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Burg Weißenstein, Herzoglich Waldleuen im Travia 1035 BF
Eberwulf von Weißenstein, seines Zeichens Kanzler der Herzogtum Weidens, war nach längerer Zeit endlich wieder auf der Stammburg seiner Familie zu Besuch. Sein Bruder und Herr der Burg, Aldewein, den man den ‚Reitenden Troll‘ nannte, hatte ihn wie immer einen herzlichen Empfang bereitet. Die ersten Tage hatten die beiden Brüder genutzt, um gemeinsam zu jagen und sich gegenseitig mit Kindheitserinnerungen aufzuziehen.
Firnja von Hohenstein, die Ehefrau von Aldewein – eine Tatsache, die vielen im Herzogtum Weiden immer noch unbekannt war – hatte einiges an Zeit mit den beiden verbracht. Daneben kümmerte sie sich rührend um ihre Kinder. Neben der Tatsache, dass Aldewein und Firnja viele Jahre durch Aventurien gezogen waren, hatte die Geburt von insgesamt fünf Kindern, von denen vier erst in den letzen fünf Jahren das Licht der Welt erblickt hatten, dazu geführt, dass weder Firnja noch Aldemwein in eben diesen letzten Jahren den Weißenstein länger verlassen hatten.
Während Aldewein, unbedarft und fröhlich wie immer, sich einfach freute etwas von seinem älteren Bruder zu haben und Neuigkeiten aus der weiten Welt zu hören, vermutete Firnja schon vom ersten Moment an, dass etwas anderes der eigentliche Grund für den Besuch ihres Schwagers war. Sie mochte Eberwulf, aber sie war sich seiner Intelligenz bewusst und ebenso der Tatsache, dass der Kanzler von Weiden sicherlich Wichtigeres zu tun hatte, als einen ausgedehnten Familienbesuch zu tätigen. Sie war sich recht sicher, dass er eigentlich nicht die Zeit haben sollte, sie zu besuchen und schon gar nicht solange und ohne Anzeichen bald wieder abreisen zu müssen. Was sie noch misstrauischer gestimmt hatte, war die Tatsache, dass er sich auffällig oft für ihre Kinder und insbesonders für ihre beiden Töchter Arryn und Saginta interessierte. Sie hatte ihren Mann abends in der Kemenate einmal darauf angesprochen, doch dieser hatte lachend abgewinkt, und angemerkt, dass Eberwulf wohl nun endlich anfinge an eigene Kinder zu denken.
Doch Firnja sollte recht behalten. Eberwulf war inzwischen schon über eine Woche auf dem Weißenstein und abgesehen von paar Boten, die ihm schwere Kuverte überreichten, und die er mit gesiegelten Pergamentrollen wieder davon schickte, deutete nichts darauf hin, dass er der einflussreiche Kanzler der Mittnacht war. Am Abend des achten Tages, nachdem sie gespeist hatten und zu dritt noch beisammen saßen, ergriff Eberwulf schließlich das Wort: „Habe ich euch eigentlich schon erzählt welche Kunde mich vor kurzem aus Albernia erreicht hat?“
Aldewein horchte gespannt auf, er liebte Geschichten aus der Fremde, Firnja dagegen schaute eher misstrauisch zu ihrem Schwager herüber. „Nun, tatsächlich hat doch Kronverweserin Idra den Adel des Raulschen Reiches für den nächsten Ingerimm nach Havena eingeladen. Sie möchte ihren Enkel Finnian verheiraten und lädt dazu zu Beratungen im ‚kleinen Kreis‘, um dabei dann eine geeignete Heiratskandidatin für den designierten Fürsten Albernias zu finden und anschließend gleich bei einem großen Fest die Verlobung des neuen Paares bekannt geben!“
Aldwein von Weißenstein nickte kräftig und zustimmend: „Da tut sie gut dran! Sie hat ja schon viele Jahre gesehen, und die meisten ihrer Jahre waren nicht einfach. Wird wohl nicht mehr sehr lange dauern bis sie Golgaris Schwingen hört, würd’ ich meinen. Ich hab sie mal gesehen vor ... ja bestimmt schon fast 10 Jahren. Das war sogar noch vor dem Krieg gegen die Nordmarken und der Rebellion ihrer Tochter. Da sah sie schon ... na, halt alt aus. Wobei, seitdem sie wieder das Ruder in der Hand hat, da in Albernia, laufen die ja wieder in der Spur, sagt man doch, oder? Jedenfalls wenn sie nicht mehr ist ... braucht ihr Enkel Verwandte, auf die man sich verlassen kann. Das ist ja in der eigenen Familie nicht so einfach und der Adel Albernias ... der streitet sich ja auch nicht erst seit gestern dauernd.“
Aldewein sprach wie immer alles aus was er dachte und meinte. Während Eberwulf vorsichtig nickte und scheinbar nach Worten suchte, um die Einlassungen seines Bruder zu kommentieren, ergriff Firnja das Wort: „Wir danken dir, Eberwulf, dass du ins diese interessanten Neuigkeiten überbracht hast. Doch ich bin mir sicher, dass der Kanzler Weidens besseres zu tun hat, als den Boten zu spielen und – wenn vielleicht auch später – hätten wir das hier in der Trutz doch bestimmt auch bald erfahren!“
Aldewein wollte protestieren, aber Eberwulf ergriff vor ihm das Wort. „Nun, da magst du nicht ganz unrecht haben, Firnja. Natürlich bin ich in erster Linie hier, um mal wieder Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Aber nicht nur da hast du Recht. Ich habe viel nachgedacht, seitdem ich von der Einladung gehört habe und mir in den vergangenen Tagen ... nun, sagen wir, ein Bild gemacht.“
„Wovon?“, fragte Aldewein etwas verwirrt.
„Nun Bruder ... von deinen Töchtern. Ich denke, dass ich, als Familienoberhaupt der Weißensteins, nach Havena reisen sollte und hoffe auf deine Begleitung.“ Insgeheim hoffte Eberwulf, dass Aldewein nicht mitkommen würde, da seine Wesensart eine Brautwerbung ihrer Familie sicherlich nicht einfach machen würde. Zu viele der Raulschen Adligen konnten mit offenen und ehrlichen Worten nichts anfangen. Allerdings hütete Eberwulf seine Zunge.
„Um was zu tun? Was haben meine Töchter mit Finnian ui Bennain zu tun?“ erwiderte Aldewein von Weißenstein.
Firnja massierte sich mit Zeigefinger und Daumen die Nasenwurzel nach diesem Kommentar während Eberwulf die Antwort übernahm: „Ich denke, es ist eine gute Idee Arryn als mögliche Braut für Finnian vorzustellen.“
„Niemals!“, sprang Aldewein auf.
„Die Albernier und besonders die Bennains sind Verräter ... ich würde nie die Entscheidungen der Kaiserin in Zweifel ziehen, aber sie hätten weit mehr verdient als Kloster. In so einer Stunde zu rebellieren. Nein, niemals sag ich. Außerdem sind das doch alles halbe Thorwaler da. Ich hab gehört, der Bengel soll sogar im Gesicht eine Zeichnung von der Bande haben.. Nein, meine Arryn ist zwar ein Wildfang aber sie wird einen Weidener heiraten. Von mir aus auch einen Tobrier oder Greifenfurter ... vielleicht auch ‘nen Koscher oder wenn es ganz schlecht läuft ‘nen Garetier ... aber bestimmt keinen Albernier oder Nordmärker. NEIN, sage ich!“
Jeder andere hätte es wohl nun mit der Angst zu tun bekommen, wenn der ‚Reitende Troll‘ sich so aufregte. Nicht aber sein Bruder Eberwulf. Er ließ Aldewein eine Weile toben und blickte auf Aldeweins Frau Firnja, um zu erfahren, was sie von der Sache dachte.
„Sie ist doch viel zu jung“, war ihre erste Antwort. „Ist der Junge nicht schon 16 Winter alt? Arryn wird im Phex doch erst sieben.“, fügte sie an.
„Nein, nein. Gerade 14 ist Finnian vor drei Monaten geworden. Sieben Jahre Altersunterschied sind gar nichts. Sie sollen ja auch noch nicht im Ingerimm heiraten. Es wird nur die Verlobung bekannt gegeben. Ich sorge dafür, dass sie frühestens heiraten, wenn Finnian die Schwertleite erhält, versprochen. Eher noch später. Wie wäre es an Arryns 17. Geburtstag?“
„Hört ihr mir nicht zu? Ich habe Nein gesagt!“ polterte Aldwein dazwischen. „Sie sind Verräter alle zusammen und ...“
Eberwulf unterbrach seinen Bruder: „Du magst ja recht haben. Aber immerhin wird er auch der Fürst von Albernia werden. Wer wäre wohl besser geeignet als eine Weidenerin, um dem Reich zu zeigen, dass Albernia und damit die Bennains wieder treu zur Kaiserin stehen werden. Gibt es jemanden auf den sich Rohaja mehr verlassen kann als auf uns? Hat unser Schild jemals gewankt? Haben wir schon einmal gezaudert? Haben wir nicht immer unsere Pflicht getan und selbst in so dunklen Stunden wie nach Ysilia treu zum Reich gestanden?“
Firnja versuchte es auf einem anderen Weg. „Das stimmt ja alles ... aber wir sind nur Junker und Herren über eine Burg. Das Fürstentum Albernia ist fast so groß wie Weiden!“
Eberwulf nickte kurz zustimmend entgegnete dann aber: „Das mag sein. Aber Arryn steht ja nicht nur für euch beide. Hinter ihr wird die ganze Familie Weißenstein stehen. Nur zwei oder drei Familien im Herzogtum kommen der unseren gleich oder überstrahlen uns. Und vergesst nicht meine Stellung! Ich kann mit der Herzogin sprechen und denke, dass sie uns unterstützen wird. Wenn ich abreise, werde ich als nächstes Thordenin in Fuchshag besuchen und auch ihn überzeugen. Wie ihr wisst, ist er mit einer Tochter des Grafen der Sichelwacht verheiratet. Ein paar Andeutungen über die Zukunft und was eine Heirat von einer Weißenstein mit Finnian für die Zukunft bedeuten kann, wird auch ihn überzeugen. Aldewein, du reist am besten noch zu Emmeran von Löwenhaupt. Ich denke alleine der Hinweis, dass du damals Arlan von Löwenhaupt bei den Unruhen gerettet hast, wird schon ausreichen ihn für uns zu gewinnen. Dazu kommt ja noch deine Art. Welcher aufrechter Weidener könnte dich denn nicht unterstützen?“
Aldwein war still geworden und fing an nachzudenken. Firnja ergriff wieder da Wort: „Selbst wenn das alles so stimmt und ganz Weiden für Arryn wirbt ... was ist mit Garetien, mit den Darpaten, die es noch gibt, mit den Almadanern, mit den Nordmärkern. Glaubst du wirklich, sie werden eine Weidenerin unterstüzten?“
Diese Einwände schienen an Eberwulf abzuperlen wie Wasser. Er schien sich seiner Sache sehr sicher: „Vielleicht, vielleicht. Aber du hast einige vergessen. Ich habe Gerüchte vernommen, dass der Kosch eine Weidenerin unterstützen würde, egal aus welchem Haus sie kommt. Die Greifenfurter haben – soweit ich gehört habe – niemanden, der in Frage kommt. Auch sie würden sicherlich eine Weidenerin unterstützen! Tobrien gibt es auch noch und sie stehen Weiden näher als jeder anderen Provinz! Die haben wir zwar alle keineswegs in der Tasche, aber doch gute Aussichten. Bei den anderen kommt noch etwas dazu. Die meisten von ihnen werden Idra nicht überzeugen. Schaut doch mal genau hin.
Eine Darpatin? Darpatien ist zerschlagen, liegt am Boden. Soll es das sein, was der zukünftige Fürst von Albernia an seiner Seite braucht? Wohl kaum!
Eine Almadanerin? Womöglich noch eine Verwandte eines der Häuser, die gerade Selindian bis zum Schluss treu waren? Ihr vergesst wohl, dass Almada sich bis vor kurzem selber gegen die Kaiserin aufgelehnt hat. Meint ihr, Kaiserin Rohaja würde es zulassen, dass der Sohn einer Reichsverräterin mit der Tochter eines Reichsveräters zusammengeht? Da ist die nächste Rebellion ja fast schon sicher!
Garetien? Ja Garetien könnte ein Problem werden. Aber die Bennains wollen mit dieser Heirat sicher ein Signal senden. Eines das zeigt das sie wieder treu und fest zum Reich stehen. Da ist eine Verbindung mit Weiden doch das viel bessere, als das mit Garetien. Es gibt wohl kaum eine Provinz die so untereinander zerstritten ist. Denkt nur an diese ewig lange Fehde um die Grafenkrone von Hartsteen. Die zukünftige Fürstgemahlin von Albernia wird viel zu tun haben um das Land nach diesem Bürgerkrieg wieder zu einen. Da kann es wohl kaum so jemand sein!
Die Nordmarken allerdings könnten ein Problem werden, denn Idra ist Baronin von Elenvina und hat immer zu vermitteln gesucht, im Krieg. Dennoch glaube ich, dass sie ihre Vasallen nicht derart brüskieren würde.“
„Meinst du wirklich?“ fragte Aldewein seinen Bruder und schien schon fast überzeugt. Nur selten tat er nicht das was sein Bruder für richtig empfand.
Doch Firnja gab sich noch nicht ganz geschlagen. „Diese Gedanken werden aber sicherlich noch andere Familien in Weiden haben. Was ist wenn es diverse junge Frauen aus Weiden gibt die von ihren Familien ins ... Rennen geschickt werden?“
Eberwulf überlegte kurz, er würde es nicht zugeben, aber dies sah er tatsächlich als größte Hürde an. Er war sich sicher, dass er die Albernier überzeugen konnte. Aber die Weidener?
„Nun, soweit ich bis jetzt gehört habe, wollen die Pandlaril wohl jemanden benennen. Auch Pfalzgraf Kornrath spielt angeblich mit dem Gedanken, eine Tochter seiner Familie zu benennen. Wer weiß, vielleicht gibt es noch unter den kleineren Häusern welche, die eine passende Braut hätten. Bis jetzt weiß ich aber von niemanden. Was gut ist. Herzogin Walpurga hat bereits verlauten lassen, dass das Herzogenhaus nur eine einzelne Kandidatin Weidens unterstützen würde. Das heißt, wenn wir die meisten Stimmen unter den Baronen gewinnen können, werden sie uns alle unterstützen. Es mag dann noch einzelne geben, die ausscheren könnten und auf ihrer Kandidatin bestehen werden. Das kann man nie ausschließen. Aber für Weiden wird nur eine stehen und ich bin mir sicher das wird eure Arryn sein!“
Firnja blickte zu ihrem Mann. Sie erkannte das Aldewein, wie immer, seinem Bruder und dessen Rat folgen würde. Auch sie musste sagen, so skeptisch wie sie anfänglich war. Ganz verschließen konnte sie sich den Argumenten von Eberwulf nicht. Sie fand daher, bevor sie sich zurückzog, ein vorläufiges Schlusswort: „Nun, schauen wir doch mal, was die nächsten Wochen so bringen, und was die Familien Weidens entscheiden.“