Rommilys, 21. Phex 1033 BF

Erst jetzt wurden Gorfried die Begleiterinnen der Baroness wieder vollkommen bewusst. Hatte er heute denn alles vergessen, was er selbst den Knappen am Baronshof in Ochsenweide stets einbläute? Er straffte sich und verbeugte sich vor der Geweihten.

„Gorfried Barnhelm Firunian von Sturmfels, Hochwürden. Dienstritter und Jagdmeister am Hofe des Baronspaares zu Ochsenweide.“ Mit einem Nicken in Richtung der Ritterin, grüßte er auch die Blaubingerin. Erst nachdem sich Gwidûhenna gesetzt hatte, setze er sich schließlich auch an den Tisch.

„Ich bitte Euer Hochwürden, unser Verhalten zu entschuldigen“, der Sturmfelser unterdrückte seinen Impuls bei diesen Worten zu seiner Liebsten zu blicken. „Ich habe die Baroness seit den Tagen meiner Knappenschaft nicht mehr gesehen. Schon damals verband uns ein inniges Band der Freundschaft. Doch wo sich so mancher an der Knappenschule Rahja hingab“, seine Stimme gewann dabei an Schärfe, konnte er so etwas doch noch immer nicht recht verstehen. „Bestand zwischen uns stets die feste Überzeugung, dass dies allein dem Bund vor der Gütigen Herrin vorbehalten bleiben sollte. Da uns schon damals die Liebe zur Gütigen Herrin verband, wollte ich Eurer Nichte bei unserem Wiedersehen ein Geschenk machen, dass unsere Freundschaft ehrt.“ Er blickte zu Gwidûhenna. „Doch bei all der Freude vergaß ich gänzlich, was die Etikette und das rechte benehmen sind. Wäre ich noch der Knappe von einst, wäre dies wohl zu entschuldigen. Doch nunmehr führe ich andere mit ins Feld. Bilde selbst Knappen aus und müsste es besser wissen.“

Travine verfolgte die Ausführungen des Sturmfelsers mit unbewegter Miene. Einzig bei seinem Bericht über rahjianische Umtriebe in der damaligen Knappenschule verzog sie kurz einen Mundwinkel. Nachdem Gorfried geendet hatte, wandte sich die Geweihte zu Gwidûhenna um und blickte nun sie fordernd an. Travines Brauen waren dabei noch immer streng gesenkt. Die Baroness wollte ihrer Tante etwas entgegnen, doch dann schien sie es sich anders zu überlegen und setzte stattdessen den Holzbecher mit dem erkalteten Met an ihre schönen, edel geschwungenen Lippen.

„Nun denn Gorfried.“ Sprach die Geweihte wieder an den Ritter gewandt. Ihre Stimme hatte inzwischen etwas an Schärfe verloren, war aber immer als streng zu erkennen. „Es freut mich jemanden kennen zu lernen, dem meine Nichte ähnlich wichtig ist wie mir selbst. Ihr müsst wissen, Gwidûhenna war mir stets wie eine eigene Tochter und wie eine eigene Tochter habe und werde ich sie immer behüten.“

„Deine Sorge ist unbegründet Tante…“ Nach einer Pause, in welcher sich Schweigen über den Tisch gelegt hatte, ergriff nun die Baroness das Wort. „Gorfried und ich haben uns noch als halbe Kinder kennen und schätzen gelernt.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Du musst wissen die erste Zeit in Rommilys, nachdem mich Geppert an den Grafenhof schickte, waren nicht leicht für mich. Weit fern der Heimat und dabei war ich doch noch fast ein Kind. Doch dann lernte ich Gorfried kennen…“ Sie wandte sich zum Sturmfelser um und schenkte ihm ein Lächeln. „…er war immer für mich da und hat mich beschützt. Er ist ein sehr frommer Mann und wie er bereits sagte zeigten wir uns unser Empfinden füreinander nicht durch körperliche Liebe.“ Von neuem legte sich kurz Schweigen über die Runde. Nach einigen Momenten war es wieder Gwidûhenna, die das Wort ergriff. „Ich wollte nach meiner Ausbildung mit ihm den Bund vor Travia schließen und einige Zeit in Rommilys bleiben, doch kam Mutters Tod…“, sie stockte. „…nun ja ich wurde in Weidenhag gebraucht und Gorfried hielt es erst am Grafenhof in Rommilys und in weiterer Folge am Hofe der Baronie Ochsenweide, wo er die Aufgaben seiner verstorbenen Tante übernahm. So blieb uns nur das Schreiben von Briefen und die Hoffnung auf einen Zufall, der uns die Möglichkeit auf ein Widersehen gibt…“

Ein verstohlenes Lächeln huschte über Travines Züge und es schien, als wäre von einem Moment auf den Anderen alle Strenge aus ihrem Gesicht verschwunden. „Und Gorfried?“ Die Geweihte wandte sich lächelnd an den Ritter. „Ich nehme an Ihr empfindet genauso wie meine Henna?“

„Natürlich“, ohne zu zögern kam Gorfrieds Antwort. „Nie hätte ich unser Schicksal verflucht, doch seit jenen Tagen sehne ich mich nach Eurer Nichte. Oft war ich kurz davor, mein Pferd zu satteln und nach Weidenhag zu reiten.“ Der Ritter schaute etwas betroffen auf den Tisch. „Aber ich konnte meine Heimat doch nicht in diesen dunklen Zeiten einfach verlassen und meine Pflichten vernachlässigen.“ Er blickte die Geweihte fragend an. Vielleicht wusste sie ja Rat. Seine Mutter hatte er damit nie belasten wollen, hatte sie doch in diesen Tagen ganz andere sorgen.

Travine tippte sich nachdenklich mit ihrem Zeigefinger auf das Kinn. „Gorfried es ehrt Euch, dass Ihr Eure Pflichten über Euer Glück stellt. Es gibt leider zu viele Menschen auf Dere, die hierbei Frau Rahja den Vorzug geben und auf Treue, sowie Pflichtbewusstsein gegenüber der eigenen Familie verzichtet hätten.“ Sie blickte dem Sturmfelser tief in seine Augen. „Die Familie hat ihren Ursprung in derselben Liebe, mit der die Herrin Travia jeden einzelnen Menschen bedacht hat. Fehlt diese Familie, so entsteht eine schmerzhafte und bedenkliche Lücke, die in der Folge auf dem ganzen Leben lasten wird. Der Mensch sollte seine Familie nur verlassen um in einem neuen Familienkern die eigene Lebensberufung zu verwirklichen und nicht ob einem kurzen Vergnügen nachzuhängen, so wie es viele Anhänger der Herrin Rahja tun.“ Die Geweihte nickte ernst. „Ihr seht also Gorfried, sowohl Ihr, als auch meine Henna habt Euch damals richtig entschieden und seid Euren Familien beigestanden, als diese Euch brauchten.“

Travines Blick ging erwartungsvoll lächelnd zwischen Gorfried und Gwidûhenna hin und her. „Und wenn ihr beiden euch dazu entschlossen habt eine eigene Familie zu gründen, dann könnt ihr euch meiner Unterstützung sicher sein.“ Sie blickte zu ihrer Nichte. „Dir Henna helfe ich, es deinem Vater beizubringen und…“, ihr Blick fiel auf den Sturmfelser. „…für Euch Gorfried werde ich beim Baronspaar vorsprechen, sofern Ihr dies wünscht.“

„Ihr meint“, weiter sprach der Sturmfelser nicht, hatte er doch erst einmal nur Augen für Henna. Würden sie nun endliche den Traviabund schließen können? „Ich, ich danke Euch von Herzen, Hochwürden.“ Erst langsam konnte er sich wieder auf das konzentrieren, was nun zu tun wäre. „Mit meiner Herrin und Herrn spreche ich am besten zunächst selbst. Nur“, er kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Meine Mutter, bei ihr wünschte ich mir Hilfe, Hochwürden.“ Er wusste nicht wie sie reagieren würde und würde eine Schwester ihrer Kirche hier nicht helfen können?

„Du musst wissen, seine Mutter ist auch eine Geweihte der hohen Frouwe Travia.“ Warf nun die Baroness ein. Ihre tiefen blauen Augen begannen in den letzten Momenten zu leuchten wie der Pandlarin beim Aufgang des Praiosmales.

„So?“ Interessiert lehnte sich Travine, die die Reaktion Gorfrieds lächelnd zu Erkenntnis nahm, nach vorn. „Nun denn, wenn Ihr es wünscht werde ich mit ihr sprechen. Natürlich nur, wenn du Henna das auch möchtest.“ Dabei wandte sich die Geweihte wieder ihrer Nichte zu und blickte sie fordernd an.

„Natürlich möchte ich Gorfried heiraten…“ Erwiderte diese etwas lauter, als gewollt. „Doch Vater…“

„Dein Vater ist wie er ist.“, fuhr Travine dazwischen. „…du weißt doch wie sehr er dich liebt. Weißt du, er sagte mir immer schon wie sehr du doch deiner Mutter ähnelst und das nicht nur äußerlich.“ Die Geweihte strich Gwidûhenna zärtlich eine rabenschwarze Haarsträhne aus ihrem ebenmäßigen Gesicht. “Und du weißt, wie sehr er deine Mutter geliebt hat.“ Lächelnd ließ sie ihren Blick über die am Tisch anwesenden schweifen. „Deshalb sorge dich nicht mein Kind. Dein Vater will einzig und allein, dass du glücklich bist. Es käme ihm nie in den Sinn, dir einen Partner aufzuzwingen, wie er das bei deiner Schwester Ullgrein tat. Ich weiß gar nicht wie viele Werber um dich er schon vom Hag gejagt hat.“

In mildem, beinahe mütterlichem Ton fuhr Travine an den Sturmfelser gerichtet fort. „Gorfried erzählt mir etwas über Euch und Eure Familie. Gwidûhenna hat mich, was Euch betrifft bisher ja gänzlich im Unklaren gelassen.“

Das Herz des Ritters hatte einen gewaltigen Sprung gemacht. Henna wollte mit ihm noch immer den Traviabund eingehen. Freudig strahlte er sie an und musste sich erst selbst daran erinnern, dass ihre Tante ihm so eben eine Frage gestellt hatte.

„Ich entstamme dem älteren, darpatischen Zweig des Hauses Sturmfels. In der Landmark Wehrheim auf dem Jagdgut Jagdwall liegen unseren Wurzeln. Dem ersten der Jagdgüter des Hauses Rabenmund, denen wir durch die Jahrhunderte treu dienen.“ Kurz legte sich ein Schatten auf sein Gesicht. Schmerzte es ihn doch jedes Mal, wenn er daran denken musste, dass das Gut hatte geräumt werden müssen. „Auch wenn ich in Rommilys geboren wurde, so war ich doch oft genug dort. Mit meinen Basen und Vettern habe ich unzählige Stunden in den Wäldern verbracht.“

Mit zunehmender Begeisterung begann er von seinen Wurzeln und seiner Jugend zu erzählen. „Mein Vetter Gerin, Oberhaupt unserer Hauses und fürstlicher Jagdmeister, brachte mir selbst das Jagen bei. Sei es mit dem Bogen, Speer oder den Falken, für die wir weit über die Grenzen bekannt sind. Die meiste Zeit verbrachte ich jedoch hier in Rommilys, wo meine Mutter der gütigen Herrin diente. Sie entstammt einem garetischen Rittergeschlecht. Mein Vater diente in der Reichsarmee und war oft in der Ferne. Er musste sogar ein Jahr auf Maraskan dienen.“ Allein bei dem Gedanken daran schauderte Gorfried. Er wusste es noch genau. Hätte sein Vater nicht das Fieber bekommen, er hätte wohl länger dort dienen müssen.

„Nachdem ich beim Grafen von Ochsenwasser meinen Dienst als Page geleistet habe, bin ich dann an die Knappenschule.“ Erneut suchte er den Blick der Baroness. „Damals habe ich auch Henna kennen gelernt. Sie begleitete den Grafen oft mit zum Hof, wo wir unseren Dienst taten. Was danach folgte ist schnell erzählt. Mein Vater fiel in den ersten Wochen der Invasion in Tobrien. Ich selbst diente nach meinem Ritterschlag als Dienstritter des Grafen. Als dann meine Base, die Schwester meines Vaters, fiel, trat ich ihre Nachfolge in Ochsenweide an. Sie diente dort als Ritterin und Jagdmeisterin. Meine Mutter war schon zuvor als Hofgweihte dorthin entsandt worden.“

„Ich bin Euch zutiefst dankbar, dass Ihr mir ihr sprechen wollt, Hochwürden. Ich will sie nicht verletzen und gegen meine Pflichten als Sohn verstoßen. Ismena dient im Gefolge des Barons von Bröcklingen. Oshelm zieht als Bruder für die Herrin Travia durch den Kosch.“

Travine schüttelte energisch den Kopf. „Warum solltet Ihr Eure Pflichten als Sohn verletzen? Nur weil Ihr etwas tut, das sich die gütige Mutter für jeden Menschen wünscht? Ein jeder von uns, die wir auf Derens Antlitz wandeln entwickelt mit der Zeit eine tiefe Sehnsucht nach einem Partner, der einem beisteht in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist der Wille der Herrin, dass Ihr mit einer Frau den heiligen Bund schließt, Euch gegenseitig Wärme und Geborgenheit schenkt und Kinder zeugt.“

Die Geweihte lächelte dem Paar kurz zu, dann fuhr sie in ihrer Rede fort. „Ich werde mit Eurer Mutter sprechen, obwohl ich denke, dass es nicht nötig sein wird sie davon zu überzeugen. Meine Henna ist ein gutes Kind, sie wird mit Sicherheit einmal eine fabelhafte Baronin und Mutter.“ Einige Herzschläge lang schien es als wolle sie hier enden, dann hob Travine doch noch einmal an zu sprechen. „Wann müsst Ihr wieder nach Ochsenweide zurückkehren Gorfried? Ich habe noch zwei Praiosläufe hier in Rommilys zu tun, dann würde ich Euch zu Eurer Mutter begleiten und Ihr uns dann hoffentlich nach Weidenhag, wo wir eure Verlobung offiziell machen können. Natürlich nur, wenn das in euer beider Interesse ist…“

„Der Baron und die Baronin haben in Rommilys noch einiges zu besprechen, Hochwürden. Morgen empfängt sie das erhabene Paar, dann kann ich es genauer sagen.“ Gorfried dachte kurz nach. „Mein Herr wollte dann auch das Oberhaupt seines Hauses in Hallingen aufsuchen. Der Zusammenhalt des Familie ist in diesen Tagen wichtiger denn je.“ Bei diesen Worten lächelte er seine Henna an. Bald würden auch sie eine solche Familie sein. „Mit Glück können wir zusammen nach Ochsenweide und von dort dann über Hallingen nach Weiden reisen.“

Erst jetzt fiel ihm wieder etwas ein, was die Weidenhager interessieren dürfte. „Henna, Du wirst in ihrer Hochgeboren eine interessante Gesprächspartnerin finden. Sie hat in Beilunk das Seminar besucht und dann in der Kanzlei der Grafschaft Ochsenwasser gedient.“

Gwidûhenna blickte einige Momente sinnierend vor sich auf die Tischplatte. "Herrin Beergard. Ja ich erinnere mich an sie. Eine hübsche, liebenswürdige und sehr fromme Frau, umso erschütternder waren für mich damals die Ereignisse am 29. Hesinde 1022 BF..." Die Baroness schüttelte den Kopf. "...Die Herrin gib, dass uns solche Ungeheuerlichkeiten in Zukunft erspart bleiben. Aufgabe des Adels ist der Schutz ihrer Anbefohlenen und nicht das Einschlagen von Köpfen anderer Adeliger..." Gwidûhenna lächelte bitter, wurde dann jedoch von Travine unterbrochen. "Gerne werden wir Euch begleiten Gorfried...", versuchte diese nun das Gespräch wieder einem etwas erfreulicherem Thema zuzuwenden, "...wenn Euer Herr und Eure Herrin damit einverstanden sind und Ihr versprecht uns in weiterer Folge nach Weidenhag zu begleiten."