Dramatis Personae
- Gwidûhenna von Gugelforst
Baronin zu Weidenhag - Gorfried von Sturmfels
Baroninnengemahl zu Weidenhag - Andîlgarn von Gugelforst
Altbaron zu Weidenhag - Travine von Gugelforst
Geweihte der Travia - Algrid Blaubinge von Pergelgrund
Dienstritterin am Baronshof von Weidenhag
Baronie Ochsenweide, Wildermark, Phex 1033 BF
Gorfried!
Ich hoffe es geht dir gut und die Baronin ist weiterhin sehr zufrieden mit dir. Bitte entschuldige meine späte Antwort auf deinen letzten Brief, aber es war mir einfach nicht möglich früher zu antworten. Hier bei uns in der Heldentrutz geht alles weiter wie bisher; der Winter war hart und forderte einige Menschenleben und auch Drache und Ork dräuen weiterhin unserem Land und machen uns allen das Leben schwer. Mein Vater überträgt mir zuhause mehr und mehr jedes Regierungsgeschäft, ja ich würde fast schon sagen, dass es nun schon an mir alleine liegt die Baronie zu führen. Im Ernst Gorfried, seit dem Tod meiner Mutter habe ich ihn nicht mehr so antriebslos erlebt – es scheint als würde ihn einzig der Ruf Rondras noch dazu bewegen, dass er einmal den Hag verlässt. Ich mache mir Sorgen um ihn.
Nun aber eigentlich wollte ich dir nicht nur schreiben um dir von meinem Sorgen zu erzählen, sondern auch um dir etwas mitzuteilen. Ich werde noch diesen Mond mit meiner Tante Travine und meiner neuen Leibritterin Algrid Blaubinge nach Rommilys zum Friedenskaiser Yulag-Tempel reisen und wollte dich in diesem Zusammenhang fragen, ob es nicht möglich wäre, dass du auch kommst. Wie lange haben wir uns schon nicht gesehen? Zehn Götterläufe? Ich hoffe innig, dass du kommst. Wir haben uns doch so viel zu erzählen. So uns die Götter wohlgesonnen sind werden wir zwischen dem 20. und dem 24. Praioslauf im Mond des göttlichen Phex in der „Darpatperle“ nächtigen.
Ich hoffe du kommst!
Deine Gwidûhenna
Rommilys, 21. Phex 1033 BF
Gwidûhenna von Gugelforst saß nun schon seit einigen Stundengläsern zusammen mit ihrer Tante Travine und ihrer Freundin und Leibritterin Algrid Blaubinge im Gastraum des Hotels Darpatperle. Sie trug ein schönes, eng geschnittenes Kleid aus weinrotem Stoff – ihre offen getragenen, rabenschwarzen Haare flossen ihre Schultern hinab wie flüssiges Metall. So wurden der lieblichen Baroness an diesem Abend so einige interessierte Blicke zugeworfen – Blicke, die Gwidûhenna jedoch nicht bemerkte, schenkte sie doch der Tür im Gastraum ihre gesamte Aufmerksamkeit. Einmal, als ein junger, blonder Recke eintrat, schreckte sie kurz hoch. Doch entspannte sie sich ebenso schnell wieder, als dieser näher kam und sie ihn allem Anschein nach nicht kannte.
„Was ist denn los Henna?“ Gwidûhenna schreckte, aus ihren Gedanken gerissen, hoch und blickte in das freundlich lächelnde, rundliche Gesicht ihrer Tante Travine. „Ach es ist nichts“, antwortete sie ihr. „Mir scheint du sitzt heute auf Nadeln mein Kind. Seit unserer Ankunft bist du so still und nicht einmal an deinem Met hast du genippt, obwohl du ihn sonst doch so gern hast. Sag Kind, ist dir nicht wohl?“ „Ach sage es ihr, Henna.“ Nun war es Algrid, die sich kauend zu Wort meldete und sich dafür von ihrer Freundin einen tadelnden Blick einfing. „Was soll sie mir sagen?“, hakte Travine neugierig nach, doch erhielt sie darauf keine Antwort mehr. Gwidûhenna blickte längst wieder zur Tür und schenkte dem Gespräch an ihrem Tisch keinerlei Beachtung mehr.
Gorfried hatte sich eilen müssen. Viel später als sie gewollt hatten, waren sie in Rommilys eingetroffen. Und auch wenn das Baronspaar von Ochsenweide ihn gerne einige Tage zur eigenen Verfügung schenkte, es hatte gedauert. Schnell hatte er sich gewaschen und die Rüstung gegen sein bestes Hemd getauscht. Darüber sein edles Wams aus Hirschleder mit dem Wappen seines Hauses über dem Herzen. Gefertigt aus dem kapitalen Hirsch, den er als Jagdmeister selbst geschossen hatte. Die Tage waren selten geworden, an denen er sich so kleidete.
Endlich an der Darpatperle angekommen, schlug er seinen Umhang zurück und straffte sich ein letztes Mal. Kurz richtete er den Gürtel mit seinem treuen Langschwert und dem Gürtelwappen der Stahlherzen. Ein letztes Mal fuhr er sich durch das kurze Haar. Zum Glück war es auf dem Weg hierher getrocknet. ,Travia, gib, dass sie mich überhaupt wieder erkennt’, sandte er noch ein kurzes Gebet zur gütigen Herrin, ehe er endlich die Tür zum Gastraum öffnete. Kaum eingetreten traf sein suchender Blick den Gwidûhennas. Wie immer wenn er nervös war, hatte er das Gefühl, dass die Narbe an seiner linken Schläfe zu pochen begann. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe er sich auf die Ausbildung an der Knappenschule besann und sich zum Tisch der Baroness und ihrer Begleiterinnen aufmachte.
Gwidûhenna blickte unschlüssig auf den eben eingetretenen, blonden Kämpen. Ein stattlicher Mann, ohne Zweifel und auch eine gewisse Ähnlichkeit zu Gorfried war ihm nicht abzusprechen, doch konnte sie nicht sicher sein ob er es denn wirklich war. Mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen versuchte sie Merkmale auszumachen, die ihr darüber Aufschluss geben konnten. „Diese Augen.“, dachte sie, als der Unbekannte näher an ihren Tisch herantrat und frohlockte innerlich. Gorfrieds dunkle, warme Augen waren ihr immer noch deutlich in Erinnerung.
Als wäre es gestern gewesen erinnerte sie sich von einem Herzschlag auf den anderen wieder an ihre gemeinsamen Abende in Rommilys. Sie waren damals beide noch sehr jung – er ein angehender Ritter aus der Knappenschule, sie zur Ausbildung am Grafenhof von Ochsenwasser – doch erfreute sie sich damals schon sehr an seiner Gegenwart. Gorfried war ihr in dieser Zeit in Rommilys nicht nur Gefährte, sondern auch ihr bester Freund gewesen.
Oft trafen sie sich am tulamidischen Basar oder am Kaiser Raul-Tor und erfreuten sich gegenseitig mit Gedichten, oder schlenderten Stundengläser lang einfach nur durch die Stadt. Die Zuneigung, die sie für einander empfanden verließ jedoch niemals die geistige Ebene. Während andere in ihrem Alter die Freuden Rahjas eingehend studierten, waren Gwidûhenna und Gorfried der Meinung, dass die Genüsse der schönen Göttin erst nach dem Traviabund, mit einem Menschen, der einem familiären Halt geben kann, erkundet gehören. Zu groß ist die Gefahr, dass man sich sonst in diesen Lehren verliert. Eigentlich wollte Gwidûhenna nach ihrer Ausbildung einige Jahre in Rommilys bleiben und mit Gorfried den Traviabund schließen, doch verhinderte das der unerwartete Tod ihrer Mutter. Durch dieses tragische Ereignis war Gwidûhenna als älteste Tochter Andîlgarns dazu angehalten die Aufgaben ihrer Mutter in der Baronie zu übernehmen. Als brave Tochter kam sie dieser Aufgabe nach und verlies Rommilys, war aber trotzdem darauf bedacht den Kontakt zu ihrem Liebsten zu halten.
Die Baroness wäre am liebsten freudig aufgesprungen und Gorfried entgegen gelaufen, doch besann sie sich noch rechtzeitig darauf die Etikette zu wahren. Ihre Augen begannen jedoch vor Freude zu leuchten und ihr bis dahin angespanntes Gesicht hellte sich schlagartig auf. Das entging auch ihrer Tante Travine nicht, die verwundert und mit offenem Mund den Blick Gwidûhennas verfolgte. Als Gorfried am Tisch ankam sprang die Baroness auf und nahm ihn in ihre Arme. „Bei der Gütigen. Du bist tatsächlich gekommen.“ Sprach sie, während ihr eine kleine Träne der Freude über die Wange kullerte.
Der Ritter war für einen Augenblick vollkommen überrascht von der überschwänglichen Begrüßung. Gorfried wusste nicht recht wie er reagieren sollte. Ewigkeiten hatte er diesen Tag herbei gesehnt und nun vergaß er alles, was er sich zu Recht gelegt hatte. Er hatte Angriffe aus Hinterhalten gegeben auf die der Sturmfelser souveräner reagiert hatte. Doch schnell hatte er sich gefangen. Das alles war jetzt unwichtig.
Freudig schloss er Gwidûhenna in seine Arme. „Kein Feind hätte mich davon abhalten können.“ Gebannt hatte er nur noch Augen für das Gesicht seiner großen Liebe.
"10 Jahre und mir fehlen die Worte“, stellte er schließlich lächelnd fest. „Jeden Brief habe ich freudig erwartet und sicher dutzende Male gelesen. Immer wenn ich jemanden aus Weiden traf, habe ich nach Neuigkeiten aus Weidenhag gefragt.“ Erneut schloss er die Baroness in seine Arme, ganz so als würde er befürchten, dass sie ihn so gleich wieder verlassen würde. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er seiner Liebsten ein Geschenk mitgebracht hatte.
„Beim göttlichen Herdfeuer, wo bin ich nur mit meinen Gedanken.“ Er löste sich etwas von der Weidenerin, um einen kleinen Hirschledernen Beutel hervorzuholen, den er in seiner Gürteltasche bewahrt hatte. „Schon vor vielen Jahren habe ich Dir dies in Zwerch gekauft, um es Dir bei unserem wiedersehen schenken zu können.“ Unsicher, ob Gwidûhenna der silberne Gänseanhänger mit den kleinen Saphirsplittern als Augen gefallen würde, überreichte er ihr den Beutel. Gebannt wartete er auf ihre Reaktion.
Die Baroness öffnete den Beutel mit flinken Fingern und begleitet von einem Lächeln. „Oh, es ist wunderschön. Hab dank Gorfried.“ Sprach Gwidûhenna nachdem sie mit ihren feingliedrigen Fingern über die fein nachmodellierten Züge der kleinen Gans strich und wandte sich zu ihren beiden Begleiterinnen um, die die Szenerie mit verwunderten Gesichtern verfolgten.
„Seht nur.“ Fuhr sie fort und zeigte Ihnen den Anhänger. Das nahe Licht ließ die Saphiraugen der Gans funkeln. „Es ist wunderschön, nicht wahr?“ Erst jetzt bemerkte die Baroness die Verwunderung im Blick ihrer Tante. Geistesgegenwärtig wischte sie sich eine Träne aus ihrem Gesicht und versuchte mit abschätzendem Blick zu erkennen, wie es um die Gemütslage Travines bestellt war. Doch war ihrem Blick, der in den letzten Momenten zwischen ihr und Gorfried hin und her wanderte, nichts zu entnehmen.
Als Vorsteherin des Traviatempels im Dorf Weidenhag und Verwalterin des Baronsitzes übernahm sie in der Vergangenheit auch die Erziehung der Kinder des Barons. Sie ist ein gütiger und netter Mensch, doch wenn Gwidûhenna an ihre Predigten über Züchtigkeit und Keuschheit dachte überkommt sie noch heute ein kalter Schauder. Sie wusste nicht wie Travine auf diese offen zur Schau gestellte Zuneigung von unverheirateten Menschen reagierte. Gwidûhennas richtete ihren Blick auf ihre Freundin Algrid, die ihr Grinsen hinter einem Krug Bier versteckte. Die Baroness seufzte innerlich – von Algrid hatte sie also keine Hilfe zu erwarten.
„Setzt Euch…Beide…“ Nun erhob Travine ihr Wort. Ihre Stimme war streng und schnitt durch die Luft wie ein glühendes Schwert durch Schafskäse. Sie deutet auf den Stuhl, der ihr gegenüber stand. „Setzt Euch…“ Sie blickte den Sturmfelser fragend an. „…Gorfried, richtig?“ Ohne eine Antwort abzuwarten setzte sie nach. „Nun da es meine Nichte nicht für nötig empfindet Euch vorzustellen, bitte ich Euch nun darum dies nachzuholen...“ Nach einer kurzen Pause, in welcher ihr Blick auf Gwidûhenna fiel, die nervös mit einer Haarsträhne spielte, fuhr die Geweihte fort. „…Und seid doch bitte so gut und klärt mich über das eben Geschehene auf.“
Rommilys, 21. Phex 1033 BF
Erst jetzt wurden Gorfried die Begleiterinnen der Baroness wieder vollkommen bewusst. Hatte er heute denn alles vergessen, was er selbst den Knappen am Baronshof in Ochsenweide stets einbläute? Er straffte sich und verbeugte sich vor der Geweihten.
„Gorfried Barnhelm Firunian von Sturmfels, Hochwürden. Dienstritter und Jagdmeister am Hofe des Baronspaares zu Ochsenweide.“ Mit einem Nicken in Richtung der Ritterin, grüßte er auch die Blaubingerin. Erst nachdem sich Gwidûhenna gesetzt hatte, setze er sich schließlich auch an den Tisch.
„Ich bitte Euer Hochwürden, unser Verhalten zu entschuldigen“, der Sturmfelser unterdrückte seinen Impuls bei diesen Worten zu seiner Liebsten zu blicken. „Ich habe die Baroness seit den Tagen meiner Knappenschaft nicht mehr gesehen. Schon damals verband uns ein inniges Band der Freundschaft. Doch wo sich so mancher an der Knappenschule Rahja hingab“, seine Stimme gewann dabei an Schärfe, konnte er so etwas doch noch immer nicht recht verstehen. „Bestand zwischen uns stets die feste Überzeugung, dass dies allein dem Bund vor der Gütigen Herrin vorbehalten bleiben sollte. Da uns schon damals die Liebe zur Gütigen Herrin verband, wollte ich Eurer Nichte bei unserem Wiedersehen ein Geschenk machen, dass unsere Freundschaft ehrt.“ Er blickte zu Gwidûhenna. „Doch bei all der Freude vergaß ich gänzlich, was die Etikette und das rechte benehmen sind. Wäre ich noch der Knappe von einst, wäre dies wohl zu entschuldigen. Doch nunmehr führe ich andere mit ins Feld. Bilde selbst Knappen aus und müsste es besser wissen.“
Travine verfolgte die Ausführungen des Sturmfelsers mit unbewegter Miene. Einzig bei seinem Bericht über rahjianische Umtriebe in der damaligen Knappenschule verzog sie kurz einen Mundwinkel. Nachdem Gorfried geendet hatte, wandte sich die Geweihte zu Gwidûhenna um und blickte nun sie fordernd an. Travines Brauen waren dabei noch immer streng gesenkt. Die Baroness wollte ihrer Tante etwas entgegnen, doch dann schien sie es sich anders zu überlegen und setzte stattdessen den Holzbecher mit dem erkalteten Met an ihre schönen, edel geschwungenen Lippen.
„Nun denn Gorfried.“ Sprach die Geweihte wieder an den Ritter gewandt. Ihre Stimme hatte inzwischen etwas an Schärfe verloren, war aber immer als streng zu erkennen. „Es freut mich jemanden kennen zu lernen, dem meine Nichte ähnlich wichtig ist wie mir selbst. Ihr müsst wissen, Gwidûhenna war mir stets wie eine eigene Tochter und wie eine eigene Tochter habe und werde ich sie immer behüten.“
„Deine Sorge ist unbegründet Tante…“ Nach einer Pause, in welcher sich Schweigen über den Tisch gelegt hatte, ergriff nun die Baroness das Wort. „Gorfried und ich haben uns noch als halbe Kinder kennen und schätzen gelernt.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Du musst wissen die erste Zeit in Rommilys, nachdem mich Geppert an den Grafenhof schickte, waren nicht leicht für mich. Weit fern der Heimat und dabei war ich doch noch fast ein Kind. Doch dann lernte ich Gorfried kennen…“ Sie wandte sich zum Sturmfelser um und schenkte ihm ein Lächeln. „…er war immer für mich da und hat mich beschützt. Er ist ein sehr frommer Mann und wie er bereits sagte zeigten wir uns unser Empfinden füreinander nicht durch körperliche Liebe.“ Von neuem legte sich kurz Schweigen über die Runde. Nach einigen Momenten war es wieder Gwidûhenna, die das Wort ergriff. „Ich wollte nach meiner Ausbildung mit ihm den Bund vor Travia schließen und einige Zeit in Rommilys bleiben, doch kam Mutters Tod…“, sie stockte. „…nun ja ich wurde in Weidenhag gebraucht und Gorfried hielt es erst am Grafenhof in Rommilys und in weiterer Folge am Hofe der Baronie Ochsenweide, wo er die Aufgaben seiner verstorbenen Tante übernahm. So blieb uns nur das Schreiben von Briefen und die Hoffnung auf einen Zufall, der uns die Möglichkeit auf ein Widersehen gibt…“
Ein verstohlenes Lächeln huschte über Travines Züge und es schien, als wäre von einem Moment auf den Anderen alle Strenge aus ihrem Gesicht verschwunden. „Und Gorfried?“ Die Geweihte wandte sich lächelnd an den Ritter. „Ich nehme an Ihr empfindet genauso wie meine Henna?“
„Natürlich“, ohne zu zögern kam Gorfrieds Antwort. „Nie hätte ich unser Schicksal verflucht, doch seit jenen Tagen sehne ich mich nach Eurer Nichte. Oft war ich kurz davor, mein Pferd zu satteln und nach Weidenhag zu reiten.“ Der Ritter schaute etwas betroffen auf den Tisch. „Aber ich konnte meine Heimat doch nicht in diesen dunklen Zeiten einfach verlassen und meine Pflichten vernachlässigen.“ Er blickte die Geweihte fragend an. Vielleicht wusste sie ja Rat. Seine Mutter hatte er damit nie belasten wollen, hatte sie doch in diesen Tagen ganz andere sorgen.
Travine tippte sich nachdenklich mit ihrem Zeigefinger auf das Kinn. „Gorfried es ehrt Euch, dass Ihr Eure Pflichten über Euer Glück stellt. Es gibt leider zu viele Menschen auf Dere, die hierbei Frau Rahja den Vorzug geben und auf Treue, sowie Pflichtbewusstsein gegenüber der eigenen Familie verzichtet hätten.“ Sie blickte dem Sturmfelser tief in seine Augen. „Die Familie hat ihren Ursprung in derselben Liebe, mit der die Herrin Travia jeden einzelnen Menschen bedacht hat. Fehlt diese Familie, so entsteht eine schmerzhafte und bedenkliche Lücke, die in der Folge auf dem ganzen Leben lasten wird. Der Mensch sollte seine Familie nur verlassen um in einem neuen Familienkern die eigene Lebensberufung zu verwirklichen und nicht ob einem kurzen Vergnügen nachzuhängen, so wie es viele Anhänger der Herrin Rahja tun.“ Die Geweihte nickte ernst. „Ihr seht also Gorfried, sowohl Ihr, als auch meine Henna habt Euch damals richtig entschieden und seid Euren Familien beigestanden, als diese Euch brauchten.“
Travines Blick ging erwartungsvoll lächelnd zwischen Gorfried und Gwidûhenna hin und her. „Und wenn ihr beiden euch dazu entschlossen habt eine eigene Familie zu gründen, dann könnt ihr euch meiner Unterstützung sicher sein.“ Sie blickte zu ihrer Nichte. „Dir Henna helfe ich, es deinem Vater beizubringen und…“, ihr Blick fiel auf den Sturmfelser. „…für Euch Gorfried werde ich beim Baronspaar vorsprechen, sofern Ihr dies wünscht.“
„Ihr meint“, weiter sprach der Sturmfelser nicht, hatte er doch erst einmal nur Augen für Henna. Würden sie nun endliche den Traviabund schließen können? „Ich, ich danke Euch von Herzen, Hochwürden.“ Erst langsam konnte er sich wieder auf das konzentrieren, was nun zu tun wäre. „Mit meiner Herrin und Herrn spreche ich am besten zunächst selbst. Nur“, er kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Meine Mutter, bei ihr wünschte ich mir Hilfe, Hochwürden.“ Er wusste nicht wie sie reagieren würde und würde eine Schwester ihrer Kirche hier nicht helfen können?
„Du musst wissen, seine Mutter ist auch eine Geweihte der hohen Frouwe Travia.“ Warf nun die Baroness ein. Ihre tiefen blauen Augen begannen in den letzten Momenten zu leuchten wie der Pandlarin beim Aufgang des Praiosmales.
„So?“ Interessiert lehnte sich Travine, die die Reaktion Gorfrieds lächelnd zu Erkenntnis nahm, nach vorn. „Nun denn, wenn Ihr es wünscht werde ich mit ihr sprechen. Natürlich nur, wenn du Henna das auch möchtest.“ Dabei wandte sich die Geweihte wieder ihrer Nichte zu und blickte sie fordernd an.
„Natürlich möchte ich Gorfried heiraten…“ Erwiderte diese etwas lauter, als gewollt. „Doch Vater…“
„Dein Vater ist wie er ist.“, fuhr Travine dazwischen. „…du weißt doch wie sehr er dich liebt. Weißt du, er sagte mir immer schon wie sehr du doch deiner Mutter ähnelst und das nicht nur äußerlich.“ Die Geweihte strich Gwidûhenna zärtlich eine rabenschwarze Haarsträhne aus ihrem ebenmäßigen Gesicht. “Und du weißt, wie sehr er deine Mutter geliebt hat.“ Lächelnd ließ sie ihren Blick über die am Tisch anwesenden schweifen. „Deshalb sorge dich nicht mein Kind. Dein Vater will einzig und allein, dass du glücklich bist. Es käme ihm nie in den Sinn, dir einen Partner aufzuzwingen, wie er das bei deiner Schwester Ullgrein tat. Ich weiß gar nicht wie viele Werber um dich er schon vom Hag gejagt hat.“
In mildem, beinahe mütterlichem Ton fuhr Travine an den Sturmfelser gerichtet fort. „Gorfried erzählt mir etwas über Euch und Eure Familie. Gwidûhenna hat mich, was Euch betrifft bisher ja gänzlich im Unklaren gelassen.“
Das Herz des Ritters hatte einen gewaltigen Sprung gemacht. Henna wollte mit ihm noch immer den Traviabund eingehen. Freudig strahlte er sie an und musste sich erst selbst daran erinnern, dass ihre Tante ihm so eben eine Frage gestellt hatte.
„Ich entstamme dem älteren, darpatischen Zweig des Hauses Sturmfels. In der Landmark Wehrheim auf dem Jagdgut Jagdwall liegen unseren Wurzeln. Dem ersten der Jagdgüter des Hauses Rabenmund, denen wir durch die Jahrhunderte treu dienen.“ Kurz legte sich ein Schatten auf sein Gesicht. Schmerzte es ihn doch jedes Mal, wenn er daran denken musste, dass das Gut hatte geräumt werden müssen. „Auch wenn ich in Rommilys geboren wurde, so war ich doch oft genug dort. Mit meinen Basen und Vettern habe ich unzählige Stunden in den Wäldern verbracht.“
Mit zunehmender Begeisterung begann er von seinen Wurzeln und seiner Jugend zu erzählen. „Mein Vetter Gerin, Oberhaupt unserer Hauses und fürstlicher Jagdmeister, brachte mir selbst das Jagen bei. Sei es mit dem Bogen, Speer oder den Falken, für die wir weit über die Grenzen bekannt sind. Die meiste Zeit verbrachte ich jedoch hier in Rommilys, wo meine Mutter der gütigen Herrin diente. Sie entstammt einem garetischen Rittergeschlecht. Mein Vater diente in der Reichsarmee und war oft in der Ferne. Er musste sogar ein Jahr auf Maraskan dienen.“ Allein bei dem Gedanken daran schauderte Gorfried. Er wusste es noch genau. Hätte sein Vater nicht das Fieber bekommen, er hätte wohl länger dort dienen müssen.
„Nachdem ich beim Grafen von Ochsenwasser meinen Dienst als Page geleistet habe, bin ich dann an die Knappenschule.“ Erneut suchte er den Blick der Baroness. „Damals habe ich auch Henna kennen gelernt. Sie begleitete den Grafen oft mit zum Hof, wo wir unseren Dienst taten. Was danach folgte ist schnell erzählt. Mein Vater fiel in den ersten Wochen der Invasion in Tobrien. Ich selbst diente nach meinem Ritterschlag als Dienstritter des Grafen. Als dann meine Base, die Schwester meines Vaters, fiel, trat ich ihre Nachfolge in Ochsenweide an. Sie diente dort als Ritterin und Jagdmeisterin. Meine Mutter war schon zuvor als Hofgweihte dorthin entsandt worden.“
„Ich bin Euch zutiefst dankbar, dass Ihr mir ihr sprechen wollt, Hochwürden. Ich will sie nicht verletzen und gegen meine Pflichten als Sohn verstoßen. Ismena dient im Gefolge des Barons von Bröcklingen. Oshelm zieht als Bruder für die Herrin Travia durch den Kosch.“
Travine schüttelte energisch den Kopf. „Warum solltet Ihr Eure Pflichten als Sohn verletzen? Nur weil Ihr etwas tut, das sich die gütige Mutter für jeden Menschen wünscht? Ein jeder von uns, die wir auf Derens Antlitz wandeln entwickelt mit der Zeit eine tiefe Sehnsucht nach einem Partner, der einem beisteht in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist der Wille der Herrin, dass Ihr mit einer Frau den heiligen Bund schließt, Euch gegenseitig Wärme und Geborgenheit schenkt und Kinder zeugt.“
Die Geweihte lächelte dem Paar kurz zu, dann fuhr sie in ihrer Rede fort. „Ich werde mit Eurer Mutter sprechen, obwohl ich denke, dass es nicht nötig sein wird sie davon zu überzeugen. Meine Henna ist ein gutes Kind, sie wird mit Sicherheit einmal eine fabelhafte Baronin und Mutter.“ Einige Herzschläge lang schien es als wolle sie hier enden, dann hob Travine doch noch einmal an zu sprechen. „Wann müsst Ihr wieder nach Ochsenweide zurückkehren Gorfried? Ich habe noch zwei Praiosläufe hier in Rommilys zu tun, dann würde ich Euch zu Eurer Mutter begleiten und Ihr uns dann hoffentlich nach Weidenhag, wo wir eure Verlobung offiziell machen können. Natürlich nur, wenn das in euer beider Interesse ist…“
„Der Baron und die Baronin haben in Rommilys noch einiges zu besprechen, Hochwürden. Morgen empfängt sie das erhabene Paar, dann kann ich es genauer sagen.“ Gorfried dachte kurz nach. „Mein Herr wollte dann auch das Oberhaupt seines Hauses in Hallingen aufsuchen. Der Zusammenhalt des Familie ist in diesen Tagen wichtiger denn je.“ Bei diesen Worten lächelte er seine Henna an. Bald würden auch sie eine solche Familie sein. „Mit Glück können wir zusammen nach Ochsenweide und von dort dann über Hallingen nach Weiden reisen.“
Erst jetzt fiel ihm wieder etwas ein, was die Weidenhager interessieren dürfte. „Henna, Du wirst in ihrer Hochgeboren eine interessante Gesprächspartnerin finden. Sie hat in Beilunk das Seminar besucht und dann in der Kanzlei der Grafschaft Ochsenwasser gedient.“
Gwidûhenna blickte einige Momente sinnierend vor sich auf die Tischplatte. "Herrin Beergard. Ja ich erinnere mich an sie. Eine hübsche, liebenswürdige und sehr fromme Frau, umso erschütternder waren für mich damals die Ereignisse am 29. Hesinde 1022 BF..." Die Baroness schüttelte den Kopf. "...Die Herrin gib, dass uns solche Ungeheuerlichkeiten in Zukunft erspart bleiben. Aufgabe des Adels ist der Schutz ihrer Anbefohlenen und nicht das Einschlagen von Köpfen anderer Adeliger..." Gwidûhenna lächelte bitter, wurde dann jedoch von Travine unterbrochen. "Gerne werden wir Euch begleiten Gorfried...", versuchte diese nun das Gespräch wieder einem etwas erfreulicherem Thema zuzuwenden, "...wenn Euer Herr und Eure Herrin damit einverstanden sind und Ihr versprecht uns in weiterer Folge nach Weidenhag zu begleiten."
Der Hag, Baronie Weidenhag, Anfang Peraine 1033 BF
Travine seufzte erleichtert als sie die Große Halle des Hags betrat. Der Amtssitz der Weidenhager Barone war eigentlich nicht mehr als ein befestigtes Rittergut außerhalb des Dorfes Weidenhag direkt am Hagweg gelegen, doch glich das Gebäude mehr einem Bienenstock als einem Sitz der Herrschaft.A Wie immer, mit Ausnahme der strengen Wintermonde, war die Halle mit viel Volk besetzt, denn der Hag war bekannt dafür, dass er Reisenden, ob von Stand oder nicht, Gastung gewährte. Da es im Dorf selbst kein Gasthaus gab, war der Baronsitz hier in der Gegend sogar die einzige Möglichkeit für Reisende auf dem Hagweg eine Bleibe für die Nacht zu bekommen. Doch auch der einzige Traviatempel der Baronie befand sich innerhalb der schützenden Mauern des Hags.
So wunderte es nicht, dass die Halle des Barons mehr einer gemütlichen Taverne glich. Travine sog scharf Luft ein und wandte sich lächelnd zu Gorfried um. Die Luft war geschwängert vom Duft nach frischem Brot und Bier, zwei Mägde nahmen Bestellungen auf und servierten den Gästen gegen ein geringes Entgelt einfache Speis und Trank. In der Halle befanden sich rechter und linker Hand der kleinen Gruppe zwei lange Tische mit einfachen Sitzbänken, der Baron selbst saß an einem mächtigen Tisch auf einem erhöhten Podest in einem schweren Eichenstuhl und ließ sich von seinen vielen Gästen Geschichten erzählen. Als er sich der Neuankömmlinge gewahr wurde erhob er sich und bedeutete ihnen zu ihm zu kommen.
Travine war zufrieden mit sich selbst. Das Gespräch mit Gorfrieds Mutter in Ochsenweide verlief zufriedenstellend. Zwar war sie nicht sehr erfreut darüber, dass es ihren Sohn fort von ihr in die Heldentrutz zieht, doch war die hochadelige Gwidûhenna mit Sicherheit keine schlechte Partie. Auch wenn es „nur“ eine trutzer Baroness war, so floss doch darpatisches Blut durch ihre Adern und auch ihre Familie besaß innerhalb der darpatischen Marken einen makellosen Ruf. Nun galt es noch ihren Bruder zu überzeugen und es war der Geweihten klar, dass diesmal nicht ein paar Flaschen Rotwein reichen würden um seine Zustimmung zu bekommen, wie das bei Ullgrein der Fall war.
Innerlich hoffte sie das, was sie Henna und Gorfried in Rommilys gesagt hatte. Nämlich, dass Andîlgarn schon alleine deshalb zustimmen würde, weil er seine liebste Tochter glücklich sehen will. Ein kalter Schauder überkam Travine als sie daran dachte, welchen Aufstand ihr Bruder bei der Vermählung ihrer Schwester Holdwiep mit Wulfhart von Keilholtz ä.H. veranstaltete. Damals war es ihr erst nach langer Zeit und viel gutem Zureden möglich, ihn davon zu überzeugen sie gehen zu lassen.
„Henna mein Kind und Travine…“ Andîlgarn schloss die beiden freudig in seine Arme. Der Baron von Weidenhag war ein stattlicher Mann mit einem beachtlichen Körperumfang. Letzteres ist vor allem darauf zurückzuführen, dass der alternde Baron seine Zeit inzwischen lieber bei gutem Essen mit Gefolge und Gästen, als bei Waffenübungen verbringt. „…lasst mich euch beide ansehen. Wie ist es euch in Rommilys ergangen?“ Ohne eine Antwort der beiden Frauen abzuwarten, fuhr er mit einer einladenden Handbewegung fort. „ Ach setzt euch einfach zu mir und erzählt es mir…“ Erst einige Herzschläge danach schien der Baron Gorfried zu bemerken. „…auch Ihr sollt mein Gast sein hoher Herr. Setzt Euch, stellt Euch vor und lässt Euch von den Mägden Speis und Trank bringen.“
„Ich danke Euch Hochgeboren. Möge die Herdmutter stets über Euer Heim und Herd wachen“, der Sturmfelser verbeugte sie leicht in Richtung des Barons. Das war also der Vater seiner geliebten Henna.
Mehr als einmal auf ihrer Reise hatte er überlegt, wie er vor ihn treten würde. Mit seiner Mutter war es deutlich einfacher gewesen, als er sich selbst eingeredet hatte. Und auch das Baronspaar hatte ihn freudig entlassen, als er sie ersucht hatte. Die Reise über hatten sich die Baronin und Henna gut verstanden und auch der Weg nach Hallingen war sehr angenehm verlaufen. Seine Hochgeboren hatte ihm gar so manch guten Rat mit auf dem Weg gegeben. ‚Unser Bund stand unter keinem guten Stern, Gorfried. Nicht Liebe sondern die Räson unserer Häuser führte uns zusammen und doch erwuchs gutes daraus. Wie soll es dann erst bei Euch sein.’ Das hatte er ihm erzählt und es stimmte. Er konnte sich kaum mehr wünschen als das, was er in Ochsenweide am Hof beobachten durfte. Doch nun galt es, seine Hochgeboren Andîlgarn zu überzeugen, dass er der richtige für seine Erbin war.
„Gorfried von Sturmfels, aus der Grafschaft Wehrheim, Euer Hochgeboren.“ Neugierig blickte er zur Tante Hennas. Sie hatte ihnen ihre Unterstützung zugesagt. Doch wollte er auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
„Soso. Nun dann seid mir willkommen Gorfried von Sturmfels aus der Grafschaft Wehrheim.“ Der Baron lehnte sich entspannt in seinem Eichenstuhl zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Reise und…ach ich vergaß…“
Er deutete auf die beiden Frauen am Tisch. „Die beiden hübschen Damen am Tisch sind meine Schwester, Hochwürden Travine und meine Tochter und Erbin Gwidûhenna.“
„Er kennt uns Vater. Wir kamen zusammen.“ Warf nun die Baroness ein und versteckte ihr Schmunzeln indem sie einen plötzlichen Husten vortäuschte.
„Ja er ist ein alter Freund deiner Tochter.“ Ergänzte darauf hin Travine, die Gorfrieds neugierigen Blick registriert hatte, nicht weniger amüsiert. Gerne hätte sie ihren Bruder bereits jetzt den Grund für Gorfrieds Kommen direkt ins Gesicht gesagt, doch kannte sie ihren Bruder. Es wäre mit Sicherheit besser wenn der Sturmfelser selbst vor dem Baron um die Hand der Baroness bat. Deshalb beschränkte sie sich darauf Gorfried aufmunternd zuzunicken.
„Rondra, Donner und Blitz…“ Rief der Baron überrascht aus. „Warum sagt ihr mir das denn nicht gleich. Das ihr drei hier gemeinsam in meine Halle spaziert heißt ja nicht, dass ihr schon gemeinsam angereist seid.“ Nach einem freundschaftlichen Klaps auf Gorfrieds Schulter fuhr er fort. „Doch sprecht Gorfried, wie komme ich denn zu der Ehre Eures Besuchs. Die Heldentrutz ist dieser Tage ja nicht besonders einladend und Ihr werdet den weiten Weg aus Darpatien ja nicht einfach mal so auf Euch genommen haben um den alten Vater einer alten Freundin zu besuchen, oder?“
„Weit einladender als es meine Heimat in diesen Tagen oft ist, Hochgeboren.“ Konnte der Sturmfelser sich nicht verkneifen. Doch dies waren weder der Ort, noch die Zeit um sich düsteren Gedanken hinzugeben. „Auch aus diesem Grund begleitete ich die beiden. Doch Ihr habt ganz Recht, ich trete nicht ohne Grund in Eure Halle.“ Er blickte den Baron entschlossen an. „Schon als Knappe in Rommilys habe ich mein Herz an Eure Tochter verloren, Hochgeboren. Um Euch um Ihre Hand für den Traviabund zu bitten, trete ich vor Euch.“
Seine Augen suchten den Blick Hennas. „Ich kann Euch kaum mehr bieten, als den stolzen Namen Sturmfels und meinen guten Leumund. Seit ich Eure Halle betrat, fürchte ich, dass dies zu wenig für den größten Schatz Weidenhags ist.“
Andîlgarn nahm einen großen Schluck aus seinem Bierkrug. Nachdem er seinen Mund mit dem Ärmel seines Hemdes gesäubert hatte, wanderte sein Blick musternd zwischen seiner Tochter und dem Sturmfelser hin und her.
„Ich handle meine Tochter nicht wie einen Sack Erdäpfel auf dem Jammer, Sturmfels. Es ist mir gleich was Ihr zu bieten habt. Wichtig ist nur, dass meine Henna glücklich ist…“
„Ja Vater das bin ich sogar sehr.“ Warf die Baroness ein und erntete dafür einen ermahnenden Blick ihres Vaters. „Das Euch meine Schwester, der Euer Ansinnen anscheinend bekannt war, mit hierher in meine Halle genommen hat zeigt mir, dass Ihr ein frommer und anständiger Mann seid. Sie kennt mich und weiß was ich von einem Menschen verlange.“
Andîlgarn erhob sich ächzend aus seinem Stuhl. „Doch werde ich auch einen Gehörnten tun und die Hand meiner Tochter einem mir Wildfremden gewähren.“ Der Baron bedeutete Algrid Blaubinge mit einer einfachen Handbewegung, dass sie zu ihm kommen möge.
„Euer Hochgeboren, Ihr wünscht?“ „Algrid sei doch bitte so gut und lass mein Pferd vorbereiten.“ Gehorsam und mit schnellem Schritt entfernte sich die Jungritterin und gab den Wunsch seiner Hochgeboren an einen Knecht weiter. Noch bevor jemand anderer am Tisch zu Wort gekommen war, blickte der Baron fordernd zu Gorfried.
„Ich hoffe Ihr liebt die Jagd Sturmfels, denn es wird Zeit, dass wir uns einmal unter vier Augen unterhalten.“
Er hatte schon mit einem Messen mit der Lanze oder ähnlichem gerechnet, doch eine Jagd hatte er nicht erwartet. „Wenig lieben die Jagdwaller mehr, Hochgeboren.“ Erwiderte er noch immer etwas überrascht und mit einem schnellen Blick zu Henna. „Die Baroness erzählte mir mehr als einmal von den Jagdgründen Weidenhags.“ Als Jagdmeister Ochsenweides hatte er sein Handwerk verstanden, doch waren Übermut und Selbstgefälligkeit nie gute Berater. „Verfügt über mich.“
„Nun denn, dann sei es so.“ Entgegnete ihm Andîlgarn. „Wartet beim Stall auf mich und lasst Euch von Gumbold einen Bogen geben. Ich werde mich noch umkleiden und dann zu Euch stoßen.“ Der Baron wandte sich um und verließ in gemächlichem Schritt die Halle. Einige Schritt hinter ihm trotteten lustlos die beiden Jagdhunde des Barons nach, die er mit einem Pfiff zu sich rief.
„Sei vorsichtig Gorfried und bedenke deine Worte, bevor du sie aussprichst. Den letzten Werber um mich, der ihm nicht gefiel, hat Vater eigenhändig vom Hof gejagt.“ Sorgte sich Gwidûhenna um ihren Liebsten und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ich werde Deine Worte wohl bedenken, Liebste.“ Doch nun würde er den Baron überraschen. Er würde ihn mit seinem eigenen, treuen Jagdbogen und Jagdmesser erwarten. Beides hatte er von seinen Verwandten in Jagdwall erhalten und beides hielt er in Ehren.
Die Jagd, Baronie Weidenhag, am selben Tag
So machten sich der Baron und Gorfried in Begleitung des Barönlichen Wildhüters und einem Jäger, der die beiden Windhunde führte auf in Richtung eines gut 5 Meilen entfernten Waldstückes. Die Stimmung in der kleinen Gruppe war nicht gerade herzlich zu nennen. Andîlgarn stellte dem Sturmfelser kurze Fragen und erwartete ebenso kurze und präzise Antworten. Dauerte ihm eine Ausführung Gorfrieds zu lange, unterbrach er ihn und stellte eine neue Frage.
So ließ sich der alternde Baron Gorfrieds Lebensgeschichte erzählen, sein Heranwachsen, seine Ausbildung in Rommilys, seinen Dienst beim Grafen von Ochsenwasser und sein jetziges Leben als Dienstritter des Baronspaares von Ochsenweide. Auch bei Erzählungen über die Familie des Sturmfelsers hakte der Baron des Öfteren nach und ließ sich einige Sachen sogar doppelt erzählen.
Im Wald angekommen erteilte Andîlgarn Anweisungen an die beiden Jäger. Er hatte für seinen jungen Gast ein ganz besonderes Tier im Sinn, auf dessen Spur er und seine Jäger erst vor wenigen Tagen bei einer Vorsuche gestoßen waren. Eigentlich wollte er den mächtigen Zwölfender für den nächsten Besuch des Grafen aufsparen, doch schien ihn dieser Anlass besser gewählt.
Der Hirsch war ein mächtiges, doch trotzdem sehr scheues Tier. Trotzdem gelang es den beiden Hetzern des Barons nach einiger Wartezeit den Hirsch vor die Bögen der beiden Adeligen zu treiben. Es war eine offen gestaltete Jagd, dem Herrn Firun zum Wohlgefallen. Hunde und barönliche Jagdknechte trieben ihn so, dass ihm auch der Weg zur Flucht offen stand. Beute und Jäger mussten sich messen, so wollten es die Gebote Firuns. So war es auch für Andîlgarn und Gorfried eine rechte Herausforderung den Hirschen zu begegnen, ohne das er sie zuvor entdeckt. Beide hatten nur einen Schuss, würden sie nicht treffen, wäre der Hirsch an diesem Tage Sieger.
Als Gastgeber gab Andîlgarn seinem Gast das Tier zum Abschuss frei, der es auch auf Anhieb traf. Es war ein wohl gesetzter Schuss aufs Blatt, der den Hirsch auf Anhieb niederstreckte. Der Baron quittierte diesen Treffer mit einem anerkennenden Kopfnicken. Während die beiden Jagdgehilfen den toten Körper des Zwölfenders bargen, schlug der Baron eine Rast in seiner nahegelegenen Jagdhütte vor. Dort angekommen bat er den Sturmfelser um ein Gespräch unter vier Augen.
„Ihr müsst wissen…“, sprach der Baron als er sich sichtlich erschöpft auf eine Holzbank fallen ließ, „…ich wusste bereits als Ihr Euch zu mir auf den Tisch gesetzt habt, was der Grund für Euren Besuch war.“ Den fragenden Blick seines Gegenübers quittierte Andîlgarn mit einem leisen Lachen. „Ja sogar ein mit Blindheit geschlagener hätte vernommen wie Ihr und Henna Euch gegenseitig anseht. Ihr dürft mich nicht falsch verstehen, Sturmfels, ich freue mich, dass meine Tochter jemanden gefunden hat, der sie glücklich macht.“
Der Baron nestelte eine kleine Flasche aus einer Tasche, entkorkte sie mit seinen Zähnen und nahm einen kräftigen Schluck daraus. „Und dass sie glücklich ist merkt man sehr deutlich, lächelt sie in Eurer Gegenwart doch ständig von einem Ohr bis zum anderen.“ Abermals verzogen sich die Lippen des Barons zu einem Lächeln. „Doch will ich als ihr Vater natürlich auch nur ihr Bestes. Ihr müsst wissen meine Henna hat es hier in Weiden nicht leicht. Beinahe alle Hochadeligen durchliefen in ihrer Ausbildung eine Knappenschaft – ja es ist beinahe selbstverständlich, dass Erstgeborene des Hochadels erst ihre Schwertleite erhalten müssen, bevor sie überhaupt „fähig“ dazu sind eine Baronie zu führen.“ Andîlgarn hielt kurz inne und nahm abermals einen Schluck aus seiner Flasche.
„Autorität ernten jene, die Schutz zu bieten wissen, sagen uns die Geweihten Rondras, doch meine Henna war nie eine fürs Grobe. Sie denkt mit dem Kopf und ihrem Herzen und nicht mit dem Schwertarm. Die Gemeinen halten sie beinahe schon für einen Alveraniar der Herrin Travia, doch die Adeligen nehmen sie nicht ernst.“ Der Baron nickte ernst. „Wisst Ihr eigentlich, dass meine Henna es war, die dem Grafen als Einzige davon abriet gegen den Drachen zu ziehen. Vielmehr, so sagte sie, sollen wir unsere Heime und Schutzbefohlenen schützen so gut wir können. Tja…“ Er lächelte bitter. „…man hätte auf sie hören sollen, doch ich schweife ab. Meine Henna braucht einen Mann an ihrer Seite, der sie in solchen Situationen stützt und mir stellt sich die Frage ob Ihr der Richtige dafür seid. Beweist mir dass Ihr den Mumm habt und Ihr dürft meine Henna heiraten.“
Gespannt hatte der Sturmfelser dem Baron zugehört. „Meine Eltern lehrten mich das offene Wort, Hochgeboren. Ich bin Darpate und das werde ich immer sein. Dem Rittertum und seinen Werten sind wir verbunden, doch in dieser Sache hätte ich von ganzem Herzen neben Henna gegen alle Ritter der Trutz gestanden.“ Gorfried blickte seinem Gegenüber fest in die Augen. „Mit Worten werde ich Euch jedoch kaum überzeugen. Nennt mir Eure Prüfung und ich will Euch beweisen, welch Mut in mir steckt.“
„Es geht nicht darum, dass Ihr Euch in Hennas Namen mit ganz Dere schlagen sollt.“ Der Baron lächelte und bot dem Sturmfelser einen Schluck aus seiner Flasche an. „Doch habt Ihr natürlich recht. Mit Worten werdet Ihr mich nicht davon überzeugen können.“ Einen Moment lang blickte Andîlgarn sinnierend vor sich hin und strich mit seiner Rechten durch seinen langen, wallenden Bart. Dann erhob er sich schwerfällig von der Bank und richtete seinen Schwertgürtel. „Folgt mir.“ Sprach er und schritt durch die Tür der Jagdhütte hinaus. Einige Momente später erhob sich auch Gorfried und kam der Bitte des Barons nach. Als der Sturmfelser aus der Tür trat sah er Andîlgarn breitbeinig vor sich stehen, seine Hände hatte er in die Hüften gestemmt. „Zieht blank und greift an, Sturmfels.“ Rief er ihm zu und machte dabei keinerlei Anstalten selbst seine Waffe zu ziehen.
Wald nahe dem Hag, am selben Tag
Jetzt verstand der Ritter auch, warum der Baron nach der Jagd seine Klinge wieder umgeschnallt hatte. Er hatte es ihm gleich getan, wollte er doch nicht auffallen. „Wenn ein Kampf Eure Prüfung sein soll, dann soll es so sein.“ Gorfried war gut eine Lanzenlänge vom Baron entfernt stehen geblieben und zog seine Klinge. „Doch ehe Ihr gezogen habt, werde ich meine Klinge nicht gegen Euch erheben. Keine Prüfung ließe mich so gegen die Gebote der Sturmherrin handeln.“
Er hatte mehr als einmal einen Kampf geführt. Andîlgarn mochte alt sein, doch das konnte er sicher mit seiner Erfahrung ausgleichen. Was immer er plante, er würde ihn nicht einfach angreifen. Er sollte ziehen. Dann würde er ihn mit einigen Finten testen, um zu sehen, wie er kämpfte.
Andîlgarn musterte sein junges Gegenüber eingehend und wartete einige Momente ab. „Meine Prüfung? Nein ich will nur sehen aus welchem Holz Ihr seid. Also, auf was wartet Ihr?“ Fragte er ungeduldig, doch machte Gorfried abermals keinerlei Anstalten seine Waffe gegen ihn zu erheben.
„Die donnernde Herrin möge mir verzeihen, aber es gibt Situationen da müssen ihre Gebote hinten anstehen. Es gibt Situationen in denen auch Eure persönliche Ehre hinten anstehen muss, Sturmfels. Wenn zum Beispiel ein Unbewaffneter die Hand gegen meine Familie erhebt, schlage ich ihm ohne viel Federlesen den Kopf ab und werfe ihm nicht erst eine Waffe zu. Deshalb reizt mich nicht und greift verdammt noch mal an!“
Der Baron bedeutete dem Sturmfelser mit seiner Hand, dass er näher kommen solle. „ Als ich so jung war wie Ihr, habe ich einen orkischen Khurkach einmal mit bloßen Händen erwürgt, also stellt Euch nicht so an.“
‚Ihr seid es, der mich zu reizen versucht‘, ging es Gorfried durch den Kopf. Aber es war anderes, was er sagte.
„Ich stand schon in vielen Gefechten und weiß was der Kampf bringen kann. Ich ritt gegen ausgehungerte Bauern ebenso wie Knechte aus den schwarzen Landen oder Goblinbanditen. Doch nichts was mir dort abverlangt wurde, gilt für diesen Augenblick.“ Der Ritter steckte seine Klinge zurück in die Scheide. „Henna warnte mich, ehe wir ausritten, meine Worte mit Bedacht zu wählen. Mein Handeln mag meine Aussichten mindern, doch werde ich nicht beginnen, gegen meine Überzeugungen zu handeln, Hochgeboren. Ringt mit mir, kreuzt die Klingen oder seht auf andere Weise von welcher Qualität mein Holz ist. Doch ich werde Euch nicht einfach so angehen.“
Er blickte den Baron fragend an. Wenn er sein Test nicht bestanden hatte, dann war es so. Er und Henna hatten die anderen, die Heuchler, deren Überzeugungen nur leere Worte waren, immer kritisiert. Er würde jetzt nicht beginnen, ebenso zu handeln.
Andîlgarns Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, während er fassungslos seinen Kopf schüttelte.
„Soso Eure Überzeugungen. Sturmfels habt Ihr mir überhaupt zugehört?“ Polterte der alternde Baron los. In einer schnellen Bewegung, die ihm der Sturmfelser ob seines Alters gar nicht zugetraut hätte, zog er sein Schwert. Gorfried merkte dabei, dass der alternde Baron sein Schwert in der Scheide schon soweit gelockert hatte, dass es ihm bei dieser Entfernung ein Leichtes gewesen wäre einem Angriff seines Gegenübers zu begegnen.
„Ihr habt Recht, Sturmfels. Ich wollte Euch damit prüfen. Ich wollte sehen, ob Ihr bereit seid, für den wichtigsten Menschen in Eurem Leben, Eure eigene Ehre hinten anzustellen. Ihr wusstet wohl was ich von Euch verlange, habt es aber Eurer Ehre wegen trotzdem nicht gemacht, obwohl Ihr Euch darüber bewusst wart, dass Eure gemeinsame Zukunft mit meiner Tochter davon abhängt.“
Der Baron ließ seine Worte einen Moment lang wirken, dann wies er mit seinem Schwert auf Gorfried. „Habt Ihr wirklich geglaubt, dass ich mich von Euch erschlagen lasse – das ich mein Schwert nicht ziehen würde?“ Er schüttelte lachend den Kopf. „Nein Ihr hättet wahrhaftig besser daran getan, das zu tun um was ich Euch gebeten hatte. Lasst Euch von einem alten Mann etwas sagen; ich kämpfte an der Seite meines Vaters bereits an der Trollpforte gegen die Oger, im Gefolge Herzog Waldemars auf den Weiden Vallusas, im weidener Heerbann vor Ysilia und in den vielen Schlachten gegen die Orks. Und hätte ich nicht in jeder dieser Schlachten meine Überzeugungen verraten, ich würde heute nicht vor Euch stehen. Wie wollt Ihr meine Tochter schützen, wenn Euch ständig Eure Ehre im Weg sein wird? Und nun zieht!“
Beobachtet von einem noch unerkannten, neugierigen Augenpaar bewegte Andîlgarn sich mit gezogener Waffe einige Schritt auf Gorfried zu.
„Offenbar hören wir beide dem Gegenüber nicht recht zu“, erwiderte der Sturmfelser während er schon seine Klinge zog. „Wenn es darauf ankommt, weiß ich, was Schutz von Familie, Heim und Herd bedeuten. Dafür haben meine Eltern Sorge getragen.“
Gorfried behielt den Baron fest im Blick und achtete auf seine Bewegungen und die Umgebung. Wenn sie die Klingen kreuzten, dann wollte er gut vorbereitet sein.
„Doch meine Ansichten habe ich nie verraten. Meine Ehre stand mir nie im Weg und dennoch wusste ich in der Wildermark zu bestehen. Es war unser beider Ehre und Sicht auf die Dinge, die mich und Henna zusammenführte.“ Mit diesen Worten ging der Darpate zum Angriff über. Er wählte die ‚Finsterfelser Eröffnung‘, benannt nach einem der Ritter und Ausbilder an der Knappenschule. Mit dieser Finte wollte er vor allem sehen, wie agil der Baron im Kampf tatsächlich war.
Der Baron parierte den ersten Angriff und wich etwas zurück. „Warum versteht Ihr nicht, dass es nicht um Euch allein geht, Sturmfels?“
Er führte einen kraftvollen Hieb, den sein Gegenüber jedoch problemlos abwehren konnte. „Habt Ihr meine Worte von vorhin etwa wieder vergessen?“ Es folgte abermals ein kurzer Schlagabtausch.
„Meine Henna braucht eine starke Person an ihrer Seite. Eine Person, die einen Vorteil auszunutzen versteht, wenn sich einer bietet und kein Vorbild an Ritterlichkeit, das seinen Arsch „der Ehre wegen“ nicht hochbekommt.“
Nun schien das erste Geplänkel beendet. Die beiden Ritter entblößten ihre Zähne zu einem grimmigen Lächeln und drangen aufeinander ein. Neben dem durchdringenden Klirren der aufeinanderprallenden Schwerter war auch Andîlgarns Schnaufen am Kampfplatz deutlich zu vernehmen. Der Baron war zwar kein schlechter Kämpfer, doch war er auch nicht mehr der Jüngste. Lange würde er diesen Kampf auf Augenhöhe mit Sicherheit nicht durchstehen. Einige Minuten später, beide Kontrahenten hatten bereits einige Schnitte und Stiche davon getragen, durchschnitt eine weibliche Stimme die Luft.
„Vater!“ Rief sie. Nun beging Gorfried einen entscheidenden Fehler. Er blickte kurz auf. Diese Unachtsamkeit nutzte Andîlgarn dazu einen Angriff auf die Beine seines Gegenübers zu führen, der daraufhin strauchelte.
„Vater es ist Schluss!“ Rief dieselbe Stimme in nun schon fast hysterischer Stimmlage. Als er seine Tochter Gwidûhenna aus dem Wald laufen sah, ließ der Baron seine Waffe sinken und streckte dem Sturmfelser seine Hand entgegen.
„Seht Ihr, das meinte ich. Trotzdem versteht Ihr es zu kämpfen Sturmfels.“ Flüsterte er ihm zu. Die Baroness strafte ihren Vater mit einem bösen Blick und kümmerte sich sogleich um Gorfried. Sie trug eine eng geschnittene Lederkleidung mit Fellbesatz und kniehohe Reiterstiefel.
„Was soll das hier werden Vater? Und Gorfried sagte ich dir nicht, dass du deine Worte vorsichtig wählen solltest.“
Der so gescholtene hatte die Hand Andîlgarns gepackt und kam eben wieder auf die Beine. Er lächelte Henna zu, die sich sogleich um ihn kümmern wollte. „Es ist nicht geschehen. Hab keine Sorge.“
Gorfried fuhr sich durch das schweißnasse Gesicht. Wahrlich, der Baron verstand auch in seinem Alter noch immer die Klinge zu führen.
„Weder habe ich Deine Worte vergessen, Liebste, noch die Euren, Hochgeboren.“ Er steckte seine treue Klinge zurück in die Schwertscheide und blickte Henna liebevoll an. „Wie kann ich aber erwarten Deinen Vater von mir zu überzeugen, wenn ich mein wahres Inneres verberge? Ihr wollt wissen, ob ich hart genug bin, um auch unangenehme Entscheidung zu treffen?“ Sein Blick ruhte nun wieder auf Andîlgarn und er zeigte deutlich, dass er dieses Spiel leid war. „Ich habe mich in den letzten Jahren zurückziehen müssen Habe ein Dorf gegen ein anderes abwägen müssen, wenn es darum ging gegen Plünderer vorzugehen. Immer wieder musste ich harte Entscheidung treffen, wo rein rondrianische Ehre was anderes geboten hätte. Wie könnte man ansonsten im Herzen der Wildermark auch bestehen? Fragt meine Herrn, die Baronin und den Baron von Ochsenweide, wenn Ihr es mir nicht glauben wollt. Doch das hier“, Gorfried machte ein Geste die Lichtung und Baron einschloss, „ist ein Messen unter Rittern, fern der Schlacht gewesen. Hier gelten andere Maßstäbe.“
Er suchte Hennas Hände, um sie zwischen die Seinen zu nehmen und blickte ihr in die Augen. „Ich mag meine Aussichten geschmälert haben. Doch unausgesprochene Gedanken und Lügen sind ein schlechtes Fundament für das Haus Familie.“
„Vater…“ Rief Gwidûhenna empört aus und schüttelte verständnislos den Kopf. „…welches Recht gibst du dir ihn so zu behandeln?“
„Henna ich…“ Setzte der Angesprochene an, wurde aber sogleich wieder unterbrochen. „Ich habe es gehört Vater, aber Gorfried wird sich sehr gut um mich sorgen.“
Andîlgarn verzog einen Mundwinkel und blickte den Sturmfelser abschätzend an.
„Ich habe meine Entscheidung getroffen und werde Gorfried heiraten, ob du willst, oder nicht. Solltest du dich weiterhin dagegen stellen, werde ich auf den Titel als Baronin zugunsten meines Bruders verzichten. Ich habe nämlich erst unlängst gehört, dass er nun schon seit einigen Götterläufen im Dienst des Barons von Brachfelde stehen soll und sich zu einem ehrbaren Ritter entwickelt hat.“
Der Baron blickte seine Tochter hilflos an, man merkte, dass ihm das eben gesagte einen Stich versetzte.
„Andîlgarn, höre auf deine Tochter.“ Nun traten auch Travine und die Dienstritterin Algrid aus dem nahen Waldrand. Andîlgarn seufzte – diese drei Weiber waren ihnen tatsächlich gefolgt. „Quod Dea conjunxit homo non separat (bosp. Was die Göttin verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen).“ Tadelte die Geweihte ihren Bruder. „Die beiden haben sich gefunden, sie lieben einander und geben sich gegenseitig Halt und Wärme, wie es der Göttin wohl gefällt. Ich selbst habe mit der Dienstherrin Gorfrieds ein langes Gespräch geführt und sie hat nicht ein schlechtes Wort über ihn verloren – er stammt aus einer guten Familie und ging in der Finsternis der Wildermark durch eine harte Schule. Gib den beiden ihren Segen, denn die Göttin will es.“ Der Baron fühlte sich nun sichtlich in die Ecke gedrängt und blickte einige Momente vor sich hin.
„Nun denn, dann sei es so.“ Er ging zu seiner Tochter und nahm sie in seine Arme. „Ich gebe dir und Gorfried meinen Segen, auf dass Eure Nachkommen deine Schönheit und Gorfrieds Sturkopf besitzen.“ Er lächelte und nahm nun auch den Sturmfelser in seine Arme. „Also, dann ab dafür. Es gilt eine Hochzeit vorzubereiten.“
Gorfried war über den plötzlichen Auflauf auf der Lichtung zunächst etwas überrascht gewesen. Doch wich seine Überraschung schnell der Freude über die letzten Worte. Herzlich erwiderte er die Umarmung seines künftigen Schwiegervaters. Als sich beide lösten, reichte der Sturmfelser ihm seinen Schwertarm zum Kriegergruß. Leise, so das nur Andîlgarn ihn hören konnte, schwor er ihm.
„Bei den Zwölfen, ich werde Henna behüten und wenn es mich mein Leben kostet.“ Mit diesen Worten löste er sich von dem Baron. Vor Glück strahlend schloss Gorfried Gwidûhenna fest in seine Arme. Diesen Augenblick hatte er seit den Tagen seiner Knappenschaft herbeigesehnt.
Gorfried!
Ich hoffe es geht dir gut und die Baronin ist weiterhin sehr zufrieden mit dir. Bitte entschuldige meine späte Antwort auf deinen letzten Brief, aber es war mir einfach nicht möglich früher zu antworten. Hier bei uns in der Heldentrutz geht alles weiter wie bisher; der Winter war hart und forderte einige Menschenleben und auch Drache und Ork dräuen weiterhin unserem Land und machen uns allen das Leben schwer. Mein Vater überträgt mir zuhause mehr und mehr jedes Regierungsgeschäft, ja ich würde fast schon sagen, dass es nun schon an mir alleine liegt die Baronie zu führen. Im Ernst Gorfried, seit dem Tod meiner Mutter habe ich ihn nicht mehr so antriebslos erlebt – es scheint als würde ihn einzig der Ruf Rondras noch dazu bewegen, dass er einmal den Hag verlässt. Ich mache mir Sorgen um ihn.
Nun aber eigentlich wollte ich dir nicht nur schreiben um dir von meinem Sorgen zu erzählen, sondern auch um dir etwas mitzuteilen. Ich werde noch diesen Mond mit meiner Tante Travine und meiner neuen Leibritterin Algrid Blaubinge nach Rommilys zum Friedenskaiser Yulag-Tempel reisen und wollte dich in diesem Zusammenhang fragen, ob es nicht möglich wäre, dass du auch kommst. Wie lange haben wir uns schon nicht gesehen? Zehn Götterläufe? Ich hoffe innig, dass du kommst. Wir haben uns doch so viel zu erzählen. So uns die Götter wohlgesonnen sind werden wir zwischen dem 20. und dem 24. Praioslauf im Mond des göttlichen Phex in der „Darpatperle“ nächtigen.
Ich hoffe du kommst!
Deine Gwidûhenna
Rommilys, 21. Phex 1033 BF
Gwidûhenna von Gugelforst saß nun schon seit einigen Stundengläsern zusammen mit ihrer Tante Travine und ihrer Freundin und Leibritterin Algrid Blaubinge im Gastraum des Hotels Darpatperle. Sie trug ein schönes, eng geschnittenes Kleid aus weinrotem Stoff – ihre offen getragenen, rabenschwarzen Haare flossen ihre Schultern hinab wie flüssiges Metall. So wurden der lieblichen Baroness an diesem Abend so einige interessierte Blicke zugeworfen – Blicke, die Gwidûhenna jedoch nicht bemerkte, schenkte sie doch der Tür im Gastraum ihre gesamte Aufmerksamkeit. Einmal, als ein junger, blonder Recke eintrat, schreckte sie kurz hoch. Doch entspannte sie sich ebenso schnell wieder, als dieser näher kam und sie ihn allem Anschein nach nicht kannte.
„Was ist denn los Henna?“ Gwidûhenna schreckte, aus ihren Gedanken gerissen, hoch und blickte in das freundlich lächelnde, rundliche Gesicht ihrer Tante Travine. „Ach es ist nichts“, antwortete sie ihr. „Mir scheint du sitzt heute auf Nadeln mein Kind. Seit unserer Ankunft bist du so still und nicht einmal an deinem Met hast du genippt, obwohl du ihn sonst doch so gern hast. Sag Kind, ist dir nicht wohl?“ „Ach sage es ihr, Henna.“ Nun war es Algrid, die sich kauend zu Wort meldete und sich dafür von ihrer Freundin einen tadelnden Blick einfing. „Was soll sie mir sagen?“, hakte Travine neugierig nach, doch erhielt sie darauf keine Antwort mehr. Gwidûhenna blickte längst wieder zur Tür und schenkte dem Gespräch an ihrem Tisch keinerlei Beachtung mehr.
Gorfried hatte sich eilen müssen. Viel später als sie gewollt hatten, waren sie in Rommilys eingetroffen. Und auch wenn das Baronspaar von Ochsenweide ihn gerne einige Tage zur eigenen Verfügung schenkte, es hatte gedauert. Schnell hatte er sich gewaschen und die Rüstung gegen sein bestes Hemd getauscht. Darüber sein edles Wams aus Hirschleder mit dem Wappen seines Hauses über dem Herzen. Gefertigt aus dem kapitalen Hirsch, den er als Jagdmeister selbst geschossen hatte. Die Tage waren selten geworden, an denen er sich so kleidete.
Endlich an der Darpatperle angekommen, schlug er seinen Umhang zurück und straffte sich ein letztes Mal. Kurz richtete er den Gürtel mit seinem treuen Langschwert und dem Gürtelwappen der Stahlherzen. Ein letztes Mal fuhr er sich durch das kurze Haar. Zum Glück war es auf dem Weg hierher getrocknet. ,Travia, gib, dass sie mich überhaupt wieder erkennt’, sandte er noch ein kurzes Gebet zur gütigen Herrin, ehe er endlich die Tür zum Gastraum öffnete. Kaum eingetreten traf sein suchender Blick den Gwidûhennas. Wie immer wenn er nervös war, hatte er das Gefühl, dass die Narbe an seiner linken Schläfe zu pochen begann. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe er sich auf die Ausbildung an der Knappenschule besann und sich zum Tisch der Baroness und ihrer Begleiterinnen aufmachte.
Gwidûhenna blickte unschlüssig auf den eben eingetretenen, blonden Kämpen. Ein stattlicher Mann, ohne Zweifel und auch eine gewisse Ähnlichkeit zu Gorfried war ihm nicht abzusprechen, doch konnte sie nicht sicher sein ob er es denn wirklich war. Mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen versuchte sie Merkmale auszumachen, die ihr darüber Aufschluss geben konnten. „Diese Augen.“, dachte sie, als der Unbekannte näher an ihren Tisch herantrat und frohlockte innerlich. Gorfrieds dunkle, warme Augen waren ihr immer noch deutlich in Erinnerung.
Als wäre es gestern gewesen erinnerte sie sich von einem Herzschlag auf den anderen wieder an ihre gemeinsamen Abende in Rommilys. Sie waren damals beide noch sehr jung – er ein angehender Ritter aus der Knappenschule, sie zur Ausbildung am Grafenhof von Ochsenwasser – doch erfreute sie sich damals schon sehr an seiner Gegenwart. Gorfried war ihr in dieser Zeit in Rommilys nicht nur Gefährte, sondern auch ihr bester Freund gewesen.
Oft trafen sie sich am tulamidischen Basar oder am Kaiser Raul-Tor und erfreuten sich gegenseitig mit Gedichten, oder schlenderten Stundengläser lang einfach nur durch die Stadt. Die Zuneigung, die sie für einander empfanden verließ jedoch niemals die geistige Ebene. Während andere in ihrem Alter die Freuden Rahjas eingehend studierten, waren Gwidûhenna und Gorfried der Meinung, dass die Genüsse der schönen Göttin erst nach dem Traviabund, mit einem Menschen, der einem familiären Halt geben kann, erkundet gehören. Zu groß ist die Gefahr, dass man sich sonst in diesen Lehren verliert. Eigentlich wollte Gwidûhenna nach ihrer Ausbildung einige Jahre in Rommilys bleiben und mit Gorfried den Traviabund schließen, doch verhinderte das der unerwartete Tod ihrer Mutter. Durch dieses tragische Ereignis war Gwidûhenna als älteste Tochter Andîlgarns dazu angehalten die Aufgaben ihrer Mutter in der Baronie zu übernehmen. Als brave Tochter kam sie dieser Aufgabe nach und verlies Rommilys, war aber trotzdem darauf bedacht den Kontakt zu ihrem Liebsten zu halten.
Die Baroness wäre am liebsten freudig aufgesprungen und Gorfried entgegen gelaufen, doch besann sie sich noch rechtzeitig darauf die Etikette zu wahren. Ihre Augen begannen jedoch vor Freude zu leuchten und ihr bis dahin angespanntes Gesicht hellte sich schlagartig auf. Das entging auch ihrer Tante Travine nicht, die verwundert und mit offenem Mund den Blick Gwidûhennas verfolgte. Als Gorfried am Tisch ankam sprang die Baroness auf und nahm ihn in ihre Arme. „Bei der Gütigen. Du bist tatsächlich gekommen.“ Sprach sie, während ihr eine kleine Träne der Freude über die Wange kullerte.
Der Ritter war für einen Augenblick vollkommen überrascht von der überschwänglichen Begrüßung. Gorfried wusste nicht recht wie er reagieren sollte. Ewigkeiten hatte er diesen Tag herbei gesehnt und nun vergaß er alles, was er sich zu Recht gelegt hatte. Er hatte Angriffe aus Hinterhalten gegeben auf die der Sturmfelser souveräner reagiert hatte. Doch schnell hatte er sich gefangen. Das alles war jetzt unwichtig.
Freudig schloss er Gwidûhenna in seine Arme. „Kein Feind hätte mich davon abhalten können.“ Gebannt hatte er nur noch Augen für das Gesicht seiner großen Liebe.
"10 Jahre und mir fehlen die Worte“, stellte er schließlich lächelnd fest. „Jeden Brief habe ich freudig erwartet und sicher dutzende Male gelesen. Immer wenn ich jemanden aus Weiden traf, habe ich nach Neuigkeiten aus Weidenhag gefragt.“ Erneut schloss er die Baroness in seine Arme, ganz so als würde er befürchten, dass sie ihn so gleich wieder verlassen würde. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er seiner Liebsten ein Geschenk mitgebracht hatte.
„Beim göttlichen Herdfeuer, wo bin ich nur mit meinen Gedanken.“ Er löste sich etwas von der Weidenerin, um einen kleinen Hirschledernen Beutel hervorzuholen, den er in seiner Gürteltasche bewahrt hatte. „Schon vor vielen Jahren habe ich Dir dies in Zwerch gekauft, um es Dir bei unserem wiedersehen schenken zu können.“ Unsicher, ob Gwidûhenna der silberne Gänseanhänger mit den kleinen Saphirsplittern als Augen gefallen würde, überreichte er ihr den Beutel. Gebannt wartete er auf ihre Reaktion.
Die Baroness öffnete den Beutel mit flinken Fingern und begleitet von einem Lächeln. „Oh, es ist wunderschön. Hab dank Gorfried.“ Sprach Gwidûhenna nachdem sie mit ihren feingliedrigen Fingern über die fein nachmodellierten Züge der kleinen Gans strich und wandte sich zu ihren beiden Begleiterinnen um, die die Szenerie mit verwunderten Gesichtern verfolgten.
„Seht nur.“ Fuhr sie fort und zeigte Ihnen den Anhänger. Das nahe Licht ließ die Saphiraugen der Gans funkeln. „Es ist wunderschön, nicht wahr?“ Erst jetzt bemerkte die Baroness die Verwunderung im Blick ihrer Tante. Geistesgegenwärtig wischte sie sich eine Träne aus ihrem Gesicht und versuchte mit abschätzendem Blick zu erkennen, wie es um die Gemütslage Travines bestellt war. Doch war ihrem Blick, der in den letzten Momenten zwischen ihr und Gorfried hin und her wanderte, nichts zu entnehmen.
Als Vorsteherin des Traviatempels im Dorf Weidenhag und Verwalterin des Baronsitzes übernahm sie in der Vergangenheit auch die Erziehung der Kinder des Barons. Sie ist ein gütiger und netter Mensch, doch wenn Gwidûhenna an ihre Predigten über Züchtigkeit und Keuschheit dachte überkommt sie noch heute ein kalter Schauder. Sie wusste nicht wie Travine auf diese offen zur Schau gestellte Zuneigung von unverheirateten Menschen reagierte. Gwidûhennas richtete ihren Blick auf ihre Freundin Algrid, die ihr Grinsen hinter einem Krug Bier versteckte. Die Baroness seufzte innerlich – von Algrid hatte sie also keine Hilfe zu erwarten.
„Setzt Euch…Beide…“ Nun erhob Travine ihr Wort. Ihre Stimme war streng und schnitt durch die Luft wie ein glühendes Schwert durch Schafskäse. Sie deutet auf den Stuhl, der ihr gegenüber stand. „Setzt Euch…“ Sie blickte den Sturmfelser fragend an. „…Gorfried, richtig?“ Ohne eine Antwort abzuwarten setzte sie nach. „Nun da es meine Nichte nicht für nötig empfindet Euch vorzustellen, bitte ich Euch nun darum dies nachzuholen...“ Nach einer kurzen Pause, in welcher ihr Blick auf Gwidûhenna fiel, die nervös mit einer Haarsträhne spielte, fuhr die Geweihte fort. „…Und seid doch bitte so gut und klärt mich über das eben Geschehene auf.“
Rommilys, 21. Phex 1033 BF
Erst jetzt wurden Gorfried die Begleiterinnen der Baroness wieder vollkommen bewusst. Hatte er heute denn alles vergessen, was er selbst den Knappen am Baronshof in Ochsenweide stets einbläute? Er straffte sich und verbeugte sich vor der Geweihten.
„Gorfried Barnhelm Firunian von Sturmfels, Hochwürden. Dienstritter und Jagdmeister am Hofe des Baronspaares zu Ochsenweide.“ Mit einem Nicken in Richtung der Ritterin, grüßte er auch die Blaubingerin. Erst nachdem sich Gwidûhenna gesetzt hatte, setze er sich schließlich auch an den Tisch.
„Ich bitte Euer Hochwürden, unser Verhalten zu entschuldigen“, der Sturmfelser unterdrückte seinen Impuls bei diesen Worten zu seiner Liebsten zu blicken. „Ich habe die Baroness seit den Tagen meiner Knappenschaft nicht mehr gesehen. Schon damals verband uns ein inniges Band der Freundschaft. Doch wo sich so mancher an der Knappenschule Rahja hingab“, seine Stimme gewann dabei an Schärfe, konnte er so etwas doch noch immer nicht recht verstehen. „Bestand zwischen uns stets die feste Überzeugung, dass dies allein dem Bund vor der Gütigen Herrin vorbehalten bleiben sollte. Da uns schon damals die Liebe zur Gütigen Herrin verband, wollte ich Eurer Nichte bei unserem Wiedersehen ein Geschenk machen, dass unsere Freundschaft ehrt.“ Er blickte zu Gwidûhenna. „Doch bei all der Freude vergaß ich gänzlich, was die Etikette und das rechte benehmen sind. Wäre ich noch der Knappe von einst, wäre dies wohl zu entschuldigen. Doch nunmehr führe ich andere mit ins Feld. Bilde selbst Knappen aus und müsste es besser wissen.“
Travine verfolgte die Ausführungen des Sturmfelsers mit unbewegter Miene. Einzig bei seinem Bericht über rahjianische Umtriebe in der damaligen Knappenschule verzog sie kurz einen Mundwinkel. Nachdem Gorfried geendet hatte, wandte sich die Geweihte zu Gwidûhenna um und blickte nun sie fordernd an. Travines Brauen waren dabei noch immer streng gesenkt. Die Baroness wollte ihrer Tante etwas entgegnen, doch dann schien sie es sich anders zu überlegen und setzte stattdessen den Holzbecher mit dem erkalteten Met an ihre schönen, edel geschwungenen Lippen.
„Nun denn Gorfried.“ Sprach die Geweihte wieder an den Ritter gewandt. Ihre Stimme hatte inzwischen etwas an Schärfe verloren, war aber immer als streng zu erkennen. „Es freut mich jemanden kennen zu lernen, dem meine Nichte ähnlich wichtig ist wie mir selbst. Ihr müsst wissen, Gwidûhenna war mir stets wie eine eigene Tochter und wie eine eigene Tochter habe und werde ich sie immer behüten.“
„Deine Sorge ist unbegründet Tante…“ Nach einer Pause, in welcher sich Schweigen über den Tisch gelegt hatte, ergriff nun die Baroness das Wort. „Gorfried und ich haben uns noch als halbe Kinder kennen und schätzen gelernt.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Du musst wissen die erste Zeit in Rommilys, nachdem mich Geppert an den Grafenhof schickte, waren nicht leicht für mich. Weit fern der Heimat und dabei war ich doch noch fast ein Kind. Doch dann lernte ich Gorfried kennen…“ Sie wandte sich zum Sturmfelser um und schenkte ihm ein Lächeln. „…er war immer für mich da und hat mich beschützt. Er ist ein sehr frommer Mann und wie er bereits sagte zeigten wir uns unser Empfinden füreinander nicht durch körperliche Liebe.“ Von neuem legte sich kurz Schweigen über die Runde. Nach einigen Momenten war es wieder Gwidûhenna, die das Wort ergriff. „Ich wollte nach meiner Ausbildung mit ihm den Bund vor Travia schließen und einige Zeit in Rommilys bleiben, doch kam Mutters Tod…“, sie stockte. „…nun ja ich wurde in Weidenhag gebraucht und Gorfried hielt es erst am Grafenhof in Rommilys und in weiterer Folge am Hofe der Baronie Ochsenweide, wo er die Aufgaben seiner verstorbenen Tante übernahm. So blieb uns nur das Schreiben von Briefen und die Hoffnung auf einen Zufall, der uns die Möglichkeit auf ein Widersehen gibt…“
Ein verstohlenes Lächeln huschte über Travines Züge und es schien, als wäre von einem Moment auf den Anderen alle Strenge aus ihrem Gesicht verschwunden. „Und Gorfried?“ Die Geweihte wandte sich lächelnd an den Ritter. „Ich nehme an Ihr empfindet genauso wie meine Henna?“
„Natürlich“, ohne zu zögern kam Gorfrieds Antwort. „Nie hätte ich unser Schicksal verflucht, doch seit jenen Tagen sehne ich mich nach Eurer Nichte. Oft war ich kurz davor, mein Pferd zu satteln und nach Weidenhag zu reiten.“ Der Ritter schaute etwas betroffen auf den Tisch. „Aber ich konnte meine Heimat doch nicht in diesen dunklen Zeiten einfach verlassen und meine Pflichten vernachlässigen.“ Er blickte die Geweihte fragend an. Vielleicht wusste sie ja Rat. Seine Mutter hatte er damit nie belasten wollen, hatte sie doch in diesen Tagen ganz andere sorgen.
Travine tippte sich nachdenklich mit ihrem Zeigefinger auf das Kinn. „Gorfried es ehrt Euch, dass Ihr Eure Pflichten über Euer Glück stellt. Es gibt leider zu viele Menschen auf Dere, die hierbei Frau Rahja den Vorzug geben und auf Treue, sowie Pflichtbewusstsein gegenüber der eigenen Familie verzichtet hätten.“ Sie blickte dem Sturmfelser tief in seine Augen. „Die Familie hat ihren Ursprung in derselben Liebe, mit der die Herrin Travia jeden einzelnen Menschen bedacht hat. Fehlt diese Familie, so entsteht eine schmerzhafte und bedenkliche Lücke, die in der Folge auf dem ganzen Leben lasten wird. Der Mensch sollte seine Familie nur verlassen um in einem neuen Familienkern die eigene Lebensberufung zu verwirklichen und nicht ob einem kurzen Vergnügen nachzuhängen, so wie es viele Anhänger der Herrin Rahja tun.“ Die Geweihte nickte ernst. „Ihr seht also Gorfried, sowohl Ihr, als auch meine Henna habt Euch damals richtig entschieden und seid Euren Familien beigestanden, als diese Euch brauchten.“
Travines Blick ging erwartungsvoll lächelnd zwischen Gorfried und Gwidûhenna hin und her. „Und wenn ihr beiden euch dazu entschlossen habt eine eigene Familie zu gründen, dann könnt ihr euch meiner Unterstützung sicher sein.“ Sie blickte zu ihrer Nichte. „Dir Henna helfe ich, es deinem Vater beizubringen und…“, ihr Blick fiel auf den Sturmfelser. „…für Euch Gorfried werde ich beim Baronspaar vorsprechen, sofern Ihr dies wünscht.“
„Ihr meint“, weiter sprach der Sturmfelser nicht, hatte er doch erst einmal nur Augen für Henna. Würden sie nun endliche den Traviabund schließen können? „Ich, ich danke Euch von Herzen, Hochwürden.“ Erst langsam konnte er sich wieder auf das konzentrieren, was nun zu tun wäre. „Mit meiner Herrin und Herrn spreche ich am besten zunächst selbst. Nur“, er kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Meine Mutter, bei ihr wünschte ich mir Hilfe, Hochwürden.“ Er wusste nicht wie sie reagieren würde und würde eine Schwester ihrer Kirche hier nicht helfen können?
„Du musst wissen, seine Mutter ist auch eine Geweihte der hohen Frouwe Travia.“ Warf nun die Baroness ein. Ihre tiefen blauen Augen begannen in den letzten Momenten zu leuchten wie der Pandlarin beim Aufgang des Praiosmales.
„So?“ Interessiert lehnte sich Travine, die die Reaktion Gorfrieds lächelnd zu Erkenntnis nahm, nach vorn. „Nun denn, wenn Ihr es wünscht werde ich mit ihr sprechen. Natürlich nur, wenn du Henna das auch möchtest.“ Dabei wandte sich die Geweihte wieder ihrer Nichte zu und blickte sie fordernd an.
„Natürlich möchte ich Gorfried heiraten…“ Erwiderte diese etwas lauter, als gewollt. „Doch Vater…“
„Dein Vater ist wie er ist.“, fuhr Travine dazwischen. „…du weißt doch wie sehr er dich liebt. Weißt du, er sagte mir immer schon wie sehr du doch deiner Mutter ähnelst und das nicht nur äußerlich.“ Die Geweihte strich Gwidûhenna zärtlich eine rabenschwarze Haarsträhne aus ihrem ebenmäßigen Gesicht. “Und du weißt, wie sehr er deine Mutter geliebt hat.“ Lächelnd ließ sie ihren Blick über die am Tisch anwesenden schweifen. „Deshalb sorge dich nicht mein Kind. Dein Vater will einzig und allein, dass du glücklich bist. Es käme ihm nie in den Sinn, dir einen Partner aufzuzwingen, wie er das bei deiner Schwester Ullgrein tat. Ich weiß gar nicht wie viele Werber um dich er schon vom Hag gejagt hat.“
In mildem, beinahe mütterlichem Ton fuhr Travine an den Sturmfelser gerichtet fort. „Gorfried erzählt mir etwas über Euch und Eure Familie. Gwidûhenna hat mich, was Euch betrifft bisher ja gänzlich im Unklaren gelassen.“
Das Herz des Ritters hatte einen gewaltigen Sprung gemacht. Henna wollte mit ihm noch immer den Traviabund eingehen. Freudig strahlte er sie an und musste sich erst selbst daran erinnern, dass ihre Tante ihm so eben eine Frage gestellt hatte.
„Ich entstamme dem älteren, darpatischen Zweig des Hauses Sturmfels. In der Landmark Wehrheim auf dem Jagdgut Jagdwall liegen unseren Wurzeln. Dem ersten der Jagdgüter des Hauses Rabenmund, denen wir durch die Jahrhunderte treu dienen.“ Kurz legte sich ein Schatten auf sein Gesicht. Schmerzte es ihn doch jedes Mal, wenn er daran denken musste, dass das Gut hatte geräumt werden müssen. „Auch wenn ich in Rommilys geboren wurde, so war ich doch oft genug dort. Mit meinen Basen und Vettern habe ich unzählige Stunden in den Wäldern verbracht.“
Mit zunehmender Begeisterung begann er von seinen Wurzeln und seiner Jugend zu erzählen. „Mein Vetter Gerin, Oberhaupt unserer Hauses und fürstlicher Jagdmeister, brachte mir selbst das Jagen bei. Sei es mit dem Bogen, Speer oder den Falken, für die wir weit über die Grenzen bekannt sind. Die meiste Zeit verbrachte ich jedoch hier in Rommilys, wo meine Mutter der gütigen Herrin diente. Sie entstammt einem garetischen Rittergeschlecht. Mein Vater diente in der Reichsarmee und war oft in der Ferne. Er musste sogar ein Jahr auf Maraskan dienen.“ Allein bei dem Gedanken daran schauderte Gorfried. Er wusste es noch genau. Hätte sein Vater nicht das Fieber bekommen, er hätte wohl länger dort dienen müssen.
„Nachdem ich beim Grafen von Ochsenwasser meinen Dienst als Page geleistet habe, bin ich dann an die Knappenschule.“ Erneut suchte er den Blick der Baroness. „Damals habe ich auch Henna kennen gelernt. Sie begleitete den Grafen oft mit zum Hof, wo wir unseren Dienst taten. Was danach folgte ist schnell erzählt. Mein Vater fiel in den ersten Wochen der Invasion in Tobrien. Ich selbst diente nach meinem Ritterschlag als Dienstritter des Grafen. Als dann meine Base, die Schwester meines Vaters, fiel, trat ich ihre Nachfolge in Ochsenweide an. Sie diente dort als Ritterin und Jagdmeisterin. Meine Mutter war schon zuvor als Hofgweihte dorthin entsandt worden.“
„Ich bin Euch zutiefst dankbar, dass Ihr mir ihr sprechen wollt, Hochwürden. Ich will sie nicht verletzen und gegen meine Pflichten als Sohn verstoßen. Ismena dient im Gefolge des Barons von Bröcklingen. Oshelm zieht als Bruder für die Herrin Travia durch den Kosch.“
Travine schüttelte energisch den Kopf. „Warum solltet Ihr Eure Pflichten als Sohn verletzen? Nur weil Ihr etwas tut, das sich die gütige Mutter für jeden Menschen wünscht? Ein jeder von uns, die wir auf Derens Antlitz wandeln entwickelt mit der Zeit eine tiefe Sehnsucht nach einem Partner, der einem beisteht in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist der Wille der Herrin, dass Ihr mit einer Frau den heiligen Bund schließt, Euch gegenseitig Wärme und Geborgenheit schenkt und Kinder zeugt.“
Die Geweihte lächelte dem Paar kurz zu, dann fuhr sie in ihrer Rede fort. „Ich werde mit Eurer Mutter sprechen, obwohl ich denke, dass es nicht nötig sein wird sie davon zu überzeugen. Meine Henna ist ein gutes Kind, sie wird mit Sicherheit einmal eine fabelhafte Baronin und Mutter.“ Einige Herzschläge lang schien es als wolle sie hier enden, dann hob Travine doch noch einmal an zu sprechen. „Wann müsst Ihr wieder nach Ochsenweide zurückkehren Gorfried? Ich habe noch zwei Praiosläufe hier in Rommilys zu tun, dann würde ich Euch zu Eurer Mutter begleiten und Ihr uns dann hoffentlich nach Weidenhag, wo wir eure Verlobung offiziell machen können. Natürlich nur, wenn das in euer beider Interesse ist…“
„Der Baron und die Baronin haben in Rommilys noch einiges zu besprechen, Hochwürden. Morgen empfängt sie das erhabene Paar, dann kann ich es genauer sagen.“ Gorfried dachte kurz nach. „Mein Herr wollte dann auch das Oberhaupt seines Hauses in Hallingen aufsuchen. Der Zusammenhalt des Familie ist in diesen Tagen wichtiger denn je.“ Bei diesen Worten lächelte er seine Henna an. Bald würden auch sie eine solche Familie sein. „Mit Glück können wir zusammen nach Ochsenweide und von dort dann über Hallingen nach Weiden reisen.“
Erst jetzt fiel ihm wieder etwas ein, was die Weidenhager interessieren dürfte. „Henna, Du wirst in ihrer Hochgeboren eine interessante Gesprächspartnerin finden. Sie hat in Beilunk das Seminar besucht und dann in der Kanzlei der Grafschaft Ochsenwasser gedient.“
Gwidûhenna blickte einige Momente sinnierend vor sich auf die Tischplatte. "Herrin Beergard. Ja ich erinnere mich an sie. Eine hübsche, liebenswürdige und sehr fromme Frau, umso erschütternder waren für mich damals die Ereignisse am 29. Hesinde 1022 BF..." Die Baroness schüttelte den Kopf. "...Die Herrin gib, dass uns solche Ungeheuerlichkeiten in Zukunft erspart bleiben. Aufgabe des Adels ist der Schutz ihrer Anbefohlenen und nicht das Einschlagen von Köpfen anderer Adeliger..." Gwidûhenna lächelte bitter, wurde dann jedoch von Travine unterbrochen. "Gerne werden wir Euch begleiten Gorfried...", versuchte diese nun das Gespräch wieder einem etwas erfreulicherem Thema zuzuwenden, "...wenn Euer Herr und Eure Herrin damit einverstanden sind und Ihr versprecht uns in weiterer Folge nach Weidenhag zu begleiten."
Der Hag, Baronie Weidenhag, Anfang Peraine 1033 BF
Travine seufzte erleichtert als sie die Große Halle des Hags betrat. Der Amtssitz der Weidenhager Barone war eigentlich nicht mehr als ein befestigtes Rittergut außerhalb des Dorfes Weidenhag direkt am Hagweg gelegen, doch glich das Gebäude mehr einem Bienenstock als einem Sitz der Herrschaft.A Wie immer, mit Ausnahme der strengen Wintermonde, war die Halle mit viel Volk besetzt, denn der Hag war bekannt dafür, dass er Reisenden, ob von Stand oder nicht, Gastung gewährte. Da es im Dorf selbst kein Gasthaus gab, war der Baronsitz hier in der Gegend sogar die einzige Möglichkeit für Reisende auf dem Hagweg eine Bleibe für die Nacht zu bekommen. Doch auch der einzige Traviatempel der Baronie befand sich innerhalb der schützenden Mauern des Hags.
So wunderte es nicht, dass die Halle des Barons mehr einer gemütlichen Taverne glich. Travine sog scharf Luft ein und wandte sich lächelnd zu Gorfried um. Die Luft war geschwängert vom Duft nach frischem Brot und Bier, zwei Mägde nahmen Bestellungen auf und servierten den Gästen gegen ein geringes Entgelt einfache Speis und Trank. In der Halle befanden sich rechter und linker Hand der kleinen Gruppe zwei lange Tische mit einfachen Sitzbänken, der Baron selbst saß an einem mächtigen Tisch auf einem erhöhten Podest in einem schweren Eichenstuhl und ließ sich von seinen vielen Gästen Geschichten erzählen. Als er sich der Neuankömmlinge gewahr wurde erhob er sich und bedeutete ihnen zu ihm zu kommen.
Travine war zufrieden mit sich selbst. Das Gespräch mit Gorfrieds Mutter in Ochsenweide verlief zufriedenstellend. Zwar war sie nicht sehr erfreut darüber, dass es ihren Sohn fort von ihr in die Heldentrutz zieht, doch war die hochadelige Gwidûhenna mit Sicherheit keine schlechte Partie. Auch wenn es „nur“ eine trutzer Baroness war, so floss doch darpatisches Blut durch ihre Adern und auch ihre Familie besaß innerhalb der darpatischen Marken einen makellosen Ruf. Nun galt es noch ihren Bruder zu überzeugen und es war der Geweihten klar, dass diesmal nicht ein paar Flaschen Rotwein reichen würden um seine Zustimmung zu bekommen, wie das bei Ullgrein der Fall war.
Innerlich hoffte sie das, was sie Henna und Gorfried in Rommilys gesagt hatte. Nämlich, dass Andîlgarn schon alleine deshalb zustimmen würde, weil er seine liebste Tochter glücklich sehen will. Ein kalter Schauder überkam Travine als sie daran dachte, welchen Aufstand ihr Bruder bei der Vermählung ihrer Schwester Holdwiep mit Wulfhart von Keilholtz ä.H. veranstaltete. Damals war es ihr erst nach langer Zeit und viel gutem Zureden möglich, ihn davon zu überzeugen sie gehen zu lassen.
„Henna mein Kind und Travine…“ Andîlgarn schloss die beiden freudig in seine Arme. Der Baron von Weidenhag war ein stattlicher Mann mit einem beachtlichen Körperumfang. Letzteres ist vor allem darauf zurückzuführen, dass der alternde Baron seine Zeit inzwischen lieber bei gutem Essen mit Gefolge und Gästen, als bei Waffenübungen verbringt. „…lasst mich euch beide ansehen. Wie ist es euch in Rommilys ergangen?“ Ohne eine Antwort der beiden Frauen abzuwarten, fuhr er mit einer einladenden Handbewegung fort. „ Ach setzt euch einfach zu mir und erzählt es mir…“ Erst einige Herzschläge danach schien der Baron Gorfried zu bemerken. „…auch Ihr sollt mein Gast sein hoher Herr. Setzt Euch, stellt Euch vor und lässt Euch von den Mägden Speis und Trank bringen.“
„Ich danke Euch Hochgeboren. Möge die Herdmutter stets über Euer Heim und Herd wachen“, der Sturmfelser verbeugte sie leicht in Richtung des Barons. Das war also der Vater seiner geliebten Henna.
Mehr als einmal auf ihrer Reise hatte er überlegt, wie er vor ihn treten würde. Mit seiner Mutter war es deutlich einfacher gewesen, als er sich selbst eingeredet hatte. Und auch das Baronspaar hatte ihn freudig entlassen, als er sie ersucht hatte. Die Reise über hatten sich die Baronin und Henna gut verstanden und auch der Weg nach Hallingen war sehr angenehm verlaufen. Seine Hochgeboren hatte ihm gar so manch guten Rat mit auf dem Weg gegeben. ‚Unser Bund stand unter keinem guten Stern, Gorfried. Nicht Liebe sondern die Räson unserer Häuser führte uns zusammen und doch erwuchs gutes daraus. Wie soll es dann erst bei Euch sein.’ Das hatte er ihm erzählt und es stimmte. Er konnte sich kaum mehr wünschen als das, was er in Ochsenweide am Hof beobachten durfte. Doch nun galt es, seine Hochgeboren Andîlgarn zu überzeugen, dass er der richtige für seine Erbin war.
„Gorfried von Sturmfels, aus der Grafschaft Wehrheim, Euer Hochgeboren.“ Neugierig blickte er zur Tante Hennas. Sie hatte ihnen ihre Unterstützung zugesagt. Doch wollte er auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
„Soso. Nun dann seid mir willkommen Gorfried von Sturmfels aus der Grafschaft Wehrheim.“ Der Baron lehnte sich entspannt in seinem Eichenstuhl zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Reise und…ach ich vergaß…“
Er deutete auf die beiden Frauen am Tisch. „Die beiden hübschen Damen am Tisch sind meine Schwester, Hochwürden Travine und meine Tochter und Erbin Gwidûhenna.“
„Er kennt uns Vater. Wir kamen zusammen.“ Warf nun die Baroness ein und versteckte ihr Schmunzeln indem sie einen plötzlichen Husten vortäuschte.
„Ja er ist ein alter Freund deiner Tochter.“ Ergänzte darauf hin Travine, die Gorfrieds neugierigen Blick registriert hatte, nicht weniger amüsiert. Gerne hätte sie ihren Bruder bereits jetzt den Grund für Gorfrieds Kommen direkt ins Gesicht gesagt, doch kannte sie ihren Bruder. Es wäre mit Sicherheit besser wenn der Sturmfelser selbst vor dem Baron um die Hand der Baroness bat. Deshalb beschränkte sie sich darauf Gorfried aufmunternd zuzunicken.
„Rondra, Donner und Blitz…“ Rief der Baron überrascht aus. „Warum sagt ihr mir das denn nicht gleich. Das ihr drei hier gemeinsam in meine Halle spaziert heißt ja nicht, dass ihr schon gemeinsam angereist seid.“ Nach einem freundschaftlichen Klaps auf Gorfrieds Schulter fuhr er fort. „Doch sprecht Gorfried, wie komme ich denn zu der Ehre Eures Besuchs. Die Heldentrutz ist dieser Tage ja nicht besonders einladend und Ihr werdet den weiten Weg aus Darpatien ja nicht einfach mal so auf Euch genommen haben um den alten Vater einer alten Freundin zu besuchen, oder?“
„Weit einladender als es meine Heimat in diesen Tagen oft ist, Hochgeboren.“ Konnte der Sturmfelser sich nicht verkneifen. Doch dies waren weder der Ort, noch die Zeit um sich düsteren Gedanken hinzugeben. „Auch aus diesem Grund begleitete ich die beiden. Doch Ihr habt ganz Recht, ich trete nicht ohne Grund in Eure Halle.“ Er blickte den Baron entschlossen an. „Schon als Knappe in Rommilys habe ich mein Herz an Eure Tochter verloren, Hochgeboren. Um Euch um Ihre Hand für den Traviabund zu bitten, trete ich vor Euch.“
Seine Augen suchten den Blick Hennas. „Ich kann Euch kaum mehr bieten, als den stolzen Namen Sturmfels und meinen guten Leumund. Seit ich Eure Halle betrat, fürchte ich, dass dies zu wenig für den größten Schatz Weidenhags ist.“
Andîlgarn nahm einen großen Schluck aus seinem Bierkrug. Nachdem er seinen Mund mit dem Ärmel seines Hemdes gesäubert hatte, wanderte sein Blick musternd zwischen seiner Tochter und dem Sturmfelser hin und her.
„Ich handle meine Tochter nicht wie einen Sack Erdäpfel auf dem Jammer, Sturmfels. Es ist mir gleich was Ihr zu bieten habt. Wichtig ist nur, dass meine Henna glücklich ist…“
„Ja Vater das bin ich sogar sehr.“ Warf die Baroness ein und erntete dafür einen ermahnenden Blick ihres Vaters. „Das Euch meine Schwester, der Euer Ansinnen anscheinend bekannt war, mit hierher in meine Halle genommen hat zeigt mir, dass Ihr ein frommer und anständiger Mann seid. Sie kennt mich und weiß was ich von einem Menschen verlange.“
Andîlgarn erhob sich ächzend aus seinem Stuhl. „Doch werde ich auch einen Gehörnten tun und die Hand meiner Tochter einem mir Wildfremden gewähren.“ Der Baron bedeutete Algrid Blaubinge mit einer einfachen Handbewegung, dass sie zu ihm kommen möge.
„Euer Hochgeboren, Ihr wünscht?“ „Algrid sei doch bitte so gut und lass mein Pferd vorbereiten.“ Gehorsam und mit schnellem Schritt entfernte sich die Jungritterin und gab den Wunsch seiner Hochgeboren an einen Knecht weiter. Noch bevor jemand anderer am Tisch zu Wort gekommen war, blickte der Baron fordernd zu Gorfried.
„Ich hoffe Ihr liebt die Jagd Sturmfels, denn es wird Zeit, dass wir uns einmal unter vier Augen unterhalten.“
Er hatte schon mit einem Messen mit der Lanze oder ähnlichem gerechnet, doch eine Jagd hatte er nicht erwartet. „Wenig lieben die Jagdwaller mehr, Hochgeboren.“ Erwiderte er noch immer etwas überrascht und mit einem schnellen Blick zu Henna. „Die Baroness erzählte mir mehr als einmal von den Jagdgründen Weidenhags.“ Als Jagdmeister Ochsenweides hatte er sein Handwerk verstanden, doch waren Übermut und Selbstgefälligkeit nie gute Berater. „Verfügt über mich.“
„Nun denn, dann sei es so.“ Entgegnete ihm Andîlgarn. „Wartet beim Stall auf mich und lasst Euch von Gumbold einen Bogen geben. Ich werde mich noch umkleiden und dann zu Euch stoßen.“ Der Baron wandte sich um und verließ in gemächlichem Schritt die Halle. Einige Schritt hinter ihm trotteten lustlos die beiden Jagdhunde des Barons nach, die er mit einem Pfiff zu sich rief.
„Sei vorsichtig Gorfried und bedenke deine Worte, bevor du sie aussprichst. Den letzten Werber um mich, der ihm nicht gefiel, hat Vater eigenhändig vom Hof gejagt.“ Sorgte sich Gwidûhenna um ihren Liebsten und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ich werde Deine Worte wohl bedenken, Liebste.“ Doch nun würde er den Baron überraschen. Er würde ihn mit seinem eigenen, treuen Jagdbogen und Jagdmesser erwarten. Beides hatte er von seinen Verwandten in Jagdwall erhalten und beides hielt er in Ehren.
Die Jagd, Baronie Weidenhag, am selben Tag
So machten sich der Baron und Gorfried in Begleitung des Barönlichen Wildhüters und einem Jäger, der die beiden Windhunde führte auf in Richtung eines gut 5 Meilen entfernten Waldstückes. Die Stimmung in der kleinen Gruppe war nicht gerade herzlich zu nennen. Andîlgarn stellte dem Sturmfelser kurze Fragen und erwartete ebenso kurze und präzise Antworten. Dauerte ihm eine Ausführung Gorfrieds zu lange, unterbrach er ihn und stellte eine neue Frage.
So ließ sich der alternde Baron Gorfrieds Lebensgeschichte erzählen, sein Heranwachsen, seine Ausbildung in Rommilys, seinen Dienst beim Grafen von Ochsenwasser und sein jetziges Leben als Dienstritter des Baronspaares von Ochsenweide. Auch bei Erzählungen über die Familie des Sturmfelsers hakte der Baron des Öfteren nach und ließ sich einige Sachen sogar doppelt erzählen.
Im Wald angekommen erteilte Andîlgarn Anweisungen an die beiden Jäger. Er hatte für seinen jungen Gast ein ganz besonderes Tier im Sinn, auf dessen Spur er und seine Jäger erst vor wenigen Tagen bei einer Vorsuche gestoßen waren. Eigentlich wollte er den mächtigen Zwölfender für den nächsten Besuch des Grafen aufsparen, doch schien ihn dieser Anlass besser gewählt.
Der Hirsch war ein mächtiges, doch trotzdem sehr scheues Tier. Trotzdem gelang es den beiden Hetzern des Barons nach einiger Wartezeit den Hirsch vor die Bögen der beiden Adeligen zu treiben. Es war eine offen gestaltete Jagd, dem Herrn Firun zum Wohlgefallen. Hunde und barönliche Jagdknechte trieben ihn so, dass ihm auch der Weg zur Flucht offen stand. Beute und Jäger mussten sich messen, so wollten es die Gebote Firuns. So war es auch für Andîlgarn und Gorfried eine rechte Herausforderung den Hirschen zu begegnen, ohne das er sie zuvor entdeckt. Beide hatten nur einen Schuss, würden sie nicht treffen, wäre der Hirsch an diesem Tage Sieger.
Als Gastgeber gab Andîlgarn seinem Gast das Tier zum Abschuss frei, der es auch auf Anhieb traf. Es war ein wohl gesetzter Schuss aufs Blatt, der den Hirsch auf Anhieb niederstreckte. Der Baron quittierte diesen Treffer mit einem anerkennenden Kopfnicken. Während die beiden Jagdgehilfen den toten Körper des Zwölfenders bargen, schlug der Baron eine Rast in seiner nahegelegenen Jagdhütte vor. Dort angekommen bat er den Sturmfelser um ein Gespräch unter vier Augen.
„Ihr müsst wissen…“, sprach der Baron als er sich sichtlich erschöpft auf eine Holzbank fallen ließ, „…ich wusste bereits als Ihr Euch zu mir auf den Tisch gesetzt habt, was der Grund für Euren Besuch war.“ Den fragenden Blick seines Gegenübers quittierte Andîlgarn mit einem leisen Lachen. „Ja sogar ein mit Blindheit geschlagener hätte vernommen wie Ihr und Henna Euch gegenseitig anseht. Ihr dürft mich nicht falsch verstehen, Sturmfels, ich freue mich, dass meine Tochter jemanden gefunden hat, der sie glücklich macht.“
Der Baron nestelte eine kleine Flasche aus einer Tasche, entkorkte sie mit seinen Zähnen und nahm einen kräftigen Schluck daraus. „Und dass sie glücklich ist merkt man sehr deutlich, lächelt sie in Eurer Gegenwart doch ständig von einem Ohr bis zum anderen.“ Abermals verzogen sich die Lippen des Barons zu einem Lächeln. „Doch will ich als ihr Vater natürlich auch nur ihr Bestes. Ihr müsst wissen meine Henna hat es hier in Weiden nicht leicht. Beinahe alle Hochadeligen durchliefen in ihrer Ausbildung eine Knappenschaft – ja es ist beinahe selbstverständlich, dass Erstgeborene des Hochadels erst ihre Schwertleite erhalten müssen, bevor sie überhaupt „fähig“ dazu sind eine Baronie zu führen.“ Andîlgarn hielt kurz inne und nahm abermals einen Schluck aus seiner Flasche.
„Autorität ernten jene, die Schutz zu bieten wissen, sagen uns die Geweihten Rondras, doch meine Henna war nie eine fürs Grobe. Sie denkt mit dem Kopf und ihrem Herzen und nicht mit dem Schwertarm. Die Gemeinen halten sie beinahe schon für einen Alveraniar der Herrin Travia, doch die Adeligen nehmen sie nicht ernst.“ Der Baron nickte ernst. „Wisst Ihr eigentlich, dass meine Henna es war, die dem Grafen als Einzige davon abriet gegen den Drachen zu ziehen. Vielmehr, so sagte sie, sollen wir unsere Heime und Schutzbefohlenen schützen so gut wir können. Tja…“ Er lächelte bitter. „…man hätte auf sie hören sollen, doch ich schweife ab. Meine Henna braucht einen Mann an ihrer Seite, der sie in solchen Situationen stützt und mir stellt sich die Frage ob Ihr der Richtige dafür seid. Beweist mir dass Ihr den Mumm habt und Ihr dürft meine Henna heiraten.“
Gespannt hatte der Sturmfelser dem Baron zugehört. „Meine Eltern lehrten mich das offene Wort, Hochgeboren. Ich bin Darpate und das werde ich immer sein. Dem Rittertum und seinen Werten sind wir verbunden, doch in dieser Sache hätte ich von ganzem Herzen neben Henna gegen alle Ritter der Trutz gestanden.“ Gorfried blickte seinem Gegenüber fest in die Augen. „Mit Worten werde ich Euch jedoch kaum überzeugen. Nennt mir Eure Prüfung und ich will Euch beweisen, welch Mut in mir steckt.“
„Es geht nicht darum, dass Ihr Euch in Hennas Namen mit ganz Dere schlagen sollt.“ Der Baron lächelte und bot dem Sturmfelser einen Schluck aus seiner Flasche an. „Doch habt Ihr natürlich recht. Mit Worten werdet Ihr mich nicht davon überzeugen können.“ Einen Moment lang blickte Andîlgarn sinnierend vor sich hin und strich mit seiner Rechten durch seinen langen, wallenden Bart. Dann erhob er sich schwerfällig von der Bank und richtete seinen Schwertgürtel. „Folgt mir.“ Sprach er und schritt durch die Tür der Jagdhütte hinaus. Einige Momente später erhob sich auch Gorfried und kam der Bitte des Barons nach. Als der Sturmfelser aus der Tür trat sah er Andîlgarn breitbeinig vor sich stehen, seine Hände hatte er in die Hüften gestemmt. „Zieht blank und greift an, Sturmfels.“ Rief er ihm zu und machte dabei keinerlei Anstalten selbst seine Waffe zu ziehen.
Wald nahe dem Hag, am selben Tag
Jetzt verstand der Ritter auch, warum der Baron nach der Jagd seine Klinge wieder umgeschnallt hatte. Er hatte es ihm gleich getan, wollte er doch nicht auffallen. „Wenn ein Kampf Eure Prüfung sein soll, dann soll es so sein.“ Gorfried war gut eine Lanzenlänge vom Baron entfernt stehen geblieben und zog seine Klinge. „Doch ehe Ihr gezogen habt, werde ich meine Klinge nicht gegen Euch erheben. Keine Prüfung ließe mich so gegen die Gebote der Sturmherrin handeln.“
Er hatte mehr als einmal einen Kampf geführt. Andîlgarn mochte alt sein, doch das konnte er sicher mit seiner Erfahrung ausgleichen. Was immer er plante, er würde ihn nicht einfach angreifen. Er sollte ziehen. Dann würde er ihn mit einigen Finten testen, um zu sehen, wie er kämpfte.
Andîlgarn musterte sein junges Gegenüber eingehend und wartete einige Momente ab. „Meine Prüfung? Nein ich will nur sehen aus welchem Holz Ihr seid. Also, auf was wartet Ihr?“ Fragte er ungeduldig, doch machte Gorfried abermals keinerlei Anstalten seine Waffe gegen ihn zu erheben.
„Die donnernde Herrin möge mir verzeihen, aber es gibt Situationen da müssen ihre Gebote hinten anstehen. Es gibt Situationen in denen auch Eure persönliche Ehre hinten anstehen muss, Sturmfels. Wenn zum Beispiel ein Unbewaffneter die Hand gegen meine Familie erhebt, schlage ich ihm ohne viel Federlesen den Kopf ab und werfe ihm nicht erst eine Waffe zu. Deshalb reizt mich nicht und greift verdammt noch mal an!“
Der Baron bedeutete dem Sturmfelser mit seiner Hand, dass er näher kommen solle. „ Als ich so jung war wie Ihr, habe ich einen orkischen Khurkach einmal mit bloßen Händen erwürgt, also stellt Euch nicht so an.“
‚Ihr seid es, der mich zu reizen versucht‘, ging es Gorfried durch den Kopf. Aber es war anderes, was er sagte.
„Ich stand schon in vielen Gefechten und weiß was der Kampf bringen kann. Ich ritt gegen ausgehungerte Bauern ebenso wie Knechte aus den schwarzen Landen oder Goblinbanditen. Doch nichts was mir dort abverlangt wurde, gilt für diesen Augenblick.“ Der Ritter steckte seine Klinge zurück in die Scheide. „Henna warnte mich, ehe wir ausritten, meine Worte mit Bedacht zu wählen. Mein Handeln mag meine Aussichten mindern, doch werde ich nicht beginnen, gegen meine Überzeugungen zu handeln, Hochgeboren. Ringt mit mir, kreuzt die Klingen oder seht auf andere Weise von welcher Qualität mein Holz ist. Doch ich werde Euch nicht einfach so angehen.“
Er blickte den Baron fragend an. Wenn er sein Test nicht bestanden hatte, dann war es so. Er und Henna hatten die anderen, die Heuchler, deren Überzeugungen nur leere Worte waren, immer kritisiert. Er würde jetzt nicht beginnen, ebenso zu handeln.
Andîlgarns Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, während er fassungslos seinen Kopf schüttelte.
„Soso Eure Überzeugungen. Sturmfels habt Ihr mir überhaupt zugehört?“ Polterte der alternde Baron los. In einer schnellen Bewegung, die ihm der Sturmfelser ob seines Alters gar nicht zugetraut hätte, zog er sein Schwert. Gorfried merkte dabei, dass der alternde Baron sein Schwert in der Scheide schon soweit gelockert hatte, dass es ihm bei dieser Entfernung ein Leichtes gewesen wäre einem Angriff seines Gegenübers zu begegnen.
„Ihr habt Recht, Sturmfels. Ich wollte Euch damit prüfen. Ich wollte sehen, ob Ihr bereit seid, für den wichtigsten Menschen in Eurem Leben, Eure eigene Ehre hinten anzustellen. Ihr wusstet wohl was ich von Euch verlange, habt es aber Eurer Ehre wegen trotzdem nicht gemacht, obwohl Ihr Euch darüber bewusst wart, dass Eure gemeinsame Zukunft mit meiner Tochter davon abhängt.“
Der Baron ließ seine Worte einen Moment lang wirken, dann wies er mit seinem Schwert auf Gorfried. „Habt Ihr wirklich geglaubt, dass ich mich von Euch erschlagen lasse – das ich mein Schwert nicht ziehen würde?“ Er schüttelte lachend den Kopf. „Nein Ihr hättet wahrhaftig besser daran getan, das zu tun um was ich Euch gebeten hatte. Lasst Euch von einem alten Mann etwas sagen; ich kämpfte an der Seite meines Vaters bereits an der Trollpforte gegen die Oger, im Gefolge Herzog Waldemars auf den Weiden Vallusas, im weidener Heerbann vor Ysilia und in den vielen Schlachten gegen die Orks. Und hätte ich nicht in jeder dieser Schlachten meine Überzeugungen verraten, ich würde heute nicht vor Euch stehen. Wie wollt Ihr meine Tochter schützen, wenn Euch ständig Eure Ehre im Weg sein wird? Und nun zieht!“
Beobachtet von einem noch unerkannten, neugierigen Augenpaar bewegte Andîlgarn sich mit gezogener Waffe einige Schritt auf Gorfried zu.
„Offenbar hören wir beide dem Gegenüber nicht recht zu“, erwiderte der Sturmfelser während er schon seine Klinge zog. „Wenn es darauf ankommt, weiß ich, was Schutz von Familie, Heim und Herd bedeuten. Dafür haben meine Eltern Sorge getragen.“
Gorfried behielt den Baron fest im Blick und achtete auf seine Bewegungen und die Umgebung. Wenn sie die Klingen kreuzten, dann wollte er gut vorbereitet sein.
„Doch meine Ansichten habe ich nie verraten. Meine Ehre stand mir nie im Weg und dennoch wusste ich in der Wildermark zu bestehen. Es war unser beider Ehre und Sicht auf die Dinge, die mich und Henna zusammenführte.“ Mit diesen Worten ging der Darpate zum Angriff über. Er wählte die ‚Finsterfelser Eröffnung‘, benannt nach einem der Ritter und Ausbilder an der Knappenschule. Mit dieser Finte wollte er vor allem sehen, wie agil der Baron im Kampf tatsächlich war.
Der Baron parierte den ersten Angriff und wich etwas zurück. „Warum versteht Ihr nicht, dass es nicht um Euch allein geht, Sturmfels?“
Er führte einen kraftvollen Hieb, den sein Gegenüber jedoch problemlos abwehren konnte. „Habt Ihr meine Worte von vorhin etwa wieder vergessen?“ Es folgte abermals ein kurzer Schlagabtausch.
„Meine Henna braucht eine starke Person an ihrer Seite. Eine Person, die einen Vorteil auszunutzen versteht, wenn sich einer bietet und kein Vorbild an Ritterlichkeit, das seinen Arsch „der Ehre wegen“ nicht hochbekommt.“
Nun schien das erste Geplänkel beendet. Die beiden Ritter entblößten ihre Zähne zu einem grimmigen Lächeln und drangen aufeinander ein. Neben dem durchdringenden Klirren der aufeinanderprallenden Schwerter war auch Andîlgarns Schnaufen am Kampfplatz deutlich zu vernehmen. Der Baron war zwar kein schlechter Kämpfer, doch war er auch nicht mehr der Jüngste. Lange würde er diesen Kampf auf Augenhöhe mit Sicherheit nicht durchstehen. Einige Minuten später, beide Kontrahenten hatten bereits einige Schnitte und Stiche davon getragen, durchschnitt eine weibliche Stimme die Luft.
„Vater!“ Rief sie. Nun beging Gorfried einen entscheidenden Fehler. Er blickte kurz auf. Diese Unachtsamkeit nutzte Andîlgarn dazu einen Angriff auf die Beine seines Gegenübers zu führen, der daraufhin strauchelte.
„Vater es ist Schluss!“ Rief dieselbe Stimme in nun schon fast hysterischer Stimmlage. Als er seine Tochter Gwidûhenna aus dem Wald laufen sah, ließ der Baron seine Waffe sinken und streckte dem Sturmfelser seine Hand entgegen.
„Seht Ihr, das meinte ich. Trotzdem versteht Ihr es zu kämpfen Sturmfels.“ Flüsterte er ihm zu. Die Baroness strafte ihren Vater mit einem bösen Blick und kümmerte sich sogleich um Gorfried. Sie trug eine eng geschnittene Lederkleidung mit Fellbesatz und kniehohe Reiterstiefel.
„Was soll das hier werden Vater? Und Gorfried sagte ich dir nicht, dass du deine Worte vorsichtig wählen solltest.“
Der so gescholtene hatte die Hand Andîlgarns gepackt und kam eben wieder auf die Beine. Er lächelte Henna zu, die sich sogleich um ihn kümmern wollte. „Es ist nicht geschehen. Hab keine Sorge.“
Gorfried fuhr sich durch das schweißnasse Gesicht. Wahrlich, der Baron verstand auch in seinem Alter noch immer die Klinge zu führen.
„Weder habe ich Deine Worte vergessen, Liebste, noch die Euren, Hochgeboren.“ Er steckte seine treue Klinge zurück in die Schwertscheide und blickte Henna liebevoll an. „Wie kann ich aber erwarten Deinen Vater von mir zu überzeugen, wenn ich mein wahres Inneres verberge? Ihr wollt wissen, ob ich hart genug bin, um auch unangenehme Entscheidung zu treffen?“ Sein Blick ruhte nun wieder auf Andîlgarn und er zeigte deutlich, dass er dieses Spiel leid war. „Ich habe mich in den letzten Jahren zurückziehen müssen Habe ein Dorf gegen ein anderes abwägen müssen, wenn es darum ging gegen Plünderer vorzugehen. Immer wieder musste ich harte Entscheidung treffen, wo rein rondrianische Ehre was anderes geboten hätte. Wie könnte man ansonsten im Herzen der Wildermark auch bestehen? Fragt meine Herrn, die Baronin und den Baron von Ochsenweide, wenn Ihr es mir nicht glauben wollt. Doch das hier“, Gorfried machte ein Geste die Lichtung und Baron einschloss, „ist ein Messen unter Rittern, fern der Schlacht gewesen. Hier gelten andere Maßstäbe.“
Er suchte Hennas Hände, um sie zwischen die Seinen zu nehmen und blickte ihr in die Augen. „Ich mag meine Aussichten geschmälert haben. Doch unausgesprochene Gedanken und Lügen sind ein schlechtes Fundament für das Haus Familie.“
„Vater…“ Rief Gwidûhenna empört aus und schüttelte verständnislos den Kopf. „…welches Recht gibst du dir ihn so zu behandeln?“
„Henna ich…“ Setzte der Angesprochene an, wurde aber sogleich wieder unterbrochen. „Ich habe es gehört Vater, aber Gorfried wird sich sehr gut um mich sorgen.“
Andîlgarn verzog einen Mundwinkel und blickte den Sturmfelser abschätzend an.
„Ich habe meine Entscheidung getroffen und werde Gorfried heiraten, ob du willst, oder nicht. Solltest du dich weiterhin dagegen stellen, werde ich auf den Titel als Baronin zugunsten meines Bruders verzichten. Ich habe nämlich erst unlängst gehört, dass er nun schon seit einigen Götterläufen im Dienst des Barons von Brachfelde stehen soll und sich zu einem ehrbaren Ritter entwickelt hat.“
Der Baron blickte seine Tochter hilflos an, man merkte, dass ihm das eben gesagte einen Stich versetzte.
„Andîlgarn, höre auf deine Tochter.“ Nun traten auch Travine und die Dienstritterin Algrid aus dem nahen Waldrand. Andîlgarn seufzte – diese drei Weiber waren ihnen tatsächlich gefolgt. „Quod Dea conjunxit homo non separat (bosp. Was die Göttin verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen).“ Tadelte die Geweihte ihren Bruder. „Die beiden haben sich gefunden, sie lieben einander und geben sich gegenseitig Halt und Wärme, wie es der Göttin wohl gefällt. Ich selbst habe mit der Dienstherrin Gorfrieds ein langes Gespräch geführt und sie hat nicht ein schlechtes Wort über ihn verloren – er stammt aus einer guten Familie und ging in der Finsternis der Wildermark durch eine harte Schule. Gib den beiden ihren Segen, denn die Göttin will es.“ Der Baron fühlte sich nun sichtlich in die Ecke gedrängt und blickte einige Momente vor sich hin.
„Nun denn, dann sei es so.“ Er ging zu seiner Tochter und nahm sie in seine Arme. „Ich gebe dir und Gorfried meinen Segen, auf dass Eure Nachkommen deine Schönheit und Gorfrieds Sturkopf besitzen.“ Er lächelte und nahm nun auch den Sturmfelser in seine Arme. „Also, dann ab dafür. Es gilt eine Hochzeit vorzubereiten.“
Gorfried war über den plötzlichen Auflauf auf der Lichtung zunächst etwas überrascht gewesen. Doch wich seine Überraschung schnell der Freude über die letzten Worte. Herzlich erwiderte er die Umarmung seines künftigen Schwiegervaters. Als sich beide lösten, reichte der Sturmfelser ihm seinen Schwertarm zum Kriegergruß. Leise, so das nur Andîlgarn ihn hören konnte, schwor er ihm.
„Bei den Zwölfen, ich werde Henna behüten und wenn es mich mein Leben kostet.“ Mit diesen Worten löste er sich von dem Baron. Vor Glück strahlend schloss Gorfried Gwidûhenna fest in seine Arme. Diesen Augenblick hatte er seit den Tagen seiner Knappenschaft herbeigesehnt.