Briefe aus Montalto und ihre Folgen
Peraine 1028 BF und Travia 1029
Die Antwort auf Lyssandras Anfrage, ob Onkel und Tante etwas für Ysildas künstlerische Zukunft tun könnten kam im Peraine 1028. Garis ya Papilio bedankte sich, dass man im fernen Weiden noch an Onkel und Tante im Süden dachte. Er beklagte bitterlich, dass sich seit dem Tod Amenes der Großen alles zum Schlechten gewandelt hatte.
„Meine liebe Lyssandra,
ich bin ja so froh, dass du das nicht mehr miterleben musstest. Du hast unser Liebliches Feld noch prosperierend und in kultureller Blüte erlebt. Wir konnten noch Kunst, Musik und Theater genießen ohne Angst haben zu müssen auf offener Straße gemeuchelt zu werden. Deine liebe Tante sieht gar den Untergang der zivilisierten Welt kommen. Und bei Praios, es ist unfassbar, was sich hier abspielt! Die Kinder der Großen Amene sind sich nicht einig über die Thronfolge, es haben sich zwei Lager gebildet, die sich erbittert bekämpfen: „Aldarener“ und „Timoristen“. Und als wenn das alles nicht schon furchtbar genug wäre, mischt noch ein Dritter mit. Das Haus Galahan wittert seine Gelegenheit, den Thron an sich zu reißen. Romin Galahan ist dreist genug mit beiden Seiten zu kokettieren, dabei will er doch die Macht für sich alleine. Doch die Geschwister erkennen es nicht! In diesem Moment, da ich meine Zeilen an dich richte, Carissima, ist der Ausgang der Thronfolgestreitigkeiten noch gar nicht abzusehen. Aldare wurde bei Shumir vernichtend geschlagen, doch nun ist ihr Bruder nach Albernia zurückgezogen, um seiner Gemahlin, der Königin Invher ni Bennain gegen die Nordmärker beizustehen. Alles ist offen! Wahrlich kein guter Zeitpunkt, sich mit den leichten Musen zu befassen. Deine Tante und ich lassen dich und die Deinen herzlich Grüßen und wünschen Euch von Herzen alles erdenklich Gute. Schließe uns in deine Gebete an die Zwölfgötter ein und bitte Tsa um Frieden für unser schönes Liebliches Feld. Ich schreibe dir, wie sich die Dinge hier entwickeln!
Herzlichst Onkel Garis und Tante Alisa“
Ein weiterer Brief erreichte die Finstere Au beinahe einen halben Götterlauf später, Mitte Travia 1029.
„Meine liebe Lyssandra,
Ich hoffe deiner Familie geht es noch immer gut? Wenn ich das nur auch von uns behaupten könnte, Carissima! Hier im Lieblichen Feld ist nichts mehr wie es einmal war. Bereits kurz nach meinem letzten Brief, Ende Peraine des letzten Götterlaufes, kam es hier direkt vor unseren Augen zur Schlacht von Pertakis, bei dem die Aldarener siegten. Du weißt, wir versuchen uns bewusst aus den ganzen innerfamiliären Händeln der Firdayons herauszuhalten, aber nun hat es auch uns erwischt. Wir mussten mit ansehen wie unsere schöne Stadt zum Zentrum einer blutigen Schlacht wurde und das Blut vieler Landsleute die Straßenpflaster verunzierte. Und als wenn dieser vermaledeite Geschwisterkrieg nicht schon schlimm genug wäre, fiel im Rondra auch noch ein Almadaner Heer in den Yaquirbruch ein. Verwüstungen und Plünderungen waren die Folge. Niemand weiß mehr, wem er glauben soll. Leider ist unsere schöne Heimat gerade kein guter Ort für deine jüngere Schwester. Lass uns sehen, was die Zukunft bringt. Sorgt gut für Euch und schließt uns in eure Gebete mit ein.
Herzlichst, Onkel Garis und Tante Alisa
Schockiert von den Ereignissen im Horasreich beschloss der Famillienrat, Ysilda vorerst nicht ins Liebliche Feld zu schicken. Schmollend und unzufrieden suchte die 16jährige sich eine Beschäftigung. Sie verbrachte die meiste Zeit im Dorf Schwarze Au in, wie ihr Vater entrüstet feststellte, unpassender, nicht standesgemäßer Gesellschaft. Wieder wurde darüber diskutiert Ysilda doch noch eine ritterliche Ausbildung angedeihen zu lassen. Im Notfall wollte Theofried sie selbst ausbilden und er begann auch Lyssandra zu überzeugen, dass das der einzig gangbare Weg sei. Eine künstlerische Karriere sei unter diesen Umständen einfach nicht umsetzbar.
Ysilda begehrte auf. Trotzig verschloss sie sich allen Versuchen des Vaters und der Schwester, aus ihr eine Ritterin zu machen. Sie warf das Übungsschwert zu Boden und rannte davon.