Neues aus Weidenhag - Bild der Zerstörung

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Im Wargenforst, zur selben Zeit

Immer tiefer waren sie in den dunklen Forst vorgedrungen…gehetzt…wie das Jagdwild auf der Flucht vor der Meute. Er, Ermenrich war es, der sie in den Forst geführt hatte – obwohl er es hätte besser wissen müssen. Von Kindesbeinen an wurde ihnen anerzogen, dass sie sich dem Forst fernzuhalten haben. „Die Herrin des Waldes duldet nur ihr eigenes Blut um sich“, heißt es immer und er, Ermenrich, hatte nie so recht verstanden was dieser Satz genau bedeutete.

Die Gruppe hielt inne. Zu hören war nur Mirnhildes Schniefen und Seufzen. Es ist noch nicht lange her, dass sie bemerkt hatten, dass Lynde, ihre Jüngste, verloren gegangen war. Ihr Mann Edil legte ihr tröstend einen Arm auf die Schulter.

Doch Ermenrich konnte nicht umkehren, nicht jetzt, da die Orks noch hinter ihnen her waren. Unaufhaltsam trieb er die Gruppe tiefer und tiefer in den dunklen Forst hinein...


Weiler Gluckenhag, etwas später

Feyenhold sog tief die abendliche Luft ein. Das Mal des Herrn Praios war bereits hinter den Zacken des mächtigen Finsterkamms verschwunden und es wurde, trotz herrschender warmer Jahreszeit, kühl in den Landen der Baronie Weidenhag. Dass der Herr Efferd das Land mit seinen Gaben segnete tat hierbei sein Übriges hinzu, doch war es nicht das Wetter, das einen Schatten über die Stimmung vierköpfige Gruppe legte.

Nach der Meldung seines Jägers Yann gab Feyenhold sofort Befehl zum Aufbruch. Manch einer würde es als überstürzt erachten im Dämmerlicht und ohne die angeforderte Hilfe der Baronin zum Ort eines Überfalls zu reiten, doch der junge Welkensteiner fühlte sich seinen Schutzbefohlenen gegenüber in der Pflicht. Es war ihm klar, dass er nicht die Mittel hatte auch nur eine kleine Gruppe von Orks zu besiegen, aber vielleicht konnten sie dennoch irgendwie helfen.

Feyenhold schlug das Herz bis zum Hals als er sich der Palisade des Weilers näherte. Wie ruhig es war. Einzig das Glimmen und der Rauch von immer noch schwelenden Brandherden waren zu sehen. Was werde sie erwarten? Er wusste es nicht, doch malte er sich seit ihrem Aufbruch aus Wargentrutz die schrecklichsten Dinge aus. Ob es Überlebende gab? Feyenhold fürchtete sich davor ein Schlachtfeld vorzufinden.

Der junge Ritter war der erste, der durch die Pforte auf den Hof ritt, kurz darauf folgten seine drei Begleiter. Innerhalb der Palisade fanden sie die geschwärzten Überreste des Dorfes vor, doch kein Blut und keine Leichen. Feyenhold fiel ein Stein vom Herzen, obwohl das Fehlen von Leichen nicht unbedingt zu bedeuten hatte, dass es seinen Schutzbefohlenen gut ging.

Feyenhold streifte sich seine Kettenhaube ab, sodass sein blonder Schopf zum Vorschein kam und ließ sich eine Fackel geben. Wortlos gingen die vier über den düsteren Hof – das gedämpfte Licht der nahen Glutnester legte sich trügerisch über so manche Form und ließ die Hände des Ritters und seiner Gefährten einige Male zu ihren gegürteten Waffen zucken. Selbst wenn es hier nichts mehr zu holen gab und der Überfall nun schon einige Stundengläser lang zurück lag, konnte man sich nie in Sicherheit wiegen.

Eine Bewegung in den Schatten vor ihm erregte Feyenholds Aufmerksamkeit. Alarmiert zog er sein Langschwert, mit dem er jedoch nur leidlich umgehen konnte und tastete sich langsam in die Dunkelheit vor – dabei fiel sein Blick auf ein kleines, unförmiges Etwas vor ihm auf dem Boden. Es war eine kleine Puppe mit dunklen Haaren und einem Kleidchen. Feyenhold bückte sich danach, steckte sein Schwert weg, und setzte dann seinen Weg fort.

„Du kannst rauskommen. Wir tun dir nichts.“ Sprach der Junker als er an der Ecke angekommen war, wo er vorher die Bewegung wahrgenommen hatte. Es sollte nur einige Herzschläge lang dauern, bis ein kleines Mädchen hervorkam. Ihr Gesicht war verweint und ihre Augen waren voll Furcht.

„Wie heißt du denn, Kleine?“, wollte Feyenhold wissen, doch sollte er keine Antwort erhalten. Vielmehr blickte das kleine Mädchen auf die Puppe in seinen Händen.

„Ist das deine Puppe? Wie heißt sie denn.“ Er streckte ihr die Puppe entgegen. „Henna.“, antwortete sie mit piepsiger Stimme und drückte erleichtert die Puppe an ihre Brust.

„Das ist ja ein schöner Name.“, bemerkte Feyenhold. „Und wie heißt du?“

„Lynde...", kam es zögerlich.

"Schön, mein Name ist Feyenhold.", der Ritter lächelte.

"Weist du. Mein Papa hat mir die Puppe gemacht, nachdem wir einmal beim Baronssitz waren und ich die schöne Baronin sehen konnte. Papa sagte, dass ich wohl nie so ein schönes Kleid haben werde wie sie…dann schenkte er mir die Puppe…meine Henna…“. Feyenhold wunderte sich über die plötzliche Redseligkeit des Kindes, freute sich aber, dass das Eis nun gebrochen schien. Sie stoppte als er ihr ernst in die Augen blickte.

„Lynde…Dein Papa, wo ist er? Und was ist passiert?“, wollte der Junker nun wissen.

„Orks…“, sprach Lynde fast tonlos und von einen auf den anderen Moment war all die eben erst aufgekommene Freude und Erleichterung aus ihrem Gesicht verschwunden.

„Und weist du auch wo dein Papa und die Anderen hin sind?“ Feyenhold bemühte sich ruhig zu wirken um das Kind nicht noch mehr zu verängstigen.

„Ich habe meine Henna verloren, deshalb bin ich von Mama weg und zurück.“ Lynde begann zu weinen.

„Kleine es ist wichtig…wo sind deine Eltern und die anderen Bewohner des Dorfes hin? Verstecken sie sich? Es ist wichtig…“ Einige Zeit blickte das Mädchen vor sich auf den Boden, dann zeigte sie zum Waldrand.

„Der Wargenforst…“, murmelte Feyenhold und sein Gesicht war bleich geworden.