Ein neuer Besen kehrt auf Burg Urkenfurt
Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Mitte Firun 1043

Inzwischen hatte sich Lyssandra von Finsterborn bereits an den Anblick der Baronsburg gewöhnt. Oft war sie in der vergangenen Zeit von verschiedenen Richtungen auf die Burg auf dem Hochufer des Finsterbachs zugeritten. Sie mochte vor allem den Anblick vom Gegenufer des Fialgralwas, wenn man, so wie sie jetzt, von der Schwarzen Au aus auf Urkenfurt zukam.

Firun hielt die Baronie in seinen eisigen Fingern. Die Wiesen und Weiden waren unter einer weißen Decke verborgen, die Bäume, Hütten und Häuser, sowie die Türme und Mauern der Burg trugen Schneemützen. Der Himmel zeigte gerade noch eine blassviolette Färbung. Die Praiosscheibe war soeben hinter den Ausläufern der Wälder verschwunden. Bald würde es dunkel werden. Die Ortschaft Urkenfurt lag still im Tal zwischen den Hochufern des Finsterbaches, verbunden durch die steinerne Brücke, überwacht von der Burg, die sich über dem steilen Felsen, den der Fialgralwa durchschnitten hatte, erhob. Rauch kräuselte sich aus den Schornsteinen der einfachen Hütten und Fachwerkhäuser. Menschen waren keine zu sehen. Die eisige Kälte hatte sie in die Enge der Häuser gezwungen. Auch Lyssandra fror. Die Hände in den Lammfellhandschuhen schmerzten vor Kälte. Die Fußzehen in den Stiefeln fühlte sie gar nicht mehr. Vor Dardanellas Nüstern bildeten sich kleine Nebelwolken. Die Stute schien ebenso sehnsuchtsvoll auf die Burg zu blicken wie die Junkerin aus der Schwarzen Au. Dort drüben, wo sich die dunklen Mauern vor dem verblassenden Praiosschein abhoben, würden sie sich in Kürze aufwärmen und stärken können.

In den vergangenen Wochen nach der Bestattung ihres Vaters, hatte sich Lyssandra mit der Verwaltung des Lehens befasst. Sie hatte die wichtigsten Freibauern zum Gespräch geladen und sich einen Überblick über die Jagdgründe des Gutes verschafft. Diese Aufgabe hatte ihr Vater Theofried bisher nicht aus der Hand gegeben. Ebenso die Ausbildung und die Waffenübungen mit den Waffenknechten und Schildmaiden. Sie war nicht unglücklich, dass siw diese Aufgabe alsbald an Oberon und seine Frau Danja abtreten konnte. Lyssandra hatte sich in den vergangenen Jahren vermehrt mit der Verwaltung des Gutes und den Finanzen des Lehens befasst und nur noch selten an Waffenübungen und Turnieren teilgenommen. Sie konnte noch immer ein Schwert führen und war nach wie vor treffsicher mit dem Bogen, den ihr die berühmte Chirciner Bogenbauerin Olorandes gefertigt hatte, fand aber wenig Freude bei den Kampfübungen. Lieber ritt sie auf die Jagd und übte sich dort im Bogenschießen.

Das Pärchen aus Stegelsche, Oberon und Danja von Uhlredder, die sich als Dienstritter Lyssandra unterstellt hatten, war bereit in der Zeit in der sie dem von der Gräfin eingesetzten Vogt auf Burg Urkenfurt zur Seite stand das Lehen zu verwalten. Bald hatte sich herauskristallisiert, dass sich Danja mehr mit den verwalterischen Aufgaben wohlfühlte, wohingegen Oberon eher die kämpferischen Anteile übernehmen wollte. Da beide gerne der Jagd frönten, würden sie sich auch gemeinsam darum kümmern. Wobei Danja die wesentlich erfolgreichere Jägerin war. Auf jeden Fall hatte die Junkerin das Gut am Morgen des vorigen Tages beruhigt verlassen. Sie wusste es in guten Händen. Sie hatte mit Oberon vereinbart, dass er sie regelmäßig über Neuigkeiten informierte und sie auf dem Laufenden hielt.

Als nun der steile Abstieg ins Tal des Fialgralwas anstand, sprang Lyssandra aus dem Sattel. Der schneebedeckte, glatte Weg stellte eine große Gefahr für Reiterin und Pferd dar. Um das Risiko eines gemeinsamen Sturzes zu mindern, wollte die Junkerin zu Fuß gehen und Dardanella am Zügel führen. Die eiskalten Finger konnten die Zügel vor dem Absitzen kaum loslassen. Ein Strecken war nur mühsam möglich. Der Sprung auf den Boden ließ sie einen Schmerzenslaut ausstoßen. Die eben noch gefühllosen, tauben Füße, kommentierten das Aufkommen auf dem gefrorenen Grund mit einem atemraubenden Schmerz, der sich von den Zehen über die Sprunggelenke bis in die Beine hinauf blitzartig fortsetzte. Lyssandra atmete tief durch. Sie bekämpfte den Schmerz. Einige tiefe Atemzüge später fühlte sie sich in der Lage, den rutschigen, steilen Weg hinabzuklettern. Die treue Dardanella folgte ihr willig und aufmerksam.

Der schwierigste Teil des Weges war geschafft als sie die Brücke erreichten. Inzwischen war das Licht des Praiosmals schon geschwunden. Durch die Ritzen einiger Fensterläden konnte man den Feuerschein der Herdfeuer erkennen. Über dem Fluss stieg Nebel auf. Die Stimmung gefiel Lyssandra. Sie mochte Urkenfurt und fühlte sich fast schon heimisch im Dorf und auf der Burg.

Das Licht des Madamals, das sich zur Hälfte zeigte und somit wohl eine Woche alt war, wurde vom Schnee zurückgeworfen und erleichterte Lyssandra und Dardanella auf diese Weise den Aufstieg zur Burg. Sie hatte ihre Ankunft für den Abend angekündigt. Entsprechend waren die Wachen am Tor darauf vorbereitet. Schon das erste Klopfen am verschlossenen Tor wurde beantwortet. Die Klappe, über die man den Ankömmling identifizieren konnte wurde geöffnet. Schildknecht Trauwald lächelte erleichtert als er die Junkerin erkannte.

„Rondra zum Gruße, Wohlgeboren!“, begrüßte er Lyssandra.

„Den Gruß der Leuin auch für dich, Trauwald! Es freut mich, dich wiederzusehen!“

Die Junkerin führte ihr Ross durch das Tor, das nun zur Gänze geöffnet wurde.

Das Klappern der Hufeisen ihrer Warunkerstute schien sie anzukündigen. Zumindest erschien sogleich ein Stallknecht und nahm ihr Dardanella ab. Er beeilte sich auch ihr zu versichern, dass er die Satteltaschen in den Pallas bringen würde.

Lyssandra überquerte gerade den Hof, um sich zum Hauptgebäude der Burg zu begeben als sich die Magd Wigdis eilig vom Backhaus her näherte. Ihre Wangen waren gerötet, das blonde Haar steckte größtenteils unter einer Haube.

„Wohlgeboren! Wie schön Euch wiederzusehen! Kommt doch mit mir zum Backhaus und wärmt Euch auf. Dorntrud backt Brot und hat einen heißen Kräutertee für Euch!“

Das ließ sich die Junkerin nicht zweimal sagen. Sie lief an der Seite der plappernden jungen Frau zum Backhaus hinüber. Dorntrud erwartete sie bereits mit einem dampfenden Tonbecher.

„Travia zum Gruße, Wohlgeboren!“, wurde sie von der fülligen Köchin der Burg begrüßt. „Setzt Euch da drüben ans Feuer, Hohe Dame, und wärmt Euch auf. Heute ist es besonders kalt!“

Die Finsterbornerin schob sich den Hocker nah an den Herdplatz auf dem ein Feuer loderte und schnüffelte. „Eintopf?“, fragte sie.

Die Blondine nickte. „Ja, der Vogt liebt eher die einfache Küche. Er ist sehr anspruchslos.“

Lyssandra vermeinte ein Augenrollen zu erkennen. Sie lächelte.

„Kein Problem für mich. Was ist drin? Kohl, Rüben und Erbsen?“

Dorntrud nickte. Und ich habe Brotreste von gestern mit Knoblauch geröstet. Die kann man dann darüber streuen. Das gibt dem Ganzen eine knusprige und würzige Note.“

Sie hielt der Junkerin ein geröstetes Knoblauchbrot hin. „Hier, probiert!“

Das ließ sich Lyssandra nicht zweimal sagen. Ihr Magen knurrte vernehmlich. „Hmm, wie fein! Ich freue mich schon auf das Abendessen. Hast du auch wieder deinen berühmten Apfelkuchen gebacken?“

Lachend nickte Dorntrud und eine blonde Locke löste sich aus der Haube. Sie schob sie ungeduldig zurück unter den Stoff.

„Na, na, wer wird denn vor der Hauptspeise nach dem Nachtisch fragen?“

Nun musste auch Lyssandra lachen. Die Finger, die den warmen Becher hielten, kribbelten inzwischen und auch die Füße begannen erste Lebenszeichen zu geben. Sie trank erneut einen Schluck und fragte, wie es ihnen denn in der Zwischenzeit ergangen sei.

Die beiden Frauen wechselten Blicke. „Nun, es ist alles anders geworden. Für uns ist das nicht leicht so. Ritter Ludopoldt ist beleidigt, weil die Gräfin ihm den Vogt Winand Blaubinge vor die Nase gesetzt hat. Es scheint so als wenn Sie ihm in dem Brief, den sie mit einem Boten bringen ließ, Vorwürfe gemacht hat. Seither ist er extrem mürrisch und launisch… ich meine, das war er ja früher auch schon, aber jetzt spricht er auch mit uns fast kein Wort mehr. Er verschanzt sich im Torturm und nimmt kaum mehr am Burgleben teil. Selbst die Waffenknechte und Schildmaiden gehen fast auf Zehenspitzen an ihm vorbei, weil er sofort lospoltert, wenn ihm etwas querkommt.“

Die Junkerin nickte verstehend. „Na prima. Und nun komme auch noch ich daher. Die Gräfin wollte unbedingt, dass ich den Vogt unterstütze. Sie wollte die Verwaltung der Baronie nicht Ritter Ludopoldt und auch nicht dem Vogt alleine überlassen.“

Nun mischte sich Wigdis ein. „Entschuldigt, Hohe Dame, aber das kann ich verstehen! Ludopoldt hat sich nur um die Dinge gekümmert, die ihm angetragen wurden. Er sah seine Hauptaufgabe in der Verteidigung der Burg und hat andere Aufgaben nur unwillig übernommen. Aber das wisst Ihr ja selbst“, fügte sie an.

„Und dieser Winand Blaubinge? Wie muss ich mir den so vorstellen?“, hakte die Finsterbornerin nach.

Dorntrud und Wigdis wechselten Blicke.

„Hm“, begann die Köchin. „Ich würde mal sagen, er ist ein Erbsenzähler, wenn Ihr versteht, was ich damit meine.“

Die Magd fügte noch hinzu, dass er wohl um die 60 Winter alt war und in allem sehr anspruchslos. „Merthold hat gestern gesagt, dass er wohl zum Lachen in den Keller geht.“

Die 19jährige kicherte. Lyssandra trank den letzten Schluck Tee aus. „Na, da bin ich ja mal gespannt, was mich erwartet. Dann will ich mir mal ein eigenes Bild von dem Herrn machen. Ich würde mich gerne frisch machen. Wigdis, kannst du mir bitte eine Kanne mit warmem Wasser in die Kammer bringen?“

Das Nicken der Magd war als überaus freudig zu bezeichnen. „Aber Ihr könnt auch ein Bad nehmen, Wohlgeboren. Dann lasse ich einheizen!“

Auch wenn der Gedanke an ein warmes Bad durchaus verlockend klang, gab Lyssandra dem nicht nach. Sie wollte sobald wie möglich den Vogt kennenlernen.

„Nein danke, heute nicht, Wigdis. Aber ich komme die Tage darauf zurück. Ich nehme an, Winand Blaubinge ist bereits informiert worden, dass ich da bin. Ich will ihn nicht so lange warten lassen.“

Die beiden Frauen nickten.

„Sicher, Wohlgeboren. Ich bringe Euch zu Eurer Kammer. Es ist dieselbe wie beim letzten Mal.“

Wigdis war aufgesprungen. Lyssandra verabschiedete sich von der Köchin und verließ gemeinsam mit der Magd das Backhaus.

***

Winand Blaubinge war ein kleiner, hagerer Mann von vielleicht 60 Wintern. Sein Haupthaar hatte sich bis auf einen nahezu horizontal abstehenden, grauen Kranz gänzlich gelichtet. Die Oberlippe zierte ein schmaler, nicht besonders dichter, grauer Bart. Das Grau seiner Iris war gemustert mit dunklen, teils braun schimmernden Lakunen. Flink wanderten seine Augen durch den Raum und schienen jede Kleinigkeit zu bemerken.

„He, Bärnwart!“ rief er quer durch den Thronsaal. „Die Gürtelschließe sitzt nicht mittig. Wie sieht denn das aus! Unmöglich! Richte er das!“

Der Waffenknecht, der zu den Wachmännern der Burg gehörte, salutierte müde. „Sehr wohl, Achtbarer Herr Blaubinge!“ Dann trat er zurück und postierte sich neben der Thronsaaltür. Traugunde Plötzenbühler, die Lyssandra zum Essen abgeholt hatte, trat mit dem Gast dem Vogt gegenüber und stellte sie vor.

„Werter Vogt Blaubinge. Das hier ist Ihre Wohlgeboren Lyssandra von Finsterborn, Junkerin der Schwarzen Au.“

Lyssandra streckte die Hand aus. „Rondra und Travia zum Gruße, werter Vogt!“

Winand Blaubinge straffte sich. Er sah aus als habe er eine Hellebarde verschluckt.

„Rondra zum Gruße, Euer Wohlgeboren! Und die Grüße der Eidmutter selbstverständlich noch dazu!“
Zuckersüß kam ihm der Gruß von den Lippen. „Ich bin hocherfreut Euch kennenzulernen. Die Gräfin hält große Stücke auf Euch!“

„Es muss sich wohl erst noch erweisen, ob ich dem standhalten kann. Ich bin aber sicher, dass sie auch Euch in Ehren hält, sonst hätte sie Euch nicht diese heikle Aufgabe übertragen.“

Der Blaubinger nickte zustimmend. „Das kann man wohl sagen! Also, das mit der heiklen Aufgabe. Es ist wirklich viel Arbeit und ich habe gerade erst angefangen mir einen Überblick zu verschaffen.“

Er ließ in seiner steifen Haltung nur geringfügig nach. Dann wanderte seine rechte Augenbraue nach oben. „Der Hausstand hier scheint jedoch froh zu sein, dass Ihr mich von nun an unterstützen werdet. Es scheint fast so als wären das Gesinde mit mir unzufrieden.“

„Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, versicherte Lyssandra.

„Na, ich meine es wundert ja nicht, dass sich in diesem Hause, in dem solche untragbare Zustände geherrscht haben, eigenartige Sitten eingebürgert haben.“
Indigniert rümpfte Winand Blaubinge die Nase.

Die Finsterbornerin antwortete ausweichend. „Soweit ich das beurteilen kann, kann sich das nur auf den zerrütteten Geist des Baronets bezogen haben. Ich gehe davon aus, dass Grimmwulf von Hartenau und ihr Gemahl das Lehen gut verwaltet haben. Und ich kann vom Gesinde und den Wachleuten nur das Beste berichten!“

Nun schüttelte der Vogt unzufrieden das Haupt. „Also, wenn Ihr mich fragt, dann ist das alte Sprichwort nur zu richtig: „Wie der Herr, so´s Gescherr!“ Also wie die Herrschaft so die Untergebenen.“

Er funkelte Traugunde Plötzenbühler kalt an, die dann auch sofort ein „Ich ziehe mich dann mal zurück!“ murmelte und verschwand.

Winand Blaubinge machte eine einladende Bewegung mit der Linken. „Kommt bitte an die Tafel, Wohlgeboren, und nehmt an der Spitze Platz. Dieser Sitz gebührt selbstverständlich Euch!“

Es war ein seltsames Gefühl auf dem Hochlehner der Baronin Platz zu nehmen, aber vermutlich hatte der Vogt recht. Ihr gebührte dem Rang zufolge der Platz an der Stirnseite.

Ein Krug mit Wasser und einer mit Dorntruds selbstgebrautem Bier standen bereit. Der Vogt winkte einem jungen Mann, den Lyssandra noch nicht kannte. Er hatte sich bislang im Hintergrund gehalten. Der blasse etwa 18 Winter zählende Jüngling mit dünnen, blonden Locken, die sein ausdrucksloses Gesicht umrahmten, trat vor.

„Engolf, warte uns auf!“, befahl Winand Blaubinge.

Der junge Mann fragte mit dünner, etwas zu hoher Stimme was die Junkerin trinken wolle. Lyssandra entschied sich für einen klaren Kopf und nahm das Wasser. Vielleicht würde sie später gerne zu einem heißen Met übergehen, aber zunächst wollte sie sich ein Bild der Lage machen.

Winand Blaubinge ließ sich ebenfalls Wasser einschenken. „Entschuldigt, ich vergaß Euch Engolf vorzustellen, mein Mündel.“

Nun war die Frage geklärt, warum der Finsterbornerin der junge Mann unbekannt gewesen war. Der Vogt begann erneut.

„Ich möchte die Zeit nutzen, bevor Ritter Ludopold zu uns stößt und Euch von meinem Auftrag in Kenntnis setzen. Die Gräfin sandte mich hierher, um einen Überblick über die Zustände am Hof, unter dem Gesinde und den direkten Untergebenen zu bekommen. Zudem soll ich die finanziellen Verhältnisse prüfen, die Verwaltung der zum Lehen der Baronie gehörigen Ländereien in Augenschein nehmen und wohl in der wärmeren Jahreszeit einige Kontrollbesuche bei den Aftervasallen, also den Junker- und Rittergütern, den Eigenhörigen und Freibauern machen, sowie eine Volkszählung durchführen. Dafür werde ich dann auch noch ein paar Helfer anheuern müssen.“

Lyssandra hörte aufmerksam zu. Das klang tatsächlich nach viel Arbeit. Die Gräfin hatte den Vogt mit einer anspruchsvollen Aufgabe betraut. Sie würde ihn dabei zu unterstützen wissen.

„Ja, das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und erklärt warum die Gräfin mich gebeten hat Euch zu unterstützen. Wir sollten uns morgen in Ruhe ansehen, welche Aufgaben ich für Euch übernehmen kann, wo ihr meinen Rat benötigt und wie ich euch hilfreich zur Seite stehen kann.“

Der Blaubinger lächelte verkniffen. „Hm, ja, hm. Seid Ihr denn in der Lage, das alles zu überblicken und zu verstehen?“

Nun hob die Junkerin überrascht und ein wenig indigniert die Augenbrauen. „Das will ich wohl meinen, mein Herr! Ich bin Junkerin des größten Lehens der Baronie und schon aus diesem Grund meine ich Euch eine Hilfe sein zu können. Dazu kommt, dass ich die anderen Vasallen der Baronin persönlich kenne, einige sogar zu meinen Freunden zähle. Das wird Eure Aufgabe sicher erleichtern. Ich bin zuversichtlich, dass sich einige der Aufgaben, durchaus auch delegieren lassen.“

Nachdem der Vogt nicht sofort eine Erwiderung parat hatte, fuhr Lyssandra fort. „Nach meiner Schwertleite habe ich fast drei Götterläufe im Lieblichen Feld verbracht, wo ich bei der Familie meiner Mutter lebte und eine intensive Zeit in der Domänenverwaltung zubrachte. Zudem erlernte ich die Grundzüge des Rechtswesens wie es dort angewandt wird. Ich denke doch, dass mich das schon prädestiniert Euch als Beraterin zur Seite zu stehen, nicht wahr?“

Winand Blaubinge schien wieder zu sich zu kommen und stellte fest, dass die Junkerin eine Antwort erwartete.

„Sicher, sicher, Wohlgeboren. Es tut mir leid, wenn der Verdacht aufkam, dass ich an Eurer Expertise Zweifel hätte.“

Lyssandra kommentierte die Entschuldigung mit einem knappen Kopfnicken. In diesem Moment klopfte es und Traugunde Plötzenbühler ließ den Dienstritter Ludopoldt von Geißenbart eintreten. Mit stampfenden Schritten näherte sich der gut 60 Winter zählende Mann. Er trug eine lange Tunika in den Farben des Baroniewappens: weiß und blau über der braunen Bruche. Dolch und Schwert steckten im Schwertgurt, den er offenbar auch zum Abendmahl nicht ablegte. Der Haaransatz des ergrauten Haupthaares war schon weit zurückgewichen, der Blick wirkte müde und die Lippen waren schmal zusammengepresst, was ihm einen verbitterten Gesichtsausdruck bescherte.

„Rondra zum Gruße, Wohlgeboren!“, grüßte er Lyssandra knapp. Den Vogt bedachte er gar nur mit einem Kopfnickten. „N´Abend, Vogt!“.

Er zog sich den Stuhl gegenüber des Blaubingers heraus und nahm Platz. Der Blick wanderte zu Lyssandra, die am Kopfende des Tisches saß. Mürrisch knurrte er: „Ich weiß nicht, was sich die Gräfin davon verspricht, mir nicht nur diesen Federfuchser zu schicken, sondern auch noch dich, Lyssandra. Hast du nicht genug zu tun mit deinem Junkergut? Musst du dich auch noch hier in Urkenfurt wichtigmachen?“

Die Finsterbornerin holte tief Luft. Sie musste die Unverschämtheit erstmal verdauen. Ihre Contenance verbot es ihr jedoch, unbedacht loszupoltern. Die Denkpause, die entstand, nutzte der Vogt für eine Riposte.
„Ritter von Geißenbart, ich muss schon sehr bitten! Ihro Hochwohlgeboren, Griseldis von Pallingen, hat gute Gründe, mich als vorübergehenden Verwalter einzusetzen. Und, mit Verlaub, aber Euer Auftreten zeigt es fürwahr erneut, warum sie es tat. Ich erinnere Euch nur ungern daran, dass ein solcher Affront gegen die Junkerin von Finsterborn, die eigens von der Gräfin ausgesucht wurde, mich zu unterstützen, vollkommen deplatziert ist. Mäßigt Euch, Wohlgeboren!“

Wigdis trug Schalen und Löffel auf, ein Knecht brache die Terrine mit dem Eintopf. Die Magd schöpfte jedem von ihnen zwei Löffel in die Schalen und reichte ein Brot dazu. Den Rest des Brotes stellte sie in einem Korb auf den Tisch.

Mit Appetit griff Lyssandra zu. Der Eintopf schmeckte herrlich. Einfach aber schmackhaft zubereitet. Nach einer Zeit des gefräßigen Schweigens, wischte sich Winand Blaubinge den Mund mit einer Serviette ab und richtete eine Frage an den Dienstritter.
„Wie weit seid Ihr mit der Inventur, Ritter von Geißenbart? Können die Junkerin und ich uns morgen einen Überblick verschaffen?“

„Pah“, platzte der Geißenbart heraus. „Wie viele Erbsen wollt Ihr denn noch zählen, Vogt Blaubinge? Reicht es nicht langsam?“

Winand Blaubinge verzog geziert und angewidert die Lippen. „Es ist nicht an Euch, meine Aufgabe infrage zu stellen, Wohlgeboren! Dieses Lehen fällt nach dem Tod der Baronsfamilie zurück an die Gräfin. Sie hat ein Anrecht darauf zu wissen, wie es um die finanzielle Lage der Baronie und des direkten Baronslehens steht und ob es ordentlich von den von Hartenaus verwaltet wurde. Schließlich muss sie ja wissen, was das an sie zurückfallende Lehen wert ist.“

Ludopoldt stopfte sich noch ein Stück Brot in den Mund, mit dem er zuvor seine Schüssel ausgewischt hatte. „Pah, Listen und Zahlen! Als wenn Griseldis das einen feuchten Kehricht interessiert! Nicht einen Blick wird sie darauf werfen! Ihr verschwendet Eure Zeit und was noch viel schwerer wiegt – meine! Dass Ihr eine Freude an solch bürokratischen, zeitraubenden und vollkommen unnötigen Beschäftigungen findet, glaube ich wohl, ich aber habe Besseres zu tun. In den Wäldern der Baronie muss das Schwarzwild gejagt werden, der Holzeinschlag für die Burg muss überwacht werden und die Vorratsspeicher der Baronin… äh, also des barönlichen Eigentums, muss auf Mäuse, Ratten und Schimmel untersucht werden. Das ist jetzt meine eigentliche Aufgabe… nicht das Zählen von Hellebarden, Dolchen und Pfeilen!“

Der Vogt der Gräfin von Bärwalde atmete tief durch. „Ich denke, das Abendessen ist jetzt beendet, Wohlgeboren. Ich werde mich dann mal zurückziehen!“

Er gab der Magd Wigdis noch die Anweisung ihm um die Perainestunde einen Becher heißer Milch mit Honig zu bringen. Dann stand er auf, verneigte sich steif vor der Finsterbornerin und nickte Ludopoldt kurz und knapp zu.

„Möge Bishdariel Euch erholsam schlafen lassen.“

Als er an der Tür des Thronsaals angekommen war, prallte Winand Blaubinge fast mit der Köchin Dorntrud zusammen, die gerade den Apfelkuchen bringen wollte. Der Vogt ignorierte ihr „Aber Herr Blaubinge! Ihr werdet doch den Nachtisch nicht verschmähen!“

„Nachtisch?“ Winand Blaubinge verharrte kurz. „Wieso gibt es einen Nachtisch? Werden so die Vorräte für den Winter verprasst? Firun wird uns noch lange geißeln! Da heißt es sparsam sein, mit den Lebensmitteln! Merk´ dir das, Dorntrud!“

„Jawohl, Herr Vogt!“, erwiderte die Köchin gehorsam. „Ich wollte ja nur diese völlig überreifen Äpfel einer sinnvollen Verwendung zuführen. Wegwerfen kann ja nicht in Eurem Interesse sein, oder?“

Der Blaubinger stutzte. „Nein, sicherlich nicht. Na, wenn das so ist…. Dann hebe sie mir ein Stück auf. Ich esse es morgen.“

„Sehr wohl, achtbarer Herr!“ Dorntrud verneigte sich vorsichtig, um den Kuchen nicht zu gefährden.

Fast schien es als versuchte der Vogt zu lächeln. Es blieb jedoch bei dem Versuch. Er eilte sogleich mit kleinen Tippelschritten davon.

Lyssandra und Ritter Ludopoldt hingegen ließen es sich nicht nehmen, den frischen Apfelkuchen der Burgköchin zu probieren. Er schmeckte wie erwartet wunderbar.

Allerdings kam kein rechtes Gespräch mehr zustande. Ludopoldt stopfte das noch lauwarme Gebäck Löffel für Löffel in den Mund und kaute missmutig. Lyssandra hingegen versuchte sich den Genuss nicht nehmen zu lassen.

***

 

Am kommenden Tag traf Lyssandra nach dem Frühstück den Vogt in der Küche bei Dorntrud an. Aber nicht etwa, weil er sich eine kleine Leckerei besorgen wollte, nein, er hatte ein großes Pergament auf dem Arbeitstisch der Köchin ausgebreitet und notierte eifrig. Die Wangen der rundlichen Dorntrud zeigten eine unnatürlich rötliche Färbung.

„Wie viele Kochlöffel, sagtest du?“, fragte gerade Winand Blaubinge.

„Zehn!“, knurrte Dorntrud.

Der Vogt tunkte die Feder ins Tintenfass und malte die beiden Ziffern auf sein Pergament.
„Und wie viele große und kleine Töpfe?“

„Was jetzt? Große oder kleine oder alle zusammen? Und wo fängt bei Euch groß an?“, die Köchin war denkbar ungehalten.

Winand Blaubinge hielt inne und sah auf. Sein Blick ging in der Küche umher. „Nun, das dort ist ein großer Topf!“, sagte er und zeigte auf einen Kupferkessel, der Eintopf für sicherlich 20 bis 30 Personen fassen konnte. „Und das hier…“ damit wies sein Zeigefinger auf einen kleineren Topf für Soßen oder um Milch für ein paar Becher warmzumachen. „… ist ein kleiner Topf!“

Dorntrud seufzte hörbar. „Nun von den großen haben wir drei, von den kleinen fünf. Aber es gibt noch welche dazwischen.“

Stirnrunzelnd hob der Vogt erneut den Kopf nachdem er bei Töpfe groß eine 3 gemalt hatte.
„Bei Travia, das ist kompliziert! Und wofür braucht es überhaupt so viele Töpfe?“

Nun riss der Köchin der Geduldsfaden. „Kreizbirnbaumundhollerstauden! Ich mache meine Arbeit und Ihr Eure. Für meine Arbeit brauche ich eine bestimmte Anzahl an Töpfen und Tiegeln. Punkt!“

Nun seufzte der Vogt vernehmlich. „Nun gut, wie viele mittlere Töpfe gibt es?“

„Fünf!“ giftete Dorntrud und sah die eingetretene Finsterbornerin hilfeheischend an.

Lyssandra räusperte sich. Nun erkannte auch der Vogt, dass er nicht mehr mit der Köchin alleine war.

„Ah, Wohlgeboren! Wie schön, dass Ihr Eure Hilfe anbietet!“ Er reichte die Feder an die Finsterbornerin weiter. „Übernehmt Ihr hier bitte die Inventur! Ich muss noch einmal in den Torturm und dort die Arbeit des Zeugwartes überwachen.“

Winand Blaubinge wirkte erleichtert, dass er die nervenaufreibende Zählerei mit der bockigen Köchin der Junkerin überlassen konnte. Und sogleich tippelte er in seinen kleinen Schritten eilig über die Holzaußentreppe zum Burghof hinunter.

„Puh! Endlich! Ihr habt mich gerettet, Wohlgeboren!“ Dorntrud wischte sich über die Stirn, obwohl kein Schweißtropfen zu erkennen war. „Dieser Erbsenzähler raubt mir den letzten Nerv! Einen Tee?“

Lyssandra nickte grinsend. „Gerne, Dorntrud! Also beides… ich freue mich, als deine Retterin aufgetreten zu sein und einen Tee hätte ich auch gerne.“

Nun kehrte das Lachen auf die rundlichen Backen der Köchin zurück. Sie goss etwas Kräutertee in einen Becher und reichte ihn der Finsterbornerin. Dann nahm sie sich auch einen Becher und ließ ihr voluminöses Hinterteil auf einen dreibeinigen Hocker fallen.
„So geht das seit Tagen! Winand Blaubinge ist ein Tüpferlscheißer!“

Lyssandra konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Dabei verschluckte sie sich an dem ersten heißen Schluck Tee den sie genommen hatte. Hustend und prustend kaschierte sie, dass sie den derben Begriff für den Vogt durchaus passend fand. Als der Tee wieder den richtigen Weg hinaus aus den Bronchien gefunden hatte, erwiderte sie: „Nun, er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Aber im Grunde müsstest du auf die Gräfin ärgerlich sein. Sie hat ihm diesen Auftrag erteilt. Er tut nur, was im aufgetragen wurde. Und mir wird nichts anderes übrigbleiben als ihn darin zu unterstützen.“

Dorntrud zog eine Schnute, seufzte dann aber schwerfällig. „Ja, muss wohl so sein. Aber ein Geizhals ist er auch noch! Ständig kritisiert er, dass ich zu viel kochen würde, dass das ja kein Mensch essen könne, dass die Portionen pro Person zu groß wären, die Zutaten zu teuer… und, und, und… ich habe das Gefühl es ihm gar nicht recht machen zu können.“

Die Junkerin zuckte mit den Schultern. „Manchen Leuten kann man es auch nicht recht machen. Du weißt doch, wie sehr deine Kochkünste auf der Burg geschätzt werden und ich kann dir nur versichern, dass ich bislang immer höchst zufrieden war. Aber vielleicht kann ich dir helfen. Ich wünsche mir einfach etwas Leckeres zum Essen und dann kann der olle Knauserer wohl nicht viel einwenden. Was meinst du? Ich hätte Lust auf einen Semmelschmarrn. Wäre das möglich?“

Dorntruds Augen strahlten. „Oh ja! Natürlich! Wir haben noch Brotreste von gestern und heute habe ich auch schon welches gebacken. Und aus den schrumpeligen Äpfeln koche ich Apfelmus dazu. Ich freue mich schon darauf!“

„Na, prima!“ Lyssandra konnte erkennen, dass sich die Stimmungslage aufhellte. Sie nahm noch einen kräftigen Schluck von dem Tee. Dann beugte sie sich über die angefangene Inventarliste.
„Nun gut, dann lass uns erstmal weitermachen. Wie sieht es mit Pfannen aus, Dorntrud? Wie viele gibt es da? Große und kleine…“

***

Zum Abendessen gab es den von Dorntrud versprochenen Semmelschmarrn. Lyssandra schwelgte. Sie liebte Mehl-und Eierspeisen wie diese. Dass Dorntrud einige Zeit im Kosch verbracht hatte, kam ihr sehr gelegen.

Vogt Winand Blaubinge hatte die Köchin misstrauisch angesehen und gefragt, wer ihr denn den Auftrag dazu gegeben hatte etwas anderes als Eintopf zu kochen.

Dorntrud räusperte sich. Sie wollte es nicht sagen, um die Junkerin aus der Schwarzen Au nicht in Verlegenheit zu bringen.

Lyssandra erhob sofort die Stimme. "Das Gericht gibt es auf meinen Wunsch hin. Ich weiß, dass Dorntrud das wunderbar kocht und noch dazu ist es ideal zur Resteverwertung. Nicht wahr, Dorntrud?"

"So ist es", pflichtete die blonde Köchin ihr zu. "So kann ich das alte Brot einer sinnvollen Verwertung zuführen."

Der schmächtige Vogt sah von einer Frau zur anderen. Er schien ein Komplott zu vermuten, besann sich dann aber und nickte.

"Das ist gut. Wenn es dazu dient weniger wegzuwerfen. Sehr gut! Wohlschmecken!"

Er hielt die Nase über die Mischung aus in Milch eingeweichten Brotstücken, die mit Eiern vermengt und mit Schmalz in der Pfanne ausgebacken worden waren.

"Apfelmus?", fragte Dorntrud und hielt dem Vogt die Schüssel mit frisch eingekochtem Apfelmus hin.

Wieder folgte ein misstrauischer Blick von der Köchin zur Junkerin und zurück. "Hm, aus den schrumpeligen Äpfeln, die dringend verarbeitet werden mussten, nicht wahr?"

"So ist es, angesehener Herr!", Dorntrud lächelte zuckersüß.

"Na, dann, gib mir davon!" Winand Blaubinge probierte und sogleich wanderten die Augenbrauen nach oben.

"Hm, wohlschmeckend! Mein großes Lob, Dorntrud! Falls mal wieder Brotreste da sein sollten….  Kannst du das wieder machen!"

Die Köchin lächelte erleichtert und verbeugte sich.

Ritter Ludopoldt ass ebenfalls mit großem Appetit, doch wortkarg wie schon am Vortag. Einmal noch ging es um die Inventur, sonst verlief das Essen schweigend.

Nach dem Essen verabredeten sich Lyssandra und der Vogt zu einem Humpen Bier, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ritter Ludopoldt wurde nicht eingeladen. Er verzog sich schmollend.

***

Vor dem prasselnden Feuer im Kamin hatten sich der Blaubinger und die Finsterbornerin zu einem Gespräch getroffen.
Winand Blaubinge begann aufzuzählen was schon erledigt oder zumindest beauftragt war und welche Aufgaben noch der Erledigung harrten. Da war vor allem der Zensus der durchgeführt werden musste und dann die Begutachtung der finanziellen Situation der Baronin. Persönliche Güter, Rücklagen, die Einnahmen durch den Zehnt und die eigenen Güter. Das alles musste festgestellt und einer genauen Überprüfung unterzogen werden.

Lyssandra nickte. “Nun ja, ich kenne natürlich die meisten Adeligen, was es einfacher machen würde, die Volkszählung durchzuführen. Aber wenn ich die Gräfin richtig verstanden habe, dann wollte sie, dass ich hier bin, für den Fall, dass wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. Und naja, Ihr seid der Vogt. Auf Euch kann man hier auch nicht verzichten. Wie wäre es, wenn man Ritter Ludopold mit einigen Bütteln ausschickt? Er kennt, so denke ich, alle Adeligen und könnte sich den nötigen Respekt verschaffen. Zum zweiten wäre er sinnvoll beschäftigt. Ludopoldt scheint sehr damit zu hadern, dass die Gräfin mir mehr vertraut als ihm und er bei allem was mit der Zukunft der Baronie zu tun hat in der Zuschauerrolle ist.”

Winande Blaubinge nickte. “Sehr richtig, Wohlgeboren. Das ist eine gute Idee! So hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ich werde ihm das morgen gleich vorschlagen. Er soll sich vier bis fünf Büttel suchen und dann losziehen. Und wir können uns in Ruhe mit den Berechnungen des Vermögens befassen. Ich sehe schon, dass die Gräfin sehr genau wusste, warum sie mir Euch als Beraterin zur Seite gestellt hat. Ihr seid eine kluge Frau.”

Die Junkerin wusste nicht recht, ob sie das als Kompliment oder als Affront betrachten sollte. Wollte er ihr schmeicheln oder aussagen, dass er Frauen die praktische Intelligenz eines Mannes absprach? Dasselbe galt für die Gräfin? Traute er ihr etwa nicht zu, die richtige Person für diese Aufgabe auszusuchen?
“Ich gehe schon davon aus, dass die Gräfin ihre Entscheidung mit Bedacht getroffen hat und freue mich, dass Ihr meinen Vorschlag unterstützt. So wollen WIR also Ritter Ludopoldt morgen den Vorschlag unterbreiten, nicht wahr? Auf gute Zusammenarbeit, Winand Blaubinge!”

Sie hob ihren Humpen und prostete dem Vogt zu. Die Aussicht darauf Ritter Ludopoldt eine Weile los zu sein, schien die Stimmung des Blaubingers deutlich zu heben. Er lächelte sogar als er den Trinkspruch erwiderte.

 


 

Eine unerwartete Ehre
Burg Urkenfurt, Anfang Rahja 1043

Gerade legte sich Lyssandra von Finsterborn die Listen zurecht, die sie an diesem Tag mit dem Vogt, den die Gräfin von Bärwalde eingetzt hatte durchgehen wollte, um die Datenlage für den Rückfall der Baronie Urkentrutz an die Gräfin zu sichten. Der Blaubinger war ein geradliniger Mann, pingelig bis in die Haarspitzen. Lyssandra schätzte seine Strukturiertheit, aber ärgerte sich bisweilen darüber, dass er sich in unwichtige Details verlor. Wie auch immer, pünktlich, als habe er eine innere Uhr, erschien Winand Blaubinge im Schreibzimmer der früheren Baronin Grimmwulf von Hartenau. Er trug mehrere Pergamentrollen unter dem Arm. Mit einem Blick erkannte Lyssandra an einer von ihnen das gräfliche Siegel.

"Den Zwölfen zum Gruße, Wohlgeboren!", begann der Vogt die tägliche Routine. "Ritter Ludopoldt hat die neueste Liste des Census in der nordwestlichen Gemarkung der Baronie gesandt. Es betrifft die Gebiete rund um die Güter Hollergrund und Kardenbrache, sowie den Weiler Queckingen."

Dir Junkerin der Schwarzen Au nickte ungeduldig, ihr Blick war weiterhin auf den versiegelten Brief gerichtet. Als der Vogt bereits im Programm fortfahren und näheres vom Census berichten wollte, unterbrach sie ihn.

"Und was ist damit?", fragte sie.

Winand Blaubinge folgte ihrem Fingerzeig. "Ach ja, richtig. Hätte ich beinahe vergessen. Ein Brief der Gräfin ist ebenfalls eingegangen."

Er hielt ihn Lyssandra hin. "Ist an Euch adressiert, Wohlgeboren."

Die Finsterbornerin streckte die Hand aus und nahm die Briefrolle entgegen. Auf dem Siegel prangte der schwarze Luchs, hoch aufgerichtet, mit wehrhaften Pranken. Es war das Siegel der Grafschaft, nicht das persönliche Siegel der Pallingerin. Also wohl ein offizielles Schreiben. Unruhe stieg in Lyssandra auf. Das war in jedem Fall wichtiger als der Census.

Den Brieföffner in der Hand zögerte sie einen Augenblick. Sie suchte nach einer Möglichkeit, den wäschsernen Luchs nicht zu zerstören. Vorsichtig setzte sie die Klinge des altertümlichen Dolches an, der für solche Zwecke durchaus geeignet schien. Ihr horasischer Onkel Garis hatte Lyssandra die Kniffe beigebracht, wie man Siegel öffnete ohne sie zu zerstören. Er war zwar weitaus geschickter darin gewesen als sie, auch aufgrund mangelnder Praxis, doch gelang es der Finsterbornerin, das gräfliche Siegel zu lösen ohne es zu zerbrechen. Einzig ein paar Wachskrümel fielen auf den Schreibtisch.

Lyssandra entrollte das Pergament und erkannte die akurate Schrift eines professionellen Schreibers. Sie las die Zeilen. Je mehr sie las, desto schneller klopfte ihr Herz, bald trommelte der Pulsschlag von innen gegen ihre Schläfen. Der Brief enthielt eine Einladung nach Pallingen zur Verteidigung zur Baronin von Urkentrutz. Sie sollte im Praios den Baronsreif und Urkentrutz zum Lehen erhalten.

Lyssandras atmete tief durch. Die gräfliche Begründung war die Wertschätzung ihrer Loyalität und Rechtschaffenheit. Die solchermaßen Geehrte konnte kaum fassen, dass sie, die in ihren Augen nicht mehr als ihre Pflicht getan hatte, die Baronswürde erhielt. Sie ließ die Briefrolle sinken.

Winand Blaubinge betrachtete Sie fragend.

"Wichtige Neuigkeiten aus Pallingen?"

Die Finsterbornerin nickte stumm. Sie reichte dem Vogt den Brief. In wenigen Augenblicken hatte er die Zeilen überflogen. Seine Augenbrauen schnellsten hoch. Man konnte erkennen, dass es hinter seiner Stirn arbeitete. Dann, nur Wimpernschläge später, schaltete er von Verwunderung auf Verehrung um. Er senkte das Knie und als er im Kniestand angekommen war, auch den Kopf.

"Meine höchste Verehrung, Euer Hochgeboren! Ich bitte die Zwölfe um ihren Segen für die neue Baronin von Urkentrutz!"

Lyssandra lief rot an.

"Erhebt Euch, Winand Blaubinge! Noch bin ich nicht offiziell die Baronin. Doch sollte es Anfang Praios tatsächlich zur Vereidigung kommen, freue ich mich über die Ehre und Eure Loyalität. Habt Dank!"

Auch wenn es sie drängte ihrer Tochter und den Burgbewohnern die Neuigkeiten zu überbringen, rief sich Lyssandra zur Raison. Sie ließ sich vom Blaubinger die neuesten Censuszahlen präsentieren und trug alles gemeinsam mit dem Vogt in die Listen ein. Diese Zahlen würden gemeinsam mit der Danksagung am kommenden Tag schon auf dem Weg zur Gräfin sein.

 

***

Kurz vor der mittäglichen Jause rief Lyssandra ihre jüngste Tochter Eylin zu sich.

Die Neunjährige war wie so oft bei der Köchin Dorntrud gewesen und kam fröhlich plappernd in die private Kammer, die Lyssandra nutzte, seit sie auf der Burg lebte.

"Stell dir vor, Mutter, ich habe heute angefangen Dorntruds Rezepte aufzuschreiben, damit Roselind sie nachkochen kann, wenn wir wieder zuhause sind."

Die Finsterbornerin lächelte ob solch vorausschauenden Handelns ihrer Jüngsten. Oder war der Eifer ihrer Vorliebe für Essen geschuldet?

"Das ist ansich eine hervorragende Idee, meine Süße… "

Die Miene des Mädchens verfinsterte sich. Zornesfalten bildeten sich auf der jungen Stirn, die dunklen Augen funkelten böse.

"Was soll das heißen? Eigentlich… musst du immer was auszusetzen haben an meinen Einfällen?

Die Mutter legte besänftigend ihre Hände auf die Schultern des Kindes.

"Mitnichten Eylin! Ich freue mich über deinen Ideenreichtum und darüber, dass du dich im Schreiben übst. Du kannst dir mit dem Projekt aber Zeit lassen, denn wir werden nicht in die Schwarze Au zurückkehren, zumindest nicht dauerhaft."

Eylin riss die Augen auf und auch der Mund mit den geschwungenen Lippen blieb ein wenig offenstehen.

"Was soll das heißen ´Wir kehren nicht in die Schwarze Au zurück`? Kehre etwa nur Ich zurück? Schickst du mich alleine nach Hause? Oder gehst du ohne mich? Oder… "

Sie fragte sich ob ihre Mutter nun doch zu dem Entschluss gekommen war, sie als Pagin in den Dienst eines Weidener Adeligen zu geben. Urplötzlich verstummt wartete die Jüngste der Junkerin auf eine Antwort ihrer Mutter.

Lyssandra hielt ihr das Schreiben der Gräfin hin.

"Na, du kannst jetzt beweisen, dass du bereits ebenso gut lesen wie schreiben kannst."

Mit einem trotzigen Schmollmund nahm Eylin den Brief entgegen. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich jedoch schlagartig als sie das Siegel der Gräfin näher betrachtete.

"Oh, wie hübsch! ", entkam es ihr. Die kindlichen Finger fuhren sachte über die erhabene Figur des Luchses.

"Ein Panther?", fragte Eylin unsicher.

"Ein Luchs!", berichtigte die Mutter.

Das Mädchen löste den Blick von dem wächsernen Siegel und begann die geschwungenen Lettern zu entziffern. Sie las laut vor. Es ging schon recht gut und bald war sie an dem Punkt auf den es ankam.

Eylin sah zu ihrer Mutter hoch.

"Die Gräfin lädt dich ein!", sagte sie beeindruckt. Dann fuhr sie mit dem Lesen fort.

Wieder ging der Blick zur Mama. "Ist das wahr? Sie macht dich zur Baronin von Urkentrutz?"

Glänzende Augen begleitet von einem strahlenden Lächeln sahen Lyssandra begeistert an. Eine Frage formte sich auf Eylins geschwungenen Lippen.

"Heißt das, dass ich jetzt Baroness bin?"

Die Finsterbornerin hob mahnend den Zeigefinger. "Noch nicht! Ich muss zunächst vereidigt werden! Aber danach sind Minerva und du Baronessen und Theofried Baronet."

Eylin hüpfte auf und ab.

"Uiiii! Das ist toll, von heute auf morgen sind wir Hochgeboren, auch wenn wir gar nicht hoch geboren sind!"

Sie lachte und nun musste Lyssandra mit einstimmen.

"Ja, da hast du recht. Wenn man es genau nimmt, dann dürften sich wohl erst eure Kinder so nennen. Aber ich glaube, das wird nicht so eng gesehen."

"Bekommst du auch eine Krone?", wollte die neugierige Neunjährige wissen.

"Einen Baronsreif, ja den schon."

"Und ich? Bekomme ich auch eine Krone oder so nen Reif oder so?"

Eylin reckte den Kopf in die Höhe und stolzierte durch den Raum.

"Nein", entschied die Finsterbornerin resolut.

Eylins Lippen formten sofort wieder eine Schnute.

"Ooch, das ist aber doof! Warum darfst nur du so ne Krone haben?"

"Baronsreif!", stellte die Mutter klar.

"Weil ich die Baronin werde. An dem Tag, an dem ich sterbe, wird deine Schwester den Baronsreif erben. An dich ginge er nur, wenn deine beiden Geschwister stürben, bevor sie eigene Kinder haben."

Das blonde Mädchen hörte aufmerksam zu. Sie versuchte das Gehörte zu verarbeiten. Dann ließ sie resignierend die Schultern hängen.

"Ne, dann will ich das Ding gar nicht haben!" Sie dachte nach. "Aber vielleicht gibt es ja so was wie ein Baronessenkrönchen?"

Lyssandras vernichtender Blick beendete die Diskussion. Die Mutter beschloss das Thema zu wechseln.

"Aber du kannst mich zur Vereidigung begleiten, wenn du willst. Und natürlich frage ich auch deine Geschwister und Onkel Horatio und Tante Ysilda. Magst du mir später helfen die Einladungen zu schreiben?"

"Oh ja, gerne!", freute sich Eylin.

"Und jetzt sagen wir es Dorntrud, Wigdis, Traugunde und den anderen. In Ordnung?"

Lyssandra streckte einladend die Hand aus und die Neunjährige griff zu.

"Oh ja, das machen wir. Ich kann es gar nicht erwarten!"

 

***

Wenig später hatte sich die gesamte "Burgfamilie" im Thronsaal eingefunden. Wigdis hatte auf Wunsch Lyssandras alle zusammengerufen. Die Anspannung war deutlich wahrnehmbar. Allen war klar, dass eine wichtige Verlautbarung folgen würde. Nur worum genau es sich handelte, war noch nicht durchgesickert. Der Vogt hatte offenbar nichts ausgeplaudert.

Lyssandra erhob sich von dem Platz an der Stirnseite der langen Tafel, an der allerdings nicht alle einen Sitzplatz gefunden hatten. Einige Burgbewohner mussten hinter den Stühlen der Sitzenden Aufstellung nehmen.

Schlagartig kehrte Ruhe ein. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Es war nicht viel Zeit gewesen sich eine formvollendete Rede auszudenken. Also würde sie aus dem Stegreif versuchen müssen, die richtigen Worte zu finden.

 

Die Junkerin begann damit sich bei allen für ihre Unterstützung bei der Bewältigung der schwierigen Situation nach den unglücklichen Ereignissen und der nachfolgenden Bestandsaufnahme in Burg und Baronie zu bedanken. Lyssandra würdigte die Arbeit des Vogtes, Ritter Ludopoldts, der noch immer in Sachen Census unterwegs war, aber bald zurückerwartet wurde und der ganzen Burgfamilie, die jeder für sich auf seine Art dazu beigetragen hatte, dass die Gräfin in Pallingen zufrieden war.

"Ich erhielt heute einen Brief der Gräfin, in dem sie ihr Lob und Ihre Anerkennung für die Bewältigung der Situation ausspricht. Ich möchte dieses Lob gerne an euch weitergeben und euch von Herzen danken. Nun nähert sich das Ende dieser Aufgabe, wie sich auch der Aufenthalt des Vogtes Winand Blaubinge einem Ende nähert… "

Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. Ihr Blick wanderte über die Gesichter der Burgbewohner. In manchen, wie dem Gesicht der Köchin, der Hausdame und der Magd Wigdis vermochte sie so etwas wie Betrübnis zu lesen, in andern war keinerlei Reaktion zu beobachten.

"Die Gräfin hat das Lehen neu vergeben."

Sie war sich der vollen Aufmerksamkeit der Burgbewohner gewiss.

"Und das bedeutet, dass wir uns auch in Zukunft täglich sehen und zusammenarbeiten werden. Die Gräfin hat mir die Baronswürde zugedacht. Anfang Praios wird sie mich in Pallingen vereidigen." 

 

Nun war es raus. Eylin jubelte noch einmal und auch Wigdis und Dorntrud konnten ihre Freunde kaum verhehlen. Auch Traugunde Plötzenbühler und die meisten Knechte und Mägde wirkten sehr zufrieden. Die Reaktionen der Waffenknechte und Schildmaiden war hingegen recht unterschiedlich. Vom anerkennenden Kopfnicken bis zum versteinerten Gesichtsausdruck war alles dabei. Lyssandra versuchte sich die unterschiedlichen Reaktionen gut einzuprägen. Es könnte wichtig werden, wenn es um Loyalität und die Vergabe von Posten ging.

Sie machte den Burgbewohnern klar, dass sich zunächst einmal nichts ändern sollte und gab bekannt, dass sie das Weitere mit Ritter Ludopoldt besprechen wollte, wenn er vom Census zurückgekehrt war. Dann erhob sie den Humpen und sprach gab einen Trinkspruch zum Besten.

"Mögen die Zwölfgötter ihre Hände schützend über unsere wunderschöne Baronie Urkentrutz und die Gräfin von Bärwalde halten!"

Nun reckten sich ihr alle Humpen entgegen und vielstimmig wurde der Trinkspruch wiederholt.

 

***

 

Oberon von Uhlredder hörte die Hufeisen auf den Steinen des Hofes und war erleichtert. Es bedeutete das Danja endlich von ihrem Tagwerk zurückkam. Eigentlich hatte er vorgehabt mit ihrer Hilfe die Bücher der Schwarzen Au durchzugehen, zu bearbeiten und auf Stand zu halten. Er war keineswegs unerfahren in derlei Dingen. Doch unterschieden sich Gut Stegelsche der Familie Uhlredder und das Gut der von Finsterborns gehörig voneinander. Nicht nur dass es mit den Obstbäumen, Einbeeren usw. ganz anders aufgestellt war. Nein, es war auch in allem einfach viel, viel größer und mehr als Stegelsche. Oberon hatte das Gefühl, dass es von so gut wie allem hier das Zehnfache gab wie auf Stegelsche. Er teilte sich die Arbeit mit Danja und heute war die Aufteilung, dass er über dem Schreibkram hing während sie sich wieder mit dem vermaledeiten Zaun rumschlug. Ein Teil des Zaunes, der die Vierblättrigen Einbeeren schützte war marode und musste dringend repariert werden, um mögliche Räuber von den wertvollen Früchten fern zu halten. Doch die Leibeigenen, mit Hilfe derer Spanndienste diese Reparaturen durchgeführt werden sollten, fanden jeden Tag andere Ausreden so dass es einfach nicht fertig werden wollte.

Danja betrat mit einem schweren Seufzer den Raum. Oberon erkannte sofort, dass dieser Tag ihr wirklich sehr viel Selbstbeherrschung abverlangt hatte.

“Ich schwöre dir...ein Stundenglas mehr und ich hätte die Methoden meiner Vorfahren ausgepackt und gezeigt wie Bronnjaren mit renitenten Bauern umgehen….”

Oberon nahm sie in den Arm was irgendwie nicht wirklich zur Beruhigung beitrug.

“Was soll das jetzt? Einmal in den Arm nehmen über den Kopf streichen und alles ist gut oder was? Oberon ich sag dir, wenn das so weitergeht, müssen wir die Knute auspacken! Die Gemeinen scheinen testen zu wollen wie weit sie gehen können jetzt wo der alte Junker nicht mehr ist.”

Oberon machte beschwichtigende Gesten.

“Das weiß ich doch….aber nicht mehr heute. Mach dich eben frisch und dann setzen wir uns draußen in den Schatten. Ein Brief von Lyssandra ist heute gekommen und ich wollte ihn mit dir zusammen öffnen. Also er ist privat an uns gerichtet und nicht als Vögtin oder so!”

Danja seufzte noch einmal und nickte dann aber zustimmend.

 

Ein halbes Stundenglas später saßen beide auf hölzernen Stühlen an einem kleinen Tisch. Auf diesem waren zwei Jausenplatten, ein Krug kühlen Apfelmosts mit entsprechenden Bechern und als Abschluss eine kleine Tonflasche mit Haselnussschnaps und zwei Pinnchen.

Das Ehepaar genoss die warme Abendsonne im Rahjamond und speiste eine Weile friedlich vor sich hin. Sie erzählten sich dies und das. Schließlich griff Oberon nach dem Brief.

“Dann wollen wir mal!”

Er öffnete den Umschlag, entfaltete den Brief und begann zu lesen. Danja sah sofort, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein musste. Aber es schien nichts Schlimmes zu sein. Mit einem Blick der Danja irgendwie an den erinnerte als Oberon seine Kinder jeweils zum ersten Mal im Arm gehalten hatte, gab er den Brief Danja weiter.
Während sie mit größer werdenden Augen las schenkte Oberon die beiden Pinnchen bis zum Rand voll. Danja war fertig mit dem Lesen, ließ den Brief auf ihren Oberschenkel sinken und sah Oberon an.

“Oh ja, den brauch ich jetzt!”

“Was für Neuigkeiten!”

“Ist dir klar was das bedeutet?”

“Was meinst du?

“Na wir sind jetzt die Dienstritter einer Hochgeboren...einer Hochadeligen...einer Weidener Baronin! Überleg mal...von dieser Art gibt es nur ein paar Dutzend. Und sie alle sind etwas Besonderes. Nicht zu vergleichen mit einem Baron aus den südlichen Provinzen oder gar der Goldenen Au. Ich würde und das als Bornländerin, sogar sagen, ein Weidener Baron übertrifft von der Bedeutung sogar die Bronnjaren. Vielleicht nicht alle von Ihnen, aber es gibt keinen Weidener Baron, der unter einer Brücke schläft…”

Oberon wurde die Bedeutung dieser Erhebung auch bewusster. Die Ehre und Reputation die seine Schwester damit erlangte.

Er hob sein Pinnchen.

“Und wir sind dabei und werden ihr helfen und sie unterstützen. Auf die neue Baronin von Urkentrutz, unsere Lyssandra von Finsterborn!”

 

***

Oberon und Danja blieben eine Weile in dieser Hochstimmung bis ihnen noch ein Detail einfiel: Minerva, Oberons Knappin. Sie war nicht nur Lyssandras älteste Tochter. Nein, sie war jetzt auch die Erbin einer Baronie. Beide unterhielten sich noch eine Weile und lasen den Brief erneut. Prüften, ob darin etwas enthalten war was sich vielleicht auf Minverva bezog, denn auch deren Leben würde sich nun definitiv ändern. Oberon und Danja wurde bewusst, dass damit zu einen zwar auch ihre eigene Stellung gestiegen war, aber natürlich auch die Ansprüche an der Ausbildung, die sie Minerva zukommen lassen mussten. Zuerst aber sollten sie das Mädchen informieren. Die beiden hatten ihr heute Abend extra freigegeben und von der Aufgabe befreit ihnen als Knappin aufzuwarten. Danja wusste auch, dass sie sich heute mit ein paar Freunden treffen wollte. Sie entschieden der Knappin noch eine Nacht Unbeschwertheit zu lassen. Auch wenn Erbin eines Junkergutes ja auch schon nicht wenig war.

 

Am nächsten Morgen wunderte sich Minerva sehr als sie am Frühstückstisch auch für sich eingedeckt sah und man ihr bedeutete Platz zu nehmen. Oberon und Danja kamen wenig später und setzen sich als ob nichts anders wäre als sonst. Eine Küchenmagd bediente und Minerva sah misstrauisch ihren Schwertvater und dessen Frau an.

„Habe ich etwas angestellt?“

„Nein…keineswegs.“

„Aber warum bestrafst du mich dann und entbindest mich von meinen Aufgaben?“

„Aus Gründen.“

Danja hörte diesem Spiel von Oberon kurz zu beendete dies dann aber mit einem ´Oberon es ist genug´. Dieser nickte zustimmend und sah Minerva eindringlich an, der das nun wirklich komisch vorkam.

„Wir haben gestern einen Brief von deiner Mutter bekommen. Es hat sich was ereignet…etwas, das Auswirkungen auf unser aller Leben hat. Und so wie es sich für Weidener gehört, sag ich dir jetzt ohne große Umschweife was. Die Gräfin von Bärwalde hat deine Mutter zur neuen Baronin von Urkentrutz ernannt. Die Familie von Finsterborn wird die neue Baronsfamilie von Urkentrutz. Ja, Baronin! Nicht Vögtin, sondern sie hat ihr den Baronsreif gegeben. Was gleichzeitig bedeutet, dass du ab sofort die Erbin eines Baronsthrons bist!“

Minerva musste erst einmal ein paar Mal schlucken und durchatmen. Sie war vollkommen überrumpelt.

„Was…wie…was muss ich jetzt tun? Was sollen wir machen…und wie und wann?“

Oberon legte seiner Schwerttochter die Hand auf die Schulter

„Sei unbesorgt. Wie kriegen das alles hin. Deiner Mutter wird es wahrscheinlich gerade ähnlich gehen wie dir. Wir haben beschlossen, dass es wohl das Beste ist, wenn wir gleich heute aufbrechen und sie besuchen. Gemeinsam können wir dann alles besprechen. Entscheiden wie es weitergeht mit jedem von uns.“

Minerva brachte nicht viel mehr als ein Nicken zustande und wirkte beim Frühstück auch eher appetitlos. Als sie ein gutes Stundenglas später alle drei auf ihre Pferde stiegen war ihr Blick immer noch etwas in die Ferne schweifend.

Oberon war auch sehr in Gedanken. Er fragte sich ob er wohl weiterhin der Schwertvater einer Baronserbin sein konnte. Er ein einfacher Ritter…

Lyssandra würde einiges zu entscheiden und überdenken haben.