Der Wargenforst, Baronie Weidenhag
Es dauert nicht lang bis die zwei Adeligen und ihre tierischen Begleiter den Forst betraten und der Corrhensteiner konnte schon bald nach dem Eintritt in das Unterholz auch eine Veränderung bei seiner Begleiterin feststellen. Je weiter weg von menschlicher Zivilisation, desto offener schien sie zu werden. Dennoch war sie auch hier nicht die redseligste Gesellin auf dem Dererund. Nach etwa einem Stundenglas schlug die Wolfenthannerin eine Pause vor. Auf einer kleinen Lichtung fand sich ein quaderförmiger Findling, auf den sich die Ritterin niederließ. Sie zog einen Flachmann aus ihrer Weste, nahm einen Schluck und bot ihn dann Luten an, der seinerseits einen Schluck nahm.
„Es ist hier wunderschön hier, findet Ihr nicht?“, bemerkte Grimmberta und ihre braunen Augen blickten hoch in die Baumkronen. Auf einem Ast saß ein kleiner Buchfink, der das Mausern seines braun-grauen Gefieders unterbrach und die Ritterin seinerseits interessiert musterte. „Ich sitze hier oft und lasse die Eindrücke des Waldes und der Natur auf mich wirken. Es ist meine Heimat …“, sie wandte sich ihrem Begleiter zu, „… erzählt mir über die Eure. Ich habe schon einmal von der Hirschenheide gehört. Leider war ich noch nie dort.“
Luten nickte bestätigend zu ihrer Feststellung über die Schönheit des Ortes. „Wirklich schön, brummte er, „ich mag tiefe Wälder. Hirschenheide hat nur wenige Orte, wie diesen. Es liegt nördlich der Hollerheide, besteht zu einem großen Teil eben aus Heideland und nur im Norden schieben sich Ausläufer des Ifirnstanns in die Heide. Wir hegen gerade diese Ausläufer, sind von jeher verpflichtet, sie zu hüten und für jeden gefällten Baum einen neuen zu pflanzen. Mein Großvater, der Wälder ebenfalls liebt, fing sogar an, die Hollerheider Ausläufer aufzuforsten. Wir haben inzwischen große Flächen jungen Waldes und das hat sich sehr gut auf den Wildbesatz ausgewirkt. Gerade die Kronenhirsche lieben den Übergang aus dichtem, hin zu lichtem Wald und die uralte Heidelandschaft.“
Ein Leuchten hatte sich auf Lutens helle Augen gelegt, als er von seiner Heimat erzählte. Nun lächelte er versonnen. „Es ist ein wunderschöner Ort. Im späten Winter, wenn der Schnee gerade geschmolzen ist, blüht der Stechginster und umgarnt Eure Nase mit einem verführerischen Duft, den Weitgereiste häufig eher mit den Stränden der Charyptik in Verbindung bringen, als mit einer windumtosten Heide. Im Sommer, wenn das Heidekraut in voller Blüte steht, schimmert sie in allen Blautönen, die ihr Euch nur vorstellen könnt. Doch die liebste Zeit ist mir der Herbst, wenn der Sommer sich langsam verabschiedet, Heidekraut und Ginster voller Spinnweben hängen, in denen sich glitzernd die tiefstehende Sonne fängt und alles in ein warmes, goldenes Licht taucht. Nebelschwaden schweben dann in Morgen- und Abenddämmerung schwerelos dahin und die Ahnung des kommenden Winters liegt bereits im nimmermüden Wind. Im Winter ist es hell in der Heide, und klirrend kalt. Schnee und Eis frieren zu merkwürdigen Formen und kaum jemand, der nicht muss, wagt sich hinaus.“ Der Ritter atmete tief ein. „Ich glaube“, sagte er und warf Grimmberta einen Blick zu, „es würde Euch gefallen, Hohe Dame!“
„Nennt mich Berta …“, meinte die Ritterin daraufhin, „… diese Formalitäten sind hier nicht nötig, denke ich.“ Während den Erzählungen Lutens hatte sich ein ehrliches, beinahe kindliches Lächeln auf ihre Züge geschlichen. Obwohl sie sich unter diesem Ort Char…yptik nicht wirklich etwas vorstellen konnte. „Eure Heimat hört sich sehr schön an. Ich sah noch nicht viel außerhalb der meinen.“ Grimmberta wirkte etwas wehmütig, kurz nur, dann lächelte sie wieder. „Meine Knappenschaft habe ich bei Vetter Grimmfold in Firnroden absolviert. Ich denke Ihr habt ihn auf Eurem Weg hierher besucht. Tante Irmina hat sich das sicher nicht nehmen lassen. Sie hält so einiges auf die Familie. Er lehrte mich den Umgang mit der Waffe und den Tieren.“
„Stimmt, bei Herrn Grimmfold waren wir zu Gast“, er nickte und schenkte Grimmberta dann ein zurückhaltendes Lächeln. „Dann nennt mich bitte auch beim Vornamen.“
Die junge Wolfenthannerin sah kurz auf die beiden Hunde, die sich vor ihnen auf den Boden legten, doch aufmerksam auf die Umgebung blickten. „Ihr seid ein Ritter im Orden? Wie kann ich mir Euer Leben dort vorstellen?“, fragte sie ehrlich interessiert.
„Mein Leben ist eigentlich kaum anders, als das Eure, schätze ich.“ Dann wog er den Kopf. Naja, vielleicht nicht ganz, Ihr müsst ein Lehen verwalten, ich noch nicht. Ich bin Ritter der Wahrung, das sind Laienmitglieder im Orden. Wobei das missverständlich ist. Ich bin kein Akoluth und die Ehre wurde mir vor allem zuteil, weil meine Familie dem Orden eng verbunden ist und wir ihm Teile unseres Landes gestiftet haben. Damit bin ich Mitglied im Weiten Kapitel“, er stockte. „Hum, das wird jetzt alles zu kompliziert. Kurz gesagt lobt der Orden bisweilen Questen unter den Rittern der Wahrung aus. Das kann die Suche nach einer verschollenen Quelle sein, oder die Bitte, einem bestimmten Gerücht nachzugehen. Meistens sind es aber Begleitmissionen, wie diese hier, da ich Eure Tante mit meiner Lanze begleite und eher als Ehrengarde diene. Es kann aber auch eine weit gefährlichere Mission sein, wenn es einen Kriegschronisten des Ordens beispielsweise in eine gefährliche Gegend zieht. Die meiste Zeit aber bin ich einfach nur ein Weidener Ritter, der eben ab und an in Diensten der Wahrer steht.“
Interessiert legte die junge Ritterin ihren Kopf schief. „Gibt es denn eine Queste, die Euch besonders in Erinnerung geblieben ist? Das hört sich aufregend an, Luten. Aufregender als an der Greifenfurter Grenze zu sitzen.“ Sie lachte.
„Ach naja“, schmunzelte er, "ich finde, das hat durchaus was für sich. Das an der Grenze hocken, meine ich.“ Kurz sann er nach und schüttelte dann langsam den Kopf. „Bisher war ich noch nicht oft für den Orden unterwegs. Das bislang … aufregendste in meinem Ritterleben war der Zug der Herzöge.“ Sein Blick verlor sich in unbestimmten Fernen und er presste die Lippen aufeinander. „Ich überlege aber, ob ich mich der Queste einer jungen Ordensfrau anschließe, die sie in den Süden führen wird.“
Das Antlitz der jungen Ritterin verfinsterte sich etwas, als Luten vom Zug der Herzöge erzählte, war ihr Vater doch auf eben jenem Feldzug gefallen. Und das obwohl die Baronin sich dafür eingesetzt hatte die Grafschaft aus der Heerfolge auszunehmen. Sie ließ diese Tatsache jedoch unausgesprochen und starrte für einige Herzschläge still vor sich hin.
Unvermittelt zuckte er mit den Schultern und blickte sie dann direkt an. „Wart Ihr denn wenigstens schon einmal auf dem Rhodenstein, Hohe … ähm Berta? Der ist wirklich sehenswert und von dort ist es quasi nur ein Steinwurf nach Hirschenheide und Ihr könntet Euch alles selbst ansehen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr uns besuchen würdet.“
In einem Anflug von Schüchternheit fiel es ihr etwas schwer dem Blick des Corrhensteiners stand zu halten. „Das würde mich freuen. Ich komme Euch sehr gerne besuchen.“ Sie lächelte, bevor sie auf die andere Frage einging. „Am Rhodenstein war ich vor einigen Sommern einmal. Vetter Grimmfold und ich hatten Tante Irmina besucht. Ich habe auch schon öfters den Leu im Blautann besucht, der befindet sich ja unweit der Festung. Es ist jedes Mal aufs Neue ein erhebendes Gefühl.“ Grimmberta blickte für einige Momente schweigend vor sich hin, dann stieß sie sich vom Findling ab und stand auf. „Ich wollte Euch doch etwas zeigen. Zum Tratschen haben wir dann noch genug Zeit. Kommt.“
Die Wandlung Grimmbertas fesselte Luten. War sie auf dem heimatlichen Hof burschikos und eher schroff gewesen, zeigte sie hier im Wald eine weit empfindsamere Seite und jetzt auch noch die Schüchternheit, die auf Biberwald als ihr hervorstechendstes Merkmal hervorgehoben worden war. Doch er hatte kaum Zeit, diesen unerwarteten Anflug zu genießen, denn schon gewann die schroffe Seite wieder die Oberhand. Er seufzte leise und erhob sich seinerseits. „Natürlich, das sagtet Ihr bereits. Ich bin gespannt.“
***
Es dauerte bestimmt ein -zwei weitere Stundengläser bis die beiden jungen Ritter an einer weiteren größeren Lichtung ankamen. Nicht lange nachdem sie aufgebrochen waren hatte der Corrhensteiner die Orientierung in diesem alten, nur sehr mäßig von Menschenhand berührten Forst verloren, doch bewegte sich Grimmberta mit einer Sicherheit durch die Vegetation, als würde sie soeben die Halle ihres Gutshauses durchschreiten und keinen Jahrtausende alten, angeblich verwunschenen Wald. Luten konnte sehen, dass sich das Antlitz der jungen Wolfenthannerin aufhellte, als sie ihrem vermeintlichen Ziel nahekamen.
„Seht …“, sprach sie lächelnd und deutete vor sie hin, noch bevor der Ritter die Lichtung erreicht hatte. Und tatsächlich: vor ihnen, soweit der Blick auf der Lichtung reichte, türmten sich glatt behauene Granit- und Marmorblöcke mit stumpfen, von Wind und Wetter abgerundete Kanten auf. Sie trugen bei näherem Hinsehen zur Unlesbarkeit verwitterte Muster und waren zum Teil von Baumwurzeln zersprengt. Zwischen dem grün des Waldes glänzten weiße, zerbrochene Säulen und Bögen, die Reste der Ornamente und steinernen Figuren waren von Efeu und Maulbeersträuchern überwuchert.
Fasziniert von dem, was er auf der Lichtung sah, ging Luten langsam, beinahe vorsichtig darauf zu. Er verhielt hier und dort, um sich ein Ornament näher zu betrachten, oder sich wohl vorzustellen, was die nun verteilt am Boden liegenden Blöcke einstens geformt hatten. Ein feines Lächeln legte sich auf seine Lippen und er fuhr leicht mit der Fingerspitze über den glatten Stein. „Was ist das, Berta? Oder vielmehr: was war das?“, fragte er schließlich mit leiser Stimme.
„Vater meinte es seien uralte Elfenruinen … die finden sich an mehreren Stellen im Wald“, die junge Ritterin war an Lutens Seite getreten und flüsterte ehrfürchtig. „Als ich ein kleines Mädchen war dachte ich immer, dass Elfen bloß auf Bäumen oder in ihren Pfahlbauten leben, … genauso wie man es sich eben erzählt. Echte Elfen sieht man hier jedoch nur selten. Die im Dûrenwald zeigen sich den Menschen nur wenn sie ihre Lande als bedroht empfinden und eine solche Begegnung möchte ich niemandem empfehlen.“ Grimmberta strich mit ihrer flachen Hand über einen der Steinblöcke. „Vater hat mich vor meiner Knappenschaft des Öfteren hierher mitgenommen und mir all die schönen Sagen erzählt, die mit diesem Ort in Verbindung gebracht werden. Die von Perdan und Alari zum Beispiel oder auch die von Yann dem Waidmann. Wenn Ihr möchtet erzähle ich Euch davon.“
„Nur zu gerne“, Luten nickte voller Vorfreude, „ich mag Geschichten. Elfen haben wir keine in der Hollerheide, ich glaube, es siedelten nie welche dort. Aber woran das liegt, weiß ich nicht, denn immerhin ragt der Ifirnswald in die Heide hinein. Auf dem Weg nach Donnerbach habe ich mir einmal einige elfische Ruinen am Gestade des Pandlarin angesehen.“ Er beugte sich vor, um die Ornamentik genauer in Augenschein zu nehmen. „Eine gewisse Ähnlichkeit kann ich hier durchaus erkennen.“
„Gut erkannt …“, meinte Grimmberta eifrig nickend, „… Vater meinte, dass das noch Relikte aus der Blütezeit der Elfen von vor vielen Jahren seien. Aber darüber weiß ich nicht viel. Das konnte mir auch mein Vater nicht erzählen. Ich kenne nur die Geschichten, die diesen Wald umgeben.“ Es dauerte nicht lange da hatte die junge Ritterin wieder eine Sitzgelegenheit ausgemacht.
„Ihr seid ja bestimmt an der Burg Welkenstein vorbeigekommen. Den Stammsitz des ehemaligen Baronshauses?“ Sie wartete keine Antwort ab, da es ziemlich sicher war, dass Irmina den direkten Weg und nicht jenen über die Helbrache gegangen war. „Die Familie meint von Perdan und Alari abzustammen. Ein Mensch und eine Elfe … die Geschichte rund um die beiden ist eine sehr schöne und auf jeden Fall auch eine, die die Besonderheit dieses Waldes zeigt.“ Sie leckte sich über die Lippen und wartete bis Luten sich zu ihr gesetzt hatte.
"In längst vergangenen Tagen, als noch keine von Menschen angefertigte Liste aller Praiosläufe, Monde und Götterläufe existierte, lebte zwischen zwei Flüssen, die uns heute als Pergel und Dergel bekannt sind, damals jedoch heute längst vergessene Namen trugen, eine weithin bekannte Elfenfürstin. Vernossiel, so ihr Name, war jedoch keine normale Elfe - sie war von königlichem Blute, das sich angeblich bis zu den Fürsten von Mandalya und sogar Simia-der-aus-dem-Licht-trat höchstselbst zurückverfolgen ließ. Ihre Schönheit, ihre Anmut und ihr Verhalten ließen keinen Zweifel an ihrer edlen Abstammung; der Wuchs hoch und schlank, die Haut weiß wie Schnee, die fließend langen Haare glänzend und gleich gesponnenem Gold, die Lippen rot wie ein Feld voller Mohnblumen und die Augen blau wie das ewige Eis. So schön und atemberaubend Vernossiels Anblick auch gewesen sein soll, der ihrer einzigen Tochter Alari soll noch viel schöner und atemberaubender gewesen sein. Ja ich sage Euch; es ist nicht lästerlich, wenn ich behaupte, dass der Großteil der Menschen wohl auf die Knie sinken würde, würde Alari vor sie treten, im Glauben, dass die leibhaftige Rahja unter uns wandelt.
Eifersüchtig habe Vernossiel ihre Tochter behütet und Zeit ihres Lebens vor jedem äußeren Einfluss abgeschirmt. In einem Turm aus purem Elfenbein, wie es heißt, hatte die überderisch schöne Alari ihr Dasein fristen müssen. Doch die Tochter hatte immer schon eine Schwäche für das Abenteuer und Unbekannte. Sie wollte und konnte sich nicht damit abfinden, ihr Leben behütet in einem Turm verbringen zu müssen. Wie man sich denken kann – weil es in den Geschichten der alten Zeiten meistens so zugeht -, langweilten sie auch die vielen Anträge zum Seelenbund, die sie erreichten, mehr als dass sie ihr Interesse weckten. Und so kam es, dass Alari sich Nächtens hinfort stahl, um durch die Lande der Mittnacht zu streifen.
Genau zu dieser Zeit machten sich die Kundschafter des ersten Königs von Baliho, Isegrein des Alten, vom Pandlaril aus auf gen Efferd, um das Land zu erkunden und zu erschließen. Der Anführer seiner Waldläufer ward Perdan, ein junger Bursche aus gutem Rommilyser Haus. Ein rechter Wildfang soll der junge Herr gewesen sein, der sich hervorragend auf die Jagd verstand, sei es auf Rot- und Dammwild, oder auch auf das Weibsvolk. Bei einer nächtlichen Wanderung im Schein des Madamales hatte er sie erblickt. Badend im Fluss und im Gespräch mit einem Bieber. Perdan, so sein Begleiter, soll im Moment, da er Alari erblickte auf die Knie gesunken sein und sein Herz entbrannte sogleich in feuriger Liebe. Über Monde besuchte der Waldläufer jene Stelle am Fluss, in der Hoffnung noch einmal einen Blick auf ihre unbeschreibliche Schönheit werfen zu können.
Ein ganzes Jahr soll der junge Mann jeden Abend am Fluss ausgeharrt haben, bis er Alari wieder ansichtig wurde. Bei diesem Mal ging jedoch auch seine Anwesenheit nicht an ihr vorbei. Er war unvorsichtig geworden. Nicht wissend wie lange es dauern würde bis sie wiederkam, wagte Perdan sich zu nahe an sie heran. Die Elfe war erst voll von Schreck und Furcht, doch fiel dies sogleich von ihr ab wie Herbstlaub im Wind. Zu groß war die Neugier, hatte sie doch noch nie zuvor einen Menschen erblickt. Und da auch Perdan von rahjagefälligem Wuchs war, öffnete auch die Elfe begierig ihren Mund und auch ihr Herz erbrannte in leidenschaftlicher Liebe. So kam es, dass die beiden sich im Schein der Mada das erste Mal liebten und als sich Vernossiel der Gefühle ihrer Tochter für einen Abkömmling eines jungen Volkes gewahr wurde, war sie voll des Zorns.
Nie mehr sollte Alari das Licht der Sonne erblicken, bis diese Laune, wie sie es nannte, verschwunden war. Um sicherzustellen, dass sich die hübsche Tochter nicht wieder davonstahl, ließ Vernossiel sie von einer riesigen Wolfskreatur bewachen, die ihr von nun an auf Schritt und Tritt folgen sollte. Eine Entwicklung, die auch vor Perdan nicht lange verborgen blieb. Die Tränen seiner Geliebten führten dazu, dass auch der Himmel weinte. Einen Mond lang soll es geregnet haben, die Ufer der Flüsse Dergel und Pergel sollen übergetreten sein und die heutigen Wargenkuppen in ein Meer von Seen verwandelt haben. Der kühne Perdan wollte sich nicht damit abfinden, dass ihm seine Geliebte von ihrer Mutter vorenthalten wurde. Mit gegürtetem Schwert schwang er sich auf sein weißes Pferd und ritt dem Forst entgegen, in dem er Alari und die Wolfskreatur wusste. Bei ihrem Turm angekommen wurde der edle Recke dann erstmals mit dem Wächter seiner Geliebten konfrontiert.
Der Wolf war von eindrucksvollem Wuchs; das Fell schwarz glänzend gleich feinster Seide, der Körper schlank und kräftig, die Zähne weiß wie Schnee und Augen, blau wie Tiefen des Pandlarin, verliehen dem Wächter ein erhabenes, beinahe königliches Aussehen, das dem Alaris würdig war. Doch Perdan der edle Recke, ließ sich vom Wargen nicht einschüchtern. Er zog sein Schwert und überwand die tobende Wolfskreatur. Aber anstatt seinen Hort zu plündern nahm Perdan nur Alari zu sich auf sein schneeweißes Ross und gemeinsam ritten sie dem Aufgang des Praiosmales entgegen. Der Warg jedoch war mitnichten überwunden und auch der Zorn Vernossiels war nun größer als je zuvor. Gleich einer nagrach´schen Jagd nahm die Wolfskreatur die Fährte auf und ließ den beiden Liebenden keinen freien Moment.
Ein ganzes Jahr lang schweiften die beiden Liebenden über Meere, Berge und durch Wälder. Inzwischen ward ihnen auch ein Kind geboren – eine Tochter, der sie den Namen Fayris gaben und die sie, stets auf der Flucht, einem befreundeten Waldläufer übergeben hatten. Dennoch sollte sich bei den beiden kein familiäres Glück einstellen. Der Häscher ihrer Mutter war unnachgiebig und grausam. Eines Tages aber, als sich Perdan und Alari schon fast ganz ihrem Unglück und der Verzweiflung hingegeben hatten und gar nicht mehr leben wollten, erschien ihnen die Herrin Rahja in der Form eines Paradiesvogels. Sie bedauerte das Schicksal der beiden Liebenden aus unterschiedlichen Welten und eröffnete ihnen einen Weg wie ihre Liebe auf ewig fortbestehen würde. Sowohl Perdan als auch Alari warfen sich dankbar auf die Knie und fielen sich in die Arme.
Die schöne Göttin verwandelte die unglücklich Verliebten in genau dieser Haltung zu Stein, dass sie auf ewig vereint sein mögen. Rund um die Beiden ließ sie ein Meer aus roten Rosen wachsen, welches die beiden vor äußeren Einflüssen schützen sollte. Noch heute findet sich das Abbild der beiden am Ufer des Dergels im Dorf Wargentrutz, inmitten der Rahja heiligen Rosen. Auch der Warg soll immer noch den nach ihm benannten Forst durchschreiten und die Menschen nahe dem Forst meinen gar, dass er, wenn er Alaris Blut – also direkte Abkömmlinge der Familie Welkenstein – in seiner Nähe weiß, er diese immer noch zu schützen und zu behüten versucht."
Als Grimmberta geendet hatte blickte sie für einige Momente still vor sich hin. „Viele Menschen halten diesen Wald deshalb für einen Ort, dem man besser nicht zu nahekommen sollte. Sie fürchten die Wolfskreatur und Vernossiels Zorn auf die jungen Völker.“ Die Ritterin hob ihre Schultern.
Luten hatte andächtig gelauscht und saß auch noch still und stumm, als die Worte Grimmbertas längst verhallt waren. Schließlich blinzelte er, als erwache er aus einem Traum und räusperte sich leise. „Eine schöne Geschichte. Groß und mächtig, wenn hunderte von Jahren überdauert hat und bis heute nachklingt.“ Zaghaft lächelte er seine Gastgeberein an. „Danke, dass Ihr sie mir erzählt habt.“ Er blickte sich um und besah sich die Ruinen ein weiteres Mal.
„Vielleicht führt uns unser Rückweg ja über Wargentrutz, damit ich mir dieses steinerne Bildnis ewigwährender Liebe selbst ansehen kann.“ Dann verrutschte sein Lächeln zu einem schiefen Grinsen. „Bis Ihr mich dann besuchen kommt, werde ich eine Geschichte parat haben, um Euch die Eure hoffentlich gebührend zu vergelten. Ich bin sicher, ich finde eine.“
„Das wird er bestimmt …“, sie lächelte, „… das hat er bestimmt schon auf Eurem Weg hierher, doch werdet Ihr wohl auf Burg Welkenstein genächtigt haben und der Regen gestern keinen längeren Aufenthalt in Wargentrutz zugelassen haben. Es ist schön dort, Ihr werdet es mögen. Die Statue steht in einem Meer von Rosen und man sagt sich, dass wenn man die Rose einem Menschen schenkt, für den man ehrliche Liebe empfindet, so soll sie auch im abgeschnittenen Zustand ewig blühen.“ Fast schien es als würde ihre Ausführung damit enden, als sie noch einmal nachsetzte. „Behütet werden sie von einer echten Tulamidin. Rahjania ist etwas eigen, aber schon fast eine echte Weidenerin … mmmh, ich freue mich schon auf Eure Geschichte.“
Beschwingt erhob sie sich wieder von ihrer Sitzgelegenheit. „Wir sollte wieder aufbrechen, damit wir noch rechtzeitig vor der Dunkelheit zurück beim Gut sind. Ihr müsst auch schon Hunger haben.“ Der Blick der Ritterin lag kurz auf ihren beiden tierischen Begleitern. „Ich würde Euch ja eine Jagd vorschlagen, doch wartet Birsel bestimmt mit Essen auf uns.“
„Aufgeschoben, ist ja nicht aufgehoben.“, schmunzelte Luten, „Außerdem muss ich gestehen, dass ich wirklich hungrig bin.“ Ein wenig verlegen grinste er und beeilte sich dann, an Grimmbertas Seite zu gelangen.
Als sich die beiden von der Lichtung entfernten, dauerte es nicht lange bis Grimmberta das erneut aufgekommene Schweigen durchbrach. „Die Frage mag Euch vielleicht etwas verwundern, aber wie ist meine Tante denn so? Was habt Ihr für einen Eindruck? Ihr kennt sie ja wahrscheinlich besser als ich.“
Überrascht blickte der Hollerheider Ritter zur Seite und musterte seine Begleiterin. „Stimmt, darüber habe ich mir bislang keine Gedanken gemacht, aber Ihr kennt Eure Tante vermutlich nur von gelegentlichen Besuchen, eh?“ Er blickte wieder nach vorne und schien einige Augenblicke nachzudenken, ehe er sich ans Antworten machte.
Während der Ritter überlegte, nickte sie bestätigend.
„Sie ist freundlich, das fiel mir als erstes ein, als Ihr gefragt habt. „Ziemlich … naja, normal für eine Geweihte, noch dazu eine in einem so hohen Rang. Ich hab sie häufig im Dorf gesehen und dann ins Gespräch mit normalen Bürgern vertieft. Ich glaube, sie und ihr Mann haben viele Freunde unter den gewöhnlichen Rhodensteinern.“ Erneut hing Luten seinen Gedanken nach. „Ab davon ist sie natürlich hochgebildet und manchmal verstehe ich kaum etwas von dem, was sie sagt. Einmal hat sie meinem Baron und seiner Vögtin sowie Schwester ein von ihr neu bebildertes Werk gezeigt und erklärt. Wobei, das heißt glaube ich illumniert, oder so. Jedenfalls waren das wunderschöne Bilder und Eure Tante strahlte förmlich vor Begeisterung und umso mehr, als Frauwen Baraya eine kluge Zwischenfrage gestellt hat, die weder der Herr Lanzelund noch ich recht verstanden haben.“ Er lachte kurz. „Ich glaube, sie liebt und lebt ihre Berufung wahrlich von ganzem Herzen.“ Nun blickte er sie forschend an. „Was habt Ihr denn für einen Eindruck?“
„Mmmmh …“, Grimmberta biss sich auf ihre Unterlippe, „… ich hatte immer großen Respekt vor meiner Tante. Sie ist ja immerhin eine Rondrageweihte und mein Vater, genauso wie später mein Schwertvater, haben mich stets dazu erzogen den Dienern der Zwölfe das höchste Maß an Respekt entgegen zu bringen.“ Die junge Ritterin blieb stehen und blickte stumm vor sich hin. „Vater mochte sie sehr. Er nannte sie immer ´seine kleine Schwester´ und ich denke er war auch sehr stolz auf sie. Ist ja nichts alltägliches, dass ein einfaches Mädchen aus dem Schatten des Wargenforsts in solche Würden aufsteigt.“ Der grüblerische Ausdruck auf ihrem Antlitz verschwand und es legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. „Er hat mir bis zu seinem Tod immer wieder Geschichten aus ihrer gemeinsamen Jugend erzählt. Leider konnte ich Tante Irmina nie so kennen lernen wie Vater, deshalb meine Frage … ich danke Euch für Eure Antwort.“
Langsam setzte sich die Ritterin wieder in Bewegung. „Dennoch empfand ich sie immer als sehr familiär, zugänglich und man konnte sich immer auf sie verlassen. Nun vielleicht ergibt sich ja bei diesem Besuch eine Gelegenheit sie besser kennen zu lernen. Inzwischen bin ich direkt froh, dass sie gekommen ist.“ Grimmberta lächelte.
„Das wart Ihr bei unsrer Ankunft nicht wirklich, eh?“, entfleuchte es Luten, ehe er’s sich versah. Ein wenig erschrocken blieb er stehen und warf Grimmberta einen reumütigen Blick zu. „Entschuldigt, das sollte nicht respektlos klingen. Ich konnte aber nicht umhin, Euer Missvergnügen zu bemerken. Es schien fast so, als hätten wir Euch,… naja, überfallen“, schloss er mit einem verlegenen Grinsen. „Dabei“, beschwichtigend hob er die Hände, „kamen wir wirklich nur mit den besten Absichten, das versichere ich Euch. Ehrwürden Irmina hat sich sichtbar gefreut, ihre alte Heimat besuchen und sie ihren Kindern zeigen zu können, aber auch Euch zu sehen.“
Es war offensichtlich, dass die Frage ihr unangenehm war. „Eure Absichten habe ich nie hinterfragt …“, meinte sie zögerlich, „… ich weiß, dass Tante Irmina mir nie Böses wollen würde. Ich glaube, dass sie mich in gewisser Weise sogar zu behüten versucht. Mutter starb bei meiner Geburt, Vater im Feld. Ich bin jung, wahrscheinlich möchte sie mir einen Traviabund anempfehlen. Geschwister habe ich ja keine.“ Grimmberta hob ihre Schultern. „Als ich dann ihr großes Gefolge sah war ich vielleicht etwas zu abweisend, ja, ich mag große Gruppen von Menschen nicht so gerne.“
Für einen Moment schwieg die junge Ritterin, bis ihr offensichtlich ein Gedanke in den Kopf schoss und sie abwehrend ihre Hände hob. „Also … das hat jetzt nichts mit Euch oder den anderen persönlich zu tun. Es ist einfach eine Eigenheit. Hier im Wald fühle ich mich so viel besser als an einer vollen Festtafel – auch wenn ich die Menschen daran mag.“
„Ich kann Euch gut verstehen. Unterdessen bin ich auch lieber für mich“, kam ihr Luten sofort entgegen. „Derweil mir unlängst aber der Gedanke kam, dass ich mich daran einfach gewöhnt habe. Wie ich früher eben daran gewöhnt war, unter vielen Menschen zu sein und mich damit wohl gefühlt habe. Mir grauste vor dem Antritt dieser Reise schon ein bisschen davor, beinahe jeden Abend an einem anderen Hof einzukehren und mich mit mir fremden Menschen austauschen zu müssen. Aber das genau war ja ein Teil der Absicht Eurer Tante: den Kontakt zu möglichst vielen Heldentrutzer Adligen zu suchen, um über diese leidige Sache im Garetischen zu sprechen. Ganz ehrlich, die ersten Tage fand ich fürchterlich. Aber spätestens seit meiner Jagd mit dem Herrn von Biberwald und dem Baronsgemahl, habe ich irgendwie wieder Geschmack daran gefunden. Wir hatten einen wirklich kurzweiligen Abend und ehrlich: alleine, wäre der sicher deutlich langweiliger gewesen.“
Grimmberta lachte kurz auf. „Das kann ich mir gut vorstellen. Ich mag Gorf … ähm den Baronsgemahl sehr gerne. Genau wie die Baronin …“, sie stoppte und blickte für einige Herzschläge lang in die Ferne, „… wenn sie nicht immer die Hälfte der Zeit meiner Anwesenheit das leidige Thema Traviabund wählen würden …“, die Ritterin rollte mit ihren Augen, „… ich bin mir sicher Ihr kennt solche Themen?“
„Klar“, sagte Luten knapp, „von verschiedenen Seiten. Meine Mutter ist dabei nicht mal die Schlimmste. Eher mein Großvater und seit Neuestem mein Baron.“ Hier nun rollte Luten auch mit den Augen, weil ihn das Drängen des Weiden-Harlburger tatsächlich irritierte. „Naja, wird ja auch irgendwie Zeit“, nuschelte er und warf Grimmberta einen schiefen Seitenblick zu, bei dem er wohl beschloss, von diesem heiklen Thema abzulenken.
„Vielleicht, werte Berta, solltet Ihr einfach mal versuchen, ein wenig öfter unter Menschen zu gehen, dann verliert es seinen Schrecken. Wäre zumindest einen Versuch wert, eh?“
Skeptisch blickte sie den Ritter von der Seite an. „Na, ich weiß nicht. Ich bin auch schlecht darin über Belanglosigkeiten zu plappern, um meinen Gesprächspartner zu unterhalten.“ Grimmberta schwieg einen kurzen Moment. „Das gehört doch zur gepflegten Konversation dazu, nicht? Wie geht’s der Familie? Wie war die Ernte? Hat die Sau geferkelt … jaja ich weiß, es sind keine Belanglosigkeiten, doch es interessiert mich halt nur eher bedingt.“ Abermals blieb sie stehen und wartete bis der Corrhensteiner es ihr gleichtat. „Wie geht Ihr damit um?“
Der Angesprochene hob die Schultern. „Ich mag das auch nicht so sehr. Nicken und lächeln soll ich, hat mein Baron unlängst mal gesagt. Wenn ich schon nichts Interessantes beizutragen habe, soll ich wenigstens nicken und lächeln und ab und an zustimmend brummen. Tatsächlich kann man damit bisweilen gut fahren. Sucht Euch einfach ein Gegenüber, das gerne erzählt. Davon gibt’s in Weiden erstaunlich viele. Man kriegt den Dreh schnell raus, welche Themen dazu führen, dass der andere sprudelt wie ein nimmermüder Born. Tja, und dann läuft das meist von selbst und manchmal ist es sogar interessant, was man zu hören kriegt.“ Er grinste jungenhaft. „Ab und an, hab ich festgestellt, gerät man aber auch an wen, der so interessant ist, dass man sich jäh in einer Unterhaltung wiederfindet.“ Seine Augenbrauen hoben sich, als er Grimmberta einen bedeutungsschwangeren Blick zuwarf und dazu breit grinste. „Wie jetzt gerade, beispielsweise.“
Nun fiel es der jungen Frau schwer den Blick des Ritters zu halten. Stattdessen blickte sie auf den Boden und ihre Wangen nahmen einen leichten Rotton an. „Meint Ihr wirklich …“, flüsterte sie schüchtern.
„Ai“, bestätigte Luten mit tiefer Stimme und voller Überzeugung.
„Es tut mir leid, dass ich vorhin so … unfreundlich war. Ihr seid nett.“ Immer noch galt der Blick Grimmbertas eher ihren Stiefelspitzen und weniger ihrem Gesprächspartner. „Aber ich weiß dennoch nicht ob ich das kann. Ich hätte ja nicht einmal schöne Kleider für gesellschaftliche Anlässe.“ Es schien Luten klar, dass ihr dieses Thema etwas Unbehagen bereitete, deshalb tat sie auch alles dafür, dies beiseite zu schieben. „Erzählt mir lieber etwas über Euch. Was habt Ihr denn für Wünsche und Ziele im Leben?“ Sie lächelte. „Und dabei meine ich nicht was sich Euer Baron, oder Euer Großvater von Euch erwartet, sondern was Ihr selbst möchtet.“
„Puh.“ Luten hob ein Bein und setzte den Fuß auf einen nahen Findling. Dann blickte er hinauf an den bereits zwielichtigen Himmel. „Wünsche? Ich würde gerne reisen, mehr von der Welt sehen, vielleicht sogar die Lande aus Tausend und einem Rausch. Ich möchte einmal eine wirklich gute Geschichte ersinnen und niederschreiben, damit ich sie irgendwann meinen Kindern und Kindeskindern erzählen kann. Denn ich möchte eine Familie gründen, nicht mit einer Frau, die man mir vor die Nase setzt, sondern mit einer, die mich ganz freiwillig nimmt und die mit mir als Gefährtin durchs Leben gehen will. Ja, ich denke, das wäre der Wunsch, den ich am innigsten hege. Und Ziele? Ich hoffe, dass ich ein gutes Leben lebe, ein guter Mensch bin, der den meinen keine Schande macht. Tja, und ich strebe danach, ein besserer Ritter zu werden, mit Lanze, Streitaxt und Herz.“
„Was denkt Ihr denn hält Euch davon ab Eure Wünsche zu erreichen? Ihr seid ungebunden, also dürfte Reisen ja im Bereich des Möglichen sein …“, sie grinste, „… und auch eine Frau, die Euch um Euretwegen möchte, würde sich bestimmt finden. Vielleicht sogar auf einer Reise.“ Ihr interessierter Blick ruhte nun wieder auf dem Antlitz des Ritters.
„Hum“, Luten schniefte und rieb sich übers Kinn. „So dies und das, schätze ich. Wenn man zu Hause ist, fällt immer was an, was es zu erledigen gilt.“ Er hob die Schultern. „Am Ende bin ichs vermutlich selbst, der den Arsch noch nicht hoch gekriegt. Naja, vielleicht, wenn wir wieder zurück sind. Vielleicht gehe ich es dann an. Schließlich muss ich schon was tun, wenn ich diese ziemlich hochtrabenden Ziele erreichen will, eh?“ Wieder dieses jungenhafte Lächeln, das aber schnell verschwand und einem ernsten Blick wich. „Was ist mit Euch, Berta. Was sind Eure Wünsche und Ziele?“
Für eine Weile blickte die junge Frau vor sich hin. Es war eine Frage, die für sie nicht einfach zu beantworten war. „Als ich ein junges Mädchen war, hatte ich schon auch Wünsche und Träume. Ich wollte hinaus in die Welt. Frei sein wie ein Vogel, wollte ein Noviziat in der Kirche der Schwanengleichen beginnen … doch …“, sie brach ab und wirkte für einen Moment melancholisch, „… Vater hat es mir verboten. Ich musste eine Ritterin werden um das Gut zu erben. Nachdem meine Mutter starb hatte mein Vater nie wieder geheiratet und, neben mir, keine anderen Kinder gezeugt. Er setzte immer alle seine Hoffnungen alleine in mich.“ Grimmberta presste ihre Lippen aufeinander. „Ich denke, dass mein Wunsch und Ziel ist meinen Vater stolz zu machen. Er sitzt bestimmt an Rondras Tafel und wacht über mich. Ich will die Ritterin sein, die er sich immer gewünscht hat, wenn er mich mit dem stolzen Blick eines Vaters angesehen hatte.“ Eine einzelne Träne lief der jungen Frau über die Wange.
Luten runzelte irritiert die Stirn, als er das sah, dann blickte er sich unbehaglich um und räusperte sich. „Er ist bestimmt stolz auf Euch, Grimmberta. Nach allem, was ich in den vergangenen Tagen gehört habe, steht ihr Eure Frau ganz formidabel. Vielleicht“, wieder rieb er sich übers Kinn, „ ist es aber an der Zeit, dass Ihr nicht so lebt, wie Ihr denkt, dass Euer Vater es wollte, sondern stattdessen eigene Ziele verfolgt.“
Er schniefte. „Ich meine, wie wollt Ihr Euch denn fortentwickeln, wenn Ihr nur tut, was andere von Euch verlangen? Das kann nicht richtig sein und Ihr wollt ja nicht irgendwann hier hocken und daran denken, was Ihr alles verpasst habt. Ihr seid jung, Ihr solltet Euch erproben und daran wachsen. Redet mal mit Eurer Tante, ich bin sicher, wie wird Euch ebenso den Kopf zurechtrücken, wie mir, altem Zauderalrik.“
Grimmberta blickte einige Momente lang stumm vor sich hin. „Meine eigenen Ziele verfolgen …“, wiederholte sie die Worte Lutens, „… ich denke nicht, dass das möglich ist. Ist es nicht unsere Aufgabe als Adelige eine uns vorherbestimmte Rolle zu erfüllen? Genauso wie es an den Bauern ist ihre Felder zu bestellen, oder der Schmied seinem Handwerk nachzugehen hat. Haben Rondra und Praios uns nicht über die anderen Menschen erhoben um sie zu schützen und zu führen?“ Die junge Ritterin senkte ihren Blick. „Mein Gut ist nicht groß und meine Schutzbefohlenen sind nicht viele, doch denke ich, dass mein Vater Recht hatte. Damals wollte ich es nicht sehen. Ich fühlte mich eingesperrt und wollte raus in die Welt und in die Natur. Doch es geht nicht nur um mich und mein Befinden …“, sie hob ihren Blick wieder und sah Luten in seine Augen, „… es verlassen sich auch meine Schutzbefohlenen auf mich. Ich kann das Gut nicht verlassen um meinen eigenen Wünschen nachzugehen, so sehr ich es auch wollen würde. Nicht mit Grashaz Kachaiis Bande wenige Meilen von hier in der Helbrache und den Auswüchsen des Finsterkamms, mit denen wir hier sonst zu kämpfen haben.“ Ihr Blick wurde skeptisch. „Denkt Ihr wirklich, dass Tante Irmina mir dabei helfen könnte?“
„Sicher. Sie ist eine Priesterin und solche lernen schließlich die Seelsorge. Ich hab jedenfalls noch keinen“, er stutzte, „na zumindest sehr, sehr wenige Rondradiener getroffen, die einem Gläubigen nicht ihr Ohr geliehen hätten und bemüht waren, Beistand in jeglicher Form zu leisten.“ Luten sah sie schmunzelnd an. „Ihr seid ja sicher keiner von diesen merkwürdigen Zeitgenossen, die meinen, Rondrageweihte wären nichts anderes als Tempelwachen, eh?“
„Ääääh …“, die junge Frau warf ihre Stirn in Falten und wirkte etwas irritiert.
Dann wurde er wieder ernst, räusperte er sich und sann einige Augenblicke über Grimmbertas vorangegangene Worte nach. „Klar, Ihr habt Recht, unsereins kann nicht tun, wonach einem gerade so ist. Wir haben Pflichten zu erfüllen. Aber ich finde schon, dass eben diese uns Raum lassen, um auch unseren Neigungen zu frönen. Sind Eure Ziele denn tatsächlich gänzlich unvereinbar mit den Aufgaben einer Rittersfrau? Das hört sich gerade so an.“
Grimmberta schüttelte ihr Haupt. „Gänzlich? Nein. Ich denke, dass ich hier am Rande des Waldes ganz gut aufgehoben bin.“ Nun zeigte sich wieder ein Lächeln auf ihren Zügen. „Also … ich meine, ich hätte es schlechter treffen können. Ich habe zwar meine Pflichten und Verantwortungen, doch bin ich dabei wenigstens nahe dem, was mir von klein auf wichtig war. Dennoch ist es manchmal … nun manchmal fühle ich mich dennoch eingesperrt.“ Sie hob ihre Schultern, setzte sich langsam in Bewegung und wartete dann, dass Luten zu ihr aufschloss. „Ich bin gespannt was Tante Irmina mir raten würde.“
Der Corrhensteiner raffte sich auf und trat an Grimmbertas Seite. „Fragt sie einfach, ich bin sicher, sie wird Euch gerne ihr Ohr leihen.“ Wieder knurrte sein Bauch vernehmlich und er grinste verlegen. „Schauen wir zu, dass wir Euer Gut bald erreichen, wird sicher auch bald dunkel und man wartet schon auf uns.“