fragte Emmeran da plötzlich.

„Wie bitte?“, Yalagunde hob die Brauen und wandte ihm das Gesicht zu.

„Gwynna. Dieses verfluchte ... diese Hexe! Deshalb hat sie mich überhaupt nur hier haben wollen! Weil sie wusste, dass meine Mutter das Zeitliche segnet!“

„Hum“, Yalagunde seufzte. „Du hast den Start der Reise bald einen halben Götterlauf hinausgezögert, um Walpurga klarzumachen, wie wenig du von ihrer Aufforderung hältst. Glaubst du, dass Gwynna das für möglich gehalten und berücksichtigt hat?“

„Natürlich hat sie“, knurrte ihr Gatte. „Entweder sie selbst oder eine ihrer verlotterten Schwestern wird genau gewusst haben, was hier passiert. Und dann hat sie mich auf dem Spielfeld rumgeschoben wie eine Garadanfigur. Wie sie es immer macht, die Mistmade!“

„Ich weiß nicht“, log Yalagunde. Tatsächlich wusste sie genau, denn am gleichen Tag, an dem ihr Gatte Nachricht von Walpurga erhalten hatte, erreichte sie ein Brief Gwynnas. Die Ewige Prinzessin hatte ihr eine eigene Agenda verpasst. Darum gebeten, dass sie gewisse Dinge im Auge behielt. Dass sie ihren Gatten auf gewisse Bahnen lenkte. Yalagunde begriff sofort, wohin das führen sollte – und dass es zum Besten des Herzogtums war. Zum Besten des künftigen Herzogs vor allem. Also zögerte sie jetzt nicht, sondern waltete ihres Amtes.

„Angenommen, es stimmt, was du sagst“, meinte sie, „Wäre das denn wirklich so schlimm? Gwynna hat dafür gesorgt, dass du dich mit deiner Mutter aussprechen konntest, bevor die Götter sie zu sich holten. Ist das nicht etwas Gutes?“

„Ich kenne das Nordmärker Lumpenpack“, Emmeran schnaubte. „Gib ihm noch ein paar Tage und hier wird allenthalben die Mär gehen, dass meine Frau Mutter der Schlag getroffen hat, als sie mich sah. Es wird nicht lange dauern, bis sie mich mit Dreck bewerfen. So läuft das hierzulande. War schon immer so, wird sich nie ändern.“

„Oh, ihr guten Götter!“, Yalagunde rollte mit den Augen. „Schert es dich denn wirklich, was hier geredet wird? In ein paar Tagen sind wir wieder weg und du wirst vermutlich nie mehr zurückkehren. Also richte den Blick nicht auf die, sondern auf dich selbst! Und sag mir: War es nicht gut, noch einmal mit deiner Mutter gesprochen zu haben?“

„Hrumpf“, machte Emmeran und richtete den Blick nach vorn. Die Nase unzufrieden gekraust brummte er nach kurzem Zögern: „Ne, schert mich natürlich nicht. Wer in meinem Rücken redet, spricht zu meinem Arsch. Aber Menschen mit Anstand würden’s mir stattdessen ins Gesicht sagen, sodass ich vernünftig drauf reagieren könnte.“

Yalagunde seufzte leise und schüttelte den Kopf: „Hast du deinen Frieden mit der alten Dame gemacht?“

„Denke schon.“

„Erleichtert dich das nicht? Ist es nicht besser, als wenn sie all das Unausgesprochene mit ins Grab genommen hätte?“, wollte Yalagunde wissen.

„Doch“, meinte Emmeran nach einer langen Pause, trug dabei aber eine Miene zur Schau, als hätte er gerade einen Humpen Essig gestürzt. „Du hast recht. Es war besser so. Macht mein Herz leichter, hat ihres bestimmt auch leichter gemacht. Ich schätze, so konnte sie in Frieden gehen.“

„Ich hoffe es. Wenn meine Kinder sich derart zerstritten hätten ... es hätte mich verrückt gemacht.“

„Sie hätte sich für eine Seite entscheiden können. Dann wäre es einfacher gewesen.“

„Einfacher? Für eine Mutter? Einen Sohn zu verdammen? Weil der andere das will?“

„Wie schwer kann das sein, wenn einer von beiden ein Verräter ist? Ich hätte da nicht lange gezögert.“ Emmeran hob die Schultern: „Besser so, als diesen ewigen Eiertanz aufzuführen!“

„Der dürfte nun ja vorbei sein, oder nicht? Sie ist tot, er ist tot, bleibt nicht mehr viel, worüber du dich künftig noch erregen musst“, meinte Yalagunde.

„Von wegen!“, ihr Gemahl schob das Kinn vor und rümpfte die Nase. „Vorbei ist es, wenn der letzte Löwenhaupt-Berg verreckt. Solange dieser Name im Reich herumgeistert, wird es für meine Familie keine Ruhe geben! Es ist ein stetes ... ein Makel. Eine Schande, von der wir uns nicht reingewaschen haben, als es angezeigt war. Und das werden wir weiter bereuen.“

„Keine Ruhe für deine Familie? Oder keine Ruhe für dich?“, hakte Yalagunde nach.

Das führte immerhin dazu, dass Emmeran den Blick wieder von der Landschaft löste und sie stattdessen ins Auge fasste:

„Auf keinen Fall Ruhe für mich! Und nicht für Firunian, der zu der Sache genau wie ich eine ganz klare Meinung hat. Außerdem habe ich zuletzt munkeln hören, dass Arlan ebenfalls alles andere als glücklich mit der Situation ist.“

Yalagunde nickte. Sie wusste aus zuverlässiger Quelle, dass dieses Gerücht der Wahrheit entsprach. Und sie war klug genug, um zu begreifen: Das stellte einen der Gründe für Gwynnas Brief dar. Die Hexe schob ihren Gatten tatsächlich wie eine Garadanfigur über das Feld. Sie wollte ihn, den Turm, vorm König in Stellung bringen. Um Unheil von Letzterem fernzuhalten. Besser der Graf der Heldentrutz machte sich bei dem Versuch unmöglich, seinem Neffen und seiner Nichte in einem vertraulichen Gespräch beizukommen, als dass der Herzog Weidens es späterhin in aller Öffentlichkeit tat.

„Und was wirst du nun tun?“, fragte sie ihren Gatten.

„Wie was tu ich?“, er starrte sie verständnislos an.

„Wenn die Sache dir nach so vielen Jahren immer noch keine Ruhe lässt, musst du handeln, oder nicht?“, erwiderte sie. „Du hältst dich zwar gewohnt bedeckt, aber gerade sagtest du, das Gespräch mit deiner Mutter hat dich erleichtert. Also warum nicht auch diese Angelegenheit aus der Welt schaffen? Bei allem Zorn, der in dir brodelt: Es ist Familie. Und in der Familie sollten solche Dinge bereinigt werden. Zum Besten aller Beteiligten.“

„Was? Bereinigt? Wie stellst du dir das vor?“, er schüttelte unwirsch den Kopf. „Du weißt, dass ich es seinerzeit versucht hab...“

„Du hast Wallbrord gesagt, dass du ihm den ehrlosen Schädel einschlägst, wenn er nicht auf den Namen Löwenhaupt verzichtet. Hältst du so was für einen tauglichen Versuch?“

„Ich hätt es tun sollen“, begehrte Emmeran auf. „Er hatte nichts Besseres verdient!“

„Ich weiß, dass du so denkst“, Yalagunde seufzte und legte ihre Hand beschwichtigend auf seine. „Ich weiß, dass du nach der Sache damals nicht mehr vernünftig mit ihm reden konntest. Aber nun ist er tot. Und wenn du reden willst, kannst du das mit seinen Kindern tun, die dein Gemüt kaum vergleichbar in Wallung bringen dürften.“

„Weiß nicht. Nach allem, was man hört, sind die genauso unbrauchbar wie er“, brummte ihr Gatte unwillig. „Oder sogar noch unbrauchbarer? Warum sonst hätte er einen Bastard zu seiner Erbin erklären und die ehelichen Kinder übergehen sollen? Wenn die noch nicht mal in seinen Augen bestanden haben, weiß ich wirklich nicht, ob ich sie überhaupt sehen will.“

„Um das beurteilen zu können, müsstest du schon einen Blick auf sie werfen.“

„Warum kommst du mir jetzt damit?“, wollte er wissen. „Der dumme Sack ist seit einem Götterlauf tot! Hättest du mich da nicht schon früher belatschern müssen?“

„Ich komme jetzt damit, weil ich es für den rechten Zeitpunkt halte.“ Yalagunde hatte sich in den vergangenen Monden eine kleine Rede zurechtgelegt, die sie nun auf den Dickschädel ihres Mannes abfeuerte: „Ein Götterlauf war eine angemessene Zeit, um die Kinder in Ruhe trauern zu lassen. Außerdem ist deine Mutter nicht mehr, und du musste keine Rücksicht auf sie nehmen. Du musst keine Angst haben, dass ihr das Manöver noch mehr Gram bereitet, als sie ohnehin schon ertragen musste.“ Sie überlegte kurz und tippte dann liebevoll gegen Emmerans Stirn: „Darüber hinaus hoffe ich, dass die jüngste Erfahrung dort oben etwas in Bewegung gesetzt hat und meine Worte auf fruchtbaren Boden fallen. Wir sind nun eh schon unterwegs. Warum nicht noch einen Abstecher nach Garetien machen? Zu meiner Familie? Und Wallbrords Kinder dort hin bestellen? Zu einem Gespräch, in dem eingeschlagene Schädel keine Rolle spielen?!“

Zu ihrer Überraschung widersprach Emmeran nicht, sondern starrte sie schweigend an. Oder vielmehr: durch sie hindurch. Sie hatte das Gefühl, dass er sie gar nicht sah, sondern seinen Blick auf etwas ganz anderes gerichtet hatte. Etwas, das nur in seinem sturen Kopf war – auf dem das Haar langsam lichter wurde und das Blond längst von einem hellen Grau verdrängt worden war.

„Wir werden alt, Emmeran“, murmelte sie und strich ihm über die Schläfe. „Es kann jederzeit vorbei sein, wie wir gerade mal wieder gesehen haben. Wenn du das Problem nicht auf die Schultern von Firunian oder dereinst gar von Arlan laden willst, solltest du dir nicht zu viel Zeit lassen. Wer weiß schon, wie oft du noch Gelegenheit haben wirst?“

„Mir träumte ...“, murmelte er, als sie schon fürchtete, keine Antwort mehr zu erhalten, und richtete seinen Fokus wieder auf ihr Gesicht. „Ich habe davon geträumt, Greiflein. Wusstest du das?“

„Nein, woher denn?“

„Die Sache verfolgt mich bis in den Schlaf. Zum ersten Mal seit vielen Wintern. Vielleicht hast du recht, und ich sollte mich kümmern“, brummte Emmeran. „Es war mein vermaledeiter Bruder. Es sind seine Kinder. Weder mein Sohn noch mein Vetter sollten sich mit dem Pack rumschlagen müssen. Und es wird Zeit. Langsam wird es wirklich Zeit, diesem Schwachsinn ein Ende zu bereiten.“

„Tatsächlich?“, Yalagunde konnte nicht fassen, dass er schon nachgab. Sie hatte mit viel mehr Gegenwehr gerechnet und noch gar nicht alle Pfeile verschossen, die in ihrem Köcher steckten.

„Tatsächlich!“

„Aber keine eingeschlagenen Schädel, hörst du?“, ermahnte sie ihren Gemahl noch einmal. „Und über den Gebrauch von Wörtern wie ‚Pack‘ und ‚Schwachsinn‘ unterhalten wir uns auch noch mal ...“


Neue Hoffnung und alter Zorn

Burg Trollwacht und Reichsstadt Perricum, Markgrafschaft Perricum
Mitte Praios 1041 BF

Selinde fütterte ihre kleine Tochter Leonore, etwas, das sie ebenso selten wie ungern der Amme oder den übrigen Bediensteten der Burg überließ. Die Schwiegertochter des Barons von Zackenberg erinnerte sich oft an ihre eigene, eher bedrückende Kindheit. Materiell fehlte es ihr damals an nichts, doch bekam sie ihre Eltern nur selten zu Gesicht und wenn, dann gehörten Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen nicht unbedingt zu deren hervorstechendsten Charaktereigenschaften. Ihr Vater Wallbrord war als Offizier kaum daheim, während ihre Mutter Fredegard die Kinder eher als eine Art lebende Puppen behandelte, die es entsprechend auszustaffieren und zu präsentieren galt. Nein, Selinde wollte es bei ihrer Tochter besser machen. Viel besser.

Ein recht lautes Klopfen an der Tür ließ die Baroness zusammenzucken und den Löffel mit dem für Leonore bestimmten Brei zu Boden fallen.

„Herein!“, knurrte Selinde unwirsch.

„Verzeiht die Störung, Herrin“, begann ein junger Diener sichtlich verlegen, „aber vorhin ist eine Nachricht für Euch persönlich abgegeben worden. Sie sei sehr dringend und solle Euch umgehend vorgelegt werden.“ Mit diesen Worten übergab der Bedienstete das gesiegelte Schreiben und zog sich auf einen Wink Selindes hin zurück.

Diese betrachtete unschlüssig den Brief. Zunächst hatte sie gedacht, er stamme von ihrem Bruder Ugdalf oder ihrer beider Mutter Fredegard, doch die Handschrift auf dem Umschlag gehörte keinem der beiden, wohingegen das Siegel das des Trutzer Grafenhauses war. Selindes Neugier war geweckt. Diese sollte sich noch steigern, als sie den Brief geöffnet und das darin befindliche Schreiben gelesen hatte. Der Verfasser war niemand Geringeres als ihr Onkel Emmeran von Löwenhaupt, Graf der Heldentrutz und Bruder ihres verstorbenen Vaters Wallbrord. In seiner Depesche lud er seine Nichte auf Burg Luring nach Garetien ein, wobei der Ton des Schreibens eher einer Vor- denn einer Einladung entsprach, um „wichtige Familienangelegenheiten, die keinen Aufschub dulden“ zu besprechen.

Die Baroness runzelte nachdenklich die Stirn. Was für Angelegenheiten mochten das sein, die noch dazu keinen Aufschub zu dulden schienen? Selinde wolle kein Grund einfallen, zumal sie ihren Onkel seit gut 15 Götterläufen nicht mehr gesehen hatte. Über letzteren Umstand war sie auch nicht wirklich unglücklich, hatte die Adlige mit dem aufbrausenden und polternden Wesen Emmerans doch nie etwas anfangen können. Und seitdem er und Wallbrord sich im Zuge des letzten Orkensturms vollends überworfen hatten, war der Kontakt gänzlich abgerissen.

Einerlei, die Baroness entschloss sich nach kurzem Überlegen dazu, der Einladung Folge zu leisten. Immerhin bestand die leise Hoffnung einer Versöhnung zwischen den Verwandten, eine Hoffnung, die Selinde nicht durch eine leichtfertige Ablehnung zerschlagen wollte. Außerdem war es eine sehr gute Gelegenheit, mal wieder aus Zackenberg herauszukommen; sie hatte sich schon viel zu lange in ihr mehr oder weniger freiwilliges Exil gefügt. Es war an der Zeit, mal wieder über die Trollzacken hinaus zu schauen und zu schreiten. Und unterwegs könnte sie noch bei ihrem Bruder in der Reichsstadt Perricum Halt machen. Vermutlich hatte Ugdalf auch eine Einladung erhalten; dann könnte man gemeinsam reisen und versuchen, sich einen Reim auf alledem zu machen.

***

Am frühen Abend kehrte Ugdalf mit verdrießlicher Miene von einer ebenso langen wie enervierenden Besprechung aus der Residenz des Markgrafen in die Quartiere seines Regiments zurück. Wie so oft war der Grund für seinen Unmut in der markgräflichen Administration zu suchen, die ihm die – seiner Meinung nach – unabdingbaren Mittel zur Wiederauffüllung des Bombardenregiments nur in zu geringem Maße und über einen zu großen Zeitraum hinweg gewähren wollten. Inkompetente Bürokraten allesamt!
Der Oberst hatte in seinem Arbeitszimmer Platz genommen, einmal tief durchgeatmet und sich ein Glas Wein eingeschenkt, um den ganzen Ärger zumindest für heute mit einem guten Tropfen herunterzuspülen. Doch noch bevor er den ersten Schluck trinken konnte, wurde er jäh durch ein Klopfen an der Tür gestört. Konnte man nicht einmal für einen Moment seine Ruhe haben?

„Eintreten!“, blaffte Ugdalf, dessen Laune nun einen neuen Tiefpunkt erreicht hatte.

„Bitte mein Eindringen zu entschuldigen, Herr Oberst“, meldete ein junger Korporal, „aber dieser Brief ist heute Mittag mit der Maßgabe abgegeben worden, ihn Euch umgehend nach Eurer Rückkehr auszuhändigen.“

„Ja und? Ich kriege jeden Tag ach so dringende und wichtige Depeschen, die allesamt bis gestern erledigt oder beantwortet werden müssen! Diese hier wird wie alle anderen auch bis zum nächsten Mittag warten, wenn ich meine tägliche Korrespondenz erledige. Und von welchem Witzbold ist dieser Schrieb überhaupt?“

„Der Kurier nannte als Absender einen Emerald von Löwenhaupt oder so. Ein Verwandter von Euch?“

Ein Ruck ging durch Ugdalf, als er den Namen hörte. „Erstens: Das geht Dich nichts an, Bursche. Zweitens: Weggetreten!“

Nachdem der Soldat sich abgemeldet und das Zimmer verlassen hatte, nahm der Oberst den Brief und warf einen Blick auf das Siegel. Tatsächlich, das Zeichen der Familie Löwenhaupt. Rasch öffnete er die Depesche, überflog ihren Inhalt – und warf das Pergament mit fast schon abfälliger Geste in den Papierkorb. Zorn überkam Ugdalf. Wie konnte dieser Mensch, Graf hin oder her, es wagen, ihm gegenüber einen solchen Ton anzuschlagen und ihn, nur wenig verklausuliert, quasi zu sich zitieren wollen! All die Jahre hatte die Weidener Verwandtschaft seinen Vater, ihn selbst und seine Schwester Selinde nach Kräften ignoriert oder gar geschmäht. Und nun ein Treffen in Garetien, um „wichtige Familienangelegenheiten, die keinen Aufschub dulden“ zu erörtern? Einer Einladung der Herzogin hätte Ugdalf Folge geleistet, aber der seines seit jeher als jähzornig und streitsüchtig bekannten Onkels? Niemals! Schließlich war es Emmeran, der mit seinen Tiraden gegenüber Wallbrord den Familienfrieden nicht nur ge- sondern zerstört hatte!

Nach dem bereits eingeschenkten Wein genehmigte sich Ugdalf noch zwei weitere Gläser ‚zur Beruhigung‘, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

Schon am nächsten Tag hatte er den Brief vergessen.

***

„Hier steckst Du also! Ich bin durch halb Perricum gelaufen, um Dich zu finden.“

Überrascht blickte Ugdalf von seinem Mittagessen auf, das er dieses Mal nicht in der Kaserne sondern in einem Gasthaus in der Reichsstadt einnahm.
„Selinde! Was hat Dich denn hierher verschlagen? Wir haben uns ja schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, seit – na, Du weißt schon. Ist irgendwas passiert?“

„In gewisser Weise schon, Bruder. Ich habe vor drei Tagen eine, nun ja, Einladung unseres Onkels auf Burg Luring erhalten. Er will wohl irgendwelche wichtigen familiären Angelegenheiten besprechen. Hast Du auch ...?“

„Ja, habe ich“, schnitt Ugdalf seiner Schwester mit zorniger Miene das Wort ab. „Und nein, ich werde die Ein- oder besser Vorladung nicht annehmen und habe den Wisch stattdessen dahin befördert, wo er hingehört: in den Müll.“

Die Baroness schüttelte mit sichtlichem Bedauern leicht den Kopf. Ugdalf schien wieder mal im Begriff zu sein, unnötig Porzellan zu zerschlagen und sich selbst im Wege zu stehen.

„Ich halte das nicht für besonders klug.“ Der Oberst wollte gerade zu einer Entgegnung ansetzen, doch ließ ihn seine Schwester gar nicht erst zu Wort kommen und fuhr ungerührt fort: „Meine Begeisterung, diesen Choleriker wiederzusehen und seinem Geschrei – vernünftig reden kann er ja offensichtlich nicht – zuzuhören, hält sich gelinde gesagt auch in Grenzen. Aber andererseits: Was haben wir zu verlieren? Wenn er nur wieder Vater schmähen und sonst nichts Neues von sich geben wird, dann reisen wir wieder ab. Ganz einfach. Aber dann kann man weder Dir noch mir hinterher vorwerfen, wir hätten uns einer möglichen Aussprache verweigert.“

„Du bist viel zu gutgläubig. Sofern sich unser lieber Onkel nicht plötzlich der Kirche der Tsa zugewandt hat, wird mit ihm genauso wenig zivilisiert zu reden sein, wie damals, als Vater Weiden verließ. Sein Hass auf ihn war ja schier grenzenlos und irgendwie bezweifle ich doch sehr, dass er zwischenzeitlich zur Vernunft gekommen ist.“

Selinde seufzte innerlich, bevor sie zu einer Erwiderung ansetzte. Dass ausgerechnet Ugdalf von maßlosem Hass sprach ... „Und Du bist viel zu starrköpfig. Ich erwarte ja nicht, dass Du die Vergangenheit ruhen lässt oder gar vergisst, ich werde es auch nicht tun, aber noch mal: Was kann es uns schaden, Emmeran zumindest anzuhören? Wenn er wieder beginnt, gegen Vater zu hetzen oder sich anderweitig wie die Axt im Walde aufzuführen, dann packen wir unsere Sachen und reisen ab. Und wenn er sich wider Erwarten vernünftig und versöhnungsbereit zeigt, kann das doch nur in unserem Sinne sein. Oder kurz gesagt: Wir haben nichts zu verlieren sondern können nur gewinnen. Ich für meinen Teil werde die Einladung jedenfalls annehmen. Kommst Du mit oder schmollst Du lieber weiter?“

Ugdalf war für einen Moment sprachlos. So hatte er Selinde schon lange nicht mehr erlebt. Nach kurzem Überlegen antwortete er: „Also gut, ich begleite Dich. Aber wenn der alte Sack wieder verrücktspielt, sieht er von mir nur noch den Arsch meines Pferdes.“ Und mit einem feinen Lächeln setzte er hinzu: „Außerdem muss ja jemand auf Dich aufpassen, bevor Du unserem Onkel ganz auf den Leim gehst.“


Eine angenehme Reise zu einer (un)angenehmen Begegnung

Burg Luring in Gräflich Luring, Königreich Garetien
Mitte Rondra 1041 BF

Selinde und Ugdalfs Reise war bei fast durchgängig schönem Wetter ereignislos gewesen. Beide hatten die Zeit unterwegs letztlich sogar ein wenig genossen: Keinerlei Verpflichtungen, eine schöne Landschaft, gutes Essen – wäre der Hintergrund ihres Ritts nicht so ernster Natur gewesen, ein unbeteiligter Beobachter hätte glauben können, die beiden Geschwister befänden sich auf dem Weg in die Sommerfrische.

Dies sah zu Beginn der Reise noch ganz anders aus: Selinde verfiel zuweilen in Melancholie, da sie ihre Tochter sehr vermisste und Ugdalfs Stimmung war zunächst sehr düster, da er seinem Onkel immer noch grollte und nicht wirklich vom Sinn des Treffens überzeugt war. Und die Nachricht über den Tod ihrer Großmutter Tsaja der Älteren hatte auch nicht gerade zu einer Hebung der Laune beigetragen. Etwas Gutes hatte der Ritt jedoch schon jetzt bewirkt: Er hatte die beiden Geschwister, die sich zuvor nur selten für längere Zeit gesehen hatten, einander wieder etwas näher gebracht, obwohl oder gerade weil beide die größten Streitthemen, bewusst oder unbewusst, ausgeklammert hatten: ihre Halbschwester Elissa und das Verhältnis zu ihrer aller Vater Wallbrord. Am späten Nachmittag kam endlich die prächtige Silhouette von Burg Luring in Sicht und damit auch das Ende der Reise mitsamt der guten Stimmung.

„Nun werden wir bald sehen, was für einen warmherzigen Empfang unser lieber Onkel uns zugedacht hat“, brummte Ugdalf.

„Ich muss zugeben, auch ich sehe dem Zusammentreffen nun mit eher gemischten Gefühlen entgegen“, gab Selinde zu. „Andererseits ist Emmerans Gemahlin Yalagunde , wenn ich mich recht entsinne, eine kluge und umgängliche Frau. Ach ja, musstest Du heute unbedingt einen Wappenrock mit den Farben unserer Familie statt Deines persönlichen Wappens tragen? Meinst Du nicht, dass Du damit unseren Onkel schon gleich bei der Begrüßung in Rage bringst?“

„Mag sein, dass Yalagunde, die wir übrigens seit etlichen Götterläufen nicht mehr gesehen haben, immer noch recht verträglich ist, nur haben wir uns ja letztlich nicht mit ihr, sondern ihrem werten Gatten herumzuschlagen. Und die Wahl meiner Kleidung lasse ich mir ganz gewiss nicht von einem fernen Onkel vorschreiben, von dem ich bisher noch nie etwas Gutes erfahren habe.“

Selinde schüttelte leicht den Kopf und verzichtete auf eine Erwiderung. Die nächsten Tage konnten ja heiter werden, stellte sie sarkastisch fest.

Auf dem Burghof angekommen, winkte Selinde einen Bediensteten zu sich: „Melde Frau Yalagunde, dass Ihre Nichte und ihr Neffe angekommen sind und sich auf das Treffen mit ihr freuen.“

„Ich freue mich ganz und gar nicht“, raunte Ugdalf seiner Schwester zu, „und warum meldest Du ihr unsere Ankunft und nicht Emmeran?“

Die Angesprochene verdrehte die Augen und stöhnte kurz auf, bevor sie leise erwiderte: „Erstens hat Höflichkeit noch niemandem geschadet. Und zweitens befinden wir uns auf Burg Luring in der Grafschaft Reichsforst, die von einem Verwandten Tante Yalagundes regiert wird. Wem sollten wir da wohl unsere Ankunft melden? Und versuch’ wenigstens, nicht gleich bei der Begrüßung alles Porzellan zu zerschlagen, das Du finden kannst, kleiner Bruder.“ Die letzte Spitze konnte sich die leicht genervte Baroness nicht verkneifen, die wusste, wie sehr er diese Bezeichnung hasste.

„Hrmpf. Sei es wie es sei, große Schwester. Jetzt gilt es.“

„Ja, jetzt gilt es.“

***

Der Kastellan der Burg nahm die beiden Neuankömmlinge in Empfang und geleitete Sie persönlich zu ihren Gemächern.

„Es ist alles vorbereitet, Euer Hochgeboren, Euer Wohlgeboren. Ich hoffe, die Zimmer sind nach Eurem Geschmack."

Während Ugdalf seines nur mit einem kurzen, eher desinteressierten Blick bedachte, nahm sich seine Schwester Selinde etwas mehr Zeit und quittierte ihre Unterkunft mit einem anerkennenden Nicken. Solch’ großzügig und gediegen gestaltete Zimmer standen im Norden Perricums zumeist nicht einmal den Baronen zur Verfügung, wie sie aus eigener Erfahrung wusste.

„Ich werde den Herrschaften umgehend ein Bad bereiten und einen Imbiss bringen lassen. Ihre Hochwohlgeboren Yalagunde von Mersingen und seine Hochwohlgeboren Emmeran von Löwenhaupt erwarten Euch zur nächsten Hesindestunde im kleinen Salon. Bis dahin haben die Herrschaften Gelegenheit, sich von der Reise zu erholen. Ein...“

„Wie ungemein großzügig von meinem gräflichen Onkel, uns noch so viel Zeit zu gewähren“, fiel Ugdalf mit vor Sarkasmus triefender Stimme dem Kastellan ins Wort. „Wir werden uns die Zeit bis dahin schon irgendwie zu vertreiben wissen.“ Das entnervte Kopfschütteln seiner Schwester ignorierte er hierbei gekonnt.

„Äh, ja“, fuhr der Verwalter der Burg sichtlich irritiert fort, „Sei es wie es sei: Ein Bediensteter wird Euch zu gegebener Zeit aufsuchen und zu Euren Verwandten geleiten. Wenn ich mich nun empfehlen darf?“

Mit einem freundlichen Lächeln entließ Selinde den Mann, der sich zügigen Schrittes von ihnen entfernte. Kaum waren die Geschwister alleine auf dem Gang, packte Selinde ihren überraschten Bruder am Arm, zog ihn in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen.

„Es reicht, Ugdalf!“, herrschte sie ihn an. „Du benimmst Dich unmöglich! Versuch’ wenigstens gegenüber den Bediensteten und unseren Gastgebern so zu tun, als freutest Du Dich auf das anstehende Gespräch. Oder willst Du Dich schon jetzt hier unbeliebter machen als unser Onkel, was wahrlich eine Leistung wäre?“

„Hmpf.“

„Ich werte das mal als Zustimmung zu meinen Worten“, konstatierte Selinde mit einem leicht spöttischen Lächeln.

 


In medias res

Burg Luring in Gräflich Luring, Königreich Garetien
Ende Rondra 1041 BF

Kurz vor der vom Kastellan genannten Zeit wurden die Geschwister von einem Lakaien aufgesucht, der sie zu Emmeran und Yalagunde führen sollte. Schweigend folgten sie dem Bediensteten bis vor die Tür des kleinen Salons. Dort angekommen, entließ ihn die Baroness.

Selinde, die Kleider nicht sonderlich mochte, hatte sich für eine einfache aber gediegene beige Junkertracht entschieden. Über dem Herzen ihres Wamses war das Wappen der Baronie ihres Schwiegervaters, Zackenberg, aufgestickt; an ihrer Seite trug sie lediglich einen mit einem Friedensband versehenen Dolch. Ugdalf hatte, sehr zum Missfallen seiner Schwester, erneut einen Wappenrock mit den Farben und dem Wappen der Familie gewählt und trug an seiner Seite das Familienschwert „Retributio“. Ohne Friedensband.

„Versuch gar nicht erst, mir die Wahl meiner Kleidung auszureden, Schwesterherz“, raunte er Selinde mit einem energischen Unterton zu.

Selinde antwortete lediglich mit einem bedauernden Kopfschütteln und blickte dann hinab auf das Schwert. „Und wo ist Dein Friedensband?“

„Das werde ich nicht...“

„Doch, Du wirst! Oder Du kannst alleine da reingehen!“, herrschte sie ihn an. „Wir ziehen hier nicht in eine Schlacht noch möchte ich, dass unser Zusammentreffen ungewollt in eine solche ausartet.“

Ugdalf wollte zu einer Erwiderung ansetzen, ließ es dann aber sein. „Na meinetwegen, solange Du dann endlich Ruhe gibst. Kannst Du mir vielleicht auch noch verraten, wo ich hier und jetzt so ein dämliches Band herbekommen soll?“

Seine Schwester schaute sich kurz im Gang um, schritt auf das nächste Fenster zu und schnitt mit ihrem Dolch an einer unauffälligen Stelle einen schmalen Streifen Stoff vom Vorhang ab. Rasch wickelte sie ihn um den Schwertgriff ihres Bruders und nickte ihm mit einem schelmischen Lächeln zu:

„Alles eine Frage der Improvisation. So, und nun auf ins Gefecht!“

Die Baroness straffte sich und klopfte zweimal laut vernehmlich an die Tür.


***

Als Emmeran zum gefühlt tausendsten Mal an ihr vorbei tigerte, seufzte Yalagunde gerade so laut, dass er es hören musste. Doch er ignorierte die vorsichtige Unmutsbekundung und marschierte einfach weiter. Am Tisch vorbei. An den Stühlen. Bis hin zur Wand, um dort kehrtzumachen. An den Stühlen vorbei zu laufen, am Tisch, an noch mehr Stühlen und bis zur anderen Wand. Der kleine Salon war nicht groß genug für ihn. Nicht in seinem aktuellen Zustand. Und Yalagunde fürchtete, was passieren würde, wenn sich noch zwei weitere Personen mit ihnen hier hinein quetschten.

Sie warf einen gespannten Blick auf die Tür, durch die der Neffe und die Nichte ihres Gatten jeden Moment eintreten würden. Emmeran hatte den beiden ein paar Stunden Zeit gegeben, um anzukommen, sich frisch zu machen, etwas zu essen und den Statthaltern des Gastgebers aufzuwarten. Das war in diesem Falle nun mal nicht er – so wenig es ihm auch gefiel. Es wäre ihrem Gemahl deutlich lieber gewesen, Ugdalf und Selinde auf die Feste Reichsend zu zitieren. Aber das hätte die Sache unnötig in die Länge gezogen und sehr viel komplizierter gemacht. Das sah selbst er ein, und beugte sich dieser Erkenntnis zähneknirschend.

Burg Luringen war nichts für den Trutzer Grafen. Festung hin oder her: Nach dem Maßstab des unverbesserlichen alten Schlachtrosses gab es hier zu viel „Ferz“. Yalagunde war sich nicht sicher, ob er damit die adrett gekleideten Diener meinte oder die eine oder andere architektonische Finesse, zu der sich die Erbauer doch tatsächlich hatten hinreißen lassen. Dies war nun mal Garetien und nicht der wilde Westen Weidens. Gleich wie: Es bliebt festzustellen, dass Emmeran ebenso wenig etwas für die Feste und ihre Bewohner war. Jedenfalls nicht für die meisten davon. Er gab sich auch keine Mühe. Hatte sich nicht einmal heute dazu überreden lassen, etwas anderes als seine Rüstung und den Wappenrock in den Farben der Löwenhaupts anzulegen. An seiner Seite hing ein Schwert, wie stets. Und zwar ohne Friedensband. Wenn das mal nicht allerbeste Voraussetzungen für ein Gespräch waren, das mehr als nur ein bisschen Fingerspitzengefühl erfordern würde.

Yalagunde wollte gerade etwas sagen, als es klopfte und der Kopf ihres Gatten herum ruckte. Er fixierte die Tür, als wolle er sie mit seinem Blick erdolchen – und Yalagunde seufzte abermals.

„Gib dir wenigstens ein bisschen Mühe, deinen Unmut zu zügeln“, zischte sie leise, ehe sie sich erhob und ihre Röcke mit einer entschiedenen Geste ordnete.

Emmeran starrte sie einen Augenblick mit gerunzelter Stirn an und zwang dann ein ... nun ja ... geringschätziges ... Zähnefletschen auf seine Züge. Es war entsetzlich anzuschauen, und Yalagunde gab ihm das zu verstehen, indem sie resigniert den Kopf schüttelte.

„Guck einfach neutral“, forderte sie hernach. Das zumindest sollte er doch hinbekommen.

Da hallte seine Stimme auch schon durch den Raum: „Herein!“

Selinde öffnete nach dieser Aufforderung die Tür und betrat gemessenen Schrittes das Zimmer, Ugdalf direkt hinter ihr. Als ihr Blick auf Emmeran und seine Gemahlin fiel, musste die Baroness feststellen, dass in der Tat seit ihrem letzten Zusammentreffen sehr viel Wasser den Pandlaril hinabgeflossen war. Alt war das Grafenpaar geworden, wobei zumindest im Falle ihres Onkels jedoch nichts auf eine einsetzende Altersmilde hindeutete. In der Mitte des Raumes angekommen, verbeugte sich die Perricumer Adlige vor den beiden.

„Die Zwölfe zum Gruße, Eure Hochwohlgeboren. Onkel, Ihr wünschtet uns zu sehen, um, wie es in euren Depeschen hieß, wichtige Familienangelegenheiten zu besprechen? Was können wir für Euch tun?“, schloss Selinde mit leicht bemüht wirkender freundlicher Stimme und einem feinen Lächeln, auch wenn ihr beides nicht leichtfiel.
 
Ugdalf hingegen hielt es für klüger, fürs Erste seiner Schwester das Reden zu über- und es bei einer knappen Verbeugung als Respektsbezeugung zu belassen. In einem hatte sie recht: Er musste nicht unbedingt schon bei der Begrüßung das erste Porzellan zerschlagen. Dennoch ließ sein mürrisch wirkendes Antlitz leicht erkennen, dass er dazu jederzeit bereit war.

Yalagunde hatte die beiden Neuankömmlinge mit einem strahlenden Lächeln bedacht, nicht zuletzt in der Hoffnung, Emmerans unbewegter Miene damit ein bisschen was von ihrer Schärfe zu nehmen. Als sie das aufgeräumte Gesicht Selindes erblickte, war die Grafengemahlin erleichtert. Hätte die Baroness genauso geguckt wie ihr Bruder, hätte sie das Gespräch als zum Scheitern verurteilt betrachtet. So aber schien es noch ein bisschen Hoffnung zu geben.

Das glaubte sie jedenfalls, bis die junge Frau nach ihrer Verneigung und einem knappen Gruß sofort zur Sache kam. Da blinzelte Yalagunde irritiert und sah zu ihrem Gatten hinüber, dessen Blick fast triumphierend wirkte. Sie hatte im Vorfeld lange mit ihm darüber diskutiert, wie viele Höflichkeiten ausgetauscht werden mussten, ehe sie zum Kern der Sache vorstoßen konnten. Ob man den Kindern Wallbrords erst noch mal in Persona kondolieren sollte. Der Tochter zur Hochzeit und dem Kind gratulieren. Dem Sohn zur Beförderung. Hinfällig, das hatten die Perricumer hiermit entschieden – und Emmeran stieg natürlich sofort darauf ein.

„Den Zwölfen zum Gruße, die donnernde Himmelsleuin voran“, schmetterte er und nickte knapp. „Gut, dass Ihr nun da seid, denn ja: Es gibt in der Tat etwas Wichtiges zu klären. Nicht weniger als die Zukunft unserer Familie. Nach dem Tod meiner Mutter – Boron hab’ sie selig! – ist es höchste Zeit, dass wir darüber reden. Wir müssen unsere Verhältnisse ordnen. Wir müssen dafür sorgen, dass künftig Klarheit zwischen uns herrscht und es keinen Grund für Hader mehr gibt.“ Er hielt kurz inne, ließ seinen Blick erstmals von Selinde zu Ugdalf gleiten und fasste ihn aufmerksam ins Auge. „Ich gedenke ...“

„Wie wäre es, wenn wir uns erst einmal setzen?“, wandte Yalagunde ein. Ihr Mann hasste es, wenn sie ihn unterbrach, aber das hier gerade, das ging nicht. Es war ein Unding, auf diese Art zu verhandeln. Sie waren doch nicht in Reichsend?! Das war Garetien. Die Burg ihrer Vorväter, die wussten, was sich gehörte. Yalagunde machte eine einladende Geste zum Tisch. „Bitte, lasst uns in Ruhe sprechen!“

Ugdalf erwiderte den strengen Blick seines Onkels, dabei nur mühsam die Fassung bewahrend. Was redete Emmeran da von zu ordnenden Verhältnissen, Klarheit und dem Ende eines Haders? Es gab nichts zu ordnen und es herrschte völlige Klarheit darüber, was der Graf auf der einen und Selinde und er selbst auf der anderen Seite voneinander hielten. Und der erwähnte Hader wäre rasch beigelegt, wenn Emmeran nur den Mut besäße, sich für die ständigen Schmähungen und Beleidigungen seinem Bruder Wallbrord gegenüber zu entschuldigen und nicht weiter auf der Familienehre herumzutrampeln.

Der Oberst wollte gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, als Yalagunde ihm zuvorkam und ihn sowie Selinde bat, am Tisch Platz zu nehmen. Die freundliche, ja fast schon warmherzige Art Yalagundes dämpfte sogar Ugdalfs Zorn ein wenig – zumindest für den Augenblick.

„Eine gute Idee, liebe Tante“, erwiderte er in einem neutralen Tonfall und zeigte dabei sogar den Ansatz eines Lächelns, welches jedoch ausschließlich ihr galt.

Die Baroness von Zackenberg hatte Emmerans Gesprächseröffnung äußerlich unbewegt aufgenommen, auch wenn Sie seine Aussagen genau wie Ugdalf nicht teilte. Sie hatte schon damit gerechnet, dass ihr Onkel buchstäblich mit der Tür – oder gleich dem ganzen Burgtor – ins Haus fallen würde. Umso dankbarer war sie für das geistesgegenwärtige Eingreifen Yalagundes, ohne das die beiden Männer einander jetzt schon zumindest verbal an die Gurgel gegangen wären. Wenn die beiden nur merkten, wie ähnlich sie sich in mancherlei Hinsicht doch waren! Wie bei solchen Stur- und Hitzköpfen eine für alle annehmbare Übereinkunft zustande kommen sollte, war für Selinde derzeit nicht zu erkennen.

Ihre Gesichtszüge entspannten sich nach den Worten ihrer Tante sichtlich, wie auch ihr Lächeln nun ungezwungener wirkte. Vielleicht war es nun an Selinde, das Ihre zu einer zumindest erträglichen Gesprächsatmosphäre beizutragen.

„Ja, das ist fürwahr eine treffliche Idee!“, sagte sie und nickte Yalagunde dankbar zu. Dann fiel ihr Blick auf die Anrichte in der Ecke, auf der mehrere Karaffen und Gläser standen. „Wie wäre es mit einem gemeinsamen Glas Wein zu Ehren Eurer Mutter, lieber Onkel, welche auch Ugdalfs und meine Großmutter war? Ein auch für uns sehr schmerzlicher Verlust. Ich habe gehört, Ihr wart in ihren letzten Stunden bei ihr? Mögt Ihr meinem Bruder und mir zuvor kurz berichten?“ Dann ging die Baroness zügigen Schrittes zur Anrichte, um eine Karaffe mit Yaquirtaler Sandwein sowie vier Gläser zu holen.

„Selbstverständlich kann Seine Hochwohlgeboren davon künden“, erwiderte Yalagunde auf Selindes Worte, denn Emmeran war noch zu beschäftigt damit, sie vorwurfsvoll anzustieren. Dass sie das Gespräch in neue Bahnen gelenkt hatte, gefiel ihm nicht. Es widerstrebte ihm zutiefst, nicht gleich zum Punkt zu kommen. Aber damit würde er leben müssen. Sie machte das unmissverständlich klar, indem sie auf einen der Stühle deutete – allerdings so, dass es keiner der Perricumer mitbekam.

Einen Augenblick zögerte Emmeran noch, dann folgte er der stillen Aufforderung und ließ sich nieder. Mit Grabesmiene, wohlgemerkt, und nicht ohne seine Linke demonstrativ auf den Schwertknauf zu legen. Die Geste wirkte ziemlich offensiv, Yalagunde aber kannte ihren Gatten gut genug, um zu wissen, dass sie ein Stück weit Selbstversicherung war. Dem Herrn Grafen missfiel die Situation, in der er nicht einfach reden und handeln konnte, wie es ihm beliebte. Wie sonst immer. Da war ein haltgebendes Stück Stahl mehr als willkommen.

„Meine hohe Frau Mutter hat in den späten Mittagsstunden einen Anfall erlitten, von dem sie sich nicht mehr erholte“, meinte Emmeran, nachdem Selinde eingeschenkt hatte und sie alle saßen. „Uns war schnell klar, dass Golgari auf dem Weg zu ihr ist. Sie hatte aber noch genug Zeit, um mit Tsaja und mir zu reden. Sie ist in Frieden gegangen. Und das ist mehr, als vielen von uns dieser Tage gewährt wird.“

Yalagunde nickte zu diesen Worten und griff nach ihrem Weinglas, während sie aufmerksam in die Gesichter von Wallbrords Kindern sah. „Wenn wir also anstoßen, dann tun wir das doch am besten auf ein langes und erfülltes Leben und einen friedlichen Tod“, schlug sie vor. „Einen, der erst kam, nachdem alles geklärt war, was geklärt werden musste, nachdem alles ausgesprochen war, was ausgesprochen werden musste, und der es geliebten Menschen ermöglichte, Frau Tsaja auf dem letzten Stück des Weges zu begleiten.“

Selinde hatte den Ausführungen des Grafenpaares zunächst mit aufmerksamer, dann mit zunehmend nachdenklich wirkender Miene gelauscht, während ihr Bruder diese äußerlich unbewegt zur Kenntnis genommen hatte. Ugdalf fragte sich, was sein Onkel Emmeran überhaupt in die gleichermaßen fernen wie ungeliebten Nordmarken führte, zumal er sich bis dahin einen feuchten Kehricht um seine dortige Verwandtschaft gekümmert hatte. Wollte er sich etwa einen Teil des Erbes seiner siechen Mutter unter den Nagel reißen und quasi nebenbei noch bei Tante Tsaja wieder gegen Wallbrord und seine Kinder hetzen?  Die Familie hatte Emmeran ja nie etwas bedeutet, solange sie nicht nach seiner Pfeife tanzte. Unwillkürlich verdüsterte sich Ugdalfs Antlitz.

Bei seiner Schwester hingegen blieben viel mehr die Worte Yalagundes haften: „... nachdem alles geklärt war, was geklärt werden musste ...“ Ein, wenn man so wollte, guter Zeitpunkt, diese Welt zu verlassen. Und zudem eine elegante Überleitung zum eigentlichen Gesprächsanlass, wie Selinde zugeben musste.
Die Baroness erhob sich mit ihrem Glas und brachte mit getragener Stimme einen Trinkspruch auf ihre Großmutter aus: „Auf Frau Tsaja; geliebte Mutter, Großmutter und Schwiegermutter! Mögest Du in den zwölfgöttlichen Paradiesen Frieden finden und mit Wohlgefallen auf Deine Nachkommen blicken.“
Sprach’s und nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas.

Emmeran und Yalagunde schienen im ersten Moment ein wenig überrascht von der Initiative der Baroness, erhoben sich dann aber wie ein Mann, um ihre Gläser ebenfalls zu heben und auf die jüngst verstorbene Mutter und Schwiegermutter anzustoßen und ihr so die Ehre zu erweisen.

„Wohlgesprochen!“, meinte Yalagunde und lächelte Selinde verbindlich zu.

Emmeran beließ es zwar bei einem knappen Nicken, gleichwohl wirkte die Geste auch bei ihm nicht hohl, sondern als ob es ihm tatsächlich ein Anliegen sei, auf die Mutter anzustoßen, mit der er so viele Jahre über Kreuz gelegen hatte. Vielleicht stimmte es ja, was er sagte, und sie hatten auf ihre letzten Tage tatsächlich Frieden geschlossen?

Auch Ugdalf tat es Selinde gleich, den Blick fest auf den ungeliebten Onkel gerichtet. Den Oberst überkam eine zunehmende Ungeduld; er war der ganzen Floskeln und Höflichkeiten allmählich überdrüssig und wollte endlich wissen, was Emmeran von ihm und seiner Schwester wollte. Nach einem kurzen Augenblick allgemeinen Schweigens wandte er sich mit beherrschter doch kühler Stimme direkt an den Grafen:

„Ich denke, werter Onkel, es wäre nun, wo wir Frau Tsaja noch einmal gedacht und ihr die Ehre erwiesen haben, der rechte Zeitpunkt, mir und meiner Schwester Selinde den Grund unseres Hierseins zu eröffnen, damit auch wir, ganz im Sinne der Verstorbenen, unsere familiären Angelegenheiten ordnen können.“

Selindes Mundwinkel zuckten ob der Worte ihres Bruders kurz und sie blickte für einen Moment zu ihrer Tante herüber, wobei das Mienenspiel der Baroness eine Vielzahl von Gefühlen auszudrücken schien.
‚Jetzt geht es also los‘, ging es Selinde durch den Kopf, während sie innerlich aufstöhnte und sich für die Erwiderung Emmerans wappnete.

Für die Dauer eines Lidschlags glaubte die Baroness auf den Zügen Yalagundes die gleiche Mischung aus Resignation und Entsetzen zu erkennen, die auch sie empfand. Doch die Luringen hatte ihr Mienenspiel rasch wieder im Griff und richtete den Blick auf ihren Gemahl.

Dessen Gesicht wirkte noch recht neutral, in seinen Augen konnte sie jedoch bereits die Ahnung eines ungnädigen Funkelns erkennen. Er war zwar nicht gekommen, um Höflichkeiten auszutauschen, die forsche Art Ugdalfs stieß ihm aber dennoch übel auf. Und Yalagunde ahnte, dass ein Großteil von Emmerans Geduld bereits aufgebraucht war. Gleichwohl schaffte er es irgendwie, ein kühles Lächeln auf seine Lippen zu zwingen, statt direkt loszupoltern. Offenbar hatten die Stunden des pausenlosen Einredens auf seinen Dickschädel doch etwas bewirkt.

„Sicher, ordnen wir“, stellte er knapp fest und bedeutete den anderen, sich wieder zu setzen. Er tat selbiges als Letzter, trank noch einen Schluck Wein und stellte das Glas dann ein bisschen zu energisch auf dem Tisch ab. „Ich habe in den letzten Wochen gelernt, wie viel das wert ist und gedenke, es nicht bei der Ordnung zu belassen, die bereits errungen wurde“, fuhr er dann fort. „Die Verhältnisse zwischen Gratenfels und der Heldentrutz sind geklärt. Also ist es nun an der Zeit, die Verhältnisse zwischen Weiden und Perricum zu klären, damit es fürderhin nichts mehr zu diskutieren gibt.“

Kurz ruhte sein Blick auf Selinde und die Miene wirkte dabei fast aufgeräumt. Dann wanderte er zu Ugdalf weiter und Yalagunde sah, wie die Augen ihres Gatten sich verengten. Schwer zu sagen, ob weil er versuchte, seinen Neffen besser einzuschätzen oder weil ihm im Grunde jetzt schon der Kamm schwoll. Die Stimme immerhin klang beherrscht, als er sie wieder erhob.

„Wir werden uns auseinanderdividieren.“ Emmeran stellte das fest und schlug es nicht vor – und Yalagunde hätte im Anbetracht dessen am liebsten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ihr Gemahl schien das zu wissen, denn er war so freundlich, näher zu erläutern, worum es ihm ging: „Ihr und wir, Weiden und Perricum, wir gehören schon lange nicht mehr zusammen. Seit 15 Götterläufen gehen wir getrennte Wege und das ist gut so, denn uns verbindet nichts mehr. Außer einer tiefen Feindschaft, einem Namen, auf den Euer Vater nicht verzichten wollte, obwohl es das einzig Richtige gewesen wäre, und einem Wappen, das die Herzogin Eurem Familienzweig seinerzeit gelassen hat, um sein Ansehen nicht zu ruinieren.“

Das hätte man sicher eleganter formulieren können, doch von ihrem Mann war derlei nicht zu erwarten gewesen. Yalagunde zollte ihm hohen Respekt dafür, dass er es schaffte, den Zorn und die Verachtung aus seiner Stimme heraus zu halten. All das, was ihn normalerweise sofort hinfort trug, wenn er über seinen jüngeren Bruder sprach. Gleichwohl, freundlich waren die Worte nicht gewesen und ein Blick in die Gesichter von Wallbrords Kindern verriet ihr, dass Selinde die Ansage ihres Onkels zwar mit Erstaunen aber doch gefasst aufzunehmen schien, während von Ugdalfs Antlitz zunehmender Zorn abzulesen war, der sich vermutlich eher früher als später Bahn brechen würde.

„Nach allem was man hört“, fuhr Emmeran derweil völlig unbeeindruckt fort, „seid Ihr beide heute weder auf den Namen noch auf das Wappen angewiesen.“ Er sah Selinde an: „Ihr habt einen angehenden Baron geehelicht, der selbst einen hehren Namen trägt und hohes Ansehen genießt. Es dürfte Euch kaum etwas kosten, den Namen Löwenhaupt im Sinne des Familienfriedens abzulegen und unseren Löwen aus Eurem Wappen zu bannen. Eure Wurzeln liegen hier, ist es nicht so? In Weiden können sie jedenfalls nicht liegen, dafür sieht man Euch dort zu selten. Eigentlich nie.“

Emmeran machte eine kurze Pause und wandte sich dann Ugdalf zu: „Ihr wiederum steht längst auf eigenen Beinen und werdet Euch als Mann, der etwas auf sich hält, sicher einen eigenen Namen machen wollen, statt den eines Vaters zu tragen, der zuletzt offenbar ohnehin nicht sehr freundlich mit Euch umgesprungen ist.“ Emmerans Augen wurden noch ein wenig schmaler, als er das sagte. „Es wäre auf jeden Fall ein Handeln im ritterlichen Sinne und mir wird allenthalben zugetragen, dass Ihr etwas auf Stolz und Ehre gebt. Wie viele Ehre liegt darin, den Namen und das Wappen einer Familie zu tragen, die lieber gestern als heute schon alle Bande gekappt hätte?“

Es hatte Ugdalf einiges an Selbstbeherrschung gekostet, seinem Onkel ob seiner unverschämten und dreisten Rede nicht ins Wort zu fallen. Was bildete dieser sich ein, so über seinen eigenen Bruder zu sprechen und ihn jetzt, wo er tot war, dergestalt zu schmähen? Dem Oberst wurde aus den Augenwinkeln gewahr, dass seine Schwester im Begriff war, zu alledem etwas zu sagen, doch diesmal war er nicht gewillt, ihr den Vortritt zu überlassen.

„Immerhin, Onkel“, begann Ugdalf rasch und mit recht leiser Stimme, deren verärgerter Unterton für die Anwesenden nicht zu überhören war, „Ihr habt nicht lange um den heißen Brei geredet, sondern seid direkt zum Punkt gekommen. Danke. Es erstaunt mich allerdings, dass Ihr erst jetzt, wo mein Vater – Euer Bruder – tot ist, unsere Familienzweige ‚auseinanderdividieren‘ wollt, wie Ihr es auszudrücken beliebt. Als es um die Regelung der Nachfolge in der Baronie Tante Tsajas in den Nordmarken ging, da wart auch Ihr eingeladen, zogt es aber, im Gegensatz zu meinem Vater und mir, vor, nicht daran teilzunehmen. Eine bessere Gelegenheit, um Euer Anliegen vorzutragen und Euch zugleich mit Eurem Bruder auszusprechen, hätte es meines Erachtens kaum geben können.

Und warum Herr Wallbrord seinen Ruf ruiniert haben soll und auf das weitere Führen des Familienwappens hätte verzichten sollen, habt Ihr bedauerlicherweise vergessen zu erläutern. Zur Erinnerung: Herzogin Walpurga, immerhin auch unser aller Familienoberhaupt, selbst war es, die meinen Vater nach der Vertreibung der Schwarzpelze aus dem Herzogtum zum ‚Edlen der Weidener Lande‘ erhob. Niemand hat dies von ihr verlangt und trotzdem tat sie es! Wie anders soll man diese Ehrung auffassen, denn als Rehabilitierung respektive Anerkennung seiner Leistungen und Verdienste? Und auch später bekleidete er mehrmals hohe militärische Ämter und zog für das Reich in den Kampf – sei es, als er die verbliebenen darpatischen Truppen in der Schlacht der drei Kaiser gegen den Verräter Answin ins Feld führte oder vor zwei Götterläufen das Perricumer Truppenkontingent auf dem Feldzug gen Mendena befehligte, wo er buchstäblich in meinen Armen sein Leben aushauchte. Mein Vater wurde – nachdem er Weiden verlassen hatte, wohlgemerkt, – mehrmals seitens des Reiches ausgezeichnet und schließlich gar von der Kaiserin zum Baron erhoben. Und das zählt alles gar nichts?“

Selindes Unmut darüber, dass Ugdalf sie nicht hatte zu Wort kommen lassen, war rasch zunehmender Verärgerung über die Wortwahl und Ausdrucksweise ihres Bruders gewichen, was sie letztlich zu einem unbewussten Kopfschütteln verleitet hatte. Die Baroness stimmte Ugdalfs feuriger Verteidigungsrede für ihrer beider Vater zwar inhaltlich im Kern durchaus zu – auch wenn sie sich deutlich kürzer gefasst hätte – sah die ihn betreffende Ablehnung in Weiden aber deutlich nüchterner und differenzierter. Ihr war sehr wohl bewusst, dass Wallbrord, ob gewollt oder ungewollt, mit seinen damaligen Taten und seinem Auftreten seinen Teil zu seinem unfreiwilligen Abgang aus dem mittnächtlichen Herzogtum samt dort ramponiertem Ruf beigetragen hatte. Und mit dem Hinweis, dass ihrer beider Vater am Ende seines Lebens – und mit seinem Testament auch darüber hinaus – alles andere als ‚freundlich‘ zu seinem Sohn gewesen war, traf Emmeran zwar ihrer Ansicht nach mitten ins Schwarze, aber zugleich auch einen wunden Punkt in der Gefühlslage seines Neffen, wodurch er dessen Zorn ungewollt nur noch mehr befeuert hatte.

Ugdalf realisierte unterdessen, dass er sich mehr und mehr in Rage geredet hatte, daher nutzte er eine kurze Pause, um einen Schluck Wein zu trinken und seine Stimme wieder etwas zu beruhigen beziehungsweise zu senken.

Just diese Pause nutzte Emmeran, um mit hörbar gereiztem Unterton in die beabsichtigte Fortsetzung der Rede seines Neffen hinein zu grätschen. „Nein!“, meinte er schlicht. „Nein, das alles zählt in der Tat nicht. In Weiden interessiert das niemanden einen Scheißdreck. Wenn Ihr auch nur den Hauch einer Ahnung davon hättet, wie die Dinge bei uns laufen, wüsstet Ihr das. Dann müsste ich Euch jetzt nicht erklären, dass Orden, Plaketten, lobende Erwähnungen und hübsche Titel von der Hand anderer Herrscher – möge es auch dreimal die Kaiserin gewesen sein – niemals ein Unrecht gutmachen können, das unserem Herzogtum und seinen Menschen wiederfuhr. Dazu hätte Euer Vater schon heimkommen und es bei uns versuchen müssen. Aber die Eier hatte er ja nicht!“

Der Trutzer Graf starrte den jungen Perricumer Offizier aus lodernden Augen an und Yalagunde nahm mit leichter Beunruhigung das Mahlen seiner Zähne in der kurzen Atempause wahr. Auch die Tatsache, dass der Griff seiner Linken um den Schwertknauf sich während Ugdalfs Ansprache deutlich verstärkt hatte, schürte nicht gerade Hoffnung in ihr.

„Im Übrigen habe ich nichts zu erläutern vergessen, junger Mann, Ihr scheint mir nur nicht richtig zugehört zu haben“, knurrte Emmeran, bevor einer der anderen Anwesenden auch nur einen Pieps von sich geben konnte. „Ich sagte: UNSERE HERZOGIN HAT EUREM VATER NAMEN UND WAPPEN GELASSEN, UM SEIN EH SCHON BESCHÄDIGTES ANSEHEN NICHT RESTLOS ZU ZERSTÖREN.“ Er betonte jedes einzelne Wort überdeutlich, damit diesmal auch ja nichts überhört werden konnte. „Wenn Ihr glaubt, sie wollte ihn rehabilitieren, irrt Ihr. Sie hat ihn aus falscher Loyalität zu einem Verwandten heraus geschont, der das nicht mehr verdiente – und ganz sicher im festen Vertrauen darauf, dass er selbst weiß, was gut und richtig ist. Dass es sich nicht geziemt, Namen und Zeichen eines Herrscherhauses zu führen, dessen Land und Volk man verraten hat. Leider scheint die Erkenntnis Euren hohen Herrn Vater nie eingeholt zu haben. Ihr dürft mir glauben, dass ich seinerzeit mannigfach versucht habe, ihn zur Einsicht zu bewegen. Er hatte aber nicht die Größe, von dem Ansehen zu lassen, das es ihm einbrachte. Ich hoffe, bei Euch auf mehr Verstand zu treffen!“

Ugdalf konnte während der harschen Gegenrede seines Onkels nur mühsam die Fassung bewahren. Für einen kurzen Moment war er gar versucht, ihn für seine unverschämten Worte zu fordern. Aber auch so war die Gefühlslage des Obersten für die übrigen Anwesenden nur allzu offensichtlich: Der fast schon hasserfüllte Blick, mit dem er den Grafen bedachte, die zu einem Strich zusammengepressten Lippen sowie die Hände, welche die Armlehnen des Stuhls wie Schraubstöcke umklammerten, sprachen Bände.

„Wenn Ihr mit der gleichen Ausdrucksweise wie mir gegenüber versucht haben solltet, meinen Herrn Vater ‚zur Einsicht zu bewegen‘“, begann Ugdalf schneidend, „dann wundert es mich nicht, dass er nicht geneigt war, Euch zuzuhören, geschweige denn zu einer Übereinkunft mit Euch zu kommen. Und Ihr verwendet ein so großes Wort wie ‚Verrat‘ äußerst leichtfertig; unter anderen Umständen hätte ich Euch dafür ... aber lassen wir das. Und überhaupt: Welche Eide soll mein Vater denn gebrochen haben, dass Ihr glaubt, ihn eines der schwersten Verbrechen überhaupt bezichtigen zu können?“

„Er hat seine Familie verraten und damit auch ihr Land“, zischte Emmeran in die Worte seinen Neffen hinein. „Alles, wofür das Haus Löwenhaupt steht, wofür wir seit jeher kämpfen und bluten. Das Wissen darum saugt ein jeder von uns mit der Muttermilch auf. Da brauchen keine Eide drauf geschworen zu werden. Das liegt in der Natur der Sache. Auch das wüsstet Ihr, wenn der Mann Euch im rechten Sinne erzogen hätte und unseren Namen mit der rechten Haltung getragen hätte!“

„Tatsächlich? Warum haben dann weder Euer beider Mutter noch Eure jüngste Schwester Frau Tsaja diese Einschätzung je geteilt, sondern, wie ich aus eigener Erfahrung und Beobachtung weiß, stets auf sehr gutem Fuß mit meinem Vater gestanden? Gibt Euch das nicht zu denken? Sollte man in einer Familie nicht füreinander ein- und einander beistehen? Wo ist Eure Einsicht? Und jetzt, wo er tot ist, versucht Ihr Euren Zwist mit seinen Kindern fortzuführen! Warum? Und wie schon vorhin erwähnt: Ihr hattet beim jüngsten Familientreffen in Meilingen aus Anlass der Neuregelung der dortigen Erbfolge eine sehr gute Gelegenheit, Euch mit eurem Bruder – sozusagen auf neutralem Grund – auszusprechen, doch zogt ihr es vor, daheim zu bleiben. Was sagtet Ihr vorhin noch mal über Eier ... ?“ Mit einer Mischung aus Zorn und Trotz blickte der Oberst seinen Onkel direkt in die Augen.

Selinde legte, in der vagen Hoffnung, dieser möge die Geste bemerken und sich zumindest ein wenig beruhigen oder mäßigen, ihre Hand auf die ihres Bruders, doch war Ugdalf während seiner Rede so sehr auf Emmeran fixiert, dass er seine Schwester gar nicht wahrzunehmen schien. Fieberhaft suchte die Baroness nach einer Möglichkeit, diesen verbalen Schlagabtausch zu unterbrechen, ohne einen der beiden Streithähne vor den Kopf zu stoßen und so die Lage noch weiter zu verschlimmern. Allein, ihr wollte partout nichts Rechtes dazu einfallen.

„Wallbrod war nicht mehr Familie und es gab auch nichts, worüber ich noch mit ihm hätte reden müssen! Der Mann war tot für mich, und zwar schon seit vielen Jahren“, erwiderte Emmeran unterdessen mit Grabesstimme. Für den Moment wirkte er erstaunlich ruhig, doch Yalagunde wusste, dass der Eindruck täuschte. Sie sah, wie die linke Hand ihres Gemahls sich um den Griff seines Schwertes erst öffnete und dann wieder schloss – so fest, dass die Haut weiß über den Knöcheln spannte. Sie sah auch, dass die Rechte zuckte. In Richtung der Handschuhe, die unter seinem Gürtel steckten. Die Grafengemahlin schloss die Augen und seufzte leise. Am liebsten hätte sie sich im Anbetracht des drohenden Ausbruchs auch die Ohren zugehalten, aber das wäre dann doch ein bisschen zu auffällig gewesen.

„Und was meine Eier betrifft“, knurrte der Graf der Heldentrutz mit einer Stimme, die Donnergrollen glich – dräuend und leise anlief, sich jedoch rasch zu einem markerschütternden Dröhnen steigerte. „Bist du des Wahnsinns, Balg? Mir damit zu kommen? Weißt du eigentlich, mit wem du hier redest? Ich bin der Herrscher der Heldentrutz, Graf, Vetter der Herzogin und ein Weidener Ritter, nicht einer dieser befehlsempfangenden Speichellecker, die jeden Tag ihren würdelosen Dienst unter dir verrichten und sich derartige Frechheiten bieten lassen müssen. Wenn du glaubst, derlei von dir geben zu können, ohne dass ich dich hernach übers Knie lege und dir den Benimm einprügle, den dein Vater zu vermitteln offenbar versäumte, bist du ein noch größerer Hornochse als gedacht!“

Yalagunde öffnete die Augen wieder, um einen prüfenden Blick in das Gesicht des so Gescholtenen zu werfen. Das wurde erst kreideblich vor Entsetzen und dann puterrot vor Zorn. Kurz starrte Ugdalf seinen Onkel fassungslos an und schnellte dann hoch, einfach weil er sich in diesem Moment der Entrüstung nicht auf seinem Stuhl halten konnte. Der Oberst stand noch nicht richtig, als Emmeran gleichzog: Nicht rasch, sondern geradezu grotesk langsam erhob er sich von seinem Stuhl und wuchs und wuchs dabei in die Höhe, bis er seinen Neffen fast um Haupteslänge überragte. An seiner Schläfe pulste eine dicke Ader und in die Augen funkelte ein beinahe wahnhafter Zorn.

Mit zunehmendem Entsetzen verfolgte Selinde dieses immer weiter eskalierende Kräftemessen von Onkel und Neffe. Der Punkt, an dem beide Seiten noch ohne Gesichtsverlust hätten zurückstecken können, war ihrer Meinung nach längst überschritten. Jetzt gab es, so sah es jedenfalls die Baroness, für die beiden Männer in ihrem verbohrten Stolz und verqueren Ehrgefühl nur noch die Möglichkeit, ihren Disput durch schiere Gewalt zu beenden. Dies wollte die Perricumerin jedoch unbedingt verhindern. Sie war gerade im Begriff, aufzustehen und sich zwischen die beiden Streithähne zu stellen, als sich die Situation schlagartig noch einmal änderte.

„Ich werd dir deine krummen Hammelbeine langziehen, du Mis...“, knurrte Emmeran just, doch dann ging die Tür plötzlich auf.

Ein Mann mit polierter Glatze, Dreitagebart und schüchternem Grinsen steckte seinen Kopf herein: „Tante Gundi?“ Er verharrte kurz, ehe er in den Raum stürzte, seine Arme ausbreitete und freudig auf Yalagunde zutrat.

Ugdalf und Selinde waren für einige Momente schlichtweg sprachlos. Zu surreal erschien ihnen die neue Situation, wie einem äußerst schlechten Hellerroman. Selinde gewann als Erste die Fassung wieder und trat an die Seite ihres Bruders, um ihn besser von etwaigen Torheiten abhalten zu können. Diese Sorge schien nicht ganz unbegründet, denn kaum hatte auch Ugdalf seine Überrumpelung abgeschüttelt, bedachte er seinen Onkel wieder mit finsteren Blicken. Er schaffte es aber, wenn auch sichtlich bemüht, in Gegenwart dieses merkwürdigen Neuankömmlings Haltung zu bewahren.

Yalagunde erhob sich unterdessen ebenfalls. Sie dachte keinen Augenblick darüber nach, wie bizarr die Situation war. Wie seltsam es war, dass ihr Neffe Drego verfrüht von der Feier in Rallerspfort zurückkehrte und ausgerechnet in diesem Moment in den Raum platzte. Die Luringen folgte ihrem Instinkt, öffnete die Arme und hieß den Grafen von Reichsforst willkommen.

„Wie lange ist das her?“, fragte der, als er sie aus seiner Umarmung entließ. „Bei Peraine, da hatte ich noch Haare! Oder hatte ich überhaupt schon einen Bart? Mensch, ist das schön, dass Ihr Eure Familienfeier hier bei uns macht. Mutter wird sich auch wahnsinnig freuen, wenn Ihr nachher zum Essen kommt. Wir haben übrigens den schönen Raum in Alderans Turm für Euch herrichten lassen. Vater hat immer gesagt: ‚Das ist der einzige Raum in der Burg, der immer Sonne hat, wenn sie scheint!‘ Ach, Vater ... du hast ihn wohl auf ‘nem Hoftag das letzte Mal getroffen, oder? Oh – wie unhöflich, Onkel Emmi...eran! Ich bin’s doch, dein Neffe Drego. Oh, ich kann gar nicht aufhören zu reden, so sehr freue ich mich!“
 
Drego holte das erste Mal richtig Luft und gab seinem Besuch Gelegenheit zur Antwort – nur dass die ausblieb. Es herrschte Totenstille im Raum und alle starrten ihn an, als sei er ein mehrfach gehörnter Dämon statt des gutgelaunten Neffen Yalagundes.

„Es freut mich auch sehr“, meinte die etwas lahm, als sie sich nach einem Moment des stummen Ringens wieder fasste. „Freut mich sehr, dich zu sehen, mein Lieber. Und wir müssen uns unbedingt unterhalten. Später. Wenn wir mit dieser Unterredung fertig sind.“

„Oh ... störe ich etwa?“, fragte Drego halb bestürzt, halb ungläubig. Ein bisschen so, als könne er sich das beim besten Willen nicht vorstellen.

„Nein, Drego, du störst nicht. So würde ich das nicht nennen“, wandte Yalagunde beschwichtigend ein. „Es ist nur so, dass wir gerade eine wichtige Familienangelegenheit zu klären haben. Eine löwenhauptsche, keine, die das Haus Luring betrifft. Ich gelobe aber, dass wir heute Abend genug Zeit haben werden, uns auszutauschen.“ Sie lächelte und nickte verbindlich, während Emmeran ein dumpfes Grollen ausstieß, das ihre freundlichen Worte ad absurdem führte. Der Graf der Heldentrutz sah aus, als hätte er seinem Neffen am liebsten den Hals umgedreht – und das sicher nicht zuletzt, weil der gerade drauf und dran gewesen war, ihn vor seiner unliebsamen Perricumer Verwandtschaft „Emmi“ zu heißen.

Bevor die Situation noch unmöglicher werden konnte, erschien ein schöner Mann von Mitte Vierzig in der Tür – elegant gewandet, höfisch geschult und sehr gerade –, um den Reichsforster Grafen an die Verpflichtungen zu erinnern, die es nach seiner Rückkehr an den Hof als Erstes zu erfüllen galt.

Selinde nutzte diese kurze Gesprächspause, um Ugdalf und sich selbst Graf Drego angemessen vorzustellen. Immerhin waren sie auf seiner Burg zu Gast und eine solche Vorstellung allein darob schon ein Gebot der Höflichkeit. Ugdalf beließ es bei einer Verbeugung, schwieg ansonsten aber weiterhin. Seine Schwester war darüber zwar nicht glücklich, sich aber in Anbetracht der noch vor wenigen Momenten herrschenden Umstände darüber im Klaren, dass ihr Bruder derzeit für eine freundliche Plauderei ganz und gar nicht zu haben war.

„Ach ja, ich muss ja ... wichtig, wichtig“, meinte Drego da. „Das ist übrigens Ritter Rudon von Zwillingsstein, unser Schwertmeister hier auf Luringen und Landvogt der Luringer Lande. Wenn sich dein bester Schwertkämpfer eine Lektion abholen möchte, Onkel Emmeran, dann ist Rudon dein Mann!“
 
„Ich denke, Hochwohlgeboren, dass Euer Onkel diesen Vorschlag gewiss bedenken wird, sobald seine dringenden Familienangelegenheit es erlauben“, hob Rudon an. „Kön... ?“
 
„Ich finde, jetzt ist ein guter Zeitpunkt“, fiel Yalagunde dem Schwertmeister einer plötzlichen Eingebung folgend ins Wort. Das Gespräch mit Ugdalf und Selinde hatte eine grundfalsche Wendung genommen, daran gab es nichts zu deuteln. Sinnlos, es in der jetzigen Besetzung fortführen zu wollen. Sobald Drego den Raum verließ und Emmeran sich daran erinnerte, was vor dem überraschenden Auftauchen ihres Neffen geschehen war, würde die Situation eskalieren – und das galt es unbedingt zu verhindern! Also schenkte sie Ritter Rudon ein strahlendes Lächeln und hoffte, dass er begriff, was sie von ihm wollte. „Da mein Gemahl sein eigener bester Schwertkämpfer ist, würde ich vorschlagen, Ihr nehmt ihn mit, um ihm Euer Können zu zeigen.“ Yalagunde räusperte sich leise und deutete auf das Schwert an Emmerans Seite: „Es lag ohnehin in seiner Absicht, sich heute noch im Kampf zu üben.“

Nachdem das gesagt war, richtete sie das Augenmerk auf ihren Mann, der sie erst ungläubig anstierte und dann ein ungehaltenes „Was soll das?“ zischte.

„Ich verspreche, dass Ihr späterhin noch Gelegenheit haben werdet, Euren Hader mit Herrn Ugdalf beizulegen, Hochwohlgeboren“, säuselte sie, während sie versuchte, Emmeran mit einem stählernen Blick klarzumachen, dass dies der Zeitpunkt war, an dem sie die Verhandlungen übernahm. Sie hatten diese Möglichkeit vorher schon theoretisch erörtert. Schließlich wusste sie, wie schwierig Streitgespräche mit ihrem Gemahl mithin wurden und war es gewöhnt, an besonders heiklen Stellen zu übernehmen oder hinterher die Scherben aufzukehren. In diesem Fall würde wohl beides nötig sein. Aber im Anbetracht der Bedeutung dieser Unterredung war sie bereit, die Mühe auf sich zu nehmen. „Die Standpunkte sind ausgetauscht, oder nicht?“, fügte sie an. „Lass mich nunmehr nach einem Kompromiss suchen, den ich dir dann übermittle und der natürlich nur mit deiner Zustimmung gültig werden kann.“

Emmeran verzog das Gesicht zu einer unzufriedenen Grimasse und schien geneigt, abzulehnen, als der Zwillingssteiner Yalagunde zur Seite sprang. „Es wäre mit eine Ehre, Hochwohlgeboren!“, sagte er, während sie den Göttern für seine rasche Auffassungsgabe dankte. Danach ging es noch ein paarmal hin und her und schließlich fügte sich Emmeran brummend in sein Schicksal. Allerdings nicht, ohne Ugdalf noch einen flammenden Blick zuzuwerfen: „Wir beide sind noch nicht fertig miteinander, klar?!“

Daraufhin umarmte Drego seine Tante noch einmal herzlich, ehe er zu seinen Verpflichtungen verschwand und Schwertmeister wie Onkel mit sich nahm. Im Flur hörte man ihn bereits ein Liedchen pfeifen, ein fröhliches Jagdlied – und Yalagunde konnte nicht anders, als nahezu unmerklich den Kopf zu schütteln. Es dauerte allerdings nur ein, zwei Herzschläge, bis sie Ugdalf und Selinde ins Auge fasste. „Reden wir“, meinte sie bestimmt, wartete aber erst noch ab, ob einer der beiden nach den Geschehnissen von eben irgendein bestimmtes Anliegen hatten, das es zu klären galt, bevor sie in das eigentliche Gespräch einstiegen.
 
Selinde war nicht entgangen, wie geistesgegenwärtig und zugleich elegant Yalagunde ihren Gemahl gewissermaßen hinauskomplimentiert und somit das Ihre dazu beigetragen hatte, diese kurz zuvor noch hoffnungslos verfahren erscheinende Zusammenkunft neu zu beleben. Zeit, es ihr gleichzutun. Ein Gespräch unter vier Augen erschien der Baroness allemal erfolgversprechender.

Sie begab sich erneut zur Anrichte, diesmal, um ihr Glas mit einem Almadaner Roten zu füllen. Auf dem Weg zurück schien sie jedoch zu stolpern, sodass sich der edle Tropfen über Ugdalfs Wappenrock ergoss. „Wie ungeschickt von mir“, rief sie. „Bitte entschuldige, Bruder. Und wenn wir schon eine unfreiwillige Unterbrechung einlegen müssen, können wir uns auch gleich bis zum Abendessen vertagen, oder nicht? Geh’ schon mal vor, ich möchte unsere Tante noch kurz etwas zu ihrem Kleid fragen, bevor ich mich ebenfalls zurückziehe.“

Der Angesprochene schüttelte missbilligend den Kopf: Offenbar hatte Selinde nicht begriffen, dass es hier nicht um modische Torheiten, sondern um Ehre und Zukunft der Familie ging! Wen interessierten da irgendwelche Kleider? Dem Oberst war jedoch zwischenzeitlich die Lust am Diskutieren vergangen, weshalb er sich lediglich mit einem knappen „Bis nachher“, gefolgt von einer kurzen Verbeugung in Richtung seiner Tante, verabschiedete.

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, wandte sich Selinde mit einem Lächeln an Yalagunde. „Ich hoffe, Ihr verzeiht mir mein kleines Schauspiel, doch leider bot sich mir nicht die Möglichkeit, meinen Bruder so elegant hinauszubefördern, wie Ihr es bei Eurem Gemahl konntet. Ich denke, die Abwesenheit der beiden Herren kann uns nur zum Vorteil gereichen. Und nun möchte ich Euren Vorschlag aufgreifen: Reden wir! Bis zum Abendessen sollten wir hoffentlich ungestört sein. Möchtet Ihr noch etwas zu trinken?“

„Ich habe noch, vielen Dank“, meinte Yalagunde und deutete mit einer vagen Geste auf ihren Pokal, während der Blick auf der geschlossenen Tür ruhte. Einen Moment schien sie ganz in Gedanken, dann wandte sie sich Selinde zu und lächelte mild.

„Ich hatte gehofft, es reicht, einen der beiden aus dem Raum zu entfernen“, meinte sie. „Doch Ihr kennt Euren Bruder besser als ich. Wenn sein Gemüt stets so hitzig ist, wie ich es gerade erlebt habe, will er meine Worte vermutlich genauso wenig hören wie die meines Herrn Gemahls. Ich muss Euch warnen: Inhaltlich werden sie sehr wahrscheinlich nicht wesentlich anders sein. Aber in der Form.“ Sie griff nach dem Weinpokal und genehmigte sich einen Schluck. „Macht Ihr doch bitte den Anfang, Hochgeboren. Erzählt mir, was Euch und Euren Bruder mit dem Herzogtum Weiden und seinem Herrscherhaus verbindet, dass der Name Löwenhaupt Euch so viel gilt. Ich habe Euch nie in der Mittnacht gesehen und von Besuchen bei der Verwandtschaft ist mir auch nichts bekannt ...“

„Lasst es mich so sagen, geschätzte Tante“, sprach Selinde mit einem weiterhin leicht verschmitzt wirkenden Lächeln, „Ich denke, wir können ohne die beiden Herren weitaus eher und vor allem mit geringerer Lautstärke zu einer Übereinkunft kommen. Außerdem bietet ein Vier-Augen-Gespräch viel mehr, sagen wir, Möglichkeiten, Dinge offen auszusprechen und zu erörtern, als dies in der bisherigen Konstellation möglich wäre, ohne dass es wieder zu einem zumindest verbalen Schlagabtausch käme, der jede mögliche Einigung womöglich schon früh zunichtemachte.“ Die Baroness legte eine kurze Pause ein, um sich zu setzen und einen Schluck zu trinken, bevor sie wieder das Wort ergriff.

„Ich erwarte von Euch keine andere Sichtweise der Dinge, als sie Euer Gemahl hegt, so wie auch ich in den wesentlichen Punkten im Kern einer Meinung mit meinem Bruder bin, was Euch, denke ich, ebenfalls nicht überraschen dürfte. Es stimmt: Meinen Bruder und mich verbindet mit dem mittnächtlichen Herzogtum mittlerweile kaum noch etwas. Aber ist dies verwunderlich? So wie man unseren Vater dort – ob nun zu Recht oder Unrecht, sei einmal außen vor gelassen – nicht erst seit seiner Demission als Marschall geschmäht und zum Namenlosen gewünscht hat? Und mein Bruder erfuhr von diversen Weidener Adligen bei verschiedenen Anlässen, etwa Hoftagen und Turnieren, eine ähnliche Behandlung, ohne dass er selbst sich in Bezug auf das Herzogtum oder das Haus Löwenhaupt jemals etwas hätte zuschulden kommen lassen.“

Ein bitterer Zug umspielte Selindes Lippen. „Warum also hätten wir die Mittnacht besuchen sollen, wenn wir dort offensichtlich nicht willkommen sind? Man mag von meinem Vater und seinem damaligen Tun halten, was man will, aber warum sollen seine Kinder dessen tatsächliche oder vermeintliche Schuld teilen? Und damit komme ich dann zum zweiten Teil Eurer Frage: Warum sollten mein Bruder und ich den Namen Löwenhaupt ablegen? Wir haben ihn, korrigiert mich bitte, wenn ich da etwas übersehe, immer in Ehren gehalten und ihm niemals Schande bereitet. Warum muss man die Stammprovinz eines Adelshauses mehr oder minder regelmäßig besuchen, um so einen Namen weiterführen zu dürfen? Nehmt das ehrwürdige Haus Ehrenstein: Dessen Mitglied Graf Brandil ist seit vielen Götterläufen Herr der almadanischen Grafschaft Ragath weitab vom tobrischen Stammland der Familie. Oder nehmt die Familie meiner Mutter, das Haus vom Berg. Auch da ist mir kein Fall bekannt, wo jemand diesen Namen hätte ablegen müssen, weil er sich seit einem längeren Zeitraum nicht mehr in den nordmärkischen Stammlanden aufgehalten hätte. Derlei Beispiele mag es gewiss noch so einige geben. Warum erwartet man dergleichen nun von Ugdalf und mir?“

Erneut machte die Adlige eine Pause, um etwas zu trinken. „Und was wir ebenfalls nicht so recht verstanden haben: Warum hat unser Onkel, Euer Gemahl, um dieses Treffen, nun ja, gebeten und nicht Herzogin Walpurga als Familienoberhaupt? Wäre es nicht an ihr gewesen, in dieser Sache eine Klärung herbeizuführen? Das soll mitnichten eine Kritik an Euch und Herrn Emmeran sein, sondern eine reine Verständnisfrage.“

Deutlich verbindlicher und wieder mit einem leichten Lächeln auf den Lippen fuhr die Baroness schließlich fort: „Mir ist bewusst, dass ich jetzt sehr viel geredet habe, aber dies erschien mir angebracht, um Euch meine Sicht der Dinge zu meines Onkels Anliegen und Ausführungen adäquat darlegen zu können, damit Ihr sie besser einschätzen respektive nachvollziehen könnt. Es mag Euch vielleicht an dieser Stelle überraschen, aber ich bin dennoch bereit, Euch in der Frage der Familienzugehörigkeit im Allgemeinen und des Namens im Speziellen entgegenzukommen, unabhängig davon, ob ich die Gründe Eures diesbezüglichen Vorstoßes teile oder auch nur nachzuvollziehen vermag. Ich bin guter Dinge, dass es uns beiden gelingen wird, diese alte aber offenbar immer noch schwärende Wunde zu schließen, die in besonderem Maße unsere Männer zu plagen scheint. Wichtig ist nur, dass eine etwaige Übereinkunft für alle Beteiligten akzeptabel, endgültig und vor allem gesichtswahrend ist.“

„Frau Walpurga hätte niemals um ein Treffen gebeten, Liebes. Sie hätte Euch einbestellt, um ihre Entscheidung in dieser Sache zu verkünden. Ohne Verhandlungen. Und als Oberhaupt der Familie hätte sie sich damit in den Grenzen des Zulässigen bewegt, das wisst Ihr so gut wie ich“, meinte Yalagunde ruhig. Sie fing von hinten an, doch Selinde war klar, dass sie auch noch zum ersten Teil der Rede kommen würde. Die Miene der Grafengemahlin hatte nämlich am Anfang schon verraten, dass es ihr schwerfiel, die Baroness ausreden zu lassen. „Dass mein Gemahl und ich hier sind, um einen solchen Eklat zu verhindern, ist ein Zugeständnis des engeren Familienkreises. Selbst wenn es auf den ersten Blick nicht so wirken mag. Denn auch dies ist Fakt: Frau Walpurga wird nicht immer Herrscherin der Mittnacht bleiben. Ihr Erbe ist ein Mann, und wie Ihr gerade schon ganz richtig feststelltet, kämpfen vor allem die mit den Wunden, die in der Vergangenheit geschlagen wurden.“

Mehr sagte Yalagunde nicht, sondern überließ es Selinde, ihre Schlüsse aus den bisherigen Worten zu ziehen. Dafür machte sie eine kurze Pause und nippte an ihrem Wein, während sie die Nichte ihres Gatten nicht aus den Augen ließ.

„Natürlich muss man nicht in der Provinz bleiben, aus der ein Name stammt, um diesen tragen zu dürfen“, führte sie dann aus. „Aber es wäre wünschenswert, dass man in dieser Provinz – oder doch wenigstens bei den Namensvettern – wohlgelitten ist. Sonst hält man ein Band aufrecht, das für beide Seiten nichts als Qual bedeutet. Mir ist nicht entgangen, dass Euer Bruder angefeindet wird, Selinde. Das ließe sich jedoch leicht abstellen, indem er sich vom Namen Löwenhaupt trennt. Sobald dies der Fall ist, wird nämlich kein Weidener mehr einen Anlass haben, Unmut zu äußern. Denn allein darum geht es: Dass Euer Familienzweig den Eindruck erweckt, es würde eine enge Verbindung zum Herrschergeschlecht der Bärenlande bestehen. Was nicht mehr der Fall ist, seit Euer Vater der Familie schwere Schande bereitete und fürderhin in Weiden nicht mehr erwünscht war.“

Die Luring hob beschwichtigend die Hand, als sie sah, dass sich in ihrer Gesprächspartnerin Widerspruch regte. „Lasst mich ausführen.“ Sie suchte einen Moment nach Worten. „Ihr seid nie in Weiden gewesen und wisst offenbar nicht, wie das Leben dort läuft. Was wichtig ist und was nicht. Es unterscheidet sich bestimmt stark von dem, was Ihr kennt. Bei mir war es jedenfalls so.“ Sie lächelte die Baroness an. „Titel etwa interessieren in der Mittnacht kaum jemanden. Familie und Ehre hingegen stehen über allem. Ihr macht Euch vermutlich keine Vorstellung davon, wie eng beides verzahnt ist. Wenn einer fehlgeht, wird die Schmach auf alle Schultern verteilt. Die Weidener sind Großmeister in Sachen Sippenhaft – und nicht zuletzt deshalb stets so bemüht, sich ehrenvoll zu betragen. Sie wollen nicht nur ihren Ruhm, sondern den der ganzen Familie mehren, die im Zweifel voller Stolz auf ihre Ahnen blickt.“

Yalagunde machte eine kurze Pause und sah ihrem Gegenüber dann direkt in die Augen: „Euer Vater, Selinde, hat seinerzeit fast 300 Ritter in den Tod geführt und wollte das Herzogtum danach dem Feind preisgeben. Damit hat er nach herrschender Meinung in Weiden, nicht nur seine eigene Familie verraten, sondern auch Tausende andere Familien. Familien, die bis zum bitteren Ende gekämpft und schmerzvolle Verluste eingefahren haben. Die Überlebenden und ihre Nachfahren werden niemals vergessen, was passiert ist. Dabei ist irrelevant, ob Herr Wallbrord gehandelt hat, wie es sich für einen kaiserlichen Marschall geziemt oder nicht. Wie ich schon sagte: Titel interessieren nicht. Es zählt die Familie, es zählen Ehre und Treue und die Liebe zur Heimat. Ich muss Euch nicht erklären, wie die Geschehnisse von damals selbst heute noch wirken, wenn man sie von diesem Standpunkt aus betrachtet?!“

Yalagunde drehte ihren Pokal gedankenverloren in der Hand. „Es dauert mich sehr, dass Ihr nun die Leidtragenden seid, aber daran wird sich unter den gegebenen Umständen niemals etwas ändern. Herr Wallbrord ist nicht in die Heimat seines Vaters zurückgekehrt, um zu sühnen, und ihr könnt seine persönliche Schuld nicht aus der Welt schaffen. So gut wie niemand in der Mittnacht versteht, warum er im Anbetracht der orkischen Übermacht entschieden hat, wie er entschied. Ferner hat Herr Wallbrord die Bande nicht selbst gekappt, was nach Weidener Maßstäben der einzig ehrenhafte Weg gewesen wäre, den Konflikt beizulegen. Indem er an der Verbindung festhielt und indem ihr dieses Erbe nun fortführt, ist der Name der Herzogenfamilie dauerhaft bemakelt. Das ist nichts, was irgendjemand in den Bärenlanden auf die leichte Schulter nimmt – oder jemals nehmen wird.“

Die Grafengemahlin hob die Schultern und schenkte Selinde ein verbindliches Lächeln: „Ihr sprecht davon, dass es eine gesichtswahrende Lösung geben muss. Und ich gebe Euch Recht. Die kann aber niemals darin bestehen, dass ihr auf Namen und Wappen beharrt, denn beides schmälert das Ansehen Euer Weidener Verwandtschaft und ist mithin das Gegenteil von gesichtswahrend. Lasst uns nun darüber sprechen, was wir Euch geben müssen, damit ihr von beidem lasst.“


Trotz und Einsicht

Burg Luring in Gräflich Luring, Königreich Garetien
Ende Rondra 1041 BF

Gut drei Stunden hatten die beiden Frauen miteinander gesprochen. Es wurde intensiv diskutiert sowie hin und her argumentiert. Vorschläge wurden unterbreitet, wieder verworfen und durch andere ersetzt. Sogar gänzlich neue Ideen wurden entwickelt, dann gar ein wenig gefeilscht und am Ende war es geschafft: Ein Kompromiss war gefunden, der für Yalagunde und Selinde gleichermaßen annehmbar war, und diesen unseligen Zwist ein für allemal beenden könnte.

Jetzt galt es nur noch, Gemahl und Bruder davon zu überzeugen ...


***

Als Selinde Ugdalf in seiner Kammer aufsuchte, um ihn über das Gespräch mit der Gattin ihres Onkelsund die dabei erzielte Übereinkunft zu informieren, war der Baroness von vornherein klar, dass sie ihn damit gegen sich aufbringen und anschließend alle Hände voll zu tun haben würde, ihn von der Sinnhaftigkeit der gefundenen Lösung zu überzeugen. Dennoch traf sie die Heftigkeit seine Reaktion sehr. Ugdalf war bei ihrem Bericht puterrot angelaufen und musste alle Beherrschung aufwenden, um nicht loszubrüllen oder irgendetwas zu zerschlagen, um so seine Wut abzubauen. Sein Zorn, der diesmal ihr und nicht Emmeran galt, war ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben, ebenso die Enttäuschung, von seiner Schwester hintergangen worden zu sein.

„Das ist nicht Dein Ernst, Selinde! Du lockst mich mit Deiner kleinen Scharade aus dem Salon, um hinter meinem Rücken mit Tante Yalagunde diesen Unsinn auszubrüten und erwartest nun allen Ernstes von mir, dass ich diesem halbgaren Mist auch noch zustimme? Wie konntest Du mich nur so hintergehen und Dich selbst dermaßen über den Tisch ziehen lassen? Bedeuten Dir denn unser Name, unsere Familie gar nicht? Bedeute ich Dir nichts? Du bist wirklich eine einzige Enttäuschung für mich!“

Selinde hatte gerade der letzte Satz ihres aufgebrachten Bruders sehr getroffen, rührte er doch an einer alten, aber immer noch schmerzenden Wunde. Die Baroness war kurz davor, Ugdalf ebenfalls ein paar geharnischte Bemerkungen an den Kopf zu werfen, unterdrückte dies aber. Sie durfte sich nicht aus der Fassung bringen lassen, wenn sie ihren Bruder zur Annahme des Kompromisses bewegen wollte. Und letztlich konnte die Adlige seinen Ärger ja auch verstehen, schließlich hatte sie ihn tatsächlich hintergangen, mit den besten Absichten zwar, aber doch hintergangen.

„Glaubst Du wirklich“, begann Selinde leise und dabei sehr ruhig wirkend, dass Du und Onkel Emmeran auch nur im Ansatz eine Übereinkunft hättet erzielen können, die nicht von Geschrei, Zorn und womöglich gar Blutvergießen geprägt gewesen wäre? Die die ohnehin schon tiefen Gräben nicht noch weiter vertieft und verbreitert hätte? Ugdalf, wir haben beide Familie: Willst Du diesen schwelenden Zwist wirklich weiter bestehen und von Zeit zu Zeit immer wieder hochkochen lassen? Du magst dies aushalten, ich jedoch bin dieses Konflikts müde. Soll er tatsächlich zu den Dingen gehören, die wir unseren Kindern hinterlassen wollen? Ich würde ihnen dieses Erbe lieber ersparen.“

Im Antlitz des Obristen schienen ob Selindes Worte nun Ärger und Verstehen, gekränkter Stolz und Einsicht miteinander zu ringen. Ugdalf musste sich auch innerlich erst einen Moment lang sortieren, bevor er, nun deutlich ruhiger, zu einer Entgegnung ansetzen konnte.

„Hm, meinen Kindern möchte ich diesen Hader in der Tat nicht hinterlassen. Und ja, für derlei Verhandlungen bist Du sicherlich weit eher geschaffen als ich, wie ich zugeben muss. Dennoch: Du hättest mich hier nicht übergehen dürfen. Aber das werde ich, sofern es nicht wieder vorkommt, verschmerzen können. Ich bleibe aber weiter dabei, dass Du uns zu billig verkauft hast.“

Die Baroness nickte kurz, nahm die Hände ihres Bruders und sah ihm fest in die Augen. „Ugdalf, es tut mir wirklich leid und ich hoffe, Du nimmst meine Entschuldigung an. Ich weiß und verstehe sehr wohl, wie sehr ich Dich verletzt habe. Aber ich sah vorhin einfach keinen anderen Weg als den, unter vier Augen mit Tante Yalagunde zu verhandeln und mit ihr allein eine Lösung für diesen vermaledeiten Konflikt zu finden. Und da ich Dich ja nicht einfach rausschicken konnte, griff ich zu dieser kleinen List. Und nein, ich werde Dich nicht noch einmal dergestalt vor den Kopf stoßen, dessen sei versichert.

Das Ergebnis der Unterredung ist übrigens auch für mich nicht wirklich zufriedenstellend, aber zumindest annehmbar. So ist das halt bei Kompromissen: Wirklich glücklich machen sie die Beteiligten fast nie. Aber was wäre die Alternative? Ein Scheitern der Gespräche hätte vermutlich Herzogin Walpurga auf den Plan gerufen. Die hätte vermutlich nicht verhandelt sondern einfach dekretiert. Dann hätten wir wahrscheinlich gar nichts bekommen. Und dann? Ein langwieriger Rechtsstreit vor dem Reichskammergericht mit ungewissem Ausgang, der beide Seiten blamiert, da dieser Streit dann öffentlich würde? Wem wäre damit geholfen, geschweige denn daran gelegen? Aber unabhängig davon müssen wir ohnehin erst mal abwarten, ob auch Onkel Emmeran die Übereinkunft mitträgt und letztlich die Herzogin davon überzeugen kann. Andernfalls war mein Gespräch mit unserer Tante vorhin nicht mehr als eine nette Plauderei.“

Ugdalf nickte kurz, löste sich von seiner Schwester und schritt schweigend zum Fenster. Die herrliche Aussicht nahm er nicht wahr, sein Blick war nach innen gerichtet. Eine Vielzahl von Gedanken und Eindrücken gingen ihm durch den Kopf, während er im Geiste das bisher Gesagte wie auch die lange Geschichte dieses Familienzwists durchging. Dann, nach einer für Selinde fast endlos erscheinenden Weile, drehte er sich abrupt zu ihr um. „Gut, ich akzeptiere“, sprach er mit ausdruckslosem Antlitz und fast tonloser Stimme, während er sich anschickte, den Raum zu verlassen. „Aber erwarte nicht, dass ich nachher beim Abendessen deswegen in Jubelstürme ausbreche. Und jetzt brauche ich ganz dringend frische Luft!“ Mit diesen Worten verließ der Oberst das Zimmer, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Zurück blieb seine Schwester, die unschlüssig war, ob sie für Ugdalfs Zustimmung mit ihrem Vertrauensbruch nicht einen zu hohen Preis gezahlt hatte.


***

„Das ist zu wenig! Zu wenig, Yalagunde!“, Emmeran schüttelte den Kopf, während die Ader an seiner Schläfe bedrohlich zu pulsen begann.

Die Luring beobachtete es mit einer Mischung aus Unglauben und Resignation. Stundenlang hatte sich ihr Gemahl, der nun wahrlich nicht mehr der Jüngste war, im Schwertkampf geübt. Er wirkte ermattet, fast sogar gelöst, als sie zu ihm in ins Gemach trat. Und dennoch schwoll ihm jetzt schon wieder der Kamm. Woher kam bloß die Energie dazu? Wann würde er endlich ruhiger und weiser werden? Und war ihm eigentlich bewusst, wie sehr er dem jungen Verwandten aus Perricum glich? Mit dem hitzigen Temperament und der unerträglichen Sturheit?

„Ich will diesem anmaßenden kleinen Pisser nichts geben! Gar nichts!“, wetterte ihr Gemahl. „Nicht mal den Namen von Hinterfotzingen oder die Eier eines verfluchten Bären im Wappen! Hast du gesehen, wie der sich aufführt? Hat ihm eigentlich nie jemand beigebracht, wie man sich Menschen gegenüber verhält, die weit über einem stehen? Haben die ihm drüben in Perricum ins Hirn geschissen, oder was? Lässt man sich da etwa so was von Fatzkes wie dem bieten?“
„Wie wäre es, wenn du deine persönliche Betroffenheit mal vom dem trennen würdest, was gut für deine Familie ist? Es geht hier nicht darum, wie sich der Junge dir gegenüber verhalten hat, sondern darum, wie wir einen ewig schwelenden Konflikt aus der Welt schaffen, ohne dabei so viel Rabatz zu machen, dass das ganze Reich davon mitbekommt!“

„Ach ja?“, Emmeran schnaubte wie ein verwundeter Stier und starrte sie aus weit aufgerissenen Augen und mit bebenden Nüstern an. „Ist das so?“

„Jaaaa, so ist das“, erwiderte Yalagunde schnippisch. „Es sei denn natürlich, du möchtest gern, dass das Ganze öffentlich verhandelt wird und die Verfehlungen deines Bruders im Kurse dessen noch mal hervorgekramt und in allen Details breitgekaut werden. Wenn dem so sein sollte, weiß ich allerdings wirklich nicht, was wir hier machen!“

„Wer sagt, dass wir da verhandeln müssten, hum?“

„Walpurga würde niemals oh...“

„Aber Arlan würde!“

„Darf ich dich daran erinnern, dass wir gerade das nicht wollten? Diesen Ärger auf den Schultern der nachfolgenden Generation abladen, die nichts damit zu schaffen hat?“ Yalagunde hob die Brauen. „Glaubst du etwa, Arlan würde unbeschadet aus einem solchen Scharmützel hervorgehen? Dass es gut für seinen Ruf wäre, wenn er versuchte, mit der Brechstange ans Ziel zu kommen, wo wir mit der Pinzette doch gerade schon einen erträglichen Weg zurechtgezupft haben?“

„Erträglich? Für wen?“

„Was für ein Bild würde dein Haus abgeben, wenn dieser Konflikt offen zu Tage träte, Emmeran? Wenn sich die Mitglieder der Weidener Herzogenfamilie eine Schlammschlacht mit der ungeliebten Verwandtschaft aus Perricum liefern müssten? Wo den Weidenern doch kaum etwas so wichtig ist wie familiäre Eintracht und der Zusammenhalt.“ Yalagunde machte eine kurze Pause, in der sie das nachdenkliche Gesicht ihres Gatten aufmerksam beobachtete. „Es würde nicht nur Arlan schwächen, sondern hätte auch Auswirkungen auf Walpurgas Andenken. Und auf uns. Unsere Kinder. Willst du das?“

„Walpurga ... pfffft!“, Emmeran bleckte die Zähne. „Ewig zaudernd. Ach so schwach ... . Mir fehlt die starke Hand ihres Vaters und mir ist gleich, wie man sich ihrer dereinst erinnert!“

„Deine Base will nicht immer mit dem Kopf durch die Wand. Das ist bei Weitem keine schlechte Eigenschaft für eine Herrscherin“, meinte Yalagunde leise. „Und selbst wenn du das anders sehen solltest, kannst du eines von ihr lernen und solltest es schleunigst tun: Das Wohl des Landes und seiner Leute ist wichtiger als der Stolz des Herrschers. Wenn dir das nicht eingängig genug sein sollte, wie wäre es dann hiermit: Es ist wichtiger, eine starke Familie zu haben, die sich mit aller Kraft auf ihre vornehmsten Aufgaben konzentrieren kann, als Recht in einem Streit zu behalten, der schon viele Jahre alt ist und über alle Beteiligten nichts als Unglück gebracht hat!“

Emmeran schnaubte unwillig, aber er erwiderte nichts. Das wertete Yalagunde als gutes Zeichen. Vielleicht war ja doch noch nicht alles verloren ...


***

Zum Abendessen hatten sich Weidener und Perricumer wieder in dem Salon eingefunden, in dem zuvor am Tage gleichermaßen gestritten wie verhandelt worden war. Der Umstand, dass Graf Drego sich aufgrund „anderweitiger Verpflichtungen“ hatte entschuldigen lassen, kam den Anwesenden dabei insgeheim sehr zupass, konnten sie so doch weiter unter sich bleiben und dafür sorgen, dass nicht noch mehr Personen in den Familienzwist hineingezogen wurden – der wohl einzige Punkt, in dem alle Beteiligten einer Meinung waren.

Dass trotz des erzielten Durchbruchs von einer Versöhnung keine Rede sein konnte, zeigte allein schon das Mienenspiel von Onkel und Neffe, die sich zur gegenseitigen Begrüßung lediglich mit einem knappen Nicken samt finsterem Blick bedachten. Versuche der beiden Frauen, etwas Tischkonversation zu betreiben und so die frostige Stimmung zumindest ein wenig zu heben, scheiterten jedoch an der Einsilbigkeit Emmerans und Ugdalfs, die offenkundig nichts weiter wollten, als diese Zusammenkunft schnellstmöglich hinter sich zu bringen. Daher verlief der größte Teil des gemeinsamen Mahls in fast schon gespenstischer Stille, bis sich nach dessen Beendigung Selinde mit Blick auf ihre Tante von ihrem Platz erhob.

„Ich halte mich kurz“, begann die Baroness leicht säuerlich, verärgert über die Stoffeligkeit der beiden Männer, „und wiederhole noch mal den von Frau Yalagunde und mir erarbeiteten Kompromissvorschlag, welcher dem Haus Löwenhaupt im Allgemeinen und den hier Anwesenden im besonderen endlich Frieden bringen soll.“ Im Anschluss verlas Selinde die einzelnen Punkte des Vorschlags. „Ich für meinen Teil stimme ihm zu und erkläre, auch im Namen meiner Kinder, feierlich, diese Übereinkunft in Zukunft getreulich einzuhalten, solange es die anderen Beteiligten ebenso tun und nachdem Herzogin Walpurga sie als gut und rechtens anerkannt hat.“

Yalagunde schenkte der jungen Perricumerin ein Lächeln und nickte anerkennend. Onkel und Neffe hingegen ließen sich hernach schier endlose Augenblicke Zeit, bevor sie, immer noch alles andere als zufrieden wirkend, mit knappen Worten ebenfalls ihre Zustimmung erklärten. Ersterer versicherte zudem, gleich nach seiner Rückkehr in die Weidenlande die Herzogin aufsuchen und ihr die Annahme des Kompromisses zu empfehlen.

Die Versammelten bekräftigten die getroffene Übereinkunft per Handschlag und gingen dann auseinander. Der Worte waren genug gewechselt.


So sei es!

Bärenburg in Trallop, Herzogtum Weiden
Mitte Travia 1041 BF

Walpurga ließ das eng beschriebene Büttenpapier sinken und warf ihrem Vetter einen irritierten Blick zu. Sie war nicht sicher, was sie vom Inhalt der Notiz halten sollte. Es fiel ihr schwer zu glauben, was sie da gerade gelesen hatte. Noch schwerer aber fiel ihr zu glauben, dass diese Übereinkunft tatsächlich von Emmeran ausgehandelt worden war. Das sah viel mehr nach seiner Gattin aus. Genau wie die Handschrift auf dem rein weißen Papier: schlanke Buchstaben mit elegant geschwungenen Bögen. Die Herzogin von Weiden runzelte die Stirn und reichte das Schreiben wortlos an ihren Kanzler weiter. Derweil huschte ihr Blick von Emmeran zu Yalagunde. Das stille Lächeln auf den Lippen der gebürtigen Garetierin verriet ihr alles, was sie wissen musste, um die Situation richtig einschätzen zu können.

„Schade, dass deine Mutter und dein Bruder sterben mussten, ehe es so weit kommen konnte“, meinte sie hernach an ihren Vetter gewandt.

Emmeran schnaubte verächtlich und hob die Schultern. Mehr Reaktion war ihm diese Bemerkung nicht wert, und Walpurga nahm es gelassen hin.

„Es wundert mich, dass du dich damit zufrieden gibst“, fügte sie an. „Das sieht ja tatsächlich so aus, als würdest du deinen Anverwandten in der einen oder anderen Sache ein bisschen entgegenkommen wollen? Wirst du auf deine alten Tage etwa doch noch milde?“

Emmeran schnaubte erneut, bekam die Zähne dann aber doch noch auseinander. „Spar dir die Sticheleien, Base“, brummte er. „Du kannst mir glauben, dass ich diesen dreisten Drecksack von einem Heeresfurz umgehauen und dann nur noch mit seiner Schwester gesprochen hätte, wenn es allein nach mir gegangen wäre. Aber mein Weib war ja unbedingt der Meinung, da...“

„Sein Weib ist der unbedingten Meinung, dass wir mit Selinde danach kaum noch hätten sprechen können“, fiel Yalagunde ihm ins Wort. „Sein Weib ist außerdem der Meinung, dass es gut verhandelt und alles aus der Sache herausgeholt hat, was herauszuholen war.“

Walpurga ließ den Blick zwischen Emmeran und Yalagunde hin und her gleiten. Ein Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln, doch sie verkniff es sich, denn sie wusste, dass der Graf es nicht leiden konnte, wenn die Diskussionen mit seiner verbal überlegenen Gattin bei Beobachtern Heiterkeit hervorriefen.

„Prüfen wir das“, meinte sie stattdessen schlicht. „Eberwulf, geh es Punkt für Punkt durch! Und du“, die Herzogin sah zu Gwynna hinüber, die sich bisher abseits gehalten hatte und so tat, als hätte sie mit dem Ganzen nichts zu tun, „komm her! Wenn mich nicht alles täuscht, ist überhaupt nur verhandelt worden, weil du deinen Einfluss geltend gemacht hast. Also hör gefälligst hin und mach uns drauf aufmerksam, wenn wir deiner Meinung nach etwas übersehen!“

„Selbstverständlich“, die herzogliche Beraterin trat einen Schritt näher und bedachte den versammelten Adel mit einem aufgeräumten Lächeln. „Ich helfe, wo ich kann.“

„Dann walte deines Amtes“, meinte Walpurga und machte eine sparsame Geste in Richtung Eberwulfs.

„Da hätten wir zuerst den Namen“, murmelte der Weißensteiner. „Die Perricumer sind bereit, das Löwenhaupt aufzugeben, möchten dafür aber so etwas wie einen ... nun ja ... Ersatz haben.“

„Ersatz? Was soll das heißen?“, hakte Walpurga nach.

„Ihnen schwebt etwas vor, das ihre Bande nach Weiden in irgendeiner Art verdeutlicht“, erklärte Yalagunde mit ruhiger Stimme. „Es geht darum, ihre Wurzeln weiterhin sichtbar zu machen, wenn ich das recht verstanden habe.“

„Als ob sie darauf etwas geben würden!“, donnerte Emmeran ungehalten. „Hat irgendwer von euch schon mal einen der beiden hier in Weiden gesehen, seit sie nicht mehr in die Windeln scheißen, hä? Nein?! Dachte ich mir. Das liegt daran, dass sie nie hier waren!“

Walpurga krauste die Nase und schüttelte den Kopf. „Mutet mir auch seltsam an“, meinte sie. „Aber wenn sie dafür auf unseren Namen verzichten: Sei es drum! Vorschläge?“

„Gruuzash? Nalgardis? Dragenfeld? Acheburg?“

Yalagunde verdrehte bei der Aufzählung ihres Gatten gequält die Augen, während sich Walpurga ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte. Emmeran hatte einige der gefährlichsten Orte Weidens benannt. Orte, die allesamt verflucht, hässlich oder doch wenigstens so ungastlich waren, dass kein Mensch freiwillig dort hin ging.

„Wie heißt noch gleich das Gut, das wir Wallbrord zugesprochen haben, als er seinerzeit nach Darpatien ging?“, fragte die Herzogin nach einer kurzen Pause.

„Pandlarilsforst“, gab Eberwulf ohne Zögern zur Antwort.

„Wer hält es jetzt?“

„Niemand. Es ist ... nun ja ... sozusagen nicht mehr vermittelbar“, erklärte der Kanzler stockend. „Nach seinem Tod fiel es heim und der letzte Ritter, dem ich es andienen wollte, ist lieber zurück in seine zugige Hütte nach Uhdenwald gegangen.“

„Hört, hört!“, Walpurga lachte leise. „Meine Weidener, stolz und stur wie eh und je.“

„Und beschränkt“, fügte Gwynna milde lächelnd an. „Klingt für mich, als wäre es an der Zeit, dem Gut einen neuen Namen zu geben. Ich setze mein Labor darauf, dass es dann von niemandem mehr abgelehnt wird. Es liegt gut und keiner deiner Weidener wird hernach begreifen, wer der Vorbesitzer war. Das ‚Pandlarilsforst‘ kannst du so ohne Schmerzen nach Perricum geben.“

„Nicht ganz ohne Schmerzen“, Walpurga strich sich mit einer nachdenklichen Geste übers Kinn. „Gerade du müsstest doch um die Bedeutung der Fee für die Mittnacht wissen. Und ausgerechnet den Namen dieses hehren Wesens sollen Wallbrords Kinder künftig tragen?“

„Wer ein bisschen Ahnung hat, wird den Namen mit Weiden in Verbindung bringen. Also ist kein Widerspruch zu erwarten“, meinte Gwynna leichthin. „Und du darfst mir glauben, dass die Fee nichts darauf gibt. Allzu derische Angelegenheiten haben sie noch nie interessiert. Sollten die beiden ihren guten Namen in den Dreck ziehen, können wir immer noch handeln.“

„Mit etwas Glück geben sie den nicht weiter“, mutmaßte Walpurga. „Geht ja nicht gerade leicht von der Zunge und ihnen bleibt immer noch das vom Berg ...“ Sie überlegte kurz und seufzte dann schwer. „Es sei beschlossen. Notier das, Eberwulf, und auch, dass wir einen neuen Namen für dieses Gut in der Stadtmark brauchen. Nächster Punkt, bitte!“

„Der Weidener Bär im Wappen des Jungen“, murmelte der Weißensteiner und schüttelte den Kopf. „Der ist ohnehin eine Anmaßung. Ihr habt ihn Wallbrord damals als persönliches Beizeichen gestattet. Das Recht, ein solches zu tragen, ist aber nicht vererbbar.“

„Da schau an!“, Walpurga schürzte die Lippen. „Und er hat den Nerv, darauf zu bestehen?“

„Nicht ganz“, Yalagunde schaltete sich nun wieder in das Gespräch ein. „Ich habe Selinde erklärt, auf was für einem schmalen Grat er sich bewegt. Und wie es scheint, würde er sich auch mit einem Bärenkopf zufrieden geben. Hier geht es wohl wieder darum, die Verbindung zu Weiden aufzuzeigen.“

Diesmal schnaubte Walpurga – und schaffte es nicht, zu verbergen, dass auch sie einen Hauch von Verachtung empfand: „Dafür, dass der junge Mann sich noch nie einen feuchten Kehricht um die Geschicke der Bärenlande geschert hat, hält er aber ganz schön krampfhaft an allem fest, was mit uns zu tun hat, hum?“

„Ansehen“, presste Emmeran unwillig zwischen den Zähnen hervor. „Es geht ihm allein um das Ansehen. Wie seinem Vater dereinst schon. Sie haben keinen Anstand, keinen Stolz und keine Ehre, diese verfluchten, gernegroßen Drecksäcke!“

„Gleich wie“, Eberwulf ließ sich vom allgemeinen Missmut nicht mitreißen, sondern wahrte seine fast schon sprichwörtliche Contenance. „Der Bärenkopf, die Bärenpratzen und dergleichen sind nichts, worüber wir zu befinden haben. Wir können Herrn Ugdalf natürlich verbieten, den Weidener Bären in seinem Wappen zu führen, denn wie ich schon sagte: Das ist eine Anmaßung. Doch alles Weitere liegt in seiner freien Entscheidung.“

„Dann soll er seinen Kopf eben haben“, Walpurga winkte ab, wobei die Geste ein bisschen in Richtung Vertreibung eines lästigen Insekts geriet. „Nächster Punkt!“

„Das Löwenhaupt.“

„Pah!“, entfuhr es Emmeran.

„Ich habe den Blason eben nicht ganz verstanden, fürchte ich“, meinte Walpurga und versuchte ihn sich noch einmal in Erinnerung zu rufen. „Als ich das las, ist vor meinem inneren Auge eine gar fürchterliche Monstrosität mit zwei Köpfen entstanden ...“

„Hmhum“, Yalagunde nickte und kramte eine Pergamentrolle aus ihrer Gürteltasche hervor. „Wenn besagte Monstrosität ungefähr so aussah, wart Ihr nah an der Wahrheit dran, schätze ich.“ Sie entrollte den Bogen und hielt ihn so, dass Walpurga das Bild darauf erkennen konnte.

„Naja“, murmelte die Herzogin daraufhin. „Es sieht nicht ganz so schlimm aus wie das in meinem Kopf.“ Sie blickte nachdenklich auf das geteilte Wappen, dessen eine Seite den Löwenhaupter Löwen zeigte – allerdings ganz auf Grün und ganz in Silber. Die andere Seite wurde vom Löwenkopf der Bergs eingenommen – Rot auf Schwarz. „Ich würde denen ja vorschlagen, aus den zwei Löwen einen zu machen“, brummte sie dann. „Vorzugsweise den der Bergs. Mit denen haben sie doch keinen Hader?“ Sie sah Emmeran fragend an.

„Nein, mit den Bergs haben sie keine Probleme. Ich glaube nicht, dass die denen ihren Löwen nehmen wollen. Aber wahrscheinlich werden die Kinder dann wieder anfangen zu jammern, dass man so ja gar nicht mehr erkennt, wie nahe sie dem Herzogtum Weiden stehen.“ Er zog die Nase kraus und schürzte die Lippen. „Ich würd da jedenfalls meinen Arsch drauf verwetten.“

„Ein einzelner Löwenkopf wäre jedenfalls eine sauberere Lösung als das Durcheinander da.“ Eberwulf starrte wie gebannt auf das Pergament. Walpurga hätte schwören können, dass ihr Kanzler etwas Grün um die Nase geworden war, als er das Familienwappen erblickte, das Ugdalf und Selinde führten. „Neben der Form gibt es ja auch noch die Farben“, meinte er dann. „Wenn sie eine Verbindung zum Wappen der Löwenhaupts wünschen ... können sie auf den schwarzen Schildgrund ein gespaltenes Löwenhaupt in Silber und Rot stellen. Dann wäre beides miteinander verschmolzen.“

Walpurga neigte den Kopf zur Seite, während sie das Wappen nach den Angaben ihres Kanzlers im Kopf neu zusammensetzte. „Würde gehen“, meinte sie dann. „Notier das und sprich mit Norgrimm darüber. Er soll einen Entwurf beibringen, den wir dem Boten mitgeben können. Sonst noch was?

„Ja“, Yalagunde rollte ihr Pergament wieder zusammen, derweil sie sprach. „Die Kinder der beiden werden in ihren persönlichen Wappen künftig weder Bär noch Löwenkopf führen. Es geht nur um diese Generation. Das möchte ich noch einmal betonen.“

„Geschenkt“, Walpurga nickte. „Nächster Punkt!“

„Ein Schreiben, in dem Ihr klarstellt, dass die beiden sich persönlich nichts zuschulden kommen ließen und nicht aus der Familie verstoßen wurden“, brachte Eberwulf zögernd vor.

Walpurga sah, wie Gwynna den Mund öffnete und bedeutete ihr mit einem knappen Wink, dass sie die Klippe auch wahrgenommen hatte, die es zu umschiffen galt.

„Ich werde gern ein Schreiben aufsetzen lassen, aus dem hervorgeht, dass sich keiner dieser beiden Weiden gegenüber jemals etwas hat zuschulden kommen lassen, aber ich werde nicht bezeugen, dass ihr Ruf auch darüber hinaus ohne Makel ist. Ich wär ja schön blöd! Mir sind da letzthin Dinge zu Ohren gekommen ... Heidewitzka, kann ich nur sagen!“

„Reden wir nicht darüber!“, knurrte Emmeran leise. „Sonst muss ich mich aufregen.“

„Wir sollten in jedem Fall festhalten, dass sie freiwillig auf den Namen verzichten“, Eberwulf fuhr fort, als sei nichts gewesen. „Das dürfte nicht nur für sie wichtig, sondern auch für die Weidener von Interesse sein. Das eine oder andere Gemüt wird diese Nachricht womöglich ein wenig besänftigen.“

„Damit könntest du recht haben“, meinte Walpurga und nickte bedächtig. „Fein, formulier etwas aus, Eberwulf. Ich schau es mir an und erteile dem Ganzen meinen Segen. Wenn wir alles zusammen haben, schnüren wir ein Päckchen und schicken ... wen? Unser Herold wäre mir offen gesprochen zu viel des Guten. Vielleicht ... hum ...“

„Darüber können wir später beraten“, meinte Eberwulf, während er etwas auf das Pergament kritzelte, das er die ganze Zeit schon in der Mache hatte. „Wie gedenkt Ihr, die Kunde in der Mittnacht zu verbreiten, wenn ihr die unterschriebenen Dokumente gesiegelt habt, Euer Hoheit?“

„Auf allen Wegen, die mir zur Verfügung stehen“, Walpurga antwortete, ohne groß zu überlegen. „Briefe an die Kanzleien und Herolde der Nachbarprovinzen sowie an die Hohen der Mittnacht, Aushänge an den üblichen Stellen, Ausrufer in allen Städten und größeren Ortschaften und meinetwegen eine Bekanntmachung im Fantholi, wie seinerzeit bei der Sache mit Wallbrords Edlentitel. Ich will, dass es jeder erfährt. Ich will, dass die Weidener wissen: Wir haben diese Sache aus der Welt geschafft.“

Sie hielt kurz inne und richtete ihren Blick erst auf Yalagunde, dann auf Emmeran: „Und ihr beiden: Wisset, dass ich dankbar für den unschätzbaren Dienst bin, den ihr unserer Familie mit dieser Sache erwiesen habt.“ Vor ihrem inneren Auge flammte just in diesem Moment das Bild eines Arlans mit hochrotem Kopf und gerechtem Zorn in den Augen auf. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr“, fügte sie im Anbetracht dessen noch hinzu.

„War mir selbst ein Anliegen“, brummte Emmeran. „Wenn du dich erkenntlich zeigen willst: Sorge in all deinen Briefen, Aushängen und Bekanntmachungen dafür, dass die Leute auch erfahren, welche Stunde es geschlagen hat. Wenn sich das Lumpenpack nach Inkrafttreten der Vereinbarung weiter anmaßt, unseren guten Namen oder unser Löwenhaupt im Wappen zu führen, sollte jeder Weidener von Stand das Recht haben, sie zu fordern und für dieses Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen.“

„So sei es!“, meinte Walpurga und nickte entschieden.

Zugleich schüttelte Yalagunde seufzend den Kopf: „Das wird nicht geschehen, schließlich geben sie uns ihr Wort darauf! Habt doch bitte ein wenig Vertrauen. Es ist nicht Wallbrord, es sind seine Kinder.“

Von den anderen unbemerkt wog Gwynna an ihrem Eckchen des Tisches nachdenklich den Kopf. „Die Zukunft wird es zeigen“, murmelte sie leise.


Frieden in unserer Zeit

Burg Trollwacht, Markgrafschaft Perricum
Boron 1041 BF

Selinde und Ugdalf, der gerade zu Besuch bei seiner Schwester weilte, besprachen die Depesche Herzogin Walpurgas, die ein Kurier gestern überbracht hatte. Der Mann war offenbar eilig und vor allem in Begleitung einer Hand Bewaffneter gereist, die für seine sichere Ankunft in Perricum und Rückkehr nach Weiden sorgen sollten. Gelesen hatten die Geschwister die Nachricht zwar direkt nach Erhalt, wollten sich aber noch einmal in Ruhe darüber beraten.

„Nun Selinde, es ist also geschafft. Onkel Emmeran hat es offenbar vollbracht, seine herzogliche Base zur Annahme des ausgehandelten Kompromisses, der mir übrigens immer noch ein wenig schwer im Magen liegt, zu bewegen.“

„Du meinst Tante Yalagunde“, widersprach die Baroness mit einem feinen Lächeln. „Oder glaubst Du wirklich, dass unser sanftmütiger und besonnener Onkel dies vollbracht hätte?“

„Hm, da hast Du vermutlich recht. Aber ist letztlich auch egal. Viel länger hätte ich diesen arroganten Fatzke damals auch nicht ertragen. Es fehlte nur wenig und ich hätte ihm Benimm, Vernunft und Respekt vor der Familie eingeprü...“

„Es ist genug, Ugdalf“, erwiderte dessen Schwester sanft und legte beruhigend ihren Arm auf seine Schulter. „Sieh es doch mal so: Wir haben endlich Frieden. Frieden für uns und unsere Kinder, an die wir unsere Wurzeln, unsere Werte und unsere Traditionen auch ohne den Namen Löwenhaupt ganz in Vaters und unserer Ahnen Sinne weitgeben können. Und sollte doch noch irgendwer aus der Mittnacht ihn oder uns schmähen, dann darfst Du gern unsere Ehre verteidigen“, schloss die Baroness mit einem leichten Schmunzeln und sanfter Ironie in der Stimme.

„Sei versichert, das werde ich“, erwiderte der Oberst entschlossen, die Ironie in den Worten seiner Schwester nicht wahrnehmend. „Aber auch wenn ich immer noch nicht so recht glücklich mit dem Ergebnis bin: Es ist gut, dass dieses unselige Kapitel unserer Familiengeschichte nun abgeschlossen ist.“

„Ja, Bruder, es ist gut. Gut für uns und gut für unsere Kinder.“

Am nächsten Tag sandten die Geschwister das unterschriebene Vertragswerk und eine begleitende Depesche an die Herzogin der Weidenlande. Die Vergangenheit war nun endlich genau dies: vergangen.