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Die Jagd, Baronie Weidenhag, am selben Tag
So machten sich der Baron und Gorfried in Begleitung des Barönlichen Wildhüters und einem Jäger, der die beiden Windhunde führte auf in Richtung eines gut 5 Meilen entfernten Waldstückes. Die Stimmung in der kleinen Gruppe war nicht gerade herzlich zu nennen. Andîlgarn stellte dem Sturmfelser kurze Fragen und erwartete ebenso kurze und präzise Antworten. Dauerte ihm eine Ausführung Gorfrieds zu lange, unterbrach er ihn und stellte eine neue Frage.
So ließ sich der alternde Baron Gorfrieds Lebensgeschichte erzählen, sein Heranwachsen, seine Ausbildung in Rommilys, seinen Dienst beim Grafen von Ochsenwasser und sein jetziges Leben als Dienstritter des Baronspaares von Ochsenweide. Auch bei Erzählungen über die Familie des Sturmfelsers hakte der Baron des Öfteren nach und ließ sich einige Sachen sogar doppelt erzählen.
Im Wald angekommen erteilte Andîlgarn Anweisungen an die beiden Jäger. Er hatte für seinen jungen Gast ein ganz besonderes Tier im Sinn, auf dessen Spur er und seine Jäger erst vor wenigen Tagen bei einer Vorsuche gestoßen waren. Eigentlich wollte er den mächtigen Zwölfender für den nächsten Besuch des Grafen aufsparen, doch schien ihn dieser Anlass besser gewählt.
Der Hirsch war ein mächtiges, doch trotzdem sehr scheues Tier. Trotzdem gelang es den beiden Hetzern des Barons nach einiger Wartezeit den Hirsch vor die Bögen der beiden Adeligen zu treiben. Es war eine offen gestaltete Jagd, dem Herrn Firun zum Wohlgefallen. Hunde und barönliche Jagdknechte trieben ihn so, dass ihm auch der Weg zur Flucht offen stand. Beute und Jäger mussten sich messen, so wollten es die Gebote Firuns. So war es auch für Andîlgarn und Gorfried eine rechte Herausforderung den Hirschen zu begegnen, ohne das er sie zuvor entdeckt. Beide hatten nur einen Schuss, würden sie nicht treffen, wäre der Hirsch an diesem Tage Sieger.
Als Gastgeber gab Andîlgarn seinem Gast das Tier zum Abschuss frei, der es auch auf Anhieb traf. Es war ein wohl gesetzter Schuss aufs Blatt, der den Hirsch auf Anhieb niederstreckte. Der Baron quittierte diesen Treffer mit einem anerkennenden Kopfnicken. Während die beiden Jagdgehilfen den toten Körper des Zwölfenders bargen, schlug der Baron eine Rast in seiner nahegelegenen Jagdhütte vor. Dort angekommen bat er den Sturmfelser um ein Gespräch unter vier Augen.
„Ihr müsst wissen…“, sprach der Baron als er sich sichtlich erschöpft auf eine Holzbank fallen ließ, „…ich wusste bereits als Ihr Euch zu mir auf den Tisch gesetzt habt, was der Grund für Euren Besuch war.“ Den fragenden Blick seines Gegenübers quittierte Andîlgarn mit einem leisen Lachen. „Ja sogar ein mit Blindheit geschlagener hätte vernommen wie Ihr und Henna Euch gegenseitig anseht. Ihr dürft mich nicht falsch verstehen, Sturmfels, ich freue mich, dass meine Tochter jemanden gefunden hat, der sie glücklich macht.“
Der Baron nestelte eine kleine Flasche aus einer Tasche, entkorkte sie mit seinen Zähnen und nahm einen kräftigen Schluck daraus. „Und dass sie glücklich ist merkt man sehr deutlich, lächelt sie in Eurer Gegenwart doch ständig von einem Ohr bis zum anderen.“ Abermals verzogen sich die Lippen des Barons zu einem Lächeln. „Doch will ich als ihr Vater natürlich auch nur ihr Bestes. Ihr müsst wissen meine Henna hat es hier in Weiden nicht leicht. Beinahe alle Hochadeligen durchliefen in ihrer Ausbildung eine Knappenschaft – ja es ist beinahe selbstverständlich, dass Erstgeborene des Hochadels erst ihre Schwertleite erhalten müssen, bevor sie überhaupt „fähig“ dazu sind eine Baronie zu führen.“ Andîlgarn hielt kurz inne und nahm abermals einen Schluck aus seiner Flasche.
„Autorität ernten jene, die Schutz zu bieten wissen, sagen uns die Geweihten Rondras, doch meine Henna war nie eine fürs Grobe. Sie denkt mit dem Kopf und ihrem Herzen und nicht mit dem Schwertarm. Die Gemeinen halten sie beinahe schon für einen Alveraniar der Herrin Travia, doch die Adeligen nehmen sie nicht ernst.“ Der Baron nickte ernst. „Wisst Ihr eigentlich, dass meine Henna es war, die dem Grafen als Einzige davon abriet gegen den Drachen zu ziehen. Vielmehr, so sagte sie, sollen wir unsere Heime und Schutzbefohlenen schützen so gut wir können. Tja…“ Er lächelte bitter. „…man hätte auf sie hören sollen, doch ich schweife ab. Meine Henna braucht einen Mann an ihrer Seite, der sie in solchen Situationen stützt und mir stellt sich die Frage ob Ihr der Richtige dafür seid. Beweist mir dass Ihr den Mumm habt und Ihr dürft meine Henna heiraten.“
Gespannt hatte der Sturmfelser dem Baron zugehört. „Meine Eltern lehrten mich das offene Wort, Hochgeboren. Ich bin Darpate und das werde ich immer sein. Dem Rittertum und seinen Werten sind wir verbunden, doch in dieser Sache hätte ich von ganzem Herzen neben Henna gegen alle Ritter der Trutz gestanden.“ Gorfried blickte seinem Gegenüber fest in die Augen. „Mit Worten werde ich Euch jedoch kaum überzeugen. Nennt mir Eure Prüfung und ich will Euch beweisen, welch Mut in mir steckt.“
„Es geht nicht darum, dass Ihr Euch in Hennas Namen mit ganz Dere schlagen sollt.“ Der Baron lächelte und bot dem Sturmfelser einen Schluck aus seiner Flasche an. „Doch habt Ihr natürlich recht. Mit Worten werdet Ihr mich nicht davon überzeugen können.“ Einen Moment lang blickte Andîlgarn sinnierend vor sich hin und strich mit seiner Rechten durch seinen langen, wallenden Bart. Dann erhob er sich schwerfällig von der Bank und richtete seinen Schwertgürtel. „Folgt mir.“ Sprach er und schritt durch die Tür der Jagdhütte hinaus. Einige Momente später erhob sich auch Gorfried und kam der Bitte des Barons nach. Als der Sturmfelser aus der Tür trat sah er Andîlgarn breitbeinig vor sich stehen, seine Hände hatte er in die Hüften gestemmt. „Zieht blank und greift an, Sturmfels.“ Rief er ihm zu und machte dabei keinerlei Anstalten selbst seine Waffe zu ziehen.