Ritterin Ailgrid von Eisegrain
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Ende Efferd 1046 BF
Die Praiosscheibe stand nun, Ende Efferd, schon tiefer am Himmel und beschenkte die Weidener mit einem sanften, warmen Licht. Das Laub begann sich zu verfärben und Windböen fegten die herabgefallenen Blätter in Gelb, Rot und Braun zu farbenfrohen Collagen zusammen, die ebenso vergänglich waren wie die Pracht der bunten Baumkronen. Ein weiterer Windstoß würde das bunte Mosaik aus Blättern auf dem Burgweg zur Burg Urkenfurt wieder zerstören, die Blätter in alle Himmelsrichtungen forttragen und an anderer Stelle eine neue Herbstcollage erschaffen.
Minerva ritt, tief in Gedanken versunken, den Burgberg hinauf. Sie hatte dem Kloster Beonslob einen Besuch abgestattet und dort den Rat des Abtes Erlmund Rossegger und der Geweihten Gwiniwen Hirschauer gesucht. Außerdem wollte sie den Akoluthen Wibert Ribbening um einen Gefallen bitten. Er verstand sich ganz vortrefflich auf das Punzieren von Leder, wie sie bereits festgestellt hatte und sie hatte ihm einen kleinen, privaten Auftrag gegeben. Nun, mit der Gewissheit, dass sie in wenigen Tagen das kleine, aber feine Werk abholen durfte, kehrte sie auf die Burg zurück. Der Kopf schwirrte der Knappin noch von den vielen weisen Worten der Therbûniten. Sie versuchte, die guten Ratschläge zu sortieren und ein für sich passendes Ergebnis daraus zu entwickeln.
Der junge Waffenknecht Merthold und die noch jüngere Schildmaid Restinda bewachten das Burgtor. Grüßend empfingen sie die Baroness und gaben den Weg auf die Burg frei.
Minerva versorgte ihre Nordmähne Bazi selbst, fütterte und tränkte sie und eilte dann, immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Wendeltreppe zum Pallas hoch. Sie suchte Danje von Schwarzmoos und ihren Schwertvater Oberon von Uhlredder.
Die Finsterbornerin hörte die beiden, bevor sie sie sah. Das Dienstritterpaar ihrer Mutter befand sich im Rittersaal und schien zu streiten. Minerva wusste, dass die beiden heute morgen sehr früh quasi mit dem Sonnenaufgang die Burg verlassen hatten, um etwas zu erledigen. Als Minerva den Raum betrat, verringerte sich die Lautstärke der beiden sehr schnell. Anhand der Gesichtsausdrücke erkannte die Baroness, dass die beiden sich nicht wirklich gestritten hatten, sondern sich, wie relativ häufig, gegenseitig angefrotzelt hatten.
Danje und Oberon sahen zu Minerva rüber, neugierig, ob diese einfach nur etwas essen wollte, etwas auf dem Herzen hatte oder gar an ihrem Gefrotzel teilhaben wollte.
Die Tochter der Dienstherrin des Ritterpaares sah sich um, ob Ailgrid von Eisegrain, die Knappin Danjes, anwesend war. Erleichtert stellte Minerva fest, dass sie nicht im Rittersaal weilte. Mit einem Räuspern verschaffte sich die Baroness Gehör.
“Ich würde gerne mit Danje sprechen, fände es aber auch gut, wenn du dabei bist, Oberon. Denn ich möchte die Meinung meines Schwertvaters ebenfalls wissen und miteinbeziehen.”
Man setzte sich an den Anfang der langen Tafel. Minerva fackelte nicht lange. Sie begann gleich zum Punkt zu kommen.
“Es geht darum, wie ich Ailgrid danken kann, dafür, dass sie mir durch ihr beherztes Eingreifen im Kampf mit der Dryade Ra’Simyazai das Leben gerettet hat. Ich würde gerne eure Meinungen dazu hören. Was wäre als Dank angebracht? Ein Geschenk oder eher ein symbolischer Akt?”
Oberon schien gerade obenauf zu sein und ergriff vor seiner Frau das Wort.
“Ich denke, ein symbolischer Akt ist ausreichend. Ailgrid sie wird bald eine gesalbte Ritterin sein, eventuell sogar mit einem Lehen. Es ist letztendlich ihre Aufgabe und Pflicht, ihre Herrin zu schirmen. Das warst ja nun du an diesem Tag. Außerdem ist sie noch jung und hat noch viel Zeit…vergiss nicht Minerva, hier ist die Mittnacht. Die Ritter Weidens streben nicht nach Ruhm durch Orden und Auszeichnungen!”
Danje rollte mit den Augen und sah zu Minerva rüber.
“Hör nicht auf den alten Grantler…er ist nur mürrisch wie immer. Außerdem war er nicht dabei und hat nicht gesehen und erlebt, was wir haben. Ich finde Ailgrid hat uns allen dreien an diesem Tag den Arsch und wahrscheinlich das Leben gerettet. Sie hat auch keinen Orden oder ähnliches danach gefordert! Also greift diese meiner Meinung nach blöde Tradition eh nicht, dass man Weidener Rittern keine Orden und Auszeichnungen verleiht. Ich finde es ist gleichzeitig ein Zeichen der Wertschätzung und der Dankbarkeit, wenn du sie dafür belohnst was sie getan hat.”
Minerva war in der Zwickmühle. Oberon war ihr Schwertvater, aber Danje hatte wie immer auch die persönliche Seite im Blick. Ihre Sicht der Dinge gefiel der jungen Knappin deutlich besser und deckte sich zudem mit der Meinung der Therbûniten.
“Natürlich gebe ich dir Recht, Oberon,” begann sie diplomatisch, “zumindest was die fehlende Ehrsucht der Weidener Ritter angeht, doch muss ich sagen, dass sowohl Vater Erlmund als auch Schwester Gwiniwen Danjes Meinung teilten. Es war eine wirklich heldenhafte Tat und sie hat keinen Augenblick gezögert, ihr Leben für uns aufs Spiel zu setzen. Und wie du schon sagtest, werter Schwertvater, wird sie ohnehin bald Ritterin sein, wenn, ja wenn, ihre Schwertmutter, also Danje, Ailgid für in den ritterlichen Tugenden, Mut und Kampftechniken gereift hält…”
Die Baroness machte eine bedeutungsvolle Pause. “Und, Danje? Wie ist deine Meinung? Ist Ailgrid reif für die Schwertleite? Hat sie nicht gerade durch diese Tat bewiesen, dass sie es ist?”
Danje grinste für einen klitzekleinen Moment, Oberon frech an. Ganz so, als ob es vielmehr um einen Wettbewerb zwischen ihnen beiden ginge als um Ailgrid. Dann war dieser Moment aber vorbei und sie sah Minerva an. Mit vollkommener Überzeugung sprach sie:
“Das hat sie! Ihr Verhalten bei diesem Feenwesen war etwas, was sich nur schwer trainieren lässt und beweist, dass sie es in sich hat. Das Ritterin sein…das Teil des Schild des Reiches sein. Was die anderen Fähigkeiten angeht…ich glaube, es gibt nichts mehr, was ich ihr noch beibringen könnte!”
Die Baroness nickte. Sie hoffte, dass Oberon das in nicht allzu ferner Zeit auch von ihr sagen würde.
“Eigentlich hätte ich die Rückkehr meiner Mutter von ihrer Reise gerne abgewartet, weil eine Schwertleite ja eine feierliche Angelegenheit ist, die sie sicher gerne miterlebt hätte, aber den Dank für ihr Eingreifen sollte Ailgrid nicht erst in in einigen Götternamen erhalten. Oder, was meint ihr? Du bist ihre Schwertmutter, Danje, es ist also an dir zu entscheiden, wann es soweit ist, Ailgid den Ritterschlag zu geben.”
“Nun, wir haben Efferd, der klassische Monat ist damit eh erst in 11 Monaten wieder gekommen. Ich hätte jetzt eigentlich auch gesagt, wir warten auf deine Mutter, aber du hast schon Recht mit dem, was du sagst und wir wissen ja auch nicht genau, wie lang sie weg ist.”
“Ich würde vorschlagen, dass du Ailgrid mitteilst, dass du sie aufgrund ihres Einsatzes für unser beider Leben der Schwertleite für würdig hältst. Ihr sucht einen passenden Termin, sie darf ihre Eltern einladen und bekommt von mir noch ein persönliches Geschenk von mir. Ich habe es heute in Auftrag gegeben. Wie findest du meinen Vorschlag?”
Oberon grätschte dazwischen. “Wie wäre es denn mit dem 1 Travia…dem Tag der Heimkehr. Die Eidmutter ist in der Mittnacht ja fast genauso verehrt wie die Sturmleuin und sie steht ja auch für Verteidung von Heim usw.”
Danje wog ihren Kopf hin und her. “Das ist nicht mehr lange, aber grundsätzlich eine gute Idee.”
Sie sah Minerva an: “Wäre das für dich in Ordnung? Falls ja, frage ich Ailgrid ob sie einverstanden ist und ob ihre Gäste das schaffen?”
"Ja, das klingt gut! Du suchst das Gespräch mit Ailgrid und überbringst ihr die freudige Botschaft. Erwähne bitte unbedingt, dass ich es unterstütze, nein, mehr noch, es mir ausdrücklich gewünscht habe, dass sie vorzeitig den Ritterschlag erhält.”
Danje nickte bestätigend. “Das werde ich so schnell wie möglich erledigen!”
***
Ailgrid, die von alldem nichts ahnte, war indessen damit beschäftigt, die Rüstung ihrer Schwertmutter zu überprüfen und zu polieren. Die Knappin mochte diese Arbeiten am Liebsten, die Pflege von Waffen, Rüstung und Sattelzeug, sowie das Versorgen und Ausbilden der Pferde war ihrer Ansicht nach das Wichtigste was man neben den Waffenübungen und allerlei Lernerei als Knappin zu erledigen hatte. Weniger Freude hatte sie an Dingen wie Etikette, Minne und allem was mit Theorie zu tun hatte, auch wenn ihr durchaus bewusst war, dass auch diese Dinge wichtig waren.
Immer wieder musste sie an die Dryade Ra’Simyazai denken. Noch immer war sie überzeugt, dass die Baumnymphe keine bösartige Kreatur war, sondern ein verletztes und einsames Wesen. Natürlich hätte Danje vollkommen Recht, wenn sie sagte, dass es vollkommen egal ist, warum einem jemand nach dem Leben trachtete, entscheidend war, dass einem jemand nach dem Leben trachtete und man gut daran tat, diesen Jemand davon abzuhalten sein Trachten in die Tat umzusetzen. Dennoch war es Ailgrid lieber gegen Gegner zu kämpfen, die von Natur aus böse und grausam waren, wie Orks, Goblins, Oger oder Paktierer. Wenn sie nur erst Ritterin war, würde sie zu ihrer Aventiure aufbrechen und Dere von allerlei Bösen und Grausamen befreien. Gerne würde sie mit Minerva auf Abenteuersuche ziehen, aber das würde wohl nicht geschehen, eine Baroness hatte nun einmal andere Verpflichtungen als die Drittgeborene eines Lehensritters.
Danje brauchte nicht lange, um Ailgrid zu finden. Sie warf einen prüfenden Blick auf die Arbeit von Ailgrid war aber schnell überzeugt das die gute Arbeit geleistet hatte. Wie fast immer eigentlich, wenn es um derlei ging.
Sie sah Ailgrid direkt an:
“Leg das nun mal zur Seite. Lass uns ein Stück über den Hof gehen. Wir haben etwas zu besprechen und ich mache sowas am liebsten an der frischen Luft!”
Sie deutete in eine bestimmte Richtung und wartete auf Ailgrid.
Die schwarzhaarige Knappin nickte und räumte rasch auf. Sie war freudig gespannt. Erstens hatte sie ein reines Gewissen und Zweitens würde ihre Schwertmutter nicht mit ihr auf den Hof gehen, um sie für eine Verfehlung zu schelten und Drittens wäre Danje nicht so gelassen, wenn Ailgrid irgendwas verbockt hätte.
Sicher hatte die bornische Ritterin einen Auftrag erhalten und sie würden in ein Abenteuer reiten!
Vielleicht waren irgendwo in der Baronie Orks oder Räuber aufgetaucht?
Oh, sie musste sich schon arg beherrschen, um ihre Schwertmutter nicht zu bestürmen, was sie für einen Auftrag erhalten hatte und wohin sie reiten würden.
Schwertzug? Erkundungsauftrag? Botenritt?
Sie war ja so gespannt!
Endlich war der Hof erreicht und die Knappin konnte kaum noch an sich halten.
Danje bemerkte natürlich die Aufgeregtheit ihres Schützlings und genoss es, sie noch ein kleines bisschen schmoren zu lassen. Noch ein paar Schritte hierhin und ein paar Belanglosigkeiten dort. Dann aber blieb sie stehen und beendete das Spiel. Schließlich wollte sie Ailgrid ja auch nicht grundlos ärgern oder dergleichen.
“Du weiß ich bin mir für das direkte als für das Umständliche! Dir wird ähnlich wie mir die Begegnung mit der Dryade noch sehr lebendig im Gedächtnis sein und ebenso wird die bewusst sein, dass deine Ausbildung so gut wie beendet ist”
Danje wartete noch ein-zwei Herzschläge.
“Beziehungsweise kann ich dir nun heute sagen, dass sie beendet ist! Die letzten Tage haben mir gezeigt das ich dir nichts mehr beibringen kann. Nur noch die Zeit und die selbst gemachten Erfahrungen, die sie mitbringt, können deine Fähigkeiten weiter verbessern. Dazu hast du hier eine große Fürsprecherin…Minerva unterstützt und wünscht sich ausdrücklich, dass dir der Ritterschlag gegeben wird.
Daher würde ich dir, wenn du keinen Einspruch erhebst, am 1. Travia im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der Heimkehr die Schwertleite gewähren. Ich und Minerva bitten dich ausdrücklich darum, dass du die Gäste einlädst, die du gerne dabei hättest und wenn der 1. Travia zu nah ist, werden wir auch noch einen anderen Tag finden!”
Danje sah Ailgrid an und war gespannt auf deren Reaktion.
Ailgrid war sichtlich irritiert.
Es war so gar nicht Danje’s Art scheinbar ziellos über den Hof zu gehen und über Belanglosigkeiten zu reden.
Was ging hier vor sich?
Dann plötzlich blieb ihre Schwertmutter unvermittelt stehen und blickte ihre Knappin sehr ernst an.
Die schwarzhaarige Eisegrainerin fühlte sich unwohl und überlegte fieberhaft, ob sie doch irgendwas verbockt hätte, dann begann die Bornländerin zu sprechen und mit jedem Satz brach eine andere Emotion wie eine Flutwelle über Ailgrid herein. Das Mitleid mit der Dryade, Empörung gegen die Behauptung Danje’s, sie könne ihr nichts mehr beibringen, Stolz und Freude, dass Minerva sich für Ailgrid’s vorzeitige Schwertleite aussprach, Euphorie endlich ihren Traum, eine Ritterin Weidens zu werden und die Trauer über das Ende ihrer Knappenschaft, waren Danje, ihr Gemahl Oberon und deren Kinder über die vielen Götterläufe ihr mehr zur Familie geworden als ihre eigenen Eltern und Geschwister. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass sie mit der Familie ihrer Schwertmutter mehr ihrer Lebenszeit, an die sie sich bewusst erinnern konnte, verbracht hatte als mit ihrer leiblichen Familie.
Einen Augenblick stand sie wie angewurzelt, ehe sie sich gefangen hatte und auf das rechte Knie sank und das Haupt senkte. „Ich danke euch für das in mich gesetzte Vertrauen und eure Einschätzung meiner Fähigkeiten. Mir ist durchaus bewusst, was dies für eine Auszeichnung und Ehre ist, die Schwertleite bereits vor der Zeit zu erhalten. Ich werde euch keine Schande machen, dass gelobe ich bei Rondra.“
Einen Augenblick verharrte sie in dieser Position, dann sprang sie auf, umarmte und herzte ihre Schwertmutter. „Oh Danje, das du mich nach all den Götterläufen noch immer so derartig an der Nase herumführen kannst. Hab ich dir heute schon gesagt wie lieb ich dich habe?“ Erneut drückte sie die bornische Ritterin ganz fest an sich. „Du weißt, dass du und Oberon mir über all die Götterläufe mindestens genauso Mutter und Vater geworden sind wie meine leiblichen Eltern und eure Kinder sind meine Geschwister, so wie Wilfing und Tannwulf. Ihr könnt jederzeit auf mich zählen.“ Die kleine aber robuste Frau ließ von Danje und trat einen halben Schritt zurück. „Ich würde gerne meinen Eltern einen Boten senden, vielleicht ist es ihnen möglich zu kommen. Meine Brüder können ja leider nicht kommen. Aber der Termin gefällt mir, es ist ein geschichtsträchtiges Datum und deswegen möchte ich in jedem Fall daran festhalten.“
Voller Wärme und Zuneigung sah sie Danje abwartend an.
Danje erwiderte die Umarmung herzlich und vielleicht war sogar eine kleine Träne des Stolzes und der Rührung zu sehen. Ailgrid war nicht ihre erste Knappin, aber das Verhältnis zu den Schwerteltern war immer ein besonderes. Genauso verhielt es sich, jedenfalls bei Danje, auch andersherum.
“Das will ich dir auch raten”, kommentierte sie mit verschmitzten Lächeln noch die Zusage, keine Schande zu machen.
“Auch du bist uns sehr ans Herz gewachsen und es wird mir eine Freude sein, dass, sobald du die Schwertleite hast, dieses Euchen aufhört!”
Sie lösten die Umarmung und Ailgrid stimmte den gefassten Plan zu.
“Dann soll es so sein. Lass uns gleich zu Minerva und Oberon gehen und die informieren und dann sehen wir zu, dass der Bote loskommt!”
Ailgrid nickte und wieder ganz Knappin ging sie in angemessenem Abstand neben ihrer Schwertmutter.
Gemeinsam gingen Schwertmutter und Knappin in den Rittersaal der Burg. Dort angekommen sahen sie, dass Oberon seinen Platz nicht verlassen hatte. Fehlte nur noch Minerva.
Die Baroness hatte nach dem Vogelhorst auf dem Burgturm gesehen. Solange ihre Mutter nicht da war, versorgte Minerva gemeinsam mit der Falknerin und Oberon die Tiere.
Nun trat sie in den Rittersaal mit einem Liedchen auf den Lippen und einer Feder in der Hand.
Ein Zwinkern Danjes verriet ihr, dass die Dienstritterin ihre Knappin bereits von ihrem bevorstehenden Ritterschlag in Kenntnis gesetzt hatte. Auch Ailgids Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel aufkommen. Stolz sah sie aus und ein wenig aufgeregt. Die Wangen mit einem Hauch von rosa, ganz untypisch für Ailgrid.
Minerva trat auf Schwertmutter und Knappin zu.
“Nun, wie ich sehe, bist du voller Vorfreude auf deinen neuen Lebensabschnitt. Das kann ich gut verstehen. Auch ich hoffe eines Tages, die Obhut von meiner Mutter und meinem Schwertvater verlassen zu können, um mein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Nicht, dass ich beiden nicht unendlich dankbar bin für alles, was sie für mich sind und tun, aber es drängt einen doch, die vertrauten Gefilde zu verlassen. Oder nicht? Willst du nicht auch eine Zeit als Heckenritterin verbringen?”
Die Nochknappin lächelte erfreut und verneigte sich vor Minerva: „Ich danke euch sehr für diese Ehre, Baroness.
Kurz zögerte die gebürtige Heldentrutzerin, sollte sie der Tochter der Baronin offenbaren, dass sie nur zu gerne mit ihr gemeinsam auf Aventiure gehen würde? Nein, auch wenn sie sich schon lange kannten, Ailgrid hatte ihre Pagenzeit bereits bei Minerva’s Mutter verbracht und die beiden Mädchen hatten sich immer gut verstanden, so war sie eine einfache Ritterin und Minerva eine Baroness. Außerdem würde es noch eine Weile dauern, bis Minerva ebenfalls ihre Schwertleite erhalten würde, es war also ohnehin nicht möglich.
So nickte sie: „Ja, auch mich drängt es, Dere zu entdecken. Städte und Orte, die ich aus den Unterrichtungen kenne, endlich selbst zu sehen. Und natürlich möchte ich Erfahrungen sammeln, Abenteuer bestehen und meine Fähigkeiten verbessern.“
Sie blickte von Minerva zu Danje, große Zuneigung lag in ihrem Blick.
„Ich denke, mein Weg wird mich gen Firun führen, ich möchte ins Bornland, die Heimat meiner Schwertmutter kennenlernen. Von Hardorp über den Roten Pass nach Travingen und dann über Ask und Norburg auf die Bornstraße und runter bis Festum.“ Nun sah sie wieder zu Minerva.
Die Baroness nickte und Ailgrid vermeinte ein leises Sehnen in ihrem Blick zu erkennen. Es war nur zu offensichtlich, dass sich Minerva danach sehnte, mehr von Aventurien zu sehen. Doch für sie war es noch nicht an der Zeit. Zuerst musste sie ihren Schwertvater Oberon von ihren Qualitäten als Ritterin überzeugen. Eine solche Heldentat, wie Ailgrid sie vollbracht hatte, ja das wäre etwas! Damit würde sie vermutlich ebenso vorzeitig die Schwertleite erhalten. Doch wo sollte sie schon die Gelegenheit bekommen, sich hervorzutun? Auf dem Burghof sicherlich nicht. Und ihren Vorschlag, auf einem der Türme der Finsterwachtkette zu dienen, hatte die Mutter mit dem Hinweis darauf abgelehnt, dass sie das nach ihrer Schwertleite gerne tun könne, nun aber die Zeit dafür sei, sich aller ritterlichen Tugenden zu widmen, von denen Mut und Tapferkeit nur zwei waren. Sie bedürfe aber durchaus noch weiterer intensiver Beschäftigung mit anderen überaus wichtigen Tugenden. So mangle es ihr zuweilen an Mäßigung und Anstand, Bescheidenheit und Respekt, vor allem was ihre Wortwahl gegenüber ihrer eigenen Mutter anbetraf.
Nach dieser Strafpredigt, die Lyssandra in Gegenwart ihres Schwertvaters gehalten hatte, wusste Minerva, dass sie sich keine Hoffnung auf den baldigen Ritterschlag machen durfte.
“Ich wünsche dir auf jeden Fall den Segen der Sturmleuin und des fröhlichen Wanderers, Ailgrid, wo auch immer es dich hinverschlagen wird. Auf jeden Fall werde ich dich vermissen und ich hoffe doch sehr, dass, wann immer du in der Nähe bist, du in Urkentrutz vorbeischauen wirst. Willst du mir den Gefallen tun?”
Ailgrid musste sich arg beherrschen, um Minerva nicht um den Hals zu fallen. „Ich werde dich auch sehr vermissen und ich verspreche, wann immer ich in der Nähe bin, wird mich mein Weg stets auf Burg Urkenfurt führen.“
Ailgrid verneigte sich vor der Baroness: „Ich danke euch von Herzen, dass ihr für mich die Fürsprache bei meiner Schwiegermutter gehalten habt!“ Dann ging sie auf Minerva zu und nahm sie nun doch in die Arme.
„Für Baroness Minerva ist die Verneigung, aber für die Knappin und Freundin Minerva viel zu unpersönlich! Du wirst mir sehr fehlen und ich wünschte, wir könnten gemeinsam ausziehen, Dere entdecken und Abenteuer bestehen. Was gibt es schon für eine bessere Begleiterin, als eine, die man kennt, der man vertraut und um deren Fähigkeiten man weiß. Aber wer weiß, vielleicht bin ich ja gerade in der Nähe und hab zufällig ein oder zwei Götterläufe Zeit, wenn Du Deine Schwertleite erhältst!“ Sie zwinkerte Minerva zu, während sie wieder von ihr abließ.
„Und ich hoffe du weißt, wann, wo und warum du je Hilfe brauchst, du kannst immer auf mich zählen!“
Sie fand, sie hatte einen guten Kompromiss gefunden, Förmlichkeit für die Baronin, welche Minerva zur Zeit vertrat und persönliche Nähe und Zuneigung für die Knappin Minerva, mit der sie auch schon das ein oder andere erlebt und der sie auch schon zwei, drei Geheimnisse anvertraut hatte, ja definitiv war Minerva eine Freundin und wie Ailgrid fand ihre beste Freundin.
Danje merkte, dass Minerva etwas wehmütig wurde und gab sich einen Ruck, diesen schönen Moment zu beenden.
“Na komm Ailgrid! Lass uns nochmal in den Stall gehen und schauen, was unsere Pferde machen!”
Ailgrid nickte ihrer Schwertmutter zu, verneigte sich noch einmal vor Minerva, winkte Oberon und verließ mit Danje den Rittersaal.
Sobald sie außer Hörweite von Minerva waren begann Danje zu erzählen. Nicht weil sie Minerva diese Geschichten vorenthalten wollte, sondern weil sie ihr Fernweh nicht noch weiter steigern wollte.
“Das Bornland ist eine hervorragende Wahl. Die Strecke, die dir vorschwebt, ist nicht ganz ungefährlich, aber eine valide Möglichkeit. Im Bornland gibt es so viel zu sehen und zu tun. Das Erwachen des Landes hat viele Facetten neu hinzugefügt, aber es gibt auch so viele alte Dinge. Hast du zum Beispiel schon einmal vom Stelenwald in der Nähe von Sirsinkis gehört? Dort sind viele Theaterritter beerdigt und….
ENDE