Hollerheide, Junkergut Wiesenrath, Rondra 1031 BF

Wiesenrath mit dem erst jüngst neu errichteten Gutshof der Pandlaril-Wellenwiese rückte langsam näher und war nunmehr auch schon gut zu erkennen. Den Grenzstein des Junkerguts hatten sie schon vor einiger Zeit hinter sich gelassen und waren seitdem an Äckern und Weiden vorbeigefahren. Sie waren von Hahnbrück aus über Grauweiler gereist um dann im Süden der Baronie auf dem „Alten Weg“ weiter zu ihrem Ziel zu fahren. Mit dem bepackten Wagen schien es der beste Weg zu sein.

Wiesenrath hatte den letzten Zug der Orks und seine Folgen offenbar gut überwunden. In dem kleinen Dorf waren die Spuren beseitigt worden und auch der bekannte „Knochenhauer Hof“, ein Gasthaus in dem viele Reisende auf ihrem Weg von oder zum Rhodenstein gerne einkehrten, war neu errichtet worden. Ihr Ziel lag jedoch etwas abseits des Dorfes. An der Stelle des alten Gutshofes war ein solider Turm mit einem anschließenden Gebäude aus Fachwerk errichtet worden. Das Gesindehaus, ein Stall und das kleine Backhaus des Gutes und Dorfes rundeten das Bild ab. Umgeben war alles von einer stabilen und wehrhaften Mauer. Die Pandlaril-Wellenwiese schienen entschlossener denn je ihren Besitz zu schützen.

Als Ifirdane das Dorf hinter sich gelassen hatte und sich langsam dem Gut näherte, wurde sie auch schon erwartet. Eine Magd öffnete gerade den zweiten Flügel des Gutstores, so dass sie ohne weiteres auf den Hof fahren konnten. Dort war ein Knecht gerade damit beschäftigt den Hof sauber zu halten. Auch wenn dieser bereits einen äußerst sauberen Eindruck machte, ging der Mann seiner Arbeit gewissenhaft nach.

„Travia zum Gruß und willkommen in Wiesenrath, Wohlgeboren“, begrüßte sie der Junker, als sie dort einfuhren. Der groß gewachsene Ritter trat den Ankömmlingen aus dem Haupthaus entgegen. Er trug einen wattierten Waffenrock und hatte an seiner Seite lediglich einen Langdolch. Gilborn trat an den Wagen und reichte Ifirdane die Hand, um ihr vom Wagen zu helfen. „Lasst uns hineingehen, während der Wagen entladen wird.“

„Aber gerne Wohlgeboren!“ Bewundernd schaute sich Ifirdane beim Absteigen um. Ich muss euch ein Lob aussprechen. Die Menge an Holz die ihr bei uns gekauft habt, kündete davon, dass ihr hier tüchtig wart, aber ich muss schon sagen, dass es meine Vorstellungen übertrifft, was ihr in dieser Zeit gebaut habt.“ Anerkennend nickte sie ihm zu und folgte ihm mit klopfendem Herzen in das Hausinnere. Hier würde sie sicher auf den Rest der Familie treffen, der ihr von früheren Begegnungen noch einigermaßen in Erinnerung war.

„Habt Dank. Mögen die Zwölfe geben, dass das Gut nun viele Generationen überdauert.“ Bei diesen Worten klopfte er kurz gegen den Türrahmen, als wolle er sich von der Stabilität des Hauses überzeugen. „Nun wo wir hier alles getan haben, können wir uns dran machen die nördlichen Weiden anzugehen. Wir brauchen einen neuen Stall für die Darpatrinder, die ich bei unserer Verwandtschaft im wehrheimschen gekauft habe. Mit Eurer Lieferung können wir das endlich angehen.“

Der Junker ging seinem Gast voran in die gute Stube des Gutes, in der es wärmer war, als zu dieser Jahreszeit gemeinhin üblich. Dort saß nah am Feuer in einem massiven Lehnstuhl ein alter Mann im Ornat eines Praios-Geweihten, über die Beine noch eine wärmende Decke gelegt, der friedlich vor sich hin döste. Nahe dem Fenster zum Hof saß auf einer einfachen Holzbank die Alt-Junkerin Wiesenraths. Die grauen Haare streng nach hinten gebunden. In ihrer verbliebenen rechten Hand hielt sie ein kleines Büchlein, über dessen Rand hinaus sie die Ankömmlinge kurz musterte, ehe sie es beiseite legte.

„Ihr kennt meine Großmutter ja.“ Ifirdane schritt auf die in Ehren ergraute Frau zu und begrüßte sie angemessen zaghaft lächelnd. Die Greisin wirkte sehr kühl auf sie. „Meinem Großonkel lassen wir lieber seinen wohl verdienten Schlaf.“ Verständnisvoll und gleichzeitig erleichtert pflichtete Ifirdane ihrem Gastgeber bei. Gilborn deutete auf einen Stuhl nahe dem Fenster. „Setzt Euch doch, Wohlgeboren.“ In diesem Augenblick betrat auch schon eine alte Magd das Zimmer, um den Anwesenden etwas zu trinken zu bringen. „Ah wunderbar, also noch einmal ein herzlich willkommen auf Wiesenrath. Es freut mich, dass Ihr endlich selbst zu uns findet und Euch ansehen könnt, was wir auch mit Eurem Holz geschaffen haben. Leider ist meine Frau mit meiner Schwester und den Kindern nach Moosgrund gereist. Sie hätte Euch sicher gerne kennen gelernt.“

„Das ist natürlich schade, bitte richtet ihr meine besten Grüße aus und entschuldigt vielmals, dass ich ohne Ankündigung gekommen bin.“ Dankbar nahm sie der Magd das kühle Nass ab, und trank in Travias Namen einige Schlucke auf die Gastgeber. Wieder einmal musste sie feststellen, dass sie was ihre nächsten Nachbarn anging lausig informiert war. Kinder? Das musste ihr wohl entgangen sein! Sie überspielte ihre Unsicherheit und redete sogleich munter weiter. „Ich musste einfach der Enge meiner Schreibstube entkommen.“ Aus Gewohnheit griff die junge und nicht eben groß gewachsene Frau an ihre Seite, an der sogar in dieser Gewandung ein Schwert gegürtet war, und legte die Rechte ganz selbstverständlich darauf ab, so als ob das der einzige Platz wäre, wohin sie gehörte. „Da ich Mitteilung erhielt, dass eine letzte Lieferung aus eurer Bestellung fertig gestellt worden war, dachte ich, dass ich die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen sollte und mich persönlich bei euch für das Vertrauen bedanken, dass ihr nach wie vor in die Arbeit der Hahnbrücker Sägemühle gesetzt habt. Ich weiß, dass in den Jahren, in denen erst mein Bruder Gieselhold und später meine Schwester Feengunde durch den Schreiber vertreten wurden, die Geduld manch treuer Kunden arg strapaziert worden ist.“

„Wenn Ihr wollt das etwas gut gemacht wird, dann haltet es immer im Auge oder tut es selbst, Wohlgeboren“, mischte sich nun Algunde in das Gespräch ein. „Es ist eine alte Unsitte, dass sich viele unseres Standes nur der vermeintlich angenehmen Seiten des Adelsstandes widmen.“ Die Alt-Junkerin musterte Ifirdane kurz. „Die Qualität Eures Holzes hat uns schon immer überzeugt. Wenn es jetzt wieder wie zu Zeiten Eurer Eltern und Großeltern ist, umso besser.“

„Danke für euren Rat Wohlgeboren.“ sprach sie in Richtung Algundes. „Ich teile eure Ansichten und muss sagen, dass die Zeiten des Schreibers auf unserem Gut ihr Ende gefunden haben. Auch wenn ich noch lange nicht soviel vom Kaufmännischen verstehe wie ich es mir wünsche, denke ich doch, dass ich zumindest was die Zufriedenheit meiner Kundschaft angeht, wesentlich erfolgreicher bin. Er war “- Ifirdane begann mit den Händen vage zu gestikulieren- „…nunja er bürgte schließlich nicht mit seinem Namen für die Arbeit und zuletzt war der Verbrauch an teurem Roten auf Hahnbrück sehr hoch geworden wie mir zugetragen worden war. Baron Tobor musste eben eine Übergangslösung finden, nachdem erst mein Bruder vor Ysilia und dann meine Schwester Feengunde bei diesem unseligen Kampf in die Heide gegangen waren.

Ich denke der Bursche kann sich mit dem, was er in den letzten Jahren…- Sie machte mit hochgezogenen Brauen eine bedeutungsvolle Pause-… an Salär erhalten hat für seine verbliebene Zeit auf dem Deregrund ausgesorgt. Im Umgang mit den Zahlen konnte ihm bislang keiner was vormachen oder Unregelmäßigkeiten feststellen.“

Die Alt-Junkerin nahm die Worte missmutig zur Kenntnis. Wenn der Kerl auf Kosten der Hahnbrückerin geprasst hatte, dann war das schon genug, um ihn zu bestrafen. Und wenn sie selbst nichts in den Büchern fand, dann sollte sie jemanden holen, der sich drauf verstand. Ein Rhodensteiner oder Praiot würde etwas finden, wenn es etwas zu finden gebe. Aber das sollte nicht ihre Sorge sein. Lektionen wie diese musste ein jeder selbst lernen.

„In der Tat, die Qualität hat immer gestimmt. Ebenso wie der Preis.“ Gilborn nahm einen tiefen Schluck, ehe er fortfuhr. Kein Wunder war es doch zu warm in der Stube. „Es freut mich, dass Ihr selbst gekommen seid, dann kann ich Euch morgen auch selbst das Geld übergeben und muss nicht auf einen Boten vertrauen. Aber genug davon, wie steht es um Hahnbrück? Wie man hört steht es auch um Eure Papiermühle gut.“

Die Edle von Hahnbrück bekam allmählich rote Wangen. Diese Hitze hier drinnen würde sie noch umbringen. Es war so stickig! Wie konnte Gilborn das nur aushalten in seinem Wams. Ihr Kleid verschaffte ihr wenigstens um die Beine einen Lufthauch.

„Die Papiermühle! Ja, ich muss sagen, sie hat mich die letzen Wochen stark beschäftigt. Wie ihr sicher bemerkt habt, waren die Lumpensammler geraume Zeit nicht mehr unterwegs. Unser Papiermeister ist in die Jahre gekommen, und sein Sohn, Peraine möge sich seiner annehmen, ist nicht ganz“ - die Frau tippte sich leicht an die rechte Schläfe- „bei Trost, sodass er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten konnte. Phex sei dank kam vor einem Mond ein horasicher Wandergeselle vorbei, der um Anstellung bat. Ich bin froh, dass die beiden sich inzwischen wunderbar ergänzen und die Produkte sprechen für sich. Werft doch einmal einen Blick hierauf.“

Die junge Edle vermochte es kaum zu verbergen wie stolz sie auf das Ergebnis dieser gedeihlichen Zusammenarbeit aus ihrer Papiermühle war. Sorgfältig packte sie einige Bögen aus einem gewachsten Tuch aus. Sowohl Gilborn als auch Algunde reichte sie einen Büttenbogen in dem auch ein ungeübtes Auge das verbesserte Wasserzeichen der Hahnbrücker Wassermühle klar und deutlich sehen konnte. Auch die Hadern im Papier, so schien es, waren feiner als bislang gewohnt.

„Ein Liebfelder?“ Der Junker nahm einen der Bögen und gab einen weiteren an seine Großmutter weiter. „Nun, sein Handwerk versteht er jedenfalls. Hoffe nur der Bursche gehört nicht zu der Sorte Liebfelder, die alles besser wissen.“ Mühsam versuchte Ifirdane ein Grinsen zu unterdrücken und schielte unschuldig auf den Boden. Die meisten Anfangsschwierigkeiten waren nämlich genau aus dem Grund entstanden, dass zwei ausgesprochene Besserwisser aufeinander getroffen waren. Erst als ihr der Geduldsfaden gerissen war, was selten genug vorkam, hatten sie sich am Riemen gerissen. Gilborn hielt das Blatt nun gegen das Licht und studierte die Qualität genau, ehe er den Bogen an Ifirdane zurückgab. „Freut mich für Euch. Mir scheint nach all den Fährnissen der letzten Götterläufe, meinen es die Zwölfe gut mit Hollerheide und seinen Bewohnern.“

„Praios ist mit denen, die sich seiner stets bewusst sind“, meldete sich nun leise eine Stimme aus Richtung des Kamin zu Wort. Offenbar hatte Ehrwürden genug geruht, denn der alte Geweihte schlug nun auch die Decke zu Seite und war daran langsam aufzustehen. „Perval, lass Dir doch helfen.“ Schnell war Algunde auf den Beinen, um ihren Bruder zur Hilfe zu eilen. Eine Hilfe die der alte Mann eigentlich nicht zu brauchen schien. Er war zwar schon recht gebrechlich, doch auf einen schön gearbeiteten Stock gestützt, machte er den Eindruck auch ohne Hilfe voran zu kommen. „Danke meine Liebe. Mir scheint es wird schon wieder kälter, jetzt wo der Mond des Götterfürsten hinter uns liegt.“ Mit zugekniffenen Augen schaute er sich im Raum um. „Ist das Walwige, die ich höre oder mit wem redest Du da junger Gilborn?“

„Meine Schwester ist noch nicht aus Moosgrund zurück. Es ist Besuch aus dem Norden Hollerheides, mit dem ich gesprochen habe. Die Edle Ifirdane Hahnbrück von Blaubinge beehrt uns mit ihrer Anwesenheit.“ Der Junker war aufgestanden, als Perval ihn angesprochen hatte. „Wohlgeboren, ich glaube Ihr kennt meinen Großonkel, seine Ehrwürden Perval Gurvan von Wehrheim. Offensichtlich waren wir zu laut oder sein Schlaf nicht so tief wie wir alle dachten.“

„Ach, Hahnbrück sagst Du?“ Der Praiot ging langsam auf die beiden zu. „Algunde, Liebe. Erinnerst Du Dich noch? Ich war junger Geweihter in Trallop. Ich glaube wir hatten damals einen Novizen der auch so hieß. Kunibrand oder so ähnlich. Aber das ist ja im Moment nicht so wichtig. Praios mit Euch mein Kind.“

Sofort fühlte sich Ifirdane in ihre Zeit als Page zurückversetzt, in der sie unter den gestrengen Augen eines Geweihten Lesen und Schreiben erlernt hatte. Automatisch begann sie ihre Haltung zu korrigieren und ein unverbindliches Lächeln zur Schau zu stellen.

„Praios zum Gruße Ehrwürden. Ich hoffe ihr verzeiht mir, dass ich euren Schlaf gestört habe. Es lag mitnichten in meiner Absicht euch zu wecken.“ Artig verneigte sie sich vor dem noch rüstigen Alten. Auch wenn sie getrübt waren, verrieten seine Augen doch einen wach Geist. „Der Novize aus Trallop den ihr erwähnt hattet ist mir zu meiner Schande unbekannt. Doch ich denke, der Name Blaubinge ist, Aves sei Dank, weit verbreitet. Gerne hätte ich schon eher meine Aufwartung gemacht, doch musste ich mich nach meiner Rückkehr aus Weidenhag erst in die brach liegenden Aufträge einarbeiten, bevor ich nun nach und nach bei den Nachbarn vorstellig werde, um alte Freundschaften und Handelsbeziehungen zu erneuern.“

„Hahnbrück, nicht Blaubinge mein Kind.“ Der Praiot lächelte milde und es lag kein Tadel in seiner Stimme. „Mit einem Blaubinge hatte ich einst die Ehre als Geweihter in Wehrheim dem Götterfürsten dienen zu dürfen. Seine Ehrwürden war ebenso wie ich ein Liebhaber der Choräle Sankt Gurvans. Ein stolzes Geschlecht, das wohl gerühmt und weit verbreitet ist, das sind die Blaubingens ohne Frage. Bürde und Privileg zugleich, wenn man einem solchen Stamm entstammt. Vergesst also nie woher ihr stammt und wer Ihr seit mein Kind.“

„Sicher nicht Ehrwürden, ich werde mein Bestes tun, den mir zugedachten Platz einzunehmen und ihn eingedenk meiner Pflichten auch auszufüllen.“ Das Knistern des Feuers begleitete die entstehende Redepause. Unauffällig warf Ifirdane einen Blick auf die anderen Anwesenden. Ihr war unerträglich warm geworden. „Die Ehrenwerte Vögtin Baraya ist nur ganz vernarrt in Zahlen, und ich komme kaum noch aus meiner Studierstube heraus, vor lauter Arbeit. Vielleicht könnten wir uns draußen einen Überblick über eure Neuerungen verschaffen? Ich war schon so lange nicht mehr hier.“

„Gut, Gilborn zeige ihrer Wohlgeboren doch das Gut. Ich werde mit Perval noch einen kurzen Spaziergang machen.“ Wie immer schien Algunde eine klare Vorstellung davon zu haben, was zu tun war. „Gerne, wir haben allen Grund stolz auf unser Gut zu sein und ihr werdet Euch freuen zu sehen, was wir mit Eurem Holz geleistet haben.“ Der Junker nickte seiner Großmutter kurz zu. „Wir sehen uns zum Abendmahl.“

Noch als sie den Raum verließen, konnte man hören wie das alte Geschwisterpaar sich langsam daran machte es ihnen gleich zu tun. Beide waren in ein Gespräch über die Zeit ihrer Jugend vertieft, in dem es offenbar um jenen Diener des Götterfürsten aus Wehrheim ging, von dem der alte Praiot zuvor noch gesprochen hatte. „Am Besten wir gehen erst einmal auf den Wehrgang, von dort kann man doch alles am Besten überblicken. Aber sagt, ist es wirklich so schlimm mit der Vögtin? Versteht mich nicht falsch. Ich schätze sie und wir alle können stolz sein, dass der Baron eine solche Tochter hat. Aber ich weiß nicht. Bei diesen Gelehrten weiß ich nie so recht woran ich bin.“

„Oh da sprecht ihr mir aus der Seele Wohlgeboren! Ich kann es auch kaum nachvollziehen, wie jemand freiwillig die Aufträge der letzten Jahre nacharbeitet, nur um sich mal eben einen Überblick zu verschaffen, wie Baraya mir gegenüber kürzlich anmerkte, als ich ihr die Bücher der vergangenen Jahre bringen sollte. Da ist sie ganz anders als ihr Bruder. Er scheint sich mehr für…wie will ich sagen…sein Land zu interessieren, dass er irgendwann einmal als Baron verwalten wird. Daher ergänzen sie sich wohl derzeit ganz gut in der Art und Weise wie sie ihren Vater entlasten.“ Froh über die frische Brise, die ihr jetzt wieder um das Gesicht wehte lächelte sie verschmitzt ihren Gastgeber an. „Wer wohl das Rennen um die Gunst Hochgeboren Lanzelunds machen wird?“ Ifirdane dachte so bei sich, dass man meinen könnte, dass er da schon jemanden ins Auge gefasst hatte nach seinem Gebalze auf der Rahjensjagd.

„Mhm,“ Gilborn kratzte sich nachdenklich an seinem Kinn. „Am Liebsten wäre mir als Baron wohl jemand der beide Qualitäten in sich vereint. Wobei ich eines nicht verhehlen will. Seine Hochgeboren Lanzelund scheint mir noch so manches lernen zu müssen, ehe er den Aufgaben eines Barons gewachsen ist.“ Das was der Junker von Lanzelund wusste, erinnerte in noch allzu sehr an seinen Bruder. Beide hatten noch nicht erkannt, dass das Leben eines Adligen mehr war als Turniere zu besuchen und sich die Zeit mit vermeintlichen Lustbarkeiten zu versüßen. Schmunzelnd fuhr er fort, „Ohne Frage muss aber auch unsere Vögtin häufiger aus der staubigen Studierstube hinaus.“

Sie waren an der Holztreppe angekommen, die neben dem Gesindehaus auf den Wehrgang führte und der Ritter schritt voran. Oben angekommen griff er die Frage seines Gastes erneut auf. „Wir können es uns kaum leisten einzig aus Liebe den Traviabund einzugehen, Wohlgeboren. Das gilt für unseren zukünftigen Baron umso mehr. Wenn Ihr mich fragt, unser Baron sollte die Wahl treffen, wen sein Sohn heiratet.“ So hatte es seine Großmutter als Oberhaupt der Familie bei ihm gehalten, so wollte er es auch bei seinen Kindern halten. „Es gibt in Weiden genug Töchter aus angesehenem Adel, die in Frage kommen. Allen voran sollte die Glückliche aber dort bewandert sein, wo es der Baronet nicht ist. Umso schneller das entschieden ist, umso besser.“ Und Ihr solltet auch bald heiraten, Wohlgeboren, ging es dem Junker durch den Kopf, als er neben Ifirdane auf dem Wehrgang stand.

‚Ach je Gilborn!’ schoss es da Ifirdane durch den Kopf. Unauffällig hatte sie ihn bei seinen Ausführungen zum Traviabund gemustert. Wo war nur der junge Mann geblieben, für den ihre große Schwester einst geschwärmt hatte? Oder war es sein Bruder gewesen? Sie konnte sich kaum vorstellen, dass Feengunde einen derart sachlichen Mann an ihrer Seite gewünscht hätte. Ifirdanes eigene Vorstellung von ihrem Zukünftigen waren doch eher durch zugegebenermaßen jungmädchenhafte Träume über unerfüllte Minne und stolze Ritter im Kampfe um ihre Gunst geprägt- wenn auch bislang weit und breit keiner auszumachen war, der diesem Bild entsprach. Obwohl Gilborns Bruder, Ritter Hagen wahrlich nicht zu verachten war. Allerdings gab sie sich keinen Illusionen hin, er war in Baliho, und dort scheinbar einer jener Ritter, die wussten wie man die freie Dienstzeit genoss.

Dann war da noch Ritter Ewein Böcklin, doch der wollte wohl in allernächster Zeit diesen Schritt tun, und viele Stammhalter um sich scharen. Langsam sickerten ihre Gedanken wieder zurück zur Realität und ihr wurde gewahr, dass ihr Gegenüber von ihr scheinbar eine Antwort erwartete. Verlegen räusperte sie sich.

„Es steht mir sicher nicht an darüber zu urteilen, wie der Baron es mit seinen Kindern bezüglich des Traviabundes zu halten hat, dazu bin ich auch vermutlich einfach zu jung. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich vermutlich selbst mein Schicksal in die Hand nehmen muss, wenn es denn einmal soweit sein wird. Schließlich ist mein Onkel, der als Ritter der Fee fast immer unterwegs ist, und den ich schon sehr lange nicht mehr auf Hahnbrück gesehen habe, mir kaum ein Ratgeber. Ich hoffe, dass die Götter mir den Richtigen schicken, da ich kaum noch vor die Tür komme. Vielleicht wird es bald einmal wieder ein gesellschaftliches Ereignis fügen, dass ich die Gelegenheit haben werde, mich wieder zurückzumelden und bei den entsprechenden Familien vorzustellen. Leider hat das Ansehen unserer Familie ein wenig gelitten, obwohl ich das nicht ganz nachvollziehen kann.“

„Wartet nur nicht zu lange, wir leben in rauen Zeiten und so manches Geschlecht fand vor seiner Zeit sein Ende.“ Er überlegte kurz, ließ es dann aber damit bewenden. Dies war weder der rechte Zeitpunkt, noch der Ort um ein Gespräch über die gütige Herrin und ihre Gebote zu führen. „Nun, wer weis, vielleicht gibt es bald wieder einmal die Gelegenheit sich auf einem Turnier zu messen. Anlässe und Gründe Hahnbrück einmal hinter Euch zu lassen, werden sich sicher finden.“

Gilborn lehnt nun an der Außenmauer und blickte kurz über den Gutshof, ehe er sich wieder Ifirdane zuwandte. „Ihr tut sicher gut daran, wenn Ihr die Nähe zu anderen Häusern sucht. Bitte missversteht mich nicht, aber Ihr habt es angesprochen. Eure Schwester hat sich, nun ja, Ihr Verhalten hat das Missfallen von vielen Adligen in Hollerheide und darüber hinaus erregt. Unser Baron ist ein geachteter und gestandener Recke, ihn zu beschuldigen, wie es Eure Schwester tat, hat dem Ruf Eurer Familie nicht gut getan.“ Gilborn wusste noch genau wie er damals reagiert hatte. Praios war nicht mit denen, die sich ungebührlich gegenüber ihren Herren verhielten. „Es ist ein schweres Erbe das Ihr angetreten habt. Glaubt mir, ich kenne das. Ihr könnt da nur versuchen, das Beste daraus zu machen.“

Heftig musste die junge Edle eine impulsive Entgegnung hinunter schlucken. Rote Flecken, die sich immer dann auf der an sich fast makellos weißen Haut auf den Wangen zeigten, wenn sie etwas aufregte, flammten auf. Es schmerzte noch immer zu hören, wenn schlecht über Feengunde gesprochen wurde. Auch wenn sie wusste, dass ihre Schwester damals einer falschen Information Glauben geschenkt hatte, die aus dem Munde eines vermeintlich ehrhaften Augenzeugen kam, musste sie dennoch hinnehmen, dass all dies nicht zählte. Einzig das Urteil und die falsche Anschuldigung waren im Gedächtnis der meisten noch präsent. „Ich weiß was ihr meint. Doch sie war dennoch meine Schwester … .“ war dann auch alles was sie etwas gepresst und leise sagte. Erst nach wenigen Momenten sprach sie gefasster weiter. „Ich bin Baron Tobor und seinen Kindern ein treu ergebener Vasall, der mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen wird diese Scharte wieder auszumerzen. Vielleicht wird mir es vergönnt sein zu beweisen, was in mir steckt. Mein Onkel als Ritter der Fee tut sein übriges um den Ruf unserer Familie wieder herzustellen. Es ist gut zu sehen, dass meine Arbeit erste Früchte trägt, und man mir die Chance auf einen Neuanfang gibt. Die Nachbarn außerhalb der Hollerheide tun sich damit wohl leichter. Meine Hilfe, die ich beim Niederschlagen des Flößeraufstandes im Beonfirn geleistet habe, schlägt sich schon in den Auftragsbüchern nieder. Baronin Fann und ihr Mann Baron Gamhain von Brachfelde- Löwenhaupt haben schon ihr eigenes Wasserzeichen fertigen lassen und Papier in Auftrag gegeben.“ Zufrieden lächelte Ifirdane ihren Gastgeber an.

Man sollte die Familie hochhalten, wie schwer sie es einem auch machte. Wie oft musste sich Gilborn das doch selbst in Erinnerung rufen, wenn es um seinen Bruder ging. „Wir Weidener wussten noch immer zu erkennen, wenn sich einer der unseren als Ritter hervortut. Wie mein Großonkel schon sagte, Ihr entstammt einem edlen Geschlecht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Ihr wieder den Platz einnehmt der Euch gebührt. Wir Pandlaril-Wellenwiese wissen nur zu gut, was es heißt schwere Zeiten durchzumachen.“ Der Junker hielt kurz inne und blickte über die Mauer gen Norden. „So sicher ich mir bei Euch bin, so unsicher bin ich was das „erste“ von Hollerheides Rittergeschlechtern angeht. Einer dieser „Schwertgesellen“ als erster Ritter Hollerheides? Zumal noch einer, der sich bei den Liebfeldern Rumgetrieben hat. Ich weiß nicht. Was soll man davon halten?“

„Es mutet seltsam an, fürwahr.“ Wieder einmal stellte die junge Frau fest, wie wenig sie sich doch bislang um ihre Nachbarn gekümmert hatte. Irgendwie waren immer ihre Eltern diejenigen gewesen, die sie mit Neuigkeiten versorgt hatten. Aber nun wo sie ihr eigener Herr auf dem Edlengut war, musste sie wohl oder übel selbst anfangen sich um die Geschicke der anderen Familien zu kümmern, wollte sie nicht irgendwann als merkwürdige Eigenbrötlerin verschrien sein. „Sicher gibt es einen triftigen Grund, warum ausgerechnet diese Familie als das erste Rittergeschlecht benannt wurde. Vermutlich wissen wir nicht alles was es über diese Familie zu wissen gibt, und sie dazu noch befähigt diese besondere Auszeichnung zu tragen. Ich hatte bislang noch keine Gelegenheit ihn nach seiner Rückkehr näher in Augenschein zu nehmen, oder sogar ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Hattet ihr schon das Vergnügen? Was hört man denn von den Nachbarn? Eine „liebreizende“ Schwester soll er haben wie man mir zugetragen hat.“ Ihr Ton verriet, dass sie keineswegs ernsthaft von einem echten Liebreiz sprach, sondern vielmehr in Ironie verfiel.

„Den ersten Ritter stellen sie schon lange und man kann vieles über die Dûrrnwangens sagen,“ diese Landdiebe, wie er für sich anfügte, „doch sie haben ihre Sache in der Vergangenheit nicht schlecht gemacht. Aber der junge Junker, ich weiß nicht. Keine Knappschaft und dann den Ritterschlag? Auch wenn er sich auf dem Schlachtfeld bewehrt hat, so was gefällt mir nicht. Wie soll er denn den Baron beraten und ihn in der Schlacht schützen, wie es seine Aufgabe ist? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass er einen ordentlichen Lanzenangriff mit reiten kann. Vielleicht halte ich es zu sehr mit den Traditionen, aber mir behagen solche Zustände einfach nicht.“ Er schüttelte den Kopf. Schwertgesellentum, wenn er so etwas schon hörte. Man hätte diese Adersin damals aufknüpfen sollen, wäre sicher das Beste gewesen. „Ich denke es wäre am Besten dem Junker einmal einen Besuch abzustatten, auch um endlich diesen alten Streit unserer Familien aus der Welt zu schaffen. Aber Ihr habt nach der jungen Gwendolyn gefragt. Sie lebt am Hof des Barons. Liebreizend, das ist sie ohne Frage. Ich traf sie einige Male, als ich auf dem Distelstein war. Außer einigen Worten der Höflichkeit habe ich aber nicht viel mit ihr gesprochen. Ich kann mir aber vorstellen, dass schon bald so mancher bei ihrem Bruder um sie werben wird.“ Und schnell Reißaus nimmt, wenn er erst einmal festgestellt hat, dass das kleine Biest nur darauf aus ist ihren Einfluss zu mehren, und am Liebsten Lanzelund selbst auf ihre Bettstatt ziehen würde.’ ergänzte Ifirdane in Gedanken, behielt jedoch eine unverbindliche Miene bei.

„Euer Bruder wird sich vielleicht auch in die Reihe derer gesellen.“ meinte Ifirdane breit grinsend. „Soweit ich weiß hat auch er noch nicht die rechte Frau für den Traviabund gefunden, oder irre ich mich da?“ Sie war einfach zu neugierig, und schämte sich fast ein wenig dafür, aber das offene Wesen Hagens hatte ihr bei ihrer letzten Begegnung mehr gefallen als sie zugeben wollte. Doch gerade diese unverbindliche Art hatte auch verhindert, dass sie seine Nettigkeiten als ernsthafte Aufmerksamkeit zählen konnte. Er verhielt sich jeder Frau gegenüber so hatte sie beobachtet.

Angestrengt versuchte sie sich an Berichte ihrer Mutter über die Zwistigkeiten der beiden Familien zu erinnern, aber leider musste sie zugeben, dass sie das zu dem Zeitpunkt wohl zu wenig interessiert hatte, als dass es in ihrem ohnehin recht flüchtigen Erinnerungsvermögen haften geblieben wäre. Die Jagd mit den Falken, Zeichnen und Kämpfe mit jedem, der sich mit ihr messen wollte, waren ihr damals wichtiger gewesen, bis sie dann ihre Knappenzeit bei den befreundeten Nachbarn begonnen hatte.

„Heiraten wird er, davon könnt Ihr ausgehen. Aber eine Dûrrnwangen? Nein, so etwas wurde schon einmal versucht und es nahm kein gutes Ende. Unsere Häuser sollten getrennte Wege gehen, das ist das Beste für uns alle.“ Die Worte Gilborns waren vieles, aber von allzu großer Liebe zu seinem Bruder zeugten sie nicht. Heiraten das würde er ohne Frage, doch es würde Gilborn nicht wundern, wenn das ungewollte Folge eines „Abenteuers“ seines Bruders wäre. „Mein Bruder hat noch so manches zu lernen. Er dient bei den Rundhelmen und ist damit nicht der erste der eine stolze Tradition fortführt. Ich habe die Hoffnung, dass er dort lernen wird, was es heißt ein Ritter Weidens zu sein.“

„Aber sagt, wo wir schon beim stolzen Rittertum sind. Habt ihr auch gehört, dass Arbogast davon sprach, dass im Herbst eine Turney bei ihnen statt finden soll? Die Wirren und Schrecknisse der letzten Jahre haben viele Änderungen für Hollerheide mit sich gebracht. Was könnte das besser sein, als ein Turnier um sich den Nachbarn zu präsentieren. Außerdem,“ fügte er schmunzelnd einen Satz an den so oder ähnlich wohl Ritter aus der Zeit als Knappe kannte, „erst Übung führt bekanntlich zu echter Meisterschaft.“

„Darauf freue ich mich schon sehr!“ Ifirdane fasste sich unwillkürlich an die Rippen und musste Grinsen. Eine Revanche stand noch aus. „Euer Bruder Hagen wird mich dieses Mal gut vorbereitet antreffen.“ Ganz unruhig wurde sie beim Gedanken an eine echte Turney. Hatte sie doch zunächst ganz andere Pläne nach ihrer Schwerleite gehabt, und wollte die Welt als freie Ritterin erkunden und sich auf Turnieren vorstellen. Vermutlich hatte sie mit dem Bruder Gilborns mehr gemein als sie bereit war ihrem Gegenüber und auch sich selbst einzugestehen. „Meine Waffenknechte werden sich freuen auf ein paar Lektionen.“

„Kann nie schaden seine Leute auf Trapp zu halten. Beim letzten Mal kam der Ork bis nach Hollerheide, da heißt es vorbereitet zu sein. Der Baronet wird sicher auch begeistert sein, wenn nach dem kleinen freundschaftlichen Geplänkel bei der Jagd nun auch ein echtes Turnier folgt.“

„Aber jetzt reden wir hier die ganze Zeit und ich wollte Euch eigentlich das Gut zeigen. Also,...“ fing der Junker nun sichtlich stolz an seinem Gast das Gut zu zeigen. Doch nicht allein die Gebäude innerhalb der Mauer waren Teil seiner Ausführungen. Er deutete immer wieder auch auf das Dorf und berichtete was sich dort alles getan hatte. Zuletzt kam er auf sein liebstes Kind zu sprechen. Mit einer kleinen Herde Darpatrinder wollte er in Zukunft nicht mehr allein Balihoer Gelbe züchten.

„Es ist nie gut, wenn man sich nur auf eine Sache verlässt, Wohlgeboren.“ Nun schien Gilborn erstmals während des Gespräches vollkommen von einem Thema begeistert. „Das weiß jeder guter Landmann und wechselt daher regelmäßig die Feldfrucht. Ich will daher unsere Gelben und Darpatrinder züchten. Werden die einen krank, hat man noch immer die anderen und auch das Fleisch bietet ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Wenn es ginge würde ich ja auch einige von den Rindern züchten, die die Tulamiden ihr Eigen nennen. Aber denen dürfte es hier wohl zu kalt sein. Dies ist guter Grund für die Rinderzucht, also sollten wir es auch nutzen, oder?“

So verging dann auch schnell die Zeit die Ihnen bis zum gemeinsamen Mahl blieb. Es war für beide Seiten interessant und erquicklich zu hören, mit was sich der jeweils andere in nächster Zukunft beschäftigen würde. Man musste in diesen Zeiten schließlich sehen, wo man blieb. Erst die Anwesenheit der älteren Verwandtschaft Gilborns ließ den Redestrom an der reich gedeckten Tafel zeitweise versiegen. Allerdings schien die Edle die einzige zu sein, die sich dabei etwas unwohl fühlte.