Antrittsbesuch in der Baronie Moosgrund (Teil 1)
Baronie Moosgrund, Mitte Hesinde 1044
Es war ein ungewöhnlich schöner, sonniger Hesindetag, als Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz mit ihren Begleitern von der Reichsstraße über die Pandlarilbrücke in Richtung Leinhaus abbog. Der vorletzte Besuch ihrer Rundreise galt der jungen Baronsthronerbin von Moosgrund, Avia Nordfalk und ihren Vormund, dem Vogt Arnôd Pratos von Grevenstein. Beide hatte die Finsterbornerin bereits auf dem Baronsrat kennengelernt und freute sich nun auf ein persönliches Treffen mit ihnen.
Die Praiosscheibe schien zur morgendlichen Perainestunde noch ohne Kraft vom eisblauen Winterhimmel. Glitzernde Ifirnszapfen hingen von der Brückenbrüstung der Pandlarilbrücke und auf den verschneiten Wiesen beidseits des Flusses glitzerten die Eiskristalle. Der Atem der Reiter und ihrer Reittiere bildete sichtbare Wolken vor Nasen und Nüstern. Angeführt wurde die Reitergruppe von Waffenknecht Merthold und der Schildmaid Heidelind auf ihren Nordmähnen. Ihnen folgten Lyssandra und ihr Schreiber Fromund Truchsess. Den Abschluss des Grüppchens bildeten Eylin und Lyssandras neue Knappin Erlinde Böcklin von Hunsfurt und die Zofe der Baronin, Wigdis. Sie führten die drei Maultiere mit dem Reisegepäck am Führstrick mit sich.
Der gräfliche Brückenvogt hatte die Gruppe mit einem freundlichen Gruß empfangen und am steinernen Zollhaus vorbei gewinkt. Lyssandras Blick fiel auf das rege Treiben in dem Dorf, als Merthold sein Pferd nach Süden auf den Leinpfad lenkte. Unweit der Mole fand sich eine größere Koppel, auf der Treidelgäule friedlich den Schnee zur Seite schoben, um die letzten Reste frischen Grüns zu grasen. Die Hauptstraße des Dorfes wurde von feinen Häusern gesäumt, darunter fand sich mit der Waldener Pforte der sicherlich beste Gasthof der Gegend. Von jenseits der Häuser drang das charakteristische Knarren der Seilmacher an das Ohr der Reisegruppe, die auf der kerzengeraden Seilerbahn ihrem Handwerk nachgingen. Lyssandras Lanze passierte die Halle des Bundes, den größten Moosgrunder Traviatempel, der am Dorfanger zu finden war und schließlich, Richtung Dorfausgang, die kleine Rondrakapelle Sankt Herdan, die dem vormaligen Abtmarschall des Ordens zur Wahrung gewidmet war. Einladend prasselten Feuer in den bronzenen Feuerschalen und erhellten die hölzerne Rondrastatue und die kleine Statuette des Heiligen aus Alabaster.
Hinter Leinhaus führte der Leinpfad direkt am Ufer des trügerisch träge dahinfließenden Pandlaril entlang, ausgetreten von den Hufen der Treidelgäule und Zugochsen. Sanfte Hügel, von Schnee bedeckt, säumten den Fluss und hin und wieder fanden sich kleiner Wäldchen oder Haine. Auch im Hesinde waren noch Kuhburschen und -maiden unterwegs, die durchaus beachtliche Herden während der Winterhut im Auge hatten. Manches Mal plätscherten kleine Bäche oder schnelle Rinnsale, durch moosbewachsene Felsen in den Fluss. Die Pandlarilsau bot selbst im Winter einen lieblichen Eindruck.
Die Landschaft betrachtend ließ Lyssandra die bisherigen Stationen ihrer Reise Revue passieren. Nach den Besuchen beim Landvogt von Waldleuen und den Baronen von Schneehag und Brachfelde hatte sie zum einen die Thêrbuniterklöster Beonsfirn und Beonsquell, sowie das Mutterhaus des Thêrbunitenordens in Trallop besucht, um auf die Neugründung eines Ordenshauses in Urkentrutz hinzuwirken. Praktischerweise führte der Reiseweg an den Wohnorten einiger Mitglieder der weitverzweigten Familie von Finsterborn vorbei, so dass sie das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden konnte. Die Pflege der Familienkontakte war ihr eine Herzensangelegenheit. Endlich hatte sie einmal den Brachfelder Zweig der Finsterborns persönlich kennengelernt. Besonders Perchtrudis, die Gemahlin des Ogniner Ritters Galathan von Firunsgrund, war ihr mit ihrem erfrischend fröhlichen Naturell positiv in Erinnerung geblieben. Großen Respekt hatte sie sowohl vor ihrem Verwandten Erkenbald von Finsterborn, der als Kämmerer der Altgräfin Walderia auf Olats Feste diente, wie auch vor der Äbtissin Mutter Oleana, einer geborenen von Finsterborn, die dem Kloster Beonsquell vorstand. Und es war beruhigend gewesen zu erleben, dass es tapfere Streiter für Weiden in den Reihen der Familie gab, ihren Vetter Raul und auch Leoderich, sowie seine Schwester Permine, die im Dienst Walderias stand. Was alle Finsterborner Zweige verband war der große Familiensinn. Fast alle – das einzige tiefschwarze Schaf der Familie war die Rondrageweihte Seola Heruwyn von Rhodenstein, die in der Kapelle „Eichenwacht“ in Mallaith ihren Dienst tat. Der Kurzbesuch, den Lyssandra ihr abgestattet hatte, hatte sie nachdenklich und traurig gemacht. Musste sie doch feststellen, dass Seola sich rein gar nicht um ihren Sohn Treuhardt kümmerte. Der Junge lebte bei den Großeltern, der Familie ihres Gemahls Brin von Trutzkahn zu Eschenbach.
Lyssandra schüttelte die trüben Gedanken ab. Zu schön war der Wintertag und auch die Landschaft, so eintönig das Firunsweiß der Schneedecke auf den ersten Blick schien, war abwechslungsreich.
Mehrfach kam die Gruppe an einem Treidelkahn vorbei und musste dessen Zugtier überholen, stets höflich begrüßt und mit guten Wünschen für die Weiterreise versehen. Nach einer Weile wichen die Hügel etwas zurück und machten Auenwäldchen und halbzugefrorenen Seitenarmen des Flusses Platz, denn man näherte sich den Mündungsauen der Rotwasser und bald schon kam die Löwenzinne in Sicht, der mächtige Bergfried der alten Feste Flæchth-uf-stên, die auf ihrem Burgberg weithin sichtbar war. Sie erhob sich über dem Städtchen Moosgrund, das von einer mehrtürmigen Stadtmauer geschützt, nur wenige Meilen entfernt der Grafenstadt Baliho auf der anderen Flussseite lag.
An einem wehrhaften Gutshof mit großer Koppel, der dem in Leinhaus sehr ähnlich sah, gelangte Lyssandras Lanze schließlich an das zweitürmige Leintor, das größere der beiden Moosgrunder Stadttore. Über dem Torbogen prangte stolz das Wappen der Stadt, ein schwarzer Turm auf schwarzem Hügel vor goldenem Schild mit blauem Wellenfuß.
Mit einem freundlichen Nicken und einem ritterlichen Gruß ließ die Stadtwache die Lanze passieren und scheuchte mit einem eher freundlichen Grummeln eine Bande Kinder beiseite, um der Baronin den gebührenden Platz zu verschaffen. Hinter dem Tor führte der Weg über die Achbrücke und den Moosach, der hier in den Pandlaril mündete. Von der Brücke, dessen Bogen die kristallklaren Wasser des Baches überspannte, konnte Lyssandra ein düsteres Gebäude ausmachen, dass durch seine Verzierungen schnell als Efferdtempel erkenntlich war. Dem Gott sicherlich gefällig, dachte sie, auf zwei Seiten von Flüssen umströmt.
Auf den Straßen des kleinen Städtchens, das mit kleinen Hecken und vielen Bäumen sowie seinen Fachwerkhäusern im Weidener Spitzgiebelstil sehr gemütlich wirkte, herrschte emsiges Treiben. Im kleinen Hafen wurden Schiffe be- und entladen, Fischer boten die Fänge des Tages an und es gab wie kleine Lädchen, in denen Handwerker ihre Waren oder Dienste anboten. Dennoch machten die Bürger Lyssandra und ihren Waffenknechten stets respektvoll Platz und ließen es meistens auch nicht an einem knappen, aber nicht unfreundlichen Gruß fehlen.
Über allem thronte die mächtige Burg, aber Lyssandras Gruppe musste, ähnlich wie in Urkenfurt, den Burgberg erst halb umrunden, um zum Torhaus zu gelangen. So ging es über den kopfsteingepflasterten Marktplatz, der vom eindrucksvollen Rathaus mit seinem Schuldturm beherrscht wurde. Nur wenig weiter gelangte die Reisegruppe auf den Burgplatz, von dem aus der Weg den Burgberg hoch auf das mächtige Torhaus zu anstieg.
Die Finsterbornerin hatte schon viele Geschichten über die alte Feste gehört, und tatsächlich war sie so beeindruckend wie sie sie sich vorgestellt hatte. Die mächtigen Mauern waren über und über von dunkelgrünem Nordlandmoos bewachsen und wirkten, als ob nichts und niemand sie bezwingen konnte. Hoch über dem Bergfried wehten die Banner der Baronie und der Familie Nordfalk im sanften Wind und der Baronin fiel auf, dass an vielen Zinnen kupferne Scheiben hingen. Die Scheiben erschlagener Orkhexer, wie Lyssandra gehört hatte, und ihre Anzahl war wahrlich nicht klein.
Die Flügel des ersten Torhauses waren geöffnet und auch hier herrschte reges Kommen und Gehen, unter den wachsamen Augen zweier Torwächter, die die Ankommenden aufmerksam musterten.
Lyssandra war mehr als beeindruckt von den wehrhaften Stadtmauern und der mächtigen Burg. All die Geschichten, die sie von der alten Feste Flæchth-uf-stên gehört hatte, schienen wahr zu sein. Respekt zollten aber nicht nur die dunkelgrün bemosten Mauern, sondern auch die Anzahl der Kupferscheiben an den Burgzinnen - eine stete Ermahnung die Schwarzpelze nicht zu unterschätzen. Sie grübelte darüber nach was es wohl kosten würde, Urkenfurt mit einer Wehrmauer zu umgeben und wie viele Arbeiter man dafür beschäftigen müsste, ganz zu schweigen von der Zeit, die ein solches Unterfangen in Anspruch nehmen würde.
Als sie sich dem Torhaus näherten verlangsamte die Baronin ihre Warunkerstute Dardanella und wies Merthold und Heidelind an ihr Platz zu machen, so dass sie ihr Pferd zwischen ihre Waffenknechte treiben konnte. Sie wollte gesehen werden.
Und sie wurde gesehen, die ältere der beiden Torwachen hob grüßend die Hand: „Willkommen auf Burg Moosgrund, Euer Hochgeboren von Finsterborn. Reitet ein, mit dem Segen der Herdmutter. Auf dem Burghof werdet Ihr erwartet und man wird sich dort um Eure Pferde kümmern. Reitet nur zu!“
Die Baronin von Urkentrutz erwiderte den Gruß, straffte sich im Sattel und ritt ihrer Lanze stolz voran, so gelangte sie durch das von zwei Fallgattern geschützte Tor in das Vorwerk der Feste. Ihr Blick fiel auf Nutzgärten, einen Brunnen, einen kleinen Obsthain und ein großes Flachhallenhaus, in dem Tiere untergebracht waren und offenbar Vorräte gelagert wurden. Die Finsterbornerin lenkte ihr Pferd aber zum zweiten Torhaus, dessen stahlverstärkte Torflügel ebenfalls offenstanden und von dort gelangte sie mit ihrem Gefolge in den eigentlichen Burghof von Flæchth-uf-stên. Der Hof wurde vom Herzbaum der Burg beherrscht, einer mächtigen Steineiche, die auch im Winter durchaus beeindruckend anzusehen war. Lyssandras Blick fiel schnell auf den zweistöckigen Pallas und den hohen Bergfried, die mächtige Löwenzinne, den ältesten Teil der Burg, der weithin die Auen überblickte und auf dessen Spitze auch jetzt ein Türmer Wacht hielt. Auf dem Burghof gingen einige Mägde und Knechte ihrem Tagwerk nach und als die Lanze der Finsterbornerin eingezogen war, stoben einige neugierige Kinder davon, die den Zug aufmerksam beobachtet hatten. Flink wie kleine Mäuse verschwanden die Mädchen und Jungen mit leisem Kichern und anerkennenden Rufen. Von der Küche wehte der verführerische Duft frischen Backwerks und gerösteten Fleischs über den Burghof.
Kaum dass sie ihr Ross gezügelt hatte, trat ein Ritter auf die Baronin von Urkentrutz zu, den sie bereits auf dem Baronsrat zu Efferddorn gesehen hatte. Die hochgewachsene Gestalt und das markante Gesicht waren ihr schon dort aufgefallen. Der Mann mit den kurzen dunkelblonden Haaren hob die Rechte zum ritterlichen Gruß über sein Herz. „Hochgeboren! Seid im Namen der Herdmutter herzlich auf Burg Moosgrund willkommen. Wir freuen Euch, Euch und den Euren Gastung zu gewähren. Gut getroffen.“
Lyssandra entbot dem Ritter ebenfalls einen traviagefälligen Gruß und auch die Begleiter senkten grüßend das Haupt. Dann sprang sie aus dem Sattel.
Der Ritter ließ seinen aufmerksamen Blick kurz auf Lyssandra ruhen und dann über ihre Begleiter streifen. Er trug einen hellen Lederwaffenrock über einem Kettenhemd und unter seinem schweren Kapuzenumhang lugte an seiner Seite ein eleganter Anderthalbhänder hervor. Lyssandra fiel die Fibel auf, die ein geflügeltes Schwert darstellte. Eine ähnliche glaubte sie auch am Wappenrock des Moosgrunder Vogtes gesehen zu haben.
Es begann leicht zu schneien und der Ritter winkte einige Mägde und Knechte heran. Eine schlanke, hübsche Frau trat auf Lyssandras Warunkerin zu und nickte erst der Reiterin, dann dem Tier freundlich zu.
Mit ausgebreiteten Armen sprach der Ritter weiter. „Ich bin Augrimmar Nordfalk, und da der Alte vom Berg uns gerade seinen Segen schenken will, schlage ich vor, dass ich Euch in den Pallas geleite,“ der Nordfalk lächelte und deutete auf die Treppe, die außen am Pallas in den ersten Stock führte, „während unsere Stallmeisterin Adalome sich um Euer Ross und die Unterbringung Euer Leute kümmert.“ Das Lächeln wurde breiter. „Es sei denn, Ihr wollt Euch selbst um die prächtige Warunkerin kümmern oder Euch erst zurückziehen. Das liegt ganz bei Euch.“
„Habt Dank für Eure Fürsorge, Euer Wohlgeboren, ich vertraue Eurer Stallmeisterin!“ Sie lächelte der schlanken Frau zu. „Dardanella ist über jeden Platz froh, der trocken ist und ein wenig Futter bereit hält.“
Mit diesen Worten übergab sie Adalome die Zügel ihrer Warunkerstute und blickte zum Himmel empor.
„Tja, da hat uns der Alte vom Berg einen so schönen Morgen geschenkt, aber nun scheinen wir seine Gunst verloren zu haben. Wenn ihr mir kurz Zeit gewähren möchtet, den Umhang und die warmen Stiefel in unserem Quartier zu lassen, bin ich bereit für das Zusammentreffen. Also, wenn es den edlen Herrschaften genehm ist. Ich freue mich darauf.“
Während sie Ritter Augrimmar in Richtung Pallas folgte, fragte sie: „Ach, darf ich Euch fragen, was das für eine Fibel ist, die ihr tragt? Sie erinnert mich entfernt an das Emblem des Heiligen Ordens zur Wahrung vom Rhodenstein, der ja direkt an Urkentrutz grenzt. Sollte ich dieses Symbol kennen?“
Wieder lächelte der Nordfalk. „Ich bin sicher, dass die Herrschaften sich die Zeit zu vertreiben wissen, Frau Lyssandra, von daher nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht.“
Dann blickte er kurz auf die Fibel an seinem Umhang und sein ohnehin markantes Gesicht wurde hart. „Das Schwert der Walkürja ist das Zeichen eines Bundes von Adligen, die sich geschworen haben den Dunklen Herzog von seinem Thron zu vertreiben und seine Schergen zur Strecke zu bringen. Und somit auch den Tod Frauwe Ardariels am Aarenstein zu sühnen. Wir nennen uns Walkürjasmal und gedenken immer wieder Schlachten und Scharmützel nach Ysilien zu tragen, bis diese elenden Paktierer und Ursupatoren bezwungen sind.“ Augrimmars Tonfall hatte einen endgültigen Klang gehabt, der nun wieder aus seiner Stimme wich. „Ihr erinnert Euch sicherlich an die Bitte des Herrn Arnôd auf dem Baronsrat, kleineren Kriegshaufen Geleitrecht über die wenigen Sichelpässe zu gewähren. Dieses Recht dient allein diesem Zweck, den Schwarzen Arngrimm und seine Helfershelfer mit Rondras Segen Mores zu lehren. Tobriens Kanzlerin, Liannen von Gobiansforst, ist ebenfalls Mitglied in unserem Bund, sowie viele weitere tobrische Adlige. Die Fibel selbst habt Ihr bestimmt auch an Herrn Arnôd bemerkt, der trug sie auf dem Baronsrat ebenfalls – kein Wunder, immerhin war er seiner Blutsschwester inniglich verbunden.
Doch kommt, hier die Treppe empor. Eure Kemenate ist vorbereitet und ich lasse Euch nun allein. Wenn Ihr soweit seid, wird Euch jemand vom Gesinde in den Rittersaal geleiten.“ Mit einem freundlichen Nicken wandte sich Augrimmar um und ließ Lyssandra in ihre Kammer eintreten.
Das Zimmer war freundlich eingerichtet, es fand sich ein Kastenbett mit dicken Decken darin und einem Teppich davor, eine große Truhe und ein Gestell, auf dem eine Schüssel und frisches Wasser zu finden waren. Ein wärmendes Feuer brannte in einem kleinen Kamin in der Ecke des Raumes, vor dem auch ein bequemer Sessel mit vielen Fellen zu finden war. Das Fenster der Kammer gewährte einen Blick auf den Pandlaril und Lyssandra erkannte, dass der Schneefall zugenommen hatte. Nach einem ausgiebigen Blick setzte sie den Windschutz wieder vor das Fenster und legte ihren schweren Reiseumhang ab.
Einen Moment lang zögerte Lyssandra, ob sie gleich in der Reitkleidung ihre Gastgeber begrüßen sollte, entschied sich dann aber doch sie abzulegen. Klamm und feucht war die Bruche und das schwere Kettenhemd war ebenso denkbar unbequem. Sie reinigte sich also und ließ sich dann von ihrer Zofe Wigdis umkleiden. Eine wollweiße langärmlige und bodenlange Tunika mit hübschen blauen Stickereien an Ärmelkanten und Halsausschnitt sollte für die nötige Wärme sorgen. Darüber ließ sich die Finsterbornerin einen dunkelblauen Überwurf legen, der vorne mit einem bestickten Gürtel geschlossen wurde. Der Überwurf war so gearbeitet, dass die Stickereien der Untertunika schön zu Tage traten. Die knöchelhohen Lederstiefelchen verschwanden unter dem bodenlangen Kleid. Wigdis kämmte das kastanienbraune Haar der Baronin, in das sich bereits einzelne graue Haare geschlichen hatten und reichte ihr den Baronsreif.
Als Lyssandra sich auf den Weg zum Rittersaal machte wies sie noch Wigdis an, Eylin und ihre neue Knappin anzuweisen sich zu waschen und umzukleiden. Vor allem von Eylin erwartete sie ein tadelloses Auftreten. Die beiden sollten mit Lyssandras Schreiber Fromund Truchsess nachkommen, sobald sie sich frisch gemacht und passend gekleidet hatten.
Die Schildwache hatte ihr die Tür geöffnet und Lyssandra betrat den Rittersaal von Bug Moosgrund. Der hohe und große Raum wirkte prächtig, an seinen Wänden hingen die Banner der Baronie, der Familie Nordfalk sowie die der lehnstreuen Güter und Familien. Dazu erkannte die Finsterbornerin das Banner der Stadt Moosgrund und ein rondrianisches sowie ein offenbar hesindianisches Wappen, vielleicht des bekannten Tempels Leuinstolz und das des Sacer Ordo Draconis.
Der Saal wurde von zwei großen Kaminen gewärmt und es fanden sich lange Bänke und Tische darin. Fackeln an den Wänden und einige Feuerschalen erhellten den Raum und ließen erkennen, dass die Deckenbalken gekonnt verziert waren, ebenso wie die wenigen Pfeiler, die das Deckengewölbe stützten. Drei massige Kerzenleuchter hingen von der Decke, allerdings brannten die Kerzen darin nicht. Eine Empore schloss sich an die Stirnwand an, auf der auch der Moosgrunder Baronsthron stand. Ein altersdunkler, reich mit rondrianischer Motivik beschnitzter Holzsessel mit Armlehnen, der mit einem Bärenfell ausgepolstert war und auf dem ein dickes Kissen zu liegen kam. Zwei alte Espener Saupacker lagen träge zu Füßen des Throns und dösten vor sich hin.
Vor dem Podest stand der Vogt Moosgrunds, der Junker Arnôd Pratos von Grevenstein, und blickte ernst auf einen händeringenden Landmann, der neben einem ebenfalls bekannten Gesicht stand. Fenia Salmbinger, die Ritterin von Moorland, offenkundig erneut schwanger, sprach gerade auf den Vogt ein. Die Urkentrutzerin konnte nicht verstehen, um was es ging, doch nachdem er sich nachdenklich durch den Bart gefahren war, legte der Grevensteiner dem Mann beruhigend die Hand auf die Schulter und nickte. Die Erleichterung auf dessen Gesicht war beinahe zu spüren und er verneigte sich tief. Die lächelnde Salmbingerin klopfte dem Mann ebenfalls fröhlich auf den Rücken. Der trat jetzt einen Schritt zurück und Lyssandras Blick fiel auf das junge Mädchen, dass mit untergeschlagenen Beinen auf dem Podest gesessen hatte, gerade bestätigend nickte und nun leichtfüßig von der Empore sprang. Die roten Haare und der hohe Wuchs machten das Mädchen ohnehin auffällig, aber die Leichtigkeit, mit der sie sich in diesem hohen Saal bewegte, hätte ihre Identität preisgegeben, wenn die Finsterbornerin das Mädchen nicht schon auf dem Baronsrat gesehen hätte: Avia Nordfalk, die Erbin der Baronie und Tochter der Balihoer Gräfin Ardariel. Der Landmann nickte den Adligen erneut dankbar zu und wandte sich zum Gehen als die Schildwache Lyssandra mit lauter Stimme ankündigte, ganz wie es ihrem Stand gebührte.
Der Mann, offenbar ein Handwerksmeister, verbeugte sich tief und eilte an der Baronin von Urkentrutz vorbei. Beinahe zeitgleich erhoben sich einige Dienstrittleute von den Bänken auf denen sie gesessen und ein Mahl eingenommen hatten. Sie verneigten sich in Richtung Lyssandra und verließen den Saal ebenfalls.
Arnôd war hinter Avia getreten, die sich – nach einem schnellen Blick auf den Vogt – straffte und ihren Gast laut und deutlich begrüßte: „Frau von Finsterborn, gut getroffen. Seid uns auf das Herzlichste auf Moosgrund willkommen.“ Avia schien aufgeregt zu sein, denn sie fing an mit ihren langen Armen und Beinen herumzuwibbeln, als wisse sie nicht recht wohin damit, was Arnôd ein erstaunlich warmes Lächeln entlockte, während die Salmbingerin in gespieltem Tadel den Kopf schüttelte.
„Schwester Urkentrutz, auch mein Willkommen“, sprach der Vogt mit seiner rauhen Stimme und deutete mit der Rechten auf einen kleineren Tisch, der kunstvoller wirkte und etwas näher bei einem der Kamine stand. „Tretet näher und nehmt Platz, unter der Herdmutter Segen. Die Reise wird bestimmt ungemütlich gewesen sein. Speis und Trank werden in wenigen Augenblicken aufgetischt.“ Die sturmgrauen Augen des Grevensteiners blickten Lyssandra ehrlich neugierig an. „Wir freuen uns, dass Ihr uns einen Besuch abstattet, es ist immer gut, seine Nachbarn besser kennenzulernen. Fenia, Du setzt Dich auch besser, ich will mir später von Arelas nichts vorwerfen lassen müssen. Kommt, Frau Lyssandra, berichtet von Eurer Reise bisher und wärmt Euch auf.“ „Ja, genau, berichtet, was Ihr erlebt hat. Das ist so aufregend … wartet, ich frag mal, wo der Hefezopf bleibt.“
Fenia, der gerade noch eine Erwiderung auf der Zunge gelegen hatte, hielt inne und machte Anstalten, der jungen Avia in den Weg zu treten, besann sich dann jedoch eines Besseren. „Wie Ihr seht, ist Hochgeboren sehr daran gelegen, dass es Euch an nichts mangelt“, wandte sich die Ritterin mit einem Schulterzucken an die Baronin von Urkentrutz. „Auch ich heiße Euch in Travias Namen herzlich willkommen, Hochgeboren“, fügte sie lächelnd hinzu, ehe sie der Aufforderung Arnôds nachkam und sich mit einem erleichterten Seufzen auf einen der Stühle niederließ.
Lyssandra schmunzelte. Sie hatte die Thronerbin Avia Nordfalk ja bereits beim Baronsrat kennengelernt und dort auch schon festgestellt, dass es noch ein wenig Zeit brauchen würde, bis sie in die für sie ausersehene Rolle hineinwachsen würde. Die junge Tochter der Balihoer Gräfin war soweit sie sich erinnerte drei Götterläufe jünger als ihre Jüngste Eylin. Es war schon eine schwere Bürde die Kindheit gegen die Führung eines Lehens zu tauschen, da beneidete die Finsterbornerin die junge Baroness nicht. Auch wenn Avia in Gestalt ihrer beiden Paten tatkräftige Helfer an ihrer Seite hatte, wie den Grevensteiner, der ihr auch als Vogt diente und die Salmbingerin mit ihren Gemahl Rodewin Arelas von Krayenwede.
Sie warf der Davoneilenden ein „Travia zum Gruße, Schwester!“ hinterher. „… und ich liebe Hefezopf!“
Dann wandte sich die Finsterbornerin an den Vogt und die Ritterin, deren Schwangerschaft schon deutlich zu Tage trat.
„Den Gruß der Eidmutter auch für Euch, werter Junker Arnôd, und Euch, Wohlgeboren! Den Segen Tsas scheint ihr bereits zum zweiten Mal erhalten zu haben, wenn ich richtig informiert bin. Wie schön, dass die Ewig Junge so huldvoll auf Euch und Eure Verbindung blickt.“
Die Angesprochene schenkte der Baronin ein Lächeln. „Habt Dank, Hochgeboren. Auch für Eure Umsicht“, fügte sie mit einem Seitenblick zur Tür hinzu, durch die soeben Avia verschwand. „Es ist schon etwas anderes als die Wacht gegen die Orken, aber nicht weniger fordernd.“
Mit einer Handbewegung, die nach draußen zeigte fuhr Lyssandra fort. „Vom grimmigen Firun ist das Land auch reichlich gesegnet dieser Tage. Wahrlich keine schöne Zeit zu reisen, doch eine in der man die meisten Adeligen am heimischen Herdfeuer antreffen kann. Meine jünste Tochter Eylin, meine Knappin Erlinde Böcklin von Hunsfurt und mein Schreiber Fromund Truchsess werden später mit zu Tisch sitzen, wenn Euch das beliebt? Ich hoffe, dass sie einiges über Eure schöne Baronie erfahren können, und das ein oder andere Lehrreiche soll vor allem die jungen Damen erreichen. Sie sind noch reichlich unbedarft und können jeden Kuss der weisen Hesinde gebrauchen. Ach, da fällt mir gleich ein Thema ein, welches ich mit Euch besprechen wollte. Hier in Moosgrund gibt es ja ein Ordenshaus des Sacer Ordo Draconis. Dem würde ich sehr gerne einen Besuch abstatten. Ihr könnt mir sicher mehr dazu sagen!“
„Selbstredend sollen die Euren mit uns speisen.“ Arnôd wandte sich um und winkte eine junge Frau heran, die sich gekonnt im Hintergrund gehalten hatte. Sie trug einen dunkelblauen Waffenrock über einem kurzen Kettenhemd und eine mit Wolfsfell gefütterte Weste darüber. An ihrer Seite hingen ein schlankes Kurzschwert und ein vielbenutzter Langdolch. Ihre kastanienbraunen Locken waren mit Hirschleder zu einem Zopf gebändigt und Lyssandra fiel ein Windamulett auf, das um ihren Hals hing.
„Revienna, sei so gut und gibt der Tochter ihrer Hochgeboren und dem Rest ihrer Lanze Bescheid, dass wir bald zu Tisch sitzen wollen. Am besten geleite sie gleich hier her. Oder noch besser, lass das Ronward machen und bring mir Avia wieder hier her.“ Die Knappin nickte lächelnd und eilte leichtfüßig der Baroness hinterher.
Arnôd wandte sich wieder der Baronin von Urkentrutz zu. „Ihr habt schon recht, der Alte vom Berge spendet seinen Segen reichlich. Aber die Wegweiserin ist ja immer wieder zur Stelle, um uns das Leben ein wenig aufzuhellen.“ Ein wölfisches Lächeln huschte über das Gesicht des Grevensteiners, als er seinen altersdunklen Speer an die Wand lehnte und sich ebenfalls setzte. „In der Tat gibt es einen Tempel der Allweisen just unterhalb des Burgbergs. Ihr seid praktisch daran vorbeigekommen, allerdings liegt er ein kleines Stück näher beim Fluss, so dass er Euren Augen vielleicht entgangen ist. Der Tempel, der den Namen Arx Madargentea trägt, feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen, denn er wurde 1014 BF auf Weisung Ihrer Erhabenheit Haldana gegründet. Und seit jenen Tagen residieren auch die Draconiter in der Stadt und werden recht wortgewandt vom Erzmagister Parinor Goldquell bei ihrer Suche nach Wissen und Weisheit angeleitet. Sie haben sich vor einigen Jahren ein kleines Ordenshaus neben dem Tempel errichtet und sind recht umtriebig, wobei sie hier in der Mittnacht keinen leichten Stand haben. Ihre Kenntnisse über die Bräuche der Schwarzpelze jedoch haben sie zu wertvollen Beratern unserer Ritter und Waffenverschworenen gemacht. Das rechnet man ihnen hier hoch an. Einen Besuch des Tempels kann ich Euch nur wärmstens empfehlen, die Statue der Göttin dort ist wahrlich beeindruckend. Wenn wir uns später gestärkt haben und Ihr es wünscht, lasse ich Exzellenz Parinor fragen, ob er sich auf einen Krug zu uns gesellen mag. Er stammt aus dem Horasreich wie Eure hohe Mutter.“
Kurz ruckte der Kopf der Ritterin an Arnôds Seite herum, doch Fenia verbiss sich den Kommentar, dass es bei einem Krug wohl kaum bleiben würde, wenn der Moosgrunder Hesindegeweihte einmal in Fahrt kam.
Lyssandra dagegen horchte auf. „Oh wirklich? Ja, wenn Seine Exzellenz uns die Ehre geben mag? Ich möchte auf jeden Fall den Tempel besuchen. Unter anderem auch, weil meine Jüngste, Eylin, die Ihr später kennenlernen werdet, keinerlei Ambitionen zeigt, die Ritterlaufbahn einzuschlagen. Es ist schon eigenartig, aber in unserer Familie schlägt doch die Tsagläubigkeit meiner werten Mutter durch. Die Drittgeborenen scheinen sich dem Dienst an einem der Zwölfe verschreiben zu wollen. So ist es ja bei meiner jüngeren Schwester Ysilda der Fall, die nun als Tsafira die Tsakapelle in Urkentrutz versieht, und auch viel in Weiden und sonst wer weiß wo auf Deres Rund umherreist um Tempel, Kapellen und Schreine zu besuchen, Geburten zu begleiten oder Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch den Segen der Allesgeberin zu spenden. Nun scheint sich eine weitere Finsterborn für den Dienst an einem oder einer der Zwölfe zu interessieren. Noch hat Eylin keinen Ruf erhalten, ist noch unschlüssig, ob sie ihre Gunst Peraine oder Hesinde schenken möchte, doch in zwei Jahren sollte sie mit ihren Überlegungen zu einem Entschluss gekommen sein. Und natürlich muss noch geklärt werden, ob sie auch die Fähigkeiten besitzt, den Göttern zu dienen.“
Hinter der Stirn der Baronin arbeitete es. Bei den Draconitern ließ sich womöglich beides verbinden. Der Dienst an der Allwissenden und die ritterliche Ausbildung.
„Ich würde annehmen, dass die meisten Weidener Hesindegeweihten mehr über die Lehren der Gütigen wissen als manch einer vermuten mag. Zumindest was die praktischen Lehren angeht. Und sei es nur, weil sie auf diese Art auch beim einfachen Volk Gehör finden. Wie Arnôd schon sagte: Wissen und Weisheit stehen nicht unbedingt an erster Stelle, wenn Sorge um Acker und Vieh die Menschen umtreiben.“
Während die drei so plauderten, begannen eifrige Knechte und Mädge Speisen und Getränke auf dem Tisch zu verteilen. Es gab allerlei zu finden: deftigen Eintopf, eine leichtere Fischsuppe, geröstetes Hühnchen und Braten, Weidener Krustenbrot, Käse, Wurst und Räucherfisch. Natürlich fehlte ein Brett mit Weidener Knoblauchbrot ebenso wenig wie einige Krüge Bier. Quellwasser, Milch und warmer Gewürztee wurden ebenfalls bereitgestellt.
Und währenddessen kehrte auch die Hausherrin zurück, freudestrahlend, denn die Knappin Revienna trug einen großen Hefezopf hinter ihr her und drapierte den auf den Tisch in der Nähe von Apfelmus und Rübenkraut. „Sehr gut, dann haben wir ja alles. Ich freue mich, dann können wir ja loslegen.“ Avia lief zu einem Lehnstuhl und ließ sich hineinfallen, dann fiel ihr etwas ein und sie sprang auf und machte ein erkennendes Gesicht. „Oh, wir warten doch bestimmt auch Eure Tochter, Hochgeboren, oder? Ich habe gehört, sie reist mit Euch. Wo ist sie denn?“ Und als wäre es geplant gewesen, führte in diesem Augenblick ein weiterer Knappe, ein schlanker dunkelblonder Bursche mit freundlichem Gesicht, Lyssandras Tochter und den Schreiber Fromund hinein, während er mit Erlinde, der Knappin der Baronin, ein paar scherzhafte Worte wechselte.
Mit Genugtuung sah Lyssandra ihrer Jüngsten entgegen, die im Laufe der Reise wirklich gelernt hatte sich adäquat zu benehmen und die höfische Etikette zu wahren. Sie trug ebenfalls die Farben der Baronie Urkentrutz: ein blaues, langes Kleid mit weißem Überwurf. Höflich grüßte sie in der dem Stand gemäßen Reihenfolge die anwesenden Adeligen. Während die zarte Eylin ihr blondes Haar offen trug hatte Erlinde, die stämmige, kleingewachsene Knappin, ihr langes, schwarzes Haar in einen festen Zopf geflochten, der ihr bis zum Becken reichte, die Schläfen waren kahlgeschoren. Die kleinen, braunen Augen trugen nivesiche Züge. Unterhalb des linken Auges zog sich eine Narbe bis zum Nasenflügel herab. Gekleidet war sie in einen Wappenrock und den dazugehörigen Beinkleidern und Stiefeln.
Der Schreiber Fromund war mit einem einfachen dunkelbraunen Wams und einer gleichfarbigen Kniebundbruche angetan. Beides wurde durch einen breiten Ledergürtel voneinander abgegrenzt, der das Wappen der Finsterborner trug. Die Waden schützten wollene Wickelgamaschen vor der Kälte. An den Füßen trug er halbhohe Stiefeletten. Sein braunes, schulterlanges Haar trug der etwa 40 Winter zählende Mann mit einem Lederriemen im Nacken gebunden. Auf der Oberlippe wippte ein lustiger Schnurrbart, dessen Enden Fromund immer wieder mit den Fingern nach oben zwirbelte, was ihm einen schelmischen Gesichtsausdruck verlieh. Auch er entbot, sich im Hintergrund haltend, allen Anwesenden den Gruß der Zwölfe.
Nachdem alle ihren Platz gefunden hatten, trat Revienna hinter Avia und schenkte ihr Würztee in ein kleines, fein verziertes Trinkhorn ein. Ronward, der zweite Knappe tat das Gleiche mit Bier erst bei Arnôd, der ihm sein runenverziertes Trinkhorn entgegenhielt, und dann bei Fenia. Erlinde eilte sich es den Moosgrunder Knappen gleich zu tun und füllte die Hörner, die für Lyssandra und Eylin vorgesehen waren. Die Knappen füllten schließlich ihre eigenen Hörner und setzten sich an das Ende des Tisches, das für sie vorgesehen war. Dann erhob sich die Baroness, tauchte die Schwurfinger ihrer Rechten in das Horn und versprenkelte die Tropfen auf den Boden. Arnôd und Fenia taten es ihr gleich. „Im Namen der gütigen Zwölf, seid alle willkommen und sicher unter unserem Dach und teilt mit uns dieses Mahl.“
Sie blickte sich grinsend um, lugte nach dem Hefezopf und ließ dann ein lautes „Wohlschmecken dann!“ verlauten, bevor sie nach kurzem Zögern dann nach der Roten Bete langte. Das war dann für alle das Zeichen zu zugreifen und es sich schmecken zu lassen.
Die Baronin von Urkentrutz bedankte sich für die Einladung und erwiderte das typische Weidener „Wohlschmecken!“ Dann ließ sie sich dann von Erlinde auftragen. Sie entschied sich für die Fischsuppe zum Beginn des Mahls. Als Eylin unschlüssig auf die zahlreichen Speisen blickte und sich nicht entscheiden konnte, nahm die Mutter ihr kurzerhand die Entscheidung ab.
„Das Hühnchen sieht gut aus, nicht wahr Eylin? Erlinde, bitte gib Eylin von dem Huhn!“
Eylins Mund ging bereits auf, um zu protestieren als sich die Blicke von Mutter und Tochter trafen. Mit einem Seufzen schloss das Mädchen ihn wieder wobei sich einige verkniffene Fältchen um die schönen, vollen Lippen bildeten. Der Ansatz einer Schnute war zu erkennen. Neugierig blickte sie auf den Teller Avias.
„Darf ich zu meinem Hähnchen auch etwas von der Roten Bete haben, Mutter?“, fragte Eylin mit leicht gereiztem Unterton.
Lyssandra nickte und sah zu, wie Erlinde ihrer Jüngsten auftrug. Es war schon spannend was die Gegenwart eines anderen hochgeborenen Mädchens auslöste. Zuhause in Urkentrutz rührte Eylin Rote Bete nur unter Androhung von Strafmaßnahmen an. Obwohl sich die Köchin Dorntrud die größte Mühe gab das Wurzelgemüse schmackhaft zuzubereiten und es schon in vielen Variationen auf den Tisch gebracht hatte. Nun aber, wo sich die Moosgrunderin mit sichtlichem Appetit der roten Rübe widmete, schien auch Eylins Widerwille überwunden.
„Sagt an, Hochgeboren. War Eure Reise, abgesehen von den winterlichen Unbilden, denn so, wie sie Euch vorschwebte? Und wie geht es denn unseren Brachfeldener Nachbarn? Ich gehe stark davon aus, dass in der Herzogenstadt alles wohlgeordnet ist, richtig?“
Die Urkentrutzerin bestätigte, dass in der Herzogenstadt alles beim Rechten war und erzählte ausführlicher von ihrem ausgedehnten Besuch in der Baronie Brachfelde, wobei die ein oder andere Nachfrage Fenias ihren Bericht unterbrach. Im Gegenzug berichtete die Ritterin vergnügt von ihrer Pagenzeit im Brachfeldschen Mallaith und gab auch die ein oder andere Anekdote aus der Zeit zum Besten, als sie Arthas, den Neffen des Brachfelder Barons als Knappen an ihrer Seite wusste.
Sie kamen so recht ins Plaudern, denn nun erzählte auch Lyssandra von ihrer Knappenzeit bei Ritter Accolon von Brachfelde und seiner Gemahlin Yolanda. Man tauschte Erfahrungen und schwelgte in Erinnerungen.
Während des Mahls ging das Gespräch reichlich ungezwungen weiter, Arnôd stellte der Baronin immer wieder einmal Fragen zur bisherigen Reise und den weiteren Plänen. Avia beäugte immer wieder die etwas ältere Eylin, hielt sich aber ein wenig zurück, obwohl sie augenscheinlich neugierig auf das Mädchen war. Die Moosgrunder Knappen hingegen plapperten munter auf Erlinde ein, die sich zwar redlich mühte eine ernste Miene zu machen, aber dennoch bei der ein oder anderen Geschichte breit grinsen musste.
Das Hühnchen und die rote Bete verschwanden nur sehr langsam und in winzigen Portionen in Eylins Mund. Ihr Blick ging immer wieder zu dem verführerischen Hefezopf. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und sprach Avia an.
„Eigentlich habe ich gar keinen Hunger… also ich meine wohl eher Appetit auf Huhn. Ich habe vorhin gesehen, dass du dich wohl auch auf den Hefezopf freust. Stimmt das?“
Die Moosgrunderin grinste: „Kannst du wohl laut sagen.“ Ein Teil des Satzes ging bei Kauen unter, was Avia einen weiteren spielerisch strengen Blick von Fenias Seite einbrachte. Sie entschied sich aber, den mit einem entschuldigenden Lächeln zu ignorieren und nutzte ihr Essmesser, um sich einen Streifen von dem dunklen Braten abzusäbeln. „Aber bevor wir zum absoluten Höhepunkt kommen,“ sie lächelte das Urkentrutzer Mädchen an, „noch ein gutes Stück von diesem herausragenden Lamm.“ Sie lehnte sich zu Eylin hinüber, warf einen Blick auf Fenia und entschied sich dieses Mal, zuerst zu Ende zu kauen. „Du musst dazu Butter nehmen und entweder von dem Apfelkompott da vorn oder, auch klasse, vom Heidehonig. Bin gleich soweit, nur noch ein letztes Stückchen Lamm ...“ Wieder langte die Baroness mit ihrem Messer an den Braten und schnitt sich gekonnt einen weiteren Streifen ab, der beinahe genauso schnell im Mund Avias verschwand, wie er auf den Teller gekommen war.
Sie sah sich kurz um und blinzelte dann Eylin zu. „So, ich glaube, dann können wir jetzt zum Besten kommen. Warte, ich schneide dir das leckerste Stück ab, das Knäppchen mit dem meisten Hagelzucker.“ Während sich die Moosgrunderin mit einem Brotmesser bewaffnete und das Brett mit dem Hefezopf zu sich heranzog, blickte sie wieder auf die junge Urkentrutzerin. „Ach ja, sag mal, bist du schon in Pagenschaft bei jemandem gelandet? Ich habe letztens Fenia und Arnôd darüber sprechen hören, dass das bei mir ja traditionell beizeiten anstünde. Und ich weiß nicht so recht, ob ich das so prickelnd finde, muss ich sagen.“
Eylin rollte mit den Augen. „Es geht in der letzten Zeit um nichts anderes als meine Zukunft. Das mit der Pagenschaft konnte ich verhindern, aber in zwei Götterläufen muss ich dann wohl von Zuhause weg. Meine Mutter scheint aber zu akzeptieren, dass ich nicht das Schwert ergreifen will und so wird es wahrscheinlich der Dienst an einem der Zwölfgötter. Aber du musst ja wohl ins Kettenhemd schlüpfen, oder? Meine älteste Schwester Minerva musste auch… sie ist ja die Thronerbin. So wie du… wobei sie Gefallen daran findet, wie es scheint.“
„Ah, schön für sie. Wo ist die den untergekommen? Hat sie eine strahlende Heldin als Schwertmutter? Schwertgewaltig? Weißt du, das Kämpfen ist schon in Ordnung, aber bisher brauchte ich nie ein Kettenhemd dafür. Das darf so bleiben, die Dinger klimpern furchtbar laut. Findest du nicht? Andererseits wäre es aber irgendwie auch toll mal andere Teile der Welt zu sehen, was meinst du? An den Klippen des Windhags in der Gischt stehen, stelle ich mir aufregend vor. Oder durch die engen Gassen Punins zu schleichen. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben.“ Avia träufelte sich verträumt Honig auf den Hefezopf und biss dann herzhaft ab. „Zu welchem der Unsterblichen fühlst du dich denn hingezogen? Ruft dich eher Stola oder Schleier, hm? Hast du womöglich ein Zeichen bekommen?“
„Minerva hatte Glück, sie ist beim Dienstritter meiner Mutter, Oberon von Uhlredder als Knappin. Das bedeutet, dass sie nach dem Winter zu uns auf die Burg ziehen wird. Noch lebt Oberon mit seiner Gemahlin, einer bornischen Ritterin namens Danje auf unserem Junkergut Schwarze Au und sichert es. Aber dorthin soll bald mein Onkel Horatio mit seiner Frau und den Kindern umziehen. Dann kommen Oberon, Danje und Minerva zu uns nach Urkenfurt. Ich freue mich schon darauf, meine Schwester wieder um mich zu haben. Sie wird eine echte Ritterin, führt das Schwert sicher und eifert ihrem Schwertvater nach. Minervas Kettenhemd ist unglaublich schwer. Ich habe es einmal versucht anzulegen. Da wäre ich fast zusammengebrochen. Das ist nix für mich. Ja die Welt sehen fände ich schon auch toll. Meine Mutter spricht auch schon davon, dass sie mich vielleicht sogar zu ihren Verwandten ins Liebliche Feld schicken will. Wenn ich so gar nichts mit mir anzufangen weiß.“
Während Eylin sich ebenfalls an Hefezopf und Honig gütlich tat, machte sie sich über eine Antwort auf Avias letzte Frage Gedanken. Mit vollem Mund begann sie zu sprechen.
„Weischt du, isch weisch nischt wirklisch wie so ein Zscheichen auschschehen könnte. Aber isch lesche gerne und schreibe auch gerne. Und meine Mama und Oberon sagen immer, dasch ich sehr gut schuhören kann. Wasch auch immer dasch heißen soll. Weischt du, wie man erkennt, welchem der ZSchwölfe man dienen schollte?“
Lyssandra indes wurde auf das Gesprächsthema der beiden Mädchen aufmerksam. Als sie ihre Tochter mit vollem Mund sprechen hörte, schnellten ihre Augenbrauen zunächst in die Höhe, um dann sogleich in spitzem Winkel zwei tiefe, senkrechte Furchen zwischen den wachen Augen zu bilden. Der tadelnde Blick war unverkennbar dem Fauxpas zuzuordnen.
„Eylin!“, kam es prompt scharf, wenngleich beinahe im Flüsterton, von der Baronin herübergezischt. „Benimm dich! Man spricht nicht mit vollem Mund! Wo sind deine Manieren?“
Derweil ging das Gespräch der Erwachsenen ebenfalls weiter. Arnôd nahm aus den Augenwinkeln zur Kenntnis, dass Avia genügend Stärkendes gegessen hatte, und ließ sie mit dem Hefezopf gewähren. Eher freute er sich, dass sie recht unkompliziert mit der Tochter der Finsterbornerin ins Gespräch kam. Dann aber richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Lyssandra selbst und nutzte eine Pause im Bericht der Reise um eine gänzlich andere Frage zu stellen.
„Sagt an, Frau Lyssandra, es würde mich sehr interessieren, ob Ihr in Urkentrutz etwas von diesen magischen Wellen bemerkt habt, die Teile unserer Baronie erschüttert haben und die sogar die Inquisition auf den Plan gerufen haben. Die Teichenbergerin hatte danach auf dem Baronsrat gefragt, aber der einzige sinnvolle Punkt, den sie vorzubringen hatte, ist leider irgendwie untergegangen. Einige unserer Waidleute haben vor kurzem berichtet, dass im Bôrghain urplötzlich Hirsche mit mächtigen Geweihen aufgetaucht sind – und der erstreckt sich ja auch in Euer Lehen hinein. Vielleicht mag Fenia ja etwas berichten, dass drunten in der Wolfsau geschehen ist, die ebenfalls von den Erscheinungen getroffen wurde.“
Interessiert hörte Lyssandra dem Vogt zu. „Bislang ist mir nichts dergleichen zugetragen worden. Was aber auch daran liegen kann, dass diese Region wenig besiedelt ist und ich mich nun schon seit einigen Wochen auf Reisen befinde. Erzählt mir mehr davon! Gibt es noch weitere magische Erscheinungen? Was habt Ihr zu berichten, Frau Fenja?“
„Allerdings“, nuschelte die Moorlander Ritterin und beeilte sich aufzukauen. Mit einem prüfenden Blick zu Avia schluckte sie den Brocken schließlich hastig hinunter und spülte mit einem großen Schluck aus ihrem Krug nach. „So“, meinte sie dann mit einem zufriedenen Lächeln. „Wo waren wir? Achja! Die Vorkommnisse…“
Kurz schien es, als würde Fenia zögern, dann jedoch begann sie leise zu berichten: „Nun, anfangs ist es uns nur ein wenig seltsam vorgekommen. Da war diese Spinnenplage im Boron, kurz nachdem die Baronin zum Aarenstein gezogen war.“ Bei den letzten Worten hatte die Salmbingerin ihre Stimme noch weiter gesenkt. „Waldspinnen waren das, eine ganze Menge. Zum Glück im Düsterholz und nicht so nah bei uns. Aber trotzdem“, sie verzog das Gesicht. „Und dann begann das mit den Obstbäumen.“ Die Ritterin verschränkte die Arme vor sich auf dem Tisch, und ihre Miene zeigte, dass sie sich noch immer keinen rechten Reim darauf machen konnte. „Stellt Euch vor: Da trugen die Obstbaumsetzlinge von heute auf morgen Früchte. Zuerst hielten wir es für ein Wunder Peraines, doch leider mussten wir nur allzu bald feststellen, dass dafür ein anderer, liebevoll gehegter und gepflegter Hain nur mehr aus ein paar zarten Pflänzlein bestand.“ Sie machte eine Pause und nahm einen Schluck aus ihrem Krug. „Wir haben dann Leute ausgeschickt, um den Wald mal näher zu begutachten und ein paar Landmarken zu überprüfen. Und tatsächlich: Einige altehrwürdige Plätze fanden sie gänzlich verändert vor, manche schienen gar dem Erdboden gleichgemacht. Aber das war noch nicht das Sonderbarste. Tatsächlich stießen sie auf die Überreste von Menschen – allesamt greis und alt. Doch als man sich im Dorf erkundigte, erinnerte sich niemand an solch seltsame Wanderer. Allein eine junge Familie hatte sich kurz zuvor aufgemacht, um Anverwandte in Wulfengrab zu besuchen…“ Die Ritterin verstummte und schaute von Arnôd zu Lyssandra.
Der Grevensteiner wiegte den Kopf hin und her. „Seltsame Wanderer sagst du? Überreste? Das alles lässt zu wünschen übrig.“ Er fuhr sich nachdenklich durch den Bart und murmelte vor sich hin. „Und dieser elende Zaubermeister hat sich noch nicht blicken lassen …“ Er blickte Fenia an: „Wir müssen da genauere Nachforschungen anstellen. Diesem Nachtschatten oder wie auch immer sich dieser Südländer nennt, sollte die Hauptfrau-Magistra mal auf den Zahn fühlen. Die scheint eine rechte Abneigung gegen den Kerl zu hegen. Und immerhin kenne ich die, was ich von dem anderen nicht behaupten kann. Und auch kein Wort von Magister Eschenstein, wie üblich. Aber das gehört nicht hier her, denke ich.“
„Ihr schreibt diesem neu zugewanderten Magier die Vorkommnisse zu?“, fragte die Finsterbornerin und fuhr sich nachdenklich über die Wange. „Es ist schwer auszumachen, was er damit bezwecken könnte. Auf den ersten Blick haben die Geschehnisse nicht wirklich viel miteinander zu tun, außer, dass sie magisches Wirken erkennen lassen. Waldspinnen, Hirsche mit mächtigen Geweihen, Früchte tragende Obstbäume. Da denkt man wirklich zunächst an das Wirken Peraines… aber diese Sache mit den Veränderungen oder gar Zerstörungen altehrwürdiger Plätze… und menschliche Überreste… Gebeine meint ihr, nicht wahr? Hat sich ein Geweihter dieser Sache angenommen? Für mich klingt das nicht nur nach einer Sache für die Hauptfrau-Magistra, sondern vielleicht sollte man die Praioskirche einschalten. Ich könnte seine Ehrwürden, Perval von Werheim, darauf ansprechen. Gleich nach meiner Rückkehr werde ich dem Bôrghain einen Besuch abstatten, mit den dortigen Anwohnern sprechen und womöglich gleich weiterreiten, um mich mit dem Luminifer der Praioskirche zu beraten. Unsere Familien verbindet eine lange Freundschaft. Soll ich Euch einen Boten schicken, damit ihr mich begleiten könnt, wenn ich aufbreche?“
„Die Praioskirche?“ Fenia hob eine Augenbraue und sah kurz fragend zu Arnôd. „Bringen die nicht mehr durcheinander als einem lieb ist?“ Zu Lyssandra gewandt beeilte sie sich erklärend hinzuzufügen: „Ich meine, sie werden doch sicher das Unterste zuoberst kehren. Und auch nicht bei dem Magier Halt machen. Welche Erfahrungen habt Ihr denn mit dem Luminifer?“
Lyssandra musste grinsen. „Ich verstehe Eure unausgesprochenen Vorurteile gegenüber den Vertretern der Praioskirche, Ritterin Fenia, aber unsere Familien sind schon lange befreundet. Schon meine Eltern waren mit Algunde von Pandlaril-Wellenwiese und ihrem Gemahl eng befreundet. Entsprechend wurde dann mein Bruder Horatio Knappe bei Algunde, deren Bruder der Luminifer ist. Mit dem Sohn Pervals machte Horatio seine Waffenübungen. Sie waren sehr vertraut und entsprechend hat mein Bruder getrauert, als dieser vor Ysilia fiel. Soviel zu den Banden unserer Familien. Was aber Eure Frage angeht, ist es sicher, dass die Praioskirche sehr genau vorgehen würde. Gewissenhaftigkeit ist eine ihrer wichtigsten Tugenden. Ich würde mich zunächst auch nur vom Luminifer beraten lassen. Er ist ein hervorragender, sehr kluger Ratgeber, der alle Seiten abwägt. Ich muss ehrlich sein, dass mir das seltsame Treiben des Magiers mehr Sorgen macht, als den Rat des Praioten einzuholen. Euch nicht?“
Die Ritterin lächelte schief. „Schwer zu sagen“, gab sie dann zu. „Meine Erfahrungen mit Magiern sind begrenzt. Und ich bin mir sicher, dass solch persönliche Bande wie die Euren es mir leichter machen würden. Ein Ratschlag unter Freunden mag harmlos sein. Doch beginnt die Kirche hier erst ihre Untersuchungen, steht zu befürchten, dass auch die ein oder andere Weise Frau ins Blickfeld der Kirche geraten würde. Und das könnte durchaus für einigen Wirbel sorgen, auf den wohl beide Seiten gut und gern verzichten könnten. Ein Magier mag da unter Umständen etwas… anpassungsfähiger sein.“ Erneut ging ihr Blick zum Grevensteiner.
Arnôd derweil blickte Lyssandra offen an, in seine Augen war ein Funkeln getreten. „Ich werde in dieser Sache nicht für die Ritterin von Moorland entscheiden, da seien die Unsterblichen vor, aber ich werde meine Zweifel äußern. Das ist keine Angelegenheit für die Kirche des Gleissenden mehr, denn die hatten wir erst Anfang des Jahres hier zu Gast, samt diverser Rotten Rundhelme, die uns voreiliges Handeln unserer neuen Gräfin bescherte. Ich bin nicht bereit die Arroganz dieser Bannstrahler ein weiteres Mal zu tolerieren, geschweige denn deren bodenlose Bäuche zu füllen. Zumindest nicht in Moosgrund. Ihr mögt andere Erfahrungen haben und es auch gerne anders handhaben. Ab davon meine ich mich zu erinnern, dass Ehrwürden Perval Experte für Liturgisches ist und nicht Spezialist für magische Phänomene. Und bevor Ihr mich missversteht, die Gemeinschaft des Lichts hat sehr wohl ihre Vorzüge, der feinfühlige Austausch mit jenen, die Madas Gabe in sich tragen, scheint mir eher nicht dazuzugehören. Aber, wie gesagt, das mögt Ihr anders sehen und handhaben, ich für meinen Teil traue in diesen Dingen anderen Ratgebern mehr.“
Arnôd warf einen Blick zu den beiden Mädchen hinüber und fügte dann hinzu: „Aber lasst uns das gerne nach dem Mahl weiter besprechen, denn ich halte es für eine gute Sache, wenn Ihr da Nachforschungen anstellt. Es ist erfreulich, dass in Urkentrutz diese magischen Phänomene anscheinend nicht so weitreichende Konsequenzen hatten wie bei uns.“
Nur wenig später hatten auch die Erwachsenen ihr Mahl beendet. Einige Mägde und Knechte räumten den Tisch ab und schafften bequeme Sessel herbei, die sie vor einen der Kamine stellten. Arnôd erhob sich und leitete die Gäste dort hinüber.
Avia legte bei der Gelegenheit ihre Hand auf seinen Arm und flüsterte dem Vogt etwas zu. Er blickte kurz zu den Gästen und nickte dann. Avia strahlte und zog nun Eylin in Richtung des Throns davon, vor dem immer noch die Espener Saupacker dösten. Auch Lyssandra nickte ihrer Tochter zu. Man konnte Eylin ansehen, dass sie erleichtert war, endlich Kind sein zu dürfen. Sie folgte mit mädchenhaftem Kichern der jüngeren Hochadeligen. Die beiden Mädchen wollten wohl ungestört von den Erwachsenen sein. So die Baronin von Urkentrutz keine Einwände machte, fand Arnôd das ganz normal.
Dann hielt der Grevensteiner seine Knappen an. „Revienna, eile zum Arx Madargentea hinüber und frage Goldquell, ob er sich uns anschließen möchte. Wenn er zusagt, dann sorge dafür, dass aus der Küche Wein herbeigebracht wird.“ Die junge Frau nickte eilfertig. „Soll ich die Böcklin mitnehmen?“ „Das ist mir einerlei, frag sie von mir aus. Vielleicht will sie aber auch Ronward kurz begleiten. Denn du,“ er blickte den zweiten Knappen an, „gehst nach Leuinstolz hinüber und fragst, ob Witaribhel sich zu uns gesellen möchte.“ Auch der nickte, dann gingen die Knappen ihrer Wege und Arnôd setzte sich zu den Gästen an den Kamin.
Elinde entschied, die Knappin des Grevensteiners begleiten zu wollen.
Nur wenig später ließ Ronward die Vorsteherin des Rondratempels entschuldigen, denn die war gemeinsam mit Ritter Augrimmar in Richtung Baliho aufgebrochen, wo beide in Lohenharsch, dem ehrwürdigen Tempel der Leuin dort, erwartet wurden. Reviennas melodische Stimme hingegen kündigte nicht nur „Seine Exzellenz, Erzmagister Goldquell vom Sacer Ordo Draconis“ an, sondern auch die „wohlgelehrte Dame Kitinkaja František“.
Die beiden Gelehrten traten in ein Gespräch vertieft ein, das sie in klingendem Alaani führten. Der Geweihte trug unverkennbar den Ornat eines hochrangigen Hesindegeweihten. Er war glattrasiert und trug sein ergrautes Haar kurz geschnitten, was ihm, zusammen mit dem klassisch zu nennenden Gesicht, die Aura einer bosparanischen Statue verlieh.
Die rothaarige Frau hingegen trug farbenfrohe Kleider in mehreren Lagen und gestikulierte raumgreifend mit ihren langen Armen, während sie dem Draconiter einen Sachverhalt darlegte. Sie unterbrach sich selbst, als sie den Raum betrat, und stutzte kurz. Offenbar war sie überrascht von der Anwesenheit hoher Gäste – wobei der Gesichtsausdruck vermuten ließ, dass sie durchaus mit welchen gerechnet hatte, nur nicht jetzt. Der Blick, den sie Arnôd nach kurzem Zögern zuwarf, wirkte jedenfalls zerknirscht und sie eilte an seine Seite, um ihre rechte Hand entschuldigend auf seine zu legen.
„Ich fürchte, ich habe die Zeit vergessen und damit auch das Mahl verpasst“, sagte sie leise. Dann fiel ihr Blick wieder auf die Gäste, sie bemühte sich um ein unbeschwertes Lächeln und fügte deutlich klarer an: „Bitte entschuldigt meine Verspätung, Hochgeboren, und deutet sie nicht als Missachtung Eurer Person. Wenn ich mich mit Herrn Parinor unterhalte, vergesse ich manchmal einfach alles um mich herum. Seid gegrüßt im Namen Travias und ihrer göttlichen Geschwister.“
Sowohl Arnôd als auch Goldquell quittierten das mit einem feinen Lächeln. „In der Tat, die guten Götter zum Gruße, Frau von Urkentrutz," schloss sich der Hesindegeweihte an. "Benvenuto! Schön, jemanden zu sehen, der lange Zeit in meiner Heimat verbracht hat. Sagt an, in Pertakis oder Shenilo? Unser Orden unterhielt einst eine reichlich umstrittene Niederlassung in letzterer Stadt. Aber der Thronfolgekrieg hat in der Gerondrata ja auch so einiges verändert. Guten Wein macht man dort aber – das zumindest steht außer Frage.“
„Die Zwölfe zum Gruße, verehrte Dame!“, begrüßte Lyssandra die Dame mit dem farbenfrohen Kleid. „Seid ihr bornischer Herkunft, Verehrteste?“
„Nahe dran“, erwiderte Kitinkaja mit einem breiten Lächeln. „Ich bin überall zwischen dem Gjalsker- und dem Bornland aufgewachsen, wenn man so will. Meine Mutter ist Norbardin. Zieht man alles zusammen, dürfte ich mich mittlerweile allerdings von allen Orten am längsten hier in Weiden aufgehalten haben. Also ... vielleicht ... am ehesten eine gjalsko-bornische Nordfrau mit starken mittnächtlichen Bezügen? Reigeschmeckt auf jeden Fall, denn so einfach lässt sich ja nicht Weidener werden. Wenn die Wiege nicht schon hier stand und man auch keine ritterliche Ausbildung genossen hat, ist es etwas schwierig, die Bewohner dieser Gegend davon zu überzeugen, dass man ... richtig dazugehört.“
Als dann der Draconiter seine Herkunft aus dem Horasreich offenbarte, lächelte die Baronin von Urkentrutz erfreut, während sie gleichzeitig ihrer Jüngsten mit einer Handbewegung zu verstehen gab, dass sie ihre Anwesenheit für angebracht hielt.
„Oh wie schön! Ihr kommt aus der Gerondrata? Die Familie meiner Mutter gehört zum Pertakis-Zweig der ya Papilios. Der Familiensitz ist das Gut Montalto, somit näher an Shenilo. Jedoch war mein Onkel Garis bis zum Thronfolgekrieg Inspectionsrat der Domäne Pertakis und meine Tante Alisa Iustitiarin derselben Domäne. Ich habe drei Götterläufe, noch vor besagtem Krieg, bei beiden verbracht und dort einiges von ihnen gelernt. Deshalb ist mir auch die Niederlassung Eures Ordens auf Burg Yaquirstein ein Begriff. Leider hatte ich seither nicht mehr die Gelegenheit zu einer Reise ins Liebliche Feld. Ich hoffe, das wird sich bald wieder ergeben. Ich vermisse meine Verwandten sehr… ganz abgesehen vom hervorragenden Wein und der großartigen Küche! Darf ich fragen, was einen Feingeist wie Euch aus dem Zentrum der Mutter der Weisheit in die Diaspora verschlagen hat?“
„Die Wege, die die große Weberin uns auslegt, sind vielfältig und geprägt von der Suche nach Wissen und viel mehr noch nach Weisheit. Und so findet es sich, dass ich hier einen Platz gefunden habe, an dem ich sogar beides vertiefen kann und darüber hinaus mit Rat und Tat anderen zur Seite stehen darf. Man kann nicht viel mehr vom derischen Sein erwarten. In solcher Erkenntnis war mir der pater primus – die Göttin erhöhe ihn – immer einen Schritt voraus.“ Goldquell blickte einen Moment sinnierend in die Ferne, was ungewöhnlich für ihn war. Dann jedoch schlich sich wieder ein feines Lächeln auf sein Gesicht. „Um jedoch Eure erste Frage zu beantworten, nein, ich stamme aus dem Aurelat, dem östlichen Nachbarn, denn ich wurde in Silas geboren und bin dort auch aufgewachsen. Und vielleicht, um noch einen Teil der zweiten Frage zu beantworten, habe ich auch etwas der Rastlosigkeit meines Vaters geerbt, dessen Herz und Seele dem Fröhlichen Wanderer zugetan war. Wie gut jedoch, dass meine Mutter und ihre Gemeinschaft es vermochten, einen neugierigen Jungen auf jenen Weg zu setzen, den ich nun beschreite. Und ewigwährender Dank gelte der Herrin Hesinde, dass sie mich annahm und mit ihrem Funken erfüllte. Ihr seht, die meinen, wenngleich nicht von Adel, sind allesamt den Zwölfen verschworen, wenngleich nicht alle denselben. Abgesehen davon, und auch wenn ich die Nutzung des sehr eloquenten Aureliani schätze, stehe ich dem Begriff der Weltzerstreutheit ein wenig skeptisch gegenüber, denn auch wenn das Zentrum der Verehrung der Allweisen in Kuslik liegt, hat die Göttin in ihrer allumfassenden Klugheit, Wissen und Weisheit unter alle Völker und in alle Regionen der Welt gelegt. Ganz sicher halte ich es für einen Trugschluss, dass der Mangel an schriftlichen Aufzeichnungen auch einen Mangel an Geschichte und Wahrheit bedeutet. Es ist eben nur ein anderer Weg, der schließlich doch zu Erkenntnis führen kann. Immer unter der Voraussetzung natürlich, dass man in der Lage ist zu erkennen, wann etwas von Wichtigkeit ist und wann nur eitle Wichtigtuerei.“ Wieder lächelte der Draconiter. „Doch hoffe ich, dass Ihr gute Kunde von den Euren habt, denn der Krieg der Drachen hat tiefe Wunden geschlagen, die nicht leicht zu heilen sind. Ist es Euch gelungen regelmäßig Kontakt zu halten? Ah, und was den Wein anbelangt, ich war so frei Revienna zu bitten eine Flasche des herausragenden Felsfeldeners zu öffnen, den ich für besondere Gelegenheiten zurückhalte. Er dürfte ganz nach eurem Geschmack sein, Hochgeboren. Und es freut mich außerordentlich, ihn mit euch zu teilen.“
Hatte Fenia anfangs noch höflich gelächelt und die beiden Neuankömmlinge freundlich begrüßt, schien ihre Aufmerksamkeit angesichts der zahlreichen Namen, Titel und Orte aus dem fernen Süden rasch zu schwinden. Unauffällig wanderte ihr Blick zu Kitinkaja, die sich unterdessen ein Plätzchen am Tisch gesucht hatte und gerade dabei war, ein Stück Hefezopf zu verputzen.
Offenbar hatte sie sich wegen des lebhaften Gesprächs in Sicherheit gewähnt und nicht erwartet, dass irgendjemand ihr so bald wieder Aufmerksamkeit schenken würde. Daher wirkte sie ein bisschen wie eine Katze, die mit der Pfote im Milchreis erwischt wird, als Fenias Blick auf sie fiel. Sie ließ das Gebäck sinken, schluckte den Bissen rasch herunter und lächelte der Moorlanderin zu. Offenkundig hatte auch sie sich aus dem Gespräch über das Horasiat ausgeklinkt – ob nun aus mangelndem Interesse oder aus Hunger, ließ sich schwer sagen.
„Ich habe mich mit Parinor gerade über ein paar der Dinge unterhalten, die aus dem Turm geholt wurden“, meinte sie. „Und darüber, welche Erkenntnisse die Hesindianer sonst noch gewonnen haben. Es bleibt alles mysteriös, aber ich zweifle daran, dass wirklich alles mit allem zusammenhängt. Also mit alledem, was auf deinem Land passiert ist, meine ich.“ Sie überlegte kurz und hob die Schultern: „Die Zeitphänomene sicher, aber das mit den Spinnen und ... diesem Daumen. Ich weiß, es ist schon eine Weile her, aber ich würde mir die Orte des Geschehens gern ansehen, wenn du nichts dagegen hast? Vielleicht fällt mir ja etwas auf, das anderen entgangen ist? Wer hat sich in deinem Lehn bisher schon umgeguckt? Die Rundhelme? Bannstrahler?“
Nun war es Fenia, die ein wenig überfahren dreinschaute. „Öhm“, hob sie dann auch wenig geistreich an, „durchgestapft sind die zuletzt schon überall. Aber ich denk auch, die haben sich für den Ort auch nicht so recht interessiert, ging ja mehr um den Turm und war da auch schon mehr als einen halben Götterlauf her. Und mit dem Finger drauf gewiesen hab’ ich jetzt auch nicht gerade.“ Die Ritterin grinste schief. „Ich weiß gar nicht so recht, wer am Ende eigentlich den Daumen an sich genommen hat. Die Scherben, die wir da gefunden haben, müssten noch bei Undra in der Efferdkapelle sein. Ich dacht’ mir, wenn doch was dran ist, sind sie da vielleicht ungefährlicher. Und Arnôd wollte ich das dann auch nicht gleich schicken. War ja auch kein Pergament mehr drin.“ Sie hob entschuldigend die Schultern.
„Willkommen bist du uns natürlich jederzeit. Ifirgund freut sich sicher, wenn du ihr ein paar Geschichten erzählst. Und wenn ich mich bis dahin noch bewegen kann, begleite ich dich auch gern ins Düsterholz.“ Mit einem gequälten Lächeln legte die Moorlanderin eine Hand auf ihren Bauch. Dann schien ihr etwas einzufallen. „Meinst du, dass die komischen Träume, die ich hab’, auch davon herrühren? Immerhin träum ich ja auch von Wäldern, auch wenn ich mir dann immer sicher bin, dass es der Bärnwald ist. Und ständig hab’ ich das Gefühl, auf der Suche nach etwas zu sein, das ich ganz dringend finden muss…“ Verwirrt blickte Fenia Kitinkaja an.
„Träume?“ Die Haltung der Norbardin änderte sich von einem Moment auf den nächsten und der normalerweise doch immer irgendwie leicht abwesende Blick entwickelte einen Fokus, den Fenia bisher noch nie gesehen, geschweige denn für möglich gehalten, hätte. Kitinkaja wirkte plötzlich hellwach und voll da. „Was für Träume denn? Davon weiß ich ja gar nichts. Warum weiß ich davon noch nichts?“, fragte sie, während sie von der Moorlanderin zum Grevensteiner hinübersah. „Hast du das etwa gewusst?“
Arnôd, der dem Gespräch der Gäste mit dem Draconiterabt deutlich aufmerksamer folgte, wandte sich Kitinkaja zu. „Was gewusst?“ „Na, dass Fenia hier eigenartige Träume hat.“ Der Grevensteiner schüttelte den Kopf. „Nein. Woher auch? Ich wage zu bezweifeln, dass unsere beflissene Ritterin von Moorland ihrem Lehnsherren von ihren Träumen schreiben würde.“ Arnôd grinste wölfisch. „In wie weit besorgt dich das? Ich meine, tauchen blutrote Vollmonde darin auf oder eine schwarze Flut, die den Finsterkamm hinunterrollt?“
Fenias Augen weiteten sich. „Nein, wer träumt denn sowas?“, fragte sie, ehe sie das Grinsen des Vogtes bemerkte. „Ach, du“, meinte sie dann mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Vermutlich ist es die Unruhe wegen der Geburt“, schob sie dann selbst eine Erklärung nach.
Mit gelangweiltem Gesichtsausdruck und sichtlich unwillig erschien Eylin von Finsterborn im Kreis der Erwachsenen. Sie blickte vom Draconiter zu der Frau in den bunten Röcken und schien sich keinen Reim drauf machen zu können, wer die Personen waren. Mit einem tiefen Atemzug, der einen gelinden Tadel enthielt, stellte Lyssandra ihre Tochter den beiden Neuankömmlingen vor und umgekehrt ebenso.
„Meine jüngste Tochter Eylin. Die gelehrte Dame Kitinkaja František und Seine Exzellenz Parinor Goldquell, seines Zeichens Erzmagister des Ordenshauses der Draconiter hier in Moosgrund.“
Eylin knickste geübt vor der Dame und dem Hesindediener. Dann musterte sie den Ordensmann neugierig und schien plötzlich auch an dem Inhalt des Gespräches der Erwachsenen interessiert zu sein.
Der Draconiterabt nickte Eylin freundlich zu und musterte sie genauer. „Die guten Götter zum Gruße, Hesindeprima, junge Eylin. Ich sehe, gekonnte Umgangsformen beherrschst du. Aber ich sehe auch, dass du eigentlich lieber deine Zeit mit der Baroness verbrächtest.“
Der Geweihte zwinkerte Avia zu, die ebenfalls hinzugetreten war, um die beiden Neuankömmlinge zu begrüßen. „Wir Alten schwelgen gerade ein wenig in Erinnerungen an das Liebliche Feld. Und wenn ich die Worte deiner hochgeborenen Mutter richtig interpretiere, so hattest du noch nicht die Gelegenheit, die Lande zu sehen, die sie so nachhaltig geprägt haben. Liege ich da falsch?“
Die Zehnjährige errötete leicht, als der Abt des Draconiterordenshauses ihren geheimen Wunsch weiterzuspielen so treffsicher erkannt hatte. Dann aber konnte man sehen, dass ihre Augen wach und interessiert die des Hesindedieners suchten und sie aufmerksam seinen Worten lauschte.
„Ihr geht recht in der Annahme, dass ich die Heimat meiner Großmutter noch nicht bereisen konnte. Doch wünsche ich mir sehr noch mehr von Deres Rund kennenlernen zu dürfen. Meine Mutter hält noch Kontakt zu unserer Verwandtschaft und ich hoffe, dass ich sie dort besuchen darf, wenn es die große Weberin für mich so vorgesehen hat.“
Man merkte Eylin an, dass sie sich bemühte die richtigen Worte zu finden. Die Augen ihrer Mutter ruhten mit einer Mischung aus Strenge und Stolz auf ihr. Dann aber purzelten plötzlich ein paar Sätze aus dem wohlgeformten Mund der jüngsten Finsterbornerin.
„Sagt, Euer Exzellenz, wie erkennt man, ob die Göttin einen mit dem Funken segnete, der notwendig ist einer ihrer Diener zu werden?“
Goldquell streifte die Baronin von Urkentrutz mit einen kurzen Seitenblick, ehe er sich Eylin ganz zuwandte. „Eine gewichtige Frage stellst du da. Eine, die vermutlich so lange gestellt wird, wie es Menschen gibt. Und ich will ganz und gar ehrlich zu dir sein, denn es gibt nicht immer den einen Weg zu erkennen, ob eine Gottheit dich berührt hat. Der Wille der Unsterblichen kann sich in vielen Dingen offenbaren, musst du wissen. Manche sind klarer in ihren Segnungen andere ziehen es vor sich erst nach und nach zu offenbaren. Bei mir zum Beispiel war es so, dass ich, kaum dass ich lesen konnte, anfing Bosparano lernen zu wollen, um die Legenden des Heiligen Ingalf selbst lesen zu können. Und es begab sich, dass ich die kleine Grammatik, die meine Mutter häufig zur Hand nahm nur zu lesen brauchte, um die Sprache zu erlernen. Das ging so schnell, dass einige glaubten, die Sprache würde sich mir von selbst offenbaren. Ich weiß von der seligen mater Desideria, dass sie als kleines Kind in die Kusliker Schlangengrube fiel und die Schlangen ihr ehrfürchtig Platz machten. Eine meine eigenen Scholarinnen, aus altem Weidener Rittergeschlecht, wie ich anfügen möchte, fand, dass sich das alte, zerlesene Exemplar der Gebete an die Tagesheiligen auf ihrer Burg immer an der Stelle der kundigen Nanduhild öffnete, wenn sie es zur Hand nahm.“
Der Erzmagister griff kurz nach Eylins Hand. „Manchmal kann man sich den Funken durch eifriges Streben erobern. Vor allem aber darfst du niemals vergessen, dass nicht jeder den Ruf überhaupt hört, bevor nicht ein verständiger Priester oder eine einfühlsame Geweihte ihn zum Glimmen bringen. Manchmal dauert es bis in die Erwachsenenjahre, bevor man erkennt, dass die Unsterblichen einen rufen. Manchmal braucht es nicht nur den eigenen Blick nach innen, sondern auch den Blick Getreuer von Außen, um derlei zu erkennen. Und, was ebenso wichtig ist, du darfst nicht vergessen, dass die Zwölfeinigkeit aus vielen unterschiedlichen Dienern besteht. Wo ein Junge vielleicht Wahrheit im Plätschern eines Bachlaufes hört, erkennt seine Freundin darin die Schönheit der versteckten Musik der Welt. Ist er nun vom Launischen berührt und sie vielleicht von der Schönen Göttin? Wieder andere sind von den Göttern erwählt, ohne jedoch ein Amt in ihrer Kirche anzustreben, denke nur an die selige Mutter deiner neuen Freundin, die ohne jede Frage von Rondra gesegnet war, jedoch nie auf die Idee gekommen ist, die Weihe anzustreben. Wichtig jedoch ist folgendes: Sei du selbst, erkenne was du liebst und auch was dir von Geburt an leicht fällt.“
Goldquell blickte Eylin tief in die Augen. „Ich fürchte zwar, dass das deine Frage nicht so beantwortet, wie du es dir erhofft hast, aber ich will dich fragen, ob dir diese Antwort weiterhilft?“
Langsam klappte Eylin, die staunend den Ausführungen des Erzmagisters gelauscht hatte, den Mund wieder zu und ließ ein wenig enttäuscht den Kopf sinken.
„Nein, solcherlei Zeichen habe ich nicht erhalten. Ich lese halt gerne und schreibe schon recht gut, sagt meine Mutter, aber nichts was auf eine außerordentliche Begabung hindeuten würde. Naja, vielleicht ist es ja auch nicht die Allwissende, die mich mit ihrem Funken beschenken will…“
Sie ließ die Schultern sinken. „Ich möchte nämlich viel lieber im Dienst eines der anderen elf Götter stehen als mit Schwert und Schild auf dem Schlachtfeld zu Ehren Rondras zu kämpfen, wie meine Geschwister es für sich gewählt haben.“
Ein treuherziger Blick aus hellbraunen Augen traf den Draconiter. Das schmale Gesicht wurde von blondem Haar eingerahmt.
„Du darfst dich nicht entmutigen lassen, das ist wohl das Entscheidende. Wichtig ist, dass du du selbst bist. Und scheinbar hast du zumindest Klarheit darin gefunden, dass Rondra dich nicht gerufen hast. Darüber hinaus möchte ich dir den Rat geben, dass du nicht versuchst etwas aus Ungeduld zu erzwingen. Denn Eile und Angst sind noch niemals gute Ratgeber gewesen. Vor allem nicht, wenn es darum geht einen Weg zu finden, den du vielleicht dein Leben lang beschreiten willst.“
Parinor entgegnete den beinahe flehentlichen Blick des Mädchen ganz offen und mit offener Sympathie. „Vielleicht kann ich dir aber doch die ein oder andere Hilfestellung geben. Wenn du gerne liest, und du es bisher noch nicht getan hast, dann leihe ich dir gerne eine Ausgabe des Breviers der Zwölfgöttlichen Unterweisung, damit du vielleicht etwas mehr Orientierung für dich findest, indem du die Beschreibung unterschiedlicher frommer Wege kennenlernst. Sollte es deiner hochgeborenen Mutter gefallen, darfst du gerne auch einige Zeit in unserem Hort verbringen, um dir den Tagesablauf anzusehen und ein Gefühl für das Leben eines angehenden Geweihten zu bekommen. Allein, das ist eine Angelegenheit, die in eurer Familie besprochen und entschieden sein will, und sie hat wohl noch ein kleines wenig mehr Zeit, denn – korrigiert mich, Hochgeboren von Finsterborn – du hast noch keine Initation gefeiert, die der Aufnahme in eine Kirchgemeinschaft der Zwölfeinigkeit vorausgehen muss. Also nochmal, lass dich nicht entmutigen und gehe mit offenen Augen durch die Welt, denn die Zwölf haben sie vielgestaltig und wunderbar gefügt!“
Avia, die neben Arnôds Sessel getreten war und ihm die Hand auf den Arm gelegt hatte, blickte mitfühlend zu Eylin hinüber. Sie flüsterte ihm etwas zu und ein ungewöhnlich warmes Lächeln trat auf das Gesicht des Grevensteiners, als er bedächtig den Kopf schüttelte und seinerseits der Baroness fast tonlos antwortete. Die junge Nordfalk nickte, beinahe erleichtert, und blickte die Baronin von Urkentrutz an, während sie zu Eylin hinüber ging.
Zeitgleich näherte sich eine Magd, die einige kostbare Gläser brachte, und den von Goldquell versprochenen Wein den Erwachsenen reichte. Arnôd erhob sich. „Also einen Trinkspruch, um den edlen Tropfen Seiner Exzellenz gebührend zu würdigen: Auf den Segen der guten Götter für all unsere Unterfangen und auf gute Nachbarn, die uns Rücken und Flanken schirmen. Mögen wir gemeinsam unseren Weg bestreiten, dass er uns zu Glück und Frieden führe.“ Der Moosgrunder Vogt blickte zu Kitinkaja hinüber, dann zu Lyssandra und schließlich zu Fenia, Parinor und dem Schreiber und hob sein Glas.
Antrittsbesuch in der Baronie Moosgrund (Teil 2)
Burg Moosgrund, im Hesinde 1044 BF
Kurz nach dem Frühstück geleitete Vogt Arnôd die Baronin von Urkentrutz hinunter in den Burghof, wo er seine Schritte zu der großen Schmiede lenkte. Wie es sich gebührte, gedachte der Grevensteiner der Finsterbornerin die wichtigsten Handwerker und Händler Moosgrunds vorzustellen und Meister Ingram, der meisterliche Waffenschmied der Burg, war sicherlich einer davon. Wenngleich er nicht viele Waffen neben seinen Tätigkeiten für die Moosgrunder Barone fertigte, waren die Stücke von herausragender Qualität und jeder, der eine Klinge aus Ingrams Schmieden besaß, lobte die Ausgewogenheit der schönen Stücke.
Interessiert folgte Lyssandra dem Vogt in die Schmiede. Rauch, der beißende Geruch glühenden Eisens und heiße Luft umfingen sie, als sie die Schmiede betraten. Augenblicklich trat der Baronin Schweiß auf die Stirn. Nur mit Mühe erkannte sie den kräftigen Meisterschmied, der gerade ein Werkstück in kaltes Wasser tauchte, dem Getöse, Gezische und dem Qualm aber reglos standhielt. Er legte die Klinge beiseite, damit sie ruhen konnte und nahm sich mit einer Kelle Wasser aus einem kleinen Fass und erkannte die Neuankömmlinge.
„Die guten Götter zum Gruße, Hochgeboren! Willkommen in meiner Schmiede. Seht Euch ruhig ausgiebig um. Herr Arnôd hatte mich wissen lassen, dass Ihr kommen würdet. Dort auf dem Tisch findet Ihr einige der Werke, die ich zu fertigen verstehe, solltet Ihr einmal meine Dienste benötigen.“ Er deutete auf einen Eichentisch, auf dem sich ein Langschwert, unterschiedliche Dolche und Messer sowie feine Armschienen und Schultergeschübe fanden, deren Machart Lyssandras prüfendem Blick ohne weiteres Stand hielten. Eine Klinge, die offensichtlich noch nicht fertig gestellt war, fand jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit. Ein leicht aber elegant geschwungenes Schwert mit nur einer Klinge, ähnlich einem Säbel, jedoch ohne Griffkorb. Es glänzte wunderbar und zeigte auch die Maserung einer meisterhaften Damastklinge. „Meister Ingram, was ist denn das für ein ausgefallenes Werkstück?“
Der Meisterschmied bemerkte Lyssandras Neugierde, trat neben sie und bedeckte die Klinge mit einem Tuch. „Verzeiht, mein Fehler. Dieses Stück, Hochgeboren, ist etwas Besonderes, dass erst noch fertiggestellt werden muss. Es wird dereinst das beste aus drei Welten verbinden. Material, Gestaltung und Maße sollen sich in absoluter Harmonie vereinen – noch ist es zu krude und unfertig, um es zu betrachten.“ Der Schmied blickte die Baronin offen an. „Aber ich höre, dass Ihr mit Eurer Tochter reist. Und vielleicht ist dieser Langdolch hier, genau das richtige, damit eine junge Frau sich ihrer Haut zu erwehren vermag.“ Er zeigte Lyssandra eine andere Klinge, die nach Weidener Art gestaltet war, aber wesentlich schlanker. Die Baronin wog den Dolch in der Hand und wusste, dass, was man über Meister Ingrams ausgezeichnet ausgewogenen Waffen sagte, der Wahrheit entsprach. „Nehmt es als Geschenk, Herr Arnôd wird das sicherlich genauso sehen. Man kann in diesen Zeiten kaum umsichtig genug sein.“
Der Angesprochene lächelte sein wölfisches Lächeln und nickte. „Da hat Meister Ingram wohl recht. Es könnte gut sein, wenn Eylin eine eigene Waffe besitzt. Und einerlei, wohin ihr Weg sie führt, ein solches Stück kann man auf jeder Reise brauchen.
„Da habt Ihr recht, Meister Ingram!“ Lyssandra beeilte sich, einen Dank für das wertvolle Geschenk hinterherzuschicken. „Ich danke Euch von Herzen für dieses Geschenk! Darf ich Euch noch etwas fragen? Hättet Ihr eventuell die Möglichkeit einen Lehrjungen anzunehmen? Ich suche für meine persönlichen Bedürfnisse und für die Ausstattung meiner Dienstritter und Waffenknechte einen fähigen Schmied. In Eurer Schmiede, unter euren kundigen Augen, so meine ich, könnte ein geschickter junger Mann diese Kunst durchaus erlernen. Ich würde Euch gerne einen Lehrling oder jungen Gesellen aus Urkentrutz zur Ausbildung senden? Selbstverständlich werde ich für die Finanzierung der Ausbildung aufkommen.“
Der stämmige Ingram warf einen Blick zu Arnôd hinüber, der ihm anscheinend mit einem kaum merklichen Kopfwiegen bedeutete, dass derlei seine Entscheidung wäre. Dann heftete der Meisterschmied seine blitzenden grauen Augen auf die Baronin. „Aye, Hochgeboren. Ihr könnt mir gerne eine Maid oder einen Burschen schicken.“ Ein wissendes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Allerdings ist nicht jeder für die Arbeit an der Esse gemacht, das will ich wohlweißlich vorausschicken. Wenn es dem Herre Ingerimm gefällt, das Kind das Feuer nicht scheut und die richtigen Anlagen hat, kann ich es ausbilden. Ich werde das dann prüfen und sollte alles mit recht verlaufen, dann kann er oder sie gerne hier lernen. Es wird ohnehin im neuen Jahr ein Platz an meiner Esse frei. Eine gute Gelegenheit also, würde ich meinen.“
Die Baronin nickte. „Ich würde ohnehin meinen bisherigen Waffenschmied fragen, ob einer seiner Gesellen sich fähig genug zeigt, bei Euch seine Meisterschaft zu erlangen. Die Grundbegriffe des Schmiedens kann unser Dorfschmied wohl vermitteln, aber wenn ich mir ansehe zu welcher Meisterschaft Ihr es gebracht habt, Meister Ingram, so meine ich, dass einem der bereits ausgebildeten Jungschmiede in Urkenfurt nichts Besseres passieren könnte als Euch zur Hand zu gehen und so Eure Kunstfertigkeit zu erlernen.“
Die Moosgrunder Vogt nickte zufrieden, er schätzte es, wenn die einheimischen Fertigkeiten in der Nachbarschaft weitergegeben wurden. „Dann scheint mir das eine ausgemachte Sache sein. Vielleicht schickt Ihr den- oder diejenige, die Euch ins Auge fallen einfach im späteren Frühjahr her, wenn es sich leichter reisen lässt. Alles weitere dazu lege ich vertrauensvoll in die Hände von Meister Ingram, der da deutlich besser weiß, worauf es ankommt, als ich es tue.“ Arnôd nickte dem Schmied zu, der die Aussage mit einem entschiedenen Nicken kommentierte. Dann wandte sich der Grevensteiner wieder an die Baronin von Urkentrutz. „Doch kommt. Wenn Ihr genug gesehen habt, wir wollen zum Markt gehen. Ich möchte Euch noch Meisterin Adaque vorstellen, vom Handelshaus Wortinger, sowie andere Handwerker und Händler, die es sich zu kennen lohnt.“
Die Baronin von Urkentrutz nickte. „Ich bin schon sehr gespannt auf das Handelshaus. Das ist ja abseits der großen Weidener Städte eine seltene Institution. Ich kenne solche Einrichtungen sonst nur aus Balsaith. Auch dort hat mir das sehr imponiert. Baron Gamhain von Brachfelde hat tatsächlich einiges dafür getan, dass seine Stadt prosperiert.“
„Ja, in der Tat, hat Bruder Gamhain ein ausnehmend phexisches Händchen für alle Dinge, die den Handel betreffen. Ich bin froh, dass der Saither Stieg wieder sicherer ist, seid der neue Edle das Regiment in Bragenfelden übernommen hat. Seither hat es sich dort belebt, was uns sehr zupass kommt, wie Ihr Euch denken könnt. Das Kontor Wortinger ist da sicherlich kleiner, aber Meisterin Adaque ist äußerst findig, wenn es darum geht, ihre Waren auch in den kleinsten Flecken auf den Markt zu bringen. Ihr werdet sehen. Ich bin sicher, dass sie sich freuen wird Eure Bekanntschaft zu machen. So wie ich es einschätze, dürfte sie gerade durch die Markthalle schlendern und ihren üblichen Schwätzchen halten.“
Sie erreichten den kopfsteingepflasterten Marktplatz von Moosgrund, der wie der Vogt Lyssandra erklärte viermal im Monat in voller Pracht erblühte, wenn Markt gehalten wurde. Lyssandra bestaunte zunächst den schönen Brunnen in der Mitte des Platzes, der mit kunstvollen Verzierungen von Pandlarilstöchtern und anderen Fabelwesen der Seen und Flüsse geschmückt war. Während Arnôd von Grevenstein die Funktion der sechs großen Holzstelen erläuterte, die an den Häusern die die Hauptwege zum Marktplatz säumten angebracht waren und Heilige und Alveraniare darstellen, unter deren Schutz der Platz und das Treiben darauf stehen sollten, ließ die Finsterbornerin bereits ihren Blick über die vielen Läden der Handwerker und Händler schweifen. Schließlich deutete der Vogt auf ein großes Gebäude im Nordwesten des Platzes, eine offene Fachwerkkonstruktion mit tiefgezogenem Dachgestühl. „Das ist die Markthalle von Moosgrund.“
Beeindruckt folgte Lyssandras Blick dem ausgestreckten Zeigefinger des Vogtes. „Oh, ein wirklich imposantes Gebäude. Wann wurde es errichtet?“
„Ah, ja. Die Halle wurde bereits vor über zehn Jahren erbaut. Ardariel, Leuin-erhöhe-sie, war sehr erpicht darauf, den Markt zu etwas Besonderem zu machen. Und nach den Verwüstungen durch die elenden Schwarzpelze in den Wirren des Dritten Orkensturms, musste ohnehin eines der Häuser am Platz abgerissen werden. Da hat sie die Gelegenheit ergriffen und das gute Stück bauen lassen.“ Arnôd blickte sinnierend auf das offene Gebäude.
Sie erreichten den Eichenholzbau und nachdem man unter das schützende Dach geschlüpft war konnte man bereits die Tische, Verschläge und Tresen sehen, die auch an Schlechtwettertagen den Verkauf von Waren zuließen.
Arnôd blickte zwischen all den Bürgern und Händlern umher, die ihrem Tagwerk nachgingen oder Besorgungen machten und fand schließlich, wonach er Ausschau gehalten hatte. Die Mittfünfzigerin war von schlanker Statur und trug ihr, ehedem pechschwarzes, nun von vielen Silbersträhnen durchzogenes Haar, in einem geflochtenen Zopf, der ihr über die Schulter hing. Ihre Kleider waren von erlesener Qualität, aber durchaus von praktikablem Schnitt: Wildlederne Hosen, elegante Stiefel und eine dicke Jacke aus rostrostem Brokat. An ihrer Seite hing ein vielbenutzter Säbel in einem prächtigen Wehrgehänge und sie trug ein fest eingeschlagenes Buch an einem Lederriemen um die Schultern. Die Frau grüßte immer wieder Vorbeigehende mit einem strahlenden Lächeln, während sie mit einer älteren Kräuterhändlerin sprach und immer wieder anerkennend nickte. Arnôd führte Lyssandra zu dem kleinen Stand hinüber. „Meisterinnen Wortinger und Narower, die guten Götter zum Gruße! Ich möchte Euch kurz unterbrechen, denn wir haben einen hochgeborenen Gast. Ich möchte Euch, Frau Adaque, die Baronin von Urkentrutz, Lyssandra von Finsterborn vorstellen.“ Adaque Wortinger wandte ihren Blick auf Lyssandra und verneigte sich ehrerbietig. „Die Zwölfe zum Grüße, Hochgeboren, und willkommen auf dem Moosgrunder Markt. Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen.“ Lyssandra erkannte, dass das strahlende Lächeln, dass diese Frau auszeichnete, auch ihre funkelnden braunen Augen erreichte, die sie nun neugierig musterten.
„Den Gruß der Götter und Alveraniare auch für Euch, Frau Adaque!“ Lyssandra musterte unverhohlen das elegante Erscheinungsbild der Frau. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Wenn ich noch anmerken darf: mir gefällt es wie ihr Euch kleidet, es schmeichelt Eurer Figur und verbindet den praktischen Wert mit Eleganz. Wohl getroffen, Werteste!“
„Ihr seid zu gütig, Hochgeboren. Man muss seinem Gegenüber ja auch etwas für das Auge bieten , sonst glaubt einem ja niemand, das man in Phexens Gunst steht, nicht wahr? Und ein wenig Nachdruck verleihen zu können, kann in den raueren Nordprovinzen manchmal schlicht und ergreifend vonnöten zu sein.“ Die Händlerin lächelte Lyssandra an. „Man hört, dass Ihr voller Eifer an die Verwaltung Eurer Baronie geht, Hochgeboren. Das erfreut meinesgleichen natürlich mit Freude, weil die Straßen sicherer werden und man ungestört seine Waren transportieren kann. Wenn es Euch recht ist, würde ich gerne beizeiten an Eurem Hofe vorstellig werden, um Euch unser Portfolio vorzustellen. Das Haus Wortinger mag nicht das größte Handelshaus sein und vermutlich haben wir auch nicht die exklusivsten Waren aus dem tiefsten Süden zu bieten, aber dafür sind wir weithin dafür bekannt, dass wir unsere Verpflichtungen auch unter den widrigsten Umständen erfüllen. Weder Strauchdieb, noch Söldling oder Ork haben unsere Wagen bisher jemals aufzuhalten vermocht. Ich hoffe, Ihr verzeiht, wenn ich die außerordentlich günstige Gelegenheit nutze das Haus Wortinger ein wenig anzupreisen.“
Lyssandras Augen leuchteten. „Oh, Ihr seid herzlich eingeladen! Nicht nur der kultivierte Süden mit seinen Extravaganzen bietet verlockende Waren, auch die Dinge des Alltags sollten doch zum einen funktional sein und gleichzeitig das Auge erfreuen! Und Sicherheit ist wichtig! Wer möchte schon seine Waren einem Wagenzug anvertrauen, der sein Ziel nie erreicht? Gerne würde ich darüber bei einem Glas Fruchtwein aus dem südlichen Urkentrutz mit Euch sprechen!“
Die Baronin von Urkentrutz hakte sich freundschaftlich unter bei der Händlerin. Sie raunte ihr zu.
„Könnt Ihr mich beraten? Ich möchte gerne sowohl für das Edle Fräulein Avia als auch für den hochverehrten Vogt ein kleines Präsent erwerben. Vielleicht könnt Ihr mich durch diese Markthalle führen und mir den ein oder anderen Hinweis geben, was die beiden erfreuen könnte?“
Adaque blickte die Baronin erstaunt an, dann nickte sie und flüsterte zurück: „Ah, eine wunderbare Idee. Das lässt sich bewerkstelligen, man hört ja so einiges. Wiewohl es für den Grevensteiner schwieriger sein dürfte als für die junge Nordfalk. Aber lasst mich kurz überlegen und ich muss meinen Blick durch die Halle schweifen lassen. Ach, kommt, ich führe Euch einmal herum, Hochgeboren.“
Lyssandra nickte und wandte sich zu Arnôd um, der verstehend nickte und sich dann anschickte seine Schritte in Richtung Burg zurück zu lenken. „Ihr findet mich in der Burg, Frau Lyssandra. Ich schicke gleich die Knappin Revienna, die Euch zur Hand gehen soll und all Eure Fragen beantworten kann. Genießt die Zeit, ich glaube Ihr seid in guten Händen.“
Die Urkentrutzer Baronin hob bestätigend die Hand und wandte ihre Aufmerksamkeit dann den Ständen und Auslagen zu, während die Händlerin an ihrer Seite immer wieder auf kleine Besonderheiten hinwies. So gab es einen Stand mit kurzstieligen Pfeifen, den sogenannten Knollpipen, und einen, an dem kunstvolle Trinkhörner feil geboten wurden, die aus der Werkstatt des flussauf und -ab bekannten Meisters Gundorm stammten.
Die beiden Frauen unterhielten sich, während sie umherschauten und Adaque wies die Baronin immer wieder auf besonders hochwertige Stücke oder besonders seltene hin. Lyssandra wägte immer wieder ab, wofür sie sich entscheiden sollte. Schließlich hatte sie ihre Auswahl auf jeweils zwei Stücke eingeschränkt. Bei einer Kürschnerin hatte sie einen edlen schwarzen Umhang mit nachtgrauem Pelzbesatz entdeckt, den sie für ausnehmend passend für den Vogt hielt. Und bei Meister Gundorm war es ein silbernes Gestell für ein Trinkhorn gewesen, dessen Füße aus filigran gestalteten Pandlarilstöchtern bestanden, die schimmernde Flussperlen emporhielten. Es war Lyssandra dann doch schwerer gefallen sich für Dinge zu entscheiden, die der jungen Baroness gefallen könnten, wo diese doch so ganz anders war, als ihre Töchter. Letztlich jedoch hatte sie eine Gürteltasche gesehen, in die elegante Wellenmuster punziert und deren Ränder mit eleganten Blattmotiven beschlagen waren. Die Tasche war sicherlich sowohl für Jagd wie auch zur Falkenerei hervorragend zu benutzen. Und dann war ihr eine Kette ins Auge gefallen, deren Anhänger einen wunderbaren, rennenden Hirschen abbildete, kunstvoll aus Silber gefertigt, mit Augen aus Bergkristallsplittern.
Letztlich siegte Lyssandras Liebe zu Ästhetik und Kunsthandwerk. Die Zeit im Horasreich war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie ließ beide Male das wohl praktischere Geschenk beiseite und entschied sich für das Trinkhorn mit den filigranen Füßen in Gestalt der Pandlarilstöchter, die Flussperlen hielten, und für Avia erstand sie die Kette mit dem silbernen, rennenden Hirsch. Sie hoffte damit den Geschmack der jungen Baroness zu treffen.
Auch Meisterin Adaque sollte nicht leer ausgehen. Bei Meister Dundorm kaufte Lyssandra einen sehr fein ziselierten Silberlöffel in dessen Griffblatt eine halbe, natürlich geformte Flussperle eingelassen war. Diese war weder rund noch ebenmäßig, dafür schimmerte sie aber in tsagefälligen Regenbogenfarben. Sie überreichte der Händlerin das Geschenk und bedankte sich.
„Herzlichen Dank, Meisterin Adaque für die Führung und großartige Beratung! Ich hoffe Euch schon bald bei mir auf Burg Urkenfurt begrüßen zu dürfen.“
Die Beschenkte verneigte sich vor der Baronin. „Ihr seid zu großzügig, Hochgeboren. Ich danke Euch von Herzen. Und seid versichert, dass ich Urkenfurt in der Tat recht zügig ansteuern werde. Wahrscheinlich nutze ich die Gelegenheit noch vor der großen Schmelze und damit bevor sich der Weg wieder in Matsch verwandelt. Ich muss gestehen, ich freue mich schon auf den Besuch.“
Auf dem Weg aus der Halle kam die Baronin von Urkentrutz noch an einigen Händlertischen vorbei. Bei einem Lederwarenhändler konnte man hübsche kleine, bunt gegerbte Ledersäckchen erwerben, bei einem anderen Stand Schreibutensilien. Dort kaufte die Baronin eine Schreibfeder, die in einer Horntülle steckte. Diese war ansprechend auf ein Wurzelholzstück drapiert. Bei dem Lederhändler entschied sich Lyssandra der Einfachheit halber für vier identische, blaue Beutelchen. In jedes davon steckte sie einige Silbertaler. Dann trat sie in Begleitung der Knappin Revienna, die einen Teil ihrer Einkäufe tragen musste, ins Freie.
„Ich würde nun gerne noch den Tempeln einen Besuch abstatten. Welcher liegt denn am Nächsten?“, fragte die Finsterbornerin Revienna.
„Ah, sehr gut, Hochgeboren.“ Die junge Gobiansforsterin nickte beflissen. „Also von hier aus ist der nächste Tempel der Th'Affarion, das Haus des Launischen, just die Straße entlang bis zur Achbrücke. Ein scheinbar recht düsteres Haus, aber mit großartigen Priestern, wie ich finde. Hochwürden Sandström ist außergewöhnlich, sie hat schon so viel gesehen. Eine der wenigen, die sich auch auf die Divination aus dem Wind versteht, ganz famos. Ähnlich weit weg, aber in die andere Richtung und weiter nach Westen liegt das Heim der milden Schwestern mit dem kleinen Spital. Ich meine, dass Ihr ja sagtet, dass Ihr gerne dorthin wolltet.“ Die Tobrierin wandte sich um und deutete quer über den Marktplatz. „Um zum Hesindetempel zu gelangen, müssen wir einmal den Burgberg umrunden, er liegt südlich der Feste direkt am Pandlaril. Aber wolltet Ihr dorthin nicht auch Eure Tochter mitnehmen, Hochgeboren? Mir scheint, da war etwas.“
„Tatsächlich würde ich alle Tempel gerne besuchen und, auch das „Haus der Launischen“. Allerdings stimmt es, dass ich Eylin mindestens beim Besuch des Hesindetempels gerne dabei hätte, vielleicht auch beim Besuch der milden Schwestern. Ich gehe nicht davon aus, dass sie sich Efferd zuwenden wird, doch man weiß ja nie … Seht Ihr eine Möglichkeit, dass Eylin uns auf unserer Runde zu den heiligen Häusern begleiten kann, Revienna?“
Die Angesprochene überlegte einen Moment und blickte sich einen Moment suchend um. Dann nickte sie bestätigend und grinste leicht. „Ja, das lässt sich bestimmt machen, Hochgeboren, einen Moment.“ Sie führte die Linke zum Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus, der weit über den Platz hallte. Ein etwa 10jähriger Junge mit strubbeligen braunroten Haaren blickte sich wie ertappt um, erkannte Revienna, die ihm zuwinkte, und trottete dann schicksalsergeben auf sie und Lyssandra zu. „Ich war's nicht, ehrlich jetzt.“ Revienna verdrehte die Augen. „Zuerst einmal begrüßt du die hochgeborene Dame anständig.“ „Verzeihung. Die guten Götter zum Gruße, Hochgeboren!“ Er blickte beeindruckt auf die Urkentrutzerin, verneigte sich und trat verlegen von einem Fuß auf den andern. Dann schaute er wieder zur Knappin des Vogts, die ihn ernst ansah. „Einerlei, darum geht es nicht. Du gehst zur Burg, Sigbald, bringst die Sachen Ihrer Hochgeboren von Finsterborn dorthin und übergibst sie den Hausdienern, damit sie ihren Weg in die Kemenate der Baronin finden. Dann suchst du Ronward und bittest ihn, so schnell es ohne übermäßige Hetze geht, mit der Tochter Ihrer Hochgeboren zum Tempel des Efferd zu kommen. Dort wird Frau Lyssandra ihre Tochter erwarten. Hast du das erledigt, kannst du dir zwei Kupferstücke bei mir abholen. Vergeigst du das, setzt es eine handfeste Tracht Prügel. Habe ich mich klar und unmissverständlich ausgedrückt?“ Der Bengel nickte heftig: „Du kannst dich auf mich verlassen.“ Er musste grinsen: „Du hattest mich in dem Moment, als du Kupfer sagtest.“ Er nahm die Einkäufe erstaunlich vorsichtig entgegen und rannte damit in Richtung der Burg davon.
Revienna blickte die Baronin entwaffnend an. „Sigbald mag zwar nicht ganz der Hellste sein, aber er wird seine Aufgabe getreulich erledigen. Ich schlage also vor, dass ich Euch zuerst zum Th'Affarion führe. Und desweiteren, dass wir ganz gemütlich dorthin schlendern, damit Eure Tochter Gelegenheit hat, uns zu folgen.“
„Wunderbar!“, freute sich die Finsterbornerin. „Und das mit den Kupferstücken lasst nur meine Sorge sein!“
Sie folgten in aller Ruhe der Leinstraße, die das Ende des Marktplatzes bildete, wo Lyssandra das elegante Kontorhaus der Wortinger bewunderte, dessen Fachwerkfassade rot gestrichen war und dessen Balken kunstvoll mit allerlei Motiven aus dem Händlerleben beschnitzt waren. Die Händlerin schien tatsächlich über einigen Wohlstand zu verfügen – und somit auch ihre Sache sehr wohl zu verstehen. Rechter Hand ging es dann über einen langgezogenen, schmalen Platz, von dem man schon das Torhaus der Achebrücke und das Ufer des Moosach sehen konnte, bis die beiden Frauen an die Mündung des Baches in den alten Strom kamen.
Sofort fiel Lyssandra das flache und wuchtige Gebäude auf, dessen nur leicht geneigtes Dach mit dicken Steinplatten gedeckt war und von einer dicken Schicht Erde gekrönt, in der winterliche Binsen wuchsen, die sich im Windhauch hin und her bewegten. Das Portal, mit einer dicken, zweiflügligen Tür versehen, die weit offenstand, war über eine Treppe zu erreichen, denn es lag gut eineinhalb Schritt unter der Straßenhöhe. Wuchtige Stützpfeiler waren zu sehen und vom Hafen her kamen Fischer und Flussschiffer, die das Haus besuchen wollten. Aus dem Innern drang ein einladendes grünblaues Leuchten. Das Haus wirkte urtümlich und beinahe so, als wollte es direkt in die umgebende Landschaft gehören.
„Was für ein interessantes Gebäude, es sieht sehr archaisch aus. Ich nehme an, dass man hier mit Efferd auch Pandlaril verehrt, nicht wahr? Wir haben es ähnlich in Urkenfurt. Allerdings nicht mit so einem beeindruckenden, alten Tempel sondern mit einem relativ neuen Schrein, der Fialgralwa gewidmet ist“, führte Lyssandra weiter aus.
„Ich bin sicher, dass Euch die Geweihten hier mehr und tiefere Auskunft geben können, Hochgeboren, aber so wie mir berichtet wurde, ist der Tempel wahrlich alt. Er war nur lange Jahre in Vergessenheit geraten und wurde erst wieder entdeckt, als die Mole am Hafen erweitert wurde, aber das ist auch schon wieder über ein Vierteljahrhundert her. Aber sagt Fialgralwa ist die Fee des Finsterbachs? Das klingt spannend. Bisher ist mir darüber noch nichts zu Ohren gekommen. Vielleicht findet Ihr ja beizeiten die Gelegenheit mir davon zu erzählen, das wäre schön. Wenn Ihr kurz hier warten wollt, Hochgeboren, bis Eure Tochter eingetroffen ist, werde ich die Gelegenheit nutzen und schauen, ob ich die Vorsteherin, Hochwürden Sandström, für Euch finden kann.“
Revienna verschwand die Treppe hinunter und sprach auf dem Weg in den Tempel eine Geweihte an, die gerade den Tempel verließ und sich Richtung Hafen wandte. Die Priesterin kam Lyssandra irgendwie bekannt vor, aber sie vermochte sich beim besten Willen nicht zu erinnern, woher. Und bevor sie dazu kam, die Efferdgeweihte anzusprechen, war die schon weitergeeilt und auf ein elegantes Boot gesprungen, dass an der Innenseite weit ausladenden Mole festgemacht war.
Kurz darauf war Revienna zurück und verkündete, dass Hochwürden Sandström die Baronin und ihre Tochter mit Vergnügen empfangen würde. Und wiederum nur wenig später eilte Ronward heran, der Eylin im Schlepptau hatte. „Ihr habt nach mir schicken lassen, Frau Mutter? Hier bin ich nun.“
„Ja, ich freue mich, dass es geklappt hat, dass du mit mir die Tempel besuchst. Das Pflegen der Kontakte zu den Geweihten der Zwölfgötter ist eine wichtige Tugend, Eylin. Gute persönliche Kontakte erleichtern Vieles und sind immer hilfreich. Man weiß nie, wann man dringend den Beistand der Götter braucht …“
Lyssandra blickte in das gelangweilte Gesicht ihrer Jüngsten. Eylin schien von dem Wahrheitsgehalt des Gesagten nur mäßig überzeugt zu sein.
„Komm, wir werden von der Tempelvorsteherin des hiesigen Efferdtempels empfangen. Hochwürden Sandström. Wusstest du, dass dieser Tempel uralt ist und erst vor etwa 25 Götterläufen wiederentdeckt wurde? Ich bin gespannt, wie das Innere des doch eher düster wirkenden Gotteshauses aussieht. Sag´, was kannst du mir über die Fee Pandlaril erzählen, Eylin?“
Die Mutter schien mit der beiläufigen Frage den Kenntnisstand ihrer Tochter ergründen zu wollen. Seit etwa vier Götterläufen unterrichteten sie selbst und Fromund Truchsess, der Schreiber der Baronin, abwechseln das Kind im Schreiben, Rechnen, in aventurischer Geschichte, sowe den Sagen und Legenden Weidens. Beide wiesen Eylin in die Grundlagen der Götterkulte ein und vermittelten anderes Allgemeinwissen.
Eylin ließ ihren Blick über das eigentümliche Gebäude des Efferdtempels schweifen und ratterte ihr Wissen über Pandlaril, den großen Fluss, der Weiden durchfloss, seine Quelle in der Globule Auenherz, die Flussfee Pandlaril, den Pandlarin genannten Neunaugensee und die Legende vom Bannzauber herunter, der das Omegatherion schlafend hielt, so dass es Weiden nicht in vernichtete.
Lyssandra nickte zufrieden, während sie durch das Portal in den das Innere des Gebäudes traten, das von grünblau leuchtenden Steinen erhellt wurde. Reliefbänder mit Darstellungen der Panlarilstöchter zierten die Wände. Das Glanzstück des Tempels war der prächtige Hochaltar, der geschickt Steinmetz- und Holzarbeit verband und einen großen Hecht darstellte, der von Flussjungfrauen umgeben war.
„Hochgeboren. Efferds Segen für Euch und Eure Tochter. Seid herzlich willkommen in Seinem Haus.“ Lyssandra wandte sich zu der Sprecherin um, einer hochgewachsenen Frau von bestimmt siebzig Jahren, die sich auf einen prächtig verzierten Efferdbart stützte und deren Gestalt von einem wärmenden Biberfelumhang verhüllt wurde. Funkelnde grüne Augen blitzen in ihrem schlanken Gesicht, das von weißen Haaren eingerahmt wurde. „Tretet näher und setzt Euch zu mir.“ Sie deutete auf eine einladende Bank, die in Sichtweite des Hochaltars an einer Seitenwand stand.
Schwer beeindruckt vom Erscheinungsbild der Geweihten entboten die beiden Urkentrutzer der Efferdgeweihten den Gruß der Zwölfe.
Die Geweihte wartete, bis Lyssandra und Eylin Platz genommen hatten und ließ sich dann ebenfalls nieder. „Es freut mich, dass Ihr Euren Weg hierher gefunden habt. Ich höre, dass Ihr einen Schrein Fialgralwas habt errichten lassen? Erzählt mir davon. Ahrenia war recht angetan, denn lange haben wir keinen dergleichen mehr entdeckt, geschweige denn einen geweiht. Wenn ich fragen darf, wer hat denn die Weihe vorgenommen? Aber ich bin unhöflich, darf ich Euch Apfelwein anbieten oder Wasser?“
Lyssandra lächelte, versicherte, dass die Tempelvorsteherin keineswegs unhöflich war und nahm den angebotenen Apfelwein dankend an. Dann machte sie sich daran, die Neugier der Geweihten zu befriedigen. „Die Errichtung des Schreins geschah anlässlich der schweren Überschwemmungen im Phex 1043. Damals haben heftige und langandauernde Niederschläge den Finsterbach derartig ansteigen lassen, dass er über die Ufer trat. Baumstämme blieben an den Brückenpfeilern unserer Brücke in Urkenfrut hängen und führten dazu, dass der gesamte Uferbereich weggeschwemmt wurde. Mehrere Hütten und Häuser wurden mitgerissen. Vier Menschen starben und die Aufräumarbeiten zogen sich bis weit in den Herbst hinein hin. Damals war die einhellige Meinung der Dorfbewohner, dass Fialgralwa, eine Entität, der man ähnliche Macht zuspricht wie der Fee Pandlaril in ihrem Groll über die Urkentrutzer das Unglück herbeigeführt habe. Um sie zu besänftigen und auch zukünftig einen Ort für Bitt- und Dankgebete zu haben, errichteten die Dorfbewohner in Eigenarbeit den kleinen Schrein. Er ist tatsächlich aber noch nicht offiziell geweiht worden. Das ist eine der Aufgaben auf meiner Agenda. Hättet Ihr womöglich die Güte die Weihe vorzunehmen? Oder könntet Ihr mir jemanden empfehlen, der das übernehmen würde?“
Die Geweihte blickte Lyssandra sinnierend an. „Manchmal scheint es so zu sein, dass das Gefolge Efferds ebenso launisch ist, wie der Gott selbst. Und ebenso viele Beinamen sammelt, wie der Unergründliche. Ich werde eingehend in mich gehen und auch Rat suchen, um Eurem Gesuch entsprechen zu können. Tatsächlich hätte ich da schon wen ins Auge gefasst, aber wir wollen nichts überstürzen, auch wenn ich gedenke, mich dieser Sache im Laufe dieser Woche zuzuwenden. Auf jeden Fall lasse ich Euch alsbald Nachricht zukommen, Hochgeboren. Ein solch löbliches Unterfangen soll nicht ohne Unterstützung sein, dessen möchte ich Euch versichern.“
Livia hob ihr Glas und prostete der Baronin von Urkentrutz zu, dann wandte sich die Hochgeweihte des Th'Affarion Eylin zu. „Und wie ist es um Dich bestellt, mein Kind? Ich vermeine in Deinem Gesicht zu erlesen, dass Du zwar von Neugier erfüllt, aber dennoch nicht mit ganzem Herzen hier bist. Missverstehe mich nicht, das ist reine Neugier einer alten Frau, keine Maßregelung. Die Zwölfe berühren jeden ganz nach ihrem ureigenen Willen – wer wären wir also, das in Frage zu stellen, hm?“
Eylin blickte überrascht auf die Tempelvorsteherin. Das blonde, zarte Mädchen hatte sich auf ein längeres, langweiliges Gespräch der beiden Frauen eingestellt und unterdessen den Blick auf die beeindruckende Perle auf dem Altar gerichtet. Nun aber musterte sie die Hochgeweihte neugierig aus den grünbraunen Augen.
„Wisst Ihr, Hochwürden, wenn ich ehrlich sein darf habe ich noch nie einen Efferdtempel besucht. Es ist interessant zu sehen, wie man den Gebieter des Wassers in einem Tempel verehrt. Überhaupt beginne ich erst langsam zu ahnen, wie vielfältig die Zwölf doch sind und wie unterschiedlich sie eben auch verehrt werden. Meine Frau Mutter hat es sich wohl zum Ziel gesetzt, dass ich möglichst viele Verehrungsstätten der Zwölfe kennenlerne und auch ihre Tempeldiener. Da ich nicht den Wunsch hege das Schwert zu ergreifen, scheint der Weg in den Dienst eines der Zwölfgötter für mich sinnvoll und erstrebenswert. Doch bislang kann ich keine spezielle Neigung oder Berufung in mir spüren. Ich finde alle Tempel, die wir auf der bisherigen Reise besucht haben interessant und auch die Aufgaben der Götterdiener, doch noch ist kein „Funke“ übergesprungen, wenn Ihr versteht was ich meine.“
„Allerdings verstehe ich, was du meinst. Du bist nicht die Erste, die sich in dieser Lage befindet und du wirst sicherlich nicht die Letzte sein. Tatsächlich steckte ich in einer ähnlichen Situation, vor vielen Jahrzehnten. Ich besann mich damals auf das, was direkt vor mir lag. Und das war in meinem Falle Vater Yaquir. Mich riefen weder das Klingenklirren noch das Lautenspiel. Und es dauerte eine ganze Weile, bis ich erkannte, dass mich allein das Rauschen des Windes auf dem Wasser oder das Plätschern der Wellen ansprach. Von da an allerdings hatte ich Gewissheit und traf eine Entscheidung, eine, die ich niemals bereut habe. Genauer war es wie ein Heimkehren, nach einer langen Wanderschaft im Ungewissen.“ Die Augen der alten Hochgeweihten strahlten warm im Licht der Gwen Petryl Steine, die das Innere des Tempels beleuchten. Dann lächelte Livia Eylin an. „Und ja, es ist interessant, wie man den Unergründlichen innerhalb von Mauern verehren kann, wo er doch so wenig zu fassen und noch weniger zu bändigen ist. Das ist Teil des ewigen Reizes, der dem Dienst an Efferd innewohnt. Dies hier ist nur ein kleiner Tempel an einem altehrwürdigen Fluss. Du müsstest den Tempel in Albenhus sehen oder den in Havena, denn an solchen Orten wird dir erst richtig bewusst, wie viele Menschen vom Segen der Unergründlichen anhängen. Und dann vor allem, wie nah Efferd und damit auch seine Geweihten den Sorgen der Menschen sind. Manchmal ist es schwer, sich ihm direkt zu öffnen, vor allem wenn Sturm und Flut über die Lande peitschen. Doch gibt es immer auch Mittler, wie wir hier in Pandlaril eine mächtige und wohlwollende Fürsprecherin haben.“
Die Priesterin blickte Eylin einem Moment sinnierend an und schaute dann zu Lyssandra hinüber, bevor sie erneut das Mädchen ansprach. „Ich bin gespannt, was du in deinem Herzen findest. Ob du dich einer einzigen Sache verschreibst, der du nachgehen willst oder ob du die vielen Menschen in dein Herz lässt und einen Weg wählst, der dich direkt unter sie führt.“
Livia lächelte, als sie sich erhob und sich der Baronin von Urkentrutz zu wandte. „Eine reizende Tochter habt Ihr, Hochgeboren. Und ich schätze es sehr, dass Ihr ihr so viele Dinge zeigt, um sie auf ihren Weg zu führen. Das ist wahrlich ein Dienst an der Zwölfeinigkeit. Wenn Ihr mich entschuldigen würdet, ich möchte noch eine kleine Messe für die Fischer vorbereiten und mich darüber hinaus Eurem Anliegen widmen. Rechnet auf jeden Fall mit einer baldigen Nachricht von mir.“
Lyssandra und Eylin erhoben sich ebenfalls. Die Finsterbornerin übergab der Efferdgeweihten eines der Ledersäckchen mit Silbertalern. „Habt Dank für Euren weisen Worte, Hochwürden. Es ehrt uns sehr, dass Ihr uns Eure Aufmerksamkeit schenktet. Ich hoffe bald von Euch Nachricht zu bekommen, wer dem kleinen Schrein zu Ehren Fialgralwas in Urkenfurt den Segen Efferds erteilen könnte.“
Eylin strahlte die Hochgeweihte an. Das Kompliment der Efferdgeweihten tat gut. „Ich hoffe der Unbändige wird Euch noch viele Götterläufe schenken in denen ihr den Menschen so trefflich Rat gebt, Hochwürden. Seid bedankt!“
„Habt Dank, Hochgeboren! Efferds Segen über Euch und die Euren. Seid versichert, dass wir uns bemühen Eure Gabe in einem Sinne zu verwenden, der Euch entspricht. Soweit ich das zu sagen vermag, nach der Kürze der Zeit, die wir uns kennen. Aber vielleicht vertieft sich das ja in der kommenden Zeit.“ Die Bewahrerin von Wind und Wogen lächelte Lyssandra freundlich zu, was diese ebenso freundlich erwiderte.
Als Mutter und Tochter sich zum Ausgang des Efferdtempels wandten, flüsterte Eylin: „Wie soll ich denn die Antwort der Tempelvorsteherin verstehen? Was meinte sie damit, ob ich einer einzigen Sache diene oder die Menschen in mein Herz lasse und einen Weg wähle, der mich direkt unter sie führt?“
Lyssandra lächelte. „Ja, Livia Sandström hat sich etwas kryptisch ausgedrückt, nicht wahr? Ich denke sie wollte dir damit sagen, dass es viele Möglichkeiten gibt ein sinnvolles Leben zu führen. Der Dienst an den Zwölfen ist sicherlich ein guter Weg, aber eben nicht für jeden vorgesehen. Es gibt aber auch andere weltliche Professionen, die dir vielleicht Zufriedenheit im Leben spenden können. Merke dir ihre Worte gut, vielleicht ergründest du dereinst den Sinn des Satzes.“
Eylin nickte still und marschierte, tief in Gedanken versunken, an der Seite ihrer Mutter und geführt von Knappin Revienna weiter zum nächsten Tempel in Moosgrund.
Revienna hatte noch die Worte der Baronin im Ohr, dass sie gerne alle Tempel besuchen würde, und führte Mutter und Tochter als nächstes über den Marktplatz, ein Gässchen entlang und dann eine Straße. Und schließlich auf den Reigenthie, einen unbefestigten Platz auf dem sich eine mächtige Linde erhob, mit einem kleinen steinernen Podest und einer Steinbank davor. Das südliche Ende des Platzes wurde von einem kleinen Tempel markiert, dessen Pforte weit offenstand. Schlanke Säulen bildeten ein kleines Portal. Die Gänse, die vor dem Gebäude leise schnatternd im Schnee scharrten sowie das große Storchennest auf dem kleinen Gebäude, ließen erahnen, dass es sich um das Heim der milden Schwestern handelte, den Doppeltempel von Travia und Peraine, der eine Moosgrunder Besonderheit war.
Revienna führte die beiden hochgeborenen Gäste die breite Treppe empor, die mit wenigen Stufen zum Tempel führte und Lyssandra erkannte zwei getriebene Metallreliefs, die an den Innenflügeln der Pfortentür glitzerten und die beide Göttinnen darstellten.
Die Tempelhalle war erstaunlich hell und einladend: Auf einem hüfthohen Steinaltar brannte das ewige Herdfeuer, leise knisternd und heimelig warm. Auf einem kunstvoll geschmiedeten Tischchen daneben fanden sich tönerne Becher und eine Platte mit Gebäck. In mehreren Nischen hinter dem Altar umrahmten die Darstellungen etlicher Heiliger und kleine Familiengruppen, die eine hölzerne Statuette Travias, die die Göttin als Hüterin des Heims darstellte.
Der Altar Peraines war eine exzellente Holzarbeit, Schnitzereien von allerlei Blättern und Blüten schmückten ihn und sein Aufsatz zeigte die Göttin in vier detailreichen Malereien dabei, die Menschen im Jahreslauf anzuleiten. Kränze aus Trockenblumen, Ährenbündel und Früchte waren in Körben, Schütten und Schalen auf und um den Altar verteilt.
Hölzerne Bänke umrahmten den Raum, auf denen einige ältere Bürger saßen und mit Bechern heißen Würzweins beim Plauschen saßen. Eine junge Frau im Ornat der Mägde der Göttin ging lächelnd umher und sprach mit jedem einzelnen in den unterschiedlichen Grüppchen.
Revienna hob die Hand und die Frau kam eilfertig zu den Neuankömmlingen hinüber. „Die guten Götter zum Gruße, Neunhild! Dies sind Hochgeboren Lyssandra von Finsterborn, die Baronin von Urkentrutz, und ihre Tochter Eylin. Sie würden sich gerne etwas umsehen und, so es sich einrichten lässt, mit Vater Nirondir oder Meister Folmian sprechen.“ Die Novizin nickte wieder und verneigte sich vor Lyssandra und weniger tief vor Eylin. „Die guten Götter zum Gruße, in der Tat. Die milden Alveransschwestern ihnen voran. Seid willkommen in ihrem Heim. Vielleicht wollt Ihr einen Würzwein?“ Sie deutete auf das kleine schmiedeeiserne Tischchen mit den Bechern. „Ich bedaure, aber Vater Nirondir weilt leider derzeit nicht im Tempel. Er ist unterwegs, um dem Heim der Dornschilds den alljährlichen Segen zu spenden.“ Neunhild lächelte wieder, etwas, das sie anscheinend oft und gerne tat. „Meister Folmian hingegen ist im Siechenhaus, die Blauhillers hat der Rotz erwischt – was Wunder bei diesem Wetter. Wenn Ihr es wünscht, Hochgeboren, dann kündige ich Euch sehr gerne bei ihm an.“
Eylins Gesicht spiegelte sogleich die freundliche Helligkeit des Tempels der milden Schwestern wider. Sie schien förmlich aufzublühen. Lyssandra nahm die Veränderung im Gesicht ihrer Jüngsten mit Überraschung und Freude wahr. Während Revienna mit der Akoluthin der Göttin Peraine sprach, sah sich die 10jähige neugierig um. Ihre Mutter übernahm währenddessen die Konversation.
„Die Zwölfe zum Gruße, verehrte Neunhild. Oh, wir möchten den Tagesablauf nicht stören. Die Kranken benötigen Meister Folmian sicherlich mehr als wir. Doch wenn es nicht allzu sehr stört würden wir uns gerne ein wenig umsehen und vielleicht könnt Ihr, Euer Ehren, uns ein wenig erläutern wie man in diesem Haus der milden Schwestern arbeitet. Es ist ja eine nicht so alltägliche Tempelgemeinschaft in Weiden. Ich kenne nur die Verbindung mit der Jungen Göttin Tsa, den Dreischwesternorden, der in den Schwarzen Landen und einigen anderen, verheerten Gebieten große Dienste leistet. Sagt, wie kommt es, dass es hier eine solche Zweiergemeinschaft gibt und das ohne die Diener der Göttin Tsa? Ihr müsst wissen, dass meine Familie sehr tsafromm ist. Meine jüngste Schwester Tsafira von Finsterborn ist eine Vertraute der Eidechse.“
Nun war auch Eylins Aufmerksamkeit wieder ganz auf die Akoluthin gerichtet. Sie wartete gespannt was Neunhild antworten würde.
Die Augen der jungen Frau leuchteten auf und sie wischte ihre Hände – wie aus reiner Gewohnheit – an ihrer langen Schürze ab. „Ja, in der Tat ist das wohl ungewöhnlich. Obwohl wir wahrlich nicht mit einer Vision gesegnet wurden, wie Seine Exzellenz von Bregelsaum. Und es ist schön zu hören, dass Eure Familie die Junge Göttin in hohen Ehren hält. Außerhalb von Dragenfeld ist das in der Mittnacht eher selten, fürchte ich. Nein, bei uns liegt es in der Geschichte des Tempels begründet. Einst war das Haus allein der Herdmutter geweiht. Doch nachdem der Sphärenschänder so viele fromme Familien aus dem Tobrischen vertrieben hatte, die sich in der Stadt niederließen, trat Bruder Folmian an Vater Tobor heran und bot ihm seine Hilfe an, die Neuankömmlinge hier heimisch zu machen. Und der greise Vater hieß ihn willkommen und nahm das Angebot auch dankend an. Und so wurde das Haus im Jahre 1021 BF auch der Peraine geweiht, denn die beiden Freunde wollten ein deutliches Zeichen setzen, dass man sich mit Freundlichkeit und Arbeit alles neu erschaffen könnte. Doch die Tage wurden schwarz, als der Schwarzpelz über Moosgrund herfiel und der Tempel in Flammen aufging. Vater Tobor und seine zwei Mitbrüder überlebten die Feuersbrunst nicht. Nach der Befreiung der Stadt blieb es so an Hüter Folmian, den Tempel zunächst allein zu führen, wobei er sich auch leidenschaftlich um die Ewige Flamme kümmerte. Und die Bürger taten alles, um dafür zu sorgen, dass das Heim der milden Schwestern in kürzester Zeit wieder aufgebaut war – schöner als jemals zuvor. Und seither halten wir es so, dass das Heim auch ein Ort der Begegnung ist, an dem jeder willkommen ist, der das Licht der Zwölfeinigkeit im Herzen trägt.“ Neunhilds rundliches Gesicht strahlte und ihre Wangen waren vor echter Freude leicht gerötet, nachdem sie ihre Rede schloss. Und ihre Freude war tatsächlich ansteckend, fand Lyssandra, etwas, das man nicht immer in Gegenwart von Priestern empfand, wie sie bedauernd entschied.
„Ihr solltet vielleicht noch wissen, dass Hüter Folmian als Feldscher während der Schlacht von Warunk diente und die Schrecken der Schwarzen Horden leibhaftig gesehen hat. Vater Tobor kannte hingegen die Grausamkeit der Schwarzpelze aus dem Orkensturm. Und beide waren einig, dass die Gräuel des Krieges vornehmlich die einfachen Menschen trafen. So wurde ihre Freundschaft und Verbundenheit umso enger, je mehr sie erkannten, wie sehr Grausamkeit und Angst die Leute aus dem Gleichgewicht brachten. Und Vater Nirondîr sieht das ebenso. Es dauerte nämlich eine lange Zeit, bis sich der passende Prätor der Travia fand, um diesen einzigartigen Tempel weiter zu führen. Dank sei den milden Schwestern!“
Neunhild lächelte die Baronin an und zupfte etwas verlegen an ihren Armschonern herum, die ihre Schürze vervollständigten und ihr Ornat bei der Arbeit schützten. „Vielleicht beantwortet das Eure Frage, Hochgeboren. Ich kann Euch auch herumführen. Im Garten ziehen wir Heilkräuter und besondere Gewürze und dort geht es auch zum Spital, dass Ihr vielleicht trotzdem gerne sehen würdet.“
Als Neunhild von der Gründungsgeschichte des Doppeltempels erzählte und das Schicksal der beiden Priester hervorhob, schüttelte sie bedauernd den Kopf. So viel Leid hatten die Schwarzen Horden über Tobrien gebracht und wie grausam hatten die Schwarzpelze der Bevölkerung zugesetzt. Die Baronin wirkte sichtlich betroffen bis Neunhild sich anbot Eylin und sie herumzuführen. Dankbar nahm Lyssandra das Angebot an. „Wenn es Euch nicht zu viel Mühe macht, folgen wir Euch gerne. Habe ich erwähnt, dass wir in Urkentrutz ein Therbûnitenkloster einrichten wollen? Ich bin deshalb sehr gespannt, wie das Spital hier in Moosgrund aussieht und geführt wird. Das Häuserensemble, das den Beonitern zukünftig dienen wird, besitzt leider noch kein passendes Gebäude für ein Siechenhaus. Im Vorgespräch mit Mutter Oleana, der Klostervorsteherin des Klosters Beonsquell in Mittenberge, die wie ich eine Finsterborn ist, habe ich erfahren, dass das Siechenhaus am besten etwas außerhalb steht, um ein Übergreifen ansteckender Krankheiten auf die Besucher von Tempel und Kloster zu verhindern. Wir werden es wohl erst bauen müssen. Solange wird es wohl bei Hausbesuchen der Therbûniten bleiben müssen. Platz für einen Kräutergarten hat die Anlage aber. Ich fürchte nur, dass man jetzt nicht viel davon sehen wird… ich meine bei dieser Schneedecke.“
Neunhild nickte. „Oh, das klingt ganz hervorragend, Hochgeboren. Die Therbûniten sind außerordentlich verständige Heiler und ich weiß, dass Hüter Folmian einige Mal nach Trallop gereist ist, um sich mit Oberin Wala zu beraten, wie man wohl ein Spital in einer kleinen Stadt am besten aufbaut. Ihr habt natürlich vollkommen recht, das Gebäude sollte am besten allein stehen. Wobei ich für unseren Teil sagen muss, dass wir sehr viel häufiger mit Schnittverletzungen und Brüchen zu tun haben, als mit Krankheiten, die sich zur Seuche ausweiten könnten, Göttin bewahre!“
Die Novizin führte derweil Lyssandra und Eylin durch eine kleine Pforte nach draußen in den Hof des Tempels, einen erstaunlich weitläufigen, auf dem sich einige winterkahle Obstbäume fanden und fein säuberlich gestutzte Buchenhecken. Die Schneedecke wurde durch einige akkurat freigeschaufelte Pfade unterbrochen, von denen einer zu größeren Beeten führte. Manche waren abgedeckt und der Schnee lag hoch auf ihnen, aber andere waren nur leicht von den weißen Flocken bedeckt. Lyssandra erkannte einige der winterharten Kräuter die dort wuchsen und nickte wohlwollend. Dann deute sie auf einige der Kräuter, die sie nicht kannte und Neunhild strahlte. „Ja, die drei hier brauchen wir heuer wohl am häufigsten, Andorn, Alant und Salbei. Richtig verwandt helfen sie Husten zu lindern und Schleim zu lösen, wenn der Rotz zuschlägt. Ich weiß nicht, wie häufig ich Likör aus dem bittren Alant angesetzt habe oder Salbeitee zubereite. Wie gut, das die Gütige uns so viele Mittel gegeben hat, um den Auswirkungen des grimmen Wetters zu lindern, dass der Alte vom Berge uns geschickt hat.“
Lyssandra blickte sich um, das Areal war von einem niedrigen Holzzaun umgeben. Und sie erkannte, dass an Tempel das Wohnhaus der Geweihten angebaut war, in dem wohl auch die Küche untergebracht war. Am südwestlichen Ende des Grundstücks erhob sich ein alleinstehendes Haus, das vielleicht mal ein Heuschober gewesen sein mochte. Jetzt waren die Wände aus Fachwerk gefügt und der Pfad dorthin war anscheinend häufig begangen. Neunhild bließ sich in die kalten Hände. „Dort hinten steht unser Siechenhaus, das wir ganz treu Storchenheim nennen, hospitium ciconiae, wie mich Hochwürden jetzt gleich korrigieren würde. Er nimmt es mit dem Bosparano sehr genau, müsst ihr wissen. Nicht ganz so akribisch wie Hochwürden Goldquell vielleicht, aber wenn die beiden fachsimpeln, dann schlottern mir jedenfalls ganz schön die Ohren.“ Sie schlug sich die Hand vor den Mund. „Vergesst das bitte. Ich habe nichts gesagt, ja?“ Sie führte die beiden Urkentrutzer über die Pfade zu dem Gebäude, das das Spital beherbergte. „Ich glaube, dass wir einen Blick riskieren können, Hochgeboren. Solange es kein Geschrei zu hören gibt, sollten wir sicher sein.“ Die Novizin musste wieder grinsen, sodass sie sich abwandte um die Türe zu öffnen. Man hatte die Zwischendecke weiter hinter abgeschlossen und anstatt einer Leiter führte eine Holztreppe hinauf. Im Erdgeschoss waren einfache Holzwände eingezogen worden, sodass mehrere Räume entstanden waren. Aus einem hörte man tiefes Husten und beruhigendes Gemurmel. Doch der Hauptraum, in dem wohl die meisten Behandlungen stattfanden, war mit Arbeitstischen, Regalen und Liegen ausgestattet und viele getrocknete Kräuter hingen von der Decke. Lyssandra erkannte einige der Gerätschaften, die ordentlich abgelegt oder aufgehängt waren, Knochensägen, Skalpelle und Mörser. Ein Feuer knisterte unbeirrt fröhlich in einem kleinen Kamin vor sich hin und darüber hing ein kleiner Kessel, in dem es brodelte und aus dem ein frischer, den Atemwegen wohltuender Geruch den ganzen Raum erfüllte. Das Husten wurde schlimmer und Neunhild blickte etwas verunsichert zu der Baronin hinüber. „Sollen wir in den Tempel zurückkehren, Hochgeboren? Jetzt würde ich Hochwürden Folmian doch nur ungerne stören.“
Während Lyssandra bei der Hustenattacke sichtbar mitleidig das Gesicht verzog, schien Eylin ganz in Gedanken zu sein. Sie hatte sich von Neunhild und ihrer Mutter gelöst und durchwanderte den Raum. Die Zehnjährige betrachtete interessiert die medizinischen Geräte und Utensilien zur Herstellung von Arzneien. Als Lyssandra sie rief, um das Spital zu verlassen, schien sie sie nicht zu hören. Sie wirkte wie entrückt für einen Augenblick. Erst als die Mutter zu ihr ging und sie an der Schulter berührte, schien Eylin aus ihrem Tagtraum aufzuwachen. Sie blickte ihre Mutter verständnislos an.
„Wir sollten gehen, Eylin. Hochwürden Fomian hat es mit einem schweren Fall zu tun, wie es scheint. Und wir wollen ja noch die anderen Tempel besuchen, nicht wahr?“
Die jüngste Finsterbornerin nickte, schien aber immer noch nicht ganz wieder in der Realität angekommen zu sein. Sie ließ sich aber widerstandslos von der Mutter aus dem Sichenhaus führen.
„Habt Dank für die Führung und die vielen Informationen, verehrte Neunhild. Wir wollen und nun wieder nach Revienna umsehen. Sie wollte uns noch zum Rondratempel und der Arx Madargentea führen. Mögen die milden Schwestern Euch weiterhin beschirmen!“
Die Baronin übergab der Novizin eines der Ledersäckchen und bat sie den Inhalt zu gleichen Teilen auf die beiden milden Schwestern aufzuteilen.
Die Magd der Göttin blickte erfreut auf das Säckchen und dann auf die Urkentrutzer Baronin. Sie verneigte sich tief. „Hochgeboren, ich danke Euch. Selbstverständlich werden wir Eurer Opfer nach Euren Wünschen und gerecht aufteilen und hoffentlich in Eurem Namen viel Gutes damit tun können. Es war mir ein Vergnügen. Der Segen der Saatherrin und ihrer gütigen Schwester sei mit Euch, Hochgeboren,“ verabschiedete sich die Magd der Göttin und machte sich daran, weiter ihrem Tagwerk nachzugehen, während Lyssandra nach Revienna Ausschau hielt. Die hatte sich in der Tempelhalle mit einem jungen Mann unterhalten, nickte dem dann kurz zu und eilte zu den beiden Finsterbornerinnen hinüber, als sie sie eintreten sah. „Wohlan, Hochgeboren. Ich hoffe, alles ist zu Eurer Zufriedenheit verlaufen und Neunhild konnte Euch einige Dinge zeigen. Auf Eurem Weg zu den Moosgrunder Tempeln schlage ich vor, dass wir zunächst den Hesindetempel aufsuchen und zum Abschluss dann den Rondratempel. Allein, weil Leuinstolz gut durch die Burg zu erreichen ist. Und vielleicht wollt ihr ja am Mittag auch den Göttinnendienst ansehen, den Hochwürden Witaribhel für die Ritter und das Waffenvolk der Burg abhält.“ Die tobrische Knappin blickte die Baronin an und schließlich nickte Lyssandra, die immer wieder einen Blick auf ihre Tochter warf und in Gedanken darüber nachsann, ob das kleine Moosgrunder Spital vielleicht Eylins Erweckungserlebnis gewesen sein könnte. Die Urkentrutzerin zwang sich ins Hier und Jetzt zurück. „Dann scheint mir das ein guter Plan zu sein, liebe Revienna. Würdest du uns dann bitte führen?“
Die junge Frau nickte, blickte ebenfalls kurz zu Eylin hinüber, die immer noch einen etwas abwesenden Eindruck bei ihr hinterließ und schlug nach einem kurzen Blick nach draußen die Kapuze ihres schweren Wollumhangs hoch, denn es hatte wieder begonnen leicht zu schneien.
Revienna führte die beiden Urkentrutzerinnen durch kleine Gässchen, an kleinen Buchenhecken vorbei auf die Leuenstraße, von der nach einer Weile der Leinpfad abzweigte und Richtung Süden zum Wuflenthurm führte, dem zweiten Moosgrunder Stadttor. Mächtig überragte hier die Feste die Straße und die drei passierten eine schmale und gewundene Treppenstiege, die zu einer kleinen, aber stark befestigten Pforte führte. „Das ist Lofanheids Flucht, der Zugang zum Rondratempel für die Bürger der Stadt. Die Legende hält sich hartnäckig, dass hier die Pfalzgräfin den Häschern der Sonnenlegion entkommen sei, wiewohl ich das stark zu bezweifeln wage,“ kommentierte Revienna den fragenden Blick der Baronin. Sie führte Lyssandra und Eylin weiter um den Burgberg herum, in enge Gässchen, die zum Flussufer führten und dann schließlich bis fast zum dampfenden Strom hinab. Lyssandra erkannte den Tempel schnell, ein wahrlich liebfeldisch anmutendes Gebäude, mit sechseckigem Grundriss, das von einem kleinen, fensterdurchbrochenen Turm gekrönt wurde. Der Tempel war aus dunklem Sandstein errichtet und wie die Burg von einer dicken, grünen Schicht Nordlandmoos überzogen, die lang gezogenen Fenster blitzten in der Sonne wie auch die goldene Verbrämung des Schlangenbanners, das am höchsten Punkte im Wind wehte. Etwas zurückgesetzt, erhob sich ein weiteres Gebäude aus Fachwerk, über dem das Schlangenbanner des Sacer Ordo Draconis im lauen Wind wehte. Die Tür zum Tempel war geschlossen, sodass Lyssandra die kunstvollen Türbänder sehen konnte, die in der Form von Ulmenästen ausgeführt waren, bevor sie den Umgang betraten und Revienna einen Türflügel öffnete und die beiden Finsterbornerinnen mit einer einladenden Geste zum Eintreten aufforderte.
Die Wände der Vorhalle, die sie nun betraten waren mit zwei Gobelins verhängt, von denen der eine Hesinde mit dem Menschenschüler zeigte und der andere den Drachen Naclador vor dem Tempel der Wahrheit. Zwei verzierte Türen führten in den vermutlich säkulareren Teil des Tempels. Sie schritten zwischen zwei lebensgroßen, fein bemalten Holzstatuen der Erzheiligen Canyzeth und der Heiligen Ancilla hindurch und erblickten die eigentliche Tempelhalle. Der Felsen mit der Mondsilberstatuette der Allwissenden bildete unverkennbar das Zentrum. Über ihm erhob sich eine hohe Spitzkuppel, die auf allen Seiten von Fenstern durchbrochen war. Durch drei Bergkristallfenster fiel das Tageslicht direkt auf die Statuette, die das Licht in vielfarbigen Strahlen in den Raum reflektierte. Zu Füßen des Felsen war eine kleine Schlangengrube angelegt, in der sich Smaragdnattern tummelten. Rechts und links neben der Statuette waren kleinere Opferaltäre aufgestellt. Die Statuette der Hesinde war außergewöhnlich. Sie stellte die Allweise in urtümlicher Gestalt und Tracht dar. Eine Kobra bildete, den Hals zum Schild aufgerichtet, einen Baldachin über der Göttin, die die Arme erhoben hatte, die Hände in einer komplexen Geste verschränkt. Die Göttin selbst stand in einer weit geöffneten Lotusblüte, die mit dem Fels der Nische verbunden war. Fein geschliffene Onyx- und Madasteinsplitter zierten die Statue. Die Felsnische war von einem kunstvollen Relief umgeben, das in einander verwundene Schlangen darstellte, die sich um Lotusblüten wanden.
Lyssandra war von dem Anblick gefesselt, sodass sie erst nach einem Augenblick bemerkte, dass eine junge Frau neben sie getreten war. Sie trug unverkennbar das Ornat einer Draconiterin, und ihr Schlangenhalsband wies sie als Magisterin der Hesindekirche aus. Klein vom Wuchs, lugten schwarze Haare unter dem grüngoldenen Kopftuch hervor und neugierige graue Augen blickten die Baronin von Urkentrutz.
„Die guten Götter zum Gruße, Hesindeprima! Seid willkommen im Arx Madargentea, Hochgeboren von Finsterborn. Pater Parinor erwähnte, dass Ihr vielleicht kommen würdet. Ich bin Mokashja Juchow, die Konservatorin hier. Willkommen auch Eylin und Revienna.“ Die Draconiterin nickte den Ankömmlingen freundlich zu.
„Danke für den Gruß der Zwölfgötter, Euer Gnaden, den ich gerne erwidern möchte. Die Allweise möge uns tagtäglich ein wenig mehr Weisheit schenken!“, erwiderte die Finsterbornerin den Gruß. „Der Prätor hat uns gestern Abend bereits mit seiner Erzählgabe erfreut, so dass wir beide höchst gespannt waren auf das Haus Hesindes hier in Moosgrund. Ich muss sagen, dass ich beeindruckt bin von der Architektur und der Kunstfertigkeit, in der die Ausstattung des Tempels hergestellt wurde. Es mutet alles sehr liebfeldisch an. Waren die Künstler, die Hesindes Ebenbild und auch das ihrer Heiligen schufen aus dem Horasreich?“
Während Lyssandra, die von ihrer Mutter den Sinn für Ästhetik und den Kunstverstand geerbt hatte, bereits ganz dezidiert nachfragte, befasste sich die Zehnjährige mit der Schlangengrube. Sie hielt zwar respektvoll Abstand, wollte aber dennoch genau sehen wie viele Schlangen sich umeinander wandten. Anstatt nach den Kunstgegenständen zu fragen, dachte Eylin bei sich, sollte Mama lieber fragen, ob die Nattern giftig sind.
Die norbardisch-stämmige Draconiterin nickte. „Die Geschichte der Statuette liegt leider bis heute fest hinter Ymras Schleier verborgen. Trotz unserer Bemühungen ist es uns nicht wirklich gelungen zu beweisen, aus welchem Grund und von wem die Statuette an diesem Ort aufgestellt wurde. Fakt ist allein, dass die Statuette eine Miniaturkopie der verloren gegangenen ‚Mondsilbernen Herrin Hesinde vom Starken Schutz‘ zu Kuslik ist, die ihrerseits Basilius dem Großen zugeordnet wird, deren Spuren sich aber in den Wirren der Dunklen Zeiten verlieren.“ Mokashja seufzte, als sie darüber nachsann, sprach dann aber gelöst weiter. „Der Theorie Pater Parinors nach wurde die Statue vom Erzheiligen Argelion selbst während seiner berühmten Pilgerfahrt hier aufgestellt. Einige Hinweise und Sekundärquellen belegen diese Theorie, aber es gibt keine schriftliche Quelle aus der Hand des Erzheiligen in den Bibliotheken zu Kuslik, die das zur Gänze beweist. Aber wer wäre die göttliche Weberin, wenn sie uns einfach alles auf dem Silbertablett präsentieren würde?“ Mokashja lächelte verschmitzt, bevor sie weitersprach. „Was das Tempelgebäude anbelangt, so hat der berühmte Baumeister Quenn vom Tann die Pläne verfertigt. Ihr müsst wissen, er ist Meisterschüler von Aldaro Hesindio, und hat sogar am Bau des Oktogons zu Thegûn mitgewirkt. Allerdings war Meister Quenn nur einmal hier, um den Fortgang der Bauarbeiten zu begutachten. Er schien jedoch mit den Arbeiten der hiesigen Handwerker zufrieden zu sein. Die Holzstatuen hingegen sind Kleinodien aus der Werkstätte von Meister Traviatreu zu Balsaith.“
Der Blick der Konservatorin wanderte zu Eylin hinüber. „Es sind sechs, falls du dich fragen solltest, wie viele Smaragdnattern sich da tummeln.“
„Soso, Meister Quenn!“, echote Lyssandra. „Ein berühmter Name! Mein Onkel Garis ya Papilio, der die Baukunst studierte und sich dann besonders auf den Bau von Verteidigungsanlagen und die Wirkung von Belagerungswaffen auf jene spezialisierte, wurde nicht müde die Größen der horasischen Baukunst zu preisen. Aldaro Hesindio und Meister Quenn gehörten zu denjenigen, die er besonders verehrte. Mein verunglückter Gemahl, Wonnebolt Hundsöd, seines Zeichens ebenfalls Baumeister und vor allem Spezialist für Baugestein, erwähnte den Sandstein aus dem dieser Tempel und auch die Burg erbaut sind.“
Sie schien ein wenig in den Erinnerungen gefangen zu sein. Dann aber fing sich Lyssandra wieder und ging auf eine weitere Erwähnung Mokashjas ein. „Und jetzt wo Ihr es sagt, unverkennbar sind die Holzstatuen von Meister Traviatreu zu Balsaith. Ich war gerade erst in seiner Werkstatt und habe ihm den Auftrag für eine Perainestatue gegeben, die in der Burgkapelle von Urkenfurt Aufstellung finden soll. Und auch für eine weitere hölzerne Skulptur konnte ich den Meister gewinnen. Denn der dem heiligen Beon gewidmete Tempel im zukünftigen Kloster der Therbûniten in Urkentrutz benötigt schließlich auch ein Altarbild. Wir einigten uns auf eine Obstschale mit einem daran gelehnten Beonsstab, dem reichbeschnitzten Wanderstecken des Heiligen.“
Eylin erschrak förmlich als sie ihren Namen vernahm. Sie war ganz in die Betrachtung der Schlangen vertieft. Sie fühlte sich ertappt und sah die Geweihte überrascht an. Ein überrasches „Ah!“ war zunächst das Einzige, das sie hervorbrachte. Und während ihre Mutter die Draconiterin mit weiteren Fragen löcherte, sammelte die jüngste Finsterbornerin ihren gesamten Mut. Als Lyssandra dann eine kurze Sprechpause machte schob sie schnell ihre Frage in die Stille.
„Sind die Smaragdnattern giftig?“
„Ah, dann bin ich sehr gespannt, die fertigen Skulpturen an ihrem Bestimmungsort zu sehen. Es ist immer wieder erhebend Meister Traviatreus Werke zu betrachten. Und was Ihr vom Altarbild erzählt, klingt ausnehmend erbaulich, Hochgeboren.“ Als Eylins leise Frage erklang, wandte Mokashja dem Mädchen ihre Aufmerksamkeit zu. „Mitnichten, Hochgeboren, mitnichten. Trotz ihrer Größe und obwohl sie lange Zähne haben, sind Smaragdnattern ungiftig. Aber sie gelten als ausnehmend klug und werden daher als überaus hesindegefällig angesehen. Und, vielleicht interessiert dich das ja, es heißt, das sie hervorragende Vertraute für die Weisen Frauen abgeben.“ Mokashja ging in die Hocke und streckte ihre Hand über die Schlangengrube aus. „Du musst keine Angst haben, einige unserer Schlangen sind ausgesprochen neugierig und verspielt. Wenn du ganz ruhig bist, kommen sie näher und vielleicht kannst du eine von ihnen streicheln.“ Sie machte eine einladende Geste, damit Eylin ihr es nachtun konnte.
Die Zehnjährige zögerte ein wenig, doch die Neugier war geweckt. Sie ging neben Mokashja in die Knie und schob noch immer voller Scheu die Rechte in Richtung der Schlangengrube.
„Hm, ich habe schon davon gehört, dass es Weise Frauen gibt, die Schlangen als Vertraute haben. Sag´, Mutter, ist nicht auch der Natternhag nach einer Weisen Frau und ihrer Schlange benannt?“
Lyssandra nickte. „So ist es, Eylin. Das Wäldchen, das früher vor den Rodungen in der Region noch direkt zum Blautann gehörte, hat seinen Namen von einer der Weisen Frauen des Blautannzirkels, die eine Natter zum Vertrauten hatte. Ich weiß allerdings nicht mehr welche Art von Natter das war.“
Inzwischen näherte sich tatsächlich eine der Smaragdnattern der ausgestreckten Kinderhand. Mokashja konnte sehen, dass Eylin die Luft anhielt und die Lippen vor Aufregung ganz fest aufeinanderpresste.
Die offenbar besonders vorwitzige Smaragdnatter hob langsam ihren Kopf und stupste Eylins Hand an und das Mädchen konnte sehen, wie sich die lange Zunge aus ihrem Maul heraus- und wieder hineinschlängelte. Eylins Hand rührte sich aber kein Stück. Die Schlange warf einen Blick aus unblinzelnden Augen auf das Mädchen und ließ sich wieder zu Boden gleiten, um sich dem Knäuel der anderen Smaradgsnatter anzuschließen. Hörbar atmete Eylin aus.
„In der Tat, Saria ist besonders neugierig – und als eine der ältesten unserer Schlangen auch daran gewöhnt in Gesellschaft von Menschen zu sein.“ Unbemerkt war der Präzeptor Goldquell aus der Tempelbibliothek hinzugetreten, hatte das Geschehen mit einem feinen Lächeln betrachtet und nun leise das Wort ergriffen. Mokashja lächelte Eylin aufmunternd an und erhob sich dann, um sich neben ihren Ordensbruder zu stellen.
Eylins Augen waren immer noch auf die Smaragdnattern in der Grube geheftet. „Mutter, ist das nicht lustig, die Tempelnatter heißt genau wie meine Cousine Saria!“
Lyssandra nickte lächelnd. „Ja, ein interessanter Zufall, nicht wahr! Wir sollten sie mal hierher schicken, vielleicht täte ihr die Begegnung mit den Dienern der Allwissenden gut?“
In diesem Moment fiel ein Schatten auf den Boden vor der Schlangengrube und die Finsterbornerin bemerkte den Präzeptor. „Oh, Hochwürden! Ich habe Euch gar nicht kommen hören. Wir bewundern die Architektur und die schönen Kunstwerke, die zu Ehren der Allweisen geschaffen wurden. Ihr dürft Euch glücklich schätzen. Einen solchen Hort an Wissen und Kunstsinn muss man in Weiden ja wirklich suchen!“
„Vielleicht habt Ihr recht, Hochgeboren. Wiewohl einige Tempel der Mittnacht ebenfalls von hoher Kunstfertigkeit sind, eventuell etwas weniger liebfeldisch und weniger aufgeklärt. Wir verdanken das vor allem der Großzügigkeit Ihrer Erhabenheit Haldana von Ilmenstein, Hesinde erhöhe sie. Und der pater primus war ebenfalls sehr großzügig, Göttin geleite ihn. Aber es freut mich ungemein, dass Ihr einen so guten Eindruck von unserem Haus gewinnen konntet. Das will ich uneingeschränkt und mit einem gewissen Stolz zugeben.“ Der Liebfelder lächelte sichtlich zufrieden.
Dann wandte er sich nochmal Eylin zu: „Unsere Smaragdnatter allerdings ist nach ehemaligen Erzsiegelbewahrerin Saria von Merci benannt, die leider, weit vor ihrer Zeit, durch einen niederträchtigen Mord in Hesindes Hain geführt wurde.“ Parinor verzog die Lippen, offenbar waren einige schmerzliche Erinnerungen mit dem Gedanken an das Ableben der Erzsiegelbewahrerin verknüpft. Er wischte die aber schnell beiseite, als er fortfuhr. „Ich hoffe aber, dass du auch einen guten Blick auf die Statue der Allweisen werfen konntest. Wie gefällt dir alles?“
Eylin nickte eifrig, wenngleich sie mehr Zeit den Schlangen denn der Betrachtung der Statuette gewidmet hatte. „Hm“, machte sie folglich etwas ausweichend, schob dann aber das nach, was ihr in Erinnerung geblieben war. „Sie hat eine ungewöhnliche Kleidung an und hält die Arme so, so, so… verknotet. Das hat bestimmt eine geheimnisvolle Bedeutung, nicht wahr?“
Treuherzig richtete sie ihre hellbraunen Augen auf Parinor Goldquell. Wenn jemand wusste, was das zu bedeuten hatte, dann er, da war sich Eylin sicher.
Lyssandra beobachtete amüsiert das Schauspiel. Sie kannte ihre Tochter und wusste, dass Eylin zwar wissbegierig und neugierig war, aber zugleich eben auch noch ein Kind. Schlangen waren viel faszinierender für sie als Statuetten. Die Baronin war gespannt wie Parinor auf ihre Frage antworten würde.
Ein kurzes, schelmisches Lächeln huschte über das Gesicht des Erzmagisters. „Ja, eine gute Frage. Das Bild der Göttin zeigt sie, wie sie ein Hasta formt, eine etwas archaische Handgeste, von der viele glauben, dass sie die Welt verändern kann wie es ein Zauberspruch tut.“ Er lächelte das Mädchen offen an. „Insofern ist es durchaus geheimnisvoll. Aber ich will dich lieber wieder den Schlangen überlassen.“ Er beugte sich zu Eylin hinunter und flüsterte ihr zu, sodass nur sie ihn hören konnte: „Nimm ruhig mit, dass es immer ein Vorteil ist, wenn man Fragen nur zu dem stellt, was einen bewegt. Vor allem, wenn Antworten einen nur von dem ablenken, was man eigentlich sehen will. Aber das bleibt unter uns, ja?“
Goldquell richtete sich wieder auf und trat zu Lyssandra hinüber. „Eine aufgeweckte Tochter habt Ihr, Hochgeboren. Ich bin gespannt, wohin sie ihr Lebensweg dereinst führen wird. Sagt an, wie gefällt Euch die Stadt? Ich hoffe, der Tag hat sich so entwickelt, wie Ihr es Euch gewünscht habt?“
Die Baronin von Urkentrutz lächelte. Ja, sie war auch gespannt wohin Eylins Lebensweg führen würde. Sie musste das in die Hände der Ewigen legen.
„Die Stadt gefällt mir ausnehmend gut!“, erwiderte Lyssandra auf die Frage des Tempelhüters. „Ich finde die Vielfalt der Tempel und auch das merkantile Herz äußerst inspirierend. Da habe ich in Urkenfurt noch einiges nachzuholen. Unser Traviatempel ist verwaist. Ein wandernder Geweihter, Bruder Domarion, kommt zu den wichtigsten Festen und bleibt dann auch eine Weile. Aber das ist auf Dauer keine Lösung. Der „Herd der Großen Mutter“, wie der Tempel heißt, ist ohne Hüter und das ist natürlich nicht traviagefällig. Ich will mich beizeiten um die Zuweisung eines Geweihten oder Heiligen Paares bemühen. Darüber hinaus gibt es in Urkenfurt nur noch die Burgkapelle, die der Herrin Peraine geweiht ist, aber auch je einen Altar für Rondra und Tsa beherbergt, den Familiengöttern meiner Ahnen. Umso mehr freue ich mich, dass ich die Therbûniten dafür gewinnen konnte sich unweit von Urkenfurt niederzulassen. Und auch die Tsakapelle, die meine Schwester als Geweihte versieht, ist nicht weit unseres Hauptortes gelegen, so dass ich hoffe, dass die Zwölfe mit gnädigem Blick auf uns schauen und sich nicht geringgeschätzt fühlen. Aber mit Moosgrund können wir uns bei weitem nicht messen.“
„Da solltet Ihr Euch nicht sorgen, Hochgeboren. Die Unsterblichen in Alveran blicken in die Herzen und Seelen ihrer Anbefohlenen und so wie ich das sehe, sind die Urkentrutzer Herzen stetig im Glauben an die Zwölfeinigen Götter. Die guten Götter werden Euch und Eure Vasallen beizeiten würdig belohnen, da bin ich sicher. Ein Therbûnitenkloster ist doch eine grandiose Belohnung Eurer Bemühungen – und schon beinahe ein Zeichen. Die Ewigjunge halte weiterhin ihre Hand über Eure Familie, denn Neuanfänge und Veränderungen sind immer gewichtige Zeiten im Lebensweg von uns Menschen.“
Parinor neigte das Haupt in Richtung der Baronin, die er als tatkräftig und mit einem klaren Ziel vor Augen wahrnahm. „Und Ihr dürft auch nicht vergessen, Hochgeboren, dass die Stadt ja auch eine lange Geschichte hat, denn die erste Ansiedlung an der Moosachmündung entstand bereits kurz nachdem Isegreins Schar in die Mittnacht gekommen war und Baliho zur Königsfeste wurde. Und auch das Stadtrecht besitzt Moosgrund bereits seit beinahe 400 Jahren, als die umsichtige Baronin Nanduhild die Stola zu Kuslik annahm. Wer weiß, was Eure Familie in einer solchen Zeitspanne aus Urkentrutz zu machen vermag.“
„Ich danke Euch für Eure aufmunternden Worte und überhaupt für die viele Zeit, die Ihr mir und meiner Tochter Eylin gewidmet hat. Ich möchte meinen Dank auch in einem kleinen Geschenk ausdrücken.“
Lyssandra zog das Arrangement aus Schreibfeder und Horntülle auf einem Wurzelholzstück aus der Tasche und überreichte es dem Prätor.
„Ich nehme an, dass in Hesindes Heim ein Platz für dieses sowohl praktische als auch ansprechende Stück gefunden wird.“
„Oh, ich danke Euch, Hochgeboren. Ein reizendes Stück, das sich ausnehmend gut in unserem Skriptorium machen wird. Ein treffliches Geschenk, das in der Tat zugleich auch von wahrlich hesindegefälligem Nutzen ist. Ausgezeichnet!“
Fast wie auf das Stichwort hin, öffnete sich die linke Tür, die mit einer Darstellung des Erzheiligen Cereborn verziert war, und eine vielleicht fünfzehnjährige, eher kleingewachsene und beinahe pummelige Novizin trat, einen Ouartband unter dem Arm, in die Halle. Ihr schwarzes Haar hatte sie zu einem einzelnen seitlichen Zopf geflochten und sie lächelte fröhlich vor sich hin kauend. Als sie die hochgeborenen Gäste erblickte, schluckte sie hastig und rötliche Flecken bildeten sich auf ihren blassen Wangen. „Verzeiht die Störung, pater. Die guten Götter zum Gruße, Euer Hochgeboren!“ Sie verneigte sich vor Lyssandra und nickte Eylin zu. „Ich bin auch schon wieder weg, ich habe das Buch gefunden, mater.“ Sie wedelte mit dem Quarto Mokoshja zu, die mit einem freundlichen Lächeln die Hand zum Tempeleingang ausstreckte. „Trefflich, filia. Darf ich kurz vorstellen, das ist unsere Novizin Arline von Wesserfels aus der Sichelwacht. Sie ist seit zwei Jahren bei uns und macht sich sehr gut, wie ich meinen möchte.“ Mokashja lächelte. „Dann komm, Arline, wollen wir doch gleich mal sehen, wie es um dein Aureliani bestellt ist. Hochgeboren, es war mir eine Freude. Und für deinen Weg, junge Eylin, den Segen der Zwölfeinigkeit!“ Die Konservatorin und die Novizin verließen den Tempel.
Eylin lächelte die Novizin an. Sie dachte darüber nach wie so ein Leben im Tempel, im Schoß der Göttinnen Hesinde, Travia oder Peraine wohl sein würde. Ob sie in ein paar Götterläufen auch in der Fremde, in einer fernen Region Aventuriens einem der Zwölf dienen würde?
Unterdessen schob die ihre Mutter die Hand noch einmal in die Tasche und holte ein blaues Ledersäckchen hervor. Es enthielt, wie schon die anderen Lederbeutel, die sie dem Efferdtempel und dem Haus der beiden milden Schwestern übergeben hatte, einige Silbertaler.
„Und natürlich möchte ich die Arbeit des Tempels auch noch anderweitig unterstützen. Ich bin überzeugt, dass Ihr eine sinnvolle Verwendung dafür finden werdet.“
Der Erzmagister neigte den Kopf vor Lyssandra. „Auch dafür meinen und unseren herzlichen Dank. Ich kann Euch versichern, dass ich schon einen recht genauen Plan habe, wofür ich Eure Gabe einzusetzen gedenke. Denn es sind weitere Fragen aufgekommen, seit der Baronsrat zu Efferddorn tagte und wir müssen in Bälde eine weitere Expedition in Richtung Nebelmoor und Reichsgrenze entsenden. Und die will natürlich ausgerüstet und mit Nahrung versorgt sein. Daher nochmals Danke, Hochgeboren. Ich kann Euch versichern, dass Ihr zeitig Kunde erhalten werdet, sofern wir irgendetwas Interessantes entdecken, das uns Aufschluss über die Schwarzpelze und ihre Machenschaften dort zu geben vermag.“
Lyssandra wog nachdenklich den Kopf. „Oh ja, der Schwarzpelz bleibt die Sorge Nummer eins in Weiden. Es ist gut, dass Ihr Euch mit der Erkundung befassen werdet. Ich wünsche Euch und Euren Begleitern den Segen der Allweisen und ihrer Alveransgeschwister. Und ich hoffe nur auf positive Kunde!“
Mit diesen Worten verabschiedete sich die Baronin von Urkentrutz von dem Erzmagister und der Draconiterin. Auch Eylin übte sich in Demut, knickste ehrerbietig vor den Hesindedienern und warf einen letzten Blick auf die Nattern in der Schlangengrube.
Nachdem sie den Hesindetempel verlassen hatten, wandten sich Lyssandra und Eylin unter Führung Reviennas dem Rondratempel zu. Sie wollten dort gemeinsam mit ihren Begleitern einen Göttinnendienst besuchen.
Revienna blickte auf den Sonnenstand und entschied, dass sie Lofanheids Flucht nutzen sollten, um zum Tempel zu gelangen, anstatt den Burgberg zu umrunden und dann durch die gesamte Anlage zu gehen. Lyssandra stimmte ihr zu und erkannte während ihres Aufstiegs, dass die gewundene Stiege tatsächlich kaum eine Gefahr bei einer Belagerung darstellen würde. Kämpfen auf derart steilen und engen Stufen wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Die eisenverstärkte Pforte stand offen und Lysanndra bemerkte erstaunt, dass hinter ihnen eine Gruppe Jugendlicher aus der Stadt den Aufstieg begann. Ebenso bemerkte sie, das Revienna, kurz bevor sie sich durch das kleine Mannschott duckte, den steinernen Rahmen der Pforte mit den Schwurfingern berührte. In einen der Ziergrate war ein sitzender Falke eingearbeitet, dessen Kopf und Brust von unzähligen Berührungen glänzend poliert waren. Sicherlich steckte auch dahinter eine der zahllosen Anspielungen auf die Geschichte der Familie Nordfalk oder der alten Feste, die sie in der Stadt gefunden hatte.
Der Tempel, ein mächtiger Hallentempel, war wie Burg Moosgrund über und über von Nordlandmoos bewachsen. Die offenen Türflügel aus glänzender Bronze standen offen, aber man konnte die Szenen aus den Leomarapokryphen erkennen, die sie zierten. Etliche Besucher befanden sich schon im Innern des Tempels oder schickten sich gerade an die vier Stufen des Umgangs emporzusteigen. Am Tor wurde die Baronin von Urkentrutz von ihrer Knappin Erlinde sowie ihrem Waffenknecht Merthold und der Schildmaid Heidelind erwartet. Offenbar hatten die drei sich unverbindlich dem Waffenvolk der Nordfalks angeschlossen.
Fackeln und Feuerschalen tauchten die Tempelhalle in ein warmes Licht, das vielfach von Schilden und Waffen an den Wänden reflektiert wurde. Beherrscht wurde die Halle durch eine gut drei Schritt hohe, hölzerne Statue der Göttin, die Rondra als Wächterin auf Alverans Zinnen darstellte, von zwei Löwen umringt. Die Statue war blattvergoldet und trug eine archaische Bronzebrünne. Auffallend war das silberne Gesicht der Göttin, dass nicht recht zum Rest der Statue passen wollte. Hinter der Statue prangten Banner mit den Wappen des Tempels, des Schwertbundes, der Senne des Nordens und des Dominiums Orkenwehr.
Der Tempel war gut gefüllt, aber trotzdem wäre Platz für viele weitere Gläubige gewesen. Lyssandra erkannte Burgwachen, Grenzreiter und Ritter sowie Bürger der Stadt, die Truppe Jugendlicher eingeschlossen, die nach ihnen gekommen war, und natürlich die Hausherren, die sich gemeinsam mit Ritterin Fenia Salmbinger vor dem Altar versammelt hatten. Respektvoll machte man der Baronin Platz, als Vogt Arnôd sie zu sich heranwinkte.
Die Schwertschwester Thargrîn, die den kurzen Göttinnendienst leitete, machte ihre Sache gut, wie Lyssandra fand. Sie machte wenige große oder gestelzte Worte, sondern erzählte eher eine Geschichte, so wie es in Weiden am abendlichen Feuer lange Tradition hatte. Sie rezitierte zwei beispielhafte Anekdoten, eine aus dem Schild Avon und eine aus dem Schild Ardariel. Gerade die letzte rührte die junge Baroness Avia beinahe zu Tränen, wie Lyssandra bemerkte und war eine Geschichte über Freundschaft gleichgesinnter aber unterschiedlicher Menschen und die Wichtigkeit von Beständigkeit in den eigenen Überzeugungen. Thagrîn beendete die Messe mit einem Trankopfer. Und bevor die Gläubigen in das abschließende „Dir zu ehren“ einfielen, zog sie ihr Schwert. Alle im Raum taten es ihr nach und so erfüllte bald ein mächtiges Donnern die Mauern des Tempels.
Lyssandra war sehr angetan von dem Göttinnendienst, den Schwertschwester Thargrîn zelebrierte. Sie schaffte es eine erhabene Stimmung hervorzurufen ohne zu pathetisch zu werden. Mit einem Seitenblick auf Eylin sah die Baronin, dass auch ihre Jüngste ergriffen war von dem Ritus. Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte auf. Sollte Eylin sich für die Riten der Donnerin begeistern können? Damit bestand vielleicht doch noch die Hoffnung, dass sie Geschmack an der ritterlichen Ausbildung bekam.
Vor dem Tempelportal trafen die Begleiter der Urkentrutzerin, die Burgwachen, Ritter und natürlich auch Vogt Arnôd und Baroness Avia zusammen. Lyssandra betonte wie schön Thargîn ihrer Meinung nach den Rondradienst zelebriert hatte. „Nicht wahr, Eylin? Das war schon sehr erhebend!“
Die Zehnjährige blickte die Mutter treuherzig an. „Ja, es war wirklich sehr schön.“
Die Finsterbornerin nickte zufrieden, als ihre Jüngste noch zu einem Nachsatz anhob. „Aber wer weiß wie der Göttinnendienst der milden Schwestern oder der Hesinde- oder Efferddienst gewesen wären? Die haben wir ja nicht besucht. Also kann ich mir da keine Meinung bilden.“
Die Muttern verzog den Mund zu einem schmalen Strich. „Dann musst du eben noch einmal herkommen, um die anderen Götterdienste auch noch zu besuchen. Wie fändest du das?“
Eylin nickte erfreut. „Es gefällt mir hier in Moosgrund. Meinst du ich könnte den „Milden Schwestern“ noch einmal einen Besuch abstatten und den Smaragdnattern?“
Lyssandra zuckte mit den Schultern. „Sicher. Moosgrund ist ja nicht so weit.“
An Avia und den Vogt gewandt, fuhr sie fort. „Ich würde mich freuen, wenn wir unsere Verbindungen weiter vertiefen könnten. Und vielleicht möchtet Ihr, Hochgeboren, ja auch mal uns in Urkentrutz besuchen?“
Die junge Nordfalk sah erst Eylin, dann die Baronin an. Ihre Augen leuchteten klar. „Auf jeden Fall! Sehr gerne, Hochgeboren. Es ist immer gut, wenn man Freundschaft mit seinen Nachbarn pflegt, würde ich meinen. Und ich bin auch neugierig auf Urkenfurt muss ich sagen.“ Avia blickte zu Arnôd, der nickte leicht. „Ich bin sicher, dass Arnôd und Ihr einen passenden Zeitpunkt finden werdet. Ihr wisst besser als ich, wann das sein könnte.“
Der Vogt nickte erneut. „Eine treffliche Idee, würde ich meinen. Wobei ich gerne den Frühlingsbeginn für eine solche Reise abwarten würde.“ Ein kleiner Seitenblick auf die Moosgrunder Baroness zeigte Arnôd, dass Avia, bereits in ihren Gedanken weiter war, denn sie begann wieder unruhig zu werden. „Was, junge Dame?“ „Könnt ihr das unter Erwachsenen ausmachen? Da braucht ihr mich nicht für, ich will Eylin noch ein paar Dinge zeigen, bevor die doch morgen abreist. Und ehrlich, da kann ich keine würdevollen Erwachsenen bei brauchen.“
Die Ritterin von Moorland räusperte sich und schüttelte tadelnd den Kopf, doch die junge Baroness blickte sie offen an. „Was denn? Ich sage nur ehrlich, was Sache ist.“
„Und das ist gut so, aber wir sollten doch in Zukunft dafür sorgen, dass deine Manieren besser werden. Da muss wohl oder übel auch dein wortkarger Vormund einmal dran.“ Die Ritterin zwinkerte Arnôd kurz zu und dann sah Lyssandra entschuldigend an: „Verzeiht, Hochgeboren, da bricht sich das ganze Ungestüm ihrer seligen Mutter Bahn. Aber ich würde sagen, dass wir die beiden Mädchen doch sich selbst überlassen können, während wir alles Nötige für Eure Abreise veranlassen und uns dann noch einmal gemeinsam zu Tisch setzen. Was meint Ihr?“
„Oh, ich bin sicher, dass die beiden jungen Damen schon eine Weile ohne uns auskommen“, Lyssandra zwinkerte ihrer Tochter und Avia zu, die sofort wenig sittsam davonstoben. „Tatsächlich würde ich mich sehr freuen, wenn wir heute Abend noch einmal gemeinsam zu Tisch sitzen könnten. Es gibt ja noch einiges zu besprechen, wie mir scheint. Bis dahin würde ich mich gerne zurückziehen und meine Abreise vorbereiten. Habt Dank für Eure Fürsorge!“