Ein neuer Besen kehrt auf Burg Urkenfurt

Ein neuer Besen kehrt auf Burg Urkenfurt

 

Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Mitte Firun 1043

Inzwischen hatte sich Lyssandra von Finsterborn bereits an den Anblick der Baronsburg gewöhnt. Oft war sie in der vergangenen Zeit von verschiedenen Richtungen auf die Burg auf dem Hochufer des Finsterbachs zugeritten. Sie mochte vor allem den Anblick vom Gegenufer des Fialgralwas, wenn man, so wie sie jetzt, von der Schwarzen Au aus auf Urkenfurt zukam.

Firun hielt die Baronie in seinen eisigen Fingern. Die Wiesen und Weiden waren unter einer weißen Decke verborgen, die Bäume, Hütten und Häuser, sowie die Türme und Mauern der Burg trugen Schneemützen. Der Himmel zeigte gerade noch eine blassviolette Färbung. Die Praiosscheibe war soeben hinter den Ausläufern der Wälder verschwunden. Bald würde es dunkel werden. Die Ortschaft Urkenfurt lag still im Tal zwischen den Hochufern des Finsterbaches, verbunden durch die steinerne Brücke, überwacht von der Burg, die sich über dem steilen Felsen, den der Fialgralwa durchschnitten hatte, erhob. Rauch kräuselte sich aus den Schornsteinen der einfachen Hütten und Fachwerkhäuser. Menschen waren keine zu sehen. Die eisige Kälte hatte sie in die Enge der Häuser gezwungen. Auch Lyssandra fror. Die Hände in den Lammfellhandschuhen schmerzten vor Kälte. Die Fußzehen in den Stiefeln fühlte sie gar nicht mehr. Vor Dardanellas Nüstern bildeten sich kleine Nebelwolken. Die Stute schien ebenso sehnsuchtsvoll auf die Burg zu blicken wie die Junkerin aus der Schwarzen Au. Dort drüben, wo sich die dunklen Mauern vor dem verblassenden Praiosschein abhoben, würden sie sich in Kürze aufwärmen und stärken können.

In den vergangenen Wochen nach der Bestattung ihres Vaters, hatte sich Lyssandra mit der Verwaltung des Lehens befasst. Sie hatte die wichtigsten Freibauern zum Gespräch geladen und sich einen Überblick über die Jagdgründe des Gutes verschafft. Diese Aufgabe hatte ihr Vater Theofried bisher nicht aus der Hand gegeben. Ebenso die Ausbildung und die Waffenübungen mit den Waffenknechten und Schildmaiden. Sie war nicht unglücklich, dass siw diese Aufgabe alsbald an Oberon und seine Frau Danja abtreten konnte. Lyssandra hatte sich in den vergangenen Jahren vermehrt mit der Verwaltung des Gutes und den Finanzen des Lehens befasst und nur noch selten an Waffenübungen und Turnieren teilgenommen. Sie konnte noch immer ein Schwert führen und war nach wie vor treffsicher mit dem Bogen, den ihr die berühmte Chirciner Bogenbauerin Olorandes gefertigt hatte, fand aber wenig Freude bei den Kampfübungen. Lieber ritt sie auf die Jagd und übte sich dort im Bogenschießen.

Das Pärchen aus Stegelsche, Oberon und Danja von Uhlredder, die sich als Dienstritter Lyssandra unterstellt hatten, war bereit in der Zeit in der sie dem von der Gräfin eingesetzten Vogt auf Burg Urkenfurt zur Seite stand das Lehen zu verwalten. Bald hatte sich herauskristallisiert, dass sich Danja mehr mit den verwalterischen Aufgaben wohlfühlte, wohingegen Oberon eher die kämpferischen Anteile übernehmen wollte. Da beide gerne der Jagd frönten, würden sie sich auch gemeinsam darum kümmern. Wobei Danja die wesentlich erfolgreichere Jägerin war. Auf jeden Fall hatte die Junkerin das Gut am Morgen des vorigen Tages beruhigt verlassen. Sie wusste es in guten Händen. Sie hatte mit Oberon vereinbart, dass er sie regelmäßig über Neuigkeiten informierte und sie auf dem Laufenden hielt.

Als nun der steile Abstieg ins Tal des Fialgralwas anstand, sprang Lyssandra aus dem Sattel. Der schneebedeckte, glatte Weg stellte eine große Gefahr für Reiterin und Pferd dar. Um das Risiko eines gemeinsamen Sturzes zu mindern, wollte die Junkerin zu Fuß gehen und Dardanella am Zügel führen. Die eiskalten Finger konnten die Zügel vor dem Absitzen kaum loslassen. Ein Strecken war nur mühsam möglich. Der Sprung auf den Boden ließ sie einen Schmerzenslaut ausstoßen. Die eben noch gefühllosen, tauben Füße, kommentierten das Aufkommen auf dem gefrorenen Grund mit einem atemraubenden Schmerz, der sich von den Zehen über die Sprunggelenke bis in die Beine hinauf blitzartig fortsetzte. Lyssandra atmete tief durch. Sie bekämpfte den Schmerz. Einige tiefe Atemzüge später fühlte sie sich in der Lage, den rutschigen, steilen Weg hinabzuklettern. Die treue Dardanella folgte ihr willig und aufmerksam.

Der schwierigste Teil des Weges war geschafft als sie die Brücke erreichten. Inzwischen war das Licht des Praiosmals schon geschwunden. Durch die Ritzen einiger Fensterläden konnte man den Feuerschein der Herdfeuer erkennen. Über dem Fluss stieg Nebel auf. Die Stimmung gefiel Lyssandra. Sie mochte Urkenfurt und fühlte sich fast schon heimisch im Dorf und auf der Burg.

Das Licht des Madamals, das sich zur Hälfte zeigte und somit wohl eine Woche alt war, wurde vom Schnee zurückgeworfen und erleichterte Lyssandra und Dardanella auf diese Weise den Aufstieg zur Burg. Sie hatte ihre Ankunft für den Abend angekündigt. Entsprechend waren die Wachen am Tor darauf vorbereitet. Schon das erste Klopfen am verschlossenen Tor wurde beantwortet. Die Klappe, über die man den Ankömmling identifizieren konnte wurde geöffnet. Schildknecht Trauwald lächelte erleichtert als er die Junkerin erkannte.

„Rondra zum Gruße, Wohlgeboren!“, begrüßte er Lyssandra.

„Den Gruß der Leuin auch für dich, Trauwald! Es freut mich, dich wiederzusehen!“

Die Junkerin führte ihr Ross durch das Tor, das nun zur Gänze geöffnet wurde.

Das Klappern der Hufeisen ihrer Warunkerstute schien sie anzukündigen. Zumindest erschien sogleich ein Stallknecht und nahm ihr Dardanella ab. Er beeilte sich auch ihr zu versichern, dass er die Satteltaschen in den Pallas bringen würde.

Lyssandra überquerte gerade den Hof, um sich zum Hauptgebäude der Burg zu begeben als sich die Magd Wigdis eilig vom Backhaus her näherte. Ihre Wangen waren gerötet, das blonde Haar steckte größtenteils unter einer Haube.

„Wohlgeboren! Wie schön Euch wiederzusehen! Kommt doch mit mir zum Backhaus und wärmt Euch auf. Dorntrud backt Brot und hat einen heißen Kräutertee für Euch!“

Das ließ sich die Junkerin nicht zweimal sagen. Sie lief an der Seite der plappernden jungen Frau zum Backhaus hinüber. Dorntrud erwartete sie bereits mit einem dampfenden Tonbecher.

„Travia zum Gruße, Wohlgeboren!“, wurde sie von der fülligen Köchin der Burg begrüßt. „Setzt Euch da drüben ans Feuer, Hohe Dame, und wärmt Euch auf. Heute ist es besonders kalt!“

Die Finsterbornerin schob sich den Hocker nah an den Herdplatz auf dem ein Feuer loderte und schnüffelte. „Eintopf?“, fragte sie.

Die Blondine nickte. „Ja, der Vogt liebt eher die einfache Küche. Er ist sehr anspruchslos.“

Lyssandra vermeinte ein Augenrollen zu erkennen. Sie lächelte.

„Kein Problem für mich. Was ist drin? Kohl, Rüben und Erbsen?“

Dorntrud nickte. Und ich habe Brotreste von gestern mit Knoblauch geröstet. Die kann man dann darüber streuen. Das gibt dem Ganzen eine knusprige und würzige Note.“

Sie hielt der Junkerin ein geröstetes Knoblauchbrot hin. „Hier, probiert!“

Das ließ sich Lyssandra nicht zweimal sagen. Ihr Magen knurrte vernehmlich. „Hmm, wie fein! Ich freue mich schon auf das Abendessen. Hast du auch wieder deinen berühmten Apfelkuchen gebacken?“

Lachend nickte Dorntrud und eine blonde Locke löste sich aus der Haube. Sie schob sie ungeduldig zurück unter den Stoff.

„Na, na, wer wird denn vor der Hauptspeise nach dem Nachtisch fragen?“

Nun musste auch Lyssandra lachen. Die Finger, die den warmen Becher hielten, kribbelten inzwischen und auch die Füße begannen erste Lebenszeichen zu geben. Sie trank erneut einen Schluck und fragte, wie es ihnen denn in der Zwischenzeit ergangen sei.

Die beiden Frauen wechselten Blicke. „Nun, es ist alles anders geworden. Für uns ist das nicht leicht so. Ritter Ludopoldt ist beleidigt, weil die Gräfin ihm den Vogt Winand Blaubinge vor die Nase gesetzt hat. Es scheint so als wenn Sie ihm in dem Brief, den sie mit einem Boten bringen ließ, Vorwürfe gemacht hat. Seither ist er extrem mürrisch und launisch… ich meine, das war er ja früher auch schon, aber jetzt spricht er auch mit uns fast kein Wort mehr. Er verschanzt sich im Torturm und nimmt kaum mehr am Burgleben teil. Selbst die Waffenknechte und Schildmaiden gehen fast auf Zehenspitzen an ihm vorbei, weil er sofort lospoltert, wenn ihm etwas querkommt.“

Die Junkerin nickte verstehend. „Na prima. Und nun komme auch noch ich daher. Die Gräfin wollte unbedingt, dass ich den Vogt unterstütze. Sie wollte die Verwaltung der Baronie nicht Ritter Ludopoldt und auch nicht dem Vogt alleine überlassen.“

Nun mischte sich Wigdis ein. „Entschuldigt, Hohe Dame, aber das kann ich verstehen! Ludopoldt hat sich nur um die Dinge gekümmert, die ihm angetragen wurden. Er sah seine Hauptaufgabe in der Verteidigung der Burg und hat andere Aufgaben nur unwillig übernommen. Aber das wisst Ihr ja selbst“, fügte sie an.

„Und dieser Winand Blaubinge? Wie muss ich mir den so vorstellen?“, hakte die Finsterbornerin nach.

Dorntrud und Wigdis wechselten Blicke.

„Hm“, begann die Köchin. „Ich würde mal sagen, er ist ein Erbsenzähler, wenn Ihr versteht, was ich damit meine.“

Die Magd fügte noch hinzu, dass er wohl um die 60 Winter alt war und in allem sehr anspruchslos. „Merthold hat gestern gesagt, dass er wohl zum Lachen in den Keller geht.“

Die 19jährige kicherte. Lyssandra trank den letzten Schluck Tee aus. „Na, da bin ich ja mal gespannt, was mich erwartet. Dann will ich mir mal ein eigenes Bild von dem Herrn machen. Ich würde mich gerne frisch machen. Wigdis, kannst du mir bitte eine Kanne mit warmem Wasser in die Kammer bringen?“

Das Nicken der Magd war als überaus freudig zu bezeichnen. „Aber Ihr könnt auch ein Bad nehmen, Wohlgeboren. Dann lasse ich einheizen!“

Auch wenn der Gedanke an ein warmes Bad durchaus verlockend klang, gab Lyssandra dem nicht nach. Sie wollte sobald wie möglich den Vogt kennenlernen.

„Nein danke, heute nicht, Wigdis. Aber ich komme die Tage darauf zurück. Ich nehme an, Winand Blaubinge ist bereits informiert worden, dass ich da bin. Ich will ihn nicht so lange warten lassen.“

Die beiden Frauen nickten.

„Sicher, Wohlgeboren. Ich bringe Euch zu Eurer Kammer. Es ist dieselbe wie beim letzten Mal.“

Wigdis war aufgesprungen. Lyssandra verabschiedete sich von der Köchin und verließ gemeinsam mit der Magd das Backhaus.

***

Winand Blaubinge war ein kleiner, hagerer Mann von vielleicht 60 Wintern. Sein Haupthaar hatte sich bis auf einen nahezu horizontal abstehenden, grauen Kranz gänzlich gelichtet. Die Oberlippe zierte ein schmaler, nicht besonders dichter, grauer Bart. Das Grau seiner Iris war gemustert mit dunklen, teils braun schimmernden Lakunen. Flink wanderten seine Augen durch den Raum und schienen jede Kleinigkeit zu bemerken.

„He, Bärnwart!“ rief er quer durch den Thronsaal. „Die Gürtelschließe sitzt nicht mittig. Wie sieht denn das aus! Unmöglich! Richte er das!“

Der Waffenknecht, der zu den Wachmännern der Burg gehörte, salutierte müde. „Sehr wohl, Achtbarer Herr Blaubinge!“ Dann trat er zurück und postierte sich neben der Thronsaaltür. Traugunde Plötzenbühler, die Lyssandra zum Essen abgeholt hatte, trat mit dem Gast dem Vogt gegenüber und stellte sie vor.

„Werter Vogt Blaubinge. Das hier ist Ihre Wohlgeboren Lyssandra von Finsterborn, Junkerin der Schwarzen Au.“

Lyssandra streckte die Hand aus. „Rondra und Travia zum Gruße, werter Vogt!“

Winand Blaubinge straffte sich. Er sah aus als habe er eine Hellebarde verschluckt.

„Rondra zum Gruße, Euer Wohlgeboren! Und die Grüße der Eidmutter selbstverständlich noch dazu!“
Zuckersüß kam ihm der Gruß von den Lippen. „Ich bin hocherfreut Euch kennenzulernen. Die Gräfin hält große Stücke auf Euch!“

„Es muss sich wohl erst noch erweisen, ob ich dem standhalten kann. Ich bin aber sicher, dass sie auch Euch in Ehren hält, sonst hätte sie Euch nicht diese heikle Aufgabe übertragen.“

Der Blaubinger nickte zustimmend. „Das kann man wohl sagen! Also, das mit der heiklen Aufgabe. Es ist wirklich viel Arbeit und ich habe gerade erst angefangen mir einen Überblick zu verschaffen.“

Er ließ in seiner steifen Haltung nur geringfügig nach. Dann wanderte seine rechte Augenbraue nach oben. „Der Hausstand hier scheint jedoch froh zu sein, dass Ihr mich von nun an unterstützen werdet. Es scheint fast so als wären das Gesinde mit mir unzufrieden.“

„Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, versicherte Lyssandra.

„Na, ich meine es wundert ja nicht, dass sich in diesem Hause, in dem solche untragbare Zustände geherrscht haben, eigenartige Sitten eingebürgert haben.“
Indigniert rümpfte Winand Blaubinge die Nase.

Die Finsterbornerin antwortete ausweichend. „Soweit ich das beurteilen kann, kann sich das nur auf den zerrütteten Geist des Baronets bezogen haben. Ich gehe davon aus, dass Grimmwulf von Hartenau und ihr Gemahl das Lehen gut verwaltet haben. Und ich kann vom Gesinde und den Wachleuten nur das Beste berichten!“

Nun schüttelte der Vogt unzufrieden das Haupt. „Also, wenn Ihr mich fragt, dann ist das alte Sprichwort nur zu richtig: „Wie der Herr, so´s Gescherr!“ Also wie die Herrschaft so die Untergebenen.“

Er funkelte Traugunde Plötzenbühler kalt an, die dann auch sofort ein „Ich ziehe mich dann mal zurück!“ murmelte und verschwand.

Winand Blaubinge machte eine einladende Bewegung mit der Linken. „Kommt bitte an die Tafel, Wohlgeboren, und nehmt an der Spitze Platz. Dieser Sitz gebührt selbstverständlich Euch!“

Es war ein seltsames Gefühl auf dem Hochlehner der Baronin Platz zu nehmen, aber vermutlich hatte der Vogt recht. Ihr gebührte dem Rang zufolge der Platz an der Stirnseite.

Ein Krug mit Wasser und einer mit Dorntruds selbstgebrautem Bier standen bereit. Der Vogt winkte einem jungen Mann, den Lyssandra noch nicht kannte. Er hatte sich bislang im Hintergrund gehalten. Der blasse etwa 18 Winter zählende Jüngling mit dünnen, blonden Locken, die sein ausdrucksloses Gesicht umrahmten, trat vor.

„Engolf, warte uns auf!“, befahl Winand Blaubinge.

Der junge Mann fragte mit dünner, etwas zu hoher Stimme was die Junkerin trinken wolle. Lyssandra entschied sich für einen klaren Kopf und nahm das Wasser. Vielleicht würde sie später gerne zu einem heißen Met übergehen, aber zunächst wollte sie sich ein Bild der Lage machen.

Winand Blaubinge ließ sich ebenfalls Wasser einschenken. „Entschuldigt, ich vergaß Euch Engolf vorzustellen, mein Mündel.“

Nun war die Frage geklärt, warum der Finsterbornerin der junge Mann unbekannt gewesen war. Der Vogt begann erneut.

„Ich möchte die Zeit nutzen, bevor Ritter Ludopold zu uns stößt und Euch von meinem Auftrag in Kenntnis setzen. Die Gräfin sandte mich hierher, um einen Überblick über die Zustände am Hof, unter dem Gesinde und den direkten Untergebenen zu bekommen. Zudem soll ich die finanziellen Verhältnisse prüfen, die Verwaltung der zum Lehen der Baronie gehörigen Ländereien in Augenschein nehmen und wohl in der wärmeren Jahreszeit einige Kontrollbesuche bei den Aftervasallen, also den Junker- und Rittergütern, den Eigenhörigen und Freibauern machen, sowie eine Volkszählung durchführen. Dafür werde ich dann auch noch ein paar Helfer anheuern müssen.“

Lyssandra hörte aufmerksam zu. Das klang tatsächlich nach viel Arbeit. Die Gräfin hatte den Vogt mit einer anspruchsvollen Aufgabe betraut. Sie würde ihn dabei zu unterstützen wissen.

„Ja, das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und erklärt warum die Gräfin mich gebeten hat Euch zu unterstützen. Wir sollten uns morgen in Ruhe ansehen, welche Aufgaben ich für Euch übernehmen kann, wo ihr meinen Rat benötigt und wie ich euch hilfreich zur Seite stehen kann.“

Der Blaubinger lächelte verkniffen. „Hm, ja, hm. Seid Ihr denn in der Lage, das alles zu überblicken und zu verstehen?“

Nun hob die Junkerin überrascht und ein wenig indigniert die Augenbrauen. „Das will ich wohl meinen, mein Herr! Ich bin Junkerin des größten Lehens der Baronie und schon aus diesem Grund meine ich Euch eine Hilfe sein zu können. Dazu kommt, dass ich die anderen Vasallen der Baronin persönlich kenne, einige sogar zu meinen Freunden zähle. Das wird Eure Aufgabe sicher erleichtern. Ich bin zuversichtlich, dass sich einige der Aufgaben, durchaus auch delegieren lassen.“

Nachdem der Vogt nicht sofort eine Erwiderung parat hatte, fuhr Lyssandra fort. „Nach meiner Schwertleite habe ich fast drei Götterläufe im Lieblichen Feld verbracht, wo ich bei der Familie meiner Mutter lebte und eine intensive Zeit in der Domänenverwaltung zubrachte. Zudem erlernte ich die Grundzüge des Rechtswesens wie es dort angewandt wird. Ich denke doch, dass mich das schon prädestiniert Euch als Beraterin zur Seite zu stehen, nicht wahr?“

Winand Blaubinge schien wieder zu sich zu kommen und stellte fest, dass die Junkerin eine Antwort erwartete.

„Sicher, sicher, Wohlgeboren. Es tut mir leid, wenn der Verdacht aufkam, dass ich an Eurer Expertise Zweifel hätte.“

Lyssandra kommentierte die Entschuldigung mit einem knappen Kopfnicken. In diesem Moment klopfte es und Traugunde Plötzenbühler ließ den Dienstritter Ludopoldt von Geißenbart eintreten. Mit stampfenden Schritten näherte sich der gut 60 Winter zählende Mann. Er trug eine lange Tunika in den Farben des Baroniewappens: weiß und blau über der braunen Bruche. Dolch und Schwert steckten im Schwertgurt, den er offenbar auch zum Abendmahl nicht ablegte. Der Haaransatz des ergrauten Haupthaares war schon weit zurückgewichen, der Blick wirkte müde und die Lippen waren schmal zusammengepresst, was ihm einen verbitterten Gesichtsausdruck bescherte.

„Rondra zum Gruße, Wohlgeboren!“, grüßte er Lyssandra knapp. Den Vogt bedachte er gar nur mit einem Kopfnickten. „N´Abend, Vogt!“.

Er zog sich den Stuhl gegenüber des Blaubingers heraus und nahm Platz. Der Blick wanderte zu Lyssandra, die am Kopfende des Tisches saß. Mürrisch knurrte er: „Ich weiß nicht, was sich die Gräfin davon verspricht, mir nicht nur diesen Federfuchser zu schicken, sondern auch noch dich, Lyssandra. Hast du nicht genug zu tun mit deinem Junkergut? Musst du dich auch noch hier in Urkenfurt wichtigmachen?“

Die Finsterbornerin holte tief Luft. Sie musste die Unverschämtheit erstmal verdauen. Ihre Contenance verbot es ihr jedoch, unbedacht loszupoltern. Die Denkpause, die entstand, nutzte der Vogt für eine Riposte.
„Ritter von Geißenbart, ich muss schon sehr bitten! Ihro Hochwohlgeboren, Griseldis von Pallingen, hat gute Gründe, mich als vorübergehenden Verwalter einzusetzen. Und, mit Verlaub, aber Euer Auftreten zeigt es fürwahr erneut, warum sie es tat. Ich erinnere Euch nur ungern daran, dass ein solcher Affront gegen die Junkerin von Finsterborn, die eigens von der Gräfin ausgesucht wurde, mich zu unterstützen, vollkommen deplatziert ist. Mäßigt Euch, Wohlgeboren!“

Wigdis trug Schalen und Löffel auf, ein Knecht brache die Terrine mit dem Eintopf. Die Magd schöpfte jedem von ihnen zwei Löffel in die Schalen und reichte ein Brot dazu. Den Rest des Brotes stellte sie in einem Korb auf den Tisch.

Mit Appetit griff Lyssandra zu. Der Eintopf schmeckte herrlich. Einfach aber schmackhaft zubereitet. Nach einer Zeit des gefräßigen Schweigens, wischte sich Winand Blaubinge den Mund mit einer Serviette ab und richtete eine Frage an den Dienstritter.
„Wie weit seid Ihr mit der Inventur, Ritter von Geißenbart? Können die Junkerin und ich uns morgen einen Überblick verschaffen?“

„Pah“, platzte der Geißenbart heraus. „Wie viele Erbsen wollt Ihr denn noch zählen, Vogt Blaubinge? Reicht es nicht langsam?“

Winand Blaubinge verzog geziert und angewidert die Lippen. „Es ist nicht an Euch, meine Aufgabe infrage zu stellen, Wohlgeboren! Dieses Lehen fällt nach dem Tod der Baronsfamilie zurück an die Gräfin. Sie hat ein Anrecht darauf zu wissen, wie es um die finanzielle Lage der Baronie und des direkten Baronslehens steht und ob es ordentlich von den von Hartenaus verwaltet wurde. Schließlich muss sie ja wissen, was das an sie zurückfallende Lehen wert ist.“

Ludopoldt stopfte sich noch ein Stück Brot in den Mund, mit dem er zuvor seine Schüssel ausgewischt hatte. „Pah, Listen und Zahlen! Als wenn Griseldis das einen feuchten Kehricht interessiert! Nicht einen Blick wird sie darauf werfen! Ihr verschwendet Eure Zeit und was noch viel schwerer wiegt – meine! Dass Ihr eine Freude an solch bürokratischen, zeitraubenden und vollkommen unnötigen Beschäftigungen findet, glaube ich wohl, ich aber habe Besseres zu tun. In den Wäldern der Baronie muss das Schwarzwild gejagt werden, der Holzeinschlag für die Burg muss überwacht werden und die Vorratsspeicher der Baronin… äh, also des barönlichen Eigentums, muss auf Mäuse, Ratten und Schimmel untersucht werden. Das ist jetzt meine eigentliche Aufgabe… nicht das Zählen von Hellebarden, Dolchen und Pfeilen!“

Der Vogt der Gräfin von Bärwalde atmete tief durch. „Ich denke, das Abendessen ist jetzt beendet, Wohlgeboren. Ich werde mich dann mal zurückziehen!“

Er gab der Magd Wigdis noch die Anweisung ihm um die Perainestunde einen Becher heißer Milch mit Honig zu bringen. Dann stand er auf, verneigte sich steif vor der Finsterbornerin und nickte Ludopoldt kurz und knapp zu.

„Möge Bishdariel Euch erholsam schlafen lassen.“

Als er an der Tür des Thronsaals angekommen war, prallte Winand Blaubinge fast mit der Köchin Dorntrud zusammen, die gerade den Apfelkuchen bringen wollte. Der Vogt ignorierte ihr „Aber Herr Blaubinge! Ihr werdet doch den Nachtisch nicht verschmähen!“

„Nachtisch?“ Winand Blaubinge verharrte kurz. „Wieso gibt es einen Nachtisch? Werden so die Vorräte für den Winter verprasst? Firun wird uns noch lange geißeln! Da heißt es sparsam sein, mit den Lebensmitteln! Merk´ dir das, Dorntrud!“

„Jawohl, Herr Vogt!“, erwiderte die Köchin gehorsam. „Ich wollte ja nur diese völlig überreifen Äpfel einer sinnvollen Verwendung zuführen. Wegwerfen kann ja nicht in Eurem Interesse sein, oder?“

Der Blaubinger stutzte. „Nein, sicherlich nicht. Na, wenn das so ist…. Dann hebe sie mir ein Stück auf. Ich esse es morgen.“

„Sehr wohl, achtbarer Herr!“ Dorntrud verneigte sich vorsichtig, um den Kuchen nicht zu gefährden.

Fast schien es als versuchte der Vogt zu lächeln. Es blieb jedoch bei dem Versuch. Er eilte sogleich mit kleinen Tippelschritten davon.

Lyssandra und Ritter Ludopoldt hingegen ließen es sich nicht nehmen, den frischen Apfelkuchen der Burgköchin zu probieren. Er schmeckte wie erwartet wunderbar.

Allerdings kam kein rechtes Gespräch mehr zustande. Ludopoldt stopfte das noch lauwarme Gebäck Löffel für Löffel in den Mund und kaute missmutig. Lyssandra hingegen versuchte sich den Genuss nicht nehmen zu lassen.

***

 

Am kommenden Tag traf Lyssandra nach dem Frühstück den Vogt in der Küche bei Dorntrud an. Aber nicht etwa, weil er sich eine kleine Leckerei besorgen wollte, nein, er hatte ein großes Pergament auf dem Arbeitstisch der Köchin ausgebreitet und notierte eifrig. Die Wangen der rundlichen Dorntrud zeigten eine unnatürlich rötliche Färbung.

„Wie viele Kochlöffel, sagtest du?“, fragte gerade Winand Blaubinge.

„Zehn!“, knurrte Dorntrud.

Der Vogt tunkte die Feder ins Tintenfass und malte die beiden Ziffern auf sein Pergament.
„Und wie viele große und kleine Töpfe?“

„Was jetzt? Große oder kleine oder alle zusammen? Und wo fängt bei Euch groß an?“, die Köchin war denkbar ungehalten.

Winand Blaubinge hielt inne und sah auf. Sein Blick ging in der Küche umher. „Nun, das dort ist ein großer Topf!“, sagte er und zeigte auf einen Kupferkessel, der Eintopf für sicherlich 20 bis 30 Personen fassen konnte. „Und das hier…“ damit wies sein Zeigefinger auf einen kleineren Topf für Soßen oder um Milch für ein paar Becher warmzumachen. „… ist ein kleiner Topf!“

Dorntrud seufzte hörbar. „Nun von den großen haben wir drei, von den kleinen fünf. Aber es gibt noch welche dazwischen.“

Stirnrunzelnd hob der Vogt erneut den Kopf nachdem er bei Töpfe groß eine 3 gemalt hatte.
„Bei Travia, das ist kompliziert! Und wofür braucht es überhaupt so viele Töpfe?“

Nun riss der Köchin der Geduldsfaden. „Kreizbirnbaumundhollerstauden! Ich mache meine Arbeit und Ihr Eure. Für meine Arbeit brauche ich eine bestimmte Anzahl an Töpfen und Tiegeln. Punkt!“

Nun seufzte der Vogt vernehmlich. „Nun gut, wie viele mittlere Töpfe gibt es?“

„Fünf!“ giftete Dorntrud und sah die eingetretene Finsterbornerin hilfeheischend an.

Lyssandra räusperte sich. Nun erkannte auch der Vogt, dass er nicht mehr mit der Köchin alleine war.

„Ah, Wohlgeboren! Wie schön, dass Ihr Eure Hilfe anbietet!“ Er reichte die Feder an die Finsterbornerin weiter. „Übernehmt Ihr hier bitte die Inventur! Ich muss noch einmal in den Torturm und dort die Arbeit des Zeugwartes überwachen.“

Winand Blaubinge wirkte erleichtert, dass er die nervenaufreibende Zählerei mit der bockigen Köchin der Junkerin überlassen konnte. Und sogleich tippelte er in seinen kleinen Schritten eilig über die Holzaußentreppe zum Burghof hinunter.

„Puh! Endlich! Ihr habt mich gerettet, Wohlgeboren!“ Dorntrud wischte sich über die Stirn, obwohl kein Schweißtropfen zu erkennen war. „Dieser Erbsenzähler raubt mir den letzten Nerv! Einen Tee?“

Lyssandra nickte grinsend. „Gerne, Dorntrud! Also beides… ich freue mich, als deine Retterin aufgetreten zu sein und einen Tee hätte ich auch gerne.“

Nun kehrte das Lachen auf die rundlichen Backen der Köchin zurück. Sie goss etwas Kräutertee in einen Becher und reichte ihn der Finsterbornerin. Dann nahm sie sich auch einen Becher und ließ ihr voluminöses Hinterteil auf einen dreibeinigen Hocker fallen.
„So geht das seit Tagen! Winand Blaubinge ist ein Tüpferlscheißer!“

Lyssandra konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Dabei verschluckte sie sich an dem ersten heißen Schluck Tee den sie genommen hatte. Hustend und prustend kaschierte sie, dass sie den derben Begriff für den Vogt durchaus passend fand. Als der Tee wieder den richtigen Weg hinaus aus den Bronchien gefunden hatte, erwiderte sie: „Nun, er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Aber im Grunde müsstest du auf die Gräfin ärgerlich sein. Sie hat ihm diesen Auftrag erteilt. Er tut nur, was im aufgetragen wurde. Und mir wird nichts anderes übrigbleiben als ihn darin zu unterstützen.“

Dorntrud zog eine Schnute, seufzte dann aber schwerfällig. „Ja, muss wohl so sein. Aber ein Geizhals ist er auch noch! Ständig kritisiert er, dass ich zu viel kochen würde, dass das ja kein Mensch essen könne, dass die Portionen pro Person zu groß wären, die Zutaten zu teuer… und, und, und… ich habe das Gefühl es ihm gar nicht recht machen zu können.“

Die Junkerin zuckte mit den Schultern. „Manchen Leuten kann man es auch nicht recht machen. Du weißt doch, wie sehr deine Kochkünste auf der Burg geschätzt werden und ich kann dir nur versichern, dass ich bislang immer höchst zufrieden war. Aber vielleicht kann ich dir helfen. Ich wünsche mir einfach etwas Leckeres zum Essen und dann kann der olle Knauserer wohl nicht viel einwenden. Was meinst du? Ich hätte Lust auf einen Semmelschmarrn. Wäre das möglich?“

Dorntruds Augen strahlten. „Oh ja! Natürlich! Wir haben noch Brotreste von gestern und heute habe ich auch schon welches gebacken. Und aus den schrumpeligen Äpfeln koche ich Apfelmus dazu. Ich freue mich schon darauf!“

„Na, prima!“ Lyssandra konnte erkennen, dass sich die Stimmungslage aufhellte. Sie nahm noch einen kräftigen Schluck von dem Tee. Dann beugte sie sich über die angefangene Inventarliste.
„Nun gut, dann lass uns erstmal weitermachen. Wie sieht es mit Pfannen aus, Dorntrud? Wie viele gibt es da? Große und kleine…“

***

Zum Abendessen gab es den von Dorntrud versprochenen Semmelschmarrn. Lyssandra schwelgte. Sie liebte Mehl-und Eierspeisen wie diese. Dass Dorntrud einige Zeit im Kosch verbracht hatte, kam ihr sehr gelegen.

Vogt Winand Blaubinge hatte die Köchin misstrauisch angesehen und gefragt, wer ihr denn den Auftrag dazu gegeben hatte etwas anderes als Eintopf zu kochen.

Dorntrud räusperte sich. Sie wollte es nicht sagen, um die Junkerin aus der Schwarzen Au nicht in Verlegenheit zu bringen.

Lyssandra erhob sofort die Stimme. "Das Gericht gibt es auf meinen Wunsch hin. Ich weiß, dass Dorntrud das wunderbar kocht und noch dazu ist es ideal zur Resteverwertung. Nicht wahr, Dorntrud?"

"So ist es", pflichtete die blonde Köchin ihr zu. "So kann ich das alte Brot einer sinnvollen Verwertung zuführen."

Der schmächtige Vogt sah von einer Frau zur anderen. Er schien ein Komplott zu vermuten, besann sich dann aber und nickte.

"Das ist gut. Wenn es dazu dient weniger wegzuwerfen. Sehr gut! Wohlschmecken!"

Er hielt die Nase über die Mischung aus in Milch eingeweichten Brotstücken, die mit Eiern vermengt und mit Schmalz in der Pfanne ausgebacken worden waren.

"Apfelmus?", fragte Dorntrud und hielt dem Vogt die Schüssel mit frisch eingekochtem Apfelmus hin.

Wieder folgte ein misstrauischer Blick von der Köchin zur Junkerin und zurück. "Hm, aus den schrumpeligen Äpfeln, die dringend verarbeitet werden mussten, nicht wahr?"

"So ist es, angesehener Herr!", Dorntrud lächelte zuckersüß.

"Na, dann, gib mir davon!" Winand Blaubinge probierte und sogleich wanderten die Augenbrauen nach oben.

"Hm, wohlschmeckend! Mein großes Lob, Dorntrud! Falls mal wieder Brotreste da sein sollten….  Kannst du das wieder machen!"

Die Köchin lächelte erleichtert und verbeugte sich.

Ritter Ludopoldt ass ebenfalls mit großem Appetit, doch wortkarg wie schon am Vortag. Einmal noch ging es um die Inventur, sonst verlief das Essen schweigend.

Nach dem Essen verabredeten sich Lyssandra und der Vogt zu einem Humpen Bier, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ritter Ludopoldt wurde nicht eingeladen. Er verzog sich schmollend.

***

Vor dem prasselnden Feuer im Kamin hatten sich der Blaubinger und die Finsterbornerin zu einem Gespräch getroffen.
Winand Blaubinge begann aufzuzählen was schon erledigt oder zumindest beauftragt war und welche Aufgaben noch der Erledigung harrten. Da war vor allem der Zensus der durchgeführt werden musste und dann die Begutachtung der finanziellen Situation der Baronin. Persönliche Güter, Rücklagen, die Einnahmen durch den Zehnt und die eigenen Güter. Das alles musste festgestellt und einer genauen Überprüfung unterzogen werden.

Lyssandra nickte. “Nun ja, ich kenne natürlich die meisten Adeligen, was es einfacher machen würde, die Volkszählung durchzuführen. Aber wenn ich die Gräfin richtig verstanden habe, dann wollte sie, dass ich hier bin, für den Fall, dass wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. Und naja, Ihr seid der Vogt. Auf Euch kann man hier auch nicht verzichten. Wie wäre es, wenn man Ritter Ludopold mit einigen Bütteln ausschickt? Er kennt, so denke ich, alle Adeligen und könnte sich den nötigen Respekt verschaffen. Zum zweiten wäre er sinnvoll beschäftigt. Ludopoldt scheint sehr damit zu hadern, dass die Gräfin mir mehr vertraut als ihm und er bei allem was mit der Zukunft der Baronie zu tun hat in der Zuschauerrolle ist.”

Winande Blaubinge nickte. “Sehr richtig, Wohlgeboren. Das ist eine gute Idee! So hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ich werde ihm das morgen gleich vorschlagen. Er soll sich vier bis fünf Büttel suchen und dann losziehen. Und wir können uns in Ruhe mit den Berechnungen des Vermögens befassen. Ich sehe schon, dass die Gräfin sehr genau wusste, warum sie mir Euch als Beraterin zur Seite gestellt hat. Ihr seid eine kluge Frau.”

Die Junkerin wusste nicht recht, ob sie das als Kompliment oder als Affront betrachten sollte. Wollte er ihr schmeicheln oder aussagen, dass er Frauen die praktische Intelligenz eines Mannes absprach? Dasselbe galt für die Gräfin? Traute er ihr etwa nicht zu, die richtige Person für diese Aufgabe auszusuchen?
“Ich gehe schon davon aus, dass die Gräfin ihre Entscheidung mit Bedacht getroffen hat und freue mich, dass Ihr meinen Vorschlag unterstützt. So wollen WIR also Ritter Ludopoldt morgen den Vorschlag unterbreiten, nicht wahr? Auf gute Zusammenarbeit, Winand Blaubinge!”

Sie hob ihren Humpen und prostete dem Vogt zu. Die Aussicht darauf Ritter Ludopoldt eine Weile los zu sein, schien die Stimmung des Blaubingers deutlich zu heben. Er lächelte sogar als er den Trinkspruch erwiderte.