Ein feucht-fröhlicher Abend

Ein feucht-fröhlicher Abend

Nach einer Jagd treffen sich drei Ritter zum mehr oder weniger gepflegten Gespräch.

Ort:
Gut Biberwald, Baronie Weidenhag

Dramatis Personae:
Rodunk Hadamar von Biberwald (Junker von Biberwald)
Gorfried von Sturmfels ä.H. (Baronsgemahl von Weidenhag)
Luten Corrhenstein von Hirschenheide (Ritter der Wahrung, Erbjunker von Hirschenheide)

 

Motte Biberwald, Baronie Weidenhag, Peraine 1043 BF

Abermals erschall raues Gelächter aus Männerkehlen und zerriss damit die sonst so ruhige Atmosphäre im kleinen und beschaulichen Rittersaal der eher schmucklosen Holzmotte Biberwald am Rande des mächtigen Hohenforsts. Nur durch den Schein einiger weniger Lichtquellen ausgeleuchtet, warfen die drei anwesenden Herren und das dezente Mobiliar seltsam anmutende, tanzende Schatten auf die, mit Jagdtrophäen behangenen, doch sonst schmucklosen Wände. Hinter dem Hausherrn brannte Feuer in einem offenen Kamin und spendete den drei, durch Speis und Gebrannten schon erhitzten Rittern, noch zusätzlich wohlige Wärme.

„Meine Herren … das letzte Stück vom Rücken …“, vor dem Hausherrn, dem Junker Rodunk Hadamar von Biberwald, lagen die Reste einer gebratenen jungen Hirschkuh, „… wer möchte?“, fragte der Ritter in die Runde und wandte sich dann dem großen, blonden Kämpen mit sorgsam gestutztem Vollbart und Haupthaar zu, „Euer Hochgeboren?“

Gorfried von Sturmfels, der Baronsgemahl von Weidenhag, schlug sich auf seinen flachen Bauch und winkte dankend ab. „Für mich nichts mehr, danke. Und überhaupt denke ich, dass die Ehre des letzten Stücks demjenigen gebührt, der uns dieses Festmahl beschert hat.“ Mit diesen Worten wies der Sturmfelser auf den jungen Mann ihm gegenüber.

„Jaja … natürlich …“, dröhnte der Bass des Junkers, „… du hast recht. Solch ein tausend-Dukaten-Wurf muss anständig gewürdigt werden. Ich werde noch meinen Kindern … äh … Enkeln davon erzählen, Hoher Herr. Direkt aufs Blatt, war von einen auf den anderen Moment tot – fiel um wie ein Stein. Wir musste nicht einmal die Hunde bemühen, um danach zu suchen und leiden musste das Tier auch nicht.“ Noch einmal nickte Rodunk dem jungen Luten anerkennend zu, dann schlug er ihm mit seinem Handrücken, die fettige Handfläche hätte dessen Wams wohl ruiniert, auf die Schulter.

Luten grinste und es war sicher dem schon reichlich geflossenen Gebrannten zu verdanken, dass er das nur im Ansatz verlegen, vor allem aber stolz und zufrieden tat. „Habt dank, für Eure freundlichen Worte, Ihr beiden“, setzte er zu einer Gegenrede an. „ich war irgendwie selbst ganz überrascht. Aber Ihr kennt das sicher, wenn auf einmal alles passt: Der Wurf, der Wind und die Bewegung der Beute. Ai, das war so ein Augenblick und ich fürchte, mir wird es gehen, wie Euch, Herr Rodunk. Glaube nicht, dass mir sowas nochmal gelingt.“ Er schniefte leise. „Zumindest nicht so bald“, schob er nach, nun schief grinsend und sein Becherlein grüßend hebend.

Auch der Gemahl der Baronin stimmte mit einem anerkennenden Nicken ein. „Firun war Euch hold, Luten.“ Dann hob er seinen Stumpen, prostete den anderen zu und trank.

„Habe ich dir eigentlich schon einmal erzählt, dass ich damals auch um Gwidûhenna geworben habe?“ Junker Rodunk machte der Schnaps allem Anschein am meisten zu schaffen, fuhr er doch damit mit einem eher heiklen Thema auf.

Doch ließ sich Gorfried dadurch nicht beunruhigen. „Ach, sag bloß?“, fragte er immer noch interessiert lächelnd. Der Corrhensteiner blinzelte überrascht vom jähen Themenwechsel, er hätte gerne noch ein wenig geschwelgt, in den Erlebnissen von anderen Jagden, vor allem daheim in Hirschensprung. Aber diese Steppenschivone war wohl abgefahren. Also verlegte er sich aufs Zuhören.

„Ja, es war ja damals das halbe Herzogtum hinter ihr her …“, der Junker lachte und nahm dann einen Schluck aus seinem Stumpen, „… damals, als sie aus Rommilys zurückgekommen ist. Die sind ja alle wie die brünstigen Hirsche vor dem Baronssitz auf- und abgegangen und der gute Andîlgarn hat die Henna nicht gar einsperren müssen …“, er nahm nachdenklich einen erneuten Schluck vom Brand, „… die ersten Monde wusste man ja gar nicht, ob es wirklich stimmt und sie wirklich zurück war, denn gesehen hatte sie niemand. War halt damals schon eine Rahja, deine Frau … meine Bormunde ist ja eher eine Amazone … äh … also vom Aussehen … nicht … du weißt schon …“

Der Baronsgemahl erkannte das Straucheln des Biberwalders und schritt zu seiner Ehrenrettung ein. „Jaja, alter Freund, ich weiß, immerhin habt ihr ja auch drei gemeinsame Söhne …“, dann wandte sich der Sturmfelser dem jungen Gast zu, „… wie sieht es bei Euch aus, hoher Herr? Habt Ihr schon den Bund geschlossen? Kinder?“

„Wat?“, entfleuchte es dem jungen Ritter und er blickte hektisch von einem zum anderen. „Ich? Wie kom…“, bevor er weiter stammeln und der Frage Ausdruck verleihen konnte, wie die Herrn von so angenehmen Themen, wie einer erfolgreichen Jagd ausgerechnet direkt in seine Misere gelangen konnten, schloss er den Mund, presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Musste ihn dieses Thema denn wirklich überall hin verfolgen? Schließlich erinnerte er sich seiner guten Manieren und gab dem Baronsgemahl doch noch eine brauchbare Antwort. „Bislang nicht, Hochgeboren. Aber ich …, nunja, ich befinde mich sozusagen auf der Suche. Möchte meinen alten Herrschaften wenn‘s geht mit einem Vorschlag zuvorkommen. Darum war ich die letzten Jahre auch hier und da und hab mich umgeschaut.“

Das darauffolgende betretene Schweigen, beendete Junker Rodunk. „Ach siehst du Gorfried … jetzt hast du den jungen Herrn in Verlegenheit gebracht.“ Der Biberwalder griff nach dem Stumpen Lutens und füllte ihn ungefragt voll. „Trinkt noch einen, hoher Herr. Auf die Frauen in unserem Leben. Die gegenwärtigen und die zukünftigen!“

„Zukünftig … EN?“, der Sturmfelser war gerade dabei sein Trinkgefäß zu seinem Mund zu führen, als er in der Bewegung verharrte und seinen Freund mit einer hochgezogenen Augenbraue musterte.

„Jaja …“, Rodunk winkte ab, „… die Zukünftige des Herrn Corrhenstein meinte ich. Da der junge Mann sich schon umsieht, wird es ja nicht mehr allzu lange dauern, denke ich.“ Der Blick des Hausherrn schweifte vom Baronsgemahl hin zu seinem Gast. „Ihr müsst es seiner Hochgeboren nachsehen, hoher Herr. Seine Frau färbt langsam aber sicher auf ihn ab.“

Als Antwort folgte ein freundschaftlicher Hieb auf den Oberarm des Junkers. „Ich hoffe ich trete Euch damit nicht zu nahe, hoher Herr …“, ließ Gorfried das Thema dennoch nicht ruhen, „… aber hat es bisher denn keine der Damen geschafft Euren Anforderungen gerecht zu werden … oder wollt Ihr bei der Wahl ebenso auf Euer Herz hören.“

„Aufs Herz …“, warf Rodunk mehr in Richtung seines Tellers, als an die beiden Anwesenden gerichtet ein, „… nicht jeder hat diesen Luxus, Gorfried. Meine Bormunde sah ich einen Mond vor unserem Bund das erste Mal in Person und ich konnte fühlen, dass sie mein Anblick nicht wirklich glücklich machte. Sie fügte sich dennoch dem Wunsch ihrer Familie, genauso wie es der gütigen Eidmutter gefällt und dennoch ist Gutes aus unserem Bund erwachsen.“

Gorfried nickte seinem Freund knapp zu, dann ging sein interessiert fragender Blick weiter zum jungen Corrhensteiner.

„Naja“, hob Luten an und hob die Schultern in einer ratlos wirkenden Bewegung, „ich hätte schon nichts dagegen, wenn das Herz auch eine Rolle spielen würde, ich meine, das macht es“, wieder zuckte er mit den Schultern, „einfacher. Die letzten Monde war ich vor allem unterwegs. In Weiden, aber auch außerhalb. Habe an diesem Turnier in Greifenfurt teilgenommen, in Kressenburg. Ich schätze, Ihr habt davon gehört. Mein Baron dachte, das wäre eine gute Gelegenheit, sich umzuschauen.“ Der Corrhensteiner schniefte. „Hab’ ich getan, aber irgendwie waren die jungen Damen dort allesamt …“, missvergnügt verzog er den Mund, „entweder vergeben, oder mit anderen Dingen beschäftigt und nicht willens, sich von einem wir mir ablenken zu lassen.“ Er wog unentschieden den Kopf. „Kann aber auch sein, dass ich nicht entschlossen genug zu Werke gegangen bin. Das zumindest hielt mir meine Begleitung vor, die Base von Baron Lanzelund. Wie auch immer, da war jedenfalls nichts, was sich in irgendeiner Weise aufgedrängt hat, weder auf geistige, noch auf die des Herzens. Also hilft nur: weiter umschauen.“

„Kressenburg … jaja …“, Gorfried hing allem Anschein nach einem Gedanken nach, „… zum Vetter meiner Frau und die jüngste Schwester des Junkers lebt ja auch dort.“ Der Baronsgemahl nickte hinüber zum Gastgeber, der den Ball gleich aufnahm.

Luten nahm die Kunde verwundert zur Kenntnis. Ihm war vor seinem Besuch hier gar nicht bewusst gewesen, wie weit die verwandtschaftlichen Bande der Gugelforster reichten. Vermutlich ein Tribut an die tiefe Traviaverbundenheit des Hauses, die er und die meisten seines Hauses für merkwürdige Volkstümelei hielten. Zumindest der Hauptzweig, verbesserte sich der Corrhensteiner insgeheim, der ins darpatische abgewanderte Zweig, dem seine Familie Ruhm und Schmach gleichermaßen zu verdanken hatte, sah das vermutlich anders.

„Firre, ja, hat sich gut gemacht …“, lächelnd maß Rodunk den jungen Ritter, „… ganz anders als …“, er brach ab, starrte kurz in seinen Stumpen und hob dann jedoch sogleich wieder den Kopf, „… ist jedoch schon verheiratet … meine Schwester. Zwei kleine Kinder haben sie auch schon, waren letztens zu Besuch. Es ist definitiv etwas auf das Ihr Euch freuen könnt, hoher Herr.“

Solchermaßen angesprochen, wurde Luten aus seinen Gedanken gerissen, glücklicherweise kam ihm sein Reisebegleiter mit einer Antwort zuvor.

„Die Ehe?“, warf Gorfried leicht amüsiert ein. Es verwunderte ihn etwas dies aus dem Mund seines Freundes zu hören

„Ja …“, bestätigte Rodunk, „… eine Frau an der Seite, Kinder im Haus … das vermag einem einfachen Mann sehr viel zu geben. Und viel zu schnell werden sie groß. Mein Ältester sollte jetzt demnächst die Knappschaft antreten, so Rondra will.“

„Wieso das?“ Der Baronsgemahl hatte sich interessiert nach vorn gelehnt.

„Nun ja, ist nicht so leicht jemand passendes in der Nähe zu finden …“, der Junker legte seine Stirn nachdenklich in Falten, „… du hast ja schon einen Knappen. Bei dir wäre ich mir sicher, dass der Junge nicht nur im Schwertkampf, sondern auch im Waidwerk ausgebildet wird. Er soll ja einmal unsere Ländereien erben und die sind nunmal vom Hohenforst bedeckt. Mein Erbe muss nicht nur eine Lanze in der Schlacht führen können, sondern auch dazu in der Lage sein, einen Bock zu schießen und auszunehmen. Seine Hochgeboren von Waldtreuffen machte von Anfang an klar, dass er Firutin bloß die Pagenschaft ermöglichen wird.“

„Und Grimmberta wäre nicht passend? Ihr beiden habt ja erst vor kurzem zusammen gejagt“, warf Gorfried ein, nachdem er abermals einen Schluck vom Brand genommen hat.

„Sie war meine erste Wahl …“, gab Rodunk zurück, „… aber sie meinte es käme noch zu früh für sie einen Knappen auszubilden. Und das obwohl der Bursche nicht mehr im Pagenalter ist.“ Er hob seine Schultern und blickte ratlos zwischen den beiden Männern hin und her. „Sie ist glücklich, wenn sie ihre Tiere und den Wald um sich hat. Einen Heranwachsenden als Mündel an ihrer Seite würde sie wohl bloß als störend empfinden.“

„Mmmh hmmm …“, brummte daraufhin der Sturmfelser, „… sie ist eine sehr fähige Lehnsnehmerin, Henna hält große Stücke auf sie, aber oft halst sie sich selbst zu viel auf ihre schmalen Schultern auf. Das würden wir, die wir beinahe doppelt so viele Winter zählen wie sie, nicht allein reißen. Henna meint im Übrigen, sie solle sich alsbald einen Gemahl suchen.“ Der Baronsgemahl wandte sich dem jungen Luten zu. „Ihr seht also, dass Ihr nicht allein vor dem Problem steht dahingehend einer gewissen Erwartungshaltung von Familie und Lehnsherren erfüllen zu müssen.“

Da war wieder dieses Name: Grimmberta. Die Tresslerin hatte ihn auf dem Weg nach Weidenhag oft erwähnt und ihn dabei stets angesehen, als hätte das etwas mit ihm zu tun. Luten hatte sich schon bei dem Gedanken ertappt, ihm müsse etwas Wichtiges entfallen sein. Inzwischen wusste er, dass es eine Nichte von Irmina, und damit eine von Wolfenthann war. Nach allem, was er wusste, eine gute Weidener Familie, die Ritter und Jägerinnen gleichermaßen hervorbrachte. Gedankenverloren nickte er, denn darin ähnelten die Wolfentanns seiner Familie.

In der jäh einsetzenden Stille fiel ihm auf, dass sein Nicken die anderen Männer wieder auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Ohje, er hätte vielleicht etwas zu der offenbar schwierigen Suche nach einer Herrschaft für Rodunks Ältesten sagen sollen.

„Wir Corrhensteins“, hob er daher an und rieb sich das stoppelige Kinn, „legen auch Wert auf diese Tugenden, wisst ihr?“ Wieder nickte er. „Gemeinhin nimmt man ja an, die Hollerheide wäre nur das, eine Heide. Und zu großen Teilen stimmt das ja auch. Aber von Firun her schiebt sich der Ifirnstann in die Baronie und formt alte, wie dichte Wälder. Hirschenheide liegt in seinen Ausläufern und es ist uns von jeher hehre Pflicht, den Wald zu hegen, um den Baronen eine gute Jagd bieten zu können. Das Rotwild liebt aber auch die Ausläufer der Heide, die sich in den Wald ziehen und unser Gut trägt seinen Namen nicht zu unrecht. Wir achten auf einen guten Besatz mit Rothirschen und gerade in Herbst und Winter streifen kapitale Böcke wie Hindinnen umher, dass es eine wahre Pracht ist. Ah, wenn sie im Nebel, der die Heide gerade dann morgens und abends einhüllt, vor euch auftauchen, ist das ein erhabenes Gefühl, das sage ich euch.“

Ergriffen von Erinnerungen war dem jungen Ritter gar nicht aufgefallen, wie er ins Schwärmen geraten war. Aber er liebte seine Heimat und die Erinnerungen an seine Streifzüge zählten zu seinen größten Schätzen. Er räusperte sich und lächelte verlegen. „Wenn ich einmal einen Knappen unter meine Fittiche nehme, wäre das firnungefällige Waidwerk selbstverständlich ein Schwerpunkt seiner Ausbildung, ganz so, wie es sein soll.“

Der freundliche Blick des Baroninnengemahls ging vom jungen Ritter hin zu seinem Freund und dann wieder zurück. „Und würdet Ihr einen Knappen aufnehmen, hoher Herr? Und wenn ja, ab wann? Wäre Euch nächstes Jahr genehm?“

Auch bei Rodunk schien der Heller nun gefallen. „Oh … du meinst?“ Er ließ die Frage unausgesprochen.

„Ja, warum denn nicht? Der junge Herr ist ein Ritter der Wahrung und aus einer jagdbegeisterten Familie. Gäbe es denn eine bessere Wahl?“ Der Blick des Sturmfelsers lag nun wieder am jungen Luten. „Was meint Ihr, hoher Herr?“

„Wat?“, entfleuchte er Luten atemlos. Er blinzelte, dann sah er zu Rodunk, der ihn erwartungsfroh angrinste, und wieder zurück zu Gorfried. „Einen Knappen? Ich?“ Er räusperte sich und ehe er Zeit hatte, diesen Gedanken gründlich zu durchdenken, Für und vor allem Wider abzuwägen, ertappte er sich dabei, wie er nickte.

„Ja, ich denke, das sollte ich“, das Nicken wurde energischer. „Ich habe schon das eine oder andere Mal daran gedacht. Zwar ist es auf Hirschenheide unterdessen ein wenig eng, aber das kriegen wir schon hin. Und ich bin ja recht häufig unterwegs.“ Nun fasste er seinen Gastgeber fest ins Auge. „Wenn es Euch also nicht abschreckt, dass Euer Spross mein erster Schwertsohn wäre und ich sicher noch viel zu lernen habe, dann wäre es mir eine Ehre, ihn unter meine Fittiche zu nehmen. Nächstes Jahr würde passen, ja. Zum Rondramond, wie es von jeher Sitte ist.“ Kurz hielt er inne. „Wie wäre es, wenn Ihr mich vorher zu Hause besucht? Die Jagdzeit ist bald vorbei, zumindest die aufs Rotwild. Aber wir könnten auf Moorhühner gehen. Und Ihr würdet sehen, was Euren Sohn erwartet. Wenn Ihr ihn mitbringt, sehen wir auch, ob wir halbwegs zueinander passen. Meine Familie würde sich über einen solchen Besuch sicher freuen.“

Der angesprochene Junker lächelte milde. „Sehr gerne komme ich Eurer Einladung nach, hoher Herr. Wiewohl ich davon überzeugt bin, dass Ihr eine gute Wahl wärt.“ Er blickte für einen Moment hin zum Baronsgemahl, der ihm bestätigend zunickte. „Ihr dient in einer hoch angesehenen Gemeinschaft und versteht Euch auf die Jagd. Ihr wirkt auch sehr in Ordnung auf mich, was ich heute halt so mitbekommen habe … ich würde meinen Jungen bei Euch in guten Händen wissen.“ Rodunk musterte den jungen Corrhensteiner noch einmal eindringlich und konnte nicht umhin zu bemerken, wie verlegen ihn dieses Loblied stimmte und nickte ihm dann knapp zu. „Rondra nächsten Jahres passt gut. Bis dahin hat er dann auch seine Pagenschaft im Waldleu´schen beendet.“

„Darauf trinken wir …“, Gorfried hob seinen Stumpen, „… neue Bündnisse, so sie denn letztendlich zustande kommen, sind immer ein Grund zur Freude.“ Der lächelnde Blick des Sturmfelsers ging zwischen den beiden anderen Männern am Tisch hin und her. Dann stürzte er den Inhalt hinunter.

„Trinken wir darauf, auf neue Bande, die fest und stark werden mögen“, stimmte der zukünftige Schwertvater seinen eigenen Trinkspruch an, während dem er Rodunk fest in die Augen sah und dann Gorfrid zunickte.

Als seine beiden Trinkkumpane es ihm gleichgetan hatten, riss der Baronsgemahl ein anderes Thema an, das ihm noch im Kopf herum schwebte und das, seiner Meinung nach, zuvor etwas zu kurz kam. „Sagt, Hoher Herr, werdet Ihr Ihre Ehrwürden eigentlich nach Travienswacht zu ihrer Nichte begleiten? Grimmberta ist eine gute Frau …“

„… und ganz hübsch …“, fiel ihm Junker Rodunk ins Wort, „… wenn man dünne Frauen mag …“

Der strenge Blick Gorfrieds schnitt ihm das Wort ab. „Sie ist keine Kuh auf dem Viehmarkt, mein Freund, der man ins Maul fasst und deren Hufe man begutachtet und ihr dann aufgrund dessen einen Wert beimisst. Sie ist eine anständige Ritterin, treu und sehr engagiert. Vielleicht ein bisschen still, wie schon zuvor gesagt, aber das ist ja auch nicht immer das Schlechteste.“ Nun lächelte der Sturmfelser wieder und gab Rodunk einen freundschaftlichen Hieb auf den Oberarm. „Der junge Herr Luten und sie hätten wohl einiges gemeinsam, denke ich. Deshalb meine Frage.“

Bewusster junger Herr runzelte die Stirn und versuchte mit der Geschwindigkeit, in der hier Themen gewechselt wurden, Schritt zu halten. Das fiel ihm zunehmend schwer, denn die drei hatten schon manchen Becher sowie Stumpen gelehrt und langsam stieg ihm der gute Stoff zu Kopf. Daran lag es wohl auch, dass Lutens Mut seine Schüchternheit rüde zur Seite rempelte und die Führung übernahm.

„Ai, werde Ehrwürden begleiten. Sie meinte, ich sollte mir das Stammgut ihrer Familie und vor allem seine Jagd einmal ansehen.“ Sein Stirnrunzeln vertiefte sich. Der Eifer, mit dem Irmina die Vorzüge der Jagd, vor allem aber ihrer Nichte während ihrer Reise immer wieder zu Gehör gebracht hatte, hatten ihn zuvor verwirrt und schließlich etwas argwöhnisch gestimmt. Jetzt verstand er endlich.

„Wobei“, fuhr er etwas lauter als zuvor fort, „ich langsam glaube, ihr geht es eher um ihre Nichte.“ Mit verengten Augen nickte er langsam und kam sich recht schlau vor, dass er diesen Rückschluss ganz alleine und noch dazu zu so später, metseliger Stunde gezogen hatte. Dann lachte er. „Na, wer hätte das gedacht, ein Schwert Rondras auf dem Gänsepfad.“

Er wurde wieder ernst und fasst Gorfried ins Auge. „Eine anständige Ritterin, sagt Ihr, Hochgeboren, treu und strebsam? Und mit Kühen kann sie auch? Oder eher nicht?“ Diesen Teil der Unterhaltung hatte Luten in Folge seiner Erkenntnis nicht ganz verstanden. „Sie soll jedenfalls eine patente Waidfrau sein. Und Ihr meint“, fasste er nun Rodunk ins Auge, „sie ist hübsch? Da gibt es aber doch bestimmt einen ganzen Stall Bewerber, eh? Oder meint Ihr, ich könnte mich um sie bemühen, also, falls wir uns … naja, falls wir und jeweils nicht ganz zuwider sind?“

„Kühe?“ Gorfried lachte schallend auf. „Nein, ich denke Grimmberta hat noch nie in ihrem Leben eine Kuh gesehen.“ Sein erheiterter Blick ging hin zum Biberwalder Junker. „Also ich habe in der Heldentrutz noch keine Kuh gesehen, kenne sie jedoch natürlich aus Darpatien. Das mit den Kühen meinte ich nur …“, der Baronsgemahl brach ab und machte eine wegwerfende Handbewegung, „… ach wisst Ihr, nicht so wichtig.“
Rodunk musste auch lächeln. „Wegen den Werbern, kann Euch bestimmt seine Hochgeboren mehr erzählen als meine Wenigkeit. Er kennt sie besser als ich.“

„Oh ja, natürlich …“, der Sturmfelser hatte sich wieder eingekriegt und rief sich selbst zur Ernsthaftigkeit auf, „… was den von Euch angesprochenen Stall an Werbern angeht … sie umgibt sich nicht sehr gerne mit Menschen. Ich denke ich hatte es zuvor erwähnt, aber wenn Ihr meinen ehrlichen Rat hören wollt, Hoher Herr, ja, ich denke Ihr solltet Euch um sie bemühen, auch wenn es nicht einfach sein wird.“

„Echt jetzt? Keine Kühe in der Heldentrutz?“ Luten wirkte betroffen und hielt das scheinbar für einen großen Verlust. Doch allzu lange hielt er sich nicht damit auf Trübsal zu blasen. Soweit er gehört hatte, gediehen Schweine in diesen Landen und das war ja auch was. „Na, wie auch immer, da ist leicht Abhilfe zu schaffen. Also, wenn es sie interessiert, zeige ich ihr mal welche.“ Energisch nickte er und versuchte den Weidenhager Baronsgemahl freundlich anzulächeln. Immerhin hatte der ihm ermutigende Kunde gebracht.

Was er da hörte, nahm den Corrhensteiner direkt für Grimmberta ein, denn seit dem Zug der Herzöge mied er Menschen nach Möglichkeit ebenfalls. Außerdem hatte der Biberwalder gesagt, sie möge Tiere. Oder war das der Sturmfelser gewesen? Wer auch immer: das war ein gutes Zeichen. Er mochte Tiere ebenfalls. Sehr sogar.

„Wisst Ihr was“, sagte er und sein Lächeln verrutschte zu einem Grinsen, „das ist eine richtig gute Nachricht. Ich glaube fast, Frauwen Grimmberta könnte zu mir passen. Also, ich meine, das klingt zumindest so. Das, was ihr beide da gerade gesagt habt, meine ich. Und ich zu ihr. Wobei wir das natürlich erst noch schauen müssen, wir kennen uns ja nicht“, geriet er ins Plappern und merkte es just. Peinlich berührt räusperte er sich, schielte in seinen Stumpen und setzte ihn an die Lippen, um den letzten Tropfen abzulecken und sich kurz zu sammeln. „Jedenfalls“, fuhr er dann fort und blinzelte, weil ihm etwas schwindelig war, „werde ich mich tatsächlich um sie bemühen, wenn es, …“ er wedelte mit der freien Hand, „... ihr wisst schon, passt!“

Rodunks Schultern bebten vor Lachen. „Solltet Ihr derlei Absichten hegen, wären Kühe jedoch nicht wirklich das richtige Thema für den Anfang.“ Der Junker klopfte dem jungen Mann auf die Schulter, bevor er fortfuhr. „Ihr beiden habt sehr viel gemeinsam, genau darauf solltet ihr aufbauen. Die kleine Grimmberta ist wie ein Reh …“

„Ein Reh?“, warf der Baronsgemahl ein.

„Ja genau“, nickte der Junker. „Neugierig, aber eine unbedachte Bewegung und sie läuft davon. Also … nicht wörtlich …“, er kratzte sich das Kinn, „… die Gute ist kein Feigling … aber … äh, halt bildlich gesprochen.“

„Jaja, schon klar“, Gorfried nickte lächelnd, dann wandte er sich Luten zu. „Na dann wünsche ich Euch gutes Gelingen. Ich bin mir sicher, dass Ihr in ihrer Ehrwürden und auch in Gwidûhenna starke Verbündete in dieser Sache hättet. Es wäre nämlich schön, und nun spreche ich auch für meine Frau, Euch in der Baronie zu wissen …“ Der Sturmfelser brach ab und füllte noch einmal die drei Stumpen. „Ihr würdet doch bei ihr auf dem Gut leben? Angenommen ihr beiden würdet den Bund schließen, versteht sich …“

„Ähm“, Luten machte eine abwehrende Bewegung, „na, nu‘ teilt Ihr die Haut der Kuh aber, ehe der Fleischer überhaupt angekommen ist. Darüber kann ich nun wirklich nichts sagen. Außer vielleicht: könnte schon sein. Zumindest so lange mein Großvater noch über Hirschenheider gebietet. Und danach meine Mutter. Aber irgendwann wird die Reihe an mir sein und dann, fürchte ich, werde ich der Hollerheide die Treue halten.“ Nun schaute er entschuldigend drein, wohl weil er dachte, Erwartungen zu enttäuschen.

Dann jedoch runzelte er die Stirn. „Also nein, das war falsch gesagt: das fürchte ich nicht, das werde ich mit Freuden tun. Aber als Junker werde ich natürlich meist auf meinem Gut weilen. Doch wie auch immer, bis dahin wird noch sehr viel Wasser den Finsterbach hinunter fließen und derweil könnte es schon sein, dass ich häufiger in Weidenhag weile. Gerade, weil ich doch so freundliche willkommen geheißen wurde.“ Nun lächelte er breit und einnehmend.

Gorfried entgegnete ihm mit einem Schmunzeln. „Nennt mich einen Optimisten, Luten … in zweierlei Hinsicht. Erstens, weil ich annehme, dass es Euch ein leichtes sein wird das Herz der jungen Ritterin zu gewinnen … und umgekehrt natürlich auch … und zweitens, weil ich Eurem Großvater und Eurer Mutter ein langes und gesundes Leben bescheinige. Deshalb meine, zugegeben etwas freche, Frage. Denn dass Ihr selbst die Verantwortung über ein Gut erben werdet, ist mir bewusst. Wer weiß, bis dahin mag es schon einen Erben geben, der Travienswacht übernehmen kann.“

„Das schreit ja jetzt eigentlich wieder nach einem gemeinsamen Schluck, oder?“, warf nun wieder der Biberwalder ein, den wieder gefüllten Stumpen bereits erhoben.

Als Antwort folgte ein kräftiges Nicken. „Das Wohl, auf die Familie … und die Gesundheit.“ Gorfried und Rodunk stürzten den Stumpen hinunter und gerade am Antlitz des Baronsgemahls machten sich nun auch schon rote Backen und eine glänzende Stirn bemerkbar. Luten ließ sich auch nicht Lumpen und schüttete den Brannt mit Todesverachtung in sich hinein.

„Sagt Luten …“, warf nun wieder der Hausherr ein, „… was haltet Ihr davon, wenn wir die Gelegenheit nutzen uns besser kennen zu lernen …“, er sah hinüber zu Gorfried, „… er musste da auch durch.“

Als Antwort folgte lediglich ein vielsagendes Schnaufen.

„Immerhin sind wir ja bald fast … nun ja … Nachbarn …“, eben jene Worte signalisierten den beiden anderen am Tisch, dass auch der Biberwalder den Einfluss des Alkohols langsam fühlte. Was das bedeutete, würde vor allem der Sturmfelser wissen … wenn, ja, wenn er nicht auch schon bedient gewesen wäre. „Seid Ihr denn schon einmal bei einer Frau gelegen?“, fragte der Junker ganz unverblümt. „Nicht, dass Ihr Grimmberta … nun ja …“

Der Corrhensteiner konnte nicht recht glauben, was er da hörte, mit großen Augen verfolgte er die Worte seines Gastgebers und schien unfähig, woanders hinzuschauen, als in das Antlitz des hier so freizügig schwadronierenden Gastgebers. Doch eher er, der an seinem Hals hinauf kletternden Röte zum Trotz, antworten konnte, kam ihm der Baronsgemahl glücklicherweise zuvor.

„Rodunk …“, kam es tadelnd von Seiten des Barongemahls, auch wenn dieser dabei lächelte, „… du wirst deinem Gast auf diesem Gebiet doch hoffentlich keinen Dilettantismus unterstellen … und selbst wenn ... es gäbe wahrlich Schlimmeres.“

Das nun schien Luten irgendwie auch nicht unbeeindruckt zu lassen. Sein Blick schweifte hinüber zum Sturmfelser und seine Brauen wanderten nach oben. Dann blinzelte er und schüttelte den Kopf, wohl um eine Replik einzuleiten. Aber er war wiederum zu langsam.

Der Hausherr machte eine wegwerfende Handbewegung. Er räusperte sich und in einem lichten Moment erkannte er nun doch, dass das Thema in eine Richtung ging, die wohl schon das Prädikat ´beleidigend´ trug. „Vor was fürchtet sich ein Rondrianer eigentlich, hoher Herr?“, versuchte Rodunk den Schwenk zu einem anderen Thema.

Der immer noch recht großäugige Blick seines Gastes traf nun wieder den Biberwalder. „Wie jetzt?“, platzte es aus ihm heraus, „was ein Rondrianer fürchtet? Das fragt Ihr mich? Ich bin doch nur ein Ritter der Wahrung, kein geweihter Diener, also kann ich nur ebenso mutmaßen, wie Ihr.“ Wiederum schielte er in seinen Stumpen, dann zupfte ein mutwilliges Grinsen an seinen Mundwinkeln. „Ich schätze, wenn sie wüssten, wessen ihr hier gerade Zeuge werde, wären sie klug beraten, einen metseligen Abend im Hause Biberwald zu fürchten. Bei all den Fragen, die einem da ohne jede Vorwarnung gestellt werden, eh?“ Nun grinste er breit. „Aber ich schätze, auch das würde ihnen keine Angst machen, denn meiner Erfahrung nach verstehen sich die Diener Rondras ganz hervorragend darauf, Fragen, die ihnen nicht behagen, zu missachten, ohne dass es ihnen verübelt wird.“ Nun grinste Luten breit und auch ein wenig herausfordernd.

„Und nur, damit das klar ist: ich bin kein Jungmann mehr, eure Grimmberta wird dahingehend sicher mit mir zufrieden sein.“ Dies festzustellen, war Luten offenbar wichtig.

„Na, da hörst du es …“, meinte der Sturmfelser daraufhin und klopfte dem jungen Ritter wieder auf die Schultern, „… genauso wie, dass du von einem Rondrianer wohl gar keine Antwort auf deine Frage bekommen hättest.“ Der Baronsgemahl lachte auf und füllte sich seinen Stumpen. „Wer weiß, vielleicht haben wir deshalb keine Diener der Löwin hier in Weidenhag … vielleicht haben die Biberwalder sie mit ihren dummen Fragen vertrieben.“

Erleichtert, dass der Baronsgemahl alles so auffasste, fiel Luten in das herzhafte Lachen ein und hob zum Zeichen, dass er das nicht rundheraus verneinen würde dramatisch Schultern und Augenbrauen.

Nun lachte auch Rodunk auf. „Unwahrscheinlich, wiewohl es schon schön wäre eine Dienerin oder einen Diener der Löwinnengleichen hier zu haben. Rede mal mit deiner Frau. Rahja hat sie ja auch einen Tempel gespendet.“

„Naja …“, entgegnete ihm der Baronsgemahl, „… ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass es vielleicht bald wieder so weit ist.“

„Wie …“, der Hausherr griff freudig nach dem Krug und schenkte sich nach, „… ist Henna wieder schwanger? Gra …“ Der Gast aus der Hollerheide schien denselben Rückschluss gezogen zu haben und hielt Rodunk sein Krüglein ebenfalls hin, um auf das freudige Ereignis anzustoßen.

„Nein …“, Gorfried hob beschwichtigend seine Hand und lachte dabei schallend auf, „… nichts dergleichen. Dass wir wieder einen Diener oder eine Dienerin der Rondra in der Baronie haben werden.“

Kurz schien es als wären Junker und Ritter ob dieser Nachricht etwas enttäuscht, dann klarte sich Rodunks Gesicht wieder auf. „Na, das ist ja einmal eine gute Nachricht … so es denn eintritt. Darauf trinken wir.“ Der Biberwalder nahm nun endlich den Stumpen des jungen Luten und füllte ihn noch einmal nach, wofür er eine dankbare Hand auf die Schulter gelegt bekam.

„Und sieh es so, alter Freund. Egal wen die Kirche auch hierher zu uns entsenden mag, du hast heute schon etwas Wesentliches im Umgang mit Rondrianern gelernt“, Gorfried hob tadelnd seinen Finger, „Keine dummen Fragen.“

„Jaja … und dass sie nicht viel fürchten … und dass sich Ritter der Wahrung nicht als Rondrianer verstehen …“, der Junker nickte, „… lassen wir die Angst und die Rahjadinge. Erzählt mir von Eurer schönsten Jagd, hoher Herr.“

„Ai, nur zu gerne“, fügte sich der Corrhensteiner bereitwillig. Doch ehe er anhob beugte er sich zu seinem Gastgeber vor. „Ich will mich nicht mit etwas schmücken, was mir nicht zusteht. Weder habe ich – über die Ritterschaft hinaus – gegenüber der Leuin Gelübde abgelegt, noch eine Weihe empfangen. Ich finde, nur Menschen, die das getan haben, verdienen die Ehrenbezeichnung Rondrianer. Oder würdet Ihr Baronin Gwîduhenna eine Travianerin nennen, weil sie die Gebote der Eidmutter so hoch hält?“

Rodunk wog seinen Kopf hin und her. „Ihr habt Henna noch nicht in ihrer grauen Kutte gesehen, wie sie Suppe an Unfreie ausgibt. Ja, sogar ihrer Tante im Tempel assistieren habe ich sie schon gesehen. Wenn man das mit dem Verhalten des stolzen Ritters Andîlgarn als Baron vergleicht … nun ja, anfangs war es schon etwas befremdlich.“ Der Junker sah hinüber zu Gorfried, doch lächelte dieser bloß. „Wenn man bedenkt, dass sie am Hof einer kaiserlichen Hoheit ausgebildet wurde … nun, das macht es nur noch besonderer. Nicht wenige Menschen sehen in ihr ein Geschenk der Eidmutter … aber ja, Travianerin würde sie wohl niemand nennen.“

Luten kicherte leise, immerhin hatte er Gwîduhenna von Gugelforst kennengelernt und mit ihr gesprochen. Sie war zweifelsohne eine traviagefällige Frau, aber auch eine, die sehr genau um ihr Aussehen wusste und seiner Meinung nach auch um ihre Wirkung auf Männer wusste. Gar so heilig, wie ihr Gemahl hier gerade sagte, war sie nun wirklich nicht und der junge Ritter war sicher, dass der Sturmfelser einen Scherz auf Kosten seiner Gattin gemacht hatte.

Glücklicherweise warf er einen Blick auf das Gesicht des Darpatiers, ehe er das laut kundtat und bemerkte darin eine Verklärtheit, die ihm selbst in seinem schnapsbenebelten Zustand nicht entging. Er kannte diesen Ausdruck von seinem Baron, wenn der zu später Stunde mal wieder in den höchsten Tönen der Verzückung von seiner Gemahlin schwärmte, was zugegebener Weise kaum jemand nachvollziehen konnte, zumindest nicht in der glühenden Innbrunst, die dann in des Weiden-Harlburgs Augen gloste. Gar so heiß waberte es in Gorfrieds Augen nicht, aber er sah in seiner Frau ja auch eher eine Traviaheilige und kein Geschenk der Stutengleichen, da war das Feuer wohl eher mild-orange, als glühend-rot.

Froh darüber, diesen Fettnapf ausgelassen zu haben, blickte Luten einige Augenblicke ins Feuer und sinnierte. „Meine schönste Jagd? Oh, ich glaube, das war in meinem dritten Knappenjahr, im Boronmond. Es war ein sehr vernebelter Mond, dem Listenreichen sehr zur Ehr. Wir waren in der Schwarzen Sichel unterwegs und die Sicheltannen stachen aus dem wabernden Nebel heraus, wie Lanzen, die einen heranpreschenden Feind wehren wollten. Wir gingen auf einen Zwölfender, der schon eine Weile durch diese Wälder streifte und ich hatte gelobt, wir würden nicht eher zurückkehren, bis wir den Hirsch nicht wenigstens gesehen hatten.“

Der Ritter nickte und ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, als die Erinnerungen Gestalt annahmen und sich vor seinem geistigen Auge entfalteten. Er ruckelte sich tiefer in den Sessel und gab den beiden anderen so das Zeichen, dass es ein wenig länger dauern würde. „Es war also an einem nebelverhangenen Markttag Mitte Boron, als wir uns auf den Weg machten und ich weiß noch wie heute, dass der kalte Nieselregen mir binnen Stundesfrist unters Wams gekrochen war…“

-Fin-