Umzüge
Burg Urkenfurt, Baronie Urkentrutz, Phex 1044
Wenige Tage nachdem Lyssandra von ihrer Reise in die Nachbarbaronien Pallingen und Blaubinge zurückgekehrt war, wurde es turbulent auf der Burg. Mehrere Umzüge standen ins Haus. Ritter Ludopoldt würde die Burg verlassen und auf Gut Dachsenraith an der Baronie- und Grafschaftsgrenze zur Heldentrutz umziehen. Zeitgleich zogen Danje und Oberon von Uhlredder, Lyssandras Dienstritterpaar auf die Burg und mit ihnen Minerva, die Erstgeborene der Baronin und Knappin Oberons.
Das Familiengut Schwarze Au würde jedoch nicht lange verwaist bleiben. Lyssandras Bruder Horatio nebst Familie hatte seine Stellung als Adjutant des Kommandanten auf der Feste Dragentodt aufgegeben und siedelte nun auf das Junkergut um. Er sollte das Familiengut verwalten bis Minerva die Schwertleite erhalten hatte und reif genug war mit dieser Aufgabe betraut zu werden.
Die Umzüge brachten erwartungsgemäß eine große Unruhe auf die Baronsburg. Laut und eng ging es auf den Gängen der Urkenfurter Burg zu. Kisten wurden gepackt, getragen, ein- und ausgeräumt.
Bereits am frühen Vormittag verabschiedete sich Ludopoldt von Geißenbart bei seiner Dienstherrin. Die wenigen persönlichen Habseligkeiten des Dienstritters passten in die Satteltaschen und auf den Rücken seines Pferdes. Etwas steif verabschiedete er sich von der Baronin. Das verwunderte Lyssandra nicht, man war nie wirklich miteinander warm geworden. Der neue Posten an der Baroniegrenze gab beiden die Möglichkeit genügen Abstand voneinander zu haben. Die Finsterbornerin war froh um diese einfache und praktische Lösung. Der in die Jahre gekommene Ludopoldt würde seiner Aufgabe, der Kontrolle der Baronie- und Grafschaftsgrenze und der Ausbildung von Waffenknechten und –mägden sicherlich gerecht werden. Die Baronin übergab ihm noch einige Schriftstücke und ein paar mündliche Aufträge, dann versprach sie, ihm in seinem neuen Domizil Dachsenraith sobald wie möglich einen Besuch abzustatten und entließ ihn mit dem Rittergruß.
Am selben Tag rollte ein Pferdewagen mit den sperrigen Besitztümern der Uhlredders auf den Hof der Burg. Nach einer Übernachtung in der Seidelbast-Rast erreichte der Wagen Burg Urkenfurt am frühen Nachmittag. Die beiden Ritter und Lyssandras Tochter Minerva würden wohl am Abend folgen. Sie hatten den Wagen bereits einen Tag früher geschickt, da er schwer war und nur langsam vorankam.
***
Minervas Nordmähne Bazi hatte ausnahmsweise schwer zu tragen. Nicht Minerva, die zwar großgewachsen aber gertenschlank war, belastete den Pferderücken, sondern die Satteltaschen mit den persönlichen Besitztümern der Knappin. Da es nicht nur auf einen Ritt über ein paar Tage ging, sondern sich um einen Umzug vom Junkergut Schwarze Au auf die Baronsburg in Urkenfurt handelte, hatte sie neben mehreren Sätzen Wechselkleidung auch ein paar persönliche Dinge mitgenommen. Sie würde eines Tages, wenn sie hoffentlich die Schwertleite erhalten und auch erste Erfahrungen als Ritterin gesammelt hatte, wieder auf dem Junkergut einziehen, doch bis dahin würde noch einiges an Wasser den Fialgralwa hinuntergespült werden.
Bazi nutzte einen Moment der Unaufmerksamkeit seiner Reiterin um sich einen Zweig eines Nadelbaumes abzureißen. Genüsslich kauend verschwand die nadelbewehrte Zwischenmahlzeit im Pferdemaul. Minerva fluchte und schimpfte mit dem Nordmähnenwallach. Umsonst. Grüner Speichel umschäumte bereits das Pferdemaul und verströmte einen intensiven Nadelwaldduft.
Die Landschaft änderte sich. Die Bingenbacher Lohe hatten sie schon lange hinter sich gelassen. Nun wich das Brachland bewirtschafteten Flächen. Weiden, Streuobstwiesen und kleine Äcker begleiteten den Weg, ab und an ein Gehöft. Die Zahl der Höfe und Hütten nahm zu und schließlich erkannte sie die Burg auf dem gegenüberliegenden Flussufer. Die Hänge des Fialgralwas leuchteten in frischem Frühlingsgrün. Das kräftige Blau von Schwertlilien schmückte die Ufer auf beiden Seiten. Minerva nahm die Zügel an, um Bazi aufmerksam zu machen. Schließlich ging es erstmal steil und in Serpentinen vom Hochufer hinunter zur Brücke über den Finsterbach. Dann anschließend wieder hinauf bis zur Burg.
Das Klappern der Hufe hallte in ihren Ohren als sie hinter Oberon und Danje den Fluss querte. Der Urkenweg führte nun in einem leichten Bogen bergan. Das Dorf lag zu ihrer Linken. Nur wenige Häuser und einfache Hütten fanden sich rechts des Weges, dafür eine Mühle und die Steganlagen für die kleinen Lastenboote, die man Plätten nannte und eine Lände für Flöße.
Minerva freute sich darauf ihre Mutter wiederzusehen. Ein schöner Nebeneffekt des Umzugs war es, dass sie den Rest ihrer Knappenzeit in der Nähe der Mutter und der jüngsten Schwester Eylin verbringen würde. Eylin hatte schon klargestellt, dass sie keine Ritterin werden wollte. Naja, es gab schon Momente wo auch Minerva sich fragte, ob das Ritterdasein der richtige Weg für sie war. Aber eine echte Alternative hatte es für sie ohnehin nicht gegeben. Mutter und Großvater hatten ihr keine Wahl gelassen. Ein wenig neidete sie der kleinen Schwester, dass diese frei entscheiden durfte was sie im Leben machen wollte.
Das Klappern der Hufe auf der Zugbrücke riss die älteste Tochter der Baronin von Urkentrutz aus ihren Gedanken. Und da war sie auch schon: Eylin. Wie ein Wirbelwind kam das blondbezopfte Mädchen auf den Nordmähnenwallach zugelaufen. In stoischer Ruhe ließ dieser die Streicheleinheiten über sich ergehen.
„Mini! Wie schön dich zu sehen! Jetzt habe ich endlich jemanden zum Spielen!“, plapperte sie fröhlich drauflos.
Sofort bildete sich eine Zornesfalte auf Minervas Stirn. „Ich heiße Minerva, Eylin. Ich bin nicht mehr die kleine Mini, merk´ dir das! Und spielen tu ich auch nicht mehr mit dir! Ich bin jetzt Knappin, eine Kämpferin mit Schwert und Schild!“
„Pah, Holzschwert und Pappschild!“, konterte Eylin. „Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass du die Stiefel von Oberon und Danje putzen darfst!“
„Halt die Klappe!“, zischte die Ältere. „Oder noch besser, halt mal Bazi fest, damit ich absteigen kann!“
„Halt ihn doch selbst!“, fauchte Eylin zurück und drehte ab ohne Minerva eines weiteren Blickes zu würdigen. Stattdessen hüpfte sie im Pferdeschritt über den Burghof zum Backhaus. Dort war Dorntrud bereits mit dem Kuchenbacken fertig. Sie hatte frische Haselnüsse und Karotten zu einem herrlich luftigen Kuchen verarbeitet. Es duftete wunderbar.
Minerva hingegen brachte den Nordmähnenwallach selbst zum Stallgebäude. Um Oberons und Danjes Pferde hatten sich bereits der Schmied und Stallmeister Wunibald und ein Knecht gekümmert. Die Knappin löste die Riemen der Satteltaschen und den Sattelgurt und nahm sie ihrem Pferd ab. Dann brachte sie Bazi in die für ihn vorgesehene Box und sorgte dafür, dass er gefüttert und getränkt wurde.
Als sie aus dem Stallgebäude kam sah sie ihre Mutter, die inzwischen in den Hof gekommen war, um ihre Freunde und Dienstritter und natürlich ihre Erstgeborene zu begrüßen.
Minerva zögerte, ob es sich für sie geziemte ihrer Mutter in die Arme zu fallen, doch die Entscheidung wurde ihr abgenommen. Sobald Lyssandra ihre Tochter aus dem Stall kommen sah, ging sie mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Etwas widerstrebend, da ihr die mütterliche Begrüßung unter den Augen der Burgbewohner peinlich war, dennoch aber mit der Liebe einer Tochter, die sich freute, die Mutter wiederzusehen, ließ sich die Siebzehnjährige in die Arme schließen.
Das Ehepaar Oberon und Danje Uhlredder hatte sich auf dem Weg von der Schwarzen Au bis zur Baronsburg kaum mit ihrer Knappin befasst. Beide waren die ganze Zeit tief in Gespräche versunken. Sie unterhielten sich über die diversen Umzüge, die beide schon hinter sich hatten. Die Zeit als Fahrende ohne wirkliches Zuhause und die Frage ob der Umzug auf die Baronsburg wohl ihr letzter sein würde. Minerva hatte aber bemerkt, dass beide sie im Auge hatten. Als Bazi sich zum Beispiel den Tannenzweig gemopst hatte, hatte Danje grinsend Oberon mit einem Nicken drauf hingewiesen. Als Eylin Minerva zum Spielen aufgefordert hatte und eine Abfuhr erhalten hatte, war es andersrum gelaufen. Als Minerva sich selbst um ihr Pferd kümmerte hatte Oberon ihr zu verstehen gegeben, dass er dieses Verhalten begrüßte. Sie selbst kümmerten sich sonst meistens auch selbst um ihre Pferde ließen aber zu, dass die Stallknechte ihrer Arbeit nachgingen und begrüßten Lyssandra. Lächelnd standen sie nebeneinander als Baronin nun ihre Älteste in den Arm nahm.
„Na…Hochgeboren…mir scheint Euch kam die Zeit seitdem ihr Eure Tochter das letzte Mal gesehen habt länger vor!“
Unterbrach Oberon schließlich den Moment der „Mutter-Tochter-Innigkeit“.
Lyssandras Wangen röteten sich leicht. Es war ihr peinlich, dass die Mutterliebe so unübersehbar gewesen war. Schließlich sollte Minerva ja eine tapfere Ritterin und Thronerbin werden. Aber so ganz konnte die Baronin nicht aus ihrer Haut schlüpfen. Sie war schließlich immer noch eine Mutter. Geschickt überging sie den Kommentar ihres Freundes und Dienstritters, indem sie ihn korrigierte.
„Das Hochgeboren kannst du dir sparen, Oberon. Wir kennen uns seit meiner Kindheit. Du bist der älteste Freund den ich habe. Also, wenn es sich nicht um eine offizielle Veranstaltung handelt oder einen wichtigen Gast, bleib bitte beim Du und meinem Vornamen!“
Oberon hatte Lyssandra, seine gefühlte kleine Schwester, die nun in der Adelshierarchie weit über ihm einfachen Dienstritter stand, mit der Verwendung des Hochgeborenen ein wenig foppen wollen. Da sie unter sich waren, soweit das auf einem Burghof ging, spielte er das Spiel ein wenig weiter und machte auf ihre Korrektur eine überkandidelte Verbeugung.
„Aber natürlich!“
Danje musste ob der Eskapaden von Oberon auch ein wenig schmunzeln dachte nicht zum ersten Mal an zwei sich ärgernde Geschwister.
Nun wurde Lyssandra bewusst, dass Oberon sie veräppelt hatte. Sie entschied sich ihre Niederlage einfach wegzulächeln.
„Hattet ihr eine gute Reise? Und wie steht es um die Schwarze Au? Gibt es etwas zu berichten?“
Danjes Pflichtbewusstsein gewann die Oberhand.
„Soweit alles in Ordnung und dein Bruder sollte keine Probleme haben die Verwaltung nahtlos zu übernehmen. Es gibt ein paar Probleme auf einer Obstwiese wo einige der Bäume von einem Pilz befallen sind. Ein Beoniter sollte sich die Sache einmal genauer anzusehen, sobald diese in Urkentrutz angekommen sind. Dafür gedeihen die Einbeeren, so berichten die Sammler, ausgesprochen gut, haben sich weit ausgedehnt und wenn kein Frost mehr kommt sollte es eine sehr ordentliche Ernte geben dieses Jahr. Wenn dem so ist sollte man überlegen frühzeitig vielleicht einen Boten nach Donnerbach zur Akademie zu schicken auf das diese eine größere Menge aufkaufen. Oberon wird darüber aber informiert, dafür haben wir gesorgt.“
„Hervorragend!“ Die Baronin freute sich über die Nachrichten.
„Das mit dem Pilz macht mir aber schon Sorgen. Wie gut, dass die Beoniter sehr bald hier bei uns eintreffen werden. Ich erwarte sie jeden Tag. Sobald sie eingezogen und das Weihefest der neuen Klosterzelle gefeiert wurde, soll einer der Diener der Gebenden sich das ansehen.“
Die Klosterweihe war für den 1. Peraine vorgesehen. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Gebäude des ehemaligen Freibauerngutes, das aufgrund fehlender Nachkommen der Perainekirche vererbt worden war, würde die Keinzelle eines neuen Klosters der Thêrbuniten bilden.
Die Baronin drehte sich um und winkte die Hausdame Traugunde Plötzenbühler zu sich. Sie und Lyssandras Zofe Wigdis hatten sich ein wenig im Hintergrund gehalten. Als die Begrüßung beendet war, trat die Hausdame vor und bot sich an, den Neuankömmlingen ihre Kammern zu zeigen. Die Schlafkammern der Baronin, ihrer Töchter und der Dienstritter befanden sich im zweiten Stock des Palas. Sie waren über den Winter renoviert worden. Die Baronin erwartete in Bälde die jährliche Lieferung ihrer Verwandten aus dem Horasreich. Sie hatte einen Boten geschickt und der Tante eine Wunschliste beigefügt. Auf dieser Liste standen vor allem Stoffe, nicht nur für Kleidung, sondern auch Vorhang- und Dekostoffe, dazu Wein und andere Spezereien für Leib- und Magen, damit sie ihre Gäste fortan standesgemäß bewirten konnte. Lyssandra überlegte sogar einen Möbelschreiner aus dem Lieblichen Feld anzuwerben um ihre Räumlichkeiten standesgemäß ausstatten zu lassen. Diesen Wunsch hegte sie schon lange. Sie wollte sich mit ihrem Bruder darüber austauschen, wenn dieser in den kommenden Tagen auf dem Weg in die Schwarze Au bei ihr Station machen würde.
***
Wenige Tage später…
Tatsächlich kam nur wenige Tage später Horatios Knappe und kündigte den Tross ihres Bruders an. Horatio von Finsterborn folgte beinahe einen Tag danach. Er begleitete seine Gemahlin, die mit den vier Kindern in einem einfachen Reisewagen saß. Ein weiterer einfacher Transportwagen hatte die Habseligkeiten des Ehepaares und der vier Kinder geladen. Horatio wirkte ein wenig enerviert von der Langsamkeit mit der sein Tross unterwegs war.
Als der Zweitgeborene der Finsterborner dem Tross voran in den Hof von Burg Urkenfurt einritt wurde er bereits erwartet. Er ließ sich von seinem Knappen Ludebrecht aus dem Sattel helfen. Dieser brachte dann auch seinen Trallopper Riesen in den Stall, während Horatio seiner Gemahlin aus dem Reisewagen half. Die Kinder kletterten wie die Wiesel hinterher. Den Zwillingen half die Kinderfrau von Horatios Gemahlin Kularina.
Lyssandra breitete die Arme aus. „Horatio! Bruderherz! Wie schön, dich endlich wieder dauerhaft in meiner Nähe zu wissen!“
Horatio lächelte etwas gezwungen. Kularina hingegen stimmte der Baronin voll und ganz zu als sie sich in die Arme der Schwägerin fallen ließ.
„Vor allem sind wir endlich diesem furchtbaren Nebelloch am Neunaugensee entronnen! Alles ist besser als den Rest des Lebens in der kalten Feuchtigkeit dieses orkverseuchten Landstrichs mit einem Gewässer zu verbrinden, dessen krankheitsbringenden Ausdünstungen einem jeglichen Lebensmut rauben.“
Die Baronin von Urkentrutz löste sich von ihrer Schwägerin. „Na, ich hoffe doch, dass die Schwarze Au nicht nur das kleinere Übel ist.“
Kularina hob lachend die Hände. „Oh nein, Lyssandra! So sollte es nicht klingen! Es war auch gar nicht so gemeint.“
„Na, das will ich aber hoffen!“, erwiderte Lyssandra in gespielter Entrüstung. „Nun kommt, wir wollen eine Kleinigkeit zu uns nehmen. Oberon und Danje kommen etwas später, sie beaufsichtigen die Umbauarbeiten an dem Gut, das zur Klosterzelle der Beoniter werden soll. Das Therbûnitenkloster wird „Beonslob“ heißen. Ein schöner und passender Name, findet ihr nicht?“
Die Baronin plauderte dahin, während sie ihrem Bruder und seiner Familie voranging in Richtung Palas.
Zum Abendessen waren dann Oberon und Danje auch wieder da. Man traf sich im Thronsaal, die Stimmung war gelöst. Es gab eine Kräutersuppe und danach Köstlichkeiten aus der Baronie. Dorntrud hatte Kräuterpfannkuchen gemacht, die sie mit Ziegenfrischkäse und Bärlauchblättern belegt, gerollt und in kleine Rollen geschnitten hatte. Den Ziegenfrischkäse gab es zudem als Brotaufstrich mit Kräutern und Blüten der ersten Frühlingsblüher vermischt, farbenfroh und frühlingshaft. Dazu reichte die Köchin Bingenbacher Räucherschinken und verschiedene Ziegen- und Schafskäse. Das frisch gebackene Brot der Burgköchin duftete herrlich. Ihm wurde eifrig zugesprochen.
Horatio tunkte das Brot in die Suppe und schob es in den Mund. Als er Krume soweit reduziert hatte, dass er wieder sprechen konnte, wandte er sich an Oberon und Danja.
„Ihr wart heute bei dem zukünftigen Therbûnitenkloster?“, fragte er und implizierte damit den Wunsch über die baulichen Fortschritte informiert zu werden.
Oberon und Danje hatten das Abendessen in vollen Zügen genossen, es aber eher schweigsam verbracht. Aus keinem besonderen Grund nur schienen die beiden den vereinten Geschwistern zunächst das Feld überlassen zu wollen. Erst direkt angesprochen fingen sie an sich reger zu beteiligen.
„Ja, so ist es! Bevor die Beoniter ankommen gibt noch jede Menge zu tun. Wir haben die Gelegenheit genutzt und tatkräftig an dieser und jener Stelle geholfen. Zugegeben nicht ganz uneigennützig. Wir hoffen dadurch das sie, trotz der arbeitsintensiven Anfangszeit schnell Zeit finden, um zur Schwarzen Au zu kommen. Habt ihr schon von den Pilzen gehört?“
Der Bruder der Baronin guckte etwas verständnislos.
„Wie welche Pilze? Wir haben Phex, da gibt es keine Pilze!“
Beide Dienstritter machten ein etwas unglückliches Gesicht.
„Nun, eigentlich ist die Schwarze Au gut vorbereitet für die Übernahme. Alles ist geordnet und sortiert und in guter Verfassung. Wir können sogar vermelden, dass die Berichte der ersten Sammler darauf hindeuten, dass es ein sehr gutes Einbeerenjahr werden könnte. Mit sehr vielen Beeren. Allerdings machen wir uns ein kleines bisschen Sorgen da ein Teil der Obstbäume von einem Pilz befallen scheint. Die Bäume sehen erstmal noch gesund aus, aber es sieht so aus als ob es sich ausbreitet. Sowohl von Baum zu Baum als auch auf einem befallenen Baum selbst.“
Horatio machte große Augen. „Bei Peraine, dann brauchen wir ja ganz dringend die Hilfe der Perainediener! Was, wenn es zu spät ist für die Bäume? Wenn die Beoniter noch brauchen und sich dieser Aufgabe nicht gleich annehmen können? Ich könnte gleich weiterreiten nach Herzoglich Dornstein und im Kloster Perainetrutz einen geeigneten Geweihten holen. Wäre das nicht besser? Was meinst du, Schwester?“
„Nun“, ließ sich Lyssandra vernehmen. „Die Obstbäume sind ein wichtiger Teil des Reichtums der Schwarzen Au. Wir müssen dringend etwas unternehmen! Also doch gleich nach Perainetrutz und dann später, wenn sie da sind, die Beoniter zu Rate ziehen? Was meinst du Oberon?“
Oberon sah etwas hilflos aus.
„Nun…also ich weiß nicht wirklich viel über Obstbäume, ihren Anbau und …Haltung. Wir haben davon in Stegelsche immer nur die gehabt, die so gewachsen sind aber nie welche extra angepflanzt. Für mich sah es nicht so schlimm aus und waren auch noch nicht so viele. Allerdings haben die Bauern, die sich im Allgemeinen um die Bäume kümmern, schon besorgt geklungen. Sie waren sich relativ sicher, dass meisten Bäume den Pilz an sich alleine in den Griff bekämen es aber dann dazu führen könnte, dass sie nur wenige oder gar keine Früchte tragen und das vielleicht länger als eine Ernte.“
Horatio verzog das ohnehin immer von Melancholie umwölkte Gesicht. „Gar nicht gut, nein wirklich, gar nicht gut! Ich würde sagen, wir warten mal ab, ob die Beoniter innerhalb der nächsten Tag kommen, bevor wir in die Schwarze Au weiterreisen. Wenn nicht, schicken wir einen Boten nach Perainetrutz sobald ich mir ein Bild von diesem ominösen Pilz gemacht habe.“
„Das ist eine gute Idee, Brüderchen. So machen wir es!“ Lyssandra versuchte den Bruder abzulenken, um seine Melancholie durch düstere Gesprächsthemen nicht noch zusätzlich zu befördern.
„Werdet ihr bis zur Weihe des Thêrbunitenklosters hierbleiben, Horatio?“, fragte sie.
Der Zweitgeborene Finsterborner schüttelte den Kopf. „Wir erholen uns ein oder zwei Tage von den Reisestrapazen, dann aber wollen wir unser neues Zuhause beziehen. Nicht wahr, Kularina?“
Die Greifenfurterin nickte. „Oh ja, ich freue mich auf den Frühling in der Schwarzen Au. Nach den Jahren am Nebelmoor brauche ich dringend etwas Farben!“