Dramatis Personae
- Tannfried von Rothenbrick (Ritter des Rittergut Rothenbrick)
- Bunsenhold (Verwalter und Haushofmeister von Rothenbrick)
Frischer Morgen
Rittergut Rothenbrick, Gräflich Reichsend, Firun 1045 BF
Tannfried spürte das kalte Moos unter seinen nackten Fußsohlen, der Frost des Firun-Morgens biss in seine Haut, doch er hieß den Schmerz willkommen. Vor wenigen Tagen hatten sie seinen Vater, Ritter Erlwulf, beerdigt, nachdem er bei der Jagd tödlich verletzt worden war. Gestern kam schließlich die Nachricht aus Reichsend, dass die Herrschaft über das Rittergut Rothenbrick sowie das Amt des Gräflichen Wildhüters vom Rothwilden an Tannfried von Rothenbrick übergegangen sei. Der 25 Götterläufe zählende Ritter konnte es selbst bisher noch nicht wirklich glauben, dass es nun an ihm war, die Aufgaben seines Vaters fortzuführen. Nachdem er die ganze Nacht kein Auge zutun konnte, war er noch vor dem Morgengrauen in den Rothwilden gegangen, um ein bisschen für sich zu sein. Der Wald wirkte angenehm beruhigend - das leise Rauschen der Bäume, das Vogelgezwitscher und das Knacken von Holz füllten die Geräuschkulisse derart aus, sodass man fast auf den Gedanken kommen könnte, es gäbe keine weiteren Menschen.
Tannfried hockte sich hin und strich mit seiner bloßen Hand über den vom Tau feuchten Boden. Die ersten Strahlen des Praiosmals durchbrachen langsam die Schatten der Bäume und erhellten das Gesicht des Ritters. Tannfried schloss die Augen zum Gebet: “Herr Firun, ewiger Jäger, gewähre mir deinen Segen, auf dass ich ein guter Jägerherr dieses Waldes bin!”
Ein Ruf durchbrach die Stille des Waldes. “Hoher Herr, wo seid Ihr?”. Der Rufende war der alternde Bunsenhold, der Verwalter und Haushofmeister des Rittergutes. Tannfried seufzte, erhob sich und ging in Richtung der Rufe. “Ich bin hier, Bunsenhold, ich suchte nur etwas die Stille des Waldes”, beschwichtigte er den Alten, als er sein besorgtes Gesicht sah. “Jetzt hast du mich ja gefunden, was gibt es denn so Dringendes?”.
Bunsenhold entrollte eine kleine Rolle Pergament, Tannfried stöhnte innerlich bei dem Schwall an Punkten, den sein Verwalter gleich hervorbringen würde. “Hoher Herr, da Ihr ja nun der Herr von Rothenbrick seid, dachte ich, wir sollten uns einmal mit den Finanzen, dem Personal, unseren Vorräten und so weiter beschäftigen. Außerdem hat Euer Hoher Vater, möge Boron sich seiner erbarmen, angefangen, nach tüchtigen Edelfräulein für einen Traviabund zu suchen. Vielleicht solltet Ihr da einmal darüber nachdenken. Dann solltet Ihr einmal die Höfe besuchen, um ihren Betrieb zu überprüfen. Und dann wäre es angebracht, an die Familie Rothwilden zu schreiben, um den Konflikt zwischen Eurem Vater und ihnen zu beenden.”
Tannfried seufzte und folgte seinem Verwalter zurück zum Hof. Es würde lange dauern, bis er mal wieder einfach so durch den Wald laufen könnte.
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Autor: Tannfried