Die einsame Jägerin

Eine junge Ritterin erhält unerwarteten Besuch.

Ort: Rittergut Travienwacht, Wargenforst, Baronie Weidenhag

Zeit: Peraine 1043 BF

Dramatis Personae:
Grimmberta von Wolfenthann (Ritterin von Travienswacht)
Irmina Vermias von Rhodenstein (Tresslerin des Ordens zur Wahrung)
    ... mitsamt ihrer Kinder
Luten Corrhenstein von Hirschenheide (Ritter der Wahrung und Erbjunker)
    ... mitsamt Ritterlanze


Baronie Weidenhag, Peraine 1043 BF

Es war kein weiter Weg vom Marktort Weidenhag hin zu ihrem angedachten Ziel. Früh morgens machte sich die Gruppe auf den Weg, doch war es ihnen dennoch nicht vergönnt gewesen, die Wegstrecke an nur einem Tag zurückzulegen. Der Herr Efferd spendete seinen Segen unaufhörlich, die Böden wurden tief und das Tempo der Gruppe langsam. Schon bald nach dem Verlassen des Baronssitzes Weidenhag, überquerten die Rondrianer den Pergelbach an der Düsterfurt. Irmina erzählte den anderen dabei die Sage von der Heiligen Perainme, die als schwer von der Gicht gezeichnete Frau hier an der Furt einst die Gnade der Heilung erfuhr und der Herrin Peraine dann das nach ihr benannte Kloster stiftete, das über die Furt und die dort aus dem Wasser ragenden drei düsteren Findlinge wacht. ´Wachen´ war hierbei der richtige Ausdruck, handelte es sich beim Kloster ´Peraine voll der Gnade, Sankta Perainme zu Pergelfurt´ doch um Wehrkloster und eine Art ´Fluchtburg´ gleichermaßen. Wirklich gut zu verteidigen war es zwar nicht, das erkannten die kundigen Augen der anwesenden Rondrianer sogleich, doch immer noch besser als ein einfacher, durch eine Holzpalisade geschützter, Hof.

Vom Dorf Pergelfurt nahe dem Kloster nahm die Reisegruppe den ´Sankt Perdans Weg´ hin nach Wargentrutz. Vorbei ging es dabei am düsteren Wargenforst. Auch hierzu kannte die Tresslerin des Ordens zur Wahrung unzählige Geschichten, die wohl noch einige Tage des Reisens hätten füllen können. Im Großen und Ganzen konnte man zusammenfassend sagen, dass der Forst von den hier lebenden Menschen gleichermaßen als Segen und Fluch empfunden wurde. Eine der vielen Geschichten war im Dorf Wargentrutz recht anschaulich verewigt gewesen. Hier fand sich mit der ´Statue der Liebenden´ das Ergebnis der Sage um Perdan und Alari – ein menschlicher Waldläufer aus dem Gefolge Isegreins des Alten, der sich in eine elfische Prinzessin verliebte, deren Mutter einen Hass auf die jungen Völker hegte. Rahja selbst soll sich der liebenden Herzen erbarmt haben und sie zu Stein verwandelt haben, um sie auf ewig miteinander zu verbinden. Was vielerorts wohl eher als Bestrafung aufgefasst werden würde, wird hier als göttliche Gnade verstanden. Rund um diese wunderschöne Statue wächst ganzjährig ein Meer roter Rosen. Das besondere an diesen Blumen war, dass sie auch im abgeschnittenen Zustand nicht welkten, so man sie einem geliebten Menschen überreichte. Wächterin der Rosen und des kleinen Tempels beim Heiligtum war eine junge Geweihte, die vor Jahren aus dem fernen Fasar nach Weiden kam.

Aus dem Dorf kommend gelangte die Reisegruppe über eine Brücke über den Dergel. Quartier bezogen sie auf Burg Welkensteyn. Der Stammsitz des ehemaligen und langjährigen Baronshauses war eine schmucke, frisch renovierte Burg, die jedoch verlassen und ausgestorben wirkte. Einzig die Gastgeberin mit einer Handvoll Waffenknechten und dem nötigen Gesinde war hier anwesend. Waindis von Welkenstein war die Vögtin für den jungen Junker Feyenhold, der, so führte seine Vertreterin aus, auf Festung Dornstein bei seiner Gemahlin und deren Mutter, der herzoglichen Landvögtin von Dornstein, lebte. Dennoch wurden die Rondrianer standesgemäß und ordentlich bewirtet, unterhalten und untergebracht.

Am nächsten Morgen nahmen Irmina und ihre Begleiter den letzten Weg hinunter zur Grenze nach Greifenfurt und dem dort liegenden Rittergut Travienwacht.

***

Rittergut Travienswacht, wenig später

Grimmberta genoss die morgendliche Ruhe des Waldes. Wie jeden Tag zog sich die junge Ritterin früh morgens ihre waidmännische Kluft über, schulterte den Bogen, gürtete ihr Jagdschwert und machte sich, gemeinsam mit ihrem grauen Wolfsjäger Lasko, auf in den Wargenforst. Nicht um zu jagen, sondern um nach dem Rechten zu sehen … und die Natur und Stille zu genießen. Lasko war ihr dabei ein stiller Gefährte und Freund. Auf ihn konnte sich die Wolfenthannerin verlassen – wenn er anschlug, dann war etwas im Busch. Deshalb ließ Grimmberta auch aufhorchen, als der Hund beim Herannahen an ihr heimatliches Gut die Ohren spitzte.

Das Gut war nicht groß und warf gerade genug ab, dass sie halbwegs sorgenfrei leben konnte. Travienswacht war ein typisches Weidener Rittergut. Hier fand sich ein steinernes Herrenhaus mit einem kleinen Wehrturm, der der Grenze nach Greifenfurt zugewandt war. Innerhalb einer schützenden Palisade fanden sich darüber hinaus auch noch die einfachen hölzernen Häuser der wenigen Familien, die hier lebten. Etwas Gesinde und auch eigenhörige Viehbauern – insgesamt aber keine 50 Seelen. Grimmberta hatte eine kleine Herde Ziegen und Schafe, die das Auskommen der Ansiedlung sicherten.

Als sie durch das Palisadentor schritt, fielen ihr sofort die Pferde auf, die vor dem Gutshaus angekommen waren. Sie seufzte. Die junge Frau mochte keinen Besuch und schon gar keinen unangemeldeten. Grimmberta strich sich dennoch ihre Kleidung zu Recht, dann sah sie wer ihre Ruhe nun dieses Mal störte und erinnerte sich jäh an den Brief ihrer Tante, die ihren Besuch mitsamt Kindern angekündigt hatte. Das hatte sie vergessen, oder wohl eher: verdrängt und mühte sich nun um ein erfreutes Lächeln. Lasko wich ihr dabei nicht von der Seite.

Neben Irmina, aus deren breitem Lächeln ehrliche Freude sprach, stand ein ihr unbekannter, junger Mann mit halblangem, kastanienrotem Haar und hellbraunen Augen. Er hielt zwei Streitrösser am Zügel und an an seiner Seite stand ein Hund, dessen ganze Aufmerksamkeit ihr und Lasko galt. Es war eine gut kniehohe Hündin mit glänzendem kastanienrotem Fell und einem auffallenden weißen Fleck am Hals. An Brust, Bauch, Beinen und Rute fiel das Fell in langen, weichen Locken und auch die nun aufmerksam nach vorne gerichteten Schlappohren wiesen längeres Fell auf. Die großen Augen waren von einem warmen Braun und gerade aufmerksam auf ihren Herrn gerichtet, der sie offenkundig hervorragend erzogen hatte, denn just setzte die Hündin sich. Es geschah zwar ein wenig widerstrebend, aber ganz eindeutig in Folge einer kleinen Geste des Mannes, der ihr irgendwie gespannt entgegenblickte.

Hinter den beiden stand eine kleine Kutsche, aus der gerade die beiden Kinder Imrinas mehr purzelten, als stiegen und sich mit großen Augen umschauten. Ihnen folgte, weit würdevoller, ihre Amme. Um die beiden Kutschpferde kümmerten sich die Kutscherin und ein weiterer junger Mann, der wohl der Waffenknecht des Ritters war. Oder aber sein Knappe.

Die Arme ausgebreitet, was keinen Zweifel daran ließ, dass ihre Tante sie innig zu umarmen gedacht, schritt die Tresslerin auf Grimmberta zu. „Die Alveransleuin und die Eidmutter mit dir, Grimmberta, ich freue mich so, dich zu sehen, gesund und munter allzumal.“ Ohne sich weiter um ihre Gesellschaft zu scheren, marschierte die Rondrageweihte auf sie zu. Alle anderen blieben bei Reittieren und Kutsche und übten sich in höflicher Zurückhaltung, bis auf Rondymir, der bei einem früheren Besuch innige Freundschaft mit Lasko geschlossen hatte und vergnügt lachend auf ihren Jagdhund zu rannte.

Fast schien es als würde die junge Ritterin einen Schritt zurückweichen, als sie auf die große, neu angekommene Gruppe blickte. Die herzliche Geste ihrer Tante wog den in ihr einsetzenden Fluchtinstinkt jedoch auf und auch Grimmberta umarmte, mehr oder weniger lächelnd, ihre ältere Verwandte. „Tante Irmina … willkommen in der Heimat. Mit dir kommt die Sonne zurück, nachdem es den vergangenen Praioslauf nur geregnet hat.“

Die Ritterin von Travienwacht würde auch als eine der Elfen der nahen Herbstlaub-im-Nebel-Sippe durchgehen, wenn man vom Fehlen der spitzen Ohren absah: Grimmberta war groß gewachsen und von schlankem, beinahe dürr zu nennendem Wuchs, was ihre getragenen leichte Stiefel und engen Beinlinge aus Leder besonders zu betonen schienen. Das Oberteil aus dunklem Leder mit braunem Fellbesatz zeigte, dass sie auch obenrum nicht wirklich durch üppige Weiblichkeit bestach. Ihre hellen, beinahe weißblonden Haare hat die Ritterin zu einem beckenlangen Zopf geflochten. Sie besaß ein Allerweltsgesicht und bestach durch einen breiten Mund sowie eine kleine Nase. Aus milden, nussbraunen Augen blickt sie meist reserviert in die Welt. Alles in allem war die junge Frau zwar ansehnlich, aber keine klassische Schönheit.

Grimmbertas Blick ging hin zum kleinen Rondymir, der sich laut auf Lasko zubewegte, doch schien die Wolfenthannerin nicht wirklich beunruhigt. Es war der ihr unbekannte Ritter, der den Knaben mit einem verhaltenen Ruf daran erinnerte, dass es keine gute Idee war, sich einem so wehrhaften Tier auf diese Weise zu nähern. Rondrymir hielt sofort an, um mit großen Augen erst Lasko und dann Grimmberta anzusehen, wohl um eine Einladung abzuwarten.

Letztere nickte dem kleinen Mann zu. „Kannst schon, Rondymir … Lasko tut dir nichts. Er mag Kinder.“ Die Hausherrin wandte sich zu dem ihr unbekannten Mann um. „Wolfsjäger sind Menschen gegenüber sehr sanftmütig …“, erklärte sie, „… er hasst nur Orks.“ Der Rüde sah neugierig auf Grimmberta. Nach einem kurzen Nicken der jungen Frau ging er dem Kind entgegen und ließ sich mit wedelnder Rute umarmen. „Ich glaube wir wurden einander noch nicht vorgestellt“, griff sie dann die Faden wieder auf, wobei sie auch ihre Tante mit einem auffordernden Seitenblick streifte. „Grimmberta Elfwid von Wolfenthann, sehr erfreut.“

„Ja nun“, nahm Irmina den schweigend dargebrachten Tadel mit verschmitztem Lächeln zur Kenntnis, „das Wichtigste eben zuerst, meine Liebe. Für die Etikette bleibt genug Zeit. Jetzt zum Beispiel.“ Sie wies auf den jungen Mann. „Erlaube mir, dir in aller Form vorzustellen Luten Heilwig Corrhenstein von Hirschenheide und von Grîngelbaum, Ritter Weidens und der Wahrung. Er war so freundlich, mir für den Weg nach Weidenhag sein Geleit anzutragen. Und das hier“, war die Geweihte sich nicht zu fein, auch dessen tierische Begleiterin vorzustellen, „ist seine Jagdhündin Tyr.“

Die junge Ritterin musterte den Mann, als ihre Tante die Vorstellung übernahm. Aus ihrem Antlitz war dabei keine Reaktion abzulesen. Erst als sie die Hündin ansah schien sich für einen Herzschlag ein Lächeln auf ihren Lippen zu manifestieren.

Der Vorgestellte verbeugte sich artig und mit der Fast über dem Herzen. „Die Wächterin auf Alverans Zinnen und den Alten vom Berge zum Gruße, Euer Wohlgeboren, ich freue mich sehr, Euch endl … ähäm … Euch kennenzulernen, meine ich.“ Luten war ebenfalls hochgewachsen, aber wohl ein-zwei Finger kleiner als Grimmberta. Seine Haare fielen leicht gelockt bis zum Kinn. Er hatte auffallend helle Haut auf der die große Narbe auf der Stirn deutlich hervorstach. Wie seine Gastgeberein hatte er hellbraune Augen und sein Antlitz wirkte recht jugendlich, woran auch der nur wenige Tage alte Vollbart nicht viel ändern konnte. Über Kettenhemd und unter Plattenschultern trug er einen schwarzen Wappenrock, der über der Brust das in Weiden nicht unbekannte Wappen der Familie Corrhenstein trug: Auf Hermelin eine weiß-rot besäumte halbe Spitze in schwarz, belegt mit einer goldenen Hirschstange. Sein Waffengurt war mit silbernen Nieten belegt und trug neben einer Streitaxt einen Dolch mit einem Griff aus Geweih. An den derben Reitstiefeln, über denen er dunkle Lederhosen trug, glänzten schlichte und erfreulich kurze Sporen mit abgerundetem Ende.

„Dann seid mir auf meinem bescheidenen Gut willkommen, hoher Herr“, gab die Wolfenthannerin nonchalant zurück. Sie hatte von der Familie Corrhenstein zu Hirschenheide schon gehört.

In sein zurückhaltendes Lächeln mischte sich nun eine gewisse Verlegenheit, aus der er sich rettete, indem er von Grimmberta zu Lasko blickte. „Einen Prachtkerl habt Ihr da. Ich schätze, vornehmlich zur Jagd auf edleres Wild, als den Schwarzpelz, eh?“

„Was immer einem hier halt vor den Bogen läuft“, gab Grimmberta trocken zur Antwort, doch schien sie beim Thema Hunde etwas zugänglicher zu werden. „Lasko war ein Geschenk meines Vetters. Ich habe ihn seit er ein Welpe ist.“ Der Rüde hatte die Begrüßung des jungen Rondymir abgeschlossen und stellte sich wieder pflichtbewusst an die Seite der Ritterin. „In Albernia sagt man sich, dass die Wolfsjäger durch bloße Anwesenheit böse Mächte abwehren. Vetter Grimmfold hält sie sich nahe des Blautanns und er meinte, dass auch hier am Rande des Wargenforsts einer auf mich Acht geben sollte.“ Sie hob ihre Schultern und es war schwer zu sagen wie sie zu diesem Gedanken stand. „Darüber hinaus sind sie sehr mutige und aufmerksame Gefährten. Ist es Euer erstes Mal in Weidenhag? Beim letzten Mal hatte Tante Irmina Euch noch nicht mit.“

Das irritierte Blinzeln in Folge dieser Äußerung erfolgte bei Tante und Ritter nahezu gleichzeitig. Die beiden blickten einander kurz an und dann wieder auf Grimmberta. „Na, das klingt jetzt beinahe, als wäre der gute Luten mein Schoßtierchen“, konstatierte die Tresslerin so trocken, dass der Tadel in den Worten kaum hervor klang. „Dieses Mal bin ich in Ordensgeschäften unterwegs, letztes Mal war es privatim. Erklärt es das?“

Irmina kannte die Sturheit, die Grimmberta innewohnte und auch, dass sie im zwischenmenschlichen Umgang unerfahren war und deshalb etwas grobschlächtig wirkte. Sie holte gerade Luft, um ihrer Tante etwas zu entgegnen – in erster Linie was sie im Auftrag des Ordens hier bei ihr mache und warum in ihrem Brief nichts davon geschrieben stand – doch kam ihr Luten gerade noch rechtzeitig zuvor, denn der wollte kein Streitgespräch über diesen Punkt aufkommen lassen und grätschte verbal dazwischen, unterstützt durch einen Vorwärtsschritt. „Ai, bin das erste Mal an diesem Ende des Herzogtums. Sein Blick schweifte hinüber zum Wald. „Und es scheint, als wäre das ein Versäumnis gewesen, die Wälder hier sind fabelhaft, erstklassiger Jagdgrund, was ich vor wenigen Tagen auf Gut Biberwald bereits feststellen durfte. Tyr hat einmal mehr bewiesen, was für gute Anlagen sie hat. Sie wird, wenn sie erst über genug Erfahrung verfügt, ein zuverlässiger Vorstehhund sein.“ Wie um seine Worte zu unterstützen legte er eine Hand auf den Kopf der Hündin. „Ich habe sie als Welpen bekommen, von meiner Mutter. Sie züchtet diese Jagdhunde, müsst Ihr wissen.“

Die junge Ritterin kniete sich neben Tyr, blickte hoch zu Luten und begann, als sie keinen Einwand von seiner Seite vernahm, die Hündin zu streicheln. Auf ihren Lippen zeigte sich dabei ein mädchenhaftes Lächeln. „Ein schönes Tier …“, meinte Grimmberta dann, erhob sich und entstaubte wenig damenhaft ihre Hosen, „… wenn Ihr auf Biberwald wart, dann habt Ihr mit dem Hohenforst fürwahr die besten Jagdgründe in diesen Breiten kennen gelernt. Der Wargenforst … nun, ist nicht ungefährlich …“, sie blickte auf ihre Tante, „… ich weiß nicht was Euch Tante Irmina darüber erzählt hat, aber die meisten Menschen meiden den Forst und genau deshalb finde ich ihn so schön. Darüber hinaus kann mir dort ja nichts passieren. Durch meine Mutter bin ich doch vom Blute Alaris“, setzte sie kryptisch hinzu und reckte dabei selbstbewusst ihr Kinn.

„Aha“, entgegnete Luten etwas lahm darauf und blickte ratlos drein. „Da müsst Ihr mich nun erhellen, Werteste, denn ich kann mit diesem Namen gerade nichts anfangen, wenngleich ich hoffe, dass mir das nicht zum Nachteil gereicht.“

Grimmberta legte ihren Kopf schief und warf ihre Stirn in Falten. „Na, Alari … die welkende Blüte … die Tochter der Herrin des Waldes.“ Hilfesuchend sah sie zu ihrer Tante, dann klarte sich ihr Blick und ein sanftes Lächeln huschte über ihre Züge. „Wenn Ihr etwas Zeit habt, dann zeige ich es Euch.“

Auch Luten bedachte die Tresslerin mit einem fragenden Blick. Doch ehe sie ihrer Nichte hilfreich zur Seite springen konnte, bot diese Abhilfe auf praktische Art und Weise an.

„Na, ich denke schon“, sagte der Corrhensteiner auf ihr Angebot, nachdem das Schulterzuckten der Rondrianerin ihm signalisierte, dass er frei war zu tun, was ihm beliebte. „Oder wird es länger dauern?“ Da er keine Ahnung hatte, was Grimmberta im Sinn hatte und auch nicht, was nach ihrem Ermessen ‚etwas Zeit haben‘ bedeutete, blieb jedoch ein Rest Unsicherheit, den man ihm auch deutlich ansah.

Die Angesprochene blickte kurz in den Himmel, ganz so als würde sie dort etwas suchen. „Nun wahrscheinlich schon bis zum Abend heute. Länger sollte es nicht dauern.“ Ihr Blick ging hinüber zu Irmina, wobei es schwer zu sagen war was genau dieser zu bedeuten hatte. Dass es unhöflich sein könnte, als Gastgeberin die eben angekommenen Gäste sogleich wieder allein zu lassen, kam der jungen Grimmberta nicht in den Sinn.

Ihre Tante wusste um die Unzulänglichkeiten ihrer Nichte was Etikette, oder grundsätzliches Benehmen anging und wieder bestätigte sich, dass ihr Gebaren sich seit ihrem letzten Besuch nicht wirklich gebessert hatte. Irmina seufzte leise in sich hinein, derweil sich ihre Augenbrauen hoben und bedachte ihre Nichte mit einem leichten Kopfschütteln. Das ‚Ach, Kind‘, das ihr auf den Lippen lag schluckte sie hinunter und verlor sich stattdessen in einem Rundblick, während dem sich ein breites Lächeln auf ihre Lippen schlich. Immerhin war das hier ihr Elternhaus, die Heimat ihrer Kindheit. Sie würde sich auch alleine, und wenn es sein musste im Schlaf, hier zurecht zu finden sollten die beiden Jungspunde doch tun, wonach ihnen der Sinn stand. Die Rondrianerin war sich sicher, bei diesen beiden wäre das nichts, was die Grenzen von Sitte und Anstand verletzte, dazu waren sie schlicht nicht imstande, was Irmina tatsächlich recht traurig fand.

Gänzlich unbeeindruckt konzentrierte sich die gegenwärtige Hausherrin auf ihren Gesprächspartner. „Aber vielleicht wollt Ihr Euch noch etwas passenderes anziehen …“, die junge Wolfenthannerin musterte noch einmal die Erscheinung des Ritters, „… im Wald dürfte Euch die Rüstung nur behindern. Orks oder Strauchdiebe gibt es hier keine und das was uns gegebenenfalls droht, ließe sich durch eine Rüstung nicht aufhalten.“ Kurz huschte ein Lächeln über ihre Züge. War ihr Ausspruch von eben vielleicht gar bloß ein Scherz?

„Jaja“, fuhr nun doch die ältere Wolfenthannerin dazwischen, „macht Euch nur ausgehfein, Luten. Wenns recht ist, kümmere ich mich darum, dass ein Abendessen auf dem Tisch steht, wenn ihr zurückkommt. Nicht, dass das Gesinde meiner Erinnerung nach allzu viel Ermunterung braucht, um seinen Pflichten zu genügen. Aber ich freue mich ehrlich gesagt schon den ganzen Tag auf den so schmackhaften Travienwachter Waldkräutertee und einen Plausch mit der Köchin. Also, nur keine übermäßige Höflichkeit, Berta, verlass dich einfach drauf, dass deine alte Tante sich zurechtfindet und hebe dir dein gutes Benehmen für einen anderen Besuch auf.“ Der stetige und freundliche Tonfall milderte die Schärfe des Tadels zwar ab, ließ aber keinen Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit. Doch die Tresslerin hatte sich schon abgewandt, marschierte aufs Haupthaus zu und rief die Kinder an ihre Seite.

Ihre junge Nichte schien sich an den Worten nicht zu stören. Sie nickte Irmina zu. „Danke, Tante. Birsel ist in der Küche. Sie freut sich sicher dich zu sehen.“ Was im ersten Moment vielleicht etwas bockig wirkte, war eine ernst gemeinte Aussage.

Luten räusperte sich ein wenig unbehaglich und versuchte sich an einem Lächeln. „Es wäre in der Tat gut, wenn ich mich kurz umziehen könnte. Das ermöglicht es Euch auch, zumindest ein paar private Worte mit Eurer Tante zu wechseln, Wohlgeboren. Ich brauche auch nicht lang, versprochen. Wenn Ihr mir nur zeigt, wo ich das erledigen kann?“

„Natürlich …“, ein schmales Lächeln huschte über Lippen. Sie deutete einen Knecht heran, der gerade dabei war mit den Pferden zu helfen. „He, Dingel …“, rief Grimmberta ihm zu, „… zeig dem hohen Herrn von Hirschenheide seine Kammer.“

Pflichtbewusst nickte der Angesprochene ihr zu. Als er vor die Herrschaften trat, zog er seine Kopfbedeckung von seinem kahlen Haupt. „Welche, Hohe Dame?“ Als keine Antwort sofortige seiner Herrin folgte, ließ er sich zu einem Vorschlag hinreißen. „Die bei der Waschkammer?“ Nach einem knappen Nicken seiner Herrin bedeutete der Knecht dem Ritter ihm zu folgen. „Wenn Ihr mir folgt, Hoher Herr. Soll … soll ich Euch gleich etwas in die Kammer tragen?“

Luten marschierte bereits zu seinem Pferd und machte sich an den Satteltaschen zu schaffen. „Äh, ja, das wäre hilfreich“, brummelte er und gab dem Knecht eine der beiden Taschen. Die andere und seine Waffen schulterte er selbst, eh er Dingel mit einer Geste zu verstehen gab, er solle voran gehen. Tyr blieb dabei eng an seiner Seite.

Als der Knecht mit Luten im Gutshaus verschwand, wandte sich die junge Ritterin wieder der Rondrianerin zu. „Ich freue mich dich zu sehen, Tante …“, wiederholte sie zuvor gesagtes, „… das du in so großer Begleitung kommst … überrascht mich. Welch kirchliche Sache führt dich denn hier her?“

Als sie sich umdrehte, musste sie jedoch feststellen, dass ihre Tante bereits im Gutshaus verschwunden war. Es drangen fröhliche Rufe daraus hervor, als Irmina die ihr wohlbekannte Köchin begrüßte und diese ihrerseits die unerwarteten Gäste. Allein die Amme, beladen mit einem Korb, auf dem eine Tasche lag, war noch auf dem Hof und schenkte Grimmberta ein verlegenes Lächeln. Zwar hatte ihr niemand gesagt, wohin sie sich wenden sollte, aber sie ging davon aus, dass die Verwandtschaft die üblichen Zimmer beziehen würde und machte sich, nach einem angedeuteten Knicks, auf den Weg dorthin.

Der Blick der Hausherrin lag für einige Momente auf der Amme und ging dann hin zum Gutshaus. Ihr Antlitz war ausdruckslos und sie zuckte mit ihren Schultern. Dann zog sie sich den Bogen von der Schulter, legte einen Pfeil in die Sehne, trat ein paar Schritte zur Seite und begann ein paar Pfeile auf die dort aufgebaute Zielscheibe zu schießen. Wirklich zufrieden war sie mit dem Ergebnis nicht. Der Besuch ihrer Tante wühlte sie allem Anschein nach mehr auf als sie sich eingestehen wollte.

Wie versprochen, erschien der Corrhensteiner schon bald wieder. Er hatte sich der Rüstung entledigt und trug nun ein schlichtes, rauhledernes Wams von dunkler Farbe über einem dunkelgrünen Hemd. Die Festen Reitstiefel hatte er in leichtere getauscht und trug neben seiner Kriegsaxt einen schweren Dolch am Gürtel und in der Hand einen Stoßspeer. „Kann losgehen“, verkündete er, was seiner Hündin ein ebenso erfreutes, wie bestätigendes Bellen entlockte.

„Sehr schön …“, Grimmberta schob sich ihren Bogen zurück auf die Schulter und es schien fast so als wollte sie sich zwischen den Ritter und die Zielscheibe stellen – wohl aus Scham, da ihr Trefferbild so miserabel war. Sie schenkte Luten ein Lächeln, doch war nicht klar ob dieses ehrlich, oder aus Verlegenheit geboren war. „Lasst uns gehen.“

„Ai“, sagte der Hollerheider Adlige und ein vorfreudiges Lächeln zeigte sich, „gehen wir. Bin schon gespannt, was Ihr mir zeigen wollt.“


Der Wargenforst, Baronie Weidenhag

Es dauert nicht lang bis die zwei Adeligen und ihre tierischen Begleiter den Forst betraten und der Corrhensteiner konnte schon bald nach dem Eintritt in das Unterholz auch eine Veränderung bei seiner Begleiterin feststellen. Je weiter weg von menschlicher Zivilisation, desto offener schien sie zu werden. Dennoch war sie auch hier nicht die redseligste Gesellin auf dem Dererund. Nach etwa einem Stundenglas schlug die Wolfenthannerin eine Pause vor. Auf einer kleinen Lichtung fand sich ein quaderförmiger Findling, auf den sich die Ritterin niederließ. Sie zog einen Flachmann aus ihrer Weste, nahm einen Schluck und bot ihn dann Luten an, der seinerseits einen Schluck nahm.

„Es ist hier wunderschön hier, findet Ihr nicht?“, bemerkte Grimmberta und ihre braunen Augen blickten hoch in die Baumkronen. Auf einem Ast saß ein kleiner Buchfink, der das Mausern seines braun-grauen Gefieders unterbrach und die Ritterin seinerseits interessiert musterte. „Ich sitze hier oft und lasse die Eindrücke des Waldes und der Natur auf mich wirken. Es ist meine Heimat …“, sie wandte sich ihrem Begleiter zu, „… erzählt mir über die Eure. Ich habe schon einmal von der Hirschenheide gehört. Leider war ich noch nie dort.“

Luten nickte bestätigend zu ihrer Feststellung über die Schönheit des Ortes. „Wirklich schön, brummte er, „ich mag tiefe Wälder. Hirschenheide hat nur wenige Orte, wie diesen. Es liegt nördlich der Hollerheide, besteht zu einem großen Teil eben aus Heideland und nur im Norden schieben sich Ausläufer des Ifirnstanns in die Heide. Wir hegen gerade diese Ausläufer, sind von jeher verpflichtet, sie zu hüten und für jeden gefällten Baum einen neuen zu pflanzen. Mein Großvater, der Wälder ebenfalls liebt, fing sogar an, die Hollerheider Ausläufer aufzuforsten. Wir haben inzwischen große Flächen jungen Waldes und das hat sich sehr gut auf den Wildbesatz ausgewirkt. Gerade die Kronenhirsche lieben den Übergang aus dichtem, hin zu lichtem Wald und die uralte Heidelandschaft.“

Ein Leuchten hatte sich auf Lutens helle Augen gelegt, als er von seiner Heimat erzählte. Nun lächelte er versonnen. „Es ist ein wunderschöner Ort. Im späten Winter, wenn der Schnee gerade geschmolzen ist, blüht der Stechginster und umgarnt Eure Nase mit einem verführerischen Duft, den Weitgereiste häufig eher mit den Stränden der Charyptik in Verbindung bringen, als mit einer windumtosten Heide. Im Sommer, wenn das Heidekraut in voller Blüte steht, schimmert sie in allen Blautönen, die ihr Euch nur vorstellen könnt. Doch die liebste Zeit ist mir der Herbst, wenn der Sommer sich langsam verabschiedet, Heidekraut und Ginster voller Spinnweben hängen, in denen sich glitzernd die tiefstehende Sonne fängt und alles in ein warmes, goldenes Licht taucht. Nebelschwaden schweben dann in Morgen- und Abenddämmerung schwerelos dahin und die Ahnung des kommenden Winters liegt bereits im nimmermüden Wind. Im Winter ist es hell in der Heide, und klirrend kalt. Schnee und Eis frieren zu merkwürdigen Formen und kaum jemand, der nicht muss, wagt sich hinaus.“ Der Ritter atmete tief ein. „Ich glaube“, sagte er und warf Grimmberta einen Blick zu, „es würde Euch gefallen, Hohe Dame!“

„Nennt mich Berta …“, meinte die Ritterin daraufhin, „… diese Formalitäten sind hier nicht nötig, denke ich.“ Während den Erzählungen Lutens hatte sich ein ehrliches, beinahe kindliches Lächeln auf ihre Züge geschlichen. Obwohl sie sich unter diesem Ort Char…yptik nicht wirklich etwas vorstellen konnte. „Eure Heimat hört sich sehr schön an. Ich sah noch nicht viel außerhalb der meinen.“ Grimmberta wirkte etwas wehmütig, kurz nur, dann lächelte sie wieder. „Meine Knappenschaft habe ich bei Vetter Grimmfold in Firnroden absolviert. Ich denke Ihr habt ihn auf Eurem Weg hierher besucht. Tante Irmina hat sich das sicher nicht nehmen lassen. Sie hält so einiges auf die Familie. Er lehrte mich den Umgang mit der Waffe und den Tieren.“

„Stimmt, bei Herrn Grimmfold waren wir zu Gast“, er nickte und schenkte Grimmberta dann ein zurückhaltendes Lächeln. „Dann nennt mich bitte auch beim Vornamen.“

Die junge Wolfenthannerin sah kurz auf die beiden Hunde, die sich vor ihnen auf den Boden legten, doch aufmerksam auf die Umgebung blickten. „Ihr seid ein Ritter im Orden? Wie kann ich mir Euer Leben dort vorstellen?“, fragte sie ehrlich interessiert.

„Mein Leben ist eigentlich kaum anders, als das Eure, schätze ich.“ Dann wog er den Kopf. Naja, vielleicht nicht ganz, Ihr müsst ein Lehen verwalten, ich noch nicht. Ich bin Ritter der Wahrung, das sind Laienmitglieder im Orden. Wobei das missverständlich ist. Ich bin kein Akoluth und die Ehre wurde mir vor allem zuteil, weil meine Familie dem Orden eng verbunden ist und wir ihm Teile unseres Landes gestiftet haben. Damit bin ich Mitglied im Weiten Kapitel“, er stockte. „Hum, das wird jetzt alles zu kompliziert. Kurz gesagt lobt der Orden bisweilen Questen unter den Rittern der Wahrung aus. Das kann die Suche nach einer verschollenen Quelle sein, oder die Bitte, einem bestimmten Gerücht nachzugehen. Meistens sind es aber Begleitmissionen, wie diese hier, da ich Eure Tante mit meiner Lanze begleite und eher als Ehrengarde diene. Es kann aber auch eine weit gefährlichere Mission sein, wenn es einen Kriegschronisten des Ordens beispielsweise in eine gefährliche Gegend zieht. Die meiste Zeit aber bin ich einfach nur ein Weidener Ritter, der eben ab und an in Diensten der Wahrer steht.“

Interessiert legte die junge Ritterin ihren Kopf schief. „Gibt es denn eine Queste, die Euch besonders in Erinnerung geblieben ist? Das hört sich aufregend an, Luten. Aufregender als an der Greifenfurter Grenze zu sitzen.“ Sie lachte.

„Ach naja“, schmunzelte er, "ich finde, das hat durchaus was für sich. Das an der Grenze hocken, meine ich.“ Kurz sann er nach und schüttelte dann langsam den Kopf. „Bisher war ich noch nicht oft für den Orden unterwegs. Das bislang … aufregendste in meinem Ritterleben war der Zug der Herzöge.“ Sein Blick verlor sich in unbestimmten Fernen und er presste die Lippen aufeinander. „Ich überlege aber, ob ich mich der Queste einer jungen Ordensfrau anschließe, die sie in den Süden führen wird.“

Das Antlitz der jungen Ritterin verfinsterte sich etwas, als Luten vom Zug der Herzöge erzählte, war ihr Vater doch auf eben jenem Feldzug gefallen. Und das obwohl die Baronin sich dafür eingesetzt hatte die Grafschaft aus der Heerfolge auszunehmen. Sie ließ diese Tatsache jedoch unausgesprochen und starrte für einige Herzschläge still vor sich hin.

Unvermittelt zuckte er mit den Schultern und blickte sie dann direkt an. „Wart Ihr denn wenigstens schon einmal auf dem Rhodenstein, Hohe … ähm Berta? Der ist wirklich sehenswert und von dort ist es quasi nur ein Steinwurf nach Hirschenheide und Ihr könntet Euch alles selbst ansehen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr uns besuchen würdet.“

In einem Anflug von Schüchternheit fiel es ihr etwas schwer dem Blick des Corrhensteiners stand zu halten. „Das würde mich freuen. Ich komme Euch sehr gerne besuchen.“ Sie lächelte, bevor sie auf die andere Frage einging. „Am Rhodenstein war ich vor einigen Sommern einmal. Vetter Grimmfold und ich hatten Tante Irmina besucht. Ich habe auch schon öfters den Leu im Blautann besucht, der befindet sich ja unweit der Festung. Es ist jedes Mal aufs Neue ein erhebendes Gefühl.“ Grimmberta blickte für einige Momente schweigend vor sich hin, dann stieß sie sich vom Findling ab und stand auf. „Ich wollte Euch doch etwas zeigen. Zum Tratschen haben wir dann noch genug Zeit. Kommt.“

Die Wandlung Grimmbertas fesselte Luten. War sie auf dem heimatlichen Hof burschikos und eher schroff gewesen, zeigte sie hier im Wald eine weit empfindsamere Seite und jetzt auch noch die Schüchternheit, die auf Biberwald als ihr hervorstechendstes Merkmal hervorgehoben worden war. Doch er hatte kaum Zeit, diesen unerwarteten Anflug zu genießen, denn schon gewann die schroffe Seite wieder die Oberhand. Er seufzte leise und erhob sich seinerseits. „Natürlich, das sagtet Ihr bereits. Ich bin gespannt.“

***

Es dauerte bestimmt ein -zwei weitere Stundengläser bis die beiden jungen Ritter an einer weiteren größeren Lichtung ankamen. Nicht lange nachdem sie aufgebrochen waren hatte der Corrhensteiner die Orientierung in diesem alten, nur sehr mäßig von Menschenhand berührten Forst verloren, doch bewegte sich Grimmberta mit einer Sicherheit durch die Vegetation, als würde sie soeben die Halle ihres Gutshauses durchschreiten und keinen Jahrtausende alten, angeblich verwunschenen Wald. Luten konnte sehen, dass sich das Antlitz der jungen Wolfenthannerin aufhellte, als sie ihrem vermeintlichen Ziel nahekamen.

„Seht …“, sprach sie lächelnd und deutete vor sie hin, noch bevor der Ritter die Lichtung erreicht hatte. Und tatsächlich: vor ihnen, soweit der Blick auf der Lichtung reichte, türmten sich glatt behauene Granit- und Marmorblöcke mit stumpfen, von Wind und Wetter abgerundete Kanten auf. Sie trugen bei näherem Hinsehen zur Unlesbarkeit verwitterte Muster und waren zum Teil von Baumwurzeln zersprengt. Zwischen dem grün des Waldes glänzten weiße, zerbrochene Säulen und Bögen, die Reste der Ornamente und steinernen Figuren waren von Efeu und Maulbeersträuchern überwuchert.

Fasziniert von dem, was er auf der Lichtung sah, ging Luten langsam, beinahe vorsichtig darauf zu. Er verhielt hier und dort, um sich ein Ornament näher zu betrachten, oder sich wohl vorzustellen, was die nun verteilt am Boden liegenden Blöcke einstens geformt hatten. Ein feines Lächeln legte sich auf seine Lippen und er fuhr leicht mit der Fingerspitze über den glatten Stein. „Was ist das, Berta? Oder vielmehr: was war das?“, fragte er schließlich mit leiser Stimme.

„Vater meinte es seien uralte Elfenruinen … die finden sich an mehreren Stellen im Wald“, die junge Ritterin war an Lutens Seite getreten und flüsterte ehrfürchtig. „Als ich ein kleines Mädchen war dachte ich immer, dass Elfen bloß auf Bäumen oder in ihren Pfahlbauten leben, … genauso wie man es sich eben erzählt. Echte Elfen sieht man hier jedoch nur selten. Die im Dûrenwald zeigen sich den Menschen nur wenn sie ihre Lande als bedroht empfinden und eine solche Begegnung möchte ich niemandem empfehlen.“ Grimmberta strich mit ihrer flachen Hand über einen der Steinblöcke. „Vater hat mich vor meiner Knappenschaft des Öfteren hierher mitgenommen und mir all die schönen Sagen erzählt, die mit diesem Ort in Verbindung gebracht werden. Die von Perdan und Alari zum Beispiel oder auch die von Yann dem Waidmann. Wenn Ihr möchtet erzähle ich Euch davon.“

„Nur zu gerne“, Luten nickte voller Vorfreude, „ich mag Geschichten. Elfen haben wir keine in der Hollerheide, ich glaube, es siedelten nie welche dort. Aber woran das liegt, weiß ich nicht, denn immerhin ragt der Ifirnswald in die Heide hinein. Auf dem Weg nach Donnerbach habe ich mir einmal einige elfische Ruinen am Gestade des Pandlarin angesehen.“ Er beugte sich vor, um die Ornamentik genauer in Augenschein zu nehmen. „Eine gewisse Ähnlichkeit kann ich hier durchaus erkennen.“

„Gut erkannt …“, meinte Grimmberta eifrig nickend, „… Vater meinte, dass das noch Relikte aus der Blütezeit der Elfen von vor vielen Jahren seien. Aber darüber weiß ich nicht viel. Das konnte mir auch mein Vater nicht erzählen. Ich kenne nur die Geschichten, die diesen Wald umgeben.“ Es dauerte nicht lange da hatte die junge Ritterin wieder eine Sitzgelegenheit ausgemacht.

„Ihr seid ja bestimmt an der Burg Welkenstein vorbeigekommen. Den Stammsitz des ehemaligen Baronshauses?“ Sie wartete keine Antwort ab, da es ziemlich sicher war, dass Irmina den direkten Weg und nicht jenen über die Helbrache gegangen war. „Die Familie meint von Perdan und Alari abzustammen. Ein Mensch und eine Elfe … die Geschichte rund um die beiden ist eine sehr schöne und auf jeden Fall auch eine, die die Besonderheit dieses Waldes zeigt.“ Sie leckte sich über die Lippen und wartete bis Luten sich zu ihr gesetzt hatte.

"In längst vergangenen Tagen, als noch keine von Menschen angefertigte Liste aller Praiosläufe, Monde und Götterläufe existierte, lebte zwischen zwei Flüssen, die uns heute als Pergel und Dergel bekannt sind, damals jedoch heute längst vergessene Namen trugen, eine weithin bekannte Elfenfürstin. Vernossiel, so ihr Name, war jedoch keine normale Elfe - sie war von königlichem Blute, das sich angeblich bis zu den Fürsten von Mandalya und sogar Simia-der-aus-dem-Licht-trat höchstselbst zurückverfolgen ließ. Ihre Schönheit, ihre Anmut und ihr Verhalten ließen keinen Zweifel an ihrer edlen Abstammung; der Wuchs hoch und schlank, die Haut weiß wie Schnee, die fließend langen Haare glänzend und gleich gesponnenem Gold, die Lippen rot wie ein Feld voller Mohnblumen und die Augen blau wie das ewige Eis. So schön und atemberaubend Vernossiels Anblick auch gewesen sein soll, der ihrer einzigen Tochter Alari soll noch viel schöner und atemberaubender gewesen sein. Ja ich sage Euch; es ist nicht lästerlich, wenn ich behaupte, dass der Großteil der Menschen wohl auf die Knie sinken würde, würde Alari vor sie treten, im Glauben, dass die leibhaftige Rahja unter uns wandelt.

Eifersüchtig habe Vernossiel ihre Tochter behütet und Zeit ihres Lebens vor jedem äußeren Einfluss abgeschirmt. In einem Turm aus purem Elfenbein, wie es heißt, hatte die überderisch schöne Alari ihr Dasein fristen müssen. Doch die Tochter hatte immer schon eine Schwäche für das Abenteuer und Unbekannte. Sie wollte und konnte sich nicht damit abfinden, ihr Leben behütet in einem Turm verbringen zu müssen. Wie man sich denken kann – weil es in den Geschichten der alten Zeiten meistens so zugeht -, langweilten sie auch die vielen Anträge zum Seelenbund, die sie erreichten, mehr als dass sie ihr Interesse weckten. Und so kam es, dass Alari sich Nächtens hinfort stahl, um durch die Lande der Mittnacht zu streifen.

Genau zu dieser Zeit machten sich die Kundschafter des ersten Königs von Baliho, Isegrein des Alten, vom Pandlaril aus auf gen Efferd, um das Land zu erkunden und zu erschließen. Der Anführer seiner Waldläufer ward Perdan, ein junger Bursche aus gutem Rommilyser Haus. Ein rechter Wildfang soll der junge Herr gewesen sein, der sich hervorragend auf die Jagd verstand, sei es auf Rot- und Dammwild, oder auch auf das Weibsvolk. Bei einer nächtlichen Wanderung im Schein des Madamales hatte er sie erblickt. Badend im Fluss und im Gespräch mit einem Bieber. Perdan, so sein Begleiter, soll im Moment, da er Alari erblickte auf die Knie gesunken sein und sein Herz entbrannte sogleich in feuriger Liebe. Über Monde besuchte der Waldläufer jene Stelle am Fluss, in der Hoffnung noch einmal einen Blick auf ihre unbeschreibliche Schönheit werfen zu können.

Ein ganzes Jahr soll der junge Mann jeden Abend am Fluss ausgeharrt haben, bis er Alari wieder ansichtig wurde. Bei diesem Mal ging jedoch auch seine Anwesenheit nicht an ihr vorbei. Er war unvorsichtig geworden. Nicht wissend wie lange es dauern würde bis sie wiederkam, wagte Perdan sich zu nahe an sie heran. Die Elfe war erst voll von Schreck und Furcht, doch fiel dies sogleich von ihr ab wie Herbstlaub im Wind. Zu groß war die Neugier, hatte sie doch noch nie zuvor einen Menschen erblickt. Und da auch Perdan von rahjagefälligem Wuchs war, öffnete auch die Elfe begierig ihren Mund und auch ihr Herz erbrannte in leidenschaftlicher Liebe. So kam es, dass die beiden sich im Schein der Mada das erste Mal liebten und als sich Vernossiel der Gefühle ihrer Tochter für einen Abkömmling eines jungen Volkes gewahr wurde, war sie voll des Zorns.

Nie mehr sollte Alari das Licht der Sonne erblicken, bis diese Laune, wie sie es nannte, verschwunden war. Um sicherzustellen, dass sich die hübsche Tochter nicht wieder davonstahl, ließ Vernossiel sie von einer riesigen Wolfskreatur bewachen, die ihr von nun an auf Schritt und Tritt folgen sollte. Eine Entwicklung, die auch vor Perdan nicht lange verborgen blieb. Die Tränen seiner Geliebten führten dazu, dass auch der Himmel weinte. Einen Mond lang soll es geregnet haben, die Ufer der Flüsse Dergel und Pergel sollen übergetreten sein und die heutigen Wargenkuppen in ein Meer von Seen verwandelt haben. Der kühne Perdan wollte sich nicht damit abfinden, dass ihm seine Geliebte von ihrer Mutter vorenthalten wurde. Mit gegürtetem Schwert schwang er sich auf sein weißes Pferd und ritt dem Forst entgegen, in dem er Alari und die Wolfskreatur wusste. Bei ihrem Turm angekommen wurde der edle Recke dann erstmals mit dem Wächter seiner Geliebten konfrontiert.

Der Wolf war von eindrucksvollem Wuchs; das Fell schwarz glänzend gleich feinster Seide, der Körper schlank und kräftig, die Zähne weiß wie Schnee und Augen, blau wie Tiefen des Pandlarin, verliehen dem Wächter ein erhabenes, beinahe königliches Aussehen, das dem Alaris würdig war. Doch Perdan der edle Recke, ließ sich vom Wargen nicht einschüchtern. Er zog sein Schwert und überwand die tobende Wolfskreatur. Aber anstatt seinen Hort zu plündern nahm Perdan nur Alari zu sich auf sein schneeweißes Ross und gemeinsam ritten sie dem Aufgang des Praiosmales entgegen. Der Warg jedoch war mitnichten überwunden und auch der Zorn Vernossiels war nun größer als je zuvor. Gleich einer nagrach´schen Jagd nahm die Wolfskreatur die Fährte auf und ließ den beiden Liebenden keinen freien Moment.

Ein ganzes Jahr lang schweiften die beiden Liebenden über Meere, Berge und durch Wälder. Inzwischen ward ihnen auch ein Kind geboren – eine Tochter, der sie den Namen Fayris gaben und die sie, stets auf der Flucht, einem befreundeten Waldläufer übergeben hatten. Dennoch sollte sich bei den beiden kein familiäres Glück einstellen. Der Häscher ihrer Mutter war unnachgiebig und grausam. Eines Tages aber, als sich Perdan und Alari schon fast ganz ihrem Unglück und der Verzweiflung hingegeben hatten und gar nicht mehr leben wollten, erschien ihnen die Herrin Rahja in der Form eines Paradiesvogels. Sie bedauerte das Schicksal der beiden Liebenden aus unterschiedlichen Welten und eröffnete ihnen einen Weg wie ihre Liebe auf ewig fortbestehen würde. Sowohl Perdan als auch Alari warfen sich dankbar auf die Knie und fielen sich in die Arme.

Die schöne Göttin verwandelte die unglücklich Verliebten in genau dieser Haltung zu Stein, dass sie auf ewig vereint sein mögen. Rund um die Beiden ließ sie ein Meer aus roten Rosen wachsen, welches die beiden vor äußeren Einflüssen schützen sollte. Noch heute findet sich das Abbild der beiden am Ufer des Dergels im Dorf Wargentrutz, inmitten der Rahja heiligen Rosen. Auch der Warg soll immer noch den nach ihm benannten Forst durchschreiten und die Menschen nahe dem Forst meinen gar, dass er, wenn er Alaris Blut – also direkte Abkömmlinge der Familie Welkenstein – in seiner Nähe weiß, er diese immer noch zu schützen und zu behüten versucht."

Als Grimmberta geendet hatte blickte sie für einige Momente still vor sich hin. „Viele Menschen halten diesen Wald deshalb für einen Ort, dem man besser nicht zu nahekommen sollte. Sie fürchten die Wolfskreatur und Vernossiels Zorn auf die jungen Völker.“ Die Ritterin hob ihre Schultern.

Luten hatte andächtig gelauscht und saß auch noch still und stumm, als die Worte Grimmbertas längst verhallt waren. Schließlich blinzelte er, als erwache er aus einem Traum und räusperte sich leise. „Eine schöne Geschichte. Groß und mächtig, wenn hunderte von Jahren überdauert hat und bis heute nachklingt.“ Zaghaft lächelte er seine Gastgeberein an. „Danke, dass Ihr sie mir erzählt habt.“ Er blickte sich um und besah sich die Ruinen ein weiteres Mal.

„Vielleicht führt uns unser Rückweg ja über Wargentrutz, damit ich mir dieses steinerne Bildnis ewigwährender Liebe selbst ansehen kann.“ Dann verrutschte sein Lächeln zu einem schiefen Grinsen. „Bis Ihr mich dann besuchen kommt, werde ich eine Geschichte parat haben, um Euch die Eure hoffentlich gebührend zu vergelten. Ich bin sicher, ich finde eine.“

„Das wird er bestimmt …“, sie lächelte, „… das hat er bestimmt schon auf Eurem Weg hierher, doch werdet Ihr wohl auf Burg Welkenstein genächtigt haben und der Regen gestern keinen längeren Aufenthalt in Wargentrutz zugelassen haben. Es ist schön dort, Ihr werdet es mögen. Die Statue steht in einem Meer von Rosen und man sagt sich, dass wenn man die Rose einem Menschen schenkt, für den man ehrliche Liebe empfindet, so soll sie auch im abgeschnittenen Zustand ewig blühen.“ Fast schien es als würde ihre Ausführung damit enden, als sie noch einmal nachsetzte. „Behütet werden sie von einer echten Tulamidin. Rahjania ist etwas eigen, aber schon fast eine echte Weidenerin … mmmh, ich freue mich schon auf Eure Geschichte.“

Beschwingt erhob sie sich wieder von ihrer Sitzgelegenheit. „Wir sollte wieder aufbrechen, damit wir noch rechtzeitig vor der Dunkelheit zurück beim Gut sind. Ihr müsst auch schon Hunger haben.“ Der Blick der Ritterin lag kurz auf ihren beiden tierischen Begleitern. „Ich würde Euch ja eine Jagd vorschlagen, doch wartet Birsel bestimmt mit Essen auf uns.“

„Aufgeschoben, ist ja nicht aufgehoben.“, schmunzelte Luten, „Außerdem muss ich gestehen, dass ich wirklich hungrig bin.“ Ein wenig verlegen grinste er und beeilte sich dann, an Grimmbertas Seite zu gelangen.

Als sich die beiden von der Lichtung entfernten, dauerte es nicht lange bis Grimmberta das erneut aufgekommene Schweigen durchbrach. „Die Frage mag Euch vielleicht etwas verwundern, aber wie ist meine Tante denn so? Was habt Ihr für einen Eindruck? Ihr kennt sie ja wahrscheinlich besser als ich.“

Überrascht blickte der Hollerheider Ritter zur Seite und musterte seine Begleiterin. „Stimmt, darüber habe ich mir bislang keine Gedanken gemacht, aber Ihr kennt Eure Tante vermutlich nur von gelegentlichen Besuchen, eh?“ Er blickte wieder nach vorne und schien einige Augenblicke nachzudenken, ehe er sich ans Antworten machte.

Während der Ritter überlegte, nickte sie bestätigend.

„Sie ist freundlich, das fiel mir als erstes ein, als Ihr gefragt habt. „Ziemlich … naja, normal für eine Geweihte, noch dazu eine in einem so hohen Rang. Ich hab sie häufig im Dorf gesehen und dann ins Gespräch mit normalen Bürgern vertieft. Ich glaube, sie und ihr Mann haben viele Freunde unter den gewöhnlichen Rhodensteinern.“ Erneut hing Luten seinen Gedanken nach. „Ab davon ist sie natürlich hochgebildet und manchmal verstehe ich kaum etwas von dem, was sie sagt. Einmal hat sie meinem Baron und seiner Vögtin sowie Schwester ein von ihr neu bebildertes Werk gezeigt und erklärt. Wobei, das heißt glaube ich illumniert, oder so. Jedenfalls waren das wunderschöne Bilder und Eure Tante strahlte förmlich vor Begeisterung und umso mehr, als Frauwen Baraya eine kluge Zwischenfrage gestellt hat, die weder der Herr Lanzelund noch ich recht verstanden haben.“ Er lachte kurz. „Ich glaube, sie liebt und lebt ihre Berufung wahrlich von ganzem Herzen.“ Nun blickte er sie forschend an. „Was habt Ihr denn für einen Eindruck?“

„Mmmmh …“, Grimmberta biss sich auf ihre Unterlippe, „… ich hatte immer großen Respekt vor meiner Tante. Sie ist ja immerhin eine Rondrageweihte und mein Vater, genauso wie später mein Schwertvater, haben mich stets dazu erzogen den Dienern der Zwölfe das höchste Maß an Respekt entgegen zu bringen.“ Die junge Ritterin blieb stehen und blickte stumm vor sich hin. „Vater mochte sie sehr. Er nannte sie immer ´seine kleine Schwester´ und ich denke er war auch sehr stolz auf sie. Ist ja nichts alltägliches, dass ein einfaches Mädchen aus dem Schatten des Wargenforsts in solche Würden aufsteigt.“ Der grüblerische Ausdruck auf ihrem Antlitz verschwand und es legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Er hat mir bis zu seinem Tod immer wieder Geschichten aus ihrer gemeinsamen Jugend erzählt. Leider konnte ich Tante Irmina nie so kennen lernen wie Vater, deshalb meine Frage … ich danke Euch für Eure Antwort.“

Langsam setzte sich die Ritterin wieder in Bewegung. „Dennoch empfand ich sie immer als sehr familiär, zugänglich und man konnte sich immer auf sie verlassen. Nun vielleicht ergibt sich ja bei diesem Besuch eine Gelegenheit sie besser kennen zu lernen. Inzwischen bin ich direkt froh, dass sie gekommen ist.“ Grimmberta lächelte.

„Das wart Ihr bei unsrer Ankunft nicht wirklich, eh?“, entfleuchte es Luten, ehe er’s sich versah. Ein wenig erschrocken blieb er stehen und warf Grimmberta einen reumütigen Blick zu. „Entschuldigt, das sollte nicht respektlos klingen. Ich konnte aber nicht umhin, Euer Missvergnügen zu bemerken. Es schien fast so, als hätten wir Euch,… naja, überfallen“, schloss er mit einem verlegenen Grinsen. „Dabei“, beschwichtigend hob er die Hände, „kamen wir wirklich nur mit den besten Absichten, das versichere ich Euch. Ehrwürden Irmina hat sich sichtbar gefreut, ihre alte Heimat besuchen und sie ihren Kindern zeigen zu können, aber auch Euch zu sehen.“

Es war offensichtlich, dass die Frage ihr unangenehm war. „Eure Absichten habe ich nie hinterfragt …“, meinte sie zögerlich, „… ich weiß, dass Tante Irmina mir nie Böses wollen würde. Ich glaube, dass sie mich in gewisser Weise sogar zu behüten versucht. Mutter starb bei meiner Geburt, Vater im Feld. Ich bin jung, wahrscheinlich möchte sie mir einen Traviabund anempfehlen. Geschwister habe ich ja keine.“ Grimmberta hob ihre Schultern. „Als ich dann ihr großes Gefolge sah war ich vielleicht etwas zu abweisend, ja, ich mag große Gruppen von Menschen nicht so gerne.“

Für einen Moment schwieg die junge Ritterin, bis ihr offensichtlich ein Gedanke in den Kopf schoss und sie abwehrend ihre Hände hob. „Also … das hat jetzt nichts mit Euch oder den anderen persönlich zu tun. Es ist einfach eine Eigenheit. Hier im Wald fühle ich mich so viel besser als an einer vollen Festtafel – auch wenn ich die Menschen daran mag.“

„Ich kann Euch gut verstehen. Unterdessen bin ich auch lieber für mich“, kam ihr Luten sofort entgegen. „Derweil mir unlängst aber der Gedanke kam, dass ich mich daran einfach gewöhnt habe. Wie ich früher eben daran gewöhnt war, unter vielen Menschen zu sein und mich damit wohl gefühlt habe. Mir grauste vor dem Antritt dieser Reise schon ein bisschen davor, beinahe jeden Abend an einem anderen Hof einzukehren und mich mit mir fremden Menschen austauschen zu müssen. Aber das genau war ja ein Teil der Absicht Eurer Tante: den Kontakt zu möglichst vielen Heldentrutzer Adligen zu suchen, um über diese leidige Sache im Garetischen zu sprechen. Ganz ehrlich, die ersten Tage fand ich fürchterlich. Aber spätestens seit meiner Jagd mit dem Herrn von Biberwald und dem Baronsgemahl, habe ich irgendwie wieder Geschmack daran gefunden. Wir hatten einen wirklich kurzweiligen Abend und ehrlich: alleine, wäre der sicher deutlich langweiliger gewesen.“

Grimmberta lachte kurz auf. „Das kann ich mir gut vorstellen. Ich mag Gorf … ähm den Baronsgemahl sehr gerne. Genau wie die Baronin …“, sie stoppte und blickte für einige Herzschläge lang in die Ferne, „… wenn sie nicht immer die Hälfte der Zeit meiner Anwesenheit das leidige Thema Traviabund wählen würden …“, die Ritterin rollte mit ihren Augen, „… ich bin mir sicher Ihr kennt solche Themen?“

„Klar“, sagte Luten knapp, „von verschiedenen Seiten. Meine Mutter ist dabei nicht mal die Schlimmste. Eher mein Großvater und seit Neuestem mein Baron.“ Hier nun rollte Luten auch mit den Augen, weil ihn das Drängen des Weiden-Harlburger tatsächlich irritierte. „Naja, wird ja auch irgendwie Zeit“, nuschelte er und warf Grimmberta einen schiefen Seitenblick zu, bei dem er wohl beschloss, von diesem heiklen Thema abzulenken.

„Vielleicht, werte Berta, solltet Ihr einfach mal versuchen, ein wenig öfter unter Menschen zu gehen, dann verliert es seinen Schrecken. Wäre zumindest einen Versuch wert, eh?“

Skeptisch blickte sie den Ritter von der Seite an. „Na, ich weiß nicht. Ich bin auch schlecht darin über Belanglosigkeiten zu plappern, um meinen Gesprächspartner zu unterhalten.“ Grimmberta schwieg einen kurzen Moment. „Das gehört doch zur gepflegten Konversation dazu, nicht? Wie geht’s der Familie? Wie war die Ernte? Hat die Sau geferkelt … jaja ich weiß, es sind keine Belanglosigkeiten, doch es interessiert mich halt nur eher bedingt.“ Abermals blieb sie stehen und wartete bis der Corrhensteiner es ihr gleichtat. „Wie geht Ihr damit um?“

Der Angesprochene hob die Schultern. „Ich mag das auch nicht so sehr. Nicken und lächeln soll ich, hat mein Baron unlängst mal gesagt. Wenn ich schon nichts Interessantes beizutragen habe, soll ich wenigstens nicken und lächeln und ab und an zustimmend brummen. Tatsächlich kann man damit bisweilen gut fahren. Sucht Euch einfach ein Gegenüber, das gerne erzählt. Davon gibt’s in Weiden erstaunlich viele. Man kriegt den Dreh schnell raus, welche Themen dazu führen, dass der andere sprudelt wie ein nimmermüder Born. Tja, und dann läuft das meist von selbst und manchmal ist es sogar interessant, was man zu hören kriegt.“ Er grinste jungenhaft. „Ab und an, hab ich festgestellt, gerät man aber auch an wen, der so interessant ist, dass man sich jäh in einer Unterhaltung wiederfindet.“ Seine Augenbrauen hoben sich, als er Grimmberta einen bedeutungsschwangeren Blick zuwarf und dazu breit grinste. „Wie jetzt gerade, beispielsweise.“

Nun fiel es der jungen Frau schwer den Blick des Ritters zu halten. Stattdessen blickte sie auf den Boden und ihre Wangen nahmen einen leichten Rotton an. „Meint Ihr wirklich …“, flüsterte sie schüchtern.

„Ai“, bestätigte Luten mit tiefer Stimme und voller Überzeugung.

„Es tut mir leid, dass ich vorhin so … unfreundlich war. Ihr seid nett.“ Immer noch galt der Blick Grimmbertas eher ihren Stiefelspitzen und weniger ihrem Gesprächspartner. „Aber ich weiß dennoch nicht ob ich das kann. Ich hätte ja nicht einmal schöne Kleider für gesellschaftliche Anlässe.“ Es schien Luten klar, dass ihr dieses Thema etwas Unbehagen bereitete, deshalb tat sie auch alles dafür, dies beiseite zu schieben. „Erzählt mir lieber etwas über Euch. Was habt Ihr denn für Wünsche und Ziele im Leben?“ Sie lächelte. „Und dabei meine ich nicht was sich Euer Baron, oder Euer Großvater von Euch erwartet, sondern was Ihr selbst möchtet.“

„Puh.“ Luten hob ein Bein und setzte den Fuß auf einen nahen Findling. Dann blickte er hinauf an den bereits zwielichtigen Himmel. „Wünsche? Ich würde gerne reisen, mehr von der Welt sehen, vielleicht sogar die Lande aus Tausend und einem Rausch. Ich möchte einmal eine wirklich gute Geschichte ersinnen und niederschreiben, damit ich sie irgendwann meinen Kindern und Kindeskindern erzählen kann. Denn ich möchte eine Familie gründen, nicht mit einer Frau, die man mir vor die Nase setzt, sondern mit einer, die mich ganz freiwillig nimmt und die mit mir als Gefährtin durchs Leben gehen will. Ja, ich denke, das wäre der Wunsch, den ich am innigsten hege. Und Ziele? Ich hoffe, dass ich ein gutes Leben lebe, ein guter Mensch bin, der den meinen keine Schande macht. Tja, und ich strebe danach, ein besserer Ritter zu werden, mit Lanze, Streitaxt und Herz.“

„Was denkt Ihr denn hält Euch davon ab Eure Wünsche zu erreichen? Ihr seid ungebunden, also dürfte Reisen ja im Bereich des Möglichen sein …“, sie grinste, „… und auch eine Frau, die Euch um Euretwegen möchte, würde sich bestimmt finden. Vielleicht sogar auf einer Reise.“ Ihr interessierter Blick ruhte nun wieder auf dem Antlitz des Ritters.

„Hum“, Luten schniefte und rieb sich übers Kinn. „So dies und das, schätze ich. Wenn man zu Hause ist, fällt immer was an, was es zu erledigen gilt.“ Er hob die Schultern. „Am Ende bin ichs vermutlich selbst, der den Arsch noch nicht hoch gekriegt. Naja, vielleicht, wenn wir wieder zurück sind. Vielleicht gehe ich es dann an. Schließlich muss ich schon was tun, wenn ich diese ziemlich hochtrabenden Ziele erreichen will, eh?“ Wieder dieses jungenhafte Lächeln, das aber schnell verschwand und einem ernsten Blick wich. „Was ist mit Euch, Berta. Was sind Eure Wünsche und Ziele?“

Für eine Weile blickte die junge Frau vor sich hin. Es war eine Frage, die für sie nicht einfach zu beantworten war. „Als ich ein junges Mädchen war, hatte ich schon auch Wünsche und Träume. Ich wollte hinaus in die Welt. Frei sein wie ein Vogel, wollte ein Noviziat in der Kirche der Schwanengleichen beginnen … doch …“, sie brach ab und wirkte für einen Moment melancholisch, „… Vater hat es mir verboten. Ich musste eine Ritterin werden um das Gut zu erben. Nachdem meine Mutter starb hatte mein Vater nie wieder geheiratet und, neben mir, keine anderen Kinder gezeugt. Er setzte immer alle seine Hoffnungen alleine in mich.“ Grimmberta presste ihre Lippen aufeinander. „Ich denke, dass mein Wunsch und Ziel ist meinen Vater stolz zu machen. Er sitzt bestimmt an Rondras Tafel und wacht über mich. Ich will die Ritterin sein, die er sich immer gewünscht hat, wenn er mich mit dem stolzen Blick eines Vaters angesehen hatte.“ Eine einzelne Träne lief der jungen Frau über die Wange.

Luten runzelte irritiert die Stirn, als er das sah, dann blickte er sich unbehaglich um und räusperte sich. „Er ist bestimmt stolz auf Euch, Grimmberta. Nach allem, was ich in den vergangenen Tagen gehört habe, steht ihr Eure Frau ganz formidabel. Vielleicht“, wieder rieb er sich übers Kinn, „ ist es aber an der Zeit, dass Ihr nicht so lebt, wie Ihr denkt, dass Euer Vater es wollte, sondern stattdessen eigene Ziele verfolgt.“

Er schniefte. „Ich meine, wie wollt Ihr Euch denn fortentwickeln, wenn Ihr nur tut, was andere von Euch verlangen? Das kann nicht richtig sein und Ihr wollt ja nicht irgendwann hier hocken und daran denken, was Ihr alles verpasst habt. Ihr seid jung, Ihr solltet Euch erproben und daran wachsen. Redet mal mit Eurer Tante, ich bin sicher, wie wird Euch ebenso den Kopf zurechtrücken, wie mir, altem Zauderalrik.“

Grimmberta blickte einige Momente lang stumm vor sich hin. „Meine eigenen Ziele verfolgen …“, wiederholte sie die Worte Lutens, „… ich denke nicht, dass das möglich ist. Ist es nicht unsere Aufgabe als Adelige eine uns vorherbestimmte Rolle zu erfüllen? Genauso wie es an den Bauern ist ihre Felder zu bestellen, oder der Schmied seinem Handwerk nachzugehen hat. Haben Rondra und Praios uns nicht über die anderen Menschen erhoben um sie zu schützen und zu führen?“ Die junge Ritterin senkte ihren Blick. „Mein Gut ist nicht groß und meine Schutzbefohlenen sind nicht viele, doch denke ich, dass mein Vater Recht hatte. Damals wollte ich es nicht sehen. Ich fühlte mich eingesperrt und wollte raus in die Welt und in die Natur. Doch es geht nicht nur um mich und mein Befinden …“, sie hob ihren Blick wieder und sah Luten in seine Augen, „… es verlassen sich auch meine Schutzbefohlenen auf mich. Ich kann das Gut nicht verlassen um meinen eigenen Wünschen nachzugehen, so sehr ich es auch wollen würde. Nicht mit Grashaz Kachaiis Bande wenige Meilen von hier in der Helbrache und den Auswüchsen des Finsterkamms, mit denen wir hier sonst zu kämpfen haben.“ Ihr Blick wurde skeptisch. „Denkt Ihr wirklich, dass Tante Irmina mir dabei helfen könnte?“

„Sicher. Sie ist eine Priesterin und solche lernen schließlich die Seelsorge. Ich hab jedenfalls noch keinen“, er stutzte, „na zumindest sehr, sehr wenige Rondradiener getroffen, die einem Gläubigen nicht ihr Ohr geliehen hätten und bemüht waren, Beistand in jeglicher Form zu leisten.“ Luten sah sie schmunzelnd an. „Ihr seid ja sicher keiner von diesen merkwürdigen Zeitgenossen, die meinen, Rondrageweihte wären nichts anderes als Tempelwachen, eh?“

„Ääääh …“, die junge Frau warf ihre Stirn in Falten und wirkte etwas irritiert.

Dann wurde er wieder ernst, räusperte er sich und sann einige Augenblicke über Grimmbertas vorangegangene Worte nach. „Klar, Ihr habt Recht, unsereins kann nicht tun, wonach einem gerade so ist. Wir haben Pflichten zu erfüllen. Aber ich finde schon, dass eben diese uns Raum lassen, um auch unseren Neigungen zu frönen. Sind Eure Ziele denn tatsächlich gänzlich unvereinbar mit den Aufgaben einer Rittersfrau? Das hört sich gerade so an.“

Grimmberta schüttelte ihr Haupt. „Gänzlich? Nein. Ich denke, dass ich hier am Rande des Waldes ganz gut aufgehoben bin.“ Nun zeigte sich wieder ein Lächeln auf ihren Zügen. „Also … ich meine, ich hätte es schlechter treffen können. Ich habe zwar meine Pflichten und Verantwortungen, doch bin ich dabei wenigstens nahe dem, was mir von klein auf wichtig war. Dennoch ist es manchmal … nun manchmal fühle ich mich dennoch eingesperrt.“ Sie hob ihre Schultern, setzte sich langsam in Bewegung und wartete dann, dass Luten zu ihr aufschloss. „Ich bin gespannt was Tante Irmina mir raten würde.“

Der Corrhensteiner raffte sich auf und trat an Grimmbertas Seite. „Fragt sie einfach, ich bin sicher, sie wird Euch gerne ihr Ohr leihen.“ Wieder knurrte sein Bauch vernehmlich und er grinste verlegen. „Schauen wir zu, dass wir Euer Gut bald erreichen, wird sicher auch bald dunkel und man wartet schon auf uns.“


Rittergut Travienswacht, am Abend

Mit den letzten Strahlen des Praiosmales erreichten die beiden jungen Ritter das Gut Travienswacht. Die Menschen hatten ihr Tagwerk beendet und mit Ausnahme des Gutshauses wirkte die kleine Siedlung ausgestorben. Lampenöl war für die Eigenhörigen nicht erschwinglich und Kerzen konnte sich nicht einmal die Herrschaft in großem Stil leisten. So war auch das Gutshaus der Ritterin nur eher schwach beleuchtet. Allem Anschein nach hatte man dort jedoch auf die Rückkehr er Hausherrin und ihres Begleiters gewartet. Der Duft aus der Küche signalisierte den beiden Angekommen, dass der Eintopf wohl noch auf dem Herdfeuer stand und die Stimmen aus der ´Halle´ waren ein Indikator dafür, dass der Rest des Besuchs noch zusammensaß.

Grimmberta gab sich und Luten noch die Gelegenheit sich frisch zu machen, um dann zu den anderen zuzustoßen. Die junge Ritterin ging in ihre Kammer, öffnete ihren Zopf, kämmte ihn nass aus und kleidete sich in ein einfaches Leinenkleid. Hier gab es keine Zofe oder Dienerin, die ihr dabei zur Hand ging, doch waren die Griffe der Wolfenthannerin geübt genug, um sich nicht länger als nötig damit aufzuhalten. Sie hasst es diesen ´besseren´ Fummel zu tragen, wobei ´besser´ in diesem Zusammenhang ein irreführender Begriff war. Es gab in Bärwalde und Baliho bestimmt Bauern, die besser gekleidet waren. Dennoch verspürte sie ein leichtes Bedürfnis den Fetzen zu tragen – vielleicht auch um Luten zu zeigen, dass sie es ehrlich versuchte und nicht immer stur sein musste.

In der ´Halle´ angekommen war es den anderen Anwesenden klar, dass es ihr nicht leichtfiel, das Bemühen jedoch da war. Luten, inzwischen in ein schlichtes, dunkles Wollwams, helle Hosen und bequeme Stiefel gekleidet, nickte seiner Gastgeberein aufmunternd zu und zeigte dabei ein betont ermutigendes Lächeln.
Grimmberta setzte sich auf ihren Stuhl und bedachte ihre Tante und ihr Gefolge mit einem Lächeln. „Ich hoffe du hattest einen schönen Tag hier, Tante …“, sie räusperte sich, „… und ähm entschuldige, dass ich so plötzlich weg bin.“

Irmina hob beide Augenbrauen und maß ihre Nichte streng. Doch die Strenge war wohl nur vorgeschoben und entsprach nicht der eigentlichen Stimmung der Geweihten. Also durchbrach schon nach wenigen Herzschlägen ein herzliches Lächeln die harte Fassade. „Ach Berta, mein liebes Kind, was soll ich nur mit dir machen“, seufzte sie leise und schüttelte den Kopf.

Ansatzlos nickte sie dann. „Hatte ich, danke der Nachfrage. Es ist immer wieder schön in mein Elternhaus zurückzukehren. Hier hat sich so wenig verändert, dass ich mich gleich wieder wie zu Hause fühle. Und irgendwie auch ein wenig jünger.“ Sie lachte warm und legte Grimmberta dann eine Hand auf den Arm. „Du leistest hier wirklich außerordentlich gute Arbeit, Grimmberta. Die Familie kann stolz auf dich sei und ich bin sicher, deine lieben Eltern, der Herre Boron halte sie selig, sind es ganz sicher.“

Irmina war bewusst, dass ihre Nichte schon sehr früh das Joch der Verantwortung angelegt wurde. Als ihr Bruder beim Zug der Herzöge fiel, war Grimmberta noch keine Ritterin. Als sie den Ritterschlag dann empfing, musste sie sogleich die Aufgaben hier an der Grenze antreten. Ihr blieb keine Zeit für eine Ritterfahrt oder Aventurie. Sie wurde nicht langsam an ihre Aufgabe herangeführt, sondern direkt ins kalte Wasser gestoßen. Dafür schlug sie ihre junge Anverwandte ganz gut.

„Ich danke dir, Tante Irmina“, kurz ging ihr Blick hin zu Luten. Wieder wollte sie ihm beweisen, dass sie sich Mühe gab: „Wie … ähm … geht es den Kindern und deinem … ähm … Gemahl?“ Die Ritterin lächelte etwas unsicher. „Und was gibt es denn Neues vom Rhodenstein?“

Wenn sie sie verspürte, gelang es Irmina sehr gut, ihre Irritation zu überspielen. Ihre Augen lagen fest in denen ihrer Nichte und nachdem sie einige Herzschläge sinniert hatte, antwortete sie aufgeräumt.
„Ganz hervorragend, geht es den dreien. Die Kinder sind uns ein steter Quell der Freude und Bärfried für mich zumindest die meiste Zeit.“ Sie lachte leise und irgendwie liebevoll. „Umgekehrt gilt das sicher ebenso. Besuch‘ uns doch einmal, Berta. Ich glaube, du kennst unser Häuschen gar nicht. Und was es Neues auf dem Rhodenstein gibt.“

Die Geweihte beugte sich vertrauensvoll vor. „Ich glaube, diesbezüglich bin ich eine schlechte Dienerin der Herrin. Da ich es vorziehe, meine Freizeit mit der Familie zu verbringen, bekomme ich gar nicht so viel von dem mit, was auf der Burg passiert. Gegenwärtig treiben die Vorgänge in Garetien alle sehr um, weswegen ich auch hier in der Heldentrutz bin. Wenn du möchtest, berichte ich dir davon. Aber das muss nun, zu so später Stunde, wahrlich nicht mehr sein, wenn du mich fragst. Ich bin sicher, die Kinder“, sie deutete auf die beiden, „würden sich sehr freuen, wenn du ihnen vom Wargenforst erzählst. Rondrymir wollte mir nicht glauben, dass der mindestens ebenso verwünscht ist, wie der Blauthann. Aber ich schätze dir, die du in seinem Schatten lebst, wird er Glauben schenken.“

Ein breites Lächeln huschte über die Lippen der jungen Ritterin. "Das wohl ...", meinte sie dann an den kleinen Rondrymir gewandt, "... wir haben zwar keinen Drachen im Wald - also zumindest hätte sich der noch nie blicken lassen - aber dennoch machen sogar die Orks einen Bogen um den Wargenforst."

Der Ton der jungen Ritterin wurde nun verschwörerisch und hatte den gewünschten Effekt auf den Jungen, der an ihren Lippen zu hingen schien. "Man erzählt sich gar viele Dinge über den Wald. Dass er von einer großen schwarzen Wolfskreatur bewacht wird und dass die Herrin des Waldes selbst entscheidet, wen sie einlässt. Der Forst ist wohl gleichzeitig einer der gefährlichsten, aber auch einer der friedlichsten Orte der Bärenlande. Je nachdem, wer ihn betritt. Solange wir uns nicht zu tief hineinwagen und respektvoll mit den Schätzen des Waldes umgehen, droht uns keine große Gefahr. Zumindest wenn man in der Lage ist die Zeichen der Warnung zu erkennen. Luten ...", sie räusperte sich und erinnerte sich daran, dass ihre Tante ihr gegenübersaß, "... äh ... der hohe Herr hat mich zuvor in den Wald begleitet. Ich denke nicht, dass er Angst haben musste." Grimmberta lächelte frech.

Als der Corrhensteiner seinen Namen hörte, schaute er alarmiert und fragend hinüber. Irmina lachte leise. „Und? Habt Ihr Euch gefürchtet, Luten? Im Wargenforst? War er so bedrohlich, wie befürchtet?“

Luten runzelte die Stirn und seine Verwirrung lichtete sich erst, als er die kleine Geste der Rhodensteinerin hin zu ihrem Söhnchen erblickte und ebenso den angespannten Knaben. „Ah, ach so, im Wargenforst. Najaaaa, er ist nicht der Blautann, aber ehrlich, ein weni …, also, ich meine, der ist schon unheimlich, der Forst. Ich war froh, dass Ber…, ich meine, die Hohe Dame an meiner Seite war und mir den Weg zeigen konnte.“ Er beugte sich vor und stupste Rondrymir. „Pass nur auf, morgen, wenn du hinein gehst, Drymir, nicht dass du den dunklen Warg aufstörst. Am besten, bittest du deine Base, ihn dir zu zeigen, den Wargenforst!“

Das ließ der Jung sich nicht zweimal sagen. „Zeigst du ihn mir, Base?“, fragte er mit großen, leuchtenden Augen. „Und hast du ihn denn schon mal gesehen, den großen Warg? Von dem hat Mama uns schon erzählt.“

Grimmberta musste abermals lächeln, dann schüttelte sie sanft ihr Haupt. „Nein, ich habe den Wargen noch nicht gesehen. Auch mein Vater, euer Onkel, hat ihn Zeit seines Lebens nie zu Gesicht bekommen.“ Die junge Ritterin kaute für ein paar Herzschläge auf ihrer Unterlippe. „Aber es gibt Menschen nicht weit von hier die haben ihn nicht nur gesehen, sie wurden sogar von ihm verteidigt. Vor ein paar Götterläufen wagte sich eine Rotte Orks in unsere Lande und überfiel den Weilen Gluckenhagen nur ein paar Meilen firunwärts von hier. Die Menschen flüchteten in den Forst und die Orks setzten ihnen nach.“ Die Hausherrin machte eine kurze Pause und ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen. „Als Junker Feyenhold und die Seinen die Bewohner des Weilers – unversehrt – im Wargenforst fanden, erzählten sie ihm, dass es der Wald war, der sich der Schwarzpelze entledigt hatte. Miril, eine der Gluckenhagerinnen, erzählte mir von einem schwarzen Wolf, der die Größe eines Tralloper Riesen hatte und von einer goldhaarigen Elfe, die die Dörfler beschützt hatte. Letztere soll sich dann gar mit dem Junker unterhalten haben. Von den Orks hatte es tatsächlich niemand überlebt.“

Grimmberta wandte sich dem kleinen Rondymir zu. „Wenn du möchtest und Tante Irmina es erlaubt, dann kannst du mich und Lasko morgen früh in den Wald begleiten.“

„Klar“, kam es wie von der Sehne gelassen und Romdrymir strahlte über die vor Aufregung geröteten Pausbacken. „Ich möchte gern mit dir in den Wald.“ Eine Bewegung an seiner Seite erinnerte den Knaben an die Anwesenheit seiner Mutter und er wandte sich ihr mit weit aufgerissenen Augen zu. „Ich darf doch, Mama, oder? Wo du doch immer erzählst, wie schön es hier ist und ich das dann ja selbst sehen kann.“

„Hum“, brummte Irmina, dann schniefte sie leise und sah ihren Erstgeborenen streng an, ehe sie sich erst zu einem Nicken und dann zu einem sachten Lächeln hinreißen ließ. „Wenn du mir versprichst, dass du auf Base Grimmberta hörst, alles tust, was sie sagt und lässt, was sie dich zu lassen heißt. Wenn du also ein guter Junge bist, Rondrymir, dann darfst du dein Base in den Forst begleiten.“

Ob Rondrymir nun alles gehört und getreulich verinnerlicht hatte, was seine Mutter ihm als Bedingung mit auf den Weg gab, hielt Luten für zumindest anzweifelbar. Aber er musste dennoch über den Eifer schmunzeln, mit dem der Lütte nun nickte und mehr oder weniger absoluten Gehorsam zusicherte.
Auch die Gastgeberin schien das Mienenspiel des Jungen zu erheitern.

Irmina sah zu Grimmberta hinüber und das Lächeln vertiefte sich. „Ich hoffe, er ist so folgsam, wie er jetzt in Aussicht stellt. Du würdest mir damit durchaus einen Gefallen tun, meine Liebe. Hab ein waches Auge auf meinen Sohn, darauf, wie er sich im Wald führt und wie als …“, nun warf sie dem Knaben einen ernsten Blick zu, „…Gefolgsmann. Augenblicklich fasziniert ihn das Ritterdasein sehr und mich interessiert, ob er entsprechende Anlagen erkennen lässt. Ich bin sicher, du wirst das gerade daran ermessen können, wie er sich in Wald und Flur führt.“

Die Angesprochene nickte ihrer Tante zu. „Lasko und ich werden auf ihn Acht geben.“ Die Ritterin kraulte ihrem Wolfsjäger, der neben ihr Position bezogen hatte, sollte Speisereste für ihn abfallen, das Fell. „Ich kann mich noch gut daran erinnern als Vater mich das erste Mal in den Forst mitgenommen hat …“, sie stoppte und fast schien es als umfing sie für den Moment Melancholie, „… es war ein schöner Tag. Es wird dir gefallen Rondrymir.“

Dann wandte sich Grimmberta wieder ihrer Tante zu. „Hast du denn schon jemanden für seine Ausbildung im Sinn? Ich bezweifle nicht, dass er sich dafür eignet ein Ritter zu werden. Er ist doch ein Wolfenthanner.“ Die junge Ritterin grinste.

„Das stimmt“, bestätigte Irmina, „aber auch ein Windtobel. Viel an Rondrymir erinnert mich an seinen Vater. Es ist noch nicht ausgemacht, ob er dem Erbe meiner Familie, oder dem seines Vaters folgen wird. Darum gilt es besonders aufmerksam auf Rondrymirs Anlagen zu schauen.“

Mit einem Seufzen wandte sie ihren Blick von ihrem Sohn zurück zu ihrer Nichte. „Denn eins ist sicher, sie werden so schnell groß, dass diese Frage viel früher als gedacht von Bedeutung ist und deine Einschätzung, Berta, wird uns sicher weiter helfen.“

Grimmberta nickte ihrer Tante verständnisvoll zu. Auch von ihr würde einmal erwartet werden Kinder zu empfangen und am besten mehr als eines. Hier im Schatten des Finsterkamms wurden viele Menschen nicht besonders alt und das lag nicht nur an den leeren Säckeln und dürftig gedeckten Tischen. Die Baronin war sogar der Meinung, dass sie ‚so schnell wie möglich‘ einen standesgemäßen Mann heiraten sollte, um eine Familie zu gründen. Oft hatte ihre Hochgeboren dabei auch ihre Hilfe angeboten. Sie verdrängte den Gedanken.

„Hast du gehört Rondrymir …“, die Ritterin biss in ein Brot und wandte sich dem jungen Knaben zu, „… wir zeigen deiner Mutter, dass du ein richtiger Ritter werden kannst.“ Sie lächelte. „Mut hast du schon einmal. In den Wargenforst wollen nicht allzu viele in deinem Alter.“

„Wollja“, bestätigte der Junge begeistert, „ich wird mein Schwert gürteln“, gewichtig deutete er auf sein Holzschwert, das er vorhin neben das Namensschwert seiner Mutter gestellt hatte und nickte, ehe er Grimmberta mit Fragen zu löchern begann. Deren Tante genoss mit einem breiten Grinsen, das nun jemand anders das Opfer des kaum zu stillenden Wissensdursts ihres Sohnes war und widmete sich in aller Ruhe ihrem Essen.

***

Nachdem Birsel das Essen vom Tisch abgeräumt hatte und die Amme die beiden Kinder zu Bett gebracht hatte, saßen Irmina, Luten und Grimmberta noch etwas am Tisch. Die junge Hausherrin ließ Brand bringen und der Corrhensteiner fühlte sich sogleich an seinen Abend auf Gut Biberwald erinnert. Offenes Feuer im Rücken und flüssiges Feuer im Bauch war wohl eine Weidenhager Tradition.

„Tante Irminaaa?“, fragte die Ritterin dann und vom Ton her wirkte sie so wie jenes neugierige kleine Mädchen, das die Angesprochene damals auf ihrem Schoß sitzen hatte. Wie schnell die Zeit doch nicht verging. Eben jenes kleine Mädchen war nun eine Ritterin und verantwortlich für ein kleines Gut an der Grenze des Herzogtums. „Denkst du Vater hätte es sich gewünscht …“, Grimmberta blickte in ihren Zinnkelch und bevor die Geweihte nachfragen konnte, was damit gemeint war, fuhr sie auch schon fort, „… das alles hier? Denkst du, er hatte das im Sinn als er an meine Zukunft dachte?“

Die Geweihte legte den Kopf schief und schob die Augenbrauen zusammen, als sie ihre Nichte musterte. „Humhum, das alles hier? Das Gut, meinst du?“ Irminas Züge glätteten sich und nun war es an ihr, in ihr Becherchen zu blicken. „Nun, ich bin sicher, er wünscht sich wie jeder Vater, dass sein Kind sicher ist, zufrieden, bestenfalls glücklich. Und wie jeder Mensch, der zeitlebens für etwas gekämpft hat, wünscht er sich, dass das Erreichte Bestand hat. Immerhin ist dieses Gut die Heimat einer alten und stolzen Familie. Dass dies so bleibt, war meinem Bruder immer sehr wichtig und wenn er nun von Alveran herab blickt und es prächtig gedeihen sieht, ist er sicher zufrieden.“

Wieder schärfte sich ihr Blick. „Bist du denn anderer Meinung, Berta?“

Die Angesprochene blickte einen Moment lang ins Leere, dann schüttelte sie den Kopf. „Vater hätte sich bestimmt gewünscht, dass er mehr Zeit hätte … ich war ja noch nicht einmal Ritterin als er starb. Ich wäre so gerne auf Ritterfahrt gegangen. Niemand konnte wissen, dass ich schon in so jungen Jahren seinen Platz einnehmen muss.“ Grimmberta biss sich auf die Unterlippe und Irmina meinte in eben diesen Worten leichte Anflüge von Hader zu erkennen. Ein Gefühlsausdruck, den die Geweihte von ihrer sonst eher stoischen Nichte nicht wirklich kannte.

„Luten und ich hatten uns zuvor über Pflichten unterhalten. Über die Erwartungen der Familie und der Götter.“ Sie blickte kurz hin zum Corrhensteiner. „Mir ist bewusst, dass ich auf viel verzichten musste, was andere junge Adelige haben und tun können, aber es ist nötig und gut so, oder? Rondra und Praios verlangen es doch auch von mir?“

Kurz zuckte Luten und schien etwas entgegnen zu wollen, doch er besann sich und hielt sich zuerst einmal aus diesem Familiengespräch heraus.

Irminas Augenbrauen hatten bei Grimmbertas Ankündigung kurz gezuckt, dann hatte sie geblinzelt und war sich mit der Hand übers Kinn gefahren. „Ich wusste nicht, dass du dir eine Heckenzeit hättest vorstellen können, meine Liebe“, sagte sie leise und wirkte dabei betroffen. „Aber ehrlich gesagt haben wir, habe ich, dich nie nach deinen Wünschen gefragt, wie mir gerade bewusst wird. Wir Wolfenthanns sind von jeher den Erfordernissen gefolgt, wie sie sich eben ergeben haben, nicht wahr?“

Die junge Ritterin nickte langsam.

Sinnierend blickte Irmina vor sich, dann atmete sie tief ein. „Es ist gut und richtig, die Gebote der Götter zu befolgen, Grimmberta, darin hast du recht. Allein, es gibt mehr als einen Weg, dies zu tun. Dem Herre Praios ist es sicher ein Wohlgefallen, dass du deine angeborene Pflicht so getreulich erfüllst, deinen Lehensherren eine treue Vasallin und deinen Schutzbefohlenen eine gerechte Herrin bist. Und auch die Herrin Leuengleich wird es zufrieden sein. Dennoch wäre eine Ritterfahrt für dich als Mensch und als Ritterin gut, sehr gut sogar. Andere Horizonte öffnen den eigenen, wie ich immer sage und ich bin wirklich ärgerlich auf mich, dass ich nie daran gedacht und gerührt habe.“

Dass sie das war, stand ihr nun deutlich ins Gesicht geschrieben. Doch dann lächelte sie jäh. „Was nicht ist, kann aber noch werden, nicht wahr? Immerhin bist du noch sehr jung und die Welt da draußen immer noch da. Wie auch deine Familie noch da ist. Ich werde mit allen reden und wir werden jemanden finden, der als dein treuer Vogt dienen kann, während du nachholst, wonach du dich sehnst. Wie wäre es mit rondragefälligen zwei Götterläufen, Berta? Das ist eine gute Zeit, um auch eine längere Reise in Angriff nehmen zu können. Beispielsweise in die Lande der ersten Sonne, an der Seite Lutens hier, der – soweit ich weiß – erwägt eine Schwester im Glauben dorthin zu begleiten. Oder auch woanders hin, ins Bornland beispielsweise, oder an die Westküste, ach, es gibt so viele Möglichkeiten und alle werden voller packender Herausforderungen sein. Also, lass es uns angehen, wenn es dich noch immer danach verlangt und ich will mich gerne bei deiner Baronin für dich verwenden.“

Als dies gesagt war, weiteten sich die braunen Augen Grimmbertas und ein breites Lächeln legte sich auf ihre Züge. Würde das möglich sein, so wie Tante Irmina sagte? So einfach? Zwei Götterläufe in der Ferne? Ohne ihren Wald und was würde denn aus den Menschen hier werden? Kannte sie jemanden, der oder die sie als Vogt vertreten konnte? Das Lächeln erstarb langsam wieder, zu viele Fragen bohrten sich in ihren Kopf.

So entging ihr, dass Luten inzwischen gespannt nach vorne gebeugt saß und sie beinahe gebannt anschaute.

„Meinst du, Tante?“, fragte die Ritterin etwas unsicher. „Ich würde so sehr gerne reisen und andere Länder kennen lernen, aber ich möchte auch die Menschen hier nicht allein lassen. Birsel zum Beispiel, oder den alten Grimmwart.“ So sehr sie andere Menschen für gewöhnlich auch mied, die, die sie in ihr Herz ließ, brachte man dort nur noch sehr schwer wieder heraus. Sie kaute unsicher an ihrer Unterlippe. „Wer denkst du denn wäre ein passender Vogt?“

Die Tresslerin nickte energisch. „Ich meine, gegenwärtig würde die Lage eine solche Reise erlauben. Es ist keine friedvolle Zeit, keine von segensbringender Sicherheit, aber es ist eine, in der eine solche Reise möglich ist. Vor allem aber sinnvoll, denn zupackende Hände aufrechter Ritter, ich meine: aufrechter, Weidener Ritter, werden überall gebraucht. Dir würde es einen Wunsch erfüllen und zugleich eine neue Welt öffnen, was letztlich für alle hier von Vorteil sein wird. Das magst du jetzt noch nicht sehen, aber so wird es sein, glaub mir nur.“

Es hatte den Anschein, als wäre Irmina kaum davon abzubringen, diese Idee in die Tat umzusetzen. Unternehmungslustig rieb sie sich die Hände. „Denke einfach daran, all denen, die dir lieb und teuer sind, eine Kleinigkeit von deiner Reise mitzubringen, das wird sie über deine Abwesenheit hinweg trösten. Was nun einen Vogt angeht … hmmm … am besten wäre Familie, also lass uns einmal überlegen, wen wir da noch haben.“

Grimmberta sann kurz nach, dann hellte sich ihr Antlitz auf. „Ja klar, Vetter Marbert … der Erbe von Grimmfold aus Firnroden. Der ist auch schon ein Ritter und war letztens zu Besuch hier bei mir. Er hatte seine Ritterfahrt beendet und wollte sich noch ein paar Jahre einem Herrn oder einer Herrin andienen, bevor er dann heiratet und seinen Vater unterstützt.“ Die junge Ritterin war stolz auf ihren Einfall. „Den können wir fragen. Das wäre doch eine Aufgabe für ihn und er könnte hier lernen, was es heißt, ein Gut zu führen.“ Sie war nun wie ausgewechselt, sah sie sich doch schon fremde Länder bereisen. „Ja, das sollte alles möglich sein.“

Ihre Tante nickte bestätigend. „Eine gute Idee, Berta, wir werden Grimmfold auf dem Rückweg einen weiteren Besucht abstatten und das mit ihm und Marbert besprechen.“

Kaum war dies gesagt ging Grimmbertas Blick aufgeregt in die Richtung des Corrhensteiners. „Wohin brechen wir auf?“

Der war der Unterhaltung und der Dynamik, die sie entwickelte mit sichtbarer Verwunderung gefolgt. Als er nun so jäh direkt adressiert wurde, fuhr er zusammen, schloss den geöffneten Mund und verschluckte sich leicht. Verlegen grinsend klopfte er sich auf die Brust und schüttelte den Kopf.

„Ihr seid ja doch von der schnellen Truppe, eh“; grummelte er, „da mache ich einen kleinen, harmlosen Vorschlag und Schwuppes habt Ihr mich am Hacken.“ Er wedelte beschwichtigend mit seiner Hand, als Grimmberta schon wieder zurück rudern wollte.

„Alles gut, alles gut, das ziehen wir jetzt zusammen durch. Wenn Ihr Euch aus dem Bau traut, dann kann ich kaum zurückstehen. Reisen wir also zusammen und ich würde sagen, zuerst in den Süden, ins Land der ersten Sonne. Es heißt, Khunchom wäre eine Stadt, die niemals schläft. Das würde ich gerne mit eigenen Augen sehen. Traut Ihr Euch?“ Er sah die junge Wolfenthann mit herausfordernd blitzenden Augen an.

-Fin-