Stimmungstext 3, Autorin: Katja

Mehr als ein Leben!
Theater von Salthel, Grafschaft Sichelwacht, Anfang Peraine 1046 BF

Clothild zu Grötz saß im Dunkel der Zuschauerränge. Auf dem Schoß hatte sie Des Wettersteiners Lied ihr Werk in dem ihre Rechte die gerade dargebotene Szene markierte. Die Linke war derweil nach oben geflogen und untermalte mit wohlgesetzten Gesten ihre Worte.

„Gut, gut, aber bedenke wohl, dass der große Nigidius vom Wetterstein in dieser Szene noch jung ist und seine erste Heldentat erst vollbringen muss. Lass deine Stimme also durchaus von Zweifel einfärben, Alrikslaus.“

Auf der Bühne des Saltheler Theaters herrschte Unruhe. Zimmerleute waren dabei, die übermannsgroßen Tafeln zu befestigen, auf die Bühnenmaler eine Hochgebirgsszenerie inklusive fliegendem, dreiköpfigen Drachen, gepinselt hatten. Eine dürre Malerin war mit Farbe und Pinsel bei der Hand, um sich kleinerer Schäden anzunehmen. Seitlich wurde am Vorhang herumgewerkelt, im Graben vor der Bühne wurden Kerzen verteilt und die eisernen Muscheln, deren Innenseite versilbert war, poliert sowie positioniert. Auf der Bühne indessen mühte sich der junge Schauspieler Alrikslaus Jodinger damit ab, Haltung und Worte gleichermaßen zu bewahren.

Seine Spielpartner waren zum einen abgelenkt, weil von einem Handwerker um ihre Position gebracht, und hingen zum anderen an seinen Lippen, sprachen den Text sogar mit.

„Desidero“, schnappte Clothild darum auch in die Richtung des Übereifrigen, „schön und gut, wenn du Nigidius Text beherrscht, aber soweit ich erinnere ist deine Rolle die des dritten Hirten, der nur einen Satz hat, eh? Also, steh Alrikslaus nicht im Licht.

Der Angesprochene reagierte erst, als Alrikslaus ihm mit einem Nicken bedeutete, dass sein Typ gefragt war.

„Äh, was?“, fragte der hübsche blonde Jüngling, hob sich die Hand über die Augen und spähte in die Dunkelheit. „Verzeihung, ich meine, was soll ich tun, Frau zu Grötz?“

Die seufzte. Er war wirklich ein hübscher Junge, dieser Desidero Silbertann, und ausgesprochen höflich. In ein-zwei Jahren hatte er vielleicht das Format für eine tragende Rolle, aber im Augenblick stand er mit seiner Begeisterung einfach zu oft im Weg. „Fürs Erste, sieh zu, dass Alrikslaus seinen Text verinnerlicht. Zum zweiten, bleib weiter in der Kulisse, wenn du deinen Satz sagst, ja? Und jetzt, weiter im Text, die Damen und Herrn Hammerschwinger, lasst meinen Schauspielern Raum und Luft! Hier wird schließlich Kunstgeschichte geschrieben.“

***

Wie immer nach der Probe summte und brummte es in der Schankstube des Salzstocks. Neben all den Händlern und Handwerkern drängten sich nun auch die Theaterleute in den heimeligen Gastraum. Überall standen und saßen kleine Grüppchen und tauschten sich aus. Je näher der Premierenabend rückte, desto fiebriger schienen die Unterhaltungen.

„Ich muss nur ein wenig vorsichtig sein“, erklärte Desidero, den alle nur Dissi nannten, seinem Gegenüber, einer vielleicht Fünfzehnjährigen in verschlissener Kleidung und mit Gliedmaßen, die zu groß für den Rumpf wirkten. „Mir ist das wichtig, Mara! Da oben hab‘ ich ein anderes Leben, ein besseres. Nimm mir das nicht!“, insistierte der Blondschopf. „So lange ich beim Bankett wieder da bin, läuft das. In der übrigen Zeit interessiert der Alte sich doch eh einen feuchten Kehricht für uns. Tirold und ich sind raus und wieder rein, wie die kleinen Mäuse, die es auf dem Aarkopf überall gibt. Kein Problem, du wirst schon sehen!“

Das Mara genannte Mädchen schürzte die Lippen und wollte gerade zu einer Gegenrede ansetzen, als sie jäh nach vorne gestoßen wurde. „‘schulligun“, schallte es mit unsicherer Zunge an die Ohren der beiden, „bin jestolpert, habter noch’n Plätzchen für mich, Dissi?“ Ohne die Antwort abzuwarten ließ sich Erdgard, eine Chorsängerin, neben und fast auf Desidero fallen. Sie kicherte schnapstrunken und entschuldigte sich ein weiteres Mal. „Was habter denn da zu mauscheln, ihr zwei Hübschen, eh?“, fragte sie und fasste Mara konzentriert ins Auge. „Du bis‘ aber nich‘ von uns, oda? Vom Chor, mein ich? Das wüsst ich. Oda, Dissi?“ Sie drehte den Kopf und fand sich beinahe Nase an Nase mit dem Ziel ihrer Ansprache wieder. Der kurze Augenblick verblüfften Staunens wurde von ihrem wiehernden Gelächter beendet. Desideros Bemühungen, Platz zwischen sich und die dralle Sängerin zu bringen, war derweil nur mäßiger Erfolg beschieden.

Der stellte sich erst ein, als Mara aufsprang und ihn entschieden auf die Füße zog. Der überaus heiteren Erdgard, die nun endlich Platz genug auf der Bank hatte, warf sie einen einigermaßen amüsierten Blick zu, der sich verhärtete, als er Desidero traf. „Jetzt ist es aber zu früh für solche Sperenzchen. Wir gehen. Jetzt.

„Aiaiai, du bis‘ mir aber einer, Dissi“, röhrte Erdgard, „hass‘ dir ein Liebchen gesucht, wa? Na, die Allschöne wird’s mögen, da binnich sicha.“

Der gequälten Mine, die der so gerühmte ob dieser Worte zeigte, entging der Sängerin, die eine Freundin erspäht hatte und eifrig zu sich herwinkte.

Mara derweil zog den widerspenstigen Jungschauspieler ohne Erbarmen hinter sich her.