Ein Gespräch zwischen Vater und Tochter,
Gut Stegelsche, Baronie Urkentrutz, Anfang Rahja 1025

Während die Trauergesellschaft für Otus von Uhlredder noch beisammen saß und Anekdoten aus dem Leben des Verstorbenen austauschte, machte sich Theofried von Finsterborn auf die Suche seiner jüngsten Tochter. Irgendwann hatte sie sich offenbar von der Tafel weggestohlen. Der Junker der Schwarzen Au hatte es nicht gleich bemerkt. Aber als er ihrer Abwesenheit gewahr wurde, wollte er die Gelegenheit nutzen, mit Ysilda alleine zu reden.

Er wanderte durch die Gänge des Gutshofes, die Treppe hinauf und wieder hinunter. Im Haus schien sie nicht zu sein. Also trat er auf den Hof hinaus. Inzwischen war es dunkel geworden. Es war ein warmer Tag gewesen. Der Boden hatte die wärmenden Strahlen der Praiosscheibe gespeichert und gab sie nun an die Umwelt ab. Theofried spürte die Wärme und roch den würzigen Duft von Wald und Kräutern, von Erde und Gras.

Theofried sah sich um. Das Licht einer erst wenige Tage alten Sichel des Madamals erhellte den Hof mit seinen Bepflanzungen nur wenig. Am Horizont färbte sich der Himmel dunkelviolett und über ihm schmückte sich der Abendhimmel bereits mit den ersten Sternen. Es dauerte eine Weile bis sich seine Augen an das geringe Licht gewöhnt hatten.
Da saß sie. An die Hauswand gelehnt saß Ysilda, summte fröhlich ein Lied und blickte in den Sternenhimmel hinauf.

Der Junker schlenderte zu seiner jüngsten Tochter hinüber und ging in die Knie. Ysilda sah zu ihm auf und lächelte ihn an. „Vater! Sieh nur, die Sterne! Dort! Ist das nicht eine Eidechse dort neben dem Abendstern?“

Mit leisem Stöhnen ließ sich Theofried neben Ysilda nieder und blickte in den Nachthimmel.
„Du hast eine gute Beobachtungsgabe, meine Süße! Das ist das Sternbild der Eidechse und damit das Bild der Tsa.“

Ysilda lächelte zufrieden. „Siehst du wie ihr Auge leuchtet? Die Farben der Sterne… sie sind so schön!“

Theofried brummte ein liebevolles. „Hmhm, meine Kleine, das hast du sehr gut wahrgenommen. Der Stern, der das Auge der Eidechse bildet, heißt Sajalana.“

Eine Weile saßen sie schweigend beeinander. Die junge Finsterbornerin lehnte sich an die rechte Seite des Vaters und ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken. Er legte seinen Arm um sie.
„Es ist schön hier, nicht wahr Ysilda?“, sagte er irgendwann leise.

Das Mädchen mit den dunklen Locken seufzte hörbar. „Ja, es ist schön hier. Ich mag auch Oberon und Danja sehr. Sie sind sehr lieb zu mir. Aber was ich gar nicht mag sind die Versuche Oberons mich zu einer Ritterin auszubilden.“

Sie zog sich von seiner Schulter zurück und richtete sich so auf, dass sie ihrem Vater in das vom Madamal nur spärlich beschienene Gesicht blicken konnte.
„Vater, ich will das nicht! Ich lerne gerne, die Vögel zu beobachten und zu reiten. Auch das Schreiben bereitet mir Freude, vor allem wenn ich die Buchstaben so schön ausmalen kann. Das muss ich dir mal zeigen! Ich wurde schon sehr dafür gelobt, dass ich so schön male. Aber ich hasse es auf andere mit dem Schwert einzuhauen – auch wenn es nur aus Holz ist. Allein der Krach und der Lärm des Kämpfens sind mir ein Gräuel. Bitte, Vater! Bestehe nicht darauf, dass ich Ritterin werde wie Lyssi!“

Theofried seufzte. „Ich muss zugeben, dass es mich traurig macht, dass du aus der Familientradition ausscheren willst…“

Er machte eine Pause. Hoffte er, dass sie widersprechen würde? Sie tat es nicht. Ysilda legte den Kopf schief und streichelte ihm dann über den bloßen Unterarm, den er auf seinen angewinkelten Knien abgelegt hatte.

„… aber ich sehe ein, dass das nicht der richtige Weg für dich ist, meine kleine Eidechse.“

Sofort erschien ein glückliches Lächeln auf Ysildas Lippen. „Ich wusste, dass du mich verstehen würdest!“, sagte sie mit großer Zuversicht. „Du bist der beste Vater auf Deres Rund!“

Nun musste der alte Junker grinsen. Ihm wurde warm ums Herz. Hatte Oberon nicht gesagt, dass sie ein unglaublich liebenswerter Mensch sei? Ja, er hatte recht. So ein freundliches, liebes Mädchen hatte auf einem Schlachtfeld nichts verloren und er wollte sich auch gar nicht vorstellen, wie sie einer Horde Schwarzpelze gegenübertrat. Ysildas Zukunft lag mit Sicherheit nicht auf einem der Finsterwachttürme oder in einem Aufgebot des Weidener Heeres.
Mit sanfter, warm tönender Stimme fragte Theofried: „Was könntest du dir denn für deine Zukunft vorstellen? Hast du dir da schon Gedanken gemacht?“

Ysilda begann eine ihrer dunklen Locken zwischen den Fingern zu zwirbeln.
„Hm, ja also, nicht wirklich. Also ich male gerne, ich arbeite gerne mit Ton und mit Steinen und mit Farben…“, ihr Blick ging in Richtung der himmlischen Eidechse. „… dann schreibe und singe ich gerne. Vielleicht würde ich auch gern ein Musikinstrument lernen und auf jeden Fall möchte ich andere Länder und Menschen kennen lernen. So wie Lyssi! Das fände ich toll!“

Der Vater betrachtete seine Tochter nachdenklich. „Hm, das klingt nicht nach einem echten Plan.“

Seine Jüngste lachte glockenhell. „Ach, Vater, warum auch einen Plan verfolgen. Jeder Tag bringt doch eh wieder Neues und Interessantes! Wozu sich auf einen Plan festlegen? Wo es doch so vieles gibt, was man machen kann. Ich will mich nicht festlegen!“

„So einfach ist das nicht, Ysilda. Man lebt doch nicht von Licht und Luft allein!“ Auf Theofrieds Stirn bildete sich eine strenge Falte.

Ysilda legte ihr Kinn auf die Unterarme ihres Vaters und blickte großherzig zu ihm auf.
„Aber Vater! Sie nur die Vögel hier, die Eidechsen und die Tiere im Wald, die leben doch auch von dem was ihnen der Tag bringt! Ich will leben wie die Tiere, frei wie ein Vogel, leichtfüßig wie ein Reh und flink wie eine Eidechse!“

Theofried streichelte über den dunklen Lockenkopf. „Ja, das glaube ich dir! Könntest du dir vorstellen einem der Zwölf Götter zu dienen?“

Die Zwölfjährige wand sich. „Ach, weißt du, wenn das bedeutet, dass ich durch die Lande ziehen kann und interessante Leute kennen lerne, dann schon, aber irgendwo im Nirgendwo in einem Tempel zu hocken und mich über verstaubte Bücher zu beugen… neee, das will ich nicht!“

Das Seufzen des Vaters wurde lauter. „Was mache ich nur mit dir? Es klingt nicht so, als wenn es da eine klare Linie gibt. Aber ich brauche jetzt wohl keinen Schwertvater oder eine Schwertmutter für dich suchen. Das ist klar. Ich werde also auf jeden Fall warten bis deine Schwester Lyssi aus dem Lieblichen Feld zurückkehrt und mich mit ihr beraten. Und du machst dir mal Gedanken. Es wäre schön, wenn du nach deiner Pagenzeit eine Vorstellung davon hast, wo die Reise hingehen soll“

Ysilda nickte brav. „Das ist kein Problem, Vater! Ich mache mir eigentlich jeden Tag Gedanken zu allen möglichen Themen. Da kann ich gut auch mal ein bisschen über das Reisen nachdenken. Das tu ich sowieso ganz oft!“

Nun musste Theofried laut lachen. Ob sie ihn absichtlich falsch verstanden hatte? Er wollte nicht weiter insistieren und streichelte ihr stattdessen erneut über das dunkle Haar.
„Na, dann gehen wir mal wieder rein, was?“

Seine Jüngste sprang auf. Flink wie eine Eidechse tänzelte sie den Weg entlang zur Eingangstür. Ganz so schnell konnte er ihr nicht folgen, aber er bemühte sich.