„Beonslob“ - Klosterneugründung in Urkentrutz – Teil 2
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Mitte Phex 1044

Der kommende Morgen begrüßte die Beoniter und ihre Gastgeberin mit einem tsagefälligen Farbenspiel am Morgenhimmel. Gen Rahja färbten sich die letzten Wolkenreste der Nacht in zarten Pastelltönen von rahjanischem Rosa, über fliederfarbenem Violett bis zum orangegoldenen Glühen des ersten Praiosscheins. Der Innenhof von Burg Urkenfurt wimmelte von Menschen und Tieren. Neben den Ochsen, die gerade vor die Wagen gespannt wurden, und der kleinen Herde aus Ziegen und Schafen, standen bereits die Rösser der Baronin, der Ritterin Mirya und der Knappin Ilmina fertig gesattelt zum Abritt bereit. Und um das Gewusel vollständig zu machen, spielten die Kinder dazwischen Fangen.

Mit einer Mischung aus Belustigung und Ärger betrachtete Lyssandra von Finsterborn das Treiben. Ihre Tochter Eylin, der Page Meinhardt, die beiden Kinder der Akoluthen Hayassa und Rudbart, sowie die Kleinen der Köchin Dorntrud, die Vierjähige Helegunde und der 6 Winter zählende Holder, tobten zwischen den Wagen und den Tieren herum. Gerade versuchte Holder sich hinter einer der Ziegen zu verstecken, als diese sichtlich unwirsch ob der morgendlichen Unruhe den Kopf senkte und drohte, den Sohn der Köchin auf die Hörner zu nehmen. Zum Glück erkannte die Peraineakoluthin sofort die Gefährlichkeit der Situation und pflückte den Jungen vom Boden.
„Na, junger Mann? Mit einem Ziegenbock sollte man sich nicht anlegen!“, ermahnte Weilinde den pausbäckigen Holder, der strampelnd und nach seiner Mutter brüllend nach Freiheit strebte.

„Schluss jetzt, Kinder!“
Das Machtwort der Baronin schien nicht gleich Wirkung zu zeigen, doch als sie sowohl Eylin als auch Meinhardt, die gerade an ihr vorbeisausten, an den Oberarmen zu packen bekam, war schlagartig Ruhe. Der Blick mit dem die Finsterbornerin ihre Tochter und den Pagen bedachte, ließ keinen Zweifel zu: Lyssandra war ungehalten.
„Errrlind!“ Das gerollte „R“ im Rufnamen ihrer Knappin war ebenso ein sicheres Indiz, dass man die Baronin nicht weiter erzürnen sollte.

Erlind Böcklin von Hunsfurt beschleunigte ihren Schritt. „Hochgeboren?“

„Du sorgst jetzt hier mal für Ordnung! Das kann doch nicht wahr sein! Sind denn alle Pferde gesattelt?“

Die pausbäckige Erlind trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
„Also Eure Stute und das Pferd der Ritterin schon, aber ich wusste nicht ob Eylin und ich Euch begleiten sollen. Und was ist mit Meinhardt? Soll der auch mit?“

Lyssandra ließ den Blick zu ihrer Tochter schweifen, deren Wangen vom Fangen spielen noch deutlich gerötet waren.
„Ich will mit, Mutter!“, kam die prompte Antwort.

„Nun gut“, stimmte die Baronin zu. „Dann nehme ich euch alle mit. Meinhardt! Du hilfst Erlind beim Satteln und ihr beide….“ Ein strenger Blick traf die Kinder der Akoluthen. „… ihr nehmt dann wohl besser auf dem Wagen Platz, oder wollt ihr laufen?“

Beide schüttelten schnell den Kopf und beeilten sich auf einen der Wagen zu klettern.

 

Wenig später waren dann endlich alle zum Abritt bereit. Mirya von Brachfelde ritt an der Seite Lyssandras über die Zugbrücke, dahinter die Knappin Ilmina. Ihnen folgten Eylin auf ihrer Nordmähne Fino, Erlind auf einer weiteren Nordmähne und Meinhardt auf einem Paavipony. Den Abschluss bildeten die drei Wagen, deren Zugtiere von den Perainedienern geführt wurden, und die kleine Herde mit den Ziegen und Schafen, die von Raitho Leisenthiel angetrieben wurde.

Der Gutshof des Freibauern, der sein Anwesen der Perainekirche vermacht hatte, lag etwa 2 Meilen rahjawärts von Urkenfurt an dem Karrenweg, der nach Gräflich Pallingen führte. Auf dem Hochufer des Finsterbachs gelegen bot das fruchtbare Land ideale Bedingungen für die Nahrungsgrundlage der Ordensgemeinschaft. Die Vegetation bot genug Vielfalt, um Nutztiere zu weiden und in ausreichendem Maße Ackerbau zu betreiben.

Das Gehöft bestand aus mehreren Gebäuden unterschiedlicher Größe, deren lehmverputzte Wände mit Holzschindeln gedeckt waren. Lyssandra hatte in den vergangenen Wochen bereits einige Renovierungen und Umbauten vornehmen lassen. Das Wichtigste in ihren Augen war eine schützende Mauer, die das gesamte Gebäudearal umgab und durch ein neu geschaffenes Tor betreten werden konnte.

Und so zog der Tross der Beoniter nun durch das Tor in den Innenhof der Anlage. Die Arbeiter, die mit den Umbauten beauftragt worden waren, standen bereit und verbeugten sich tief, als die Baronin aus dem Sattel sprang.
Ein älterer, kleingewachsener Mann mit einem ordentlich getrimmten Kinnbart trat auf sie zu.
„Die Zwölfe zum Gruße, Hochgeboren, und natürlich auch für Eure Begleiter!“

„Ich grüße dich, Treuwulf Hahnenschrei“, erwiderte Lyssandra und drehte sich zu ihren Begleitern um, die ebenfalls von ihren Reittieren abgestiegen waren. „Das hier ist Mirya von Brachfelde, Schutzritterin der Beoniter, die hier ein neues Tochterkloster des Therbûnitenordens gründen werden.“

Ihre weiteren Begleiter ignorierend, stellte sie als nächstes den zukünftigen Abt, den Hüter der Saat, Erlmund Rossegger vor. Dieser trat auch gleich neben die Baronin.
„Vater Erlmund, das hier ist Treuwulf Hahnenschrei, Baumeister aus Urkenfurt. Er ist mit den Umbauarbeiten beauftragt und wird, solange ich seiner nicht bedarf, nach Euren Wünschen und Vorstellungen die Veränderungen vornehmen lassen. Ihm unterstehen drei Arbeiter, die helfen werden, solange es nötig ist.“

Die beiden Männer begrüßten sich, die Arbeiter senkten das Haupt vor dem „Hüter der Saat“, der alle mit dem Segen der Gütigen bedachte. Dann übernahm Vater Erlmund die weitere Vorstellung seiner Mitbrüder und -schwestern. Als alle einander vorgestellt waren, bat Lyssandra den Baumeister, den Neuankömmlingen die Anlage zu zeigen.

Treuwulf Hahnenschrei begann damit, die einzelnen Gebäude zu erklären.
„Nun, hier im ersten Hof seht ihr ein Stallgebäude. Es soll euren Tieren Platz bieten und auch den Reittieren der Pilger. Die Gebäude dort drüben…“, er wies auf zwei kleinere Gebäude und einen winzigen Schuppen, „…sind Wirtschaftsgebäude. Hinter diesem, dessen Front ihr seht, ist der Kräuter- und Gemüsegarten des Gutshofes. Also finden sich in diesem Gebäude alle Geräte für den Ackerbau. Das Gebäude daneben war ebenfalls ein Wirtschaftsgebäude, kann aber nach euren Bedürfnissen umgebaut werden.“

Vater Erlmund nickte und hörte weiter aufmerksam zu.

„Die Gebäude im inneren Mauergeviert kann man dem sakralen Bereich zuordnen, dachte ich. Es sind zum einen das ehemalige Gutshaus, das wir bereits ein wenig umgebaut haben, so dass es als Bethalle dienen kann, dann ein schmaler Anbau, den ich mir gut als Sakristei und Bibliothek vorstellen kann, und vier weitere, kleinere Gebäude, die man nach euren Bedürfnissen, beispielsweise als Speisesaal und Küche und auch als Wohnbereiche für euch, einrichten kann.“

Während der ehrwürdige Abt nur still nickte, schob sich nun Schwester Gwiniwen nach vorne.
„Wo kann ich denn die Kräuterstube und die Apotheke einrichten?“

Der Baumeister lächelte die Geweihte freundlich an. „Am besten ich führe euch nun herum, dann können wir uns darüber Gedanken machen.“

Die große, hagere Heilerin nickte erfreut und Treuwulf Hahnenschrei marschierte voran, um den Geweihten ihr neues Zuhause zu zeigen. Lyssandra, Mirya und ihre Begleiter folgten. Der Reihe nach betraten sie die verschiedenen Gebäude. Die meisten davon waren noch so eingerichtet, wie der Vorbesitzer sie hinterlassen hatte. Nur das große Gebäude, das ehemalige Gutshaus, war komplett entkernt und die Wände frisch gekalkt worden. Man konnte sich schon sehr gut vorstellen, dass es als Tempel des Klosters dienen konnte. Vater Erlmund lächelte erfreut.

„Das ist ein schönes Haus für die Gebende Göttin und ihre Gläubigen. Meint Ihr, wir schaffen es bis zum 1. Peraine, hier einige Bänke und einen Altar einzubauen? Ihr wisst, dass wir ein fünftägiges Gründungsfest feiern wollen, vom 1. Peraine bis zum Beonstag, dem 5. des Monats?“

Treuwulf Hahnenschrei nickte. „Die Baronin hat mir das mitgeteilt. Nun, es wird nicht alles fertig sein und nicht alles perfekt. Aber wir werden der Gütigen ein würdiges Zuhause schaffen.“

Vater Erlmund klatschte in die Hände. „Nun, dann wollen wir damit beginnen, das neue Haus für die Hüterin des Lebens zu segnen. Ich habe hier im Hof einen Brunnen gesehen. Geh doch bitte, Wibert, und hole uns Wasser!“

Kurze Zeit später erschien der Akoluth mit einer Kalebasse voll Wasser. Aus seiner Schultertasche nahm Vater Erlmund nun eine Tonschale und goss unter dem segnenden Zeichen der Ähre das Wasser hinein. Dann griff er sich ein Ährenbüschel, das zuvor an seinem Gürtel gehangen hatte, und begann zu beten.

„Gütige Peraine, Heiliger Therbûn, Heiliger Beon,
in eurem Namen segne ich diesen Ort!
Möge er von heute ab und in Zukunft unserer Gemeinschaft der Gläubigen
eine Heimat und Wirkungsstätte in eurem Namen sein.
Gnädige Peraine, göttliche Heilerin, schenke uns deine Kraft!
Heiliger Therbûn, möge dein Wissen uns erleuchten!
Heiliger Beon, möge deine Kunst uns befähigen zu heilen!
Nehmt Platz an diesem Ort und in unserer Mitte!“

Die Ordensmitglieder beteten die Anrufungen laut mit und da der Raum gänzlich leer war, hallten die gesprochenen Worte von den Wänden wider, was die sakrale Stimmung noch zusätzlich verstärkte.

Beeindruckt beobachteten die Begleiter der Beoniter diesen heiligen Akt, der davon gefolgt wurde, dass Vater Erlmund die Bethalle des zukünftigen Tempels abging und mit dem Ährenbündel ein wenig des gesegneten Wassers an die Wände sprenkelte.

 

Nach dem Rundgang durch alle Gebäude und den Garten setze man sich an einer langen, improvisierten Tafel aus einfachen Brettern zusammen und besprach die wichtigsten noch notwendigen Änderungswünsche der Perainediener. Da war zum einen der Wunsch nach einem Siechhaus, das innerhalb des ersten Götterlaufes etwas außerhalb der Klostermauern erbaut werden sollte, sowie das Bedürfnis nach einem Rundturm für Schutzzwecke, wie ihn die Klöster Beonfirn und Beonsquell auch besaßen. Auch dieser sollte innerhalb der kommenden Götterläufe realisiert werden. Anschließend überlegte man, wo die Klosterapotheke und Kräuterstube ihren Platz finden sollte, und kam überein, dass sich wohl das Gebäude, das sich an den Tempel anlehnte, am besten dafür eignete. Es besaß einen Zugang zum Garten. Weitere Umbauten sollten in dem Gebäude vorgenommen werden, das als Küche und Speisesaal dienen würde. Doch das war eine Sache, die nicht bis zum Gründungsfest durchgeführt werden musste. Man überlegte also gemeinsam, was noch alles für die Beherbergung der Festgäste benötigt wurde, beschloss eine der Weiden als Lagerplatz für die Besucher zu öffnen und Bretter und Baumstämme für einfache Tische und Sitzgelegenheiten zu beschaffen.

Für die genaue Ausgestaltung des Festes bat die Baronin den Abt um ein weiteres Gespräch am kommenden Tag auf Burg Urkenfurt. Dann verabschiedete sie sich vorerst von den Beonitern und gab ihren Begleitern das Zeichen zum Aufbruch, während die Geweihten und die Arbeiter begannen, die Wagen zu entladen. Am Nachmittag wollten die Neusiedler unter Führung des Baumeisters einen ausgedehnten Spaziergang über die zum Gut gehörigen Ländereien machen.

Mirya von Brachfelde dagegen wollte die Gelegenheit nutzen, mit ihrer Knappin die Umgebung um den Bauplatz zu erkunden. So ritten die beiden aus, um sich einen Überblick über die Besonderheiten der Landschaft zu verschaffen, insbesondere über Wälder, in denen sich womöglich gefährliche Tiere, Räuber oder Schwarzpelze verbergen konnten. „Sicher ist sicher“, erklärte die besonnene Ritterin ihrer jungen Gefährtin.