„Beonslob“ - Klosterneugründung in Urkentrutz
Urkenfurt, Mitte Phex 1044,
Der Himmel über Urkentrutz zeigte sich an diesem Tag in wenig einladendem Grau. Sprühregen begleitete den eigentümlichen Wagenzug der Therbûniten, der rumpelnd in den Burghof einbog. Ihnen voran ritt Mirya von Brachfelde, an ihrer Seite ihre Knappin Ilmina. Die junge Ritterin begleitete den Wagentross der Perainediener und sollte auch in Zukunft das neu gegründete Kloster schützen.
Die Baronin von Urkentrutz ließ es sich nicht nehmen, die Diener des Therbûnitenordens selbst zu begrüßen. Nachdem man ihr vom Nahen des Wagenzuges berichtet hatte, begab sich Lyssandra von Finsterborn in den Burghof. Beim Anblick, der sich ihr bot, musste sie lächeln. Der große Innenhof von Burg Urkenfurt wirkte eher wie ein Lagerplatz, denn die Beoniter führten neben drei Ochsengespannen auch einige andere Tiere mit sich: eine kleine Herde mit 5 Schafen und 3 Ziegen folgte den einfachen Wagen, auf denen sich so einiges an Ausrüstung und Mobiliar stapelte. Die Neusiedler im Namen der Gebenden begleiteten ihre Karren zu Fuß. Nur im letzten Fuhrwerk saß ein kleiner Junge, der offenbar des Laufens müde geworden war.
Mit einem eleganten Schwung sprang Ritterin Mirya aus dem Sattel, wies ihre Knappin zu Gleichem an, schlug die Kapuze zurück und neigte ehrehrbietend das Haupt vor der Baronin von Urkentrutz. Mit geöffneten Armen begrüßte Lyssandra die Tochter Yolandas von Brachfelde.
„Die Zwölfe zum Gruße, Mirya, und Peraine voran!“
„Auch Euch die Zwölfe zum Gruße, Euer Hochgeboren. Was für ein Wetterchen! Die Gütige meint es heute besonders gut mit den Äckern“, überspielte die sonst eher zurückhaltende Ritterin ihre Aufregung. Ihr Bauschmantel hatte ihr leidlich Schutz geboten, so dass sie im Gegensatz zu ihrer Knappin nicht völlig durchnässt war. Mirya lächelte die Baronin freundlich an und orientierte sich kurz aus alter Gewohnheit und mit fachmännischem Blick, wer sich wo im Burghof befand und wie gut die Mauern bewehrt waren. Lyssandra bemerkte, dass die recht schlanke und nicht allzu große junge Frau weniger Ähnlichkeit mit ihrer Mutter Yolanda von Brachfelde hatte, sondern, wie sie von ihrem Schwertvater Accolon wusste, mehr nach der Großmutter kam: Ihr hübsches Gesicht hatte einen hellen Teint mit etlichen Feenküsschen, die feinen Züge mit den großen, strahlend blauen Augen und den markanten Augenbrauen wurden von schulterlangen, dunkelbraunen Haaren umrahmt. Sie trug eine lederne Rüstung, die sie beim Reiten weniger behinderte als das klassische Weidener Kettenhemd. Neben ihrem meisterlich geschmiedeten Schwert – ein Geschenk ihres Onkels Gamhain – führte sie, gut gegen den Regen geschützt, einen der Bögen aus der Werkstatt der Chirciner Meisterin Olorande Folmin, mit sich. Lyssandra meinte sich zu erinnern, dass Mirya bereits als Pagin im Bogenschießen unterwiesen wurde, als sie der Baronsgemahlin zu Dergelquell, Rovena von Rothwilden, zur Hand ging.
„Ich hoffe ihr hattet eine gute und vor allem sichere Reise? Gab es irgendwelche Zwischenfälle? Ich nehme an Ihr habt noch den Weg über Mittenberge gemacht, nicht wahr?“
Mirya schien kurz zu überlegen, bevor sie berichtete: „Nein, keine besonderen Zwischenfälle.“ Sie wollte die Baronin nicht mit der unerfreulichen Begegnung mit einigen Wölfen im Finsterloh bei Ognin beunruhigen. „Meine gute Knappin Ilmi und ich sind zum Kloster Beonsquell nach Mittenberge geritten, um Schwester Gwiniwen Hirschauer und Wibert Ribbening abzuholen. Bei Mallaith haben wir uns mit den Beonitern aus Beonfirn getroffen und sind dann gemeinsam auf der Alten Straße bis in die Hollerheide und dann weiter nach Süden bis hierher gezogen.“ Die junge Frau zögerte kurz und fügte noch hinzu: „Die Stimmung war gut und wir sind alle dankbar, der Gütigen zu Ehren dieses besondere Vorhaben in die Tat umsetzen zu dürfen.“
„Wollt Ihr mir die mutigen Klostergründer vorstellen?“
Die Baronin von Urkentrutz blickte den Perainedienern mit Neugier entgegen. Vom ersten Wagen löste sich ein mittelgroßer, untersetzter Mann, der einen reich mit Ornamenten der Gütigen Göttin geschnitzten Wanderstecken trug. Das braune Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die einfache, grüne Robe und die gleichfarbige Kapuzenhaube wies ihn als Ordensmitglied der Therbûniten aus. Quer über die breite Brust und den deutlich sichtbaren Bauch hing der Ledergurt einer großen Kräutertasche, die ebenso wie der Wanderstecken so typisch für die Beoniter war. Der Geweihte mochte etwas mehr als 30 Winter gesehen haben. Seinen Mund umspielte ein Lächeln, als er auf die Burgherrin und Mirya zuging. Die Ritterin erhob die Stimme.
„Darf ich vorstellen? Das ist Erlmund Rossegger, er ist der Geweihte, den das Kloster Beonfirn entsandt hat, um der neuen Klosterzelle als Abt vorzustehen. Erlmund ist ein erfahrener Heiler und gehört dem Therbûnitenorden an.“
Der Geweihte verneigte sich respektbezeugend vor Lyssandra. „Den Gruß der Göttin Peraine, Hochgeboren!“ Mit der Rechten führte er zudem die segnende Geste der Ähre aus. „Den Segen der Hüterin des Lebens für Euch und die Euren!“
Die Finsterbornerin schenkte dem Beoniter ein herzliches Lächeln. „Habt Dank und Willkommen in Urkentrutz, Hochwürden! Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass die Ehrwürdige Mutter Waidgunde Euch geschickt hat, um hier in der Nähe von Urkenfurt eine Klosterzelle zu Ehren des Heiligen Beon zu errichten! Ich hoffe Ihr und Eure Begleiter werden sich hier wohl und bald heimisch fühlen.“
Erlmunds grün-braune Augen leuchteten auf und seine Mundwinkel zogen sich zu einem breiten Grinsen auseinander, dabei bildeten sich auf seinen runden Wangen kleine Grübchen.
„Davon bin ich überzeugt. Dieses Land ist von Peraine gesegnet, das haben wir gleich erkannt. Ihr herrscht über ein fruchtbares Stückchen Weiden, Hochgeboren!“
Lyssandra nickte lächelnd. „Und unter Euren kundigen Händen soll in Zukunft nicht nur das Land, sondern auch die Gesundheit meiner Untergebenen prosperieren. Sagt mir, geht es der Hochwürdigen Mutter gut?“
Der Geweihte bejahte. „Ja, sie erfreut sich weiterhin Peraines Segen. Vermutlich hat Euch Ritterin Mirya bereits die Grüße der Ehrwürdigen Mutter ausgerichtet, nicht wahr?“ Er blickte kurz zur Brachfelderin, die bestätigend nickte.
Der künftige Tempelvorsteher drehte sich ein wenig und gab den Blick auf die beiden anderen Wagen frei. Mirya winkte vom zweiten Ochsengespann eine große, hagere, dunkelblonde Frau und einen noch größeren und kräftig gebauten jungen Mann zu sich. Die Frau mochte mehr als 40 Götterläufe erlebt haben, der junge Mann war wohl etwa Anfang 20. Er hatte eine wilde rote Mähne und einen ebensolchen Kinn- und Backenbart.
„Seht dort, Hochgeboren! Das ist Schwester Gwiniwen Hirschauer aus dem Therbûnitenkloster Beonsquell in Mittenberge und der Diener der Ähre, Wibert Ribbening.“
Die Baronin begrüßte die Geweihte und ihren Begleiter. Schwester Gwiniwen, die ebenso wie der zukünftige Abt neben der grünen Robe und der Kapuzenhaube den ornamentierten Wanderstecken und die Kräutertasche trug, überbrachte die herzlichsten Grüße von Lyssandras Verwandten, Oleana von Finsterborn, und berichtete freudestrahlend, dass die Äbtissin des Mittenberger Klosters dem neuen Ordenshaus einen Grundstock für die Bibliothek und die Apotheke mitgegeben hatte.
Das freute Lyssandra ungemein und sie bat darum, dass Gwiniwen ihr später zeigen sollte, was Mutter Oleana ihr mitgegeben hatte.
Der junge Wibert hielt sich respektvoll im Hintergrund, wurde von der Baronin aber ebenso freundlich begrüßt, wie die Heilerin. Mit einem anerkennenden Blick auf seine muskelbepackten Arme äußerte sie ihre Freude darüber, dass auch ein paar zupackende Hände den Weg nach Urkentrutz gefunden hätten. Wibert grinste unter seinem wilden roten Bart heraus und fühlte sich offenbar geschmeichelt.
Dann war es an der Zeit auch die Familie vorzustellen, die den letzten Wagen mit sich geführt hatte. Dies übernahm erneut Erlmund Rossegger.
„In meinem Gefolge ist die Familie Leisenthiel. Weilinde und Raitho sind Diener der Ähre. Sie waren bereit mich zu begleiten, um mit ihren Kindern in Urkentrutz eine neue Heimat zu finden. Die kleine Hayassa hat bereits elf Winter erlebt, ihr Bruder Rudbart acht. Weilinde und Raitho sind erfahren in der Tierhaltung und werden sich um die Schafe und Ziegen kümmern, die uns aus Beonfirn und Beonsquell mitgegeben wurden.“
Nachdem auch diese Neusiedler begrüßt worden waren und Lyssandra Hayassa und Rudbart erzählt hatte, dass sie eine Tochter in ihrem Alter und einen Pagen in Rudbarts Alter hatte, wurden auch die etwas schüchternen Kinder der Akoluthen entspannter. Die Baronin bat die Beoniter für eine Nacht in der Burg zu bleiben, mit ihr zu speisen und den Tieren Erholung zu gönnen, bevor sie sie am kommenden Tag persönlich zu ihrer neuen Wirkungsstätte begleiten wollte.
Während des Abendmahls an der langen Tafel im Thronsaal hörte Lyssandra aufmerksam zu, mit welchen Wünschen und Vorstellungen die Therbûniten nach Urkentrutz gekommen waren und welche Hilfen sie sich noch von der Baronin erhofften. Sie erklärte ihnen, was sie an Gebäuden vorfinden würden und was noch geleistet werden musste bis zum Klostergründungsfest am 1. Peraine. Ihr gefiel es, dass die Beoniter sich nicht vor Arbeit und dem Leben in einem Provisorium scheuten und versprach das ihr Mögliche zu tun, damit sich die Perainediener wohl fühlen konnten.
Bis zum Umzug auf das ehemalige Gehöft blieben die Therbûniten ihre Gäste.
„Beonslob“ - Klosterneugründung in Urkentrutz – Teil 2
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Mitte Phex 1044
Der kommende Morgen begrüßte die Beoniter und ihre Gastgeberin mit einem tsagefälligen Farbenspiel am Morgenhimmel. Gen Rahja färbten sich die letzten Wolkenreste der Nacht in zarten Pastelltönen von rahjanischem Rosa, über fliederfarbenem Violett bis zum orangegoldenen Glühen des ersten Praiosscheins. Der Innenhof von Burg Urkenfurt wimmelte von Menschen und Tieren. Neben den Ochsen, die gerade vor die Wagen gespannt wurden, und der kleinen Herde aus Ziegen und Schafen, standen bereits die Rösser der Baronin, der Ritterin Mirya und der Knappin Ilmina fertig gesattelt zum Abritt bereit. Und um das Gewusel vollständig zu machen, spielten die Kinder dazwischen Fangen.
Mit einer Mischung aus Belustigung und Ärger betrachtete Lyssandra von Finsterborn das Treiben. Ihre Tochter Eylin, der Page Meinhardt, die beiden Kinder der Akoluthen Hayassa und Rudbart, sowie die Kleinen der Köchin Dorntrud, die Vierjähige Helegunde und der 6 Winter zählende Holder, tobten zwischen den Wagen und den Tieren herum. Gerade versuchte Holder sich hinter einer der Ziegen zu verstecken, als diese sichtlich unwirsch ob der morgendlichen Unruhe den Kopf senkte und drohte, den Sohn der Köchin auf die Hörner zu nehmen. Zum Glück erkannte die Peraineakoluthin sofort die Gefährlichkeit der Situation und pflückte den Jungen vom Boden.
„Na, junger Mann? Mit einem Ziegenbock sollte man sich nicht anlegen!“, ermahnte Weilinde den pausbäckigen Holder, der strampelnd und nach seiner Mutter brüllend nach Freiheit strebte.
„Schluss jetzt, Kinder!“
Das Machtwort der Baronin schien nicht gleich Wirkung zu zeigen, doch als sie sowohl Eylin als auch Meinhardt, die gerade an ihr vorbeisausten, an den Oberarmen zu packen bekam, war schlagartig Ruhe. Der Blick mit dem die Finsterbornerin ihre Tochter und den Pagen bedachte, ließ keinen Zweifel zu: Lyssandra war ungehalten.
„Errrlind!“ Das gerollte „R“ im Rufnamen ihrer Knappin war ebenso ein sicheres Indiz, dass man die Baronin nicht weiter erzürnen sollte.
Erlind Böcklin von Hunsfurt beschleunigte ihren Schritt. „Hochgeboren?“
„Du sorgst jetzt hier mal für Ordnung! Das kann doch nicht wahr sein! Sind denn alle Pferde gesattelt?“
Die pausbäckige Erlind trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
„Also Eure Stute und das Pferd der Ritterin schon, aber ich wusste nicht ob Eylin und ich Euch begleiten sollen. Und was ist mit Meinhardt? Soll der auch mit?“
Lyssandra ließ den Blick zu ihrer Tochter schweifen, deren Wangen vom Fangen spielen noch deutlich gerötet waren.
„Ich will mit, Mutter!“, kam die prompte Antwort.
„Nun gut“, stimmte die Baronin zu. „Dann nehme ich euch alle mit. Meinhardt! Du hilfst Erlind beim Satteln und ihr beide….“ Ein strenger Blick traf die Kinder der Akoluthen. „… ihr nehmt dann wohl besser auf dem Wagen Platz, oder wollt ihr laufen?“
Beide schüttelten schnell den Kopf und beeilten sich auf einen der Wagen zu klettern.
Wenig später waren dann endlich alle zum Abritt bereit. Mirya von Brachfelde ritt an der Seite Lyssandras über die Zugbrücke, dahinter die Knappin Ilmina. Ihnen folgten Eylin auf ihrer Nordmähne Fino, Erlind auf einer weiteren Nordmähne und Meinhardt auf einem Paavipony. Den Abschluss bildeten die drei Wagen, deren Zugtiere von den Perainedienern geführt wurden, und die kleine Herde mit den Ziegen und Schafen, die von Raitho Leisenthiel angetrieben wurde.
Der Gutshof des Freibauern, der sein Anwesen der Perainekirche vermacht hatte, lag etwa 2 Meilen rahjawärts von Urkenfurt an dem Karrenweg, der nach Gräflich Pallingen führte. Auf dem Hochufer des Finsterbachs gelegen bot das fruchtbare Land ideale Bedingungen für die Nahrungsgrundlage der Ordensgemeinschaft. Die Vegetation bot genug Vielfalt, um Nutztiere zu weiden und in ausreichendem Maße Ackerbau zu betreiben.
Das Gehöft bestand aus mehreren Gebäuden unterschiedlicher Größe, deren lehmverputzte Wände mit Holzschindeln gedeckt waren. Lyssandra hatte in den vergangenen Wochen bereits einige Renovierungen und Umbauten vornehmen lassen. Das Wichtigste in ihren Augen war eine schützende Mauer, die das gesamte Gebäudearal umgab und durch ein neu geschaffenes Tor betreten werden konnte.
Und so zog der Tross der Beoniter nun durch das Tor in den Innenhof der Anlage. Die Arbeiter, die mit den Umbauten beauftragt worden waren, standen bereit und verbeugten sich tief, als die Baronin aus dem Sattel sprang.
Ein älterer, kleingewachsener Mann mit einem ordentlich getrimmten Kinnbart trat auf sie zu.
„Die Zwölfe zum Gruße, Hochgeboren, und natürlich auch für Eure Begleiter!“
„Ich grüße dich, Treuwulf Hahnenschrei“, erwiderte Lyssandra und drehte sich zu ihren Begleitern um, die ebenfalls von ihren Reittieren abgestiegen waren. „Das hier ist Mirya von Brachfelde, Schutzritterin der Beoniter, die hier ein neues Tochterkloster des Therbûnitenordens gründen werden.“
Ihre weiteren Begleiter ignorierend, stellte sie als nächstes den zukünftigen Abt, den Hüter der Saat, Erlmund Rossegger vor. Dieser trat auch gleich neben die Baronin.
„Vater Erlmund, das hier ist Treuwulf Hahnenschrei, Baumeister aus Urkenfurt. Er ist mit den Umbauarbeiten beauftragt und wird, solange ich seiner nicht bedarf, nach Euren Wünschen und Vorstellungen die Veränderungen vornehmen lassen. Ihm unterstehen drei Arbeiter, die helfen werden, solange es nötig ist.“
Die beiden Männer begrüßten sich, die Arbeiter senkten das Haupt vor dem „Hüter der Saat“, der alle mit dem Segen der Gütigen bedachte. Dann übernahm Vater Erlmund die weitere Vorstellung seiner Mitbrüder und -schwestern. Als alle einander vorgestellt waren, bat Lyssandra den Baumeister, den Neuankömmlingen die Anlage zu zeigen.
Treuwulf Hahnenschrei begann damit, die einzelnen Gebäude zu erklären.
„Nun, hier im ersten Hof seht ihr ein Stallgebäude. Es soll euren Tieren Platz bieten und auch den Reittieren der Pilger. Die Gebäude dort drüben…“, er wies auf zwei kleinere Gebäude und einen winzigen Schuppen, „…sind Wirtschaftsgebäude. Hinter diesem, dessen Front ihr seht, ist der Kräuter- und Gemüsegarten des Gutshofes. Also finden sich in diesem Gebäude alle Geräte für den Ackerbau. Das Gebäude daneben war ebenfalls ein Wirtschaftsgebäude, kann aber nach euren Bedürfnissen umgebaut werden.“
Vater Erlmund nickte und hörte weiter aufmerksam zu.
„Die Gebäude im inneren Mauergeviert kann man dem sakralen Bereich zuordnen, dachte ich. Es sind zum einen das ehemalige Gutshaus, das wir bereits ein wenig umgebaut haben, so dass es als Bethalle dienen kann, dann ein schmaler Anbau, den ich mir gut als Sakristei und Bibliothek vorstellen kann, und vier weitere, kleinere Gebäude, die man nach euren Bedürfnissen, beispielsweise als Speisesaal und Küche und auch als Wohnbereiche für euch, einrichten kann.“
Während der ehrwürdige Abt nur still nickte, schob sich nun Schwester Gwiniwen nach vorne.
„Wo kann ich denn die Kräuterstube und die Apotheke einrichten?“
Der Baumeister lächelte die Geweihte freundlich an. „Am besten ich führe euch nun herum, dann können wir uns darüber Gedanken machen.“
Die große, hagere Heilerin nickte erfreut und Treuwulf Hahnenschrei marschierte voran, um den Geweihten ihr neues Zuhause zu zeigen. Lyssandra, Mirya und ihre Begleiter folgten. Der Reihe nach betraten sie die verschiedenen Gebäude. Die meisten davon waren noch so eingerichtet, wie der Vorbesitzer sie hinterlassen hatte. Nur das große Gebäude, das ehemalige Gutshaus, war komplett entkernt und die Wände frisch gekalkt worden. Man konnte sich schon sehr gut vorstellen, dass es als Tempel des Klosters dienen konnte. Vater Erlmund lächelte erfreut.
„Das ist ein schönes Haus für die Gebende Göttin und ihre Gläubigen. Meint Ihr, wir schaffen es bis zum 1. Peraine, hier einige Bänke und einen Altar einzubauen? Ihr wisst, dass wir ein fünftägiges Gründungsfest feiern wollen, vom 1. Peraine bis zum Beonstag, dem 5. des Monats?“
Treuwulf Hahnenschrei nickte. „Die Baronin hat mir das mitgeteilt. Nun, es wird nicht alles fertig sein und nicht alles perfekt. Aber wir werden der Gütigen ein würdiges Zuhause schaffen.“
Vater Erlmund klatschte in die Hände. „Nun, dann wollen wir damit beginnen, das neue Haus für die Hüterin des Lebens zu segnen. Ich habe hier im Hof einen Brunnen gesehen. Geh doch bitte, Wibert, und hole uns Wasser!“
Kurze Zeit später erschien der Akoluth mit einer Kalebasse voll Wasser. Aus seiner Schultertasche nahm Vater Erlmund nun eine Tonschale und goss unter dem segnenden Zeichen der Ähre das Wasser hinein. Dann griff er sich ein Ährenbüschel, das zuvor an seinem Gürtel gehangen hatte, und begann zu beten.
„Gütige Peraine, Heiliger Therbûn, Heiliger Beon,
in eurem Namen segne ich diesen Ort!
Möge er von heute ab und in Zukunft unserer Gemeinschaft der Gläubigen
eine Heimat und Wirkungsstätte in eurem Namen sein.
Gnädige Peraine, göttliche Heilerin, schenke uns deine Kraft!
Heiliger Therbûn, möge dein Wissen uns erleuchten!
Heiliger Beon, möge deine Kunst uns befähigen zu heilen!
Nehmt Platz an diesem Ort und in unserer Mitte!“
Die Ordensmitglieder beteten die Anrufungen laut mit und da der Raum gänzlich leer war, hallten die gesprochenen Worte von den Wänden wider, was die sakrale Stimmung noch zusätzlich verstärkte.
Beeindruckt beobachteten die Begleiter der Beoniter diesen heiligen Akt, der davon gefolgt wurde, dass Vater Erlmund die Bethalle des zukünftigen Tempels abging und mit dem Ährenbündel ein wenig des gesegneten Wassers an die Wände sprenkelte.
Nach dem Rundgang durch alle Gebäude und den Garten setze man sich an einer langen, improvisierten Tafel aus einfachen Brettern zusammen und besprach die wichtigsten noch notwendigen Änderungswünsche der Perainediener. Da war zum einen der Wunsch nach einem Siechhaus, das innerhalb des ersten Götterlaufes etwas außerhalb der Klostermauern erbaut werden sollte, sowie das Bedürfnis nach einem Rundturm für Schutzzwecke, wie ihn die Klöster Beonfirn und Beonsquell auch besaßen. Auch dieser sollte innerhalb der kommenden Götterläufe realisiert werden. Anschließend überlegte man, wo die Klosterapotheke und Kräuterstube ihren Platz finden sollte, und kam überein, dass sich wohl das Gebäude, das sich an den Tempel anlehnte, am besten dafür eignete. Es besaß einen Zugang zum Garten. Weitere Umbauten sollten in dem Gebäude vorgenommen werden, das als Küche und Speisesaal dienen würde. Doch das war eine Sache, die nicht bis zum Gründungsfest durchgeführt werden musste. Man überlegte also gemeinsam, was noch alles für die Beherbergung der Festgäste benötigt wurde, beschloss eine der Weiden als Lagerplatz für die Besucher zu öffnen und Bretter und Baumstämme für einfache Tische und Sitzgelegenheiten zu beschaffen.
Für die genaue Ausgestaltung des Festes bat die Baronin den Abt um ein weiteres Gespräch am kommenden Tag auf Burg Urkenfurt. Dann verabschiedete sie sich vorerst von den Beonitern und gab ihren Begleitern das Zeichen zum Aufbruch, während die Geweihten und die Arbeiter begannen, die Wagen zu entladen. Am Nachmittag wollten die Neusiedler unter Führung des Baumeisters einen ausgedehnten Spaziergang über die zum Gut gehörigen Ländereien machen.
Mirya von Brachfelde dagegen wollte die Gelegenheit nutzen, mit ihrer Knappin die Umgebung um den Bauplatz zu erkunden. So ritten die beiden aus, um sich einen Überblick über die Besonderheiten der Landschaft zu verschaffen, insbesondere über Wälder, in denen sich womöglich gefährliche Tiere, Räuber oder Schwarzpelze verbergen konnten. „Sicher ist sicher“, erklärte die besonnene Ritterin ihrer jungen Gefährtin.