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Rommilys, 21. Phex 1033 BF
Gwidûhenna von Gugelforst saß nun schon seit einigen Stundengläsern zusammen mit ihrer Tante Travine und ihrer Freundin und Leibritterin Algrid Blaubinge im Gastraum des Hotels Darpatperle. Sie trug ein schönes, eng geschnittenes Kleid aus weinrotem Stoff – ihre offen getragenen, rabenschwarzen Haare flossen ihre Schultern hinab wie flüssiges Metall. So wurden der lieblichen Baroness an diesem Abend so einige interessierte Blicke zugeworfen – Blicke, die Gwidûhenna jedoch nicht bemerkte, schenkte sie doch der Tür im Gastraum ihre gesamte Aufmerksamkeit. Einmal, als ein junger, blonder Recke eintrat, schreckte sie kurz hoch. Doch entspannte sie sich ebenso schnell wieder, als dieser näher kam und sie ihn allem Anschein nach nicht kannte.
„Was ist denn los Henna?“ Gwidûhenna schreckte, aus ihren Gedanken gerissen, hoch und blickte in das freundlich lächelnde, rundliche Gesicht ihrer Tante Travine. „Ach es ist nichts“, antwortete sie ihr. „Mir scheint du sitzt heute auf Nadeln mein Kind. Seit unserer Ankunft bist du so still und nicht einmal an deinem Met hast du genippt, obwohl du ihn sonst doch so gern hast. Sag Kind, ist dir nicht wohl?“ „Ach sage es ihr, Henna.“ Nun war es Algrid, die sich kauend zu Wort meldete und sich dafür von ihrer Freundin einen tadelnden Blick einfing. „Was soll sie mir sagen?“, hakte Travine neugierig nach, doch erhielt sie darauf keine Antwort mehr. Gwidûhenna blickte längst wieder zur Tür und schenkte dem Gespräch an ihrem Tisch keinerlei Beachtung mehr.
Gorfried hatte sich eilen müssen. Viel später als sie gewollt hatten, waren sie in Rommilys eingetroffen. Und auch wenn das Baronspaar von Ochsenweide ihn gerne einige Tage zur eigenen Verfügung schenkte, es hatte gedauert. Schnell hatte er sich gewaschen und die Rüstung gegen sein bestes Hemd getauscht. Darüber sein edles Wams aus Hirschleder mit dem Wappen seines Hauses über dem Herzen. Gefertigt aus dem kapitalen Hirsch, den er als Jagdmeister selbst geschossen hatte. Die Tage waren selten geworden, an denen er sich so kleidete.
Endlich an der Darpatperle angekommen, schlug er seinen Umhang zurück und straffte sich ein letztes Mal. Kurz richtete er den Gürtel mit seinem treuen Langschwert und dem Gürtelwappen der Stahlherzen. Ein letztes Mal fuhr er sich durch das kurze Haar. Zum Glück war es auf dem Weg hierher getrocknet. ,Travia, gib, dass sie mich überhaupt wieder erkennt’, sandte er noch ein kurzes Gebet zur gütigen Herrin, ehe er endlich die Tür zum Gastraum öffnete. Kaum eingetreten traf sein suchender Blick den Gwidûhennas. Wie immer wenn er nervös war, hatte er das Gefühl, dass die Narbe an seiner linken Schläfe zu pochen begann. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe er sich auf die Ausbildung an der Knappenschule besann und sich zum Tisch der Baroness und ihrer Begleiterinnen aufmachte.
Gwidûhenna blickte unschlüssig auf den eben eingetretenen, blonden Kämpen. Ein stattlicher Mann, ohne Zweifel und auch eine gewisse Ähnlichkeit zu Gorfried war ihm nicht abzusprechen, doch konnte sie nicht sicher sein ob er es denn wirklich war. Mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen versuchte sie Merkmale auszumachen, die ihr darüber Aufschluss geben konnten. „Diese Augen.“, dachte sie, als der Unbekannte näher an ihren Tisch herantrat und frohlockte innerlich. Gorfrieds dunkle, warme Augen waren ihr immer noch deutlich in Erinnerung.
Als wäre es gestern gewesen erinnerte sie sich von einem Herzschlag auf den anderen wieder an ihre gemeinsamen Abende in Rommilys. Sie waren damals beide noch sehr jung – er ein angehender Ritter aus der Knappenschule, sie zur Ausbildung am Grafenhof von Ochsenwasser – doch erfreute sie sich damals schon sehr an seiner Gegenwart. Gorfried war ihr in dieser Zeit in Rommilys nicht nur Gefährte, sondern auch ihr bester Freund gewesen.
Oft trafen sie sich am tulamidischen Basar oder am Kaiser Raul-Tor und erfreuten sich gegenseitig mit Gedichten, oder schlenderten Stundengläser lang einfach nur durch die Stadt. Die Zuneigung, die sie für einander empfanden verließ jedoch niemals die geistige Ebene. Während andere in ihrem Alter die Freuden Rahjas eingehend studierten, waren Gwidûhenna und Gorfried der Meinung, dass die Genüsse der schönen Göttin erst nach dem Traviabund, mit einem Menschen, der einem familiären Halt geben kann, erkundet gehören. Zu groß ist die Gefahr, dass man sich sonst in diesen Lehren verliert. Eigentlich wollte Gwidûhenna nach ihrer Ausbildung einige Jahre in Rommilys bleiben und mit Gorfried den Traviabund schließen, doch verhinderte das der unerwartete Tod ihrer Mutter. Durch dieses tragische Ereignis war Gwidûhenna als älteste Tochter Andîlgarns dazu angehalten die Aufgaben ihrer Mutter in der Baronie zu übernehmen. Als brave Tochter kam sie dieser Aufgabe nach und verlies Rommilys, war aber trotzdem darauf bedacht den Kontakt zu ihrem Liebsten zu halten.
Die Baroness wäre am liebsten freudig aufgesprungen und Gorfried entgegen gelaufen, doch besann sie sich noch rechtzeitig darauf die Etikette zu wahren. Ihre Augen begannen jedoch vor Freude zu leuchten und ihr bis dahin angespanntes Gesicht hellte sich schlagartig auf. Das entging auch ihrer Tante Travine nicht, die verwundert und mit offenem Mund den Blick Gwidûhennas verfolgte. Als Gorfried am Tisch ankam sprang die Baroness auf und nahm ihn in ihre Arme. „Bei der Gütigen. Du bist tatsächlich gekommen.“ Sprach sie, während ihr eine kleine Träne der Freude über die Wange kullerte.
Der Ritter war für einen Augenblick vollkommen überrascht von der überschwänglichen Begrüßung. Gorfried wusste nicht recht wie er reagieren sollte. Ewigkeiten hatte er diesen Tag herbei gesehnt und nun vergaß er alles, was er sich zu Recht gelegt hatte. Er hatte Angriffe aus Hinterhalten gegeben auf die der Sturmfelser souveräner reagiert hatte. Doch schnell hatte er sich gefangen. Das alles war jetzt unwichtig.
Freudig schloss er Gwidûhenna in seine Arme. „Kein Feind hätte mich davon abhalten können.“ Gebannt hatte er nur noch Augen für das Gesicht seiner großen Liebe.
"10 Jahre und mir fehlen die Worte“, stellte er schließlich lächelnd fest. „Jeden Brief habe ich freudig erwartet und sicher dutzende Male gelesen. Immer wenn ich jemanden aus Weiden traf, habe ich nach Neuigkeiten aus Weidenhag gefragt.“ Erneut schloss er die Baroness in seine Arme, ganz so als würde er befürchten, dass sie ihn so gleich wieder verlassen würde. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er seiner Liebsten ein Geschenk mitgebracht hatte.
„Beim göttlichen Herdfeuer, wo bin ich nur mit meinen Gedanken.“ Er löste sich etwas von der Weidenerin, um einen kleinen Hirschledernen Beutel hervorzuholen, den er in seiner Gürteltasche bewahrt hatte. „Schon vor vielen Jahren habe ich Dir dies in Zwerch gekauft, um es Dir bei unserem wiedersehen schenken zu können.“ Unsicher, ob Gwidûhenna der silberne Gänseanhänger mit den kleinen Saphirsplittern als Augen gefallen würde, überreichte er ihr den Beutel. Gebannt wartete er auf ihre Reaktion.
Die Baroness öffnete den Beutel mit flinken Fingern und begleitet von einem Lächeln. „Oh, es ist wunderschön. Hab dank Gorfried.“ Sprach Gwidûhenna nachdem sie mit ihren feingliedrigen Fingern über die fein nachmodellierten Züge der kleinen Gans strich und wandte sich zu ihren beiden Begleiterinnen um, die die Szenerie mit verwunderten Gesichtern verfolgten.
„Seht nur.“ Fuhr sie fort und zeigte Ihnen den Anhänger. Das nahe Licht ließ die Saphiraugen der Gans funkeln. „Es ist wunderschön, nicht wahr?“ Erst jetzt bemerkte die Baroness die Verwunderung im Blick ihrer Tante. Geistesgegenwärtig wischte sie sich eine Träne aus ihrem Gesicht und versuchte mit abschätzendem Blick zu erkennen, wie es um die Gemütslage Travines bestellt war. Doch war ihrem Blick, der in den letzten Momenten zwischen ihr und Gorfried hin und her wanderte, nichts zu entnehmen.
Als Vorsteherin des Traviatempels im Dorf Weidenhag und Verwalterin des Baronsitzes übernahm sie in der Vergangenheit auch die Erziehung der Kinder des Barons. Sie ist ein gütiger und netter Mensch, doch wenn Gwidûhenna an ihre Predigten über Züchtigkeit und Keuschheit dachte überkommt sie noch heute ein kalter Schauder. Sie wusste nicht wie Travine auf diese offen zur Schau gestellte Zuneigung von unverheirateten Menschen reagierte. Gwidûhennas richtete ihren Blick auf ihre Freundin Algrid, die ihr Grinsen hinter einem Krug Bier versteckte. Die Baroness seufzte innerlich – von Algrid hatte sie also keine Hilfe zu erwarten.
„Setzt Euch…Beide…“ Nun erhob Travine ihr Wort. Ihre Stimme war streng und schnitt durch die Luft wie ein glühendes Schwert durch Schafskäse. Sie deutet auf den Stuhl, der ihr gegenüber stand. „Setzt Euch…“ Sie blickte den Sturmfelser fragend an. „…Gorfried, richtig?“ Ohne eine Antwort abzuwarten setzte sie nach. „Nun da es meine Nichte nicht für nötig empfindet Euch vorzustellen, bitte ich Euch nun darum dies nachzuholen...“ Nach einer kurzen Pause, in welcher ihr Blick auf Gwidûhenna fiel, die nervös mit einer Haarsträhne spielte, fuhr die Geweihte fort. „…Und seid doch bitte so gut und klärt mich über das eben Geschehene auf.“