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Der Hag, Baronie Weidenhag, Anfang Peraine 1033 BF
Travine seufzte erleichtert als sie die Große Halle des Hags betrat. Der Amtssitz der Weidenhager Barone war eigentlich nicht mehr als ein befestigtes Rittergut außerhalb des Dorfes Weidenhag direkt am Hagweg gelegen, doch glich das Gebäude mehr einem Bienenstock als einem Sitz der Herrschaft.A Wie immer, mit Ausnahme der strengen Wintermonde, war die Halle mit viel Volk besetzt, denn der Hag war bekannt dafür, dass er Reisenden, ob von Stand oder nicht, Gastung gewährte. Da es im Dorf selbst kein Gasthaus gab, war der Baronsitz hier in der Gegend sogar die einzige Möglichkeit für Reisende auf dem Hagweg eine Bleibe für die Nacht zu bekommen. Doch auch der einzige Traviatempel der Baronie befand sich innerhalb der schützenden Mauern des Hags.
So wunderte es nicht, dass die Halle des Barons mehr einer gemütlichen Taverne glich. Travine sog scharf Luft ein und wandte sich lächelnd zu Gorfried um. Die Luft war geschwängert vom Duft nach frischem Brot und Bier, zwei Mägde nahmen Bestellungen auf und servierten den Gästen gegen ein geringes Entgelt einfache Speis und Trank. In der Halle befanden sich rechter und linker Hand der kleinen Gruppe zwei lange Tische mit einfachen Sitzbänken, der Baron selbst saß an einem mächtigen Tisch auf einem erhöhten Podest in einem schweren Eichenstuhl und ließ sich von seinen vielen Gästen Geschichten erzählen. Als er sich der Neuankömmlinge gewahr wurde erhob er sich und bedeutete ihnen zu ihm zu kommen.
Travine war zufrieden mit sich selbst. Das Gespräch mit Gorfrieds Mutter in Ochsenweide verlief zufriedenstellend. Zwar war sie nicht sehr erfreut darüber, dass es ihren Sohn fort von ihr in die Heldentrutz zieht, doch war die hochadelige Gwidûhenna mit Sicherheit keine schlechte Partie. Auch wenn es „nur“ eine trutzer Baroness war, so floss doch darpatisches Blut durch ihre Adern und auch ihre Familie besaß innerhalb der darpatischen Marken einen makellosen Ruf. Nun galt es noch ihren Bruder zu überzeugen und es war der Geweihten klar, dass diesmal nicht ein paar Flaschen Rotwein reichen würden um seine Zustimmung zu bekommen, wie das bei Ullgrein der Fall war.
Innerlich hoffte sie das, was sie Henna und Gorfried in Rommilys gesagt hatte. Nämlich, dass Andîlgarn schon alleine deshalb zustimmen würde, weil er seine liebste Tochter glücklich sehen will. Ein kalter Schauder überkam Travine als sie daran dachte, welchen Aufstand ihr Bruder bei der Vermählung ihrer Schwester Holdwiep mit Wulfhart von Keilholtz ä.H. veranstaltete. Damals war es ihr erst nach langer Zeit und viel gutem Zureden möglich, ihn davon zu überzeugen sie gehen zu lassen.
„Henna mein Kind und Travine…“ Andîlgarn schloss die beiden freudig in seine Arme. Der Baron von Weidenhag war ein stattlicher Mann mit einem beachtlichen Körperumfang. Letzteres ist vor allem darauf zurückzuführen, dass der alternde Baron seine Zeit inzwischen lieber bei gutem Essen mit Gefolge und Gästen, als bei Waffenübungen verbringt. „…lasst mich euch beide ansehen. Wie ist es euch in Rommilys ergangen?“ Ohne eine Antwort der beiden Frauen abzuwarten, fuhr er mit einer einladenden Handbewegung fort. „ Ach setzt euch einfach zu mir und erzählt es mir…“ Erst einige Herzschläge danach schien der Baron Gorfried zu bemerken. „…auch Ihr sollt mein Gast sein hoher Herr. Setzt Euch, stellt Euch vor und lässt Euch von den Mägden Speis und Trank bringen.“
„Ich danke Euch Hochgeboren. Möge die Herdmutter stets über Euer Heim und Herd wachen“, der Sturmfelser verbeugte sie leicht in Richtung des Barons. Das war also der Vater seiner geliebten Henna.
Mehr als einmal auf ihrer Reise hatte er überlegt, wie er vor ihn treten würde. Mit seiner Mutter war es deutlich einfacher gewesen, als er sich selbst eingeredet hatte. Und auch das Baronspaar hatte ihn freudig entlassen, als er sie ersucht hatte. Die Reise über hatten sich die Baronin und Henna gut verstanden und auch der Weg nach Hallingen war sehr angenehm verlaufen. Seine Hochgeboren hatte ihm gar so manch guten Rat mit auf dem Weg gegeben. ‚Unser Bund stand unter keinem guten Stern, Gorfried. Nicht Liebe sondern die Räson unserer Häuser führte uns zusammen und doch erwuchs gutes daraus. Wie soll es dann erst bei Euch sein.’ Das hatte er ihm erzählt und es stimmte. Er konnte sich kaum mehr wünschen als das, was er in Ochsenweide am Hof beobachten durfte. Doch nun galt es, seine Hochgeboren Andîlgarn zu überzeugen, dass er der richtige für seine Erbin war.
„Gorfried von Sturmfels, aus der Grafschaft Wehrheim, Euer Hochgeboren.“ Neugierig blickte er zur Tante Hennas. Sie hatte ihnen ihre Unterstützung zugesagt. Doch wollte er auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
„Soso. Nun dann seid mir willkommen Gorfried von Sturmfels aus der Grafschaft Wehrheim.“ Der Baron lehnte sich entspannt in seinem Eichenstuhl zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Ich hoffe Ihr hattet eine angenehme Reise und…ach ich vergaß…“
Er deutete auf die beiden Frauen am Tisch. „Die beiden hübschen Damen am Tisch sind meine Schwester, Hochwürden Travine und meine Tochter und Erbin Gwidûhenna.“
„Er kennt uns Vater. Wir kamen zusammen.“ Warf nun die Baroness ein und versteckte ihr Schmunzeln indem sie einen plötzlichen Husten vortäuschte.
„Ja er ist ein alter Freund deiner Tochter.“ Ergänzte darauf hin Travine, die Gorfrieds neugierigen Blick registriert hatte, nicht weniger amüsiert. Gerne hätte sie ihren Bruder bereits jetzt den Grund für Gorfrieds Kommen direkt ins Gesicht gesagt, doch kannte sie ihren Bruder. Es wäre mit Sicherheit besser wenn der Sturmfelser selbst vor dem Baron um die Hand der Baroness bat. Deshalb beschränkte sie sich darauf Gorfried aufmunternd zuzunicken.
„Rondra, Donner und Blitz…“ Rief der Baron überrascht aus. „Warum sagt ihr mir das denn nicht gleich. Das ihr drei hier gemeinsam in meine Halle spaziert heißt ja nicht, dass ihr schon gemeinsam angereist seid.“ Nach einem freundschaftlichen Klaps auf Gorfrieds Schulter fuhr er fort. „Doch sprecht Gorfried, wie komme ich denn zu der Ehre Eures Besuchs. Die Heldentrutz ist dieser Tage ja nicht besonders einladend und Ihr werdet den weiten Weg aus Darpatien ja nicht einfach mal so auf Euch genommen haben um den alten Vater einer alten Freundin zu besuchen, oder?“
„Weit einladender als es meine Heimat in diesen Tagen oft ist, Hochgeboren.“ Konnte der Sturmfelser sich nicht verkneifen. Doch dies waren weder der Ort, noch die Zeit um sich düsteren Gedanken hinzugeben. „Auch aus diesem Grund begleitete ich die beiden. Doch Ihr habt ganz Recht, ich trete nicht ohne Grund in Eure Halle.“ Er blickte den Baron entschlossen an. „Schon als Knappe in Rommilys habe ich mein Herz an Eure Tochter verloren, Hochgeboren. Um Euch um Ihre Hand für den Traviabund zu bitten, trete ich vor Euch.“
Seine Augen suchten den Blick Hennas. „Ich kann Euch kaum mehr bieten, als den stolzen Namen Sturmfels und meinen guten Leumund. Seit ich Eure Halle betrat, fürchte ich, dass dies zu wenig für den größten Schatz Weidenhags ist.“
Andîlgarn nahm einen großen Schluck aus seinem Bierkrug. Nachdem er seinen Mund mit dem Ärmel seines Hemdes gesäubert hatte, wanderte sein Blick musternd zwischen seiner Tochter und dem Sturmfelser hin und her.
„Ich handle meine Tochter nicht wie einen Sack Erdäpfel auf dem Jammer, Sturmfels. Es ist mir gleich was Ihr zu bieten habt. Wichtig ist nur, dass meine Henna glücklich ist…“
„Ja Vater das bin ich sogar sehr.“ Warf die Baroness ein und erntete dafür einen ermahnenden Blick ihres Vaters. „Das Euch meine Schwester, der Euer Ansinnen anscheinend bekannt war, mit hierher in meine Halle genommen hat zeigt mir, dass Ihr ein frommer und anständiger Mann seid. Sie kennt mich und weiß was ich von einem Menschen verlange.“
Andîlgarn erhob sich ächzend aus seinem Stuhl. „Doch werde ich auch einen Gehörnten tun und die Hand meiner Tochter einem mir Wildfremden gewähren.“ Der Baron bedeutete Algrid Blaubinge mit einer einfachen Handbewegung, dass sie zu ihm kommen möge.
„Euer Hochgeboren, Ihr wünscht?“ „Algrid sei doch bitte so gut und lass mein Pferd vorbereiten.“ Gehorsam und mit schnellem Schritt entfernte sich die Jungritterin und gab den Wunsch seiner Hochgeboren an einen Knecht weiter. Noch bevor jemand anderer am Tisch zu Wort gekommen war, blickte der Baron fordernd zu Gorfried.
„Ich hoffe Ihr liebt die Jagd Sturmfels, denn es wird Zeit, dass wir uns einmal unter vier Augen unterhalten.“
Er hatte schon mit einem Messen mit der Lanze oder ähnlichem gerechnet, doch eine Jagd hatte er nicht erwartet. „Wenig lieben die Jagdwaller mehr, Hochgeboren.“ Erwiderte er noch immer etwas überrascht und mit einem schnellen Blick zu Henna. „Die Baroness erzählte mir mehr als einmal von den Jagdgründen Weidenhags.“ Als Jagdmeister Ochsenweides hatte er sein Handwerk verstanden, doch waren Übermut und Selbstgefälligkeit nie gute Berater. „Verfügt über mich.“
„Nun denn, dann sei es so.“ Entgegnete ihm Andîlgarn. „Wartet beim Stall auf mich und lasst Euch von Gumbold einen Bogen geben. Ich werde mich noch umkleiden und dann zu Euch stoßen.“ Der Baron wandte sich um und verließ in gemächlichem Schritt die Halle. Einige Schritt hinter ihm trotteten lustlos die beiden Jagdhunde des Barons nach, die er mit einem Pfiff zu sich rief.
„Sei vorsichtig Gorfried und bedenke deine Worte, bevor du sie aussprichst. Den letzten Werber um mich, der ihm nicht gefiel, hat Vater eigenhändig vom Hof gejagt.“ Sorgte sich Gwidûhenna um ihren Liebsten und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ich werde Deine Worte wohl bedenken, Liebste.“ Doch nun würde er den Baron überraschen. Er würde ihn mit seinem eigenen, treuen Jagdbogen und Jagdmesser erwarten. Beides hatte er von seinen Verwandten in Jagdwall erhalten und beides hielt er in Ehren.