Kapitel Drei

Die Jahre vergingen und die drei Freunde wurden untereinander zu Fremden. Sie alle fanden Gefolgsleute, Gefährten, Frauen und Männer und zeugten und bekamen viele Kinder. Keiner der Feinde und keine der Gefahren kam wieder auf. Nur der Schwarzpelz, die ewige Geißel der Mittnacht, war nicht zu besiegen.

Primavera baute sich eine sehr große und schöne Burg und herrschte über sehr viel Land. Es war voller Berge und Hügel und fast vollkommen mit wildem Wald voller Gefahren bedeckt. Doch das störte sie nicht. Wann immer sie wollte, verwandelte sie sich in einen Schwan und konnte über das Land fliegen. Auch ihren Kindern und Kindeskindern vererbte sie diese Gabe. So sahen sie sofort, wenn die Schwarzpelze kamen, konnten sich alle versammeln und sie dann mit List und Geschick besiegen.

Fessir dagegen baute sich nur eine kleine Burg. Sein Land war auch voller Hügel lag aber nur am Rand der hohen finsteren Berge. Die Wälder in seinem Land waren kleiner und lichter als bei Primavera. Stattdessen gab es viele fruchtbare Weiden und Wiesen. Fessirs Familie wuchs und wuchs und auch seine Ziegenherde wurde die Größte weit und breit. Fessir zog Jahr für Jahr durch sein Land und erschlug jeden Schwarzpelz, den er finden konnte.

Ucarias schließlich weit im Süden baute eine große Burg, die auf einem steilen Berg stand. Er war rundherum der Einzige und auch kein Wald verbarg ihn. Ucarias liebte es, oben auf dem höchsten Turm zu sitzen und ins Land zu schauen. Ucarias Familie blieb kleiner als die von Primavera und Fessir. Sie lebten nur innerhalb der Mauern ihrer großen Burg auf dem Berggipfel. Sie hielten keine Herden und hatten außerhalb der Mauern keine Äcker, die es zu beschützen galt. Auch er zog oft aus und kämpfte gegen den Ork. Er aber griff ihn immer in seinen eigenen Lagern an. Wie die Falken es taten, so jagte er auch die Schwarzpelze. Unerwartet kam er aus dem Himmel gestürzt, schlug hart zu und flog dann davon. Kein Schwarzpelz kam über die Weite Ebene bis zu Ucarias Burg.

Die drei ehemaligen Freunde taten alles, was in ihrer Macht stand, um das Land zwischen Finsterem Bach und Finsteren Bergen zu ihrem zu machen. Doch wo sie nun getrennt waren, konnten sie sich nicht mehr gegenseitig helfen.

Primavera wusste, dass sie und die Ihren alleine nicht gut genug würden kämpfen können, um ihr Land zu behaupten. Denn der Ork war zwar nicht schlauer, aber doch stärker als sie alleine.

Fessir wusste, dass er irgendwann alt werden würde und er merkte, dass er nie genug Schwarzpelze erschlagen konnte. Jedes Jahr waren es mehr als das Jahr davor. Schon bald würde er seine Herde nicht mehr schützen können.

Ucarias wusste, dass er und die Seinen, wenn die anderen beiden erst besiegt waren, zu wenige waren. Irgendwann würde der Falke nicht mehr alle Orks auf der Ebene erlegen können. Sie würden den Berg erreichen. Sie würden seine Hänge erklimmen und über die Mauern der darauf stehenden Burg stürmen.

Sie mussten eine Lösung finden, oder ihr ganzes Leben und Wirken wäre umsonst gewesen. Sie beschlossen, dass sie wieder zusammen gegen die Schwarzpelze kämpfen mussten. Doch waren sie sich inzwischen zu fremd geworden um wieder an einem Ort zusammen zu leben. Ebenso wollte keiner sein Heim verlassen. Lange sprachen sie. Lange stritten sie. Fast hätten sie aufgegeben. Doch schließlich fanden sie eine Lösung.

Jeder der drei stellte ein Dutzend der Seinen. Die Besten, die sie hatten. Diejenigen die Ihnen selbst am ähnlichsten waren. Diejenigen, die die gleichen Fähigkeiten wie sie hatten. Angeführt wurden diese Männer und Frauen vom Besten der nicht vom Blut der Drei war, damit sie nicht zu streiten mussten, wer es werden sollte. Diesem Hauptmann gaben sie gemeinsam den Auftrag, an einen Ort zu gehen, der zwischen ihren Landen lag.

Dort sollte er eine Stadt bauen und in dieser eine große Burg. Er würde über sie und das Land darum herrschen. Die Drei hatten so einen Ort, an dem sie immer zusammenkommen konnten und ihre Kriegszüge planen. Der auserwählte Hauptmann der Drei erhielt von ihnen die Erlaubnis von da an den Namen "vom Finsteren Kamm" zu tragen --- und er nannte die Stadt Nordhag.

So gelang es schließlich, den Schwarzpelz wieder vom Land zwischen dem Finsteren Bach und den Finsteren Bergen zu vertreiben. Primavera die Schöne, Fessir der Wilde und Ucarias der Starke hatten ihren Eid erfüllt. Sie hatten das Land zu ihrer Heimat gemacht und es sich zu Untertan.

Im hohen Alter kehrten sie noch einmal gemeinsam nach Olat zurück, unterwarfen sich dem Grafen und schworen ihm die Treue. Als Gegenleistung verfügte dieser, dass das Land zwischen dem Finsteren Bach und den Finsteren Bergen auf ewig ihres sein sollte. Solange noch einer von Ihnen oder ihrer Nachkommen lebte, sollte kein anderer über ihre Lande herrschen.

Wer sich aber heute fragt, ob die drei gestorben sind, oder noch heute leben, der wird die Antwort auf den Schilden der drei ältesten Geschlechter der Heldentrutz finden – dem silbernen Schwan der Familie Schnewlin, dem silbernen Steinbock der Familie Böcklin und dem güldenen Falken der Familie Fälklin.

---Geschichte aus der Grafschaft Bärwalde, niedergeschrieben zur Regierungszeit von Herzog Emmeran von Weiden 578 BF