Aerin verfolgte die Szenerie entspannt in ihrem abgewetzten Ledersessel sitzend. Sie kratzte sich am Kinn und schaukelte den kleinen Bogumil liebevoll im Arm. Ihre großen himmelblauen Augen musterten Firnwan gespannt - die lustvollen Blicke, die er an ihre Magd Birsel richtete entgingen auch ihr nicht, was ihr ein unterdrücktes Schmunzeln abrang. „Der alte kanns nicht lassen“, dachte sie mit einem leichten Nicken, „Birsel war aber auch wahrhaftig von Rahja gesegnet.“ Ihre Schönheit war ein nicht eben unbedeutender Grund, warum sie das junge Mädchen einst bei sich aufnahm - sie würde draußen am Feld die Knechte und Bauern doch nur von ihrer Arbeit ablenken … Wieder musste Aerin schmunzeln, doch diesmal gelang es ihr nur leidlich diese Gefühlsregung für sich zu behalten …
„Gütige Peraine wo ist es denn nur?“, mit einem Runzeln auf der Stirn blickte sich der Knecht Rulman in seiner Umgebung um, „ich hatte es doch hier ans Tor gehängt …“ Es war inzwischen dunkel geworden im Tal und auch ein, für den Boron-Mond so typischer leichter Nieselregen war aufgezogen. „Wo ist nur dieses verfluchte Signalhorn, das auch immer mir das passieren muss …“ Inzwischen war die dunkle, einsame Gestalt bereits in Rufweite des Knechtes geritten, welcher sie mit zu schmalen Schlitzen geschlossenen Augen musterte und in Hoffnung auf eine Antwort mit lauter Stimme anhob zu sprechen; „Rondra mit Euch Reisender …“ – doch er erhielt keine Antwort. Die Gestalt ritt unbeirrt dem Tor entgegen, angetan mit einem dunklen Kapuzenmantel auf einem Ross, welches zwar von muskulöser Gestalt, doch keineswegs ein Schlachtross zu nennen war und einige Schritt dahinter an einen Strick gebunden schlenderte eine sichtlich unwillige Ziege hinterher …
Rulman war bei diesem Anblick nicht Wohl zu mute, er schritt mit schüchternem Schritt hinaus vors Tor, während er mit raschem Griff den korrekten Sitz seiner Lederrüstung kontrollierte und seine Hauswehr in der Scheide etwas lockerte. Der junge Waffenknecht wusste, dass er, sollte es denn wirklich hart auf hart kommen, ganz auf sich alleine gestellt wäre, was mit der Tatsache zusammenhing, dass sich sein Signalhorn nicht auffinden ließe. Mit einem leisen Fluch auf den Lippen musterte er noch einmal den dunklen Reiter und seine vierbeinige Begleiterin und suchte nach Hinweisen auf seine Bewaffnung und Kampfesweise, was ihm aber auf Grund der Dämmerung und der verhüllten Erscheinung des Fremden unmöglich war…
„Erklärt Euch Reisender“, Mit entschlossener Stimme stellte sich Rulman dem Fremden, entgegen „Na los…“ Der junge Pergelgrunder biss sich auf die Lippen während seine Rechte sich langsam zu seiner Waffe bewegte, als der Fremde nun doch endlich sein Schweigen brach; „die Zwölf zum Gruße, Rondra und Firun voran! Mein Name ist xy und ich bringe Botschaft von meiner Herrin - Ihre Wohlgeboren Yolanda Böcklin von Bockenstein - für die Herrin von Pergelgrund und ihre Frau Mutter.“ Bei den letzten Worten huschte ein grimmiges Lächeln über das kantige Gesicht des Boten …
… Hainrich lehnte sich entspannt in seinen Sessel und strich sich mit seiner Hand über sein Kinn während er seinen Gast mit starrem Blick fixierte. „Wohlan Firnwan Ihr braucht Hilfe und Pergelgrund wird Euch helfen, doch kann ich nicht jedes Schwert, das mir hier zur Verfügung steht entbehren – es wäre nicht gut das Dorf so lange unbewacht zu lassen. Dennoch werde ich selbst Eurem Schwertzug wider den verblendeten Falber folgen.“ Hainrich ballte seine Linke zu einer Faust und führte sie an seine Brust. „Der Waffenknecht Rulman und der Bursche Ragnir werden mich begleiten. Rulman ist ein talentierter Kämpfer und Ragnir ein hervorragender Jägersmann, ich denke das sollte …“ „Ich werde mit Euch gehen …“, mit zögerlicher Stimme und leicht rötlichen Wangen meldete sich Firla Schnewlin zu Wort: „…auch ich trage den Namen Schnewlin, auch ich stehe der Schwanengleichen gegenüber in der Pflicht …“
Aerin, welche das Gespräch bislang kommentarlos verfolgte sah mit erstauntem, sorgenvollem Blick zu ihrer Mutter; „Mutter, das könnt Ihr nicht tun, wie viele Götterläufe ist es nun schon her, dass Ihr das letzte Mal Euer Schwert in Händen hieltet?“ „Das ist unwichtig mein Kind …“, mit einer abwinkenden Handbewegung in Aerins Richtung wusch sie den Einspruch ihrer Tochter hinfort und fuhr in Richtung Hainrich fort; „Nun was sagt Ihr?“ Der stämmige Ritter blickte ernst zu seinem verzweifelt wirkenden Weib, während er von einem tiefen Brummen begleitet mit dem Kopf nickte. „Sie kommt mit uns. Nun, Firnwan ...“
Hainrichs Ausführungen wurden jäh durch ein Klopfen am Tor der Halle unterbrochen – hinein trat ein durchnässter Jüngling, welcher mit unsicherem Blick in die Runde sah. „Rulman! Was will er denn jetzt schon wieder? Immer dasselbe mit euch jungen Knechten…“, fuhr der Gugelforster Rulman in scharfem Ton an, welcher ihm mit zitternder Stimme entgegnete; „Ihr … Ihr habt Besuch. Ein Bote aus …äh … ich meine vom Bock … äh …Bockenstein …“ Die mehr oder weniger herzliche Stimmung am Tisch schlug schlagartig um, Aerin blickte den Knecht mit offen stehendem Mund an, Firla ließ ihre Stickerei fallen und war von ihrem Sessel aufgesprungen und Firnwan gar hatte seine Hand am Schwertknauf, als Hainrich seine rechte Faust auf den Tisch schnellen ließ und mit hochrotem Kopf rief; „Bei Mütterchen Travia! Rulman sage er mir nicht, dass er einen Gast Pergelgrunds draußen im Regen stehen lässt. Ob willkommen oder nicht, das tut hier nichts zur Sache! Bringe er ihn hinein!“ Mit einem leichten Kopfnicken verschwand Rulman im Tor um wenig später an der Seite des Boten wieder vor den Hohen Herrschaften zu erscheinen…
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