Kriegsrat in Wolfenbinge
Erster Teil
Blauenburg, Ende RON 1032 BF: Einen Tag nachdem der Birselburger die Blauenburg verlassen hatte, saßen die Mitglieder der Familie Blauenburg in der Großen Halle beisammen und berieten die furchtbare Neuigkeit, die der Gast gebracht hatte. Die Eltern des Barons von Wolfenbinge waren gemeuchelt worden. Von Elfen. Mit Gift und Magie. Und dieser Schandtat galt es nun angemessen zu antworten.
Baron Rondrian von Blauenburg saß am Kopf seiner Tafel auf einem einfachen Stuhl – seinen Thronsessel hatte er am gestrigen Tag in einem Wutanfall zertrümmert. An seiner Seite befanden sich seine große Liebe Roanna Luisa Cavazarro, die Edle von Buchheim, sowie sein Onkel Wolfhardt von Blauenburg, der Lehnsvogt der Baronie. Der wohlbekannte Edelknecht Arwulf Schwarzensteyn wartete den Herrschaften auf, und litt mit seinem Schwertvater Rondrian, wusste er doch aus eigener Erfahrung, wie es war, seine eigenen Eltern zu verlieren.
„Wolfhardt, Roanna, ich brauch eure klugen und besonnenen Köpfe. Ich kann nicht mehr klar denken. Diese Spitzohren haben meine Eltern ermordet. Wolfhardt, dein Bruder ist einfach gemeuchelt worden. Niederträchtig! Wir müssen den Elfen eine Antwort geben, die sie endgültig verstehen!“ Rondrian wurde mit jedem Satz lauter und aufgebrachter. Erst die sanfte Hand Roannas, die sich auf seinen starken Arm legte, brachte ihn dazu, sich wieder etwas zu entspannen. Der stets ruhige Wolfhardt betrachtete das Paar an seiner Seite. Roanna war wahrlich das Beste, was dem Baron hätte passieren können. Und zu Beginn der Romanze hatte der Vogt, wie auch andere, die Liebelei eher skeptisch betrachtet. Eine Zahori als Baronin? Unerhört! Aber nun musste er zugeben, dass die Wahl seines Neffen nicht nur von Rahja, sondern auch von Hesinde gesegnet war. „Neffe, ich stimme Euch zu. Immerhin sind diese Morde der Gipfel der Rebellion. Die Elfen von Vana fordern doch schon seit Jahren ihren Wald zurück. Und dann dieses Spitzohr, dass dir hier in dieser Halle vor zwei Götterläufen mit dem Tod gedroht hat.“
Wolfhardt war aufgestanden und ging bei seinen Worten auf und ab. „Wir müssen ihnen unbedingt zeigen, dass so etwas hier nicht ungesühnt bleibt. Und das muss auch den Menschen hier in Wolfenbinge vor Augen geführt werden. Es wird schon geredet...“ Wie um Bestätigung heischend, blickte der Vogt die Edle und den ehemaligen Knappen an.
Mit einem Ruck stand die Geliebte des Barones auf, scheinbar um Fassung ringend. Mit dem Gesicht abgewandt atmete sie einige Male tief durch, bevor sie mit tiefer, ruhiger Stimme antwortete. „Liebster, Rondrian. Wir alle verstehen den Wunsch, deine Eltern zu rächen. Bedenke aber die Gefahren der Wildermark… die Untoten… Rondrian…“ Roanna kniete sich vor dem Baron und nahm seine großen kräftigen Hände. Ihre Stimme klang ein wenig brüchig, als sie zu Rondrian hochblickend zögernd hinzufügte: „Wir wissen nicht einmal, wer es war… und können doch nicht das ganze Elfenvolk auf Verdacht ausrotten. Sie sind viele, und sie sind machtvoll…“
Der besorgte Blick der Zahori wanderte unwillkürlich zu dem Körbchen, in dem zu Tage oft ihr gemeinsames Kind lag. „Ich bitte dich, Rondrian, schick ihnen in Hesindes Namen eine letzte Warnung. Sag ihnen, dass du sie vernichten wirst, wenn noch ein einziger Mensch in Weiden durch Elfenhand zu Tode kommt.“ Der Angesprochene runzelte die Stirn, als seine Geliebte weitersprach. „Wenn du den Kopf des Mörders forderst, wird es kein Zurück mehr geben…“
„Das weiß ich auch, Roanna.“ Rondrian schaute die Edle an. „Und ich werde Ihnen eine Nachricht senden. Aber diese Nachricht wird unmissverständlich sein. Ich will nicht nur, dass sie keinen Menschen mehr töten. Ich will auch, dass sie für die vergangenen Morde zahlen. Sie dürfen einfach nicht ungeschoren davon kommen. Insbesondere nicht, wo ich in der Vergangenheit immer so entgegenkommend war. Vor diesem Hintergrund sind die Taten der Elfen sogar noch unerhörter.“
Wolfhard meldete sich in der kurzen Pause zu Wort, die entstand, als der Baron einen Schluck aus seinem Becher nahm: „Da ist noch etwas zu bedenken, was Ihr, werte Edle, vielleicht noch nicht so ersehen könnt.“ Er schien dabei auf ihre nichtadlige Herkunft anzuspielen. „Wir dürfen auch die menschlichen Bewohner Wolfenbinges nicht vergessen. Auf der einen Seite garantieren wir ihren Schutz. Auf der anderen Seite, leisten sie uns dafür Dienst und Gehorsam. Das ist die Zwölfgöttliche Ordnung. Und genau diese sehe ich hier gefährdet. Denn unzufriedene Untertanen können sich ermutigt fühlen, wenn bekannt wird, was mit meinem Bruder und seiner Frau geschehen ist. Wir müssen ganz klar Stärke zeigen, sonst tanzen uns die Bauern noch auf der Nase herum.“
Nachdenklich strich sich der Baron durch den sorgfältig gestutzten Bart. „Was die Schrecken der Wildermark angeht, so würde ich die Ritter Wallfried und Edric auffordern, die Grenze zu sichern. Vielleicht sorgt das sogar dafür, dass die Beiden mal wieder miteinander reden.
Roanna blickte stumm zu Boden. Eine böse Vorahnung durchzuckte sie. Rondrian würde gehen und kämpfen. Blut würde fließen….