Neue Heimat
Boron 1033 BF, Baronie Dergelquell
Perainfried legte den Kopf in den Nacken um den Berg hinaufzublicken, den man wohl als Gramstein bezeichnete. Eigentlich war es eher ein Felsvorsprung, der hoch über den Dergel ragte. Oben auf ragte ein schwarzer finsterer Turm in die Höhe. Vor der Kulisse des Bergrückens konnte man ihn bei dem Zwielicht des wolkenverhangenen Himmels fast übersehen. Als er den steinigen Pfad sah, der sich vor ihm steil nach oben windete, blies er die Backen auf. Das würde noch ein langer Weg werden und es fing gerade an zu regnen. Er zog den Kragen enger und zog sich die Kapuze seines Mantels ins Gesicht. Mit einem leichten Druck in die Flanken setzte er sein Pferd in Bewegung.
Der Regen konnte das rege Treiben innerhalb der ehemaligen Burgmauern nicht stören. Allenorts wurde gehämmert und gesägt. Zwischen den dichtgedrängten Holzkaten, die auf dem Plateau vor dem Wohnturm entstanden waren, konnte man sich kaum mit dem Pferd hindurch schlängeln, so dass Perainfried abgestiegen war. Hinzu kamen Ziegen und Schafe, die in den engen Gassen rumliefen und ein fortkommen zusätzlich behinderten. Er sah einzelne Rauchschwaden aus den Hütten steigen, die wohlige Wärme und Trockenheit im Inneren vermuten ließen. Erneut zog er den Mantel enger, als ob ihn das vor dem Regen schützen könnte, der ihn auf dem Weg bergauf schon bis auf die Knochen durchnässt hatte.
„He, Ihr da!“ brüllte eine Stimme aus dem Trubel. Perainfried sah sich um und aus einer Türöffnung trat ein wahrer Brocken von einem Mann heraus. Sein massiger Oberkörper war nur mit einem einfachen Hemd bedeckt, dass nass und schmutzig an der Haut klebte. Sein Stiernacken wurde dadurch nur noch mehr hervorgehoben. In einer Hand hielt er einen schweren Vorschlaghammer, als wäre es ein Spielzeug. Perainfried wusste nicht, was der Mann wollte, aber er hatte den Eindruck, dass es erst einmal besser war, stehen zu bleiben. „Ihr sucht wohl den Vogt, was?“ brummte der schmutzige Kerl. „Äh, ehrlich gesagt, ja. Woher wisst ihr..?“ Der Kerl lachte und tippte ihm auf die Brust. „Ein Wappenrock aus Herzoglich Weiden.“ Perainfried musste nun selbst lachen. „Ja, stimmt. Wo ist euer Herr, Schmied?“ Die Augenbrauen des Hünen hoben sich „Schmied? Hmm, ich seh wohl so aus, was? Ne, Jarlan von Ochs ist mein Name. Eigentlich hab ich mal als Ritter hier angefangen. Was ich im Moment bin, weiß ich aber nicht so genau. Wahrscheinlich das, was man gerade braucht. Und das ist wohl gerade ein Schmied, he?“ Jarlan grinste, was sein grobes Gesicht mit den kleinen grauen Augen nicht wirklich freundlicher machte. „Aber zurück zu deiner Frage. Mein Herr dürfte hinten beim Turm sein.“ „Habt Dank, Jarlan“ sagte Perainfried knapp. Dann schritt der Ritter Hohensteins in Richtung des Burgturms.
Die große zweiflügelige Tür stand trotz des ungemütlichen Wetters weit offen. Die Luft drinnen war feuchtwarm. Einzige Lichtquelle bei dem wolkenverhangenen Himmel war der große Kamin am anderen Ende der Halle und einige Öllampen die an Ketten von der Decke hingen. Die Halle war gefüllt mit Menschen, die meisten wohl Leibeigene. In der Mitte stand ein großer Tisch, an dem ein Mann und eine Frau offenbar versuchten, mit allen gleichzeitig zu reden und sich mit Händen und Füssen verständlich machten und Anweisungen erteilten. Mit forschem Schritt und dem Einsatz seiner kettenbewehrten Ellenbogen bahnte sich Perainfried einen Weg durch die Menge, bis er den Tisch erreichte. „Hochgeboren.“ Grüßte er knapp. Der Vogt von Dergelquell winkte ihn zur Seite statt zu antworten. Etwas abseits des Gerangels, antwortete er. „Die Götter zum Gruße. Ich nehme an, Firutin von Hohenstein hat euch gesandt?“ Walthari fuhr sich mit der Hand durch die Haare „Die letzten Wochen sind wie Stunden vergangen. Er kann seine Leute nicht noch etwas länger hier lassen?“ Perainfried lächelte in sich hinein. Der Landvogt von Herzoglich Weiden hatte ihm prophezeit, dass der Dergelqueller das fragen würde. „Seine Hochgeboren, Firutin von Hohenstein, bedauert, dass er euch seine Hilfe nicht länger zur Verfügung stellen kann. Aber das Handwerksvolk, welches er auf euer Gesuch hin entsandte, wurde auch bei uns schmerzlich vermisst, um die Burg Winterfest zu machen. Einige dringende Arbeiten können nun nicht mehr warten.“ Walthari seufze. „Nun gut. Richtet Firutin aus, dass ich ihm zu großem Dank für die schnelle Hilfe verpflichtet bin. Zumindest haben jetzt alle eine Dach über dem Kopf und keiner wird erfrieren.“ „Konntet ihr noch Vorräte schaffen?“ fragte Perainfried „Nur wenige. Der Winter wird hart werden. Sehr hart. Für alle. Aber es wird nicht der erste und auch nicht der letzte sein, an dem Hunger gelitten wird. Da hilft alles Gejammer nichts.“ Walthari klopfte Perainfried auf die Schulter „Für euch wird sich trotzdem noch eine kleine Stärkung und ein kräftiger Schluck zum Aufwärmen finden.“ Er blickte kurz auf die Menschen in der Halle. „Und ich kann auch einen Vertragen. Lasst uns gehen.“
Als Walthari nach Sonnenuntergang in seine Schlafkammer zurückkehrte, war Rovena gerade dabei ihr Haar zu bürsten. Die Amme legte den kleinen Gero in seiner Wiege ab, knickste kurz vor dem Hausherren und verließ den Raum. „Nun, deinen Pflichten als Gastgeber bist du ja heute hingebungsvoll nachgekommen.“ sagte seine Frau mit einem nicht überhörbaren vorwurfsvollen Unterton in der Stimme. „Ja, ja.“ brummte Walthari. „Ich wollte dir ja auch mal Zeit geben, dich in die Aufgaben einer Burgherrin einzufinden.“ Kurzes Schweigen. „Burgherrin.“ Es klang so, als würde Rovena dieses Wort im Mund herumführen, wie einen guten Wein. „Ich finde, dass klingt gut.“ „Das wohl. Aber gewöhn dich nicht zu sehr daran. Auch wenn ich befürchte, dass wir Aargrein nicht lebend wiedersehen, wird ihre Schwester in einigen Götternamen hier das Heft in die Hand nehmen. Dann wirst du dich wieder an das enge Kämmerlein in Dergelbruck gewöhnen müssen.“ Er streckte sich auf dem Bett aus. „Gar kein schlechter Tausch, wenn man an all die Sachen denkt, die als Baron von einem erwartet werden. Und die Speisetafel ist auch nicht viel üppiger gedeckt, nur mal nebenbei erwähnt.“ „Hm. Mag sein. Aber wie du schon sagst. Die nächsten paar Götternamen wird es unsere Aufgabe sein, Dergelquell zu führen. Willst du Papenstein und die Holzburg wieder aufbauen lassen im Frühling?“ erwiderte Rovena. „Solange sich dieses Drachenvieh herumtreibt, ist es auf dem Gramstein sicherer. Und gleich jenseits der Pallisaden ist man mitten im Gebirge. Falls er noch einmal angreift, können die Menschen sich dort gut verstecken.“ Rovena löschte das Licht und legte sich zu ihrem Mann. „Dann ist dies jetzt vorerst unser Zuhause.“ Walthari legt seinen Arm um ihre Hüfte und zog sie näher an sich heran. „Ein neues Heim für meine Familie und die notleidenden Bauern. Wie Traviagefällig von mir. Da würde mir noch etwas der Göttin gefälliges einfallen.“ säuselte er in ihr Ohr. „Mir auch.“ schnurrte Rovena zurück. „Und zwar, dass du mich heute den halben Tag allein schuften gelassen hast, damit du einen Humpen nach dem anderen mit deinem ´Gast` leeren konntest.“ fuhr sie gar nicht mehr schnurrend fort und nahm seine Hand von ihrer Hüfte. „Da solltest du dich von so viel göttergefälligem Treiben doch erst einmal ausruhen. Gute Nacht.“
ENDE