Ein Anlass zur Freude
Pallingen, 30. Rahja 1043 BF

Die Praiosscheibe spielte an diesem Tag Verstecken mit den Weidenern. Sie lugte ab und an zwischen den teils bedrohlich dunkelgrauen Wolken hervor. Dann wurde es sofort warm, ja beinahe schwül. Versteckte sie sich jedoch hinter einem der Wolkenungetüme, wurde es merklich kühler.

Wie in der Einladung der Gräfin von Bärwalde dargelegt, traf Lyssandra von Finsterborn mit ihren Begleitern bereits Ende Rahja in Pallingen ein, damit sie über die Namenlosen Tage nicht reisen musste, aber dennoch pünktlich zum Praiosfest auf der gräflichen Burg sein würde – unter anderem, um ihren Lehnseid zu leisten. An ihrer Seite ritt ihr Bruder Horatio. Beide wurden gefolgt vom Dienstritterpaar Oberon und Danje von Uhlredder, Minerva, Lyssandras ältester Tochter und Knappin Oberons, Horatios Knappen und einer Kutsche in der Lyssandras jüngste Tochter Eylin und die Magd Wigdis Platz gefunden hatten.

Gleich hinter dem Burgtor wurden sie von gräflichen Bediensteten erwartet, von denen sich einige um die Unterbringung der Pferde kümmerten, während andere den menschlichen Gästen ihre Quartiere zeigten. Lyssandra war zufrieden mit den Räumlichkeiten, in denen sie die schlimmste Zeit des Jahres verbringen sollte. Sie ließen es an Komfort nicht mangeln und boten einen schönen Blick auf das gräfliche Land, das Burg Rotdorn umgab. Der Bedienstete, der ihnen alles zeigte, erklärte ihnen auch, wo die Rondrakapelle und der Ifirn-Schrein zu finden waren – für den Fall, dass sie in den schweren Tagen, die sie erwarteten, geistlichen Beistand oder einfach nur Ruhe und Einkehr für Gebete in einer gesegneten Umgebung suchten.

Nachdem das geklärt war, umriss er den weiteren Ablauf ihres Aufenthalts. Er informierte darüber, wann die Mahlzeiten serviert wurden und dass es während der Namenlosen Tage möglich war, sich Essen aufs Zimmer bringen zu lassen, wenn man lieber für sich sein wollte. Er zeigte ihnen auch, wo sich Aufenthaltsräume befanden, in denen sie sich bei Interesse mit anderen Gästen der Gräfin treffen konnten – denn es waren bereits einige für die Feierlichkeiten zur Sommersonnenwende am 1. Praios sowie für das Praiosfest am 2. und 3. Praios und den wenig später folgenden ersten gräflichen Gerichtstag des Jahres 1044 eingetroffen.

Lyssandras Vereidigung sollte um die Mittagsstunde des 2. Praios herum erfolgen, und es war damit zu rechnen, dass sich einiges an Publikum einfinden würde, denn sie gehörte im weitesten Sinne zu den Feierlichkeiten am Jahresbeginn. Der Finsterbornerin wurde eröffnet, dass eine Geweihte des Götterfürsten, die eigens aus Baliho angereist war, den Eid segnen und der Rondra-Hofgeweihte ihn bezeugen würde. Am Abend würde es dann ein Bankett geben, für das sie als einer der Ehrengäste eingeplant war – all ihre Begleiter seien natürlich auch eingeladen. Offenbar ging die Gräfin davon aus, dass Lyssandra auch am 3. Praios, dem letzten Tag des Praiosfests, bleiben und somit frühestens am 4. Praios wieder abreisen würde – so sie dem Gerichtstag am 12. nicht bewohnen wollte.

Nachdem er ihr all das erklärt worden war, verabschiedete sich der Bedienstete mit einem freundlichen Lächeln und wünschte Lyssandra einen schönen Aufenthalt – auf dass sie und ihre Lieben die unheiligen Tage zwischen den Jahren gut überstehen mochten.

Tatsächlich verbrachten die Junkerin der Schwarzen Au und ihre Begleiter die unheiligen Tage mit einer Mischung aus Rückzug, Ruhe und Gebet. Mal verbrachte Lyssandra Zeit im Gebet mit dem Rondra-Hofgeweihten, dann wieder gemeinsam mit Minerva und Eylin im Ifirn-Schrein. Auch die Dienerin des Götterfürsten, eine gewissen Assunta von Auraleth, bat die Finsterbornerin um ein gemeinsames Gebet. Sie ließ ihren Begleitern jedoch frei, ob sie die Nähe der Geweihten suchen oder die Tage lieber in der Gemeinschaft der gräflichen Gäste verbringen wollten. Vor allem ihre beiden Töchter suchten natürlich die Gesellschaft während Lyssandra sich erst am Abend vor dem Beginn des Praiosfests zu den anderen Gästen begab. Gemeinsam mit ihrem Bruder und den Dienstrittern verbrachte man den letzten der namenlosen Abende in einem der Gemeinschaftsräume beim Gespräch. Eylin war nicht lang geblieben, sondern hatte sich bald mit Wigdis in die zugewiesene Unterkunft zurückgezogen. Minerva aber hielten die angeregten Gespräche ebenso lange wach wie die Mutter.

Der erste Praios begann mit den Feierlichkeiten zu Ehren des Götterfürsten – und die waren klein, aber durchaus fein. In Dorf Pallingen am Fuße von Burg Rotdorn lebten nur ein paarhundert Menschen. Glanz und Glorie sowie prächtige Umzüge, die Lyssandra aus den Metropolen des Neuen und Alten Reiches durchaus kannte, waren also von vornherein nicht zu erwarten gewesen. Die Greifenstandbilder, die bei der Prozession durchs Dorf getragen wurden, konnten sich aber sehen lassen. Sie waren kunstfertig gearbeitet und alles andere als klein, was sicher nicht zuletzt damit zusammenhing, dass dies die Feierlichkeiten am Stammsitz der neuen Gräfin von Bärwalde waren.

Griseldis und ihr Gemahl hatten sich zu diesem herausgeputzt und boten somit ebenfalls einen sehr gefälligen Anblick. Kam noch hinzu, dass die Pallingerin einige ihrer Vögte und anderes Adelsvolk zu sich an den Hof geladen hatte, um das Fest mit ihr zusammen zu feiern. So war eine recht illustre Schar zusammengekommen. Ein paar dieser Leute, die Vögtin von Dornstein etwa und den Schildgrafen Kerling von Löwenhaupt, hatte die Finsterbornerin während ihres Aufenthalts schon kennengelernt und hatte daher das Gefühl, nicht mehr ganz ohne Anschluss zu sein.

Bei einem Götterdienst auf dem Dorfplatz schließlich hörte sie die Praioranerin, die ihr am nächsten Tag den Lehnseid abnehmen würde, zum ersten Mal predigen. Vor allem anfangs schien es ihr, als ob die schmale Frau nicht gern auf dem Podest stand und zu der für einen Praiosdienst in Weiden vergleichsweise großen Menge sprach. Lyssandra hatte mittlerweile munkeln hören, dass Ihre Gnaden Assunta nur eine Notlösung darstellte: Weil der hochbetagte Tempelvorsteher Balihos, Brunn Baucken, bettlägerig war, hatte er den Weg nach Pallingen nicht selbst antreten können und eine Mitstreiterin entsandt. Die fremdelte mit dieser Aufgabe offenbar, fing sich aber im Laufe des Götterdienstes und brachte ihn zu einem würdigen, trotz aller Ernsthaftigkeit beschwingten Ende.

Danach war die Stimmung recht gelöst, was sowohl den Feierlichkeiten im Dorf diente, denen der Adel nach dem Götterdienst noch eine Weile beiwohnte, als auch dem deutlich kleineren Fest auf Burg Rotdorn. Dort ließen Griseldis und ihre Lehnsleute den Tag schließlich ausklingen – und hatten es dabei nicht sonderlich eilig. Es war schon spät, als sich die Gemeinschaft auflöste und alle auf ihre Zimmer gingen. Glücklicherweise stand der Lehnseid erst für die Mittagsstunde an, sodass für Lyssandra durchaus die Chance bestand, noch ein paar Stunden Schlaf zu kriegen, so an Schlaf überhaupt zu denken war. Die Ereignisse der letzten Tage und die so wichtige Feierlichkeit des kommenden Tages wirbelten durch den Kopf der Finsterbornerin. Stolz war sie darüber für ihre Familie diese Ehre zu gewinnen. Die Gräfin befand sie für würdig, zukünftig die Geschicke der Baronie Urkentrutz zu lenken und den Baronsreif zu tragen. Wie sehr würde sich ihr Vater darüber freuen! Wie traurig, dass gerade sein Tod ihr diese Würde eintrug, andernfalls hätte womöglich er den Baronsreif für die Finsterborner erhalten und sie hätte ihm stolz zugesehen, wie er vor der Gräfin gekniet und den Eid geleistet hätte. Nun sollte es anders kommen. Doch eines war sicher, für die Familie mit dem Stammsitz in der Schwarzen Au würde der kommende Tag von herausragender Wichtigkeit sein, hoffentlich für viele Generationen.

***

2. Praios 1044

Als es endlich so weit war, verspürte Lyssandra neben gehöriger Anspannung fast so etwas wie Erleichterung, denn nun waren es nur noch wenige Schritte bis sie offiziell zur Baronin von Urkentrutz erhoben werden würde – und eigentlich konnte jetzt nichts mehr schiefgehen. Sie hatte den Thronsaal mit gemischten Gefühlen betreten und mit ebenso gemischten Gefühlen wahrgenommen, wie groß die Anzahl der Zuschauer war. Der gesamte Hofstaat, die adeligen Gäste der Gräfin und wie es aussah auch einige ausgewählte Zuschauer aus dem einfachen Volk hatten sich versammelt und die Blicke aller ruhten auf ihr, als sie in Richtung des Throns schritt.

Zum Glück konnte sie in der Menge die vertrauten Gesichter ihres Bruders und ihre Töchter sowie der Uhlredders erkennen, was ihr Mut und ein wenig mehr Ruhe verlieh. Auch das Lächeln der Gräfin, die auf ihrem Thron saß und heute sehr viel herrschaftlicher wirkte, als Lyssandra sie bisher kannte, war durchaus ermutigend. So steuerte sie recht leichten Herzens auf die Praioranerin und den Rondrianer zu, die ihr den Eid abnehmen würden.

Während Griseldis und zu ihnen trat, ging Lyssandra auf, dass sie die erste Baronin sein würde, die die Pallingerin selbst in dieses Amt hob – und dies womöglich auch für lange Zeit bleiben würde, da die anderen Bärwaldener Herrscherhäuser alle über hoffnungsfrohe Erben verfügten ... außer in Mittenberge, wo Walderia von Löwenhaupt ...

„Kniet nieder!“

Die Stimme der Praioranerin riss Lyssandra aus ihren Gedanken. Sie tat, wie ihr geheißen wurde und erinnerte sich auch an das, was Assunta beim Gespräch in den Namenlosen Tagen erklärt hatte. Ganz ohne Aufforderung faltete sie daher ihre Hände und streckte sie der Gräfin entgegen, die sie daraufhin mit ihren eigenen umschloss. Als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres, nahm Lyssandra wahr, wie warm Griseldis’ Hände waren und wie kalt ihre eigenen daher wohl sein mussten. Kein Wunder, die Aufregung war groß. Sie nahm außerdem die raue Haut der Gräfin wahr, die einer Kriegerin eben und nicht einer Hofdame. Entsprechend fest war der Griff, was Lyssandra durchaus zusagte. Denn es deutete für sie auf eine zupackende, starke Herrscherin hin, auf die Verlass sein würde.

Umso leichter fiel es ihr die Worte der Praioranerin und des Rondrianers nachzusprechen, die sich beim Vortragen des Lehnseids abwechselten – was ungewöhnlich war, in einem Land, in dem der Glauben an die Himmelsleuin so hoch gehalten wurde wie in Weiden, aber durchaus angemessen. Lyssandra von Finsterborn gelobte ihrer Gräfin unverbrüchliche Treue und Gehorsam, Ratschluss nach bestem Gewissen und unter Außerachtlassung ihres eigenen Vorteils sowie Waffengefolgschaft im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen. Sie gelobte außerdem, den Zehnt zu zahlen, die Gebote der Zwölf zu achten und einen mutigen, ehrenhaften Lebenswandel zu führen, auf dass sie Ruhm und Ansehen der Grafschaft sowie ihrer Herrscherin mehren möge, statt sie zu beflecken. Anschließend durfte Lyssandra sich erheben und Griseldis gelobte ihr Schutz, falls es zu feindlichen Übergriffen kommen sollte, und auch, ihr in anderen Lebenslagen zur Seite zu stehen, so es denn notwendig würde.

„Auf die Zwölf, die Ehre und alles, das wir lieben und das uns heilig ist“, sagten sie schließlich beide zur gleichen Zeit, während die Praioranerin eine segnende Geste machte. Lyssandra war so auf ihre Gräfin konzentriert, dass sie nicht genau mitbekam, was die beiden Geweihten in diesem Moment taten. Sie bemerkte aber sehr wohl das Aufblitzen eines Lichtstrahls, der den Thronsaal mit einem Mal erfüllte und eine angenehme Wärme mit sich brachte – jedenfalls für sie. Sie spürte dem Gefühl noch nach, fragte sich, ob es eher Geborgenheit oder Ergriffenheit war, als Griseldis die Hände von ihren löste.

Sie wandte sich ab, aber nur kurz, um nach etwas zu greifen, das auf einem samtenen Kissen lag. Ihr Gemahl hatte es gerade an sie herangetragen und präsentierte es mit einem höflichen Lächeln. Lyssandra erkannte den Baronsreif von Urkentrutz aus dem Augenwinkel. Gefühlt dauerte es nur einen Lidschlag, bis Griseldis ihn mit einer feierlichen Geste gehoben hatte – so weit über ihre Köpfe, dass jeder hier im Saal erkennen musste, worum es sich handelte. Dann senkte sie ihn auch schon galant auf das Haupt der Finsterbornerin, die in diesem Moment tatsächlich nichts als Ehrfurcht verspürte – in erster Linie vor der großen Verantwortung, die sie gerade übernahm.

„Ich präsentiere Euch Ihre Hochgeboren Lyssandra von Finsterborn“, hallte die Stimme der Gräfin da auch schon durch den Saal. „Baronin von Urkentrutz und damit eine meiner vornehmsten Vasallinnen.“ Darauf folgte ein Moment des Schweigens. Dann vernahm Lyssandra ein leises „Hört, hört!“ vom fernen Ende des Raums. Sie war ziemlich sicher, Oberons Stimme erkannt zu haben und konnte sich im Anbetracht dessen ein schmales Lächeln nicht verkneifen. Dann ertönte Handgeklapper, Hochrufe mischten sich in den Lärm und mehr als einmal hörte sie ihren Namen. Ja, das alles hier war nur für sie!

Lyssandra suchte ihre Töchter im Saal. Sie blickte in strahlende Gesichter. Und auch das zufriedene Lächeln ihres Bruders ließ die frisch vereidigte Baronin die Tragweite der Lehensübertragung verstehen.

Neben ihrem Bruder stand Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese. Der Junker von Wiesenrath war mit seiner Frau schon zum 01. Praios angereist, derweil seine Schwester, die Vorsteherin der Wiesenrather Perainetempels dort mit dem greisen Diener des Götterfürsten Perval den Götterdienst zum Beginn des neuen Götterlaufes gefeiert hatte. Gilborn nickte der Finserbornerin freudig zu und hatte ihrem Bruder freundschaftlich den Schwertwarm auf die Schulter gelegt. Er raunte ihm etwas zu.

 

Es schlossen sich ein festliches Bankett und ein fröhlicher Gesellschaftsabend an. Beim Festbankett hatte sie die Ehre mit ihren Töchtern beim Grafenpaar zu sitzen. Die Gräfin war außerordentlich gesprächig und so plätscherte die Unterhaltung zwischen Weidener Adelsgeschichten und außerweidener Politik hin und her. Auch der Bruder der Bärwalder Gräfin, Kunrad von Pallingen saß mit am Tisch und bereicherte die Unterhaltung durch einige interessante Wortbeiträge.
Die Tafel bog sich fast unter dem was Weidener Äcker und Weiden so hervorbrachten. Geschmackvoll zubereitet und für das Auge hübsch angerichtet wurde das Festbankett zu einem wirklichen Erlebnis, das Lyssandras Vereidigung nicht mehr vergessen sollte.

In einem ruhigen Moment traten der Wiesenrather Junker und Ismena von Trebenauen, seine Gemahlin, an Lyssandra heran. Neben den eigenen Glückwünschen sprachen sie die  Einladung nach Wiesenrath für die Rückreise der neuen Baronin aus. Perval von Wehrheim würde sich geehrt fühlen, wenn er ihr dort auch den Segen seines Gottes spenden dürfte. Außerdem, so hatte er wohl augenzwinkernd verraten, hätte er auch ein Geschenk für ihren Bruder Horathio.

„Oh, natürlich würde ich euch gerne besuchen!“, freute sich Lyssandra. Das Junkergut lag ohnehin auf der Heimreise und sie war gern in der Gesellschaft des Wiesenrathers. „Und es wäre mir eine Ehre den Segen des Götterfürsten durch Perval von Wehrheim zu erhalten.“

Neugierig beobachtete sie ihren Bruder und Gilborn. „… soso ein Geschenk…“, raunte sie vielsagend. „Na, wir werden uns die Gelegenheit sicher nicht nehmen lassen in Wiesenrath Station zu machen, Gilborn, und danken herzlich für die Einladung!“

Die Musiker hatten gerade eben zu spielen begonnen und schon füllte sich die Tanzfläche. Mit einem entschuldigenden Lächeln zu Ismena und einem rhetorischen „du gestattest?“, forderte die frisch vereidigte Baronin Gilborn zum Tanz auf.

 


 

Freundschaften pflegen
Baronie Pallingen, 4. Praios 1044 BF

Es war eine aufregende Zeit. Zunächst die namenlosen Tage auf Burg Rotdorn, dann das Praiosfest mit der Vereidigung. Am Morgen des 4. Praios machte sich die frisch gebackene Baronin von Urkentrutz, Lyssandra von Finsterborn, gemeinsam mit ihren Begleitern auf den Heimweg. Da die Tage im Praios ja noch lang waren rechnete mit sie damit, dass sie das Gut ihres Freundes Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese noch vor Sonnenuntergang erreichen würden.

Wie schon auf dem Hinweg ritt ihr Bruder Horatio an ihrer Seite. Beide wurden gefolgt vom Dienstritterpaar Oberon und Danje von Uhlredder, Minerva, Lyssandras ältester Tochter und Knappin Oberons, Horatios Knappen und einer Kutsche in der Lyssandras jüngste Tochter Eylin und die Magd Wigdis Platz gefunden hatten.

Es war heiß. Bereits am frühen Morgen, als man sich in der Burgküche noch eine Wegzehrung packen ließ, war die drückende Hitze zu spüren gewesen. Nun, wo sich das Praiosmal dem Zenit näherte, war es beinahe unerträglich geworden. Und das Schlimmste dabei waren die Fliegen und Bremsen, die Reiter und Pferde quälten. Sie umschwirrten die Reittiere der, ließen sich an den Augen, Nüstern und anderen Körperöffnungen der Rösser nieder und raubten den von der Hitze erschöpften Tieren den letzten Nerv. Lyssandras Warunkerstute Dardanella zuckte nervös mit den Ohren, schlug peitschend mit dem Schweif nach den Quälgeistern und blieb sogar ab und an stehen, um mit den Zähnen nach hinten zu schnappen oder mit dem Hinterhuf an den Bauch zu schlagen. Sie hoffte wohl, die Fliegeviecher so zu erwischen, was natürlich ein sinnloses Unterfangen war. Im Gegenteil. Einige Male musste die Baronin ihre Füße in Sicherheit bringen, wenn die kräftigen Zähne des Rosses ihr gefährlich nahekamen. Lyssandra war ungehalten. Sie schimpfte mit der Stute und trieb sie unbarmherzig voran.

Die Reitergruppe versuchte sich so nah wie möglich am Eibenhain zu halten, wovon man sich ein wenig Abkühlung im Schatten versprach. Ein Glück, dass der Karrenweg, der Urkenfurt mit Pallingen verband so dicht am Eibenwald entlangführte, dass sie zumindest ab und an im Schatten der Bäume reiten konnten. Das Tempo des Trupps war eher gemächlich, mussten sie sich doch der Kutsche anpassen, in der Lyssandras Tochter Eylin mit der Magd Wigdis saß.

Ihre Gastgeber waren schon früher aufgebrochen, da sie für die Gäste alles vorbereiten wollten. Das würde auf jeden Fall dazu führen, dass das Gut die Freunde aus Urkentrutz angemessen begrüßen würde. Und angesichts der Temperaturen dürfte das Angebot eines Bades wohl dazu gehören. Gilborn hatte spätestens seit seiner Pilgereise gen Anchopal eine Vorliebe für die Badekultur der Tulamiden, was ihm immer wieder auch milden Spott von einigen Freunden und Standesgenossen einbrachte.

Es hatte tatsächlich bis zum Abend gedauert, als dann endlich Gut und Dorf Wiesenrath in Sichtweite kamen. Auf den umliegenden Weiden und im Dorf herrschte jedoch noch einige Betriebsamkeit, legte man doch möglichst viel davon an den warmen Tagen in die kühleren Stunden. Viele aus der kleinen Reisegruppe waren schon unzählige Male durchgereist oder Gäste hier gewesen, doch dieses Mal war es etwas anders. Die Menschen hielten in ihrem Tun häufiger inne und grüßten nun die Baronin von Urkentrutz. Es waren kleine Unterschiede und doch fielen sie auf, war es doch anders, als bei all den Besuchen zuvor.

Das Tor zum Gut stand offen und Gerlinde, die junge Waffenmagd aus der Lanze Gilborns, stand dort gerüstet und gewappnet, um die Gäste stolz zu begrüßen. Und kaum auf dem Hof angekommen, kamen auch schon die Bediensteten herbei, um sich um die Tiere der Gäste zu kümmern. Gilborn und seine Gemahlin Ismena traten derweil aus dem Haupthaus und grüßten die alten Freunde herzlich. Schnell kam man überein, dass die Gäste erst einmal Quartier nehmen sollten und sich den Schmutz der Reise abwaschen sollten, ehe man zum Abendessen zusammenkommen würde.

Die respektvolle Begrüßung durch die Bediensteten und die herzliche Umarmung durch die Freunde waren der Auftakt des Besuchs auf Gut Wiesenrath. Das Junkergut gehörte zu Lyssandras bevorzugten Reisezielen. Für Horatio fühlte sich der Besuch fast an wie ein „Nach-Hause-Kommen“, war doch Algunde von Pandlaril-Wellenwiese seine Schwertmutter gewesen. Die Geschwister genossen die Vertrautheit mit den Wellenwieses, konnten sie doch auf die sonst üblichen Förmlichkeiten und oberflächlichen Gesprächsthemen verzichten.
Nach einer ausgiebigen Reinigung in der außergewöhnlichen Badeanlage des Gutes, die Lyssandra wehmütig an den Luxus so manchen Bades in Almada oder dem Lieblichen Feld erinnerte, kleidete man sich für das gemeinsame Abendessen.

Während in der Küche emsig die Vorbereitungen der letzten Stunden dem Höhepunkt zuliefen, hatten sich auch Gilborn und Ismena für das Abendessen bereit gemacht. Außer den beiden waren noch die Schwester des Junkers, Walwige, und der greise Praiot Perval zugegen. Vor kurzem hatte Waldemar, der Sohn Ismenas und Gilborns, seine Knappenschaft angetreten und weilte daher wie schon seine ältere Schwester fern der Heimat. Schließlich kamen alle in der guten Stube an der mit dem besten Geschirr gedeckten Tafel zusammen. Das Essen sollte mit einer guten Rindersuppe mit Markklößchen aus Rind, den beliebten Wiesenrather Graupen und Gemüse beginnen. Danach würde es einen Rehbraten mit Gemüse und Rüben als Beilage und einer kräftigen Sauce mit Wachholderbeeren geben. Zum Abschluss hatte Waldfried einen gesüßten Grießbrei gekocht zu dem Brombeeren gereicht wurden, die Walwige gesammelt hatte. Lyssandra war nun auch offiziell Baronin und ihr erstes Mahl auf Wiesenrath sollte dem Rechnung tragen.

„Oft wart Ihr schon bei uns zu Gast und viele weitere Male sollen folgen“, eröffnete Gilborn die kleine Gesellschaft, ehe alle am Tisch Platz nehmen würden. „Und nun, da Du über Urkentrutz gebietest,“ sprach er die frisch gekrönte Baronin direkt an, „gilt umso mehr, was schon immer galt. Wir werden Dir immer in Freundschaft zur Seite stehen. Wenn unsere Familie oder Wiesenrath mit unseren bescheidenen Mitteln helfen können, dann zögere nie.“

Lyssandra lächelte etwas peinlich berührt. „Gilborn und Ismena, ich danke Euch von Herzen für die warmen Worte. Es ist schön solche Freunde zu haben und ich bin dankbar für jede auch noch so kleine Hilfe, denn die Übernahme eines Lehens von dieser Größe ist schon eine Bürde. Ich bin nicht hineingewachsen in die Baroninnenrolle und werde noch viel lernen müssen. Ich möchte Euch auch bitten, mir immer direkt zu sagen, wenn ich Eurer Meinung nach Fehler mache oder in einer Einschätzung falsch liege. Denn Freunde sollten nicht nur mit einem Feiern und fröhlich sein, sondern auch wertvolle Ratgeber und Mahner sein. Also bitte, nehmt auch zukünftig kein Blatt vor den Mund, wenn etwas ausgesprochen werden muss! Das ist es was ich an Freundschaft schätze! Und ich hoffe, dass dies auch für dich gilt, Walwige und natürlich auch für Euch, Ehrwürden. Zögert nicht das deutliche Wort zu suchen!“

„Du musst nicht besorgt sein, ich habe noch immer meine Meinung gesagt“, antwortete die Dienerin Peraines ohne zu zögern. Der Diener des Götterfürsten hingegen ließ sich hingegen Zeit. Sein wacher Blick und der nachdenklich etwas schräg gestellten Kopf zeigten aber, dass er die Worte wohl vernommen hatte. „Die Tage da ich großen Rat spendete sind lange vorbei. Doch ich werde gerne tun, was ich vermag. Allein ich bin sicher, Du wirst im vielen den rechten Weg beschreiten.“ Er lächelte Lyssandra freundlich an, um eine Belehrung anzuschließen. „Doch tue gut daran, Dich mit Ratgebern zu umgeben, die stets ehrlich zu Dir sind. Halte es wie der Heliodan, der vom Rat des Lichts beraten wird. Denn Du erkennst eine guten Herrscherin stets daran, ob sie sich nur mit Lakaien umgibt, die ihr schmeicheln oder auch solchen, die eine andere Haltung haben. Gleich vielen Bächen, die erst gemeinsam den starken Strom formen, ist es auch mit der Herrschaft über ein Lehen oder der Führung über einen großen Tempel oder größeres. Sie sind verschieden und dennoch sind sie Teil des gleichen Stroms. Vergiss nicht, selbst ein kleiner Bach kann reißend werden und anderes mit sich reißen.“ Perval hielt inne und blickte die Gäste aus Urkentrutz an. „Doch davon später mehr. Davon später mehr. Ich habe etwas, was Euch sicher helfen wird.“

„So soll es denn sein, lasst uns doch Platz nehmen und speisen.“ Ismena ergriff das Wort und geleitete die bunte Gesellschaft zu der Tafel, wo der Ehrenplatz Lyssandra gebührte und schnell der erste Gang aufgetragen wurden. „Walwige?“ Die so angesprochene ließ sich nicht lange bitten und bat die Herdmutter um ihren Segen für das Mahl. „Herrin Travia, wir danken Dir für die Speisen. Blicke auf uns hernieder und segne unser Mahl, auf dass wir auch fürderhin gestärkt unserem Tagwerk nachgehen mögen. Lasse unser Herdfeuer nie erlöschen, auf dass es unser Heim und uns stets wärme.“ Als sie geendet hatte, blickte sie strahlend in die Runde. „Und noch Wohlschmecken!“

Die Baronin von Urkentrutz betete mit den Wiesenrathern gemeinsam und bat die Herdmutter um ihren Segen für das Mahl und Heim und Herd. Dann wünschte sie ebenfalls „Wohlschmecken“ für alle. Sie roch den Duft der Rinderbrühe. Sog tief die aromatische Würze ein. Dann probierte sie.
„Hm, wie wunderbar! Es geht doch nichts über eine kräftigende Brühe, nicht wahr?“

„Etwas, worauf man sich nach seinem Tagwerk freuen kann und die Lebensgeister entfacht.“ Griff Walwige die Worte auf. „Und außerdem auch bei vielem eine gute Medizin. Zumal sie nicht bitter ist.“ Ihr Bruder verdrehte die Augen bei diesen Worten. „Das wird mich wohl meinen Lebtag verfolgen.“ Als junger Ritter hatte er sich einst über eine Medizin beschwert, die ihm seine Schwester gebraut hatte. Sie war äußert bitter und alles andere als wohlschmeckend gewesen.

Als die Hauptspeisen aufgetragen wurden schwelgte Lyssandra. Nach einigen Bissen meldete sie sich erneut zu Wort.
„Es ist immer wieder ein Genuss bei Euch zu tafeln, aber heute hat sich Euer Küchenmeister wahrlich übertroffen! Schade nur, dass man nicht öfter im Leben den Baronsreif aufs Haupt gedrückt bekommt“, scherzte die frischvereidigte Baronin.
„Darf ich Waldfried später eine Freude machen, als Dankeschön für das hervorragende Mahl?“

„Aber gerne doch“, Gilborn freute sich stets, wenn der Herr seiner Küche gelobt wurde. „Das wichtigste bei einem guten Mahl ist doch, es mit der Familie oder guten Freunden einnehmen zu können.“

Lyssandra nickte kauend. Als sie den Mund geleert hatte, antwortete sie. „Ja, ich habe so selten die Gelegenheit mit meiner Familie zu speisen. Horatio ist ja fern, am Neunagensee, und Ysilda… weiß Aves wo die sich immer so rumtreibt.“ Sie verdrehte die Augen. „Aber ich hoffe, dass sich das ändert. Ich habe schon vor, die Familie ein wenig näher zusammenzuführen… aber ob mir das gelingt?“

Horatio räusperte sich. „Du weißt doch, dass ich eine wichtige Aufgabe dort habe.“

Die Schwester hatte nicht vor die Diskussion vor den Gastgebern zu führen. Sie entschied das Thema zu wechseln.
„Ich werde viel zu tun haben in den nächsten Götternamen. Zunächst muss ich die Adeligen von Urkentrutz zum Lehnseid einberufen und dann muss ich einige personelle Veränderungen auf Burg Urkenfurt vornehmen.“

„Zum Glück gibt es in Weiden und darüber hinaus genug geeignete Kandidatinnen und Kandidaten, um dir auf der Burg und der Verwaltung zur Seite zu stehen.“ Ismena hatte geantwortet. Ihr Bruder war selbst Vogt in Teichenberg und sie wusste, keine Baronie konnte ohne Hilfe geführt werden. „Die Herausforderung ist es, immer die richtigen zu erkennen. Aber Du bist darauf vorbereitet.“

„Was Ysilda betrifft“, griff Walwige die Worte der Urkentrutzerin zu ihren Geschwistern auf. „Sie wird wieder kommen und dann wird sich alles weitere geben. Vergiss nicht, die Diener der ewig jungen Tsa suchen das Neue und sind gerne dort, wo sich Dinge ändern.“

Lyssandra nickte. „Ja, das musste ich schon einige Male so erleben.“ Sie rollte mit den Augen. „Sicher wird sie wiederkommen, dann wann es ihr gefällt, oder der Ewig Jungen, wie auch immer.“

Nach dem vorzüglichen Essen, das gekrönt wurde von einem Griesbrei, der auf der Zunge zerfloss und äußerst aromatischen Brombeeren, ließ die frisch vereidigte Baronin von Urkentrutz den Koch des Gutshofs rufen.

Waldfried ging auf die 60 Götterläufe zu und doch dominierte noch sein kurz geschnittenes dunkelblondes Haar, auch wenn es wohl bald den Kampf gegen die grauen Haare verlieren würde. Er trug einfache Kleidung, der man ansah, dass er bis eben in der Küche gearbeitet hatte. Respektvoll verbeugte er sich und nickte dem Bruder der Baronin freundlich zu. „Die Zwölfe zum Gruße, Hochgeboren.“

Sie bedankte sich freundlich für die hervorragenden Gaumengenüsse. Dann bot sie dem stolzen Koch an, ihm einige der Urkentrutzer Produkte schicken zu lassen. „Wenn es dich freut, werde ich eine Kiste mit Bingenbacher Schinken, der berühmten Urkentrutzer Einbeerenmarmelade, die bitte nur sparsam dosiert eingesetzt werden darf, diversen Obstmarmeladen, Säften und Schnäpsen, sowie Honig von den Obstblüten aus der Schwarzen Au schicken lassen.“

„Hochgeboren, bei meiner Treu, das sind wahre Schätze der gütigen Schwestern Peraine und Travia. Da ist es leicht, den wohlgeborenen Herrschaften was Schmackhaftes zu bereiten. Habt Dank“, der eher kurzgewachsene Koch kratzte sich nachdenklich am Kinn und sucht den Blick seines Herren, der ihm kurz zunickte. „Aber, bei der Herdmutter, wenn ihr erlaubt, dann nehmt bitte auch etwas nach Urkentrutz mit. Ich packe Euch morgen ein ausgiebiges Paket für die Heimreise.“

Lyssandra klatschte erfreut in die Hände. „Wie gerne, Meister Waldfried! Und gibt euer Keller womöglich auch ein hochgeistiges Getränk als Verdauungshelfer her? Das könnten wir jetzt denke ich alle brauchen!“
Sie sah in die Runde.

„Wir wären keine guten Gastgeber, wenn es anders wäre. Vom Warunker“, antwortete Gilborn. Auch wenn die meisten Wiesenrather keine großen Trinker waren, einzig der jüngste Hagen bildete hier einmal mehr eine Ausnahme, schätzten sie doch einen guten Schluck. Waldfried nickte derweil. „Wiesgunna wird Euch gleich etwas auftragen.“ Gilborn fuhr derweil fort. „Ich berichtete Dir bei deinem letzten Besuch, dass ich einige Tiere für die Mark Warunk im Osten gespendet habe. Als kleine Geste des Dankes erhielt ich vom dortigen Kloster des Dreischwesterordens eine Flasche Warunker Rambelbost, den sie dort nun wieder brennen.“

Schon kam Wiesgunna, die Tochter Waldfrieds, mit einem Tablett auf dem sich die guten Becherchen aus Zinn fanden und die Tonflasche aus den Landen im Osten. Allen, die etwas davon kosten wollten, wurde eingeschenkt und als alle versorgt waren, erhob Gilborn sein Becherchen. „Auf Weiden, unsere Heimat.“

„Auf Weiden und die Heimat!“, erwiderte Lyssandra den Trinkspruch. Dann probierte sie den Warunker Rambelbost. Er kratzte etwas im Hals, aber schien tatsächlich die Menge an guten Speisen im Magen einmal durchzumischen und Erleichterung zu verschaffen.
Die Baronin von Urkentrutz lehnte sich entspannt zurück. „Es ist schön, bei euch zu sein. Für einen Augenblick kann ich tatsächlich vergessen, was alles auf mich zukommt und einfach genießen.“

Horatio nickte lächelnd. „Ich verbinde so viel mit Wiesenrath. Was für schöne Erinnerungen! Wie ist es mit dir, Gilborn? Setzt du die Familientradition fort? Bildest auch du wieder einen Knappen aus?“

„Ich wollte mir bald wieder einen suchen, bin mir aber noch unschlüssig.“ Der Junker schaute den alten Freund an. „Meine Verwandtschaft im Süden, der alten Grafschaft Wehrheim, oder die von Ismena in Teichenberg würden mir sicher jemand geeignetes vorschlagen. Auf der andere Seite bietet eine Knappenschaft auch immer die Möglichkeit, kleinen Häusern aus der Trutz oder in Bärwalde zu helfen. Und meine Schwester rät mir, doch über den Dreischwesterorden in einer der östlichen Marken zu schauen, um diesen Landen so zu helfen.“ Er lächelte. „Noch habe ich mich nicht entschieden. Vielleicht willst Du mir ja auch jemanden vorschlagen?“

Lyssandra schüttelte den Kopf. „Leider suche ich ja selbst für mich, meine Dienstritterin Danje von Uhlredder und eigentlich auch für Ritter Ludopoldt von Geißenbart. Es ist wirklich eine gute Idee sich zu öffnen und auch weiter weg zu suchen. Vielleicht sollte ich mich auch außerhalb Weidens umsehen. Zunächst einmal werde ich mich auf dem Baronsrat einmal umhören, ob sich in Weiden jemand finden lässt, aber wenn nicht...“

Horatio kam auf die angespannte Lage am Finsterkamm und dem Neunaugensee zu sprechen. Wie sehr man vor den Schwarzpelzen auf der Hut sein musste und wie wichtig die Ausbildung von Rittern für Weidens Wehr war.
„Daneben verbindet das Ausbilden von Rittern ja auch die Familien untereinander. Was ist besser für Weiden als eine starke Ritterschaft, die einig auftritt? Wir haben doch mehr oder weniger alle die gleichen Sorgen, nicht wahr?“

„Die Sorgen ähneln sich, doch sind die Sichtweisen oft ganz andere“, antwortete der Wiesenrather Junker auf die Frage. „Aber Du hast recht, es gilt immer auch Verbindungen zu knüpfen und bestehende zu stärken.“

„Und da seid ihr alle doch ein gutes Beispiel dafür, dass es sich auch lohnt in die Ferne zu schauen.“ Mischte sich die Dienerin Peraines in das Gespräch ein. „Eure Mutter kam aus dem Lieblichen Feld und ihr pflegt die Bande. Wir haben Verwandte in der alten Grafschaft Wehrheim, wo unsere Großmutter Knappin war.“

„Horatio hat aber recht, wir müssen auch immer darauf Acht geben, dass Weidens Wehr stark bleibt.“ Nun hatte Ismena reagiert. „Ich gestehe aber, dass wir keine sehr ausgeprägten Kontakte in die Trutz und in den Finsterkamm haben. Horatio, wüsstest Du über eine Kameradin von einer geeigneten Familie?“

Der Angesprochene wog nachdenklich das Haupt. „Nicht sofort, aber ich kann auf jeden Fall nachfragen. Urkentrutz und Pallingen haben das Glück der zentralen Lage in Weiden, da sind die Gefahren nicht so präsent. Aber wir am Neunaugensee und die Kameraden in der Finsterwachtkette machen uns nichts vor. Jedem von uns ist präsent, dass wir bereit sein müssen täglich den Kopf hinzuhalten, wenn die verfluchten Schwarzpelze angreifen. Und ich denke da nicht nur an die regelmäßig stattfindenden Scharmützel sondern die Sorge vor einer konzertierten Aktion…“

„Damit müssen wir immer rechnen“, pflichtete Gilborn bei. „Und wohin es dann führen kann, dass wissen auch die Lande, die nicht direkt das erste Ziel der verdammten Orks sind. Aber gut, wenn Du Dich auch umhören könntest. Ich will erst eine Entscheidung treffen, wenn Du Dich umgetan hast.“

„Wichtige Entscheidungen sollten stets wohl vorbereitet und durchdacht sein.“ Mischte sich Perval nun in das Gespräch ein. „Doch Durchdenken sollte nie zum Zögern werden. Die Art des Feldes mag verschieden sein, doch Verzagtheit ist nie ein guter Ratgeber.“ Er blickte aus seinen trüben Augen in die Runde.

„Ich habe Euch gebeten, doch hier einzukehren, weil ich zurückgeschaut habe. Durchdacht habe ich es. Wie viel Zeit mir die Götter noch auf Dere schenken, das ist ungewiss. Doch solange ich im Kreise meiner Familie und deren Freunden bin, solange ist jeder Tag ein Geschenk welches ich dankbar annehme.“ Der Praiot lächelte. „Walwige, Kind, sei doch so lieb“, mit diesen Worten erhob sich die Geweihte, um einige Dinge zu holen, welche Perval bereitgelegt hatte.

„Ah fein“, quittierte Perval die kleineren und größeren Bündel, die nun vor ihm lagen. „‘Regele und ordne die Dinge bei Zeiten‘, so sagte es seinerzeit immer Praiosmin V., unsere Botin des Lichtes.“ Er schien in die Ferne zu schauen. „Als Novize habe ich Predigten von ihr in Wehrheim hören dürfen und dann auch in Gareth, als sie Botin des Lichts war. Beeindruckend.“ Dann besann er sich wieder auf sein eigentliches Ansinnen.

„Horatio, ich weiß, mein Sohn hat sich immer besonders um Dich gekümmert. In seinen Briefen war er oft nicht ohne Stolz, wie Du Dich gemacht hast und er fragte mich manches Mal auch um Rat. Ich sagte mir damals schon, Du trägst einen guten und ehrwürdigen Namen, wenn ihn auch viele hier im Norden missverstehen werden. Horas, nach dem Sohn Seines Sendboten Ucuri.“ Perval hatte seinen Zeigefinger dozierend erhoben. „Daher will ich dir etwas geben, was ich einst meiner seligen Frau geschenkt habe und was später unser Sohn trug. Wohin sie auch immer ihr Dienst am Götterfürst bringen würde, mochte sie gleich Ucuri doch stets zum Ausgangspunkt zurückkehren.“ Er schob ein in Tuch gewickeltes Bündel in die Richtung des Ritters.

Horatio hatte nicht damit gerechnet von dem ehrwürdigen Praioten beschenkt zu werden. Überrascht und gerührt ob der Vorgeschichte, die Perval zu dem Geschenk präsentierte nahm er das Tuchbündel entgegen. Seinen Knappen, der ihm helfend zur Seite sprang, winkte er fort. Er gab ihm zu verstehen, dass er gedachte, das Geschenk selbst zu enthüllen. 
„Oh, ich fühle mich geehrt und frage mich womit ich das verdient habe, verehrter Perval?“, während er etwas umständlich mit der rechten, unversehrten Hand das Geschenk auswickelte.
Als der aufwändig verzierte Langdolch aus dem Tuch hervorguckte, sog der Finsterborner beeindruckt die Luft ein. Und auch seiner Schwester entlockte diese besondere Waffe ein begeistertes „Oh wie schön!“.

Sachte hob Horatio den Langdolch mit der Falkenornamentik an der Parierstange mit der Rechten hoch, wog ihn in der Hand und bewunderte seine Verzierungen von allen Seiten.
„Wie schön Ucuri dargestellt ist. Die Augen des Falken, die die Wahrheit sehen sind aus Zitrin gestaltet, nicht wahr? Ich danke Euch für dieses wunderschöne Geschenk! So etwas hatte ich überhaupt nicht erwartet. Es wird mich immer an die tiefe Verbindung unserer Familien erinnern und an die Prinzipien, die ich hier im Hause der Pandlaril-Wellenwieses gelernt habe. Diese treffliche Vereinigung von rondiranischen, praiotischen und travianischen Tugenden. Ich hätte es nicht besser treffen können!“

Lyssandra ließ dem Bruder Zeit das außergewöhnliche Geschenk genau zu betrachten und dem Praioten zu danken. Dann ließ sie sich die schöne Waffe geben, um sie selbst aus der Nähe bewundern zu können.

„Es sind kleine Splitter Zitrins, ja“, der Praiot schien sich zu freuen, dass das Geschenk so gut aufgenommen wurde. „Dem Götterfürsten und seinem Sohn Ucuri sind sie wohlgefällig. Ich habe diesen Dolch damals in Wehrheim fertigen lassen.“

„Aber auch für Dich habe ich etwas, mein Kind“, wandte er sich Lyssandra zu. „Als ich vernahm, welch Bürde Dir zu Teil werden soll, da wusste ich, es würde in Deinen Händen gut aufgehoben sein. Doch, doch.“ Er deutete auf Gilborn. „Er konnte es studieren und bedarf seiner nicht mehr. Aber eine Baronin, vor dem König der Götter, dem Gott der Könige, durch heiligsten Eid verpflichtet, sollte es stets griffbereit haben.“ Er schob nun ein zweites Bündel in Richtung der Baronin. Der Größe nach ein Quartoband, der sorgsam in Ledereingeschlagen war, um ihn wohl vor Unbill zu bewahren. „Ich besaß stets nur diesen Band. Den ehrwürdigen Dritten, möge er Dir helfen.“

Lyssandras Augen leuchteten, denn es war schon vor dem Auswickeln klar, dass es sich um einen Folianten handelte. Die Finsterbornerin liebte Bücher! Als sie schließlich den Quartoband vor sich liegen hatte, atmete sie tief durch.

„Oh, wie glücklich mich dieses Geschenk macht, Euer Ehrwürden! Ihr glaubt gar nicht, was der Codex Raulis bei mir für Gefühle, Erinnerungen auslöst!“ Sie streichelte mit sanfter Hand über den Ledereinband. „Das letzte Mal hatte ich ihn in der Hand als ich bei meiner Tante Alisa Papilio im Lieblichen Feld zu Gast war. Sie war damals Justitiarin in der Domäne Pertakis und sehr bewandert in Rechtsfragen. Ich bin sicher, dass es mir gute Dienste leisten wird, in meinem neuen Amt. So unerwartet es kam, so sehr freue ich mich gerade auf diese Aufgabe. Meinen herzlichsten Dank dafür, werter Perval!“

Sie schlug den Folianten ehrfürchtig auf und las die ersten Zeilen, blätterte und erkannte Pervals Kommentare.
„Wie ich sehe, habt Ihr dort schon hilfreiche Kommentare eingefügt! Das macht diesen Folianten ja noch wertvoller und hilfreicher! Ein unfassbarer Schatz!“

Lyssandra wusste nicht, ob sie sich trauen durfte dem Luminifer persönlich so nah zu kommen, aber einem inneren Impuls folgend, streckte sie die Hände über den Tisch, bereit die des alten Praioten in aufzunehmen. Sie wollte ihm respektvoll und doch so herzlich wie möglich danken.

Dieser entzog seine Hände nicht und blickte ihr freundlich in die Augen. „Gut, sehr gut. Audias fabulas veteres sermonesque maiorum“, wechselte er kurz ins Bosparano. „Nutze weise, was dort geschrieben steht, was ich lernte und was ich selbst als Conclusio erkannt habe.“ Jetzt wandte er sicher wieder mehr allen zu. „Ich bin wahrlich kein Freund dieser Reformen und Änderungen, die diese Urkunde von Ochsenblut brachte. Ein Rückschritt in vielem, doch es ist Recht. Und daher tust Du gut daran, das Recht zu sprechen, wie es Dir nun gebührt. Bei Dir wird dieser Band in guten Händen sein, dessen bin ich mir sicher.“

Die Baronin drückte die Hände des alten Praioten in tiefem Dank. „Sic! Ich will es zu nutzen wissen und hoffe darauf, dass es mir allzeit ein guter Ratgeber sein wird. Damit es von mir heißt: iura novit curia. Und ich denke auch immer an das was meine Tante Alisa zu sagen pflegte, bevor sie ein Urteil fällte: Quidquid agis prudente agas et respice finem!“

Während einige am Tisch wohl noch versuchten, die Worte zu übersetzen, nickte Perval zufrieden. „Gut, Du hast die Sprache der Altvorderen wohl studiert und wichtiger noch, Du hast erkannt, was sie uns lehren. Viele sagen so etwas, ohne das die Erkenntnis ihren Geist oder das Herzen erreicht hätte, wie es die Allweise Schwester des Herrn Praios den Menschen doch gelehrt hat. Ich bin mir sicher, Du wirst Urkentrutz eine weise und vor allem gerechte Herrscherin sein, so wie der Götterfürst es bestimmt hat und es ihm wohlgefällig ist.“

Noch einmal drückte Lyssandra die Hände Pervals und bedankte sich mit aufrichtigem Herzen. Die Gespräche gingen zurück zum Praisofest, man erinnerte die Geschehnisse und tauschte Anekdoten aus. Die frisch vereidigte Baronin erzählte noch von ihren Plänen in den kommenden Götternamen die Nachbarbaronien zu besuchen um sich den Baronen und Vögten persönlich vorzustellen. Müde von den aufregenden Ereignissen der letzten Tage und den kurzen Nächten ob der vielen Feierlichkeiten, beschloss Lyssandra noch vor der Mitternachtsstunde schlafen zu gehen.

Am kommenden Morgen, nach einem gemeinsamen Frühstück mit den Wiesenrathern verabschiedeten sich die Urkentrutzer. Lyssandra bedankte sich noch einmal aus tiefstem Herzen für die Gastfreundschaft und die wertvollen Geschenke. Sie ließ es sich nicht nehmen ihrerseits eine Einladung nach Urkenfurt auszusprechen. „Ihr seid jederzeit willkommen in Travias Namen! Ich hoffe wir sehen uns bald wieder!“

 


 

Einladung zum Lehenseid
Gut Hollergrund, Baronie Urkenfurt, 8. Praios 1044

„Sieh mal, Mutter, eine Briefsendung, die das Baroniesiegel von Urkentrutz trägt“ Heidelind von Binsböckel reichte ihrer Mutter die Briefrolle weiter. „Was dich allerdings weniger freuen wird ist die Tatsache, dass gleich neben dem offiziellen Wappen von Urkentrutz das Familienwappen der Finsterborns prangt.“

Mit vor Verbitterung schmal zusammengepressten Lippen nahm Carissima von Binsböckel den Brief entgegen.

„Das darf doch nicht wahr sein! Sie hat es also tatsächlich geschafft! Da erdreistet sich diese Schnepfe aus dem schwarzen Auwald, sich auf den Baronsthron von Urkentrutz zu setzen. Dann waren die Gerüchte tatsächlich richtig.“

Wütend brach die Ritterin von Hollergrund die beiden Siegel und entrollte das Pergament. Das Schreiben war in schönster Tuscheschrift verfasst, den Rand zierte eine ornamentierte Girlande. Die Gutsherrin begann zu lesen.

 

An Euer Wohlgeboren Carissima von Binsböckel,

hiermit ergeht an Euch, Wohlgeboren Carissima von Binsböck, Ritterin von Hollergrund, die Einladung zum Lehnseid an Eure jüngst beim Fest des Praios zu Pallingen von der Gräfin Griseldis von Pallingen vereidigte Adelsschwester Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz.

Findet Euch bitte am 15. Praios 1044 zum Lehnseid auf Burg Urkenfurt ein.

Teilt bitte dem Boten, der dieses Schreiben übergab mit, wann Ihr an- und abreisen möchtet, mit welchem Gefolge Ihr anreisen werdet, ob ihr ein Zimmer im Gästehaus der Burg benötigt und auch ob aus Eurem Gefolge jemand eine Unterkunft braucht.

Ich freue mich auf Euer Erscheinen und verbleibe mit den besten Wünschen,

Lyssandra von Finsterborn

Baronin von Urkentrutz

 

„Oh diese miese Sumpfnatter, dieses Gezücht einer horasischen Schlange mit einem Weidener Holzkopf! Hat sie der Gräfin Goldstaub in den Hintern geblasen? Oder wie kam sie sonst zu dieser Würde, die einer wie ihr überhaupt nicht zusteht!?“

Die Ritterin von Hollergrund war aufgebracht. Sie feuerte die Einladung neben sich auf den Boden und drückte sich aus dem Lehnstuhl auf dem sie gesessen hatte. Das Famlienoberhaupt des Urkentrutzer Binsböckelzweiges reckte die spitze Nase in die Höhe als sie mit steifem Schritt an ihrer Tochter vorbei zum Fenster des Rittersaals lief. Das volle Haar der Ritterin zeigte noch Reste von Blond doch inzwischen überwogen die grauen Strähnen. Sie trug es in einer aufwändig gestalteten Hochsteckfrisur. Beinkämme hielten das Schläfenhaar zum Oberkopf hin straff während am Hinterkopf ein auffälliger Hornkamm, in den ein Schwan geschnitten war, das restliche Haar in einem Knoten fixierte. Die eisblauen Augen der gut 50 Winter zählenden Ritterin trafen ihre Zweitgeborene Heidelind, die seit kurzem wieder bei ihr auf dem Gut lebte. Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, dass ihr Verlobter, ein Ritter aus Nordmarken, ihrer überdrüssig geworden sei.

Auch Heidelind war groß und blond, allerdings nicht so hager wie ihre Mutter. Man konnte sie als stabil gebaut bezeichnen. Neben einer kräftigen Statur der jungen Ritterin mit breiten Schultern hatten sich in den vergangenen Götterläufen ein paar zusätzliche Polster auf den Hüften gebildet. Sie erwiderte den Blick ihrer Mutter.
„Dir hätte der Titel zugestanden, Mutter! Du musst dich an die Gräfin wenden und dein Recht einfordern. Wie konnte sie die Familie Binsböckel so brüskieren?“

Carissima stieß das Kinn in die Luft. „Und ob mir der Titel zugestanden hätte! Wer sind schon die Finsterborns? Wir, die Binsböckels, sind Würdenträger in ganz Weiden! Man kann das nur der Unerfahrenheit der jungen Gräfin zuschreiben, dass sie so einer dahergelaufenen Pomeranze den Baronsreif auf die gewöhnliche Rübe drückt. Hinterhältig eingeschleimt hat sich diese Sumpfranze! Ich hätte es früher merken müssen. Mit dem geheuchelten Interesse an den Morden an irgendwelchen nichtssagenden Bauerntrampeln hat sie sich bei Griseldis eingeschlichen und sich ihr vertraut gemacht. Wer weiß was sie für Intrigen gesponnen hat, um mich schlecht zu machen am Grafenhof. Du weißt doch, dass diese horasischen Puderdosen die hohe Kunst der Intrige beherrschen. Das gehört dort zum Repertoire einer jeden Adeligen.“

Heidelind nickte bestätigend. „Oh ja, die ist ja gar keine richtige Weidenerin! Das ist ein Affront gegen uns! Du musst dich wehren, Mutter! Setzte gleich ein Schreiben an die Gräfin auf in dem du Rechtfertigung forderst! Soll sie doch mal erklären wie die Finsterbornerin auf den Thron kommt und warum sie dich nicht einmal eingeladen hat, um dich besser kennenzulernen.“

Die Ritterin von Hollergrund atmete tief durch. „Das ist jetzt alles zu spät! Die Finsterbornerin hat den Eid vor Griseldis abgelegt und erwartet nun, dass ich vor ihr das Knie beuge. Pah!“, sie spie beinahe aus bei dem Gedanken daran, dass sie vor der Rivalin den Lehnseid ablegen musste.

Hart klopften die Absätze ihrer Stiefel auf den holzgetäfelten Boden als sie in immer größeren Kreisen ihre Runden durch den Rittersaal zog. Man konnte sehen wie es hinter ihrer Stirn arbeitete.
Was konnte sie tun? Machte es Sinn sich direkt bei Griseldis zu beschweren? Carissima beschloss, sich nicht per Brief bei der Gräfin zu beschweren, sondern ihren Unmut erst einmal brieflich ihren einflussreichen Familienmitgliedern kundzutun. Mit Sicherheit würde sie Schützenhilfe von den anderen Binsböckels erhalten.

 


 

Endlich kehrt Ruhe ein
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, 17. Praios 1044

Lyssandra atmete tief durch. Das Klappern der Hufe auf der Zugbrücke zeugte davon, dass der letzte Gast der Feierlichkeiten zum Lehnseid ihrer Aftervasallen die Burg verlassen hatte. Endlich kehre Ruhe ein. Überrascht wie erleichtert sie darüber war, alle Festivitäten hinter sich gebracht zu haben, bestieg die Finsterbornerin die Stiege zum Wehrgang, der am der Innenseite der Burgmauer entlangführte. 

Nachdenklich schritt sie die Wehrmauer entlang, nutzte die Zinnenfenster um über das Land zu Füßen der Burg zu blicken. Seufzend ließ die Baronin den Blick schweifen. Urkentrutz war wunderschön. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit breitete sich in ihr aus. Sie hatte die Ehre von nun an die Geschicke dieses fruchtbaren Landstriches in Weiden zu lenken. Was für ein berauschendes Glücksgefühl sich einstellte, wenn sie auf das Dorf, den Fluss und die sich in bläulichen Farbtönen im Hintergrund abzeichnenden Hügel, die Felder, Wiesen und Wälder sah. Gerade jetzt im Hochsommer, wo das kräftige Grün der Wälder sich kontrastreich von den Obstwiesen, den Weiden und den Gemüse- und Getreidefeldern abhob. Vor allem der Süden der Baronie war fruchtbar. Zwischen den Bachläufen des Bingen-, Eber- und Auenbaches breiteten sich saftige, feuchte Weiden für die Nutztiere, Wälder für den Holzeinschlag, das Mästen der Schweine, sowie die Jagd auf Hoch- und Niederwild und in sonnigen Lagen Obstwiesen aus.

Lyssandra suchte mit ihren Augen den Horizont. Im Osten gingen die zur Baronie gehörenden Wälder zumeist nahtlos in die Waldgebiete der Nachbarbaronien über. Der Eibenhain und der Bärnwald grenzte an Gräflich Pallingen, wo sie vor nicht einmal zwei Wochen ihren Baronsreif erhalten hatte. Der Bärnwald erstreckte sich weit bis in die Pfalzgrafschaft Bibergau hinein aus, bedeckte diese fast gänzlich. Sie hatte das kleine Ecktürmchen erreicht, das im Südwesten über der Abbruchkante des Hochufers des Fialgralwas thronte. Von hier aus hatte sie den freien Blick über das Flusstal, das Dorf und die Landschaft im Süden und im Westen. Der Süden war gekennzeichnet zu einzelnen Waldgebieten wie dem Oberwaldiger Forst. Die südliche Baroniegrenze bildete die seltsame Gesteinsformation des Bruchscharfeldes. Im Südwesten konnte die Baronin die Bingenbacher Lohe und den Auwald der Schwarzen Au ausnehmen. Liebevoll betrachtete sie die alte Heimat, in der das Stammgut der Finsterborner lag. Dahinter, in der Ferne mochte wohl die westliche Baroniegrenze liegen, die Urkentrutz mit Herzoglich Waldleuen verband. Sie verließ den Turm wieder, ging weiter zu dem Mauereck in dem sich der Palas befand. Der Blick wanderte über den Finsterbach, der hier dem Blautann zustrebte. Von der Ferne war der Natternhag nicht vom großen Blautann zu unterscheiden, doch wusste Lyssandra nur zu gut, dass der kleine Mischwald, bei dem das Gut ihrer Freundin Gormla vom Blautann lag, vor dem großen und nahezu undurchdringlichen Tann lag, der sich über die Baronien Urkentrutz, Waldleuen und Schneehag erstreckte.

Auch jenseits des Pallas sicherte ein Wehrgang die Burg. Als Lyssandra dort an ein Zinnenfenster trat, blickte sie auf die Hochebene, die sich nordöstlich der Burg erstreckte. Das sanft hügelige Heideland bot weniger fruchtbare Böden. Hier weideten vereinzelt Schafe und Ziegenherden. In der Nähe der Weiler Kardenbrache, Hollergrund und Queckingen nutzte man die Gegebenheiten um Lein anzubauen. Weit in der Ferne, ganz im Nordosten der Baronie bildete der Alte Weg die Grenze zu den Baronien Hollerheide und Moosgrund. Dorthin wendete Lyssandra den Blick als sie den Torturm erreichte. Waldreich war die gemeinsame Grenze mit der Baronie Moosgrund, während die Landschaft nördlich des Wegs nach Wiesenrath in Pallingen, wo ihr Freund Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese lebte, wieder trockener war. Trockenes Heideland ging in der Nähe der Baroniegrenze nach Pallingen, südlich des Weges in den Auenwald über, dem der Auenbach seinen Namen gab.

Bevor sie den Torturm betrat warf sie noch einen Blick über die bizarren Felsformationen der Langen Klamm, die sich im Südosten an den Urkenfurter Tann anschloss. Ein schmaler Weg führte in die Klamm. Es war gefährlich ihn zu begehen, denn Steinschläge und Felsstürze konnten den Wanderer dort ereilen. Sinnend blieb sie eine Weile in den Anblick der Langen Klamm versunken, hatte sie doch ihren Gemahl Wonnebolt Hundsöd das Leben gekostet. Und dort irgendwo in der Ferne, jenseits der Klamm und jenseits des Bärnwaldes, weit hinter der Quelle des Finsterbachs lag die gräfliche Burg Rotdorn, wo Griseldis residierte, die ihr dieses Lehen verliehen hatte. Tief seufzend nahm Lyssandra die Mischung aus Melancholie und Stolz wahr. Sie spürte die Belastung der Verantwortung, fühlte sich ein wenig einsam, angesichts des Verlustes ihres geliebten Wonnebolts, den sie gerne in diesem Moment an ihrer Seite gehabt hätte. Und doch war sie stolz darauf, für ihre Familie die Ehre errungen zu haben, dieser schönen Baronie vorsitzen zu dürfen.

Im Türrahmen des Torturms stand Merthold, der jüngste der Waffenknechte, und lächelte die neue Burgherrin an. Lyssandra ging grüßend an dem jungen Mann vorbei. Unten im Hof traf sie auf ihren Bruder und die beiden Uhlredders. Sie planten eine gemeinsame Waffenübung in den Abendstunden, wenn die Hitze des Praios abebbte. Die Baronin trat zu ihnen und hörte zu. Schließlich war es Danje Uhlredder, die ihre Neugier nicht mehr bezähmen konnte.
„Sag´ mal, Lyssandra, was hast du denn von den anderen geschenkt bekommen?“

Die Finsterbornerin lächelte. „Ja, da sind interessante Sachen dabei? Möchtet ihr sie sehen?“

Das interessierte Nicken des Bruders und der Freunde gab das Startsignal. Lyssandra winkte die drei mit sich. „Das erste Geschenk, oder besser gesagt sind es zwei, sind hier drüben untergebracht.“
Sie deutete auf das Stallgebäude. Dort war gerade großes Misten. Die Boxen mussten nach den vielen Gastpferden gesäubert werden. Ein eindeutiger Laut kündigte das erste Geschenk an. Das laute „Mäh“ entstammte der Kehle eines Schafbocks. „Ein Pärchen Albenauer Schwarznasenschafe“ erklärte Lyssandra. Die possierlichen, eher kleinwüchsigen Schafe mit dem kuscheligen, weißen Fell und dem auffälligen, schwarzen Maul guckten interessiert, wer sie da besuchte.

Horatio sah seine Schwester konsterniert an. „Du hast Schafe geschenkt bekommen?“

Lyssandra nickte. „Aber nicht irgendwelche Schafe!“ Sie lachte. Eine dieser seltenen Rassen, die bei Gormla ein Refugium gefunden haben.“

Oberon sah grinsend zu Danje rüber. Die beiden mochten das Pärchen machten sich aber auch beständig lustig über die Marotte der beiden mit den vielen Tieren. Nicht bösartig, aber mehr so als Zeitvertreib frotzelten die beiden gerne mal in diese Richtung.

„Wir haben auch schon einen guten Platz für sie gefunden. Morgen wird Wigdis sie zu ihrem Großvater mitnehmen. Er bewirtschaftet eine Hofstelle, die zum Baronsgrund gehört. Der Mann hat viel Erfahrung mit Schafen. Zwar nicht mit dieser Rasse, aber das wird er schon schaffen, denke ich.“

Lyssandra streichelte dem Schafbock über die schwarze Nase. Der kleine Bock leckte ihr über den Arm und die Baronin kicherte.
„Kommt weiter, ich zeige Euch, was ich von Ritter Luthias von Spießling bekommen habe.“

Sie gingen weiter in Richtung des Palas. Unten, gleich neben der Eingangstür, war die Burgküche mit einem großen, offenen Kamin. Dort stand ein geschmiedeter, eiserner Rahmen mit diversen Haken an den Kreuzungspunkten an die Wand gelehnt. Oben hatte der Rahmen Ösen und eine Kette, die deutlich machte, dass man das Gestell aufhängen konnte. Horatio erkannte es sofort.
„Ein Räuchergestell für Fische! Das kann man zum Räuchern benutzen!“ Er erklärte Oberon und Danje, die nicht gleich reagierten, dass man den Rahmen in den Kamin hängen konnte und die Fische vom Feuer darunter geräuchert würden. „Sehr praktisch. Wir haben sowas auch auf Dragentodt. Am Neunaugensee macht das ja auch Sinn. Ich glaube Vater hatte auch ein solches Räuchergestell, nicht wahr?“

Die Baronin nickte. Ja, er hat ja auch gerne am Bingenbach geangelt.“

Danje machte ein Geräusch als ob sie gerade etwas wohlschmeckendes Essen würde.

„Eines der wenigen Dinge, die ich aus meinem Leben im Bornland vermisse. Als Kind hab´ ich da immer aus einem naheliegenden See so kleine Barsche geangelt“, sie spreizte Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand auseinander, „die waren zwar meistens nur so groß aber sehr, sehr lecker, wenn man sie über dem offenen Feuer briet“.

Oberon sah zu Lyssandra

„Hat es denn im Fluss hier bei der Burg anständig Fisch? Ich mag Fisch, egal ob gebraten, am Brett am Feuer geröstet oder geräuchert, auch sehr gerne. Ist das Fischereiregal vergeben oder lohnt das gar nicht weil es nicht genug Fisch hat?“

„Hier hat es tatsächlich erstaunlich viele Fische. Was das Fischereiregal angeht, so teilen es sich im Bereich von Urkenfurt zwei ortsansässige Fischerfamilien. Und wie du sicher weißt sind die meisten Bäche, die dem Finsterbach zufließen fischreich. Die meisten belehnten Gutsbesitzer haben sich Fischteiche angelegt, in denen sie Fische für den Eigenbedarf züchten. Es ist an ihnen, ob sie die Fischerei an den Bächen mit einem Regal vergeben oder nicht. Die Baronin, äh also ich… erhalte von jedem Gut, dass bis an einen der Bäche heranreicht eine Pacht. Du müsstest das für die Schwarze Au in den Unterlagen finden. Stegelsche hat ja leider keinen Zugang zu einem der großen Bäche.“

Oberon und Danje nickten. Sie waren noch dabei sich einzuleben und einzuarbeiten und hatten diesen Teil noch nicht gewusst.

„Dann sollten wir das Gestell ja bald einweihen können…das wird ein Schmaus!“ Sie stiegen die Treppe zum Thronsaal hinauf. Die Tafel war bereits abgeräumt. Am vorderen Ende hatte man die weiteren Geschenke abgelegt.
„Seht ihr? Die schönen gewebten Borten stammen von Eberfried von Wachtelfingen und seinen Kindern. Die beiden Stoffballen von Carissima von Binsböckel.“

Danje ließ die fein gewebten, bunten Borten durch die Finger gleiten. Es waren fünf Rollen mit Borten. Zwei davon waren in den Farben von Urkentrutz (weiß und blau) und in den Farben der Finsterborns (weiß und schwarz) gearbeitet. Die anderen drei waren sehr bunt und zeigten ansprechende Muster.

Einer der Stoffe, der zu einem Ballen gerollt war, schien aus feinem Leinen zu sein, in einem einfachen, hellen Blau. Der Zweite war etwas grober, aber weich, so dass man eine Hanffaser vermuten konnte, die in einem interessanten Karomuster in Pastelltönen gewebt war. 

Daneben standen mehrere Krüge und mit Deckeln verschlossene Tontöpfe. Lyssandra erklärte den Inhalt.
„Diese dort enthalten „Queckinger Rachenputzer“, Wachholderschnaps aus Queckingen.“ Sie deutete auf die Tonkrüge. Die mit Holzdeckeln und Wachs verschlossenen Töpfe enthielten Honig, wie sie weiter erläuterte. „Nahezu aus allen Gebieten von Urkentrutz: aus der Heide bei Queckingen, Hollergrund und Kardenbrache, Waldhonig aus Natternhag, Farnbrunn und Jammerried und Obstblütenhonig aus Urken.“

Dann kamen sie zum Geschenk des Ritters von Stegelsche, dem ältesten Sohn von Oberon und Danje. Ontho von Uhlredder führte, ganz nach Familientradition, die kleine Zucht von Eulenvögeln. Falken oder gar Adler konnte man auf Stegelsche nicht bekommen, aber immer wieder mal verkauften die Uhlredders einen Eulenvogel. Das war auch der Grund für den sie, neben dem Schirmen der südlichen Baroniegrenze, vor langer Zeit auch geadelt wurden. Die Familie hielt sich damit über Wasser, ihre Ländereien waren schließlich nicht sonderlich groß. Ontho hatte Lyssandra jedenfalls einen jungen, aber ausgebildeten, Uhu geschenkt. Dieser saß auf einer Sitzstange mit schön verziertem Fuß aus Holz den Oberon gemacht hatte. Ein punzierter, lederner Falknerhandschuh von Danje rundete das Geschenk ab.

„Über euer Geschenk freue ich mich besonders! Eigentlich muss ich wohl sagen, Eylin freut sich noch mehr. Sie wollte schon lange, dass ich mir einen Vogelhorst zulege. Es ist wirklich schön, dass ich nun damit beginnen kann, mich darin zu Üben mit diesem prachtvollen Uhu zu jagen. Ich werde allerdings einen Falkner brauchen, der sich um Eusebius kümmert und mit mir übt. Ich hatte gestern gar keine Gelegenheit mehr Ontho danach zu fragen. Könnt ihr mir dabei helfen?“

Sie sah ihre Freunde hilfesuchend an. Danje zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Ich komme gerade so selbst mit Ihnen klar und gehe viel lieber mit Wurfspeer oder Bogen auf die Jagd.“

Oberon machte aber sogleich eine beruhigende Geste.

„Ich bin nicht so gut wie Ontho, der nach seinem Großvater Otus kommt und selbst manchmal scheinbar eine halbe Eule ist. Aber ich kann dir sicherlich so viel zeigen, dass wir zurechtkommen. Vielleicht könnte man einen geeigneten jungen Mann oder Maid nach Stegelsche schicken…zur Ausbildung für eine langfristige Betreuung deines Horstes auf der Burg?“

„Das ist eine hervorragende Idee!“, freute sich Lyssandra. „Ich werde gleich mal bei meinen Eigenhörigen und Freibauern fragen lassen, ob sich dort ein solcher Vogelliebhaber findet. Hat Ontho eigentlich einen Knappen oder einen Pagen? Mir fällt ein, dass ich ihn dazu anhalten will, sich eine junge Adelige oder einen männlichen Spross eines Adelshauses an die Hof zu holen. Wir sollten dringend mehr Ritter und waffenfähiges Volk ausbilden!“
Sie hob mahnend den Zeigefinger. „Der Schwarzpelz rüstet auf. Wir müssen gegenhalten!“

Danje und Oberon sahen sich etwas betreten an. Schließlich gab Oberon sich einen Ruck. Auch wenn Lyssandra nun als Baronin weit über ihm stand waren sie doch sehr alte Freunde, fast wie Bruder und Schwester.

„Nein, im Moment hat er weder Knappen noch Pagin. Ich fürchte Danje und ich waren etwas zu fleißig und Stegelsche zu schön. Neben Ontho und seiner Familie sind im Moment auch unser Zweit- und Drittgeborener Oswin und Orwil da. Oswin ist nur ein Jahr als Fahrender rumgezogen und hat es wohl gehasst. Orwil hat vor wenigen Wochen den Ritterschlag bekommen und ist seit kurzem auch wieder zu Hause. Sowie ich Ontho verstanden habe will er wohl gar nicht als Fahrender durch die Lande ziehen. Freilich suchen die beiden nach Beschäftigung und Aufgabe, aber im Moment sind sie auf dem Gut. Mein Vater Oldebor, schon über 70 Winter, ist auch noch da. Es sind viele Mäuler…zu viele auf Dauer. Zum Glück ist unsere jüngste Olja noch 4 Winter Knappin. Meine Schwester Ondinai hat auch bei Ontho schon angefragt ob er Schwertvater für eines ihrer Kinder sein würde. Er möchte natürlich aber vorher muss ein Platz für Oswin, Orwil und Olja gefunden werden oder mindestens 1-2 von Ihnen. Natürlich könnte Ontho sie vom Hof schicken, aber sie sind seine Geschwister, und in unserer Familie ist sowas eigentlich nicht üblich.“

Nachdenklich nickte die Baronin. „Ich verstehe, dass sie so an der Scholle hängen. Stegelsche ist schön, aber meinst du nicht, es täte ihnen auch gut, sich woanders in Weiden umzutun? Es muss ja nicht Aranien oder der eisige Norden sein, aber wie wollen deine „Jungs“ denn eine passende Frau finden? Oder wollt ihr die für sie finden? Ich habe schon vor, mich beizeiten nach einer passenden Partie für Minerva umzusehen. Vielleicht hätte ich ja auch noch Bedarf für einen von deinen Enkeln. Ich meine, wir brauchen ja auch hier auf der Burg tapfere, angehende Ritter… Ihr beide habt ja momentan auch Bedarf an Knappen und Pagen, oder nicht?“

Oberon hob abwehrend die Hände.

„Oh an mir liegt es da nicht. Oder besser gesagt ich bin der gleichen Meinung wie du. Aber Oswin und Orwil sind beides Ritter und frei in ihren Entscheidungen. Ihr Bruder und unser Ältester Ontho entscheidet frei ob er sie weiterhin freihält oder vom Gut verweist. Was die Frauen angeht… nun Ontho war da sehr zügig aber die beiden sind irgendwie… Spätentwickler.“

Oberon wurde plötzlich bewusst was er glaubte, das Lyssandra im zweiten Teil angedeutet hatte. Er sah zu Danje und wollte sich versichern ob er richtig verstanden hatte. Da diese aber noch nicht weiter war in dem Versuch das Gedankenlesen zu erlernen, bekam er keine Antwort. Er musste sich also wieder an Lyssandra wenden.

„Öhm, hast du gerade angedeutet, dass du einen meiner Jungs mit Minerva verheiraten würdest? Es wäre natürlich eine sehr große Ehre, die wir ohne zu zögern annehmen würden. Doch sind wir als einfache Ritter nun nicht etwas unter Stand für die Tochter einer Baronin? Was das mit der Notwendigkeit von Rittern hier auf der Burg angeht, volle Zustimmung, und ja, wir beide könnten auch beides brauchen. Wir haben uns bisher noch zurückgehalten um eventuell deine kommenden Pagen und Knappen zu betreuen. Als Baronin hast du ja auch noch viele andere Pflichten und so lästige Dinge wie tägliche Waffenübungen und Grundlagen können wir ja übernehmen.“

Dieses Mal war es Lyssandra, die abwehrend die Hände hob. „Nein, nein, ich hoffe ihr nehmt es mir nicht übel, aber ich hatte nicht an eure Söhne gedacht. Tatsächlich hoffe ich doch mit Minerva ein wenig Politik machen zu können. Eine Verbindung mit einem der namhaften Häuser Weidens oder einer anderen Region würde mir vorschweben. Ich bin ja die erste der Finsterborns, die den Baronsthron erringt und Minerva ist meine Erbin. Eine gute Verbindung würde unseren Stand in Weiden womöglich festigen. Man muss ja an die Zukunft denken. Sollte sie mich allerdings vor einer solchen geplanten Liaison mit einer eigenen Wahl überraschen hoffe ich, dass diese wenigstens standesgemäß ist. Nicht wie bei ihrer Tante.“ Die Baronin rollte die Augen bei der Anmerkung zu Ysilda.

„Was die Knappen und Pagen angeht, so möchte ich einfach vorsorgen, dass diejenigen, die unsere schöne Baronie gegen Feinde beschützen sollen, eine bestmögliche Ausbildung bekommen. Und wer könnte das besser als ihr beide? Du, Oberon, hast mit Minerva ja bereits deinen Teil erfüllt. Nicht ohne Grund wählte ich dich als Schwertvater. Aber für Danje sollten wir auf die Suche gehen. Ich hoffe schon, dass ich auf dem Baronsrat, der in Kürze abgehalten werden soll, die Fühler ausstrecken kann.“

Oberon schien fast erleichtert. Lyssandra hatte ja schon mit der ein oder anderen Entscheidung in ihrem bisherigen Leben gezeigt, dass sie nicht immer in erster Linie daran dachte was die anderen Häuser Weidens dazu sagen würden.

„Das ist eine sehr gute Entscheidung. Du hast den Thron für die von Finsterborns erobert. Minerva wird ihn sichern müssen. Da ist eine gute Verbindung, bestenfalls ein Bündnis, gut und wichtig.“

Danja nickte Lyssandra zu. „Wenn du vom Rat zurückkommst und sich nichts ergeben hat werde ich mich selbst auf die Suche begeben!“

Die Baronin nickte. „Wir werden es sehen und müssen ja auch nichts übers Knie brechen, aber wir sollten auf jeden Fall Ausschau halten nach passendem Nachwuchs.“


Alles soll in der Familie bleiben
Burg Efferddorn, Baronie Pandlaril, Travia 1044 BF

Am letzten Abend des Baronsrates, als alle Beschlüsse noch einmal an den Schanktischen diskutiert wurden, suchte sich Lyssandra ein ruhiges Plätzchen im Burghof, wo sie mit ihrem Bruder alleine sein konnte. Es gab ein wichtiges Anliegen zu besprechen. Horatios Knappen Ludebrecht, der normalerweise keinen Augenblick von seiner Seite wich, weil er ihm den linken Arm ersetzen musste, hatte man zum Bierholen geschickt. Lyssandras Blick glitt über den Burghof, als sie das Thema anschnitt, das den Urkentrutzer Zweig der Familie Finsterborn betraf.

„Wie hat dir der Baronsrat gefallen, Bruderherz?“, fragte sie einleitend. Ihr war nicht verborgen geblieben, dass ihr Bruder von den politischen Verhandlungen beeindruckt war, auch wenn er persönlich nicht involviert war. Wie alle anderen Begleiter und Berater der Weidener Barone hatte auch er hinter den Kulissen mitdiskutiert, sich mit seiner Schwester über das Für und Wider der ein oder anderen Entscheidung ausgetauscht, Ratschläge gegeben und mit den anderen Adeligen die ein oder andere Konversion geführt.

Entsprechend fiel die Antwort ihres Bruders aus. „Es war phantastisch! Alleine so viele hochadelige Herrschaften und ihre Berater und Familienmitglieder zu treffen und mit dem ein oder anderen ein Gespräch führen zu können war ein Erlebnis. Man hat ja sonst selten die Gelegenheit dazu. Ich danke dir, dass du mir die Möglichkeit gegeben hast, das miterleben zu dürfen. Ich hoffe, ich konnte deine Erwartungen an mich erfüllen?“

Lyssandra nickte bestätigend. „Das hast du, Horatio. Voll und ganz. Ich bin froh, dass ich mich deines Ratschlags versichern konnte, gerade weil du für die Familie denkst. Und was die Hochadeligen angeht, Bruder, gehören wir jetzt auch dazu. Seit ich die Baronswürde erhalten habe, darf ich mich als Mitglied dieser illustren Gesellschaft betrachten und meine Kinder werden mir, wenn ich es nicht sehr unklug anstelle, nachfolgen.“

Sie machte eine kurze Pause, beobachtete eine Weile die im Burghof versammelte Schar Adeliger und ihrer Begleiter der Burg. „Um ein solches Familienerbe zu sichern und prosperieren zu lassen, braucht es viel Geschick und Erfahrung, dazu einen tief verwurzelten Familiensinn. Horatio, ich brauche deine Hilfe. Kannst du dir vorstellen, deine Stellung als Adjutant bei den Rundhelmen zu verlassen um im Sinne der Familie von Finsterborn das Familiengut Schwarze Au zu verwalten? Ich würde dich gerne als Vogt einsetzten, um das Gut in den besten Händen zu wissen, die ich mir vorstellen kann, bis meine Kinder das Alter und die nötigen Kenntnisse besitzen, um es selbst zu übernehmen.“

„Aber du hast doch die Uhlredders!“, protestierte Horatio zunächst.

„Horatio, die Uhlredders sind meine Dienstritter. Sie sind fähige Verwalter, keine Frage, aber sie gehören nicht zur Familie. Außerdem würde ich sie gerne als Dienstritter an meiner Seite in Urkenfurt haben, denn das würde bedeuten auch Minerva wieder bei mir zu haben, sie ist doch Knappin von Oberon. Auf Ritter Ludopoldt kann ich mich nicht verlassen. Er ist alt und dienstmüde. Außerdem trägt er mir noch immer nach, dass ich die Baronswürde erhalten habe und nicht er.“

Der Adjutant aus den Reihen der Rundhelme nickte. Er wusste um die Problematik mit Ludopoldt. Lyssandra konnte sehen, dass er grübelte. „Wie hast du dir das vorgestellt, Schwesterherz? Weihe mich in deine Gedankengänge ein.“

Die Baronin strich sich eine bernsteinfarbene Strähne aus dem Gesicht. „Nun, ich würde Ludopoldt mit einem Gutshof belehnen. Ich habe da schon einen im Auge, der verwaist ist. Du würdest auf das Familiengut umziehen und könntest deine Familie mitbringen. Deiner Frau und den Kindern gefällt die Schwarze Au doch sicherlich auch besser als der Neunaugensee, oder nicht?“

Horatio lächelte. „Das stimmt. Kularina hat sich auf dem Gut sehr wohlgefühlt, wenn wir dort waren, und für die Kinder ist es ja ohnehin nur noch eine Übergangsstation. Meinhardt könnte im Rondra eine Pagenstelle antreten, aber Kularina möchte ihn nicht aus der Familie geben. Kunert wäre in gut zwei Götterläufen soweit. Ich gebe dir vollkommen recht, dass Familiengut ist schon ein passenderer Ort als die Unterkunft, die ich ihnen in Dragentodt bieten kann.“

„Ich plane noch weiteres, Bruderherz. Denn ich möchte dich mit einem Grund in der Nähe von Urken belehnen. Du könntest den Bau eines Gutshofes vom Familiengut aus überwachen und koordinieren. Du wirst für fünf Götterläufe von mir vom Baronszehnt befreit, um die Mittel für die Bauarbeiten aufbringen zu können. Und aus dem Familieneigentum möchte ich dir auch noch eine Summe auszahlen, die den Bau eines standesgemäßen Gutes ermöglichen sollte. Du kannst letztlich auf dein eigenes Gut umziehen sobald es fertig ist und meine Tochter Minerva soll dann die Schwarze Au übernehmen. So haben auch deine Kinder einen Familiensitz und der Besitz der Finsterborns wird gefestigt und vermehrt. Was hältst du von dieser Idee?“

Die Augen ihres Bruders waren groß geworden während Lyssandra ausformuliert hatte, wie sie sich die Zukunft der Finsterborns vorstellte. Nun musste er tief durchatmen.
„Lyssandra, das klingt phantastisch und sehr vorausschauend! Ich finde das hervorragend und wie ich dich kenne, hast du es bereits durchgerechnet. Oder?“

Die Ältere der Geschwister nickte. „So ist es. Vater hat das Gut hervorragend geführt. Es sind Überschüsse erwirtschaftet worden und die Befreiung vom Baronszehnt sollte dir ein passendes finanzielles Polster schaffen, um den Bau zu vollenden. Es wird jetzt keine Burg sein wie Efferddorn, aber ein gesicherter Gutshof sollte schon realisierbar sein. Dann werden deine Kinder das Rittergut halten können, wenn sie auch die Ritterwürde anstreben. Zumindest solange ich und meine Nachkommen Barone von Urkentrutz sind.“

Horatio nickte eifrig. „Oh, Lyssandra. Das wäre wirklich eine große Ehre!“

Die ältere Schwester lächelte. „Das freut mich. Vielleicht kann ich dir ja auch in Sachen Pagenstelle für Meinhardt helfen. Wenn Kularina ihn lieber in der Familie belassen möchte… nun, wie wäre es, wenn er bei mir in Urkenfurt seine Zeit als Page verbringt? Du kannst es deiner Frau ja mal vorschlagen, und Meinhardt natürlich auch. Wie fändest du das?“

„Das wäre ein trefflicher Kompromiss. So bliebe er „in der Familie“ und wäre trotzdem außer Haus. Ich bespreche es mit Kularina. Der Junge ist recht aufgeweckt. Ich denke er könnte schon Gefallen finden an dem Leben auf Burg Urkenfurt. Minerva und Eylin wären dann auch mit auf der Burg?“

„Ja, das stimmt! Eylin wird sicher bis zur Knappenzeit in Urkenfurt bleiben. Wenn sie überhaupt eine ritterliche Laufbahn einschlägt. Bislang zeigt sie keinerlei Interesse daran. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Zwölfe es so haben wollen, dass die dritten der Finsterborner in ihren Dienst treten. Mal sehen ob sich eine besondere Neigung zeigt, so wie es damals bei Ysilda war.“
Lyssandra blickte etwas gedankenverloren. Der Gedanke, dass Eylin ihrer jüngeren Schwester nacheifern könnte, behagte ihr nicht so recht. Aber es sah nicht danach aus als wenn ihre Jüngste eine künstlerische Begabung hätte. Sie war sehr eifrig beim Lesen und Schreiben, lernte gerne Lieder und Gedichte auswendig und fragte alle Burgbewohner Löcher in den Bauch.

„Ich bin gespannt, ob aus dem Angebot des Barons von Schneehag etwas wird. Er hat mir angeboten, seinen Vetter zu fragen, ob er mir eines der Kinder seines verstorbenen Bruders, Erlinde Böcklin von von Hunsfurt, zur Knappin gibt. Die arme Waise ist in der Obhut von Anshag Böcklin von Bockenstein und soll eine ritterliche Ausbildung erhalten. Ich denke, sie könnte uns gut unterstützen. Auf der Burg kann ich jede zupackende Hand gebrauchen und wenn sie sich als geschickt im Kampf anstellt, erst recht.“

Der Bruder nickte. „Ja, das wäre schon gut. Du hast ja dann auch bald deine beiden Dienstritter um dich, die dich bei der Ausbildung der Knappin unterstützen können. Dazu noch Minerva, die nur unwesentlich älter ist. Besser kann sie es nicht treffen.“

Lyssandra nickte. „Ja, es ist viel zu tun, Horatio. Die Weichen für die Baronie müssen gestellt werden. Ich bin sehr froh, dich an meiner Seite zu wissen. Ich habe gute Unterstützung von der Familie und von wertvollen Freunden wie Oberon und Danja. Ich muss nun Stück für Stück alles angehen. Zum 1. Boron steht die Segnung des Familiengrabes in der Schwarzen Au an. Schwester Etiliane reist Ende Travia an. Du begleitest mich doch, nicht wahr?“

Horatio nickte. „Natürlich! Hast du Ysilda Bescheid gegeben?“

Die Schwester lachte auf. „Ysilda? Wie sollte ich? Ich weiß nicht einmal wo sie gerade ist! Wenn man den Gerüchten glaube darf ist sie zwar tatsächlich gerade in Weiden und holt hier und da Kinder auf Deres Rund, aber wer weiß das schon genau? Sie könnte auch schon wieder einen dieser Zugvögel getroffen haben und dem Klang der Flöte lauschend auf Wanderschaft sein. Saria tut mir leid. Das arme Kind. Ein Leben auf Wanderschaft. Heute hier, morgen da… furchtbar für ein Kind! Keine dauerhaften Freundschaften, keine Aussicht auf eine standesgemäße Erziehung und Bildung!“

Der Bruder nickte. „Das stimmt schon, Lyssandra, aber sie kennt es doch gar nicht anders. Ich nehme an, sie vermisst nichts.“

Die Baronin kräuselte die Lippen. „Das ist wohl wahr, macht es in meinen Augen aber nicht besser. Nun gut, ich schließe sie in meine Nachtgebete ein. Lass uns auf die Familie anstoßen!“

Sie hob den Humpen und prostete ihrem Bruder zu. „Auf die Finsterborns!“


Neuordnung auf Burg Urkenfurt
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Travia 1044

Als Lyssandra vom Baronsrat zurückgekehrt war standen einige wichtige Entscheidungen an. Zunächst wollte die Baronin mit Ritter Ludopold von Geißenbart sprechen. Seit den Ereignissen, die zum Tod der Baronsfamilie von Hartenau geführt hatten, wirkte der Dienstritter unzufrieden. Er machte Dienst nach Vorschrift, war aber nur selten bei gemeinschaftlichen Ereignissen zugegen und mied den Kontakt zur Familie seiner neuen Dienstherrin. Es war offensichtlich, dass der altgediente Dienstritter müde und seine Aufgabe leid war.

An diesem Morgen schickte sie den Waffenknecht Merthold aus, den Dienstritter zu bitten, in ihr Arbeitszimmer zu kommen. Lyssandra stand am Fenster. Der Blick von dort ging über die Steilwand des Felsens auf dem man die Burg errichtet hatte, über das Dorf Urkenfurt und das Tal des Fialgralwas. Sie liebte diesen Ausblick auf die reizvolle und abwechslungsreiche Natur von Urkentrutz, die Flusslandschaft des Finsterbachs und seiner Nebenbäche. Was für ein Glück hatte sie doch, nun die Geschicke dieses schönen Landstrichs lenken zu dürfen.

Das kraftvolle Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Die 43jährige straffte den Rücken. Sie hatte sich an diesem Tag bewusst in eine ritterliche Gewandung, bestehend aus lederner Reiterbruche, Leinenhemd und Lederkürass darüber, gekleidet.
„Tritt ein!“, forderte sie den Dienstritter auf, der daraufhin die Tür öffnete und das Schreibzimmer betrat.

„Ihr wolltet mich sprechen, Hochgeboren?“
Ludopold stellte sich breitbeinig mitten in den Raum und hielt die Hände vor dem Bauch verschränkt.

„Sehr richtig, mein Bester“, erwiderte die Baronin freundlich, aber bestimmt. „Nimm bitte Platz!“

Zunächst schien es als wolle er stehenbleiben. Als sich aber die Baronin niederließ, nahm auch der Dienstritter Platz. Lyssandra musterte den Mann. Der Ansatz des ergrauten Haupthaares war schon weit zurückgewichen und das Leben hatte in seinem Gesicht Spuren hinterlassen. Nicht nur Narben von Verletzungen im Kampf, sondern auch die Zeichen des Alters ließen sich erkennen: Falten und Tränensäcke. Sie wusste nicht genau wie alt er war, schätzte ihn aber auf Anfang 60. Gleich würde sie es genauer wissen.
„Wie alt bist du Ludopoldt?“, fragte sie geradeheraus.

Der Dienstritter zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. „62 Winter, Hochgeboren!“

Lyssandra nickte. „Und in diesen 62 langen Wintern hat sich keine Maid gefunden, die es wert gewesen wäre vor Travias Altar zu führen?“

Ludopold zuckte die Achseln. „Ach, die Richtige war einfach nicht dabei.“

Die Baronin quittierte die Aussage mit einem weiteren Kopfnicken. „Du hast eine Menge erlebt als Dienstritter der Baronin von Urkentrutz, nicht wahr? In wie viele Schlachten bist du an ihrer Seite gezogen?“

Nun atmete der Geißenbart tief durch. Sein Blick ging in Richtung der von mächtigen Balken gehaltenen Zimmerdecke.
„Ich glaube zählen kann ich das gar nicht, aber ich habe für die Ehre Rondras und die Sicherheit der Baronie und des Herzogtums so manche Schlacht geschlagen! Ein gutes Dutzend mag es sicher gewesen sein. Wobei ich in den vergangenen 10 Wintern eher die Burg beschirmt habe.“

Lyssandra wirkte beeindruckt. „Ja, und das hast du hervorragend gemacht, mein Bester! Darf ich dir eine weitere Frage stellen?“

„Nur zu!“, erwiderte der Dienstritter.

„Wie fändest du die Aussicht darauf, deinen Kopf nicht mehr in vorderster Front für die Sicherheit der Baronie hinhalten zu müssen?“

Ludopoldt hob die Augenbraue. Sein Gesichtsausdruck verriet ein tiefes Misstrauen. Er war sich bewusst, dass die Baronin ihn loswerden wollte. Doch so einfach wollte er sich nicht rauswerfen lassen. Die bezahlte Stellung als Dienstritter war ihm wichtig. Er hatte ja sonst nichts. Während die ältere Schwester das elterliche Gut geerbt hatte, war er leer ausgegangen.
„Nun, mit Verlaub, Hochgeboren, ich weiß nicht worauf Ihr hinauswollt.“

Er wusste es genau. Lyssandra war sich sicher, dass er ahnte worauf die Frage abzielte.
„Ich habe da ein Rittergut an der Baroniegrenze zu Herzoglich Waldleuen, das unbesetzt ist. Es ist hübsch gelegen, gleich an der Straße von Urken nach Firnroden in Waldleuen. Ein Weggasthof mit Schmiede und Stellmacherei ist auch dabei. Der Name ist Dachsenraith. Das würde ich dir gerne geben. Meine einzige Bedingung ist, dass du, solange du es dir körperlich zutraust, einen Knappen zum Ritter ausbildest und auch die Ausbildung von mindestens zwei bis vier Schildmaiden und Waffenknechte übernimmst. Schließlich muss die Baroniegrenze und damit auch die Grenze der Grafschaft Bärwalde beschirmt werden.“
Sie sah den Dienstritter herausfordernd an.

Es war zu erkennen, dass es hinter Ludopoldts Stirn arbeitete. Und während sich die Baronin unsicher war, wie er den Vorschlag aufnehmen würde, machte sich ein zufriedenes Lächeln auf den schmalen Lippen des Geißenbarts breit.
„Wisst ihr, Hochgeboren, das ist ein guter Vorschlag. Ich wollte Euch ohnehin schon fragen, ob es möglich wäre, mich aus dem Dienst zu entlassen. Dieses Angebot jetzt kommt mir sehr entgegen.“

Lyssandra fiel ein Stein vom Herzen. Es kostete also wenig Überzeugungsarbeit, Ludopoldt aufs Altenteil zu schicken.
„Dir wird die Überwachung der Grenze nach Waldleuen unterstehen. Aus diesem Grund brauchst du auch eine kleine Lanze. Im Augenblick ist das Gut verwaist, die Wachaufgabe hat eine Hand voll Büttel inne, die aus der Ortschaft Urken abgestellt sind. Aber das gefällt mir nicht. Ich möchte, dass du dich dort der Ausbildung der Waffentreuen widmest. Überprüfe, wer sich von den Bütteln vielleicht dafür eignet, als Waffenknecht oder Schildmaid in meinen Dienst zu treten und diejenigen jungen Maiden und Burschen unterstehen dir dann. Zudem werde ich sehen, wen man dir als Knappen oder Knappin in den Dienst geben kann. Hast du einen Vorschlag?“  

Ludopoldt dachte nach. Dann kam ihm eine Idee. „Eberlieb von Wachtelfinden hat zwei Töchter und drei Söhne. Ich war ja unlängst zum Census dort. Der Drittgeborene müsste jetzt im passenden Alter sein.“

„Das klingt gut. Ich wollte ihm ohnehin bald einen Besuch abstatten. Da werde ich mich dafür einsetzen, den Jungen nach Dachsenraith zu holen.“ Die Finsterbornerin lächelte erfreut. „Ich dachte an ein Umsiedeln nach dem Winter. Wäre das in deinem Sinne?“

Der altgediente Dienstritter nickte zufrieden. „Das klingt gut.“

Die Baronin entließ den Dienstritter und setzte sich hin, um einen Brief an Eberlieb von Wachtelfinden zu schreiben und ihren Besuch anzukündigen.


Umzüge
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Phex 1044

Wenige Tage nachdem Lyssandra von ihrer Reise in die Nachbarbaronien Pallingen und Blaubinge zurückgekehrt war, wurde es turbulent auf der Burg. Mehrere Umzüge standen ins Haus. Ritter Ludopoldt würde die Burg verlassen und auf Gut Dachsenraith an der Baronie- und Grafschaftsgrenze zur Heldentrutz umziehen. Zeitgleich zogen Danje und Oberon von Uhlredder, Lyssandras Dienstritterpaar auf die Burg und mit ihnen Minerva, die Erstgeborene der Baronin und Knappin Oberons.

Das Familiengut Schwarze Au würde jedoch nicht lange verwaist bleiben. Lyssandras Bruder Horatio nebst Familie hatte seine Stellung als Adjutant des Kommandanten auf der Feste Dragentodt aufgegeben und siedelte nun auf das Junkergut um. Er sollte das Familiengut verwalten bis Minerva die Schwertleite erhalten hatte und reif genug war mit dieser Aufgabe betraut zu werden.

Die Umzüge brachten erwartungsgemäß eine große Unruhe auf die Baronsburg. Laut und eng ging es auf den Gängen der Urkenfurter Burg zu. Kisten wurden gepackt, getragen, ein- und ausgeräumt.

Bereits am frühen Vormittag verabschiedete sich Ludopoldt von Geißenbart bei seiner Dienstherrin. Die wenigen persönlichen Habseligkeiten des Dienstritters passten in die Satteltaschen und auf den Rücken seines Pferdes. Etwas steif verabschiedete er sich von der Baronin. Das verwunderte Lyssandra nicht, man war nie wirklich miteinander warm geworden. Der neue Posten an der Baroniegrenze gab beiden die Möglichkeit genügen Abstand voneinander zu haben. Die Finsterbornerin war froh um diese einfache und praktische Lösung. Der in die Jahre gekommene Ludopoldt würde seiner Aufgabe, der Kontrolle der Baronie- und Grafschaftsgrenze und der Ausbildung von Waffenknechten und –mägden sicherlich gerecht werden. Die Baronin übergab ihm noch einige Schriftstücke und ein paar mündliche Aufträge, dann versprach sie, ihm in seinem neuen Domizil Dachsenraith sobald wie möglich einen Besuch abzustatten und entließ ihn mit dem Rittergruß.

 

Am selben Tag rollte ein Pferdewagen mit den sperrigen Besitztümern der Uhlredders auf den Hof der Burg. Nach einer Übernachtung in der Seidelbast-Rast erreichte der Wagen Burg Urkenfurt am frühen Nachmittag. Die beiden Ritter und Lyssandras Tochter Minerva würden wohl am Abend folgen. Sie hatten den Wagen bereits einen Tag früher geschickt, da er schwer war und nur langsam vorankam.

***

Minervas Nordmähne Bazi hatte ausnahmsweise schwer zu tragen. Nicht Minerva, die zwar großgewachsen aber gertenschlank war, belastete den Pferderücken, sondern die Satteltaschen mit den persönlichen Besitztümern der Knappin. Da es nicht nur auf einen Ritt über ein paar Tage ging, sondern sich um einen Umzug vom Junkergut Schwarze Au auf die Baronsburg in Urkenfurt handelte, hatte sie neben mehreren Sätzen Wechselkleidung auch ein paar persönliche Dinge mitgenommen. Sie würde eines Tages, wenn sie hoffentlich die Schwertleite erhalten und auch erste Erfahrungen als Ritterin gesammelt hatte, wieder auf dem Junkergut einziehen, doch bis dahin würde noch einiges an Wasser den Fialgralwa hinuntergespült werden.

Bazi nutzte einen Moment der Unaufmerksamkeit seiner Reiterin um sich einen Zweig eines Nadelbaumes abzureißen. Genüsslich kauend verschwand die nadelbewehrte Zwischenmahlzeit im Pferdemaul. Minerva fluchte und schimpfte mit dem Nordmähnenwallach. Umsonst. Grüner Speichel umschäumte bereits das Pferdemaul und verströmte einen intensiven Nadelwaldduft.

Die Landschaft änderte sich. Die Bingenbacher Lohe hatten sie schon lange hinter sich gelassen. Nun wich das Brachland bewirtschafteten Flächen. Weiden, Streuobstwiesen und kleine Äcker begleiteten den Weg, ab und an ein Gehöft. Die Zahl der Höfe und Hütten nahm zu und schließlich erkannte sie die Burg auf dem gegenüberliegenden Flussufer. Die Hänge des Fialgralwas leuchteten in frischem Frühlingsgrün. Das kräftige Blau von Schwertlilien schmückte die Ufer auf beiden Seiten. Minerva nahm die Zügel an, um Bazi aufmerksam zu machen. Schließlich ging es erstmal steil und in Serpentinen vom Hochufer hinunter zur Brücke über den Finsterbach. Dann anschließend wieder hinauf bis zur Burg.

Das Klappern der Hufe hallte in ihren Ohren als sie hinter Oberon und Danje den Fluss querte. Der Urkenweg führte nun in einem leichten Bogen bergan. Das Dorf lag zu ihrer Linken. Nur wenige Häuser und einfache Hütten fanden sich rechts des Weges, dafür eine Mühle und die Steganlagen für die kleinen Lastenboote, die man Plätten nannte und eine Lände für Flöße.

Minerva freute sich darauf ihre Mutter wiederzusehen. Ein schöner Nebeneffekt des Umzugs war es, dass sie den Rest ihrer Knappenzeit in der Nähe der Mutter und der jüngsten Schwester Eylin verbringen würde. Eylin hatte schon klargestellt, dass sie keine Ritterin werden wollte. Naja, es gab schon Momente wo auch Minerva sich fragte, ob das Ritterdasein der richtige Weg für sie war. Aber eine echte Alternative hatte es für sie ohnehin nicht gegeben. Mutter und Großvater hatten ihr keine Wahl gelassen. Ein wenig neidete sie der kleinen Schwester, dass diese frei entscheiden durfte was sie im Leben machen wollte.

Das Klappern der Hufe auf der Zugbrücke riss die älteste Tochter der Baronin von Urkentrutz aus ihren Gedanken. Und da war sie auch schon: Eylin. Wie ein Wirbelwind kam das blondbezopfte Mädchen auf den Nordmähnenwallach zugelaufen. In stoischer Ruhe ließ dieser die Streicheleinheiten über sich ergehen.
„Mini! Wie schön dich zu sehen! Jetzt habe ich endlich jemanden zum Spielen!“, plapperte sie fröhlich drauflos.

Sofort bildete sich eine Zornesfalte auf Minervas Stirn. „Ich heiße Minerva, Eylin. Ich bin nicht mehr die kleine Mini, merk´ dir das! Und spielen tu ich auch nicht mehr mit dir! Ich bin jetzt Knappin, eine Kämpferin mit Schwert und Schild!“

„Pah, Holzschwert und Pappschild!“, konterte Eylin. „Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass du die Stiefel von Oberon und Danje putzen darfst!“

„Halt die Klappe!“, zischte die Ältere. „Oder noch besser, halt mal Bazi fest, damit ich absteigen kann!“

„Halt ihn doch selbst!“, fauchte Eylin zurück und drehte ab ohne Minerva eines weiteren Blickes zu würdigen. Stattdessen hüpfte sie im Pferdeschritt über den Burghof zum Backhaus. Dort war Dorntrud bereits mit dem Kuchenbacken fertig. Sie hatte frische Haselnüsse und Karotten zu einem herrlich luftigen Kuchen verarbeitet. Es duftete wunderbar.

Minerva hingegen brachte den Nordmähnenwallach selbst zum Stallgebäude. Um Oberons und Danjes Pferde hatten sich bereits der Schmied und Stallmeister Wunibald und ein Knecht gekümmert. Die Knappin löste die Riemen der Satteltaschen und den Sattelgurt und nahm sie ihrem Pferd ab. Dann brachte sie Bazi in die für ihn vorgesehene Box und sorgte dafür, dass er gefüttert und getränkt wurde.

Als sie aus dem Stallgebäude kam sah sie ihre Mutter, die inzwischen in den Hof gekommen war, um ihre Freunde und Dienstritter und natürlich ihre Erstgeborene zu begrüßen.
Minerva zögerte, ob es sich für sie geziemte ihrer Mutter in die Arme zu fallen, doch die Entscheidung wurde ihr abgenommen. Sobald Lyssandra ihre Tochter aus dem Stall kommen sah, ging sie mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Etwas widerstrebend, da ihr die mütterliche Begrüßung unter den Augen der Burgbewohner peinlich war, dennoch aber mit der Liebe einer Tochter, die sich freute, die Mutter wiederzusehen, ließ sich die Siebzehnjährige in die Arme schließen.

Das Ehepaar Oberon und Danje Uhlredder hatte sich auf dem Weg von der Schwarzen Au bis zur Baronsburg kaum mit ihrer Knappin befasst. Beide waren die ganze Zeit tief in Gespräche versunken. Sie unterhielten sich über die diversen Umzüge, die beide schon hinter sich hatten. Die Zeit als Fahrende ohne wirkliches Zuhause und die Frage ob der Umzug auf die Baronsburg wohl ihr letzter sein würde. Minerva hatte aber bemerkt, dass beide sie im Auge hatten. Als Bazi sich zum Beispiel den Tannenzweig gemopst hatte, hatte Danje grinsend Oberon mit einem Nicken drauf hingewiesen. Als Eylin Minerva zum Spielen aufgefordert hatte und eine Abfuhr erhalten hatte, war es andersrum gelaufen. Als Minerva sich selbst um ihr Pferd kümmerte hatte Oberon ihr zu verstehen gegeben, dass er dieses Verhalten begrüßte. Sie selbst kümmerten sich sonst meistens auch selbst um ihre Pferde ließen aber zu, dass die Stallknechte ihrer Arbeit nachgingen und begrüßten Lyssandra. Lächelnd standen sie nebeneinander als Baronin nun ihre Älteste in den Arm nahm.

„Na…Hochgeboren…mir scheint Euch kam die Zeit seitdem ihr Eure Tochter das letzte Mal gesehen habt länger vor!“

Unterbrach Oberon schließlich den Moment der „Mutter-Tochter-Innigkeit“.

Lyssandras Wangen röteten sich leicht. Es war ihr peinlich, dass die Mutterliebe so unübersehbar gewesen war. Schließlich sollte Minerva ja eine tapfere Ritterin und Thronerbin werden. Aber so ganz konnte die Baronin nicht aus ihrer Haut schlüpfen. Sie war schließlich immer noch eine Mutter. Geschickt überging sie den Kommentar ihres Freundes und Dienstritters, indem sie ihn korrigierte.
„Das Hochgeboren kannst du dir sparen, Oberon. Wir kennen uns seit meiner Kindheit. Du bist der älteste Freund den ich habe. Also, wenn es sich nicht um eine offizielle Veranstaltung handelt oder einen wichtigen Gast, bleib bitte beim Du und meinem Vornamen!“

Oberon hatte Lyssandra, seine gefühlte kleine Schwester, die nun in der Adelshierarchie weit über ihm einfachen Dienstritter stand, mit der Verwendung des Hochgeborenen ein wenig foppen wollen. Da sie unter sich waren, soweit das auf einem Burghof ging, spielte er das Spiel ein wenig weiter und machte auf ihre Korrektur eine überkandidelte Verbeugung.

„Aber natürlich!“

Danje musste ob der Eskapaden von Oberon auch ein wenig schmunzeln dachte nicht zum ersten Mal an zwei sich ärgernde Geschwister.

Nun wurde Lyssandra bewusst, dass Oberon sie veräppelt hatte. Sie entschied sich ihre Niederlage einfach wegzulächeln.

„Hattet ihr eine gute Reise? Und wie steht es um die Schwarze Au? Gibt es etwas zu berichten?“

Danjes Pflichtbewusstsein gewann die Oberhand.

„Soweit alles in Ordnung und dein Bruder sollte keine Probleme haben die Verwaltung nahtlos zu übernehmen. Es gibt ein paar Probleme auf einer Obstwiese wo einige der Bäume von einem Pilz befallen sind. Ein Beoniter sollte sich die Sache einmal genauer anzusehen, sobald diese in Urkentrutz angekommen sind. Dafür gedeihen die Einbeeren, so berichten die Sammler, ausgesprochen gut, haben sich weit ausgedehnt und wenn kein Frost mehr kommt sollte es eine sehr ordentliche Ernte geben dieses Jahr. Wenn dem so ist sollte man überlegen frühzeitig vielleicht einen Boten nach Donnerbach zur Akademie zu schicken auf das diese eine größere Menge aufkaufen. Oberon wird darüber aber informiert, dafür haben wir gesorgt.“

„Hervorragend!“ Die Baronin freute sich über die Nachrichten.
„Das mit dem Pilz macht mir aber schon Sorgen. Wie gut, dass die Beoniter sehr bald hier bei uns eintreffen werden. Ich erwarte sie jeden Tag. Sobald sie eingezogen und das Weihefest der neuen Klosterzelle gefeiert wurde, soll einer der Diener der Gebenden sich das ansehen.“

Die Klosterweihe war für den 1. Peraine vorgesehen. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Gebäude des ehemaligen Freibauerngutes, das aufgrund fehlender Nachkommen der Perainekirche vererbt worden war, würde die Keinzelle eines neuen Klosters der Thêrbuniten bilden.

Die Baronin drehte sich um und winkte die Hausdame Traugunde Plötzenbühler zu sich. Sie und Lyssandras Zofe Wigdis hatten sich ein wenig im Hintergrund gehalten. Als die Begrüßung beendet war, trat die Hausdame vor und bot sich an, den Neuankömmlingen ihre Kammern zu zeigen. Die Schlafkammern der Baronin, ihrer Töchter und der Dienstritter befanden sich im zweiten Stock des Palas. Sie waren über den Winter renoviert worden. Die Baronin erwartete in Bälde die jährliche Lieferung ihrer Verwandten aus dem Horasreich. Sie hatte einen Boten geschickt und der Tante eine Wunschliste beigefügt. Auf dieser Liste standen vor allem Stoffe, nicht nur für Kleidung, sondern auch Vorhang- und Dekostoffe, dazu Wein und andere Spezereien für Leib- und Magen, damit sie ihre Gäste fortan standesgemäß bewirten konnte. Lyssandra überlegte sogar einen Möbelschreiner aus dem Lieblichen Feld anzuwerben um ihre Räumlichkeiten standesgemäß ausstatten zu lassen. Diesen Wunsch hegte sie schon lange. Sie wollte sich mit ihrem Bruder darüber austauschen, wenn dieser in den kommenden Tagen auf dem Weg in die Schwarze Au bei ihr Station machen würde.

 

***

 

Wenige Tage später…

Tatsächlich kam nur wenige Tage später Horatios Knappe und kündigte den Tross ihres Bruders an. Horatio von Finsterborn folgte beinahe einen Tag danach. Er begleitete seine Gemahlin, die mit den vier Kindern in einem einfachen Reisewagen saß. Ein weiterer einfacher Transportwagen hatte die Habseligkeiten des Ehepaares und der vier Kinder geladen. Horatio wirkte ein wenig enerviert von der Langsamkeit mit der sein Tross unterwegs war.

Als der Zweitgeborene der Finsterborner dem Tross voran in den Hof von Burg Urkenfurt einritt wurde er bereits erwartet. Er ließ sich von seinem Knappen Ludebrecht aus dem Sattel helfen. Dieser brachte dann auch seinen Trallopper Riesen in den Stall, während Horatio seiner Gemahlin aus dem Reisewagen half. Die Kinder kletterten wie die Wiesel hinterher. Den Zwillingen half die Kinderfrau von Horatios Gemahlin Kularina.

Lyssandra breitete die Arme aus. „Horatio! Bruderherz! Wie schön, dich endlich wieder dauerhaft in meiner Nähe zu wissen!“

Horatio lächelte etwas gezwungen. Kularina hingegen stimmte der Baronin voll und ganz zu als sie sich in die Arme der Schwägerin fallen ließ.
„Vor allem sind wir endlich diesem furchtbaren Nebelloch am Neunaugensee entronnen! Alles ist besser als den Rest des Lebens in der kalten Feuchtigkeit dieses orkverseuchten Landstrichs mit einem Gewässer zu verbrinden, dessen krankheitsbringenden Ausdünstungen einem jeglichen Lebensmut rauben.“

Die Baronin von Urkentrutz löste sich von ihrer Schwägerin. „Na, ich hoffe doch, dass die Schwarze Au nicht nur das kleinere Übel ist.“

Kularina hob lachend die Hände. „Oh nein, Lyssandra! So sollte es nicht klingen! Es war auch gar nicht so gemeint.“

„Na, das will ich aber hoffen!“, erwiderte Lyssandra in gespielter Entrüstung. „Nun kommt, wir wollen eine Kleinigkeit zu uns nehmen. Oberon und Danje kommen etwas später, sie beaufsichtigen die Umbauarbeiten an dem Gut, das zur Klosterzelle der Beoniter werden soll. Das Therbûnitenkloster wird „Beonslob“ heißen. Ein schöner und passender Name, findet ihr nicht?“

Die Baronin plauderte dahin, während sie ihrem Bruder und seiner Familie voranging in Richtung Palas.

 

Zum Abendessen waren dann Oberon und Danje auch wieder da. Man traf sich im Thronsaal, die Stimmung war gelöst. Es gab eine Kräutersuppe und danach Köstlichkeiten aus der Baronie. Dorntrud hatte Kräuterpfannkuchen gemacht, die sie mit Ziegenfrischkäse und Bärlauchblättern belegt, gerollt und in kleine Rollen geschnitten hatte. Den Ziegenfrischkäse gab es zudem als Brotaufstrich mit Kräutern und Blüten der ersten Frühlingsblüher vermischt, farbenfroh und frühlingshaft. Dazu reichte die Köchin Bingenbacher Räucherschinken und verschiedene Ziegen- und Schafskäse. Das frisch gebackene Brot der Burgköchin duftete herrlich. Ihm wurde eifrig zugesprochen.

Horatio tunkte das Brot in die Suppe und schob es in den Mund. Als er Krume soweit reduziert hatte, dass er wieder sprechen konnte, wandte er sich an Oberon und Danja.
„Ihr wart heute bei dem zukünftigen Therbûnitenkloster?“, fragte er und implizierte damit den Wunsch über die baulichen Fortschritte informiert zu werden.

Oberon und Danje hatten das Abendessen in vollen Zügen genossen, es aber eher schweigsam verbracht. Aus keinem besonderen Grund nur schienen die beiden den vereinten Geschwistern zunächst das Feld überlassen zu wollen. Erst direkt angesprochen fingen sie an sich reger zu beteiligen.

„Ja, so ist es! Bevor die Beoniter ankommen gibt noch jede Menge zu tun. Wir haben die Gelegenheit genutzt und tatkräftig an dieser und jener Stelle geholfen. Zugegeben nicht ganz uneigennützig. Wir hoffen dadurch das sie, trotz der arbeitsintensiven Anfangszeit schnell Zeit finden, um zur Schwarzen Au zu kommen. Habt ihr schon von den Pilzen gehört?“

Der Bruder der Baronin guckte etwas verständnislos.

„Wie welche Pilze? Wir haben Phex, da gibt es keine Pilze!“

Beide Dienstritter machten ein etwas unglückliches Gesicht.

„Nun, eigentlich ist die Schwarze Au gut vorbereitet für die Übernahme. Alles ist geordnet und sortiert und in guter Verfassung. Wir können sogar vermelden, dass die Berichte der ersten Sammler darauf hindeuten, dass es ein sehr gutes Einbeerenjahr werden könnte. Mit sehr vielen Beeren. Allerdings machen wir uns ein kleines bisschen Sorgen da ein Teil der Obstbäume von einem Pilz befallen scheint. Die Bäume sehen erstmal noch gesund aus, aber es sieht so aus als ob es sich ausbreitet. Sowohl von Baum zu Baum als auch auf einem befallenen Baum selbst.“

Horatio machte große Augen. „Bei Peraine, dann brauchen wir ja ganz dringend die Hilfe der Perainediener! Was, wenn es zu spät ist für die Bäume? Wenn die Beoniter noch brauchen und sich dieser Aufgabe nicht gleich annehmen können? Ich könnte gleich weiterreiten nach Herzoglich Dornstein und im Kloster Perainetrutz einen geeigneten Geweihten holen. Wäre das nicht besser? Was meinst du, Schwester?“

„Nun“, ließ sich Lyssandra vernehmen. „Die Obstbäume sind ein wichtiger Teil des Reichtums der Schwarzen Au. Wir müssen dringend etwas unternehmen! Also doch gleich nach Perainetrutz und dann später, wenn sie da sind, die Beoniter zu Rate ziehen? Was meinst du Oberon?“

Oberon sah etwas hilflos aus.

„Nun…also ich weiß nicht wirklich viel über Obstbäume, ihren Anbau und …Haltung. Wir haben davon in Stegelsche immer nur die gehabt, die so gewachsen sind aber nie welche extra angepflanzt. Für mich sah es nicht so schlimm aus und waren auch noch nicht so viele. Allerdings haben die Bauern, die sich im Allgemeinen um die Bäume kümmern, schon besorgt geklungen. Sie waren sich relativ sicher, dass meisten Bäume den Pilz an sich alleine in den Griff bekämen es aber dann dazu führen könnte, dass sie nur wenige oder gar keine Früchte tragen und das vielleicht länger als eine Ernte.“

Horatio verzog das ohnehin immer von Melancholie umwölkte Gesicht. „Gar nicht gut, nein wirklich, gar nicht gut! Ich würde sagen, wir warten mal ab, ob die Beoniter innerhalb der nächsten Tag kommen, bevor wir in die Schwarze Au weiterreisen. Wenn nicht, schicken wir einen Boten nach Perainetrutz sobald ich mir ein Bild von diesem ominösen Pilz gemacht habe.“

„Das ist eine gute Idee, Brüderchen. So machen wir es!“ Lyssandra versuchte den Bruder abzulenken, um seine Melancholie durch düstere Gesprächsthemen nicht noch zusätzlich zu befördern.
„Werdet ihr bis zur Weihe des Thêrbunitenklosters hierbleiben, Horatio?“, fragte sie.

Der Zweitgeborene Finsterborner schüttelte den Kopf. „Wir erholen uns ein oder zwei Tage von den Reisestrapazen, dann aber wollen wir unser neues Zuhause beziehen. Nicht wahr, Kularina?“

Die Greifenfurterin nickte. „Oh ja, ich freue mich auf den Frühling in der Schwarzen Au. Nach den Jahren am Nebelmoor brauche ich dringend etwas Farben!“