Drachenfeuer

Travia 1033 BF, Baronie Dergelquell

Die Hufe Rabenschweifs donnerten über den steinigen Weg entlang des Dergels. Walthari hielt die Zügel stramm und beugte sich weit nach vorn. Weißer Schaum troff dem Pferd aus dem Maul. Er holte das letzte aus dem Tier heraus. Dennoch wusste er, dass der Weg nach Papenstein viel zu weit war, um noch irgendetwas ausrichten zu können. Wenn nur Rovena noch lebte und sein Sohn. Noch immer konnte er dunkle Rauchschwaden aufsteigen sehen und nun meinte er auch, den Geruch von verbranntem Holz wahrzunehmen. Als er um die nächste Flussbiegung ritt, konnte er die Mühle sehen. Wenigstens stand die noch. Dann kamen ihm schon die ersten Menschen entgegen. Die Gesichter von Ruß geschwärzt, Angst und Verzweiflung in den Augen. Als er den Blick wieder nach vorne richtete, sah er auf das, was einst Papenstein war. Vor der Silhouette der Berge zeichneten sich schwarze bizarre Holzskelette ab, die einst Häuser waren. Aschewolken hingen in der Luft und umgaben den Ort wie eine Aura aus Finsternis. Als Walthari die rußigen Stelen passierte, an denen einst das Tor befestigt war, rieselte beständig feiner Aschestaub vom Himmel, bedeckte seinen Mantel mit einem gräulichen schmierigen Film und machte das Atmen schwer. Er sah Menschen in den Trümmern umherirren, auf der Suche nach ihrem Hab und Gut, wo nur noch Asche war oder Überlebenden, wo nur noch Tote sein konnten. Hier und da brannten noch kleinere Feuer, aber keiner machte sich mehr die Mühe, diese zu löschen. Oberhalb des Dorfes brannte es allerdings noch lichterloh. Der Baronshof, die Holzburg, war ebenfalls ein Raub des Drachenfeuers geworden. Es war ein Bild totaler Zerstörung.
„Wohlgeboren?“. Eine leicht zitternde zarte Stimme riss den Ritter aus dem Grauen, dass ihn zu übermannen drohte. Als er den Blick von der Zerstörung ab- und der Stimme zuwandte, sah er die schmale Gestalt eines Mädchens. Die hellen blauen Augen stachen aus dem rußgeschwärzten Gesicht hervor. Sie trug ein blaues Wams mit dem Wappen der Baronie, welches mit Ruß- und Brandflecken überzogen war. Walthari kannte sie. „Praida, dir geht’s gut?“ fragte er besorgt. „Ja. Und Eurer Frau und Eurem Sohn auch.“ Sie lächelte, als wüsste sie genau, dass er genau das hören wollte. Walthari entfuhr ein Seufzer der Erleichterung. „Wir haben ein Lager abseits des Orts aufgebaut, um Verwundete und Überlebende zu sammeln. Seid guten Mutes, Herr. Die meisten Bewohner Papensteins sind recht glimpflich davongekommen, da kaum jemand im Ort war. Des Müllers Sohn hatte seinen Traviabund mit der Tochter des Freibauern gefeiert. Es waren fast alle bei der Mühle.“
In einer Senke nicht weit von dem entfernt, was einmal eine Palisade war, war ein provisorischer Lagerplatz eingerichtet worden. Rovena , die Frau Waltharis, der Traviageweihte Cordovan und Firla Schnewlin vom nahen Rittergut Pergelgrund erkannte er sofort. Alle sahen erschöpft und mitgenommen aus. Unermüdlich versorgten sie Wunden, reichten Wasser und spendeten Trost. Gerade als Walthari das Lager betrat, kamen von der gegenüberliegenden Seite einige Männer mit Spaten auf den Schultern und leerem Blick. Walthari ahnte, welche Arbeit sie gerade verrichtet hatten. Der freudiger Ruf seiner Frau riss ihn kurz aus den trüben Gedanken. Die helle Stimme und die Freude in der Stimme schienen ihm falsch an diesem Ort und doch befreite sie ihn von einer großen Last. Fest schloss er Rovena und den kleinen Gero, den sie auf dem Arm trug, in die Arme. „Ich bin so froh, dass es euch gut geht.“ sagte er erleichtert. „Mir geht es auch so. Wir hatten keine Kunde, ob es nur Papenstein getroffen hat. Ich wusste nicht, ob du noch lebst.“ In ihrem Blick lag große Sorge. „Zwischen Dergelbruck und hier habe ich keine sonstigen Spuren eines Angriffs gesehen. Scheint, als hätte das Vieh sich nur Papenstein vorgenommen. “ Rovena nickte. „Schlimm genug. Es war schrecklich.“ flüsterte sie. Ein Räuspern hinter ihnen lenkte die Aufmerksamkeit auf Cordovan, den Traviageweihten der Hofkapelle von Papenstein. Der kleine dickliche Mann mit dem grauen Haarkranz und den warmherzigen braunen Augen hatte normalerweise ein ansteckendes Lächeln und fiel vor allem durch seine immer penibel saubere Robe in den typischen Farben seiner Göttin auf. Doch auch an ihm waren die vergangenen Stunden nicht spurlos vorüber gegangen. Rußige Flecken hatte er im Gesicht und ein blutiger Verband um seinen Kopf verdeckte seine spärlichen Haare. Dennoch war sein Auftreten gewohnt resolut.
„Seid gegrüßt, Hochgeboren. Ihr kommt etwas zu spät, um dem Drachen die Stirn zu bieten.“ Gerade wollte Walthari etwas erwidern, als Cordovan mit der Hand durch die Luft wedelte und fortfuhr. „Wahrscheinlich sogar ein Glück, ihr wäret nur im Drachenfeuer umgekommen. Nun, wie ihr sicher schon erfahren habt, gab es nur wenige Opfer, für die ich meine Pflichten bereits erfüllt habe.“ Der Geweihte blickte zu einer Baumgruppe hinter sich, aus deren Richtung eben die Männer mit den Schaufeln gekommen waren. „Trotz der Toten muss man wohl sagen, dass die Gütige Mutter die Ihren an diesem Tage geschützt hat. Doch wie es weitergeht, liegt nun bei euch“ dabei sah er Rovena und Walthari abwechselnd an. „Diese Menschen brauchen ein neues Heim. Und sagt jetzt nicht, es soll hier wieder alles aufgebaut werden. Jeden Tag kann schon der erste Schnee kommen. Wenn das nicht, werden tagelange Regenfälle oder Herbststürme niedergehen. Wenn ihr das vorhabt, wird es schnell noch mehr Opfer geben.“ Cordovan verschränkte die Arme vor der Brust und blickte den Vogt von Dergelquell fast schon herausfordernd an, der einen kurzen Moment ratlos dreinblickte und sich verlegen am Kopf kratzte. „Ich fürchte, er hat recht.“ sagte Rovena. „Hinzu kommt noch, dass dem Feuer sämtliche Vorräte zum Opfer gefallen sind.“ „Das waren noch Zeiten, als die Barone von Dergelquell eine schützende Burg hatten, die den Menschen Zuflucht geben konnte.“ sinnierte Cordovan. „Ihr habt Recht, Euer Gnaden. Die Zeiten sind schlecht. Und das erinnert mich daran, was mein Großvater immer zu sagen pflegte.“ Rovena und Cordovan sahen Walthari fragend an.
„Sind die Zeiten schlecht, liegt es an uns sie zu ändern.“