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Dorf Wargentrutz, Baronie Weidenhag, Phex 1034 BF
Inja von Sunderhardt saß an einem geöffneten Fenster der Schenke Rosenhügel im Dorf Wargentrutz. Bedingt durch die Tatsache, dass die hiesige Burg noch im Wiederaufbau begriffen und zum jetzigen Zeitpunkt unbewohnbar war, ‘residierte’ der Edle von Wargentrutz vorläufig in den Gemäuern der Wirtin Raugund. Es war eine klare Nacht. Inja blickte verträumt in den Sternenhimmel. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass ihre Mutter ihr als Kind immerzu erzählte, die vielen Himmelslichter seien funkelnde Juwelen, die der Herr der Nacht besonders geizigen und habgierigen Menschen stahl, um sie an sein samtschwarzes Tuch zu hängen. Sie musste lächeln – sie vermisste ihre Mutter. Viel zu früh hatte sie den Weg über das Nirgendmeer angetreten. Damals ... Inja konnte sich daran erinnern, als wäre es erst ein paar Praiosläufe her. Sie starb nach der Niederkunft ihres dritten Kindes im Kindbett. Inja sah das Blut, sie sah ihre Mutter ...
Schnell versuchte sie, diesen traurigen Gedanken loszuwerden und blickte stattdessen wieder auf die vielen blitzenden Himmelslichter. Sie erkannte die Sternbilder des Fuchses, der Eidechse, des Eisbären sowie auch das des Storches und Hammer und Amboss. Über all den vielen Sternbildern strahlte das bleierne Licht des Madamals im Kelch, welches sich trügerisch über so manche gebogene Weide legte. Deren Äste sahen wie gebeugt gehende Orks aus, die um das Haus schlichen. Inja schauderte. Auch die Mauern und Türme der nahen Burgruine wirkten im Licht des Madamales alles andere als einladend.
Das war es nun – Injas neues Zuhause. Seit etwas mehr als einen Mond lebte sie schon hier in Weidenhag und es schien ihr, als wäre sie der einsamste Mensch auf Dere. Seit dem Traviabund mit dem Edlen Wilfred von Gugelforst wurde ihr von keiner Seite aus Beachtung geschenkt. Ihr frisch angetrauter Gemahl würdigt sie keines Blickes und hatte sie, mit Ausnahme der Hochzeitsnacht, noch nie berührt. Die Menschen von Wargentrutz sahen in ihr eine Fremde, die mit Sicherheit den Wald gegen sie aufbringen würde. Inja verdrehte kopfschüttelnd die Augen. Und der ländliche Adel der südlichen Heldentrutz sah in ihr nur das, was die meisten Weidener mit dem Namen ‘Sunderhardt’ verbanden.
Einzig Baronin Gwidûhenna schien Interesse an Inja zu haben. Voller Verzweiflung hatte sie sich deshalb vor einigen Praiosläufen der Baronin anvertraut, die sich ob ihres Schicksals tief betroffen zeigte. Nach einem langen und sehr eindringlichen Gespräch schloss die Baronin mit den Worten: “Inja, Freundin, von nun an sollst du dich meine Schwester nennen, denn nichts anderes als Schwestern im Geiste sind wir ab nun. Wer dir Schlechtes will, der will auch mir Schlechtes. Wer dir Böses tut, der tut auch mir Böses.” Nach diesen Worten nahm die Baronin sie in ihre Arme und versprach ihr, stets ein offenes Ohr für sie zu haben. Durch die Tatsache, dass die Baronin sich in freudiger Erwartung befand, würde es ihr diesen Götterlauf jedoch nicht mehr möglich sein, sie zu besuchen.
Inja seufzte. Eigentlich wollte sie einen Brief an ihren Bruder Bärfried verfassen, der es nicht für wert befunden hatte, zu den Feierlichkeiten zu ihrem Traviabund zu erscheinen. Einzig seinen Knecht Hartmann schickte er mit einer mündlichen Nachricht. Sie spie ein freudloses Lächeln aus, das eher Verzweiflung in sich trug als den beabsichtigten Hohn. Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieses Zorns fiel es Inja an diesem Tag besonders schwer, einen Brief an ihren Bruder zu verfassen. Sie legte die Feder noch einmal beiseite und spielte nachdenklich mit einer Haarlocke, aber es half alles nichts. Wenn der Brief Bärfried noch vor dem Sommer erreichen sollte, musste sie ihn fertig stellen.
Bruder!
Du siehst mich enttäuscht. Enttäuscht von dir und deiner Wahl für meinen Gemahl. Sehnsüchtig habe ich auf dich gewartet, als ich die Feierlichkeiten zu dem von dir arrangierten Traviabund beging. Doch du kamst nicht, schicktest mir nur Hartmann, von dem du nicht einmal sicher sein konntest, dass er den Weg nach Weidenhag finden würde. Der Bursche ist dumm wie Bohnenstroh und ich hoffe für dich, dass er die Hälfte des Glückwunsches für mich und meinen Gemahl auf dem Weg hierher vergaß und nicht, dass du mich mit den paar vorgetragenen Worten abspeisen wolltest.
Wie konntest du nur? Du bist meine Familie und fandest es dennoch nicht für nötig, zum wichtigsten Tag meines Lebens zu erscheinen? Oder plagte dich gar dein schlechtes Gewissen, mich mit einem bewiesenen Scheusal zu verheiraten? Ja, du liest richtig! Mein Gemahl ist ein Scheusal. Er tut mir zwar keine Gewalt an, doch straft er mich seit unserer Hochzeitsnacht damit, mich weder zu beachten, noch zu berühren. Dabei würde ich mich so sehr nach körperlicher Nähe sehnen, die ich in meinem einsamen Leben hier in Weidenhag dringender benötige als einen Bissen Brot.
Tja, aber mein Gemahl teilt sein Lager lieber mit einer jungen Magd aus dem Dorf ... . Ich habe sie gehört, Bärfried! Im Zimmer nebenan, erst gestern Nacht... . Dieses lustvolle Stöhnen der beiden, die spitzen Schreie dieses einfältigen Frauenzimmers und dann dieser Geruch nach Schweiß, als ich das nächste Mal sein Gemach betrat. Ja, wir schlafen in getrennten Zimmern!
Doch gräme dich nicht, mein Bruder. Es scheint als wäre die einzige Verbindung mit mir und meinem Gemahl von Erfolg gekrönt gewesen – ich habe mein Mondblut noch nicht verloren. Ja, es wird neben deinem Bastard mit dieser rothaarigen Hure bald noch einen weiteren Spross von unserem Blute geben. Ich hoffe, du bist mit dir zufrieden, mein Bruder!
Doch nicht nur das. Hier im Dorf, meinem neuen Zuhause, werde ich angesehen wie ein Gehörnter und hinter vorgehaltener Hand als ‘Fremde, die noch großes Unheil heraufbeschwören wird’ bezeichnet. Der Adel der Heldentrutz sieht in mir nur die Speichelleckerin einer geächteten Räuberbaronin und behandelt mich eben so. Ich habe hier keinen Freund und keine Aufgabe!
Einzig die Baronin von Weidenhag scheint sich für mich zu interessieren und bot mir ihre Freundschaft an. Ja, vielmehr, sie erwies mir sogar die Ehre, mich ihre Schwester nennen zu dürfen. Du liest richtig, Bärfried, sie sieht mich als ihre Schwester an und ebenso fühle ich mich auch von ihr behandelt. Ganz anders als von dir, mein Bruder!
Ich hoffe jedoch trotzdem, dass es dir und den Deinen gut geht. Auch würde ich mich freuen, wenn du mir antworten könntest oder einfach einmal nach Weidenhag reist, um dir selbst ein Bild von meinem Leben machen zu können. Ich bin mir sicher, mein Gemahl wird dich freudig bei uns aufnehmen.
Mögen die Zwölfe dich schützen, Rondra und Travia voran,
Inja
Inja legte die Feder beiseite und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Sie weinte bitterlich und als sie nicht mehr dazu in der Lage war, weitere Tränen zu vergießen, schlug sie das mit ihren Tränen getränkte Pergament zu und siegelte es.
Nach diesem Tag wartete die junge Adelige beinahe jeden Praioslauf auf eine Nachricht ihres Bruders, doch es sollte keine kommen. Und Inja weinte.
Schnell versuchte sie, diesen traurigen Gedanken loszuwerden und blickte stattdessen wieder auf die vielen blitzenden Himmelslichter. Sie erkannte die Sternbilder des Fuchses, der Eidechse, des Eisbären sowie auch das des Storches und Hammer und Amboss. Über all den vielen Sternbildern strahlte das bleierne Licht des Madamals im Kelch, welches sich trügerisch über so manche gebogene Weide legte. Deren Äste sahen wie gebeugt gehende Orks aus, die um das Haus schlichen. Inja schauderte. Auch die Mauern und Türme der nahen Burgruine wirkten im Licht des Madamales alles andere als einladend.
Das war es nun – Injas neues Zuhause. Seit etwas mehr als einen Mond lebte sie schon hier in Weidenhag und es schien ihr, als wäre sie der einsamste Mensch auf Dere. Seit dem Traviabund mit dem Edlen Wilfred von Gugelforst wurde ihr von keiner Seite aus Beachtung geschenkt. Ihr frisch angetrauter Gemahl würdigt sie keines Blickes und hatte sie, mit Ausnahme der Hochzeitsnacht, noch nie berührt. Die Menschen von Wargentrutz sahen in ihr eine Fremde, die mit Sicherheit den Wald gegen sie aufbringen würde. Inja verdrehte kopfschüttelnd die Augen. Und der ländliche Adel der südlichen Heldentrutz sah in ihr nur das, was die meisten Weidener mit dem Namen ‘Sunderhardt’ verbanden.
Einzig Baronin Gwidûhenna schien Interesse an Inja zu haben. Voller Verzweiflung hatte sie sich deshalb vor einigen Praiosläufen der Baronin anvertraut, die sich ob ihres Schicksals tief betroffen zeigte. Nach einem langen und sehr eindringlichen Gespräch schloss die Baronin mit den Worten: “Inja, Freundin, von nun an sollst du dich meine Schwester nennen, denn nichts anderes als Schwestern im Geiste sind wir ab nun. Wer dir Schlechtes will, der will auch mir Schlechtes. Wer dir Böses tut, der tut auch mir Böses.” Nach diesen Worten nahm die Baronin sie in ihre Arme und versprach ihr, stets ein offenes Ohr für sie zu haben. Durch die Tatsache, dass die Baronin sich in freudiger Erwartung befand, würde es ihr diesen Götterlauf jedoch nicht mehr möglich sein, sie zu besuchen.
Inja seufzte. Eigentlich wollte sie einen Brief an ihren Bruder Bärfried verfassen, der es nicht für wert befunden hatte, zu den Feierlichkeiten zu ihrem Traviabund zu erscheinen. Einzig seinen Knecht Hartmann schickte er mit einer mündlichen Nachricht. Sie spie ein freudloses Lächeln aus, das eher Verzweiflung in sich trug als den beabsichtigten Hohn. Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieses Zorns fiel es Inja an diesem Tag besonders schwer, einen Brief an ihren Bruder zu verfassen. Sie legte die Feder noch einmal beiseite und spielte nachdenklich mit einer Haarlocke, aber es half alles nichts. Wenn der Brief Bärfried noch vor dem Sommer erreichen sollte, musste sie ihn fertig stellen.
Bruder!
Du siehst mich enttäuscht. Enttäuscht von dir und deiner Wahl für meinen Gemahl. Sehnsüchtig habe ich auf dich gewartet, als ich die Feierlichkeiten zu dem von dir arrangierten Traviabund beging. Doch du kamst nicht, schicktest mir nur Hartmann, von dem du nicht einmal sicher sein konntest, dass er den Weg nach Weidenhag finden würde. Der Bursche ist dumm wie Bohnenstroh und ich hoffe für dich, dass er die Hälfte des Glückwunsches für mich und meinen Gemahl auf dem Weg hierher vergaß und nicht, dass du mich mit den paar vorgetragenen Worten abspeisen wolltest.
Wie konntest du nur? Du bist meine Familie und fandest es dennoch nicht für nötig, zum wichtigsten Tag meines Lebens zu erscheinen? Oder plagte dich gar dein schlechtes Gewissen, mich mit einem bewiesenen Scheusal zu verheiraten? Ja, du liest richtig! Mein Gemahl ist ein Scheusal. Er tut mir zwar keine Gewalt an, doch straft er mich seit unserer Hochzeitsnacht damit, mich weder zu beachten, noch zu berühren. Dabei würde ich mich so sehr nach körperlicher Nähe sehnen, die ich in meinem einsamen Leben hier in Weidenhag dringender benötige als einen Bissen Brot.
Tja, aber mein Gemahl teilt sein Lager lieber mit einer jungen Magd aus dem Dorf ... . Ich habe sie gehört, Bärfried! Im Zimmer nebenan, erst gestern Nacht... . Dieses lustvolle Stöhnen der beiden, die spitzen Schreie dieses einfältigen Frauenzimmers und dann dieser Geruch nach Schweiß, als ich das nächste Mal sein Gemach betrat. Ja, wir schlafen in getrennten Zimmern!
Doch gräme dich nicht, mein Bruder. Es scheint als wäre die einzige Verbindung mit mir und meinem Gemahl von Erfolg gekrönt gewesen – ich habe mein Mondblut noch nicht verloren. Ja, es wird neben deinem Bastard mit dieser rothaarigen Hure bald noch einen weiteren Spross von unserem Blute geben. Ich hoffe, du bist mit dir zufrieden, mein Bruder!
Doch nicht nur das. Hier im Dorf, meinem neuen Zuhause, werde ich angesehen wie ein Gehörnter und hinter vorgehaltener Hand als ‘Fremde, die noch großes Unheil heraufbeschwören wird’ bezeichnet. Der Adel der Heldentrutz sieht in mir nur die Speichelleckerin einer geächteten Räuberbaronin und behandelt mich eben so. Ich habe hier keinen Freund und keine Aufgabe!
Einzig die Baronin von Weidenhag scheint sich für mich zu interessieren und bot mir ihre Freundschaft an. Ja, vielmehr, sie erwies mir sogar die Ehre, mich ihre Schwester nennen zu dürfen. Du liest richtig, Bärfried, sie sieht mich als ihre Schwester an und ebenso fühle ich mich auch von ihr behandelt. Ganz anders als von dir, mein Bruder!
Ich hoffe jedoch trotzdem, dass es dir und den Deinen gut geht. Auch würde ich mich freuen, wenn du mir antworten könntest oder einfach einmal nach Weidenhag reist, um dir selbst ein Bild von meinem Leben machen zu können. Ich bin mir sicher, mein Gemahl wird dich freudig bei uns aufnehmen.
Mögen die Zwölfe dich schützen, Rondra und Travia voran,
Inja
Inja legte die Feder beiseite und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Sie weinte bitterlich und als sie nicht mehr dazu in der Lage war, weitere Tränen zu vergießen, schlug sie das mit ihren Tränen getränkte Pergament zu und siegelte es.
Nach diesem Tag wartete die junge Adelige beinahe jeden Praioslauf auf eine Nachricht ihres Bruders, doch es sollte keine kommen. Und Inja weinte.
Die Geschichte rund um Inja, Wilfred usw wird im Text "variae sunt viae fortunae" (Bosp.: Die Wege des Glücks sind vielfältig) weitergesponnen ...