Dramatis Personae
Merika von Bruchingen, Burgsassin zu Balsaith
Lerier von Bruchingen, Ritter zu Drachengrund
Gamhain von Brachfelde, Baron zu Brachfelde
Elana von Funkenstreich, Ritterin zu Mallaith
Baronie Brachfelde, Ende Efferd 1046 BF
Kapitel I: Die Kunde vom Verschwinden
Der Wind heulte kalt und fordernd um die Zinnen der Burg Anbalsaith. Ein bleigrauer Himmel spannte sich über das Land und ließ alles farblos erscheinen – selbst der nahe Ifirnstann wirkte grau und trist.
Ritterin Merika von Bruchingen betrat den Palas. Die Halle war von Rauch und Schatten erfüllt, träge flackerten die Fackeln an den Wänden. Vor dem hohen Stuhl des Barons blieb die Burgsassin der Feste stehen. Die große Gestalt der Veteranin, die auf die 60 zuging, überragte die meisten Männer und wirkte in Kettenrüstung und Wappenrock noch eindrucksvoller. Ihre dunkelbraunen Locken rahmten ein streng wirkendes Gesicht mit festem Blick und unbewegter Miene.
Baron Gamhain von Brachfelde, der erst kürzlich von einer Reise zurückgekehrt war, erhob sich. Der Mann etwa gleichen Alters war eine stattliche Erscheinung, mit rotblondem Haar und gepflegtem Vollbart. Die edel bestickte Kleidung spannte sich über seiner kräftigen Gestalt. Seine klugen, blauen Augen musterten Merika ernst.
„Dein Vater, Ritter Lerier, ist nicht zurückgekehrt“, sagte er ohne Umschweife. „Man sah ihn zuletzt, als er einen Suchtrupp in den Ifirnstann führte, um einen vermissten Wildhüter zu finden. Seine Leute kamen ohne ihn heim – verwirrt und schweigsam.“
Merikas dunkle Augen blickten ruhig, aber voller Sorge. „Er hat noch nie versagt.“
„Aber er ist alt“, sprach Gamhain leise.
„Und was fand mein Vater?“
Gamhains Blick wurde schwer. „Eine Leiche. Ausgesaugt, leblos, bleich. Mit Bissspuren … wie von einem Tier, aber keines, das wir kennen. Es ist nicht der erste Fund dieser Art. Einen Kiepenkerl aus Moosgrund hat das gleiche Schicksal ereilt. Man flüstert ... Man erinnert sich an alte Zeiten. An Baliho. An den Vampir.“
Merika schwieg. Dann verneigte sie sich knapp. „Ich werde mich darum kümmern.“
Kapitel II: Der alte Ritter
Lerier von Bruchingen hatte Gamhain von Brachfelde, dessen Schwertvater er war, viele Jahre lang als Erster Ritter und treuer Berater gedient. Seit seinem Rücktritt vor zwölf Götterläufen fühlte sich der angeblich aus Arivor stammende Recke jedoch nur noch alt und nutzlos. Mit 87 Wintern war sein Körper gebrechlich, sein Geist jedoch blieb rege. Auf seinem Gut zu Drachengrund, einem kleinen Weiler unweit von Balsaith, lebte Lerier in stillem Rückzug vom quirligen Leben auf der nahen Burg seines Herren. Oft sah man ihn allein vor dem Herdfeuer sitzen, den Zweihänder und die Laute über dem Kamin, mit seinen Gedanken bei den Geschichten, die er nicht mehr erzählte, und den Liedern, die er nicht mehr sang.
Bis die Frau des Wildhüters kam. Ihre Augen waren rot vom Weinen, ihre Worte ein Fluss aus Sorge: Ihr Mann war seit fünf Tagen nicht heimgekehrt. Er habe Geräusche in der Nacht gehört. Etwas sei im Wald.
Der große Mann mit dem markanten schlohweißen Vollbart und den wachen, blaugrauen Augen hörte schweigend zu. Dann stand er auf, legte die alte Kettenrüstung an, die schwer auf seinen Schultern lastete, und nahm den Zweihänder aus Zwergenstahl vom Kamin. „Bringt Fackeln“, sagte er. „Wir gehen.“
Mit einigen Männern und Frauen aus dem Dorf zog er in den nebelverhangenen Forst. Dort, tief zwischen moosigen Steinen und faulenden Baumstämmen, stießen sie auf einen Toten: blutleer, die Haut grau, das Fleisch eingesunken, das Gesicht zu einer Maske des Entsetzens verzerrt. Der Körper wies Bissspuren auf, wie Haken, viele und chaotisch verteilt. Kein Tier tat so etwas.
Der alte Ritter zögerte nicht. Er befahl seinen Begleitern weitläufig auszuschwärmen. Er selbst folgte unbeirrt einer kaum sichtbaren Spur, die ihn tiefer in den Wald hineinführte. Man rief noch lange nach ihm. Doch er blieb verschwunden.
Kapitel III: Die Suche beginnt
Merika schritt voran. Zwei Waffenknechte, Ergulf und Rusthart, folgten der Hünin. Es waren gute Männer mit entschlossenen Gesichtern. Der Wald nahm sie schweigend auf. Je tiefer sie vordrangen, desto dichter hing kalter Nebel zwischen den Bäumen, und das Laub dämpfte jeden Schritt.
In der zweiten Nacht herrschte plötzlich unheimliche Stille, die Tiere schwiegen. Ein süßlicher Verwesungsgeruch lag in der Luft. In banger Vorahnung gingen sie weiter. Da sahen sie ihn: den Baum. Er stand wie ein uralter Riese, verdreht und von Schwären überzogen, sein Stamm war schwarz wie Pech. Unter seinen Wurzeln klaffte ein finsteres Loch – ein Eingang, der nach unten führte – faulig und alt.
„Hier enden wir“, flüsterte Ergulf. Dann kam das Fauchen. Und Augen, Dutzende, glühend, reglos. Ein Schatten kroch den Baum hinab in das Erdloch hinein.
„Bei allen Zwölfen!“, schrie Rusthart, sprang zurück – und verstrickte sich in silbernen Netzen, die wie aus Glas wirkten. Er schrie, dann wurde er still. Der andere rannte, als ginge es um sein Leben.
Nur Merika blieb mit gezogenem Schwert zurück. Ohne zu zögern, stieg sie hinab in die Dunkelheit.
Kapitel IV: Gemeinsam gegen den Feind
Baron Gamhain von Brachfelde hörte die Worte des Waffenknechts, der zitternd, schweißnass und mit weit geöffneten Augen, als wäre er im Rausch, vor ihm in der Halle der Burg Anbalsaith kniete. Man hatte ihm eine Decke umgelegt, doch Ergulf fror dennoch. Seine Worte kamen bruchstückhaft, wie aus einem zerbrochenen Geist.
„Sie… sie blieb dort… die Ritterin… allein bei dem Schatten… und etwas… etwas hasste uns…“ Er starrte Gamhain an. „Überall glühende Augen…“
Gamhain sagte nichts. Dann erhob er sich, Angst klammerte sich um sein Herz. Der Mann sprach von uraltem Zorn. Etwas war aus dem Schlaf erwacht.
Kurz darauf ritt er los – an seiner Seite Elana von Funkenstreich. Die braunen Augen der Ritterin mit den dunkelblonden, zum Zopf gebundenen Haaren funkelten vor Tatendrang. Drei goldene Feuereisen zierten ihren gelb-schwarzen Wappenrock, und sie hatte ihr Schwert „Löwenglut“ gegürtet.
Gemeinsam erreichten sie die Lichtung im Ifirnstann, auf der die Lilienbringer-Elfen lebten. Man empfing sie mit beklommenem Schweigen. Carion Hirschläufer, der Sprecher der Sippe, trat auf sie zu. Er erinnerte an ein Bild aus einem alten Lied – groß, schlank, mit kurz geschnittenem schwarzem Haar, sehr heller Haut und ruhigen blau-grauen Augen. Seine Bewegungen waren fließend wie Wasser, seine Worte gewählt und voller Bedacht. Mit düsterem Blick berichtete er, dass man vor Kurzem den bleichen Körper eines jungen Elfen aus dem Wald geborgen hatte, ausgesaugt, grau und mit zerschundenen Gliedern.
„Nicht nur sein Blut hat sie genommen“, sprach der Elf. „Auch seinen Traum.“
„Wen meinst du?“, fragte der Baron erschüttert.
„Die Male stammen von kräftigen Kiefern. Solche haben Spinnen …“, erklärte der Elf.
„So große Spinnen gibt es hier nicht“, widersprach Ritterin Elana ungläubig.
„Wir werden sehen“, antwortete der Elf unheilvoll.
Kapitel V: Runen im Wurzelgrund
Drei Tage lang irrte die Gruppe um Gamhain von Brachfelde und Carion Hirschläufer durch den abgelegenen Teil des Waldes, in den der Waffenknecht Ergulf sie geführt hatte. Keiner der Elfen wusste um den verdorbenen Baum. Er musste erst vor Kurzem durch zertaubra, böse Zauberei, entstanden sein und war offenbar auch schwer zu finden für diejenigen, die er nicht in seinen grässlichen Bann schlug.
Dann standen sie vor ihm. Der Baum war noch größer und noch verdrehter, als Gamhain ihn sich aus dem Bericht vorgestellt hatte – ein uralter Riese, wie ein Ding aus einer Zeit vor der Zeit. Wurzeln wie schwarze Schlangen. Der Eingang darunter glich dem geöffneten Maul einer niederhöllischen Kreatur.
Elana kniete nieder. „Hier, an der Rinde – seht selbst.“ Sie wies auf eingeritzte Zeichen. Runen, verdreht und fremd. Gamhain und Carion traten näher und runzelten die Stirn. „Das ist keine Elfenschrift. Auch keine Glyphen von Magiern oder Hexen. Vielleicht… Schwarzpelze?“
Carion zog leise den Bogen. „Es ist böse“, flüsterte er. „Es hat die Seele des Baums getötet.“
Da ertönte ein Kreischen, so schrill und voller Hass, dass selbst die Raben am Himmel verstummten. Wie von einer unsichtbaren Faust getroffen, sanken die Elfen und Waffenknechte zu Boden – betäubt, zitternd und mit verdrehten Augen.
Nur zwei standen noch: Baron Gamhain und Elana von Funkenstreich. Benommen vom Schrei der Spinne zogen sie ihre Schwerter.
„Schnell“, sagte Elana. „Bevor sie noch tiefer kriecht.“
Gemeinsam stiegen sie hinab in den steilen Gang, der sich unter den Wurzeln verlor – dorthin, wo kein Licht je freiwillig fiel. In der feuchten Dunkelheit erwartete sie das Grauen.
Kapitel VI: Im Nest der Netzwerferin
Der schmale, feuchte Gang, dem Baron Gamhain und Ritterin Elana vorsichtig in die Tiefe folgten, wirkte auf ekelhafte Weise lebendig – als würde sich das Erdreich selbst um sie herum bewegen. An manchen Stellen spiegelte sich das Licht ihrer Fackel in glitzernden Fäden. Spinnweben zogen sich wie das Werk eines wahnsinnigen Webers durch die Gänge. Der Boden gab unter ihren Schritten seltsam nach. Es roch süßlich – nach Blut, nach Fäulnis und nach dem Wahnsinn des Vergessenen.
„Was… was ist das für ein Ort?“, flüsterte Elana. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Gamhain antwortete nicht. Er lauschte. Doch es war keine Stille, sondern die Abwesenheit von Leben. Der Baum über ihnen war bösartig und verdorben, doch hier unten herrschte ein älterer Wille.
Dann sahen sie sie. Die Höhle öffnete sich unvermittelt. Ihre Wände glänzten, als hätte ein riesiger Alchemist sie mit gallertiger Flüssigkeit ausgekleidet. In der Mitte befand sich ein düsterer, feister Leib, wie ein gärender Kürbis aus schwarzem Chitin. Er hatte acht Beine, die wie schimmernde Sensenblätter aussahen. Die Fischerspinne.
Sie rührte sich nicht, und doch war ihre Gegenwart allumfassend. Ihre Augen, dutzende kleine, pechschwarze Kügelchen, funkelten wie uralte Edelsteine des Hasses aus der Dunkelheit. Und dann regte sie sich. Ein Fauchen, tief wie Donner in einem hohlen Berg, erschütterte den Boden. Die Spinne bäumte sich auf. Ein Netz flog durch die Luft. Gamhain sprang zur Seite, doch es war zu spät. Klebrige Fäden legten sich um ihn und rissen ihn gegen die Wand. Er schlug auf, keuchte – und war gefangen.
Elana schrie auf. „Nein! Bei der Sturmherrin!“ Sie warf sich vor ihn, das Schwert „Löwenglut“ in der Hand, dessen Klinge in der Finsternis rötlich schimmerte. Sie hieb das Netz entzwei, doch Gamhain sank bewusstlos in den Dreck, das Gift der Spinne bereits in seinen Adern.
Dann ein Stöhnen. In einer Nische, halb eingesponnen, der Körper bleich und erschöpft – Merika von Bruchingen. Noch am Leben. Neben ihr lag die Leiche ihres Vaters, grau und leer. Die Augen der Ritterin weiteten sich, als sie Elana erkannte. „Mein … Vater …“, hauchte sie.
Elana hieb das Netz entzwei und zog die schwer atmende Merika heraus. Im selben Moment stürzte die Spinne heran – ein schwarzer Albtraum auf acht Beinen. Elana drehte sich mit einem Schrei um, parierte einen gewaltigen Hieb, taumelte und fiel.
Doch Merika stand. Sie war blutverschmiert, ihre dunklen Augen brannten vor Zorn. Mit einem gurgelnden Laut, halb Schrei, halb Stoßgebet, griff sie nach dem silbern schimmernden Zweihänder ihres Vaters – und sprang der Spinne entgegen.
Ein letztes Fauchen, ein Aufbäumen. Dann rammte Merika dem Ungeheuer die Klinge aus Zwergenstahl tief durch das Maul, bis der Griff an ihren Händen vibrierte.
Die Spinne zuckte. Ein schrilles, gellendes Kreischen erfüllte die Höhle – und dann war es still. Ein Ruck durchfuhr ihren Leib, wie eine Welle. Dann sackte das Monstrum in sich zusammen. Schleim ergoss sich aus ihrem Maul.
Merika keuchte, sank in die Knie. In der hinteren Ecke der Höhle lag ihr Vater, der alte Ritter Lerier von Bruchingen, eingesponnen und bleich; der Tod hatte ihn gezeichnet. Merika kroch zu ihm, legte die Stirn an seine kalte Wange. „Ich bin zu spät.“
Elana und Merika blieben eine Weile dort unten, bis ihr Zittern nachließ und das Schweigen sich wie Staub auf einen alten Grabstein setzte. Dann trugen sie den bewusstlosen Baron und die Leiche Leriers hinauf ins Licht.
Kapitel VII: Der Fluch im Wurzelgrund
Das Licht der Abendsonne fiel schräg durch die schmalen Fenster von Burg Anbalsaith. Gamhain von Brachfelde lag bleich und von Fieber gezeichnet in seinem Bett. Neben ihm wachte seine Gemahlin Fann Mythrash von Trallop in banger Hoffnung, seitdem sie vom Rhodenstein zurückgekehrt war. Die Heiler hatten das Spinnengift aus dem Körper des Barons verbannt, doch seine Augen wirkten verändert. Als sähe er nun tiefer.
Ritterin Merika saß in ihrer Kammer am Fenster. Ihre Hände waren von getrocknetem Blut und Harz gezeichnet, ihr Blick ging ins Leere. In der Tiefe des Ifirnstanns war etwas aufgebrochen, das nicht hätte sein dürfen. Und sie hatte es gesehen, gespürt… das alte, hungernde Bewusstsein hinter den vielen Augen der Kreatur.
Elana trat ein, frische Tücher unter dem Arm, das Gesicht erschöpft. „Der Baron ruft dich“, sagte sie leise. „Er ist wach.“
Merika nickte, stand auf und betrat das Halbdunkel des barönlichen Gemachs. Gamhain von Brachfelde lag reglos auf den Kissen, doch seine Stimme klang klar: „Ihr habt mich gerettet, Ritterin Merika. Und doch… habt Ihr mehr gesehen als ich, nicht wahr?“
Merika schwieg einen Moment. Dann nickte sie. „Es war nicht nur ein Tier, Hochgeboren. Nicht bloß eine Spinne. Da war… etwas in ihr. Etwas Älteres. Etwas, das nicht nur Blut wollte.“
Gamhain sah sie lange an. Dann sprach er: „Die Lichtung mit dem verdorbenen Baum muss verbrannt werden. Wir haben einen Boten zum Rhodenstein geschickt. Die Stätte, die Erde und die Wurzeln müssen gesegnet werden, um ihre Verderbtheit auszutreiben.“
Merika trat näher ans Bett. Ihre Stimme war heiser. „Das wird nicht reichen.“
Der Baron blinzelte. „Was meinst du?“
Sie antwortete nicht sofort. Sie sah ihn an, durch ihn hindurch, als spräche sie zu jemandem hinter ihm. „Die Spinne war… Teil von etwas. Wie ein Zahn in einem größeren Maul. Ich habe ihn gespürt, als sie starb – einen Zorn, ein Heulen in der Tiefe. Der Baum hat geatmet. Und was immer dort unten noch schläft, es weiß jetzt, dass wir es bemerkt haben.“
Gamhain schwieg lange. Dann sagte er nur: „Dann werden wir bereit sein.“
Epilog:
In einer finsteren Spalte tief unter den verkohlten Resten des alten Baumriesen, im Gestein selbst verborgen, regte sich etwas. Die Runen an den Höhlenwänden glommen schwach. Unter einer Decke aus Wurzeln und verwitterten Knochen wuchs in der Dunkelheit neues Leben. Still. Wartend.