Leuin contra Eidechse
Gut Stegelsche, Mitte Phex 1023
Ein eisiger Wind trieb die tiefgrauen Wolken von Firun her über den Himmel. Der feuchte Atem von Lyssandras Lichtmähnenwallach Jucco bildete Eiskristalle an den festen Barthaaren, die rund um die Nase des Pferdchens sprossen. Die Ritterin aus der Schwarzen Au bog gerade vom Weg nach Oberwaldig in Richtung des Rittergutes Stegelsche ab. Sie wollte ihren alten Freund Oberon, seine Frau und ihre kleine Schwester Ysilda besuchen, die seit einem Götterlauf als Pagin auf dem Gut diente. Nur zu gut erinnerte sich die Ritterin an ihre eigene Pagenzeit auf dem Gut der Uhlredders. Oberons Onkel Otus war ihr Dienstherr gewesen. Der schweigsame passionierte Jäger hatte die meiste Zeit bei der Beobachtung der Eulenvögel verbracht, die in den vielen Feldholzinseln mit Überhältern, kleinen Waldinselchen inmitten der Weidelandschaft mit einzelnen sehr hohen Bäumen, die verstreut über das Land des Ritters verteilt waren.
Die Ritterin hielt auf die recht große Feldholzinsel zu, in dem sich das Gut Stegelsche verbarg. Von weitem war nicht mehr als eine kleine Waldinsel inmitten der Äcker und Wiesen zu erkennen, die zum Gut gehörten. Einzig der Umstand, dass gleich drei große Überhälter in der Waldinsel lagen, machte sie besonders. Der Wachtturm des Gutes war nur zu erkennen, wenn die Bäume kein Laub trugen. Bereits während Lyssandras Zeit auf dem Gut der Uhlredders war es für die Türmer schwierig von dem Turm die Umgebung im Auge zu behalten. Lyssandra wusste das von dem Turm inzwischen eine schmale Seilbrücke in die Krone des größten Überhälters führte von der man aus Wacht halten konnte. Der Karrenweg, der auf die Feldholzinsel zuführte mündete in einen schmalen Hohlweg, gekrönt von einem im Sommer dicht-grünem Blätterdach. Nun im Phex zeigten sich bereits die ersten hellgrünen Knospen und Blätter, wenngleich in den letzten Tagen Firun ein eisiges Intermezzo gab. Die niedrigen Büsche glänzten schon mit dichterem Laubwerk während die Ifirnsglöcken und Anemonen auf dem lichten Waldboden wie in Eis erstarrt wirkten.
Kurz bevor man das Wäldchen betrat konnte Lyssandra die Brombeersträucher sehen, die die Uhlredders seit Generationen an der Außenseite rings herum um das Gut gepflanzt hatten. Direkt dahinter befanden sich in kurzen Abständen dichte Haselnussbüsche. Lyssandra erinnerte sich noch genau an die beliebte Arbeit diese Außenmauer zu hegen und zu pflegen. Sobald man die Grenze passiert hatte, sorgte das dichte Gehölz rings herum dafür, dass der Wind sofort nachließ. Wenn das Laubwerk dicht zugewachsen war, konnte draußen sogar ein Sturm toben, im Inneren der Waldinsel, auf dem Gut selbst, war dann nur noch eine schwache Brise zu spüren und ein ordentliches Rauschen zu hören.
Nach gut zwei Dutzend Schritten und zwei Bögen erreichte der Hohlweg unvermittelt einen kleinen Torturm. Er war zu wenig mehr geeignet um den Beginn des eigentlichen Gutes anzuzeigen. Lyssandra sah, dass die Palisade links und rechts noch löchriger als zu ihrer Zeit war. Die Uhlredders verließen sich immer mehr auf die gepflanzte Außenmauer anstatt auf eine Palisade mit dem Torturm als Barriere. Nachdem Lyssandra diesen passiert hatte öffnete sich der Blick und gab das Gut frei.
Es bestand aus einem großen, zweistöckigen Gutshaus aus Fachwerk und zwei Stallgebäuden links und rechts davon. Ein paar kleinere Hütten komplettierten den Stammsitz. Rauch stieg aus dem Schornstein des Gutshauses auf. Es sah einladend aus. Wie düster die Zeiten auch außerhalb Weidens oder in der Mittnacht selber waren. Hier inmitten des kleinen Wäldchens herrschte eigentlich immer eine gewisse Geborgenheit. Andere Familien mochten mächtige Burgen und dicke Steinmauern haben, wo die Uhlredders nur einen Ring aus Büschen hatten. Aber Stegelsche war wie ein lebender Organismus. Das machte das Leben auf dem Gut irgendwie besonders. Es gab jedenfalls wenige Uhlredders, die ihre Heimat dauerhaft durch eine andere ersetzten.
Der ein oder andere Gutsbewohner grüßte sie und ging seinem Tagwerk nach. Ein alter Jagdhund lag bräsig mitten auf einem dampfenden Komposthaufen, der neben einem Stallgebäude stand. Er sah nur kurz hoch als Lyssandra eintraf, bevor er seinen Kopf wieder auf den warmen Untergrund legte. Die Finsterbornerin nahm die Zügel an und parierte Jucco zum Stehen durch. Dann sprang sie aus dem Sattel. Bei Aufkommen zuckte sie ein wenig zusammen. Die eiskalten, schlecht durchbluteten Zehen schmerzen höllisch als sie auf dem harten Boden auftrafen. Die Ritterin sah sich um. Gleich neben ihr stand ein kleiner Busch, wohl eine Eibe, die in Form eines Herzens geschnitten war. Ein weiterer Busch, der einer Raute glich, stand neben dem Stall. Lyssandra musste grinsen. Es war offensichtlich, dass sich ihre kleine Schwester an der Vegetation des Gutes ausgetobt hatte.
Aus dem Augenwinkel nahm die Finsterbornerin eine Bewegung wahr. Sie drehte sich dem Stall zu, von dem aus jemand auf sie zugelaufen kam. Es war tatsächlich ihre kleine Schwester die freudestrahlend „die Große“ erkannt hatte.
„Schnell, schnell, Lyssi! Ich spiel mit Onkel Oberon verstecken. Wenn er mich findet, muss ich wieder mit den schweren Stöckern rumwedeln. Das ist langweilig…lass uns beide verstecken!“
Ohne wirklich auf ihre Schwester zu warten hopste sie zu dem rautenförmigen Busch und versteckte sich zwischen diesem und dem Stall.
Nur einen Herzschlag später kam Oberon um das Haupthaus herum. Er hatte zwei kleine hölzerne Übungsschwerter in der Hand welche nur ganz grob wie Schwerter geformt waren. Suchend sah er sich um und wo seine Miene eben noch genervt wirkte, erhellte sie sich sehr stark als er Lyssandra sah.
„Nah da soll mich doch der Uhl holen… Lyssandra was machst du denn hier?“
Lyssandra, die Ysilda gar nicht so schnell folgen konnte, wie die kleine Eidechse hinter den Busch gehopst war, fuhr herum. „Oberon! Wie schön dich wiederzusehen! Ich wollte mal sehen wie es dem kleinen Fratz hier geht. Schließlich hat sie morgen ihren 10. Tsatag!“
Nun erschien der rotbraune Lockenkopf wieder hinter dem rautenförmigen Busch hervor.
„Oh, du hast daran gedacht, Lyssi? Das ist aber lieb von dir!“
Mit ein paar hüpfenden Schritten kam Ysilda auf die beiden Erwachsenen zu. Lyssandra ging in die Knie und breitete die Arme aus. „Komm zu mir, meine kleine Eidechse!“
Liebevoll schloss sie ihre kleine Schwester in die Arme und streichelte ihr über das wuschelige Haar. Sanft flüsterte sie ihr ins Ohr. „Na, aber eigentlich sollte ich dich jetzt nicht von deiner Übungseinheit mit Oberon abhalten, nicht wahr?“
Ysilda zog eine Schnute. „Och, Lyssi, das Kämpfen ist soooo doof. Ich habe gar keine Lust darauf. Muss ich wirklich eine Ritterin werden wie du?“
Lyssandra lachte auf. „Na, Oberon, du scheinst noch nicht sehr erfolgreich gewesen zu sein, Ysilda von der Ehre des Ritterstandes zu überzeugen!“
Oberon rollte mit den Augen
„Nein noch nicht so wirklich. Dabei wollte ich eigentlich…“, er sah auf Ysilda und entschied wohl dann das es nicht das Schlauste wäre seinen geheimen Plan in ihrer Anwesenheit auszuplaudern.
„Ysilda was hältst du davon, du läufst rein und sagst Danja, dem kleinen Stinker und den anderen, dass deine Schwester da ist?“
Während der kleine Lockenkopf fröhlich hüpfend zum Haus lief, sah Oberon auf. „Du bleibst doch sicherlich ein paar Tage oder?“
Eine Stallmagd kam derweil näher und bot an sich um Lyssandras Pferd zu kümmern.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au übergab der Stallmagd ihre Nordmähne und wandte sich an Oberon.
„Natürlich bleibe ich ein paar Tage, wenn ich darf. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht eine gute Idee ist, wenn du und ich morgen mal ein kleines Übungsduell mit den Holzschwertern machen. Es könnte hilfreich sein, wenn sie mich und dich kämpfen sieht. Vielleicht kann ich ihr Vorbild sein.“
Sie sah neugierig zum Gutshaus hin.
„Ich bin gespannt, Danja und den Kleinen wiederzusehen.“
„Großartig!“, er legte Lyssandra freundschaftlich den Arm um die Schulter und führte sie in Richtung des Haupthauses.
„Das mit dem Übungskampf ist eine gute Idee. Alleine damit ich schon in Übung bleibe. Danja hat gerade viel mit dem Neugeborenen zu tun und Ontho hat ja auch erst zwei Winter hinter sich. Der macht auch mehr Probleme als dass er hilft.“
Oberon seufzte deutlich hörbar.
„… naja und mein Onkel Otus…er ist zwar erst 52 Winter, aber irgendwie wird er immer mehr wie eine alte Eule…“, Oberon blieb stehen drehte sich und Lyssandra um und deutete auf den Wachtposten in der Krone des Überhälters. Wenn man ganz genau hinsah erkannte man eine spindeldürre Gestalt die dort regungslos verharrte.
„Eigentlich steht er immer da oben und beobachtet. Sein Körper ist nur noch ein Schatten von früher aber die Augen sind fast schon schärfer wie früher!“
Die Freundin kicherte. Sie beobachtete den Ritter, bei dem sie ihre Pagenzeit verbracht hatte. Wie oft war sie mit ihm in einem der Überhälter gehockt und hatte Vögel beobachtet. Es sah tatsächlich so aus, als ob der Vogelfreund sich langsam aber sicher selbst in einen Uhl verwandelte.
Man konnte Geräusche aus dem Haus hören und die beiden Freunde drehten sich wieder um.
„Was Ysilda angeht…also Ausdauer und Kraft und dergleichen…da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Sie kann den ganzen Tag rennen, klettern und Dinge durch die Gegend schleppen. Nur das mit dem kämpfen ist absolut nicht das was sie will. Ein einziges Mal hat sie mit mir bisher ganz kurz mit den Stöckern geübt und zweimal hat sie kurz einen Lendner angehabt…das alte Stück kennst du wahrscheinlich noch… Jedenfalls denke ich, ich werde noch einen Winter warten und bis dahin weiter an ihrer Kraft und Ausdauer arbeiten und ihr ganz viel über die guten Seiten der Weidener Ritter erzählen. Was meinst du?“
Nachdenklich hörte Lyssandra zu.
„Hm, ja, sie ist sehr verspielt. Disziplin war noch nie ihre Stärke. Sie ist lebensfroh und phantasievoll, hat sich aber auch früher schon gegen strenge Regeln aufgelehnt. Es wird nicht einfach werde, sie von der Sinnhaftigkeit der ritterlichen Ausbildung zu überzeugen. Mal sehen was sie sagt, wenn sie ihre Geschenke sieht…“
Die Finsterbornerin zwinkerte Oberon zu. „Dann lass uns mal reingehen!“
Oberon nickte zustimmend und ging voran. Das Haupthaus des Gutes war ein Fachwerkhaus, das sicherlich schon eine dreistellige Anzahl an Wintern gesehen hatte. Wobei es so gut es ging instandgehalten war und nirgendwo Spuren der Vernachlässigung oder fehlender Aufmerksamkeit zu sehen war. Was sehr wohl zu sehen war, wenn man genau hinguckte, waren auf den hellen, gekalkten Feldern zwischen den Balken Spuren von diversen Zeichnungen. Alle in einer Höhe, die für eine ganz bestimmte Eidechse passte. Die frontale Eingangstür lag mittig in dem Haus und hatte einen Windfang davor. Dieser waren gleichzeitig ein Teil des Fundamentes für einen im ersten Stock liegenden Erker, welcher wiederrum genau zwischen zwei Gauben im Dachgeschoss lag. Irgendwie hatte man so den Eindruck, sehr wohl in ein befestigtes Gebäude zu gehen und nicht in ein normales Fachwerkhaus. Innen angekommen teilte ein Gang das Haus quasi in zwei Hälften und am anderen Ende des Flures war ein Treppenhaus zu sehen.
„Gehen wir in die gute Stube“, beschloss Oberon und führte Lyssandra in diese. Der große Lehmkachelofen welcher mittig im Raum stand war sicherlich in der Lage nicht nur diesen Raum wohlig warm zu machen. Der mit Steinen ausgelegte Boden war mit zahlreichen Fellen, keine edlen Stücke, dekoriert. Die Frau des Hauses, die Bornländerin Danja von Schwarzenmoos, begrüßte Lyssandra freudig. Dies tat sie allerdings mit einem Säugling im Arm welcher auch sofort das Quäken anfing. Nur das weitere Stillen brachte ihn zum Schweigen. Danja setzte sich wieder auf ein braunes Schaffell und lehnte sich an den Ofen. Vor ihr auf einem hellgrauen Schaffell spielte Ontho, das älteste Kind der beiden, mit geschnitzten Holzfiguren. Von Lyssandras Schwester war vorerst nichts zu sehen.
„Danja, wie schön dich so wohlauf zu sehen. Wie war die Geburt? Ist alles gut verlaufen?“
Lyssandra verband Geburten immer gleich mit Todesgefahr. Nachdem ihre Mutter bei der Geburt ihrer Schwester Ysilda gestorben war.
Sie setzte sich zu Ontho und schob ihm eines der hölzernen Schäfchen zu. „Määhh!“, machte sie und wartete auf die Reaktion des Kleinen.
Der Kleine nahm eine der Hundefiguren, bellte das Schaf ganz entschlossen an und schob es zu den anderen Schaffiguren hin. Oberon grinste und meinte
„Er wird mal ein großartiger Hütehund da bin ich sicher!“
Danja hatte den kleinen Oswin an ihrer Brust wieder soweit versorgt, dass er zufrieden war und vor sich hindöste. Auf die Frage von Lyssandra seufzte sie.
„Die Hebamme sagte mir, dass es beim zweiten Mal eigentlich einfacher gehen soll…ich weiß nicht, aber die Uhlredderkinder scheinen sich um sowas nicht zu schweren. Hat es bei Ontho schon gut 8 Stunden gedauert waren es bei Oswin mindestens nochmal die Hälfte mehr. Glaub mir zum Ende konnte ich wirklich überhaupt nicht mehr und ich war danach so schwach, es hat gut 3 Wochen gedauert bis ich wieder laufen konnte. Aber deine kleine Schwester das Goldstück hat mich so gut unterhalten… hat Oberon dir schon erzählt was sie aus dem Ofen oben gemacht hat?“
Überrascht hob Lyssandra die Augenbrauen. Sie befürchtete schon das Schlimmste.
„Nein, hat er nicht. Was hat sie denn wieder „verziert“?
Danja grinste was hoffentlich half damit Lyssandra ihre schlimmsten Vermutungen fallen ließ.
„Am besten zeigst du es ihr…die Kleine ist sowieso verdächtig lange schon da oben und es ist sehr ruhig.“ Oberon, der sich eben noch von der friedlichen Stimmung hatte einlullen lassen, richtete sich ruckartig aus. Seine Augen weiteten sich und er lauscht.
„Stimmt…du hast vollkommen Recht. Äh, Lyssandra, folge mir doch bitte!“
Sehr zügigen Schrittes, Lyssandra musste sich gehörig sputen, um dran zu bleiben, ging Oberon die Treppen rauf und schnurstracks in das Schlafzimmer von ihm und Danja. Dort angekommen war er kurz erleichtert und danach gleich wieder besorgt. Der kleine Wirbelwind war hier gewesen, aber hatte keine weiteren Spuren hinterlassen. Lyssandra war inzwischen auch da und sah sich um. Oberon deutete auf den Ofen der hier stand.
„Ich war auf der Jagd und Danja hat sich hier von der Geburt erholt. Der Ofen sah ursprünglich genauso aus wie der Unten. Irgendwo und irgendwie hat sich deine kleine Schwester Farbe besorgt. Erst hat sie alles was Lehmoberfläche war und kein Stein weiß getüncht. Naja und dann diese farbigen…Sachen draufgemalt. Ton hat sie auch irgendwoher organisiert und diese Formen gemacht. Zum Schluss diese kleine Figur die da oben am Rand drauf steht. Das ist ein großer Zimmermannsnagel an dem sie Scheiben von Kastanien, die sie vorher rot angemalt hat, drauf gesteckt hat. Diese haben Löcher mit kleinen blauen Steinen. Oben drauf ist aus Ton ein grünes Blätterdach. Ich habe mal gefragt, was das sein sollte und da war sie ganz empört und meinte natürlich sei das Gut Stegelsche bzw. seine Bewohner!“
Gespannt sah Oberon Lyssandra an um ihre Reaktion aufzunehmen.
Beeindruckt sah sich die Ritterin das Kunstwerk an, das ihre kleine Schwester geschaffen hatte. Sie hatte wirklich eine künstlerische Begabung. Vor allem ihre Vorliebe für organische Materialien und Formen war herausstechend. Ob aus ihr jemals eine Ritterin werden würde? War es der Einfluss der Tsageweihten Tsalind gewesen oder eine angeborene Begabung?
„Ich muss schon sagen, dass mir der Kamin so ausgesprochen gut gefällt und bin froh, dass ihr hier etwas Hübsches gelungen ist. Nicht auszudenken, wenn sie etwas kaputt gemacht hätte… oder gefällt es euch etwa nicht?“
Oberon hob abwehrend die Hände.
„Doch doch…gut wir haben das Weiße dann nochmal nachgearbeitet und das ein oder andere farbige Patschehändchen entfernt. Aber ansonsten ein sehr schönes Werk. Besonders bin ich ja beeindruckt von dem Kastanienmännchen. Das hat sie wirklich ganz alleine gemacht.“
Während er sprach sah er sich immer wieder suchend um.
„Jetzt ist nur die Frage, wo steckt die kleine Krö….Eidechse gerade nur wieder?“
Ganz offensichtlich war sie nicht in diesem Raum. Oberon und Lyssandra gingen durch alle weiteren Zimmer und auch durch die im Dachgeschoss. Nirgendwo war eine Spur von Ysilda. Anschließend machten sie sich wieder auf den Weg nach unten.
Währenddessen hatten sie sich die ganze Zeit unterhalten und Oberon hatte das Gespräch begonnen mit der Frage: „Wie sehen denn deine Pläne für die nähere Zukunft aus? Willst du auch bald Kinder oder auch erst ein paar Winter durch den Norden ziehen?“
Lyssandra hielt die Augen nach Ysilda offen während sie Oberon antwortete.
„Ne, ich will noch keine Kinder, dafür fühle ich mich zu jung. Alleine wenn ich bedenke, was es bedeutet, diese kleine Eidechse zu bändigen…“
In diesem Moment hörte sie die kleine Kinderstimme aus dem Garten erklingen.
„Kobold, Kobold komm zum Spiel!
Hüpf und spring zum großen Ziel!
Tanz und bieg dich,
dreh und wieg dich,
von Feld zu Feld,
im Kreis beweg dich!“
Grinsend wandte sich die Ritterin zur Hintertür des Hauses, die in den Garten hinter dem Gutshaus führte.
„Aber ich weiß schon was ich machen werde. Mein Onkel Garis und meine Tante Alisa aus Pertakis bzw. genauer gesagt aus Montalto in der Nähe von Shenilo im Lieblichen Feld haben mich eingeladen, eine Weile bei ihnen zu verbringen. Diese Einladung habe ich nun angenommen. Ich werde bald aufbrechen und wir werden ja sehen, wie es mir im Reich des Horas gefällt. Vielleicht bleibe ich ja länger. Vielleicht bin ich auch im Winter wieder hier. Mal sehen.“
Sie traten hinaus. Auf einer gekiesten Fläche, die zu einem der Stallgebäude führte, stand Ysilda. Um sich herum hatte sie mit einem Stöckchen zwei konzentrische Kreise mit etwa zwölf Feldern gezeichnet. Jedes der Felder hatte eine unterschiedliche Randlinie. Mal glatt, mal gezackt, mal in Wellenlinien oder unterbrochenen Linien. In jedem der Kästchen befand sich ein Symbol eines der Zwölfgötter. Oberon und Lyssandra konnten beobachten, wie die jüngste Finsterbornerin sich mit geschlossenen Augen in der Mitte des Kreises ganz schnell drehte, den Zeigefinger am waagrechten Arm lang ausgestreckt. Irgendwann blieb sie schlagartig stehen und guckte auf welches Feld ihr Finger zeigte. Lyssandra sah, dass es das Feld mit dem gebrochenen Rad war. Und sogleich krächzte Ysilda wie ein Rabe. Dann blickte sie unverwandt in einen der Büsche, die am Rand ihres „Spielfeldes“ standen und rief mit kindlicher Stimme: „Nun seid ihr dran! Kommt schon raus!“
Als nichts geschah zuckte Ysilda mit den Achseln und drehte sich erneut im Kreis. Nun zeigte ihr Zeigefinger auf den Pfeil des Firun. Ysilda machte nun eine Bewegung als würde sie einen Bogen spannen. In diesem Moment erkannte sie, dass sie nicht mehr alleine waren.
„Oh, Lyssi, Oberon! Erst wollte Opa Otus nicht vom Baum runter, dann wollte Opa Oldebor weiterhin Buchstaben in sein Buch malen und jetzt wollen die blöden Kobolde wieder nicht mitspielen!“, sagte sie enttäuscht und zog eine Schnute.
Oberon bekam große Augen und sah kurz zum Baum auf dem Oberons Onkel Otus Wacht stand und danach zum Turm in welchem Oberons Vater Oldebor sein Schreibzimmer hatte.
„Du warst bei beiden … warum denn?“
„Na du hast doch gesagt ich soll alle holen!“ Ysilda war selten schlecht gelaunt, aber jetzt war sie offenbar das, was böse am nächsten kam. Erst wurde sie durch die Gegend geschickt, dann tat die Hälfte nicht was sie sollte und jetzt noch die Kobolde.
„Äh ja… stimmt!“ gab Oberon wenig geistreich von sich und sah dann fragend zu Lyssandra. Deutlich stand ihm ein Fragezeichen und das Wort Kobolde auf der Stirn.
Lyssandra breitete lachend die Arme aus. „Mach dir nichts draus, Ysilda! Vielleicht spielt später jemand mit dir!“
Nachdem
sich das kleine Mädchen in die Arme der älteren Schwester geworfen und den Kopf trotzig an deren Schulter gepresst hatte, knurrte sie.
„Weißt du, Lyssi, nie hat jemand Zeit mit mir zu spielen. Immer geht es nur um Pflichten. Schreiben, Lesen, Kämpfen, Vögel beobachten, dem Wild nachstellen… boah, das sage ich dir, das ist echt langweilig. Und Ontho und Oswin sind einfach noch zu klein...“
Die älteste Finsterbornerin nickte verstehend. „Und die Kobolde? Was ist mit denen?“
„Na die haben wenigstens ab und zu Lust mit mir zu spielen. Allerdings auch nicht immer und manchmal verstecken sie mir meine Sachen oder zerstören ein neues Kunstwerk. Siehst du dort drüben? Dort habe ich eine Pyramide aus tollen Steinen und Schneckenhäusern gebaut. Und nun? Sie haben sie umgeworfen und mit den Schneckenhäusern kegeln gespielt. Naja, war aber auch ganz lustig…“
Ysilda kicherte. Dann nahm sie Lyssandras Hand und zog sie mit sich. „Komm, wir gehen hinein. Ich glaube, es gibt was zum Essen!“
Drinnen angekommen sahen alle, dass Danja inzwischen fertig war mit dem Füttern des Säuglings und dieser auf seinem Fell auf der Bank des Ofens schlief. Sie selbst saß mit Ontho am Tisch. Vor ihnen stand eine Brotzeit, die groß genug für alle war und bei der die Knoblauchbrote nicht fehlen durften. Letztere dampften sogar noch etwas da sie gerade erst aus dem Backofen gekommen waren.
„Setzt euch und greift zu“, sagte sie zu den beiden Finsterbornerinnen.
Oberon setzte sich neben seine Frau und noch bevor er seinen ersten Bissen nehmen konnte erzählte er Danja von Lyssandras Plänen.
„Oh…du willst wirklich ins Horasreich und dort vielleicht sogar länger bleiben. Ich war als Knappin einmal dort. Sehr oft sehr schön und vor allem sehr, sehr reich. Sei es an Gold als auch an Erträgen aus den Böden. Aber die Menschen da… ich will natürlich nicht gegen deine Verwandten wettern aber die, die ich damals getroffne hab…!“
Genussvoll griff Lyssandra zu. Sie liebte Knoblauchbrot. Und auch von der deftigen Brotzeit tat sie sich auf ihren Teller.
„Hmm“, schmatzte sie. „Oh, wie lecker, Danja! Hmm, ja die Horasier sind schon speziell. Aber bedenke, meine Mutter war ja auch Liebfelderin. Und ich finde, ich sollte zu meinen Wurzeln zurückkehren. Man kann sich ja schlecht eine Meinung bilden ohne Land und Leute selbst kennengelernt zu haben. Da ich die Möglichkeit nun habe, werde ich das auf jeden Fall machen. Natürlich kenne ich weder Tante noch Onkel, aber sie haben geschrieben, dass sie sich freuen mich zu sehen. Das haben sie jedenfalls Jahr für Jahr wieder betont in ihren Briefen.“
Ysilda sah mit großen Augen zu ihrer Schwester hin.
„Oh, du reist fort? Und ich? Was ist mit mir? Willst du mich etwa hierlassen?“
Es klang deutlich anklagend.
Oberon grübelte einen Moment
„Ja, seine Wurzeln ansehen ist sicherlich eine gute Sache. Ebenso wie ein wenig rumreisen. Das hat viele gute Seiten“, er sah kurz zu Danja rüber die er ja während seiner eigenen Zeit als Fahrender Ritter kennen gelernt hatte.
„und man lernt auch viele Menschen kennen. Aber für länger wie du eben draußen angedeutet hast? Meinst du nicht die Südländer werden dir mit ihrer Art auf den Geist gehen? Ich glaube die sind nicht so wie wir hier im Norden. Wissen nicht wie es ist, wenn einem nicht alles zufällt.“
Danja legte Oberon die Hand auf den Unterarm.
„Na nun lass mal gut sein! Das soll sich doch sicherlich auch deiner Meinung nach selbst herausfinden oder?“ Sie schien noch mehr sagen zu wollen als Ysilda sich ins Gespräch einbrachte. Danja strich der jungen Pagin liebevoll über den Kopf.
„Aber, aber, mein kleiner Grashüpfer. So schlimm ist es hier doch wohl auch nicht, oder? Wir wären wirklich sehr traurig, wenn du uns schon wieder verlässt. Sei sicher, deine Zeit kommt auch noch. Spätestens, wenn du Ritterin bist kannst du durch ganz Aventurien reisen, dir alles anschauen und fast überall wird man dich gerne als Gast begrüßen!“
Ysildas Schnute verschwand. Sie begann sichtbar zu grübeln.
„Hm, nein, nein, es ist schon schön bei euch!“, sagte sie schnell. "... und wenn ich dann später ganz Aventurien sehen kann, dann ist das schon was wert.“
Sie sah ihre große Schwester prüfend an. Lyssandra war Ritterin und durfte nun zu Tante Alisa und Onkel Garis reisen. Eine Weile blieb sie still, dann fragte sie unschuldig.
„Sag mal, Lyssi, Tsalind ist aber doch auch herumgereist bevor sie zu uns kam und auch als sie uns wieder verlassen hat. Nicht wahr? Und auch sie ist ein gern gesehener Gast in unserem Haus gewesen, oder nicht?“
Lyssandra nickte.
„Ja, das ist aber auch was anderes. Als Tsageweihte und Geburtshelferin ist man auch immer ein gern gesehener Gast. Alle Geweihten der Zwölfgötter werden hochgeschätzt und man hat sie gern zu Gast…äh, außer vielleicht die Borongeweihten…“
Die jüngste Finsterbornerin ahmte mit ihren Armen Schwingen nach und krächzte ein „Krah, krah!“ in die Runde.
Die Tischrunde musste grinsen. Ysilda wurde wieder nachdenklich. Sie schob sich ein Knoblauchbrot in den Mund und schwieg endlich auch mal.
Währenddessen erwiderte Lyssandra Oberon auf seine Frage nach der unterschiedlichen Mentalität von Weidenern und Horasiern.
„Ich nehme schon an, dass ich mich erst eingewöhnen muss und wenn mir die Putzsucht der Liebfelder und ihr arrogantes Getue zu viel wird, dann komme ich eben zurück oder mache noch einen Ausflug nach Garetien oder den Kosch. Mal sehen wo es mir gefällt und wo ich was lernen kann. Ich erhoffe mir von Onkel Garis und der Tante ein wenig über mehr über die Verwaltung von Gütern und so zu lernen. Der Onkel ist Inspectionsrat der Domäne Pertakis und die Tante Iustitiarin dort. Ich gehe davon aus, dass ich sicher einiges von ihnen lernen kann, was mir dann später in Weiden auch von Nutzen sein kann.“
Danja versuchte erstmal Ontho davon abzuhalten mit dem Holzhütehund die vermeintlichen Vögel am Tisch zu verbellen und war kurz raus aus dem Gespräch. Oberon dachte einen Moment nach.
„Da wird es sicherlich viele interessante Dinge zu lernen geben. Meinst du denn man kann viele davon auf Weiden übertragen? Ich meine die haben ja ganz anderes Wetter, Böden usw da unten. Naja, und auch wenn es mit den Wüstensöhnen wohl mal Probleme gibt eben keinen dräuenden Ork. Ich überlege gerade ob die überhaupt noch einen Heerbann und sowas haben. Hab gehört die würden sich komplett auf Soldaten und vor allem Soldknechte stützen. Ich weiß nicht, ob ich mir da sicher vorkommen würde, wenn ich gegen Feinde bestehen muss und an meiner Seite nur Leute haben, die wegen dem Gold da sind und nicht wegen ihres Standes und den Verpflichtungen, die dieser mitbringt! Aber ich will dir das bestimmt nicht miesmachen. Es wird eine sehr schöne Zeit werden…mal sehen ob du, wenn du wiederkommst noch in die Rüstung passt“
Frech grinste Oberon Lyssandra an und deutete mit den Händen an, dass sie dick und rund werden würde.
Die Finsterbornerin hob die Augenbraun in gespieltem Ärger.
„Na, na, na, Vorsicht, Herr von Uhlredder! Ich bin ziemlich sicher, dass man immer etwas von anderen Kulturen lernen kann. Meinem Dafürhalten nach würde ich sagen, dass man sich schließlich das Beste aus all dem herauspicken kann. Natürlich ist nicht alles eins zu eins übertragbar, aber vielleicht ist doch was Verwertbares dabei.“
Lyssandra beobachtete inzwischen ihre kleine Schwester, die eine Eidechse aus Karottenstückchen auf dem Tisch auslegte. Dann angelte sie sich eine sauer eingelegte Gurke und schien die Karottenechse damit angreifen zu wollen. Sie täuschte einen Angriff an. Mit einigen geschickten und flinken Handgriffen baute sie die Eidechse um, so dass sie ihr Hinterteil der Gurke zudrehte. Beim nächsten Angriff des sauren Gemüses, warf die Eidechse ihren Schwanz ab und verschwand Stück für Stück im Mund des Mädchens. Ysilda grinste schmatzend ihre große Schwester an.
„Schlaue Eidechse, was?“
Grinsend packte Lyssandra die Rechte der Kleinen mit der Gurke und biss herzhaft den „Kopf“ ab. Siehst du, so macht es die Ritterin. „Kopf ab!“
Dann wandte sie sich wieder Oberon zu.
„Habt ihr beide bestimmte Pläne für den kommenden Götterlauf?“
Danja sah bei der Frage nur nacheinander auf Ontho, Oswin und Ysilda und sagte:
„Ich denke wir werden gut beschäftigt sein damit und mit unserer Aufgabe. Um den Schutz der südlichen Grenze von Urkentrutz nicht zu vernachlässigen werden wir wahrscheinlich abwechselnd ausreiten und einer bleibt immer hier bei den Dreien. Wobei Ysilda bestimmt auch mal mit ausreiten möchte oder? Du kennst ja längst noch nicht alles!“
„Genau,“ mischte Oberon sich ein.
„Ich habe dir bisher allerhöchstens die Hälfte der Verstecke und Geheimnisse erzählt und gezeigt die ich kenne. Das kleine Wäldchen voller Uhus, die große Biberburg, das Tal der Laufenten…“, Oberon erfand diese Orte nicht, wie Lyssandra wusste, und der Ritter war sehr gespannt ober er seine geliebte Heimat damit wieder interessanter machte.
Die Freundin aus der Schwarzen Au lächelte.
„Oh ja, ich erinnere mich noch gut an die vielen Uhus, die putzigen Biber und die Laufenten. Wirklich, das weckt Erinnerungen an schöne Zeiten.“
Sie drehte sich zu Ysilda.
„Wie du ja weißt, habe auch ich meine Pagenzeit hier auf Stegelsche verbracht und bin die meiste Zeit in den Baumwipfeln herumgeklettert oder von einer Waldinsel zur nächsten geritten, um nach dem Rechten zu sehen.“
Ysilda nickte gelangweilt. Sie kannte die Leier. Lyssandra wurde nicht müde von ihrer Pagen- und Knappenzeit zu erzählen, wann immer die Schwestern sich trafen. Aber da auch die jüngere Ysilda sehr tierlieb war, spitzte sie dennoch die Ohren als es um Biber und Laufenten ging.
„Oh, die würde ich auch gerne mal besuchen. Können wir da gemeinsam hinreiten?“, fragte sie mit strahlenden Augen.
Nun war es Lyssandra, die einen fragenden Blick an Oberon sandte.
Oberon nickte sogleich.
„Na, sonst hätten Danja und ich es ja nicht vorgeschlagen. Und das Beste ist, wenn du hier bleibst, müssen wir immer wieder mal hin. Wir haben jede Menge von diesen Waldinseln zwischen den ganzen Wiesen und Weiden. In nahezu jeder davon gibt es was zu entdecken und was Spannendes zu finden!“
Oberon schwärmte begeistert von seiner Heimat und die Schwärmerei kam aus tiefsten Herzen.
Nach dem Essen besuchten Lyssandra und Oberon den alten Otus auf seinem Ausguck und brauchten fast anderthalb Stunden um ihn zu überzeugen mit runter zu kommen. Die Kinder waren inzwischen nacheinander ist Bett gewandert Lediglich Ysilda durfte noch mit unten bleiben und hatte es sich in einem großen Sessel bequem gemacht. Alle erwachsenen Uhlredders, die zur Zeit auf Gut Stegelsche waren, Otus, Oldebor, Oberon und Danja versammelten sich vor dem Kamin. Lyssandra musste sich mit Ysilda in den Sessel setzen und nachdem beide eine bequeme Position gefunden hatten schlief Ysilda nach wenigen Minuten ein. Die fünf Erwachsenen unterhielten sich vorm knackenden Kaminfeuer, guten Getränken und leckeren Schnitzen von einem Laib Ziegenhartkäse noch eine ganze Weile und gingen dann nacheinander ins Bett.
Am nächsten Morgen gab es, wie auf Gut Stegelsche üblich, ein recht schmales Frühstück. Nur ein wenig Grütze, im Moment aus Buchweizen, mit Wasser, etwas Milch und einem Schlacks Saure Sahne. Wer mochte konnte noch ein paar gedörrte Pflaumen oder Walnüsse dazu tun.
Als Ysilda etwas verschlafen zum Frühstück erschien, wurde sie von tosendem Applaus und einem „Hoch soll sie leben, Tsa soll sie ehren, dreimal hoch! Hoch! Hoch! Hoch!“ von allen Anwesenden begrüßt.
Lyssandra hatte ihre mitgebrachten Geschenke auf dem Stuhl ausgebreitet auf dem Ysilda sonst Platz nahm. Das eine war ein sehr hübsches Kleid, das die Mutter der beiden, Thalya, einst für Lyssandra genäht hatte. Der fließende, hellgelbe Stoff war in der Manier der horasischen Mode gearbeitet worden. Spitze verbrämte den Halsausschnitt, eine samtige Borte trennte unter der Brust das Oberteil vom langen Rock, der in mehreren Stufen bis zum Boden fiel.
Das zweite Geschenk bestand aus einem Gambeson und einer wattierten Bruche die sie selbst in ihrer Pagenzeit getragen hatte. Die frisch gebackene Ritterin war gespannt was ihre kleine Schwester dazu sagen würde.
Ysilda freute sich sichtlich über die Begrüßung und juchzte als sie die Geschenke sah.
„Ui, du hast mir was mitgebracht, Lyssi? Das ist toll!“
Ihre Hände glitten zunächst über den Stoff des Kleides. Sie hob es hoch und hielt es sich hin. Es war noch ein wenig zu lang, sah aber wirklich sehr hübsch an ihr aus.
„Hat Mutter das genäht?“, fragte sie leise.
„Ja, das hat sie!“, bestätigte Lyssandra.
Der kastanienbraune Lockenkopf strahlte. „Wie schön! Ich will es heute gleich anziehen!“
„Vielleicht ziehst du zuerst das andere Geschenk an? Was meinst du?“, fragte die ältere Schwester.
Nun erst bedachte Ysilda das zweite Geschenk mit einem abschätzigen Blick.
„Ne, das glaub ich nicht!“, sagte sie bestimmt. „Das ist nicht so hübsch!“
Lyssandra atmete tief durch.
„Das ist mein erster Gambeson und die gepolsterte Bruche damit die Schläge und Streiche mit den Übungsschwertern nicht so weh tun.“
Ysilda sah kurz auf die beiden Kleidungsstücke, die so praktischen Nutzen hatten. Dann sah sie ihre ältere Schwester wieder an.
„Hm, mag sein, aber ich will gar nicht mit den Übungsschwertern herumkloppen!“
Dieses Mal seufzte Lyssandra hörbar.
„Wie wäre es, wenn du die Sachen mal anziehst und ausprobierst. Das Kleid kannst du dann später anziehen, wenn wir mit dem Übungskampf fertig sind und auch den Ausritt hinter uns haben.“
Die Zehnjährige zog eine Schnute. Um einen weiterem Trotzanfall vorzubeugen, mischte sich Oberon ein.
„Wie sieht es aus? Gleich bereit für den Übungskampf?“
Danja stellte einen dampfenden Apfelkuchen auf den Tisch.
„Er muss noch etwas abkühlen. Ich mach die Jungs noch fertig, schlage dann etwas Sahne und dann können wir ihn essen in Ordnung. Dann haben wir auch noch ein paar weitere Geschenke für dich. Bis dahin kannst du ja mit deiner Schwester und Oberon rausgehen.“
Lyssandra hatte ihr Frühstück inzwischen auch beendet und nickte
„Klar bin ich bereit! Magst du dich umziehen, Ysilda? Ich helfe dir mit dem Anlegen des Gambesons!“
Achselzuckend ergab sich die jüngere Finsterbornerin. Wenig später stand sie, etwas verloren wirkend, in dem wattierten Übungsanzug bereit.
Oberon hatte für Ysilda ein hölzernes Übungsschwert dabei während er und Lyssandra mit ihren echten Klingen üben würden.
„Lasst uns am Anfang ein bisschen warm machen und ein paar Grundhaltungen üben. Schau mal hier Ysilda“, Oberon fasste sein Schwert mit beiden Händen und hielt es hoch über den Kopf wobei seine Arme über die Ellenbogen eingeknickt waren so das im Zwischenraum zwischen Armen und Brust eine Art Raute entstand.
„Das ist eine sogenannte Hohe Wacht…manchmal auch die Hohe Wacht des Falken genannt. Sie ist etwas anstrengender da man das Schwert die ganze Zeit hoch hält aber hat viele andere Vorteile. Versuch es einmal.“
Die jüngste Finsterbornerin fand das Spiel ganz nett.
„Bin ich ein wachsamer Falke?“, fragte sie, während sie ihr Holzschwert hoch über den Kopf hielt. Doch schon bald wurde es ihr langweilig. Sie stellte sich auf das linke Bein, zog das rechte Bein an. „Guck mal, jetzt mache ich `Der Storch seht auf einem Bein!´ Und nun...“
Ysilda ging in eine Standwaage, stach mit dem Holzschwert in Richtung des Bauches von Oberon und schwankte dabei gefährlich.
„…bin ich der Kranich, der am Seeufer landet. Hi, hi, Oberon, du siehst eher aus wie eine watschelnde Ente und Lyssi wie ein aufgeplusterter Spatz! Naja, Onkel Otus ist ja ohnehin eine flügellahme Eule…“
Eine steile Falte zwischen Lyssandras Augenbrauen ließ Ysilda verstummen.
„Oh Mann, seid ihr langweilig…“
Oberon seufzte hörbar und schüttelte kurz den Kopf. Danach fing er sich aber wieder. Leicht tadelnd sprach er Ysilda an.
„Denk bitte daran das Onkel Otus vor allem eine sehr alte Eule ist. Er hat viele schlimme Dinge gesehen und erlebt. Da wollen wir ihm doch seine verbleibenden Tage auf dieser Welt so verbringen lassen wie er es möchte. Ihm gefällt es nun einmal den ganzen Tag da oben im Baumwipfel zu stehen und alles zu beobachten. Wir müssen es ja nicht verstehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du das machen würdest Ysilda.“
Nachdem Tadel versuchte er es mit ein wenig Humor.
„Nimm lieber Onkel Oldebor. Der hat Stegelsche und Urkentrutz so gut wie nie verlassen und sicherlich noch sehr viel Kraft doch sitzt er am liebsten an seinem Tisch und krakelt auf Papier und Pergament rum.“
Oberon liebte seinen Vater Oldebor doch der gemütliche Mann und Verwalter war alles andere als ein Ritter sondern ein gemütlicher, kleiner Mann mit ordentlicher Plauze, der am liebsten nur zwischen seinen drei-vier Lieblingsplätzen, zu denen fraglos Esstisch, Sessel vorm Kamin und Bett gehörten, wechselte.
„Wollen wir nochmal den Falken machen? Ich verspreche dir auch der Falke wird sich bewegen, auf einem Bein stehen und andere Bewegungen machen. Wenn du groß bist und eine Ritterin kannst du dann problemlos deinen eigenen Stil entwickeln und zum Beispiel die Wacht des Storches deinen Knappen und Pagen beibringen.“
Na gut…problemlos war glatt gelogen. Um eine eigenen Schwertkampfstil zu entwickeln musste man wahre Meisterschaft im Schwertkampf erlangen. Das würde Ysilda sehr, sehr wahrscheinlich nie. Aber Oberon hoffte darauf, dass sie das nicht wusste und Lyssandra ihn auch nicht verriet.
Sie machten noch einige Lockerungs- und Dehnungsübungen, Grundpositionen, Ausfallschritt, Paraden. Dann hießen Lyssandra und Oberon Ysilda zusehen und stellten sich für einen Schaukampf in Pose. Beide hatten vereinbart, der Pagin ein paar sehenswerte Finten und Riposten zu zeigen. Nach kurzem Geplänkel Klinge an Klinge mit gegenseitigem Angriff und der passenden hohen oder tiefen Parade, machte Lyssandra einen blitzschnellen Schritt zurück, drehte sich einmal um die eigene Achse und stieß dann mit der Schwertspitze nach vorne. In einem wirklichen Kampf wäre ein solches Manöver viel zu gefährlich. Er dauerte zu lange und bot dem Gegner zu viel Angriffsmöglichkeiten, doch es sah gut aus und sollte die Aufmerksamkeit der jüngsten Finsterbornerin fesseln. Oberon parierte mit einer beindruckenden Lässigkeit. Nun täuschte er einen Angriff an, ließ die zum Gegenangriff nach vorne stoßende Ritterin ins Leere laufen und griff der Stolpernden mit der Linken an den Schwertarm.
Lyssandra fluchte, drehte sich vor Oberons Brust ein, so dass er sein Schwert nicht einsetzen konnte und stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. Der Griff lockerte sich und sie konnte ihren Schwertarm befreien. Heftig atmend versuchte sie Platz zwischen sich und Oberon zu bekommen.
Oberon sah immer wieder mal in Ysildas Richtung und hoffe sie würde bei der Sache bleiben… es vielleicht sogar interessant finden.
Dann konzentrierte er sich mehr auf den Kampf. Er mochte das Lyssandra ihrer kleinen Schwester etwas bieten wollte. Er lies sie daher auch einige Manöver durchführen die in einem echten Kampf eher ein letzter riskanter Versuch vor einer Niederlage waren. Auch er selbst tat es ihr mehrere Male nach. Dann aber fand er sollte der Kampf auch ihm und Lyssandra etwas bringen. Nach einer beeindruckend aussehenden Drehung von Lyssandra griff er an. Sie roch den Braten zwar noch rechtzeitig und revanchierte sich mit einem Ellbogenstoß in seine Rippen aber war dann schon gehörig am pusten.
„Na ein wenig die Ausdauer vernachlässigt?“
Oberon ließ nicht viel Zeit für Antworten und griff in einer schnellen Abfolge aus Attacken an und drängte Lyssandra mehr und mehr zurück. Der Kampf hatte einiges an Intensität zugenommen. Gerade als er einen Versuch für einen finalen Angriff starten wollte hörte er ein durchdringendes
„Hört auf!“
Vollkommen überrascht sah er zu Ysilda hinüber. Die Kleine hatte sich auf den Boden gesetzt und ihr Holzschwert offenbar weggeworfen. Mit zitternder Unterlippe und Tränen in den Augen sah sie anklagend zu Lyssandra und Oberon.
„Ihr seid doch Freunde… ihr sollt euch nicht hauen und weh tun… ihr sollt euch lieb haben… lasst uns bitte etwas anderes spielen… ich will niemanden verhauen den ich lieb habe!“
Überrascht und erschrocken ließ Lyssandra das Schwert fallen und beugte sich zu Ysilda hinunter. Sie nahm die kleine Schwester in den Arm.
„Aber, aber, kleine Eidechse! Wir üben doch nur! Das ist doch kein Ernst, meine Kleine.“
Sie streichelte der Zehnjährigen über die Wange.
„Es ist ganz normal, dass man auch bei Übungskämpen alles gibt. Der Gegner schont einen später ja auch nicht. Aber natürlich tun wir uns nicht ernsthaft weh! Nun komm, wir gehen hinein. Du kannst dich umziehen und das neue Kleid anziehen. Das ist doch eine Idee, oder?“
Schniefend nickte Ysilda.
„Ja, das ist eine gute Idee! Das mit dem Kämpfen gar keine gute Idee!“
Achselzuckend sah die Ritterin den Freund an.
„Was soll man da machen? Eidechsentränen konnte ich noch nie widerstehen.“, gab Lyssandra kleinlaut zu.
Auch Oberon brach es fast das Herz als er die schwer mitgenommene Zehnjährige sah. Innerlich fragte er sich zwar wie aus so einer zarten Seele jemals eine Ritterin werden sollte aber das stand jetzt nicht an erster Stelle. Er streichelte Ysilda sanft über den Kopf während sie bei Lyssandra im Arm lag.
Als die beiden Schwestern dann aufbrechen wollten nickte Oberon und lächelte dabei.
„Aber natürlich…wir haben jetzt auch erstmal lange genug geübt. Die nächsten Tage Ysilda werden schöner da machen wir das mit den Ausritten und besuchen die Laufenten!“
Lyssandra sah er etwas länger an. Zwar hatte Ysilda noch 4 Pagenjahre vor sich und danach noch 6 Jahre als Knappin…also sehr viel Zeit. Aber mit jedem Tag wuchsen seine Zweifel. Vielleicht musste Ysilda einen anderen Weg gehen. Er wollte es noch ein paar Monate versuchen aber spätestens dann mit Ysildas Vater ein Gespräch suchen. Überlegen ob man nach der Pagenzeit vielleicht etwas anderes machen sollte. Wenn alles so wie heute bliebe würde Oberon die Grundlage weiter legen. Ysilda würde reiten lernen, Fährten suchen, Lesen, Schreiben und einiges anderes. Aber Kämpfen…da musste ein gehöriger Wandel kommen und zwar bald.
Die Ritterin aus der Schwarzen Au ahnte Oberons Überlegungen. Ihr ging es genauso, wenn sie das gesamte Verhalten ihrer jüngsten Schwester betrachtete. Im Gegensatz zu Horatio und ihr würde Ysilda vermutlich keine Ritterin werden. Aber es gab ja auch ein Leben jenseits von Kettenhemd und Schwert.
„Weißt du was? Das ist eine gute Idee! Morgen reiten wir gemeinsam aus und besuchen die Laufenten! Und jetzt komm, Ysilda, wir gehen hinein!“
Die Pagin Ysilda
Baronie Urkentrutz, Gut Stegelsche, Peraine 1025
Meine liebe Lyssi,
endlich wird es Frühling in Weiden. Es war ein langer und kalter Winter, der kein Ende zu nehmen schien, aber seit ein paar Tagen ahnt man, dass sich Firun nun doch in den Norden zurückziehen wird. Ich muss sagen, dass ich dich unglaublich beneide, Schwester. Bei dir blühen bestimmt schon die Tulpen, wie du mir letztes Jahr um diese Zeit geschrieben hast. Hier sieht man erst die Spitzen der Ifirnsglöckchen und ein paar Krokusse. Ach, und dann muss das Leben im Lieblichen Feld wirklich toll sein. Da ist wenigstens was los. Hier auf Stegelsche ist es soooo langweilig, sterbenslangweilig. Ich warte darauf, dass Onkel Otus „Uhuuuh“ schreit, die Flügel entfaltet und davonfliegt. Ich glaube alle hier warten darauf… er wird immer kauziger. Und Onkel Oldebors Unterricht ist sooo öde. Er ist so unglaublich pingelig. Und dann schimpft er immer, wenn ich die teure Tinte zum Malen benutze. Überhaupt bekomme ich immer wieder geschimpft, wenn ich das Haus verschönere, Gesichter in die Bäume schnitze oder etwas bastle. Ach, Lyssi, ich wünschte ich könnte wieder zurück zu Vater. Es ist immer schön, wenn ich ihn besuchen darf oder er mich besuchen kommt. Und das Schlimmste ist, dass Oberon einfach nicht aufgibt, eine Ritterin aus mir machen zu wollen. Und dabei will ich das gar nicht! Diese blöden Waffenübungen machen überhaupt keinen Spaß. Ich versuche immer mich zu verstecken, wenn Oberon kämpfen will. Aber inzwischen erzählt er mir nicht mehr vorher, dass er vorhat zu kämpfen. Das ist doof.
Meine liebe große Schwester, wann kommst du endlich zurück? Ich will wieder mit dir spielen und ausreiten! Vater hat mir inzwischen „Linchen“, die Nordmähne, mit der Rainald dich ins Horasreich begleitet hat, geschenkt. Sie ist ein prima Reitpferd und trägt mich bei den vielen Ritten, die wir hier über die Ländereien des Gutes machen, brav und sicher. Nur unlängst bin ich runtergefallen. Da hat Linchen vor einem Eber gescheut, der direkt vor uns aus dem Gehölz gesprungen ist. Bei allen Zwölfen, bin ich erschrocken! Linchen leider auch. Sie hat einen Haken geschlagen und dabei bin ich nicht gerade sanft abgestiegen. Ich hatte einige blaue Flecken und konnte eine Woche lang den linken Arm nicht heben.
Kannst du mich nicht auch zu dir ins Liebliche Feld holen? Alles was du schreibst klingt so aufregend und toll. Da nehme ich auch in Kauf, dass Tante Alisa streng ist. Das kann gar nicht so schlimm sein, wie es hier langweilig ist.
Schreib mir bitte bald zurück, ich sehne mich nach dir!
1000 Küsse von deiner kleinen Schwester Ysi!
Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter,
Gut Stegelsche, Baronie Urkentrutz, Anfang Rahja 1025
Während die Trauergesellschaft für Otus von Uhlredder noch beisammen saß und Anekdoten aus dem Leben des Verstorbenen austauschte, machte sich Theofried von Finsterborn auf die Suche seiner jüngsten Tochter. Irgendwann hatte sie sich offenbar von der Tafel weggestohlen. Der Junker der Schwarzen Au hatte es nicht gleich bemerkt. Aber als er ihrer Abwesenheit gewahr wurde, wollte er die Gelegenheit nutzen, mit Ysilda alleine zu reden.
Er wanderte durch die Gänge des Gutshofes, die Treppe hinauf und wieder hinunter. Im Haus schien sie nicht zu sein. Also trat er auf den Hof hinaus. Inzwischen war es dunkel geworden. Es war ein warmer Tag gewesen. Der Boden hatte die wärmenden Strahlen der Praiosscheibe gespeichert und gab sie nun an die Umwelt ab. Theofried spürte die Wärme und roch den würzigen Duft von Wald und Kräutern, von Erde und Gras.
Theofried sah sich um. Das Licht einer erst wenige Tage alten Sichel des Madamals erhellte den Hof mit seinen Bepflanzungen nur wenig. Am Horizont färbte sich der Himmel dunkelviolett und über ihm schmückte sich der Abendhimmel bereits mit den ersten Sternen. Es dauerte eine Weile bis sich seine Augen an das geringe Licht gewöhnt hatten.
Da saß sie. An die Hauswand gelehnt saß Ysilda, summte fröhlich ein Lied und blickte in den Sternenhimmel hinauf.
Der Junker schlenderte zu seiner jüngsten Tochter hinüber und ging in die Knie. Ysilda sah zu ihm auf und lächelte ihn an. „Vater! Sieh nur, die Sterne! Dort! Ist das nicht eine Eidechse dort neben dem Abendstern?“
Mit leisem Stöhnen ließ sich Theofried neben Ysilda nieder und blickte in den Nachthimmel.
„Du hast eine gute Beobachtungsgabe, meine Süße! Das ist das Sternbild der Eidechse und damit das Bild der Tsa.“
Ysilda lächelte zufrieden. „Siehst du wie ihr Auge leuchtet? Die Farben der Sterne… sie sind so schön!“
Theofried brummte ein liebevolles. „Hmhm, meine Kleine, das hast du sehr gut wahrgenommen. Der Stern, der das Auge der Eidechse bildet, heißt Sajalana.“
Eine Weile saßen sie schweigend beeinander. Die junge Finsterbornerin lehnte sich an die rechte Seite des Vaters und ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken. Er legte seinen Arm um sie.
„Es ist schön hier, nicht wahr Ysilda?“, sagte er irgendwann leise.
Das Mädchen mit den dunklen Locken seufzte hörbar. „Ja, es ist schön hier. Ich mag auch Oberon und Danja sehr. Sie sind sehr lieb zu mir. Aber was ich gar nicht mag sind die Versuche Oberons mich zu einer Ritterin auszubilden.“
Sie zog sich von seiner Schulter zurück und richtete sich so auf, dass sie ihrem Vater in das vom Madamal nur spärlich beschienene Gesicht blicken konnte.
„Vater, ich will das nicht! Ich lerne gerne, die Vögel zu beobachten und zu reiten. Auch das Schreiben bereitet mir Freude, vor allem wenn ich die Buchstaben so schön ausmalen kann. Das muss ich dir mal zeigen! Ich wurde schon sehr dafür gelobt, dass ich so schön male. Aber ich hasse es auf andere mit dem Schwert einzuhauen – auch wenn es nur aus Holz ist. Allein der Krach und der Lärm des Kämpfens sind mir ein Gräuel. Bitte, Vater! Bestehe nicht darauf, dass ich Ritterin werde wie Lyssi!“
Theofried seufzte. „Ich muss zugeben, dass es mich traurig macht, dass du aus der Familientradition ausscheren willst…“
Er machte eine Pause. Hoffte er, dass sie widersprechen würde? Sie tat es nicht. Ysilda legte den Kopf schief und streichelte ihm dann über den bloßen Unterarm, den er auf seinen angewinkelten Knien abgelegt hatte.
„… aber ich sehe ein, dass das nicht der richtige Weg für dich ist, meine kleine Eidechse.“
Sofort erschien ein glückliches Lächeln auf Ysildas Lippen. „Ich wusste, dass du mich verstehen würdest!“, sagte sie mit großer Zuversicht. „Du bist der beste Vater auf Deres Rund!“
Nun musste der alte Junker grinsen. Ihm wurde warm ums Herz. Hatte Oberon nicht gesagt, dass sie ein unglaublich liebenswerter Mensch sei? Ja, er hatte recht. So ein freundliches, liebes Mädchen hatte auf einem Schlachtfeld nichts verloren und er wollte sich auch gar nicht vorstellen, wie sie einer Horde Schwarzpelze gegenübertrat. Ysildas Zukunft lag mit Sicherheit nicht auf einem der Finsterwachttürme oder in einem Aufgebot des Weidener Heeres.
Mit sanfter, warm tönender Stimme fragte Theofried: „Was könntest du dir denn für deine Zukunft vorstellen? Hast du dir da schon Gedanken gemacht?“
Ysilda begann eine ihrer dunklen Locken zwischen den Fingern zu zwirbeln.
„Hm, ja also, nicht wirklich. Also ich male gerne, ich arbeite gerne mit Ton und mit Steinen und mit Farben…“, ihr Blick ging in Richtung der himmlischen Eidechse. „… dann schreibe und singe ich gerne. Vielleicht würde ich auch gern ein Musikinstrument lernen und auf jeden Fall möchte ich andere Länder und Menschen kennen lernen. So wie Lyssi! Das fände ich toll!“
Der Vater betrachtete seine Tochter nachdenklich. „Hm, das klingt nicht nach einem echten Plan.“
Seine Jüngste lachte glockenhell. „Ach, Vater, warum auch einen Plan verfolgen. Jeder Tag bringt doch eh wieder Neues und Interessantes! Wozu sich auf einen Plan festlegen? Wo es doch so vieles gibt, was man machen kann. Ich will mich nicht festlegen!“
„So einfach ist das nicht, Ysilda. Man lebt doch nicht von Licht und Luft allein!“ Auf Theofrieds Stirn bildete sich eine strenge Falte.
Ysilda legte ihr Kinn auf die Unterarme ihres Vaters und blickte großherzig zu ihm auf.
„Aber Vater! Sie nur die Vögel hier, die Eidechsen und die Tiere im Wald, die leben doch auch von dem was ihnen der Tag bringt! Ich will leben wie die Tiere, frei wie ein Vogel, leichtfüßig wie ein Reh und flink wie eine Eidechse!“
Theofried streichelte über den dunklen Lockenkopf. „Ja, das glaube ich dir! Könntest du dir vorstellen einem der Zwölf Götter zu dienen?“
Die Zwölfjährige wand sich. „Ach, weißt du, wenn das bedeutet, dass ich durch die Lande ziehen kann und interessante Leute kennen lerne, dann schon, aber irgendwo im Nirgendwo in einem Tempel zu hocken und mich über verstaubte Bücher zu beugen… neee, das will ich nicht!“
Das Seufzen des Vaters wurde lauter. „Was mache ich nur mit dir? Es klingt nicht so, als wenn es da eine klare Linie gibt. Aber ich brauche jetzt wohl keinen Schwertvater oder eine Schwertmutter für dich suchen. Das ist klar. Ich werde also auf jeden Fall warten bis deine Schwester Lyssi aus dem Lieblichen Feld zurückkehrt und mich mit ihr beraten. Und du machst dir mal Gedanken. Es wäre schön, wenn du nach deiner Pagenzeit eine Vorstellung davon hast, wo die Reise hingehen soll“
Ysilda nickte brav. „Das ist kein Problem, Vater! Ich mache mir eigentlich jeden Tag Gedanken zu allen möglichen Themen. Da kann ich gut auch mal ein bisschen über das Reisen nachdenken. Das tu ich sowieso ganz oft!“
Nun musste Theofried laut lachen. Ob sie ihn absichtlich falsch verstanden hatte? Er wollte nicht weiter insistieren und streichelte ihr stattdessen erneut über das dunkle Haar.
„Na, dann gehen wir mal wieder rein, was?“
Seine Jüngste sprang auf. Flink wie eine Eidechse tänzelte sie den Weg entlang zur Eingangstür. Ganz so schnell konnte er ihr nicht folgen, aber er bemühte sich.
Was tun mit dem schwarzen Schaf?
Baronie Urkentrutz, Junkergut Schwarze Au, Hesinde 1028
Trotzig schob Ysilda die Unterlippe vor. Die 15 Sommer zählende Jüngste des Finsterborners ließ die Schimpftirade über sich ergehen. Sie wusste, dass sie das schwarze Schaf der Familie war, zumindest in den Augen ihres Vaters, des Junkers von der Schwarzen Au. Dabei war sie eigentlich eher ein sehr buntes Wesen. Ysilda liebte alle Farben des Regenbogens und kleidet sich entsprechend gerne bunt. Sie war äußerst kreativ, stellte ihre Kleidung immer neu zusammen und setzte sich auch mal mit der Zofe Anci hin, um ein Stück umzuarbeiten oder gar neu zu schneidern. Doch dafür hatte der Vater kein Verständnis. Er hatte schon schwer geschluckt als er realisierte, dass aus ihr niemals eine Ritterin würde. Dass sie aber bereits die zweite Lehre bei einem Künstler aufgab, war zu viel für ihn.
Einen halben Götterlauf hatte sie sich als Schriftmalerin versucht und anfangs hatte ihr die Tätigkeit wirklich Freude gemacht. Dann aber langweilte es sie immer die gleichen Initialen, dieselben Buchstaben zu malen - kein Bisschen Kreativität. Wenn sie versuchte die Anfangsbuchstaben einer Seite mit floralen Motiven oder gar einer Arabeske zu verzieren bekam sie von ihrem Lehrmeister Schelte. Er hatte kein Verständnis für Ihre ausufernde Phantasie, die in dem B eine Seenlandschaft sah, in der Wasservögel ihre Kreise zogen.
In der Nacht als Ysilda ihre Sachen packte, um ihren Lehrmeister zu verlassen, malte sie eine Karikatur von ihm, die einem fratzenhaften Baum glich der seine Äste gleich Krakenarmen um die Arme Schülerin wand und sie zu erdrücken schien. Einer der Äste ragte steil empor. Er trug den Stecken, mit dem jeder Fehler bestraft wurde.
Nur mit Mühe hatte der Vater nach diesem Rückschlag einen Bildhauer in Baliho dazu bewegen können, es mit ihr zu versuchen. Das Experiment war nun, nach nur 5 Monden, jämmerlich gescheitert. Die Schwere der Arbeit, die Blasen an den Händen und die Aussicht darauf irgendwann mehr Armmuskeln zu haben als eine Ritterin schreckten die 15jährige derartig ab, dass sie Hals über Kopf ihr Bündel packte und in die Schwarze Au zurückkehrte.
Da stand sie nun und hörte sich an was sie für ein missratener Spross am starken Zweig der Finsterborns doch war. Wie immer wurde sie mit Lyssandra und Horatio, ihren Geschwistern, verglichen. Wie sehr sie das hasste! War sie doch ein Individuum, einzigartig und nicht vergleichbar!
Lyssandra war nun auch diejenige, die der Vater zum Gespräch hinzugezogen hatte. Sie war nach der Niederkunft mit ihrer ersten Tochter Minerva mit Mann und Kind auf das väterlichen Gut zurückgekehrt. Während ihr Gemahl Wonnebolt nur selten da war, da er im Auftrag der Herzogin Steinbrüche inspizierte und die Baumeister der Herrscherin in der Auswahl geeigneter Steine beriet, hatte sich Lyssandra in die Schwarze Au zurückgezogen. Sie widmete sich voll und ganz der Aufzucht ihrer Tochter und übernahm zudem noch einige verwalterische Aufgaben.
So hatte Lyssandra Schimpftiraden des Vaters zunächst zugehört ohne sich einzumischen. Nun, als Theofried geendet hatte und seine Älteste Beifall heischend um Bestätigung ersuchte, räusperte sie sich.
"Lieber Vater, ich möchte einen Vorschlag zur Güte machen. Wir beide wissen um Ysildas besondere Begabung und ihr künstlerisches Talent. Leider wird das in Weiden nicht so geschätzt wie anderswo. Ich möchte dich daran erinnern, dass die Liebfelder Familie meiner Mutter da ganz anders denkt und sich als Mäzene lokaler Künstler hervortut. Vielleicht wäre es ein gute Idee Kontakt zu den ya Papilios aufzunehmen. Ich erinnere mich an eine berühmte Künstlerin mit Namen Piara Collina, die in Shenilo ihr Atelier hat. Sie ist Malerin und Bildhauerin und gehört zu denjenigen, die von den ya Papilios gefördert werden. Im Landhaus in Montalto hängen einige Portraits von ihr. Ich schreibe Tante Alisa und Onkel Garis ob sie für Ysilda um einen der begehrten Ausbildungsplätze in der Kunstschule Collinas ansuchen können. Was hältst du davon, Vater?"
So schnell hatte die Älteste dem Vater den Wind aus den Segeln genommen. Einen kurzen Augenblick glaubte Lyssandra noch, der Vater würde da anknüpfen, wo er aufgehört hatte, bei dem schlechten Bild, das die Finsterborns abgaben, wenn bekannt würde, dass die jüngste Tochter nicht nur aus der Art geschlagen war, sondern auch noch so flatterhaft, dass sie es nicht mehr als einen Götterlauf bei einer Aufgabe aushielt und sobald sich die ersten Schwierigkeiten zeigten, das Schwert zu Boden warf. Doch sie täuschte sich. Fast beschlich sie die Erkenntnis, dass der schon mehr als 60 Winter zählende Junker, respektvoll zugestand, dass der Vorschlag seiner Ältesten eine bessere Lösung für die verfahrene Situation bedeutete. Man könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ysildas Neigungen und Begabungen würden gefördert und sie war weit weg von Weiden, für hoffentlich mehrere Götterläufe. Das konnte ihm in dieser besonders anstrengenden Phase nur guttun.
Also nickte Theofried. "Ja, frag mal an bei den ya Papilios. Wenn Ysilda einverstanden ist?"
Die Zornesfalte auf seiner Stirn ließ vermuten, dass er ein "Nein" nicht akzeptieren würde.
Ysilda nickte. Alleine die Vorstellung, Weiden für eine Weile verlassen zu können und etwas ganz Neues zu sehen und zu erleben genügte der 15jährigen. Was für eine Chance!
"Das wäre wunderbar!", sagte sie.
Lyssandra nickte zufrieden. "Dann will ich gleich mal einen Brief aufsetzen!"
Briefe aus Montalto und ihre Folgen
Peraine 1028 BF und Travia 1029
Die Antwort auf Lyssandras Anfrage, ob Onkel und Tante etwas für Ysildas künstlerische Zukunft tun könnten kam im Peraine 1028. Garis ya Papilio bedankte sich, dass man im fernen Weiden noch an Onkel und Tante im Süden dachte. Er beklagte bitterlich, dass sich seit dem Tod Amenes der Großen alles zum Schlechten gewandelt hatte.
„Meine liebe Lyssandra,
ich bin ja so froh, dass du das nicht mehr miterleben musstest. Du hast unser Liebliches Feld noch prosperierend und in kultureller Blüte erlebt. Wir konnten noch Kunst, Musik und Theater genießen ohne Angst haben zu müssen auf offener Straße gemeuchelt zu werden. Deine liebe Tante sieht gar den Untergang der zivilisierten Welt kommen. Und bei Praios, es ist unfassbar, was sich hier abspielt! Die Kinder der Großen Amene sind sich nicht einig über die Thronfolge, es haben sich zwei Lager gebildet, die sich erbittert bekämpfen: „Aldarener“ und „Timoristen“. Und als wenn das alles nicht schon furchtbar genug wäre, mischt noch ein Dritter mit. Das Haus Galahan wittert seine Gelegenheit, den Thron an sich zu reißen. Romin Galahan ist dreist genug mit beiden Seiten zu kokettieren, dabei will er doch die Macht für sich alleine. Doch die Geschwister erkennen es nicht! In diesem Moment, da ich meine Zeilen an dich richte, Carissima, ist der Ausgang der Thronfolgestreitigkeiten noch gar nicht abzusehen. Aldare wurde bei Shumir vernichtend geschlagen, doch nun ist ihr Bruder nach Albernia zurückgezogen, um seiner Gemahlin, der Königin Invher ni Bennain gegen die Nordmärker beizustehen. Alles ist offen! Wahrlich kein guter Zeitpunkt, sich mit den leichten Musen zu befassen. Deine Tante und ich lassen dich und die Deinen herzlich Grüßen und wünschen Euch von Herzen alles erdenklich Gute. Schließe uns in deine Gebete an die Zwölfgötter ein und bitte Tsa um Frieden für unser schönes Liebliches Feld. Ich schreibe dir, wie sich die Dinge hier entwickeln!
Herzlichst Onkel Garis und Tante Alisa“
Ein weiterer Brief erreichte die Finstere Au beinahe einen halben Götterlauf später, Mitte Travia 1029.
„Meine liebe Lyssandra,
Ich hoffe deiner Familie geht es noch immer gut? Wenn ich das nur auch von uns behaupten könnte, Carissima! Hier im Lieblichen Feld ist nichts mehr wie es einmal war. Bereits kurz nach meinem letzten Brief, Ende Peraine des letzten Götterlaufes, kam es hier direkt vor unseren Augen zur Schlacht von Pertakis, bei dem die Aldarener siegten. Du weißt, wir versuchen uns bewusst aus den ganzen innerfamiliären Händeln der Firdayons herauszuhalten, aber nun hat es auch uns erwischt. Wir mussten mit ansehen wie unsere schöne Stadt zum Zentrum einer blutigen Schlacht wurde und das Blut vieler Landsleute die Straßenpflaster verunzierte. Und als wenn dieser vermaledeite Geschwisterkrieg nicht schon schlimm genug wäre, fiel im Rondra auch noch ein Almadaner Heer in den Yaquirbruch ein. Verwüstungen und Plünderungen waren die Folge. Niemand weiß mehr, wem er glauben soll. Leider ist unsere schöne Heimat gerade kein guter Ort für deine jüngere Schwester. Lass uns sehen, was die Zukunft bringt. Sorgt gut für Euch und schließt uns in eure Gebete mit ein.
Herzlichst, Onkel Garis und Tante Alisa
Schockiert von den Ereignissen im Horasreich beschloss der Famillienrat, Ysilda vorerst nicht ins Liebliche Feld zu schicken. Schmollend und unzufrieden suchte die 16jährige sich eine Beschäftigung. Sie verbrachte die meiste Zeit im Dorf Schwarze Au in, wie ihr Vater entrüstet feststellte, unpassender, nicht standesgemäßer Gesellschaft. Wieder wurde darüber diskutiert Ysilda doch noch eine ritterliche Ausbildung angedeihen zu lassen. Im Notfall wollte Theofried sie selbst ausbilden und er begann auch Lyssandra zu überzeugen, dass das der einzig gangbare Weg sei. Eine künstlerische Karriere sei unter diesen Umständen einfach nicht umsetzbar.
Ysilda begehrte auf. Trotzig verschloss sie sich allen Versuchen des Vaters und der Schwester, aus ihr eine Ritterin zu machen. Sie warf das Übungsschwert zu Boden und rannte davon.
Avessandro
Baronie Urktentrutz, Dorf Schwarze Au, 20. Travia 1029
Alles an Avessandro war faszinierend. Angefangen bei seinem plötzlichen Auftauchen am 20. Travia 1029. Geradewegs zur Rahjastunde war er am Dorfplatz der Siedlung Schwarze Au erschienen. Lang und hager, mit brauner Lockenmähne in die einzelne, farbige Bänder eingeflochten waren und einem Bart, der darauf schließen ließ, dass er sich seit etwa einer Woche nicht rasiert hatte. Lustige türkisblaue Augen blickten Ysilda aus einem praiosverwöhnten Gesicht an. Auf seinem Kopf saß ein breitkrempiger Hut mit mehreren Vogelfedern, eine mit bunten Lederflicken besetzte Hose steckte bis zu den Knien in Schaftstiefeln. Die Hose wurde von einem bunt geflochtenem Gürtel zusammengehalten, an dem eine silberne Flöte hing. An den Ärmeln des gelben Wamses sprang der Stoff der Länge nach auf und zeigte einen leuchtend blauen Unterstoff. Über die linke Schulter hatte der gutaussehende junge Mann lässig einen Reisemantel geworfen, die rechte Hand hielt einen beeindruckenden Wanderstecken, der in einem Wurzelknoten endete und mit bunten Bändern und Vogelfedern geschmückt war. Er grinste breit und nickte der 16 Winter zählenden Finsterbornerin zu, die geradewegs auf ihn zusteuerte.
"Wohin des Wegs, schönes Weidenröschen?"
Die Stimme klang sanft und keck zugleich. Es schwang ein Unterton mit, den Ysilda nicht zu deuten vermochte. War es dieser oder seine bunte und unkonventionelle Kleidung, die sie so magisch anzog?
"Ins Gasthaus zur Schwarzen Au, Fremder", sagte sie und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln.
Den ganzen Tag und bis in die Abendstunden hinein saßen sie zusammen und Ysilda hing an den Lippen des fremden Wandersmanns. Avessandro erzählte Geschichten von seinen Wanderungen, den Metropolen, die er besucht hatte, den Völkern, die er kennen gelernt, und den Abenteuern, die er erlebt hatte. Auf die Frage der Finsterbornerin wo er denn zuhause sei, erwiderte er: "Überall auf Deres Rund!" und lachte.
"Aber du musst doch einen Vater und eine Mutter haben?", insistierte Ysilda.
"Oh ja, kleines Weidenröschen. Das Praiosmal ist mein Vater, das Madamal meine Mutter!"
Ysilda fühlte sich auf den Arm genommen. Sie runzelte die Stirn.
"Wo ist denn deine Wiege gestanden, Avessandro?"
„Unter dem Himmelzelt, Lockenkopf! Und die Sterne sind meine Geschwister!"
Er lachte und eigentlich hätte die Jüngste des Junkers aus der Schwarzen Au beleidigt sein müssen, war es doch nur zu offensichtlich, dass der junge Mann, der wohl etwa 20 Winter gesehen haben mochte, mit ihr Scherze trieb. Doch stattdessen stimmte sie mit ihrem glockenhellen Lachen ein und spürte, dass Avessandro das gefiel.
Auch Ysilda gefiel der junge Zugvögel, wie der fröhliche Wanderer sich manchmal nannte. Eine mystische, geheimnisvolle Aura umgab ihn.
„Wohin führt dich dein Weg?“, fragte die Schwarzgelockte.
„Oach, mal hierhin, mal dahin. Wenn ich ehrlich bin, lasse ich mich treiben. Ich bin das erste Mal in Weiden und dachte ich sehe mir den Finsterkamm an bevor Firun mit seinen eisigen Fingern daherkommt. Dann würde ich weiterwandern gen Praios denn es ist bequemer dort im Winter, wenn du verstehst was ich meine.“
Ysilda wusste genau was er meinte, nämlich, dass Weiden von Hesinde bis mindestens Tsa oder Phex fest in den Händen des Alten vom Berge war, und sie kannte die Berichte ihrer Schwester von den schnee- und eisfreien Wintern im Lieblichen Feld.
„Und du? Kleiner Schmetterling?“, fragte der Charmeur. „Wo wirst du den Winter verbringen? Und womit verbringst du deine Zeit?“
Die Jüngste der Finsterbornerinnen begann von ihrer Familie zu erzählen und von den Erwartungen, die an sie gestellt wurden.
„Ich soll Ritterin werden! Und das obwohl ich überhaupt nicht zum Kämpfen tauge. Ganz und gar nicht. Meine Liebe gilt den schönen Künsten! Ich male gerne und bin sehr kreativ! Meine Schwester Lyssandra hat noch am ehesten Verständnis für mich. Sie war eine Weile im Horasreich und wollte für mich dort eine Ausbildung bei einer berühmten Künstlerin arrangieren, doch dann kam der Thronfolgekrieg im Lieblichen Feld dazwischen. Und nun drücken mir mein Vater und meine Schwester das Schwert in die Hand, zwingen mich, einen Weg zu gehen, den ich nicht gehen möchte!“
Avessandro horchte auf. „So ist das also! Ich sage dir was, mein Weidnenröschen, du bist nicht für den Weg der Ritterin gemacht! Niemals! Man muss den Weg erkennen, der für einen bestimmt ist! Du musst dein Schicksal in die Hand nehmen! Löse dich von der Schollengebundenheit, von der Familientradition! Was sind Traditionen anderes als Fesseln, mit denen deine Familie versucht, dich an sie zu binden? Sie ketten dich an ein Leben, das nicht deines ist! Glaub mir, kleiner Schmetterling, flieg hinaus in die Welt der Wunder! Höre die Melodie der Winde und male deinen Weg in deinen eigenen Farben!“
Gebannt lauschte Ysilda den Worten des Weltsuchenden. Ja, da war es! Der Avesjünger schlug eine Saite in ihr an, die gespielt werden wollte. Und sofort wurde aus einem einzelnen Ton eine ganze Melodie.
„Du hast recht, Avessandro! Ich muss meinen eigenen Weg gehen!“
„Ja, das musst du, mein Weidenröschen! Sieh mich an! Ich bin ungebunden und frei! Willst du das nicht auch sein? Ungebunden und frei!“
Türkisblaues Feuer flammte in seinen Augen. Wie hypnotisiert starrte Ysilda den wortgewandten Zugvogel an. Ja, das wollte sie auch! Frei und ungebunden sein, wie ein Vogel fliegen!
„Ja“, hauchte sie zunächst. Dann noch einmal lauter und mit fester Stimme. „Ja, ich will frei sein!“
Und als die Praiosscheibe unterging und Ysilda sich verabschiedete, fragte Avessandro ob er sie begleiten könne. Da zögerte die Finsterbornerin und dachte nach.
"Nun, ich glaube nicht, dass mein Vater dir die Tür weisen würde, doch ist er zurzeit nicht gut auf mich zu sprechen.“
Avessandro lächelte. „Dann erlaube, dass ich dich nach Hause begleite.“
Hand in Hand schritten sie aus dem Dorf und über den Urkenweg in Richtung Junkergut. Als sich das Blätterdach des Auwaldes lichtete und der umwehrte Gutshof in Sicht kam, blieb der Avesjünger stehen und hielt Ysilda am Arm fest.
„Sieh nur das Sternenzelt über uns. Ist es nicht Dach genug für uns?“
Mit klopfendem Herzen sah die Sechzehnjährige in den Himmel. „Es ist wunderschön! Das schönste Dach, das man sich vorstellen kann!“
„Nicht wahr?“ Avessandro löste die Flöte von seinem Gürtel und begann zu spielen. Eine wunderschöne Melodie erklang, sehnsuchtsvoll und romanisch. Ysilda war sogleich vollkommen verzaubert. Sie ließ sich auf einem Baumstumpf nieder und betrachtete im Schein des Madamals und der Sterne den gutaussehenden Mann, der sich an einen Baum gelehnt hatte und dem einfachen Instrument solch schöne Töne entlockte.
Plötzlich beschlich die Finsterbornerin eine Sorge.
"Bist du morgen noch da?", fragte sie.
Avessandro ließ die Flöte sinken und lächelte geheimnisvoll. "Das weiß man nie so genau", erwiderte er und berührte wie zufällig ihre Hand.
***
Am Morgen des 21. Travia 2029 fand Lyssandra von Finsterborn das Bett ihrer jüngsten Schwester leer vor. Kein Brief, kein Hinweis darauf, wohin Ysilda gegangen war.
Am vorangegangenen Abend war sie, sehr zum Ärger des Vaters, spät aus dem Dorf zurückgekommen. Sie hatte sich sogleich zur Nacht verabschiedet und war der drohenden Standpauke so entgangen. Nun war sie fort und Lyssandra ahnte, dass sich Ysilda auf der Flucht in ein neues Leben befand.