Baronie Weidenhag, Peraine 1043 BF
Es war kein weiter Weg vom Marktort Weidenhag hin zu ihrem angedachten Ziel. Früh morgens machte sich die Gruppe auf den Weg, doch war es ihnen dennoch nicht vergönnt gewesen, die Wegstrecke an nur einem Tag zurückzulegen. Der Herr Efferd spendete seinen Segen unaufhörlich, die Böden wurden tief und das Tempo der Gruppe langsam. Schon bald nach dem Verlassen des Baronssitzes Weidenhag, überquerten die Rondrianer den Pergelbach an der Düsterfurt. Irmina erzählte den anderen dabei die Sage von der Heiligen Perainme, die als schwer von der Gicht gezeichnete Frau hier an der Furt einst die Gnade der Heilung erfuhr und der Herrin Peraine dann das nach ihr benannte Kloster stiftete, das über die Furt und die dort aus dem Wasser ragenden drei düsteren Findlinge wacht. ´Wachen´ war hierbei der richtige Ausdruck, handelte es sich beim Kloster ´Peraine voll der Gnade, Sankta Perainme zu Pergelfurt´ doch um Wehrkloster und eine Art ´Fluchtburg´ gleichermaßen. Wirklich gut zu verteidigen war es zwar nicht, das erkannten die kundigen Augen der anwesenden Rondrianer sogleich, doch immer noch besser als ein einfacher, durch eine Holzpalisade geschützter, Hof.
Vom Dorf Pergelfurt nahe dem Kloster nahm die Reisegruppe den ´Sankt Perdans Weg´ hin nach Wargentrutz. Vorbei ging es dabei am düsteren Wargenforst. Auch hierzu kannte die Tresslerin des Ordens zur Wahrung unzählige Geschichten, die wohl noch einige Tage des Reisens hätten füllen können. Im Großen und Ganzen konnte man zusammenfassend sagen, dass der Forst von den hier lebenden Menschen gleichermaßen als Segen und Fluch empfunden wurde. Eine der vielen Geschichten war im Dorf Wargentrutz recht anschaulich verewigt gewesen. Hier fand sich mit der ´Statue der Liebenden´ das Ergebnis der Sage um Perdan und Alari – ein menschlicher Waldläufer aus dem Gefolge Isegreins des Alten, der sich in eine elfische Prinzessin verliebte, deren Mutter einen Hass auf die jungen Völker hegte. Rahja selbst soll sich der liebenden Herzen erbarmt haben und sie zu Stein verwandelt haben, um sie auf ewig miteinander zu verbinden. Was vielerorts wohl eher als Bestrafung aufgefasst werden würde, wird hier als göttliche Gnade verstanden. Rund um diese wunderschöne Statue wächst ganzjährig ein Meer roter Rosen. Das besondere an diesen Blumen war, dass sie auch im abgeschnittenen Zustand nicht welkten, so man sie einem geliebten Menschen überreichte. Wächterin der Rosen und des kleinen Tempels beim Heiligtum war eine junge Geweihte, die vor Jahren aus dem fernen Fasar nach Weiden kam.
Aus dem Dorf kommend gelangte die Reisegruppe über eine Brücke über den Dergel. Quartier bezogen sie auf Burg Welkensteyn. Der Stammsitz des ehemaligen und langjährigen Baronshauses war eine schmucke, frisch renovierte Burg, die jedoch verlassen und ausgestorben wirkte. Einzig die Gastgeberin mit einer Handvoll Waffenknechten und dem nötigen Gesinde war hier anwesend. Waindis von Welkenstein war die Vögtin für den jungen Junker Feyenhold, der, so führte seine Vertreterin aus, auf Festung Dornstein bei seiner Gemahlin und deren Mutter, der herzoglichen Landvögtin von Dornstein, lebte. Dennoch wurden die Rondrianer standesgemäß und ordentlich bewirtet, unterhalten und untergebracht.
Am nächsten Morgen nahmen Irmina und ihre Begleiter den letzten Weg hinunter zur Grenze nach Greifenfurt und dem dort liegenden Rittergut Travienwacht.
***
Rittergut Travienswacht, wenig später
Grimmberta genoss die morgendliche Ruhe des Waldes. Wie jeden Tag zog sich die junge Ritterin früh morgens ihre waidmännische Kluft über, schulterte den Bogen, gürtete ihr Jagdschwert und machte sich, gemeinsam mit ihrem grauen Wolfsjäger Lasko, auf in den Wargenforst. Nicht um zu jagen, sondern um nach dem Rechten zu sehen … und die Natur und Stille zu genießen. Lasko war ihr dabei ein stiller Gefährte und Freund. Auf ihn konnte sich die Wolfenthannerin verlassen – wenn er anschlug, dann war etwas im Busch. Deshalb ließ Grimmberta auch aufhorchen, als der Hund beim Herannahen an ihr heimatliches Gut die Ohren spitzte.
Das Gut war nicht groß und warf gerade genug ab, dass sie halbwegs sorgenfrei leben konnte. Travienswacht war ein typisches Weidener Rittergut. Hier fand sich ein steinernes Herrenhaus mit einem kleinen Wehrturm, der der Grenze nach Greifenfurt zugewandt war. Innerhalb einer schützenden Palisade fanden sich darüber hinaus auch noch die einfachen hölzernen Häuser der wenigen Familien, die hier lebten. Etwas Gesinde und auch eigenhörige Viehbauern – insgesamt aber keine 50 Seelen. Grimmberta hatte eine kleine Herde Ziegen und Schafe, die das Auskommen der Ansiedlung sicherten.
Als sie durch das Palisadentor schritt, fielen ihr sofort die Pferde auf, die vor dem Gutshaus angekommen waren. Sie seufzte. Die junge Frau mochte keinen Besuch und schon gar keinen unangemeldeten. Grimmberta strich sich dennoch ihre Kleidung zu Recht, dann sah sie wer ihre Ruhe nun dieses Mal störte und erinnerte sich jäh an den Brief ihrer Tante, die ihren Besuch mitsamt Kindern angekündigt hatte. Das hatte sie vergessen, oder wohl eher: verdrängt und mühte sich nun um ein erfreutes Lächeln. Lasko wich ihr dabei nicht von der Seite.
Neben Irmina, aus deren breitem Lächeln ehrliche Freude sprach, stand ein ihr unbekannter, junger Mann mit halblangem, kastanienrotem Haar und hellbraunen Augen. Er hielt zwei Streitrösser am Zügel und an an seiner Seite stand ein Hund, dessen ganze Aufmerksamkeit ihr und Lasko galt. Es war eine gut kniehohe Hündin mit glänzendem kastanienrotem Fell und einem auffallenden weißen Fleck am Hals. An Brust, Bauch, Beinen und Rute fiel das Fell in langen, weichen Locken und auch die nun aufmerksam nach vorne gerichteten Schlappohren wiesen längeres Fell auf. Die großen Augen waren von einem warmen Braun und gerade aufmerksam auf ihren Herrn gerichtet, der sie offenkundig hervorragend erzogen hatte, denn just setzte die Hündin sich. Es geschah zwar ein wenig widerstrebend, aber ganz eindeutig in Folge einer kleinen Geste des Mannes, der ihr irgendwie gespannt entgegenblickte.
Hinter den beiden stand eine kleine Kutsche, aus der gerade die beiden Kinder Imrinas mehr purzelten, als stiegen und sich mit großen Augen umschauten. Ihnen folgte, weit würdevoller, ihre Amme. Um die beiden Kutschpferde kümmerten sich die Kutscherin und ein weiterer junger Mann, der wohl der Waffenknecht des Ritters war. Oder aber sein Knappe.
Die Arme ausgebreitet, was keinen Zweifel daran ließ, dass ihre Tante sie innig zu umarmen gedacht, schritt die Tresslerin auf Grimmberta zu. „Die Alveransleuin und die Eidmutter mit dir, Grimmberta, ich freue mich so, dich zu sehen, gesund und munter allzumal.“ Ohne sich weiter um ihre Gesellschaft zu scheren, marschierte die Rondrageweihte auf sie zu. Alle anderen blieben bei Reittieren und Kutsche und übten sich in höflicher Zurückhaltung, bis auf Rondymir, der bei einem früheren Besuch innige Freundschaft mit Lasko geschlossen hatte und vergnügt lachend auf ihren Jagdhund zu rannte.
Fast schien es als würde die junge Ritterin einen Schritt zurückweichen, als sie auf die große, neu angekommene Gruppe blickte. Die herzliche Geste ihrer Tante wog den in ihr einsetzenden Fluchtinstinkt jedoch auf und auch Grimmberta umarmte, mehr oder weniger lächelnd, ihre ältere Verwandte. „Tante Irmina … willkommen in der Heimat. Mit dir kommt die Sonne zurück, nachdem es den vergangenen Praioslauf nur geregnet hat.“
Die Ritterin von Travienwacht würde auch als eine der Elfen der nahen Herbstlaub-im-Nebel-Sippe durchgehen, wenn man vom Fehlen der spitzen Ohren absah: Grimmberta war groß gewachsen und von schlankem, beinahe dürr zu nennendem Wuchs, was ihre getragenen leichte Stiefel und engen Beinlinge aus Leder besonders zu betonen schienen. Das Oberteil aus dunklem Leder mit braunem Fellbesatz zeigte, dass sie auch obenrum nicht wirklich durch üppige Weiblichkeit bestach. Ihre hellen, beinahe weißblonden Haare hat die Ritterin zu einem beckenlangen Zopf geflochten. Sie besaß ein Allerweltsgesicht und bestach durch einen breiten Mund sowie eine kleine Nase. Aus milden, nussbraunen Augen blickt sie meist reserviert in die Welt. Alles in allem war die junge Frau zwar ansehnlich, aber keine klassische Schönheit.
Grimmbertas Blick ging hin zum kleinen Rondymir, der sich laut auf Lasko zubewegte, doch schien die Wolfenthannerin nicht wirklich beunruhigt. Es war der ihr unbekannte Ritter, der den Knaben mit einem verhaltenen Ruf daran erinnerte, dass es keine gute Idee war, sich einem so wehrhaften Tier auf diese Weise zu nähern. Rondrymir hielt sofort an, um mit großen Augen erst Lasko und dann Grimmberta anzusehen, wohl um eine Einladung abzuwarten.
Letztere nickte dem kleinen Mann zu. „Kannst schon, Rondymir … Lasko tut dir nichts. Er mag Kinder.“ Die Hausherrin wandte sich zu dem ihr unbekannten Mann um. „Wolfsjäger sind Menschen gegenüber sehr sanftmütig …“, erklärte sie, „… er hasst nur Orks.“ Der Rüde sah neugierig auf Grimmberta. Nach einem kurzen Nicken der jungen Frau ging er dem Kind entgegen und ließ sich mit wedelnder Rute umarmen. „Ich glaube wir wurden einander noch nicht vorgestellt“, griff sie dann die Faden wieder auf, wobei sie auch ihre Tante mit einem auffordernden Seitenblick streifte. „Grimmberta Elfwid von Wolfenthann, sehr erfreut.“
„Ja nun“, nahm Irmina den schweigend dargebrachten Tadel mit verschmitztem Lächeln zur Kenntnis, „das Wichtigste eben zuerst, meine Liebe. Für die Etikette bleibt genug Zeit. Jetzt zum Beispiel.“ Sie wies auf den jungen Mann. „Erlaube mir, dir in aller Form vorzustellen Luten Heilwig Corrhenstein von Hirschenheide und von Grîngelbaum, Ritter Weidens und der Wahrung. Er war so freundlich, mir für den Weg nach Weidenhag sein Geleit anzutragen. Und das hier“, war die Geweihte sich nicht zu fein, auch dessen tierische Begleiterin vorzustellen, „ist seine Jagdhündin Tyr.“
Die junge Ritterin musterte den Mann, als ihre Tante die Vorstellung übernahm. Aus ihrem Antlitz war dabei keine Reaktion abzulesen. Erst als sie die Hündin ansah schien sich für einen Herzschlag ein Lächeln auf ihren Lippen zu manifestieren.
Der Vorgestellte verbeugte sich artig und mit der Fast über dem Herzen. „Die Wächterin auf Alverans Zinnen und den Alten vom Berge zum Gruße, Euer Wohlgeboren, ich freue mich sehr, Euch endl … ähäm … Euch kennenzulernen, meine ich.“ Luten war ebenfalls hochgewachsen, aber wohl ein-zwei Finger kleiner als Grimmberta. Seine Haare fielen leicht gelockt bis zum Kinn. Er hatte auffallend helle Haut auf der die große Narbe auf der Stirn deutlich hervorstach. Wie seine Gastgeberein hatte er hellbraune Augen und sein Antlitz wirkte recht jugendlich, woran auch der nur wenige Tage alte Vollbart nicht viel ändern konnte. Über Kettenhemd und unter Plattenschultern trug er einen schwarzen Wappenrock, der über der Brust das in Weiden nicht unbekannte Wappen der Familie Corrhenstein trug: Auf Hermelin eine weiß-rot besäumte halbe Spitze in schwarz, belegt mit einer goldenen Hirschstange. Sein Waffengurt war mit silbernen Nieten belegt und trug neben einer Streitaxt einen Dolch mit einem Griff aus Geweih. An den derben Reitstiefeln, über denen er dunkle Lederhosen trug, glänzten schlichte und erfreulich kurze Sporen mit abgerundetem Ende.
„Dann seid mir auf meinem bescheidenen Gut willkommen, hoher Herr“, gab die Wolfenthannerin nonchalant zurück. Sie hatte von der Familie Corrhenstein zu Hirschenheide schon gehört.
In sein zurückhaltendes Lächeln mischte sich nun eine gewisse Verlegenheit, aus der er sich rettete, indem er von Grimmberta zu Lasko blickte. „Einen Prachtkerl habt Ihr da. Ich schätze, vornehmlich zur Jagd auf edleres Wild, als den Schwarzpelz, eh?“
„Was immer einem hier halt vor den Bogen läuft“, gab Grimmberta trocken zur Antwort, doch schien sie beim Thema Hunde etwas zugänglicher zu werden. „Lasko war ein Geschenk meines Vetters. Ich habe ihn seit er ein Welpe ist.“ Der Rüde hatte die Begrüßung des jungen Rondymir abgeschlossen und stellte sich wieder pflichtbewusst an die Seite der Ritterin. „In Albernia sagt man sich, dass die Wolfsjäger durch bloße Anwesenheit böse Mächte abwehren. Vetter Grimmfold hält sie sich nahe des Blautanns und er meinte, dass auch hier am Rande des Wargenforsts einer auf mich Acht geben sollte.“ Sie hob ihre Schultern und es war schwer zu sagen wie sie zu diesem Gedanken stand. „Darüber hinaus sind sie sehr mutige und aufmerksame Gefährten. Ist es Euer erstes Mal in Weidenhag? Beim letzten Mal hatte Tante Irmina Euch noch nicht mit.“
Das irritierte Blinzeln in Folge dieser Äußerung erfolgte bei Tante und Ritter nahezu gleichzeitig. Die beiden blickten einander kurz an und dann wieder auf Grimmberta. „Na, das klingt jetzt beinahe, als wäre der gute Luten mein Schoßtierchen“, konstatierte die Tresslerin so trocken, dass der Tadel in den Worten kaum hervor klang. „Dieses Mal bin ich in Ordensgeschäften unterwegs, letztes Mal war es privatim. Erklärt es das?“
Irmina kannte die Sturheit, die Grimmberta innewohnte und auch, dass sie im zwischenmenschlichen Umgang unerfahren war und deshalb etwas grobschlächtig wirkte. Sie holte gerade Luft, um ihrer Tante etwas zu entgegnen – in erster Linie was sie im Auftrag des Ordens hier bei ihr mache und warum in ihrem Brief nichts davon geschrieben stand – doch kam ihr Luten gerade noch rechtzeitig zuvor, denn der wollte kein Streitgespräch über diesen Punkt aufkommen lassen und grätschte verbal dazwischen, unterstützt durch einen Vorwärtsschritt. „Ai, bin das erste Mal an diesem Ende des Herzogtums. Sein Blick schweifte hinüber zum Wald. „Und es scheint, als wäre das ein Versäumnis gewesen, die Wälder hier sind fabelhaft, erstklassiger Jagdgrund, was ich vor wenigen Tagen auf Gut Biberwald bereits feststellen durfte. Tyr hat einmal mehr bewiesen, was für gute Anlagen sie hat. Sie wird, wenn sie erst über genug Erfahrung verfügt, ein zuverlässiger Vorstehhund sein.“ Wie um seine Worte zu unterstützen legte er eine Hand auf den Kopf der Hündin. „Ich habe sie als Welpen bekommen, von meiner Mutter. Sie züchtet diese Jagdhunde, müsst Ihr wissen.“
Die junge Ritterin kniete sich neben Tyr, blickte hoch zu Luten und begann, als sie keinen Einwand von seiner Seite vernahm, die Hündin zu streicheln. Auf ihren Lippen zeigte sich dabei ein mädchenhaftes Lächeln. „Ein schönes Tier …“, meinte Grimmberta dann, erhob sich und entstaubte wenig damenhaft ihre Hosen, „… wenn Ihr auf Biberwald wart, dann habt Ihr mit dem Hohenforst fürwahr die besten Jagdgründe in diesen Breiten kennen gelernt. Der Wargenforst … nun, ist nicht ungefährlich …“, sie blickte auf ihre Tante, „… ich weiß nicht was Euch Tante Irmina darüber erzählt hat, aber die meisten Menschen meiden den Forst und genau deshalb finde ich ihn so schön. Darüber hinaus kann mir dort ja nichts passieren. Durch meine Mutter bin ich doch vom Blute Alaris“, setzte sie kryptisch hinzu und reckte dabei selbstbewusst ihr Kinn.
„Aha“, entgegnete Luten etwas lahm darauf und blickte ratlos drein. „Da müsst Ihr mich nun erhellen, Werteste, denn ich kann mit diesem Namen gerade nichts anfangen, wenngleich ich hoffe, dass mir das nicht zum Nachteil gereicht.“
Grimmberta legte ihren Kopf schief und warf ihre Stirn in Falten. „Na, Alari … die welkende Blüte … die Tochter der Herrin des Waldes.“ Hilfesuchend sah sie zu ihrer Tante, dann klarte sich ihr Blick und ein sanftes Lächeln huschte über ihre Züge. „Wenn Ihr etwas Zeit habt, dann zeige ich es Euch.“
Auch Luten bedachte die Tresslerin mit einem fragenden Blick. Doch ehe sie ihrer Nichte hilfreich zur Seite springen konnte, bot diese Abhilfe auf praktische Art und Weise an.
„Na, ich denke schon“, sagte der Corrhensteiner auf ihr Angebot, nachdem das Schulterzuckten der Rondrianerin ihm signalisierte, dass er frei war zu tun, was ihm beliebte. „Oder wird es länger dauern?“ Da er keine Ahnung hatte, was Grimmberta im Sinn hatte und auch nicht, was nach ihrem Ermessen ‚etwas Zeit haben‘ bedeutete, blieb jedoch ein Rest Unsicherheit, den man ihm auch deutlich ansah.
Die Angesprochene blickte kurz in den Himmel, ganz so als würde sie dort etwas suchen. „Nun wahrscheinlich schon bis zum Abend heute. Länger sollte es nicht dauern.“ Ihr Blick ging hinüber zu Irmina, wobei es schwer zu sagen war was genau dieser zu bedeuten hatte. Dass es unhöflich sein könnte, als Gastgeberin die eben angekommenen Gäste sogleich wieder allein zu lassen, kam der jungen Grimmberta nicht in den Sinn.
Ihre Tante wusste um die Unzulänglichkeiten ihrer Nichte was Etikette, oder grundsätzliches Benehmen anging und wieder bestätigte sich, dass ihr Gebaren sich seit ihrem letzten Besuch nicht wirklich gebessert hatte. Irmina seufzte leise in sich hinein, derweil sich ihre Augenbrauen hoben und bedachte ihre Nichte mit einem leichten Kopfschütteln. Das ‚Ach, Kind‘, das ihr auf den Lippen lag schluckte sie hinunter und verlor sich stattdessen in einem Rundblick, während dem sich ein breites Lächeln auf ihre Lippen schlich. Immerhin war das hier ihr Elternhaus, die Heimat ihrer Kindheit. Sie würde sich auch alleine, und wenn es sein musste im Schlaf, hier zurecht zu finden sollten die beiden Jungspunde doch tun, wonach ihnen der Sinn stand. Die Rondrianerin war sich sicher, bei diesen beiden wäre das nichts, was die Grenzen von Sitte und Anstand verletzte, dazu waren sie schlicht nicht imstande, was Irmina tatsächlich recht traurig fand.
Gänzlich unbeeindruckt konzentrierte sich die gegenwärtige Hausherrin auf ihren Gesprächspartner. „Aber vielleicht wollt Ihr Euch noch etwas passenderes anziehen …“, die junge Wolfenthannerin musterte noch einmal die Erscheinung des Ritters, „… im Wald dürfte Euch die Rüstung nur behindern. Orks oder Strauchdiebe gibt es hier keine und das was uns gegebenenfalls droht, ließe sich durch eine Rüstung nicht aufhalten.“ Kurz huschte ein Lächeln über ihre Züge. War ihr Ausspruch von eben vielleicht gar bloß ein Scherz?
„Jaja“, fuhr nun doch die ältere Wolfenthannerin dazwischen, „macht Euch nur ausgehfein, Luten. Wenns recht ist, kümmere ich mich darum, dass ein Abendessen auf dem Tisch steht, wenn ihr zurückkommt. Nicht, dass das Gesinde meiner Erinnerung nach allzu viel Ermunterung braucht, um seinen Pflichten zu genügen. Aber ich freue mich ehrlich gesagt schon den ganzen Tag auf den so schmackhaften Travienwachter Waldkräutertee und einen Plausch mit der Köchin. Also, nur keine übermäßige Höflichkeit, Berta, verlass dich einfach drauf, dass deine alte Tante sich zurechtfindet und hebe dir dein gutes Benehmen für einen anderen Besuch auf.“ Der stetige und freundliche Tonfall milderte die Schärfe des Tadels zwar ab, ließ aber keinen Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit. Doch die Tresslerin hatte sich schon abgewandt, marschierte aufs Haupthaus zu und rief die Kinder an ihre Seite.
Ihre junge Nichte schien sich an den Worten nicht zu stören. Sie nickte Irmina zu. „Danke, Tante. Birsel ist in der Küche. Sie freut sich sicher dich zu sehen.“ Was im ersten Moment vielleicht etwas bockig wirkte, war eine ernst gemeinte Aussage.
Luten räusperte sich ein wenig unbehaglich und versuchte sich an einem Lächeln. „Es wäre in der Tat gut, wenn ich mich kurz umziehen könnte. Das ermöglicht es Euch auch, zumindest ein paar private Worte mit Eurer Tante zu wechseln, Wohlgeboren. Ich brauche auch nicht lang, versprochen. Wenn Ihr mir nur zeigt, wo ich das erledigen kann?“
„Natürlich …“, ein schmales Lächeln huschte über Lippen. Sie deutete einen Knecht heran, der gerade dabei war mit den Pferden zu helfen. „He, Dingel …“, rief Grimmberta ihm zu, „… zeig dem hohen Herrn von Hirschenheide seine Kammer.“
Pflichtbewusst nickte der Angesprochene ihr zu. Als er vor die Herrschaften trat, zog er seine Kopfbedeckung von seinem kahlen Haupt. „Welche, Hohe Dame?“ Als keine Antwort sofortige seiner Herrin folgte, ließ er sich zu einem Vorschlag hinreißen. „Die bei der Waschkammer?“ Nach einem knappen Nicken seiner Herrin bedeutete der Knecht dem Ritter ihm zu folgen. „Wenn Ihr mir folgt, Hoher Herr. Soll … soll ich Euch gleich etwas in die Kammer tragen?“
Luten marschierte bereits zu seinem Pferd und machte sich an den Satteltaschen zu schaffen. „Äh, ja, das wäre hilfreich“, brummelte er und gab dem Knecht eine der beiden Taschen. Die andere und seine Waffen schulterte er selbst, eh er Dingel mit einer Geste zu verstehen gab, er solle voran gehen. Tyr blieb dabei eng an seiner Seite.
Als der Knecht mit Luten im Gutshaus verschwand, wandte sich die junge Ritterin wieder der Rondrianerin zu. „Ich freue mich dich zu sehen, Tante …“, wiederholte sie zuvor gesagtes, „… das du in so großer Begleitung kommst … überrascht mich. Welch kirchliche Sache führt dich denn hier her?“
Als sie sich umdrehte, musste sie jedoch feststellen, dass ihre Tante bereits im Gutshaus verschwunden war. Es drangen fröhliche Rufe daraus hervor, als Irmina die ihr wohlbekannte Köchin begrüßte und diese ihrerseits die unerwarteten Gäste. Allein die Amme, beladen mit einem Korb, auf dem eine Tasche lag, war noch auf dem Hof und schenkte Grimmberta ein verlegenes Lächeln. Zwar hatte ihr niemand gesagt, wohin sie sich wenden sollte, aber sie ging davon aus, dass die Verwandtschaft die üblichen Zimmer beziehen würde und machte sich, nach einem angedeuteten Knicks, auf den Weg dorthin.
Der Blick der Hausherrin lag für einige Momente auf der Amme und ging dann hin zum Gutshaus. Ihr Antlitz war ausdruckslos und sie zuckte mit ihren Schultern. Dann zog sie sich den Bogen von der Schulter, legte einen Pfeil in die Sehne, trat ein paar Schritte zur Seite und begann ein paar Pfeile auf die dort aufgebaute Zielscheibe zu schießen. Wirklich zufrieden war sie mit dem Ergebnis nicht. Der Besuch ihrer Tante wühlte sie allem Anschein nach mehr auf als sie sich eingestehen wollte.
Wie versprochen, erschien der Corrhensteiner schon bald wieder. Er hatte sich der Rüstung entledigt und trug nun ein schlichtes, rauhledernes Wams von dunkler Farbe über einem dunkelgrünen Hemd. Die Festen Reitstiefel hatte er in leichtere getauscht und trug neben seiner Kriegsaxt einen schweren Dolch am Gürtel und in der Hand einen Stoßspeer. „Kann losgehen“, verkündete er, was seiner Hündin ein ebenso erfreutes, wie bestätigendes Bellen entlockte.
„Sehr schön …“, Grimmberta schob sich ihren Bogen zurück auf die Schulter und es schien fast so als wollte sie sich zwischen den Ritter und die Zielscheibe stellen – wohl aus Scham, da ihr Trefferbild so miserabel war. Sie schenkte Luten ein Lächeln, doch war nicht klar ob dieses ehrlich, oder aus Verlegenheit geboren war. „Lasst uns gehen.“
„Ai“, sagte der Hollerheider Adlige und ein vorfreudiges Lächeln zeigte sich, „gehen wir. Bin schon gespannt, was Ihr mir zeigen wollt.“