Der Verlauf der Ereignisse verwunderte Aerin wohl genauso sehr wie Firnwan – beide blickten sich etwas unschlüssig an, als Hainrich dem Boten jedoch das Gastrecht gewährte und Firla daraufhin den Raum verließ lief Aerins Gesicht vor lauter Zorn rot an, selbst der kleine Bogumil spürte die Anspannung seiner Mutter und begann abermals zu schreien. Aerin liebte und bewunderte das fromme und ritterliche Wesen ihres Gemahls – denn in diesen schweren Zeiten verlieh ihr sein unerschütterlicher Glaube ein besonderes Gefühl der Geborgenheit, doch die Einladung zur Speisung eines Boten des Feindes gegen den Willen ihrer Mutter überspannte den Bogen deutlich. Mit einer hochgezogenen Augenbraue blickte Aerin zu Firnwan, welcher die Szenerie, zumindest äußerlich, überraschend gelassen verfolgte…

Mit zögerlichem Schritt bewegte sich Alrik Bockensteiner zur schweren Eichentafel während sein Blick auf dem alten Firnwan haften blieb, seine strengen wasserblauen Augen musterten ihn und es schien ihm als könne der Schewliner tief in ihn hineinblicken. Mit weichen Knien und nach einem aufmunternden Nicken Hainrichs setzte sich der junge Bote an die Tafel, ohne jedoch Firnwan aus den Augen zu lassen…

Was dieser auch nicht tat. Minutenlang musterte er schweigend und mit durchdringendem Blick den Boten beim Essen. Nun glaubte Alrik nachvollziehen zu können, wie sich Verurteilte vor dem Gang zum Richtblock fühlen mussten, bei der Henkermahlzeit. Es hätte ihn kaum gewundert, wenn man ihn nach dem Essen packen und am nächsten Baum aufgeknüpft würden. Doch noch bevor er fertig war, erhob sich der alte Schnewlin, ging zu Hainrich, der über seiner Antwort an den Bockenstein saß. „Ihr achtet die Gebote der Gastfreundschaft. Nichts anderes habe ich von einem guten Gutsherren erwartet. Und das man den Boten hängt, ist ja ein sehr rückständiger Brauch, nicht wahr? Wir sind ja keine Wilden. Verzeiht, aber die Reise war anstrengend und ich bin ein alter Mann. Ich ziehe mich nun zurück. Vielleicht könnte mir die gute Birsel, den Weg in meine Kammer zeigen.

Als er sich umwendete, traf sich sein Blick mit dem Alriks. „Bei allen guten Sitten, die hier herrschen, solltet ihr dennoch verschwunden sein, wenn ich Morgen wieder diese Halle betrete.“ Sagte er ruhig und bevor der die Tür öffnete setzte er noch nach „Ich schlafe übrigens nicht lange.“

Hainrich saß entspannt in seinem Ledersessel und gab ein zufriedenes Brummen von sich als er den letzten Satz seines Schreibens an Yolanda Böcklin von Bockenstein vollendete. Als Mann von Ehre war es für ihn selbstverständlich den Boten mit Speis und Trank zu versorgen und ihn nicht ohne ein paar Zeilen des Dankes zu seiner Herrin zurückzuschicken. Er wusste jedoch um die Feindschaft, die die Familien Schnewlin und Böcklin nun schon seit Jahrhunderten verband, er wusste auch, dass sowohl seine Frau, als natürlich auch sein Sohn vom Blute der Schnewlins waren - auch wenn sie deren Namen nicht trugen. Deshalb wird es für ihn auch eine Ehre sein an der Seite Firnwans gegen den verderbten Frevler Falber zu ziehen.

„Hat Er genug, Bockensteiner?“, Hainrich sprach ohne seinen Gast auch nur eines Blickes zu würdigen, „nun wenn dies so ist dann darf Er sich jetzt zurückziehen. Gehe Er zur Wirtin Halga - sie wird Ihm Unterkunft für diese Nacht gewähren. Halte Er sich fern von allen Mägden und verlasse Er Pergelgrund noch im Morgengrauen. Er sollte jetzt wissen auf welcher Seite Pergelgrund steht und dass Er und Seine Herren hier unerwünscht sind. Und nun verlasse Er meine Halle! Das Schreiben jedoch nehme Er mit zu Seiner Herrin, sage Er ihr, dass ihr guter Wille sie ehre, doch wir ihrer Hilfe nicht bedürfen.“ Alrik nickte stumm, schlang den letzten Bissen seines Brotes gierig herunter und erhob sich vom Tisch. Nach einer angetäuschten Verbeugung bewegte er sich eiligen Schrittes dem Tor der Halle entgegen. „Halt Bursche!“, Hainrich hatte sich von seinem Sessel erhoben und deutete auf die blutigen Daunen, welche immer noch zahlreich am Boden der Halle lagen, „Er hat etwas vergessen, die Ziege jedoch lasse Er da…“ Mit einem Lächeln auf den Lippen warf sich Hainrich wieder in seinen Ledersessel und beobachtete bei einem Krug Schnappes den jungen Boten beim Aufsammeln der Daunen…

Auf dem Weg zu seiner Kammer traf Firnwan auch Aerin und Firla wieder, die ihre Köpfe zusammengesteckt hatten. „Ich wünsche euch beiden eine gute Nacht. Ruh auch du dich noch einmal gut aus, Firla. Die Hatz auf Falber wird anstrengend und gefährlich, dass ist gewiss. Es freut mich, dass auch du dich anschließt. Ich freue mich auch auf deinen Schwiegersohn. Ein guter Mann, wie mir scheint. Bin gespannt, wie er kämpfen kann.“

„Sei unbesorgt“, Aerin sprach mit überzeugter Stimme, „er ist ein Mann mit Ehre – für seine Familie würde er sein Leben lassen, deshalb bin ich mir sicher, dass Hainrich dir auch in den Tod folgen würde Firnwan…“ Die junge Ritterin schaukelte den kleinen Bogumil im Arm, welcher ein zufriedenes Glucksen von sich gab, „…und Schwert und Schild weiß er wohl zu führen, jagt er doch von Zeit zu Zeit sogar lieber Orks als mit mir das Lager zu teilen. Du siehst also es wäre besser für diesen Falber wenn er sich mit seinen Schergen wieder in die Wildermark zurückzöge…“ Aerin konnte sich bei ihrem letzten Satz ein Grinsen nicht verkneifen und fing sich daraufhin einen mahnenden Blick ihrer Mutter ein, welcher jedoch nach einigen Augenblicken ebenfalls einem Lächeln wich…

„Das wollen wir nicht hoffen. Also, dass er sich zurückzieht. Wir müssen ihn stellen und seiner gerechten Strafe zukommen lassen.“ sagte Firnwan ernst. Dann zeigte er ein verschmitztes Lächeln „Und wenn wir Baron Gamhain sein lang vermisstes Familienschwert überreichen können, wird das unserem Haus sicher nicht zu Schaden gereichen. Ebenso wie die Möglichkeit, sich beim Baron von Blauenburg einen guten Namen zu machen. Immerhin wohl der bekannteste Recke Weidens in dieser Zeit.“ Firla schüttelte den Kopf „Firnwan, Firnwan. Für kurze Zeit hatte ich fast gedacht, du würdest etwas einfach nur für Ruhm und Ehre tun.“ Trotz des ernsten Tons, konnte Firla sich ein Lächeln nicht verkneifen. Ihr Vetter erwiderte dieses mit einem fast spitzbübischen Grinsen, welches sein altes Gesicht von einem Augenblick zum nächsten um Jahrzehnte jünger wirken ließ. „Als Oberhaupt eines uralten Geschlechtes muss man stets das Wohle der Familie und die Zukunft im Auge haben. Ruhm und Ehre sind etwas für junge Leute. Davon habe ich zum Einen genug gesammelt in meinem Leben und zum anderen, bin ich zu alt um solch flüchtigen Dingen nachzueilen.“ In diesem Moment kam die Magd Birsel und legte das Geschirr aus der Halle am Spülstein ab. Mit gesenktem Kopf verließ sie den Raum wieder, um die Herrschaften nicht zu stören. Firnwans Blicke folgten ihr und vor allem ihren wiegenden Hüften. „Für manche flüchtigen Dinge wird … Mann … wohl nie zu alt, oder?“ bemerkte Aerin spitz und sah Firnwan vorwurfsvoll an. Dieser zuckte nur mit den Schultern. „Ich gehe nun zu Bett. Bishdariel beschere euch angenehme Träume. Bis Morgen dann.“