Rittergut Travienswacht, am Abend

Mit den letzten Strahlen des Praiosmales erreichten die beiden jungen Ritter das Gut Travienswacht. Die Menschen hatten ihr Tagwerk beendet und mit Ausnahme des Gutshauses wirkte die kleine Siedlung ausgestorben. Lampenöl war für die Eigenhörigen nicht erschwinglich und Kerzen konnte sich nicht einmal die Herrschaft in großem Stil leisten. So war auch das Gutshaus der Ritterin nur eher schwach beleuchtet. Allem Anschein nach hatte man dort jedoch auf die Rückkehr er Hausherrin und ihres Begleiters gewartet. Der Duft aus der Küche signalisierte den beiden Angekommen, dass der Eintopf wohl noch auf dem Herdfeuer stand und die Stimmen aus der ´Halle´ waren ein Indikator dafür, dass der Rest des Besuchs noch zusammensaß.

Grimmberta gab sich und Luten noch die Gelegenheit sich frisch zu machen, um dann zu den anderen zuzustoßen. Die junge Ritterin ging in ihre Kammer, öffnete ihren Zopf, kämmte ihn nass aus und kleidete sich in ein einfaches Leinenkleid. Hier gab es keine Zofe oder Dienerin, die ihr dabei zur Hand ging, doch waren die Griffe der Wolfenthannerin geübt genug, um sich nicht länger als nötig damit aufzuhalten. Sie hasst es diesen ´besseren´ Fummel zu tragen, wobei ´besser´ in diesem Zusammenhang ein irreführender Begriff war. Es gab in Bärwalde und Baliho bestimmt Bauern, die besser gekleidet waren. Dennoch verspürte sie ein leichtes Bedürfnis den Fetzen zu tragen – vielleicht auch um Luten zu zeigen, dass sie es ehrlich versuchte und nicht immer stur sein musste.

In der ´Halle´ angekommen war es den anderen Anwesenden klar, dass es ihr nicht leichtfiel, das Bemühen jedoch da war. Luten, inzwischen in ein schlichtes, dunkles Wollwams, helle Hosen und bequeme Stiefel gekleidet, nickte seiner Gastgeberein aufmunternd zu und zeigte dabei ein betont ermutigendes Lächeln.
Grimmberta setzte sich auf ihren Stuhl und bedachte ihre Tante und ihr Gefolge mit einem Lächeln. „Ich hoffe du hattest einen schönen Tag hier, Tante …“, sie räusperte sich, „… und ähm entschuldige, dass ich so plötzlich weg bin.“

Irmina hob beide Augenbrauen und maß ihre Nichte streng. Doch die Strenge war wohl nur vorgeschoben und entsprach nicht der eigentlichen Stimmung der Geweihten. Also durchbrach schon nach wenigen Herzschlägen ein herzliches Lächeln die harte Fassade. „Ach Berta, mein liebes Kind, was soll ich nur mit dir machen“, seufzte sie leise und schüttelte den Kopf.

Ansatzlos nickte sie dann. „Hatte ich, danke der Nachfrage. Es ist immer wieder schön in mein Elternhaus zurückzukehren. Hier hat sich so wenig verändert, dass ich mich gleich wieder wie zu Hause fühle. Und irgendwie auch ein wenig jünger.“ Sie lachte warm und legte Grimmberta dann eine Hand auf den Arm. „Du leistest hier wirklich außerordentlich gute Arbeit, Grimmberta. Die Familie kann stolz auf dich sei und ich bin sicher, deine lieben Eltern, der Herre Boron halte sie selig, sind es ganz sicher.“

Irmina war bewusst, dass ihre Nichte schon sehr früh das Joch der Verantwortung angelegt wurde. Als ihr Bruder beim Zug der Herzöge fiel, war Grimmberta noch keine Ritterin. Als sie den Ritterschlag dann empfing, musste sie sogleich die Aufgaben hier an der Grenze antreten. Ihr blieb keine Zeit für eine Ritterfahrt oder Aventurie. Sie wurde nicht langsam an ihre Aufgabe herangeführt, sondern direkt ins kalte Wasser gestoßen. Dafür schlug sie ihre junge Anverwandte ganz gut.

„Ich danke dir, Tante Irmina“, kurz ging ihr Blick hin zu Luten. Wieder wollte sie ihm beweisen, dass sie sich Mühe gab: „Wie … ähm … geht es den Kindern und deinem … ähm … Gemahl?“ Die Ritterin lächelte etwas unsicher. „Und was gibt es denn Neues vom Rhodenstein?“

Wenn sie sie verspürte, gelang es Irmina sehr gut, ihre Irritation zu überspielen. Ihre Augen lagen fest in denen ihrer Nichte und nachdem sie einige Herzschläge sinniert hatte, antwortete sie aufgeräumt.
„Ganz hervorragend, geht es den dreien. Die Kinder sind uns ein steter Quell der Freude und Bärfried für mich zumindest die meiste Zeit.“ Sie lachte leise und irgendwie liebevoll. „Umgekehrt gilt das sicher ebenso. Besuch‘ uns doch einmal, Berta. Ich glaube, du kennst unser Häuschen gar nicht. Und was es Neues auf dem Rhodenstein gibt.“

Die Geweihte beugte sich vertrauensvoll vor. „Ich glaube, diesbezüglich bin ich eine schlechte Dienerin der Herrin. Da ich es vorziehe, meine Freizeit mit der Familie zu verbringen, bekomme ich gar nicht so viel von dem mit, was auf der Burg passiert. Gegenwärtig treiben die Vorgänge in Garetien alle sehr um, weswegen ich auch hier in der Heldentrutz bin. Wenn du möchtest, berichte ich dir davon. Aber das muss nun, zu so später Stunde, wahrlich nicht mehr sein, wenn du mich fragst. Ich bin sicher, die Kinder“, sie deutete auf die beiden, „würden sich sehr freuen, wenn du ihnen vom Wargenforst erzählst. Rondrymir wollte mir nicht glauben, dass der mindestens ebenso verwünscht ist, wie der Blauthann. Aber ich schätze dir, die du in seinem Schatten lebst, wird er Glauben schenken.“

Ein breites Lächeln huschte über die Lippen der jungen Ritterin. "Das wohl ...", meinte sie dann an den kleinen Rondrymir gewandt, "... wir haben zwar keinen Drachen im Wald - also zumindest hätte sich der noch nie blicken lassen - aber dennoch machen sogar die Orks einen Bogen um den Wargenforst."

Der Ton der jungen Ritterin wurde nun verschwörerisch und hatte den gewünschten Effekt auf den Jungen, der an ihren Lippen zu hingen schien. "Man erzählt sich gar viele Dinge über den Wald. Dass er von einer großen schwarzen Wolfskreatur bewacht wird und dass die Herrin des Waldes selbst entscheidet, wen sie einlässt. Der Forst ist wohl gleichzeitig einer der gefährlichsten, aber auch einer der friedlichsten Orte der Bärenlande. Je nachdem, wer ihn betritt. Solange wir uns nicht zu tief hineinwagen und respektvoll mit den Schätzen des Waldes umgehen, droht uns keine große Gefahr. Zumindest wenn man in der Lage ist die Zeichen der Warnung zu erkennen. Luten ...", sie räusperte sich und erinnerte sich daran, dass ihre Tante ihr gegenübersaß, "... äh ... der hohe Herr hat mich zuvor in den Wald begleitet. Ich denke nicht, dass er Angst haben musste." Grimmberta lächelte frech.

Als der Corrhensteiner seinen Namen hörte, schaute er alarmiert und fragend hinüber. Irmina lachte leise. „Und? Habt Ihr Euch gefürchtet, Luten? Im Wargenforst? War er so bedrohlich, wie befürchtet?“

Luten runzelte die Stirn und seine Verwirrung lichtete sich erst, als er die kleine Geste der Rhodensteinerin hin zu ihrem Söhnchen erblickte und ebenso den angespannten Knaben. „Ah, ach so, im Wargenforst. Najaaaa, er ist nicht der Blautann, aber ehrlich, ein weni …, also, ich meine, der ist schon unheimlich, der Forst. Ich war froh, dass Ber…, ich meine, die Hohe Dame an meiner Seite war und mir den Weg zeigen konnte.“ Er beugte sich vor und stupste Rondrymir. „Pass nur auf, morgen, wenn du hinein gehst, Drymir, nicht dass du den dunklen Warg aufstörst. Am besten, bittest du deine Base, ihn dir zu zeigen, den Wargenforst!“

Das ließ der Jung sich nicht zweimal sagen. „Zeigst du ihn mir, Base?“, fragte er mit großen, leuchtenden Augen. „Und hast du ihn denn schon mal gesehen, den großen Warg? Von dem hat Mama uns schon erzählt.“

Grimmberta musste abermals lächeln, dann schüttelte sie sanft ihr Haupt. „Nein, ich habe den Wargen noch nicht gesehen. Auch mein Vater, euer Onkel, hat ihn Zeit seines Lebens nie zu Gesicht bekommen.“ Die junge Ritterin kaute für ein paar Herzschläge auf ihrer Unterlippe. „Aber es gibt Menschen nicht weit von hier die haben ihn nicht nur gesehen, sie wurden sogar von ihm verteidigt. Vor ein paar Götterläufen wagte sich eine Rotte Orks in unsere Lande und überfiel den Weilen Gluckenhagen nur ein paar Meilen firunwärts von hier. Die Menschen flüchteten in den Forst und die Orks setzten ihnen nach.“ Die Hausherrin machte eine kurze Pause und ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen. „Als Junker Feyenhold und die Seinen die Bewohner des Weilers – unversehrt – im Wargenforst fanden, erzählten sie ihm, dass es der Wald war, der sich der Schwarzpelze entledigt hatte. Miril, eine der Gluckenhagerinnen, erzählte mir von einem schwarzen Wolf, der die Größe eines Tralloper Riesen hatte und von einer goldhaarigen Elfe, die die Dörfler beschützt hatte. Letztere soll sich dann gar mit dem Junker unterhalten haben. Von den Orks hatte es tatsächlich niemand überlebt.“

Grimmberta wandte sich dem kleinen Rondymir zu. „Wenn du möchtest und Tante Irmina es erlaubt, dann kannst du mich und Lasko morgen früh in den Wald begleiten.“

„Klar“, kam es wie von der Sehne gelassen und Romdrymir strahlte über die vor Aufregung geröteten Pausbacken. „Ich möchte gern mit dir in den Wald.“ Eine Bewegung an seiner Seite erinnerte den Knaben an die Anwesenheit seiner Mutter und er wandte sich ihr mit weit aufgerissenen Augen zu. „Ich darf doch, Mama, oder? Wo du doch immer erzählst, wie schön es hier ist und ich das dann ja selbst sehen kann.“

„Hum“, brummte Irmina, dann schniefte sie leise und sah ihren Erstgeborenen streng an, ehe sie sich erst zu einem Nicken und dann zu einem sachten Lächeln hinreißen ließ. „Wenn du mir versprichst, dass du auf Base Grimmberta hörst, alles tust, was sie sagt und lässt, was sie dich zu lassen heißt. Wenn du also ein guter Junge bist, Rondrymir, dann darfst du dein Base in den Forst begleiten.“

Ob Rondrymir nun alles gehört und getreulich verinnerlicht hatte, was seine Mutter ihm als Bedingung mit auf den Weg gab, hielt Luten für zumindest anzweifelbar. Aber er musste dennoch über den Eifer schmunzeln, mit dem der Lütte nun nickte und mehr oder weniger absoluten Gehorsam zusicherte.
Auch die Gastgeberin schien das Mienenspiel des Jungen zu erheitern.

Irmina sah zu Grimmberta hinüber und das Lächeln vertiefte sich. „Ich hoffe, er ist so folgsam, wie er jetzt in Aussicht stellt. Du würdest mir damit durchaus einen Gefallen tun, meine Liebe. Hab ein waches Auge auf meinen Sohn, darauf, wie er sich im Wald führt und wie als …“, nun warf sie dem Knaben einen ernsten Blick zu, „…Gefolgsmann. Augenblicklich fasziniert ihn das Ritterdasein sehr und mich interessiert, ob er entsprechende Anlagen erkennen lässt. Ich bin sicher, du wirst das gerade daran ermessen können, wie er sich in Wald und Flur führt.“

Die Angesprochene nickte ihrer Tante zu. „Lasko und ich werden auf ihn Acht geben.“ Die Ritterin kraulte ihrem Wolfsjäger, der neben ihr Position bezogen hatte, sollte Speisereste für ihn abfallen, das Fell. „Ich kann mich noch gut daran erinnern als Vater mich das erste Mal in den Forst mitgenommen hat …“, sie stoppte und fast schien es als umfing sie für den Moment Melancholie, „… es war ein schöner Tag. Es wird dir gefallen Rondrymir.“

Dann wandte sich Grimmberta wieder ihrer Tante zu. „Hast du denn schon jemanden für seine Ausbildung im Sinn? Ich bezweifle nicht, dass er sich dafür eignet ein Ritter zu werden. Er ist doch ein Wolfenthanner.“ Die junge Ritterin grinste.

„Das stimmt“, bestätigte Irmina, „aber auch ein Windtobel. Viel an Rondrymir erinnert mich an seinen Vater. Es ist noch nicht ausgemacht, ob er dem Erbe meiner Familie, oder dem seines Vaters folgen wird. Darum gilt es besonders aufmerksam auf Rondrymirs Anlagen zu schauen.“

Mit einem Seufzen wandte sie ihren Blick von ihrem Sohn zurück zu ihrer Nichte. „Denn eins ist sicher, sie werden so schnell groß, dass diese Frage viel früher als gedacht von Bedeutung ist und deine Einschätzung, Berta, wird uns sicher weiter helfen.“

Grimmberta nickte ihrer Tante verständnisvoll zu. Auch von ihr würde einmal erwartet werden Kinder zu empfangen und am besten mehr als eines. Hier im Schatten des Finsterkamms wurden viele Menschen nicht besonders alt und das lag nicht nur an den leeren Säckeln und dürftig gedeckten Tischen. Die Baronin war sogar der Meinung, dass sie ‚so schnell wie möglich‘ einen standesgemäßen Mann heiraten sollte, um eine Familie zu gründen. Oft hatte ihre Hochgeboren dabei auch ihre Hilfe angeboten. Sie verdrängte den Gedanken.

„Hast du gehört Rondrymir …“, die Ritterin biss in ein Brot und wandte sich dem jungen Knaben zu, „… wir zeigen deiner Mutter, dass du ein richtiger Ritter werden kannst.“ Sie lächelte. „Mut hast du schon einmal. In den Wargenforst wollen nicht allzu viele in deinem Alter.“

„Wollja“, bestätigte der Junge begeistert, „ich wird mein Schwert gürteln“, gewichtig deutete er auf sein Holzschwert, das er vorhin neben das Namensschwert seiner Mutter gestellt hatte und nickte, ehe er Grimmberta mit Fragen zu löchern begann. Deren Tante genoss mit einem breiten Grinsen, das nun jemand anders das Opfer des kaum zu stillenden Wissensdursts ihres Sohnes war und widmete sich in aller Ruhe ihrem Essen.

***

Nachdem Birsel das Essen vom Tisch abgeräumt hatte und die Amme die beiden Kinder zu Bett gebracht hatte, saßen Irmina, Luten und Grimmberta noch etwas am Tisch. Die junge Hausherrin ließ Brand bringen und der Corrhensteiner fühlte sich sogleich an seinen Abend auf Gut Biberwald erinnert. Offenes Feuer im Rücken und flüssiges Feuer im Bauch war wohl eine Weidenhager Tradition.

„Tante Irminaaa?“, fragte die Ritterin dann und vom Ton her wirkte sie so wie jenes neugierige kleine Mädchen, das die Angesprochene damals auf ihrem Schoß sitzen hatte. Wie schnell die Zeit doch nicht verging. Eben jenes kleine Mädchen war nun eine Ritterin und verantwortlich für ein kleines Gut an der Grenze des Herzogtums. „Denkst du Vater hätte es sich gewünscht …“, Grimmberta blickte in ihren Zinnkelch und bevor die Geweihte nachfragen konnte, was damit gemeint war, fuhr sie auch schon fort, „… das alles hier? Denkst du, er hatte das im Sinn als er an meine Zukunft dachte?“

Die Geweihte legte den Kopf schief und schob die Augenbrauen zusammen, als sie ihre Nichte musterte. „Humhum, das alles hier? Das Gut, meinst du?“ Irminas Züge glätteten sich und nun war es an ihr, in ihr Becherchen zu blicken. „Nun, ich bin sicher, er wünscht sich wie jeder Vater, dass sein Kind sicher ist, zufrieden, bestenfalls glücklich. Und wie jeder Mensch, der zeitlebens für etwas gekämpft hat, wünscht er sich, dass das Erreichte Bestand hat. Immerhin ist dieses Gut die Heimat einer alten und stolzen Familie. Dass dies so bleibt, war meinem Bruder immer sehr wichtig und wenn er nun von Alveran herab blickt und es prächtig gedeihen sieht, ist er sicher zufrieden.“

Wieder schärfte sich ihr Blick. „Bist du denn anderer Meinung, Berta?“

Die Angesprochene blickte einen Moment lang ins Leere, dann schüttelte sie den Kopf. „Vater hätte sich bestimmt gewünscht, dass er mehr Zeit hätte … ich war ja noch nicht einmal Ritterin als er starb. Ich wäre so gerne auf Ritterfahrt gegangen. Niemand konnte wissen, dass ich schon in so jungen Jahren seinen Platz einnehmen muss.“ Grimmberta biss sich auf die Unterlippe und Irmina meinte in eben diesen Worten leichte Anflüge von Hader zu erkennen. Ein Gefühlsausdruck, den die Geweihte von ihrer sonst eher stoischen Nichte nicht wirklich kannte.

„Luten und ich hatten uns zuvor über Pflichten unterhalten. Über die Erwartungen der Familie und der Götter.“ Sie blickte kurz hin zum Corrhensteiner. „Mir ist bewusst, dass ich auf viel verzichten musste, was andere junge Adelige haben und tun können, aber es ist nötig und gut so, oder? Rondra und Praios verlangen es doch auch von mir?“

Kurz zuckte Luten und schien etwas entgegnen zu wollen, doch er besann sich und hielt sich zuerst einmal aus diesem Familiengespräch heraus.

Irminas Augenbrauen hatten bei Grimmbertas Ankündigung kurz gezuckt, dann hatte sie geblinzelt und war sich mit der Hand übers Kinn gefahren. „Ich wusste nicht, dass du dir eine Heckenzeit hättest vorstellen können, meine Liebe“, sagte sie leise und wirkte dabei betroffen. „Aber ehrlich gesagt haben wir, habe ich, dich nie nach deinen Wünschen gefragt, wie mir gerade bewusst wird. Wir Wolfenthanns sind von jeher den Erfordernissen gefolgt, wie sie sich eben ergeben haben, nicht wahr?“

Die junge Ritterin nickte langsam.

Sinnierend blickte Irmina vor sich, dann atmete sie tief ein. „Es ist gut und richtig, die Gebote der Götter zu befolgen, Grimmberta, darin hast du recht. Allein, es gibt mehr als einen Weg, dies zu tun. Dem Herre Praios ist es sicher ein Wohlgefallen, dass du deine angeborene Pflicht so getreulich erfüllst, deinen Lehensherren eine treue Vasallin und deinen Schutzbefohlenen eine gerechte Herrin bist. Und auch die Herrin Leuengleich wird es zufrieden sein. Dennoch wäre eine Ritterfahrt für dich als Mensch und als Ritterin gut, sehr gut sogar. Andere Horizonte öffnen den eigenen, wie ich immer sage und ich bin wirklich ärgerlich auf mich, dass ich nie daran gedacht und gerührt habe.“

Dass sie das war, stand ihr nun deutlich ins Gesicht geschrieben. Doch dann lächelte sie jäh. „Was nicht ist, kann aber noch werden, nicht wahr? Immerhin bist du noch sehr jung und die Welt da draußen immer noch da. Wie auch deine Familie noch da ist. Ich werde mit allen reden und wir werden jemanden finden, der als dein treuer Vogt dienen kann, während du nachholst, wonach du dich sehnst. Wie wäre es mit rondragefälligen zwei Götterläufen, Berta? Das ist eine gute Zeit, um auch eine längere Reise in Angriff nehmen zu können. Beispielsweise in die Lande der ersten Sonne, an der Seite Lutens hier, der – soweit ich weiß – erwägt eine Schwester im Glauben dorthin zu begleiten. Oder auch woanders hin, ins Bornland beispielsweise, oder an die Westküste, ach, es gibt so viele Möglichkeiten und alle werden voller packender Herausforderungen sein. Also, lass es uns angehen, wenn es dich noch immer danach verlangt und ich will mich gerne bei deiner Baronin für dich verwenden.“

Als dies gesagt war, weiteten sich die braunen Augen Grimmbertas und ein breites Lächeln legte sich auf ihre Züge. Würde das möglich sein, so wie Tante Irmina sagte? So einfach? Zwei Götterläufe in der Ferne? Ohne ihren Wald und was würde denn aus den Menschen hier werden? Kannte sie jemanden, der oder die sie als Vogt vertreten konnte? Das Lächeln erstarb langsam wieder, zu viele Fragen bohrten sich in ihren Kopf.

So entging ihr, dass Luten inzwischen gespannt nach vorne gebeugt saß und sie beinahe gebannt anschaute.

„Meinst du, Tante?“, fragte die Ritterin etwas unsicher. „Ich würde so sehr gerne reisen und andere Länder kennen lernen, aber ich möchte auch die Menschen hier nicht allein lassen. Birsel zum Beispiel, oder den alten Grimmwart.“ So sehr sie andere Menschen für gewöhnlich auch mied, die, die sie in ihr Herz ließ, brachte man dort nur noch sehr schwer wieder heraus. Sie kaute unsicher an ihrer Unterlippe. „Wer denkst du denn wäre ein passender Vogt?“

Die Tresslerin nickte energisch. „Ich meine, gegenwärtig würde die Lage eine solche Reise erlauben. Es ist keine friedvolle Zeit, keine von segensbringender Sicherheit, aber es ist eine, in der eine solche Reise möglich ist. Vor allem aber sinnvoll, denn zupackende Hände aufrechter Ritter, ich meine: aufrechter, Weidener Ritter, werden überall gebraucht. Dir würde es einen Wunsch erfüllen und zugleich eine neue Welt öffnen, was letztlich für alle hier von Vorteil sein wird. Das magst du jetzt noch nicht sehen, aber so wird es sein, glaub mir nur.“

Es hatte den Anschein, als wäre Irmina kaum davon abzubringen, diese Idee in die Tat umzusetzen. Unternehmungslustig rieb sie sich die Hände. „Denke einfach daran, all denen, die dir lieb und teuer sind, eine Kleinigkeit von deiner Reise mitzubringen, das wird sie über deine Abwesenheit hinweg trösten. Was nun einen Vogt angeht … hmmm … am besten wäre Familie, also lass uns einmal überlegen, wen wir da noch haben.“

Grimmberta sann kurz nach, dann hellte sich ihr Antlitz auf. „Ja klar, Vetter Marbert … der Erbe von Grimmfold aus Firnroden. Der ist auch schon ein Ritter und war letztens zu Besuch hier bei mir. Er hatte seine Ritterfahrt beendet und wollte sich noch ein paar Jahre einem Herrn oder einer Herrin andienen, bevor er dann heiratet und seinen Vater unterstützt.“ Die junge Ritterin war stolz auf ihren Einfall. „Den können wir fragen. Das wäre doch eine Aufgabe für ihn und er könnte hier lernen, was es heißt, ein Gut zu führen.“ Sie war nun wie ausgewechselt, sah sie sich doch schon fremde Länder bereisen. „Ja, das sollte alles möglich sein.“

Ihre Tante nickte bestätigend. „Eine gute Idee, Berta, wir werden Grimmfold auf dem Rückweg einen weiteren Besucht abstatten und das mit ihm und Marbert besprechen.“

Kaum war dies gesagt ging Grimmbertas Blick aufgeregt in die Richtung des Corrhensteiners. „Wohin brechen wir auf?“

Der war der Unterhaltung und der Dynamik, die sie entwickelte mit sichtbarer Verwunderung gefolgt. Als er nun so jäh direkt adressiert wurde, fuhr er zusammen, schloss den geöffneten Mund und verschluckte sich leicht. Verlegen grinsend klopfte er sich auf die Brust und schüttelte den Kopf.

„Ihr seid ja doch von der schnellen Truppe, eh“; grummelte er, „da mache ich einen kleinen, harmlosen Vorschlag und Schwuppes habt Ihr mich am Hacken.“ Er wedelte beschwichtigend mit seiner Hand, als Grimmberta schon wieder zurück rudern wollte.

„Alles gut, alles gut, das ziehen wir jetzt zusammen durch. Wenn Ihr Euch aus dem Bau traut, dann kann ich kaum zurückstehen. Reisen wir also zusammen und ich würde sagen, zuerst in den Süden, ins Land der ersten Sonne. Es heißt, Khunchom wäre eine Stadt, die niemals schläft. Das würde ich gerne mit eigenen Augen sehen. Traut Ihr Euch?“ Er sah die junge Wolfenthann mit herausfordernd blitzenden Augen an.

-Fin-