Erwähnungen


Ein Bollwerk des Reiches – 90. Tsatag der Altgräfin Walderia von Löwenhaupt

Von der ersten Praiosstunde bis tief in die Nacht hallten zwei Tage lang Fanfaren, Lieder und Jubelschreie über die dunklen Wasser des Neunaugensees. Vor den trutzigen Mauern von Olats Feste, die wie ein uralter Wächter zwischen den Nebeln des Moors und den trügerischen Fluten des Sees steht, vereinten sich Anfang Rondra Geschichte, Glaube und das stolze Selbstverständnis einer Grafschaft, die seit Jahrhunderten unverbrüchlich zum Schild des Reiches zählt.

Die Herrin von Bärwalde

Am 1. und 2. Rondra 1046 BF erlebte die Grafschaft Bärwalde ein außergewöhnliches Fest, von dem die Weidener Chronisten sicher noch lange erzählen werden: Walderia von Löwenhaupt, die ehrwürdige Altgräfin, beging ihren 90. Tsatag. Auch wenn die Familie Löwenhaupt generell mit einer sehr langen Lebenszeit begünstigt zu sein scheint, erreichten sonst nur wenige in Weiden dieses hohe Alter. Mehr als sechzig Götterläufe herrschte Frau Walderia über das Land zwischen Finsterkamm und Pandlaril, aus dem erst 1014 BF die Heldentrutz herausgelöst wurde. Besonnen und hingebungsvoll führte sie die Geschicke Bärwaldes und wirkt angesichts der Bedrohung durch den alten Feind jenseits von Finsterkamm und Finsterbach bis heute als Vermittlerin zwischen Adel, Kirchen und dem einfachen Volk.

Die Altgräfin gilt weithin als weise und belesen, eine rondra- und firunfromme Herrin, die mehr Zeit mit Büchern, Chroniken und alten Legenden verbringt als mit dem Schwert oder höfischem Geplänkel. Unter ihrem Schutz erblühte nicht nur die Wehrhaftigkeit der Grafschaft Bärwalde, sondern auch Kunst und Kultur.

Nun, da sich Walderias Kräfte unweigerlich dem Alter beugen, führt Gräfin Griseldis von Pallingen, die sie als Tochter angenommen hat, das Luchsbanner weiter. Griseldis ist jung, leidenschaftlich und entschlossen und stand in den Tagen dieser besonderen Feier fest an der Seite ihrer Mutter – sofern es der kleine Tharald, Griseldis’ Erstgeborener, erlaubte.

Die Mauern von Olats Feste und der sie überragende, uralte Bergfried waren festlich geschmückt. Am blauen Himmel strahlte die Praiosscheibe und spiegelte sich im Wasser des Neunaugensees, Banner mit dem grün- und silber-gekonterten Löwenhaupt flatterten neben schwarz-goldenen Luchsbannern im Wind, und sogar das düstere Nebelmoor, das wie ein grauer Schleier den Horizont verschluckte, erschien weniger bedrohlich.

Ein Tag des Glaubens und der Treue

Walderia hatte ihren Ehrentag aber nicht nur für eine persönliche Feier vorgesehen, sondern auch als Zeichen der Treue Bärwaldes zum Herzogtum Weiden und als Bekräftigung, dass ihre Heimat von jeher ein tragender Teil des Schilds des Reiches war.

Der sommerlich warme Tag begann mit einem feierlichen Götterdienst unter freiem Himmel, gut gesichert durch die gräflichen Ritter des Hains und die Goldluchse, die Burgwachen auf der alten Wasserburg Olats Feste. Begleitet vom Klang der Hörner erhoben sich die Stimmen der Rondrageweihten des Ordens zur Wahrung auf dem Rhodenstein, deren weiße oder dunkelrote Mäntel mit dem eingestickten Ordenswappen im Wind flatterten. Der Abtmarschall, Brin Lirondiyan von Rhodenstein, führte in weißem Ornat höchstselbst die Delegation an, um der Altgräfin die Ehre zu erweisen.

Hofkaplan Jaargrein, ein wettergegerbter, mürrischer Firungeweihter mit grauem Bart und ernsten Augen, sprach ein eindringliches Gebet: „So wie uns unsere Wälder, Weiden und Gewässer ernähren, so mögen die Zwölfe uns mit Mut und Weisheit stärken. Kein Ork und kein Schrecken aus dem Nebelmoor soll jemals den Schild des Reiches durchdringen!“

Die Menge – Bauern, Handwerker, Ritter und Hochadlige – antwortete mit erhobenen Fäusten und rief: „Für Bärwalde! Für Weiden! Für das Reich!“

Unter den Gästen befanden sich neben Gräfin Griseldis von Pallingen und ihrer Familie auch die Herrscher der anderen Weidener Grafschaften: Graf Emmeran von Löwenhaupt, Graf Bunsenhold von Wolkenstein und Wettershag und Graf Arnwulf von Pandlaril sowie Pfalzgraf Kornrath Aldûf von Hohenstein. Zahlreiche Weidener Adlige sowie Gesandte aus Gareth, dem Kosch, den Nordmarken und aus Albernia hatten sich eingefunden. Selbst die geheimnisvolle Prinzessin Gwynna, auch die Hex' genannt, sah man hin und wieder an Walderias Seite. Auch Herzogin Walpurga von Weiden, die auf der Bärenburg krank das Bett hüten musste, hatte einen Vertreter entsandt, der kaum würdiger hätte sein können: Längst zum stattlichen Recken gereift, war es Prinz Arlan, der seiner Großtante lächelnd die liebsten Grüße der Mutter überbrachte.


Das Bognerfest – Wettstreit der Meisterschützen

Das erste große Ereignis dieser Tage war das traditionelle Bognerfest, ein Wettstreit, der auf Olat den Bogner zurückgeht. Dieser war als erster Graf vor rund tausend Jahren von Herzog Thordenin II. dem Schlauen mit Bärwalde belehnt worden. Mit seinem legendären Bogen und dem mächtigen Schwert Bärentöter, noch heute Herrschaftszeichen der Gräfin, schützte Olat die Seinen gegen die Bestien des Nebelmoors, bevor er Olats Wall am Rande des Nebelmoors errichten ließ. Und so erinnert dieser Wettkampf jeden Götterlauf aufs Neue an die ältesten Wurzeln Bärwaldes.

Unweit des Seeufers war eine hölzerne Schießarena errichtet worden. Ziele standen nicht nur auf dem festen Grund, sondern waren auch auf Flößen und zwischen künstlich nachgestellten Moorflächen befestigt. Es galt, den „Gegner“ zu Lande, zu Wasser und im Sumpf zu stellen.

Unter den wachsamen Augen von Alwen aus Avesruh, der frisch gekürten Anführerin der Bogner von Olats Schar, traten die 12 besten Schützen der Grafschaft, die nicht von adligem Stand waren, an.

Darunter stachen besonders hervor:

  • Phexhilf Schwarzzahn, ein wendiger, ehrgeiziger Schütze aus Olats Schar im Dienst der Altgräfin. Er ist für seine unerschütterliche Konzentration bekannt, aber auch für seine spitze Zunge und den Umstand, dass er bei jedem Wettstreit nicht nur den Sieg, sondern auch das Ansehen seiner Schar verteidigen will,
  • Torald Nebeljäger, einer der wagemutigen Kundschafter von Grimmharts Luchsen aus Beonfirn, die vom Sturmbanner ausgebildet worden waren, um die Orks auszuspähen,
  • Kjell Rotfeder, ein wortkarger Jäger aus Blaubinge,
  • Ismena Pfeilhauch, eine halbelfische Bognerin im Dienst von Liutpercht von Dûrenwald, der Landvögtin von Herzoglich Dornstein,
  • Hylvard Krummholz, ein stämmiger Wildhüter aus der Pfalzgrafschaft Bibergau.

Die ersten Runden waren geprägt von herausragenden Treffern und begeistertem Handgeklapper. Besonders auffällig war Phexhilf Schwarzzahn aus Olats Schar. Er schoss mit eleganten, fließenden Bewegungen und bewahrte dabei stets einen kühlen, berechnenden Blick. Ein weiterer Favorit war Torald Nebeljäger aus Beonfirn. Er wirkte schweigsam und konzentriert, als lausche er den Geräuschen des Windes. Seine Kameraden sagen ihm nach, er könne sich im Nebel so lautlos bewegen wie ein Geist. Er kenne jeden moorigen Pfad, jeden uralten Baum und jedes Echo in den Sümpfen – und er könne den Gestank eines Orks eher wittern als jeder andere.

Schließlich blieben nur diese beiden übrig. Im finalen Schuss auf das Ziel, eine bemalte Scheibe in Form eines Orkschädels, setzte Torald seinen Pfeil genau ins Schwarze. Sein Sieg wurde von tosendem Jubel begleitet.

Phexhilf Schwarzzahn nahm die Niederlage äußerlich gelassen hin. Er verneigte sich knapp vor Torald und sprach mit einem schmalen, verkniffenen Lächeln: „Dieses Mal war der Weiße Jäger mit dir, Nebeljäger! Doch nächstes Jahr wird es wieder mein Pfeil sein, der den letzten Ork zu Fall bringt.“


Bärwaldener Legenden – Der Wettstreit der Barden und Geschichtenerzähler

Am Nachmittag des ersten Rondratags füllte sich die Festwiese vor Olat abermals. Die Praiosscheibe neigte sich gen Westen, und ein warmer Abendwind trug den Duft von Braten, Met und süßem Gebäck heran. Bauern, Handwerker und Reisende mischten sich mit adligen Gästen, Ritter standen gespannt in Gruppen zusammen, und die Banner der Grafschaft wehten sanft im Wind.

Der zweite Wettbewerb stand unter dem Motto „Bärwaldener Legenden“. Mehr als ein Dutzend Barden und Geschichtenerzähler traten an, um die Altgräfin und ihre Gäste mit ihrer Kunst zu erfreuen. Die Bühne war aus frisch gezimmerten Bohlen errichtet und mit Girlanden aus Eichenlaub geschmückt – Symbol für Standhaftigkeit und Treue, wie sie der Grafschaft Bärwalde zu eigen ist.

Meister Eisewyn Auenfried oblag es, den Wettstreit anzuleiten. Der hagere, 70-jährige Mann trug bunte Gewandung und einen grauen Pagenschnitt, der seine ausdrucksvollen, braunen Augen zur Geltung brachte. Als Walderias Hofsänger und Geschichtenerzähler sorgt Meister Eisewyn dafür, dass Weidener Überlieferungen nicht in Vergessenheit geraten. Darüber hinaus unterstützt er die Altgräfin beim Verfassen der Gebete an die Tagesheiligen. Nur besonders begabte Schüler unterrichtet er persönlich in den Lehren Aldifreids des Sängers.

Unter den Teilnehmern waren:

  • Rodegar Löwenkelch, ein wortgewandter Spielmann aus Mittenberge, der im Haus Aldifreids des Sängers zu Trallop gelernt und gelehrt hat und seit kurzem auf Burg Rotdorn Gräfin Griseldis von Pallingen und ihren Gemahl Aldron von Rabenmund mit seinem Spiel erfreut
  • Dyderich vom Sümpfle aus dem Hause Gugelforst, ein adretter, talentierter Barde in der Tradition Aldifreids des Sängers, der mit seiner Dichtkunst die Herzen der Frauen zu erobern wusste
  • Yolanda von Brachfelde, die Schwester des Barons von Brachfelde und beliebte Bardin aus dem Sängerkreis Feenklang. Mit ihrem virtuosen Gesang und Lautenspiel berührt sie die Menschen.
  • Yolandas Neffe, Leonil Eichenstein von Brachfelde. Als junges Talent war er von Meister Eisewyn am Grafenhof gefördert worden. Später auf der Bärenburg hatte ihn Meistersänger Arve vom Ochsenwasser unter seine Fittiche genommen.
  • Aldegard Lerchenquell, eine verträumte Harfenistin aus Herzoglich Altentrallop, deren Musik nicht nur Stadtmeister Tannfried von Binsböckel zum Wohlgefallen gereicht
  • Taron Nebelblick, ein blinder, halbelfischer Erzähler und Dichter aus Perainenstein, der sich nur auf sein Gehör verließ und aufgrund seiner spöttischen Verse vom Adel wenig gelitten ist

Wolfhart von Creyenach, den viele mit Spannung erwartet hatten, war nicht erschienen. Der charmante, aber überaus spitzzüngige Barde war vor etlichen Götterläufen der jungen Griseldis von Pallingen in Liebe verfallen, heißt es. Dass sie seine Gefühlte erwidert haben soll, wird vom Grafenhof aufs Schärfste dementiert. Walderia hatte andere Pläne mit ihrer angenommenen Tochter, wies den unerwünschten Barden von ihrem Hof und vermählte Griseldis 1043 BF standesgemäß mit Aldron von Rabenmund.

Als erster Sänger betrat Rodegar Löwenkelch die Bühne. Der Meister hatte sich bereits in Trallop einen Namen gemacht und begeisterte nun seit einiger Zeit den Hof der Gräfin Griseldis in Pallingen. Rodegar genoss sichtlich das Handgeklapper der Menge und setzte sich siegessicher in Szene. Hochgewachsen, mit feurig rotem, glänzendem Haar und funkelnden Augen, wirkte er wie ein Held aus seinen eigenen Liedern. Er hob die Laute, die Finger glitten wie Falken über die Saiten, und seine Stimme erhob sich: klar, hell, kraftvoll und voller Glut. Er sang vom Orkensturm, von Ruhm, Blut und den Helden Bärwaldes. Die Menge schwankte zwischen Staunen und Jubel, Ritter nickten anerkennend, Bauern lauschten gebannt. Rodegar spielte mit Pathos und Virtuosität, doch auch mit Stolz und Selbstbewusstsein.

Nachdem der Beifall für Rodegar geendet hatte, betrat Yolanda von Brachfelde die Bühne. Ihr blondes Haar fiel offen über die Schultern und sie lächelte verspielt und selbstbewusst. „Ich bin nur eine Reisende auf der Straße der Lieder,“ begann sie, „doch vielleicht hat mir heute die Schöne Göttin selbst ihren Segen in die Stimme gelegt.“ Mit der Laute als Begleitung erfüllte ihre Stimme wie Honig die Festwiese – weich, süß, klar und doch kraftvoll genug, jedes Herz zu erreichen. Sie sang von Sehnsucht, Trost im Nebel und von der stillen Tapferkeit der Liebenden, die selbst in dunklen Zeiten standhaft bleiben. Die Zuhörer lauschten gebannt, jedes Wort, jede Geste ein Zeugnis von Können und Charme.

Meister Rodegar begegnete ihr am Bühnenrand, ein schmaler Blick des Respekts und der Rivalität in den Augen. Yolanda erwiderte ihn spielerisch: „Schön gesungen, Rodegar! Fast hätte ich geglaubt, du seist selbst beim Orkensturm dabei gewesen!“ Die Menge lachte, und für einen Moment schien das Duell zwischen Stolz und Charme greifbar in der Luft zu liegen.

Nach Yolanda traten mehrere weitere Barden und Geschichtenerzähler auf, jeder mit eigenen Liedern, Geschichten und Sagen aus den Baronien des Herzogtums. Einige, wie Dyderich vom Sümpfle, erzählten von mutigen Rittern, andere, wie Taron Nebelblick, von mystischen Wesen des Bärnwalds oder, wie Aldegard Lerchenquell, von Legenden der Tagesheiligen. Das Publikum lauschte aufmerksam, jeder Vortrag trug auf seine Weise zur Magie des Wettstreits bei.

Schließlich trat Madra Tannwurz, die alte Erzählerin, auf. Ihr Haar war schlohweiß, das Gesicht gezeichnet von Falten, doch ihre Augen funkelten klug und lebendig. Sie wirkte zunächst ruhig, beinahe zerbrechlich, doch als sie zu sprechen begann, erfüllte ihre Stimme die Wiese mit fesselnder Präsenz. Madra erzählte die Geschichte von Herzog Waldemar dem Bären, der einst im verfluchten Blautann ein Rätsel lösen musste, das selbst die kühnsten Ritter erzittern ließ. Nebel waberten zwischen uralten Bäumen, geheimnisvolle Stimmen flüsterten über Lichtungen, und ein alter Steinkreis offenbarte nur bei Vollmond sein Geheimnis. Madra spann die Worte wie einen silbernen Faden durch Raum und Zeit, ließ die Zuhörer die Gefahr und die Magie selbst spüren.

Als sie von den Taten und der Klugheit Herzog Waldemars erzählte, war Altgräfin Walderia sichtlich ergriffen. Tränen glitzerten in ihren Augen, als Erinnerungen an ihren geliebten Bruder wachgerufen wurden. Prinz Arlan von Weiden, ihr junger Neffe, bemerkte die Rührung und trat zu ihr. Behutsam nahm er sie in die Arme und flüsterte tröstende Worte: „Dein Bruder war ein wahrer Hüter Weidens.“ Nicht wenige Gäste behaupten, sie hätten dabei auch in seinem Augenwinkel eine Träne glitzern sehen.

Erfüllt vom Zauber der Geschichte zollte die Menge der alten Erzählerin fulminanten Beifall.

Die Entscheidung

Am Ende trat Meister Eisewyn vor und hob die Hand: „Heute haben wir große Kunst gehört. Viele Lieder und Geschichten haben uns bewegt. Doch die Meisterin des heutigen Wettstreits ist Madra Tannwurz, deren Erzählung die Seele Bärwaldes selbst spürbar machte.“

Die Menge brach in begeisterten Jubel aus. Madra Tannwurz verneigte sich tief. Altgräfin Walderia trat vor, setzte ihr sanft den Ehrenkranz aus Eichenlaub aufs Haupt und sprach: „Mögen deine Geschichten unserer Grafschaft stets erhalten bleiben.“

Als beste Barden wurden Rodegar und Yolanda mit einer kunstvoll geschnitzten Luchsfigur geehrt. Doch es war Madra Tannwurz, die den Sieg errungen hatte und deren Name unvergessen bleiben würde. Am Rand der Bühne standen die Jüngeren wie Leonil Eichenstein und Dyderich vom Sümpfle tief bewegt. Sie waren Zeugen eines seltenen Wettstreits aus Leidenschaft, Heldenmut und uralter Weisheit geworden – einem Wettstreit, der die Seele Bärwaldes auf der Festwiese vor Olat an diesem ersten Rondratag unvergesslich machte.

Das Rätsel im Blautann

Einst soll Waldemar der Bär tief in den Blautann geritten sein. Ein uralter Fluch hatte das Land am Finsterbach befallen: Es regnete ohne Unterlass, so dass die Ernte auf den Äckern verfaulte. Inmitten des unheilvollen Waldes stand er schließlich schwer gerüstet auf einer Lichtung, auf der er die Verursacherin des Fluches in üblicher Manier mit seiner Ochsenherde zu stellen gedachte. Aus dem dicht wabernden Nebel schälten sich drei gewaltige, moosüberwucherte Steintore. Eine unheimliche Stimme tönte aus dem Dunkel, kalt wie der Hauch des Winters:

„Wähle weise, Bärenherz.
Das erste Tor führt zum Sieg, doch auf Kosten deiner Güte.
Das zweite Tor führt zum Frieden, doch nur im Tausch für deine Stärke.
Das dritte Tor führt ins Nichts – und nur dort wirst du die Wahrheit finden.“

Waldemar erkannte, dass weder Gewalt noch List diese Prüfung lösen konnten. Er wählte das Tor des Nichts, bereit, Ruhm, Ehre und sein eigenes Verlangen nach Größe zu opfern – und trat hindurch. Als er einige Tage später zurückkehrte, war der Fluch gebrochen – nicht durch Kampfeskraft, sondern durch Selbstverzicht und Klugheit.

Das Tsatagsbankett

Während die Paiosscheibe dem Horizont entgegen sank, tauchte sie Olats Feste in goldene Töne und ließ die Wassergräben funkeln wie dunkles Glas. Die trutzigen Mauern und Türme warfen lange Schatten auf das glatte Pflaster des Burghofs, und die Luchsbanner flatterten im Abendwind. Auf der Festwiese vor Olat war der letzte Applaus des Bardenwettstreits verklungen, doch die Feierlichkeiten waren noch lange nicht beendet.

Die adligen Gäste und hohe Würdenträger zogen nun in den inneren Hof der Burg ein. Altgräfin Walderia empfing sie mit milder Würde und einem Lächeln, das Respekt und Herzlichkeit zugleich ausstrahlte. Rund um sie versammelten sich die Grafen und Barone, die Gesandten der benachbarten Provinzen sowie Geweihte der Kirchen, während die ersten Klänge von Flöten und leiser Harfenmusik den Burghof erfüllten und die Feier offiziell eröffneten. Diener der Altgräfin reichten Schalen voller Obst, Krüge mit Met und silberne Tabletts mit Braten und gebackenem Wild. Auf den Tischen glänzten Kerzen, deren Flammen tanzten und die Szene in ein festliches Licht tauchten.

Die Burg Olats Feste, klein, aber trutzig, war erfüllt von der Lebendigkeit und dem Stolz der Grafschaft Bärwalde, die an diesem Abend ihre Verbundenheit, Schlagkraft und Traditionsbewusstsein in jedem Detail des Festbanketts präsentierte.


Weidens Wehr misst sich im Lanzenstechen

Am zweiten Tag der Feierlichkeiten, als sich die güldene Praiosscheibe über den stillen Wassern des Neunaugensees erhob und den Nebel am Rand des Moores zurückdrängte, erfüllten schmetternde Fanfarenklänge, ein erwartungsvolles Stimmengewirr und das Stampfen schwerer Hufe die Festwiese. Das Lanzenstechen fand nicht innerhalb der engen Mauern von Olats Feste statt, sondern vor den Palisaden des rund 400 Einwohner zählenden Dorfes Olat, kaum einen Pfeilflug vom Hof der Altgräfin entfernt.

Dort hatte man einen weitläufigen Turnierplatz errichtet, geschmückt mit grün-weißen und schwarz-goldenen Bannerwimpeln. Auf den bunt beflaggten Tribünen saßen Adlige und Würdenträger, während sich das einfache Volk an den hölzernen Schranken drängte. Man ließ sich mit kurzweiligem Gaukelspiel und akrobatischen Kunststücken unterhalten. Händler und Handwerker tauschten die neuesten Neuigkeiten aus. Bauern reckten neugierig die Hälse. Knappen eilten geschäftig zwischen Zelten und Streitrössern umher. Und die Rondrageweihten vom Rhodenstein sprachen einen Segen über eine Schar stolzer Recken in prächtigen Rüstungen.

Das Einmalige an diesem Tsatagsturnier war, dass nicht wie sonst üblich alle Streiter von nah und fern daran teilnehmen durften, sondern dass es auf Walderias wunderlichen Wunsch hin der „rondragefälligen Ritterschaft“ vorbehalten war. Die Altgräfin hatte ihre Barone geheißen, je einen Favoriten zu benennen, der die Tugenden Bärwaldes – ritterliche Ehre und Zusammenhalt – am besten verkörpert. Gräfin Griseldis erwählte einen Streiter aus den Reihen der Ritter des Hains und von Olats Wacht, die Grafen der Heldentrutz, der Sichelwacht und Baliho ebenfalls je einen Ritter. Herzogin Walpurga hatte ihren Sohn, Prinz Arlan, höchstselbst entsandt.

So trat ein erlesener Kreis von sechzehn Ritter und Ritterinnen an, die als Paradebeispiele ihrer Zunft gelten können. Den Wettkampf leitete Wolfhard Melynlas von Rhodenstein. Der alternde Truchsess ist bestens vertraut mit Adel und Ordensmitgliedern, denn er bereist häufig die Lehen, in denen Besitzungen des Rhodensteins liegen.

Schon beim ersten Aufruf brandete Jubel auf: Arlan von Löwenhaupt, der 30-jährige Prinz von Weiden, ritt ein – hochgewachsen, mit goldblonden Locken und einem selbstbewussten Lächeln, das den Stolz seines Hauses widerspiegelte. Im grün-weißen Wappenrock der Löwenhaupts zeigte er sich mit jener natürlichen Würde, die nur wahrhaften Edlen zu eigen ist. Seine Lanze war präzise, seine Haltung untadelig, und sein Anblick allein ließ viele auf den Tribünen aufstehen. Als ersten Gegner wählte er Gringolf von Högelstein. Und als er den Ersten Ritter der Sichelwacht mit einem sauberen Treffer aus dem Sattel hob, brandete Jubel auf, begleitet vom Ruf: „Für Weiden! Für Rondra!“

Farold von Weiden-Harlburg, designierter Vogt von Rhodenstein, war einer der ältesten Teilnehmer auf dem Platz. Mit dem gepflegten Vollbart und der etwas altmodischen Rüstung wirkte der 38-jährige Ritter aus der Hollerheide wie ein Bild aus alten Tagen. Doch seine Erfahrung machte ihn gefährlich: ruhig, methodisch, ohne jeden Überschwang. Er führte seine Lanze, als wäre sie Teil seines Arms, und seine Treffer waren von einer Präzision, die manchen jungen Recken staunen ließ. „Ein Ritter vom Scheitel bis zur Sohle“, hatte Baron Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig gesagt – und die Menge verstand nun, was damit gemeint war.

Als Amelie Rondrina von Blauenburg aufgerufen wurde, ging ein Raunen durch die Menge. Mit ihrem tannengrünen Wappenrock, ihren leuchtend grünen Augen, ihrem kurzen, dunklen Haar und ihrer großen Statur war die junge Tochter von Baron Rondrian von Blauenburg eine besondere Erscheinung. Manche flüsterten von ihrem Lied, der „Tochter der drei Wege“, andere murmelten den Namen der Fee Pandlaril, deren Segen ihr nachgesagt wird. Amelies erster Ritt war makellos: Sie senkte die Lanze in perfektem Winkel, der Stoß traf den Schild ihres Gegners, Rondrasil Eichenstein von Brachfelde, mit solcher Wucht, dass Holz splitterte und der Junker zu Beonfirn den Halt verlor. Jubel brandete auf – nicht allein aus Bewunderung, sondern aus einer stillen Faszination für diese junge Frau, in der Anmut und Kampfgeist eine seltene Einheit bildeten.

Dann kam Rutger von Fuchsstein, der Erste Ritter des Hains und einer ihrer besten Lanzenreiter, blond, bullig und mit stahlblauen Augen. Seine schiefe Nase und die vielen Narben zeugen von zahlreichen Scharmützeln gegen die Orks. Von ihnen weiß er zahllose Geschichten zu erzählen. Gräfin Griseldis wählte Rutger zu ihrem Favoriten, denn sie kennt ihn noch bestens aus ihrer Zeit als Ritterin des Hains auf Olats Feste. Seine erste Gegnerin, eine Dienstritterin von Liutpercht von Dûrenstein, hielt nicht lange stand: Mit donnerndem Hufschlag preschte Rutger heran, seine Lanze traf wie ein Schmiedehammer und riss die Dornsteinerin zu Boden. „Das ist der Fuchsstein!“ jubelte die Menge, und die Ritter des Hains reckten stolz ihre schwarz-gelben Banner.

Weniger auffällig, aber mit stiller Entschlossenheit trat Ontho von Uhlredder an. Der junge Ritter aus Urkentrutz – groß, hager und mit einer prägnanten Hakennase – trägt die Farben des Guts Stegelsche und sein Familienwappen auf dem Schild. Der Sohn von Oberon von Uhlredder, einem loyalen Gefolgsmann der Baronin Lyssandra von Finsterborn und Schwertvater ihrer Tochter Minerva, steht für die neue Generation: Er ist besonnen, ernst und hatte ein starkes Gefühl für Pflicht und Heimat. Seine Reitkunst war makellos, doch seine Lanze war weniger wirksam. Nachdem er sich erst im dritten Stechen gegen den Streiter des Grafen Emmeran geschlagen geben musste, verließ er den Platz mit erhobenem Haupt und hatte den Respekt der Zuschauer sicher.

Der nächste, Fangol Dornschild aus Moosgrund, ist ein zäher Recke mit breitem Lächeln und aufrechtem Herz. Als Ritter des Alten Weges und Freund der Elfen ist er bekannt für seine Geschicklichkeit im Gelände. Selbst auf dem Turnierfeld schien sein Ross zu tanzen, und seine Lanze schlug präzise wie ein Pfeil. Seine Art, leicht und ohne Härte zu kämpfen, machte ihn zum Liebling der Menge.

Schließlich trat Kunrad von Pallingen an, der Bruder von Gräfin Griseldis. Er ritt im rot-weiß gestreiften Wappenrock, der das sitzende, rote Feenhörnchen auf Silber zeigte, das Wappentier der Familie von Pallingen. Der für seine Tapferkeit bekannte Ritter zu Wulfengrab stritt für Gräflich Pallingen und trug den Stolz seines Hauses in jeder Bewegung. Seine Lanze traf mit der Wucht eines Darpatbullen und hob seine Gegnerin, eine stämmige Ritterin aus dem Haus Binsböckel, aus den Schranken. Die Rufe „Pallingen! Pallingen!“ hallten über die Wiese.

Im Laufe des Tages schieden die Ritter aus, einer nach dem anderen. Holz splitterte, Lanzen brachen, Pferde wieherten, und der Staub des Kampfplatzes wirbelte in der Luft. Schließlich standen sich im letzten Durchgang Prinz Arlan von Löwenhaupt und Rutger von Fuchsstein gegenüber – Jugend gegen Erfahrung, Glanz gegen Standhaftigkeit.

Als die Fanfaren ertönten, senkten beide ihre Lanzen. Der Aufprall war wie ein Donnerschlag, die Lanzen zersplitterten. Rutger wankte, sein Schild zersprang und er stürzte vom Pferd. Arlan hingegen hielt dem Stoß stand und saß sicher im Sattel. Ein Augenblick der Stille – dann brandete Jubel auf, so laut, dass selbst die Mauern von Olats Feste davon widerhallten. Gräfin Griseldis selbst erhob sich, um den strahlenden Sieger zu beglückwünschen.

Die größte Ehrung war jedoch der Altgräfin Walderia von Löwenhaupt vorbehalten: Mit feierlichem Ernst überreichte sie Prinz Arlan den Luchsreif, die Siegestrophäe des Turniers: ein silberner Reif in der Form eines wachsamen Luchskopfes, dessen Augen aus zwei smaragdfarbenen Steinen bestanden. Er war ein Symbol für die Klugheit, Kraft und Wachsamkeit Bärwaldes.

Der Prinz von Weiden neigte den Kopf vor seiner weisen Großtante und sagte mit klarer Stimme: „Möge der Luchs über Bärwalde wachen – so wie Bärwalde über Weiden wacht.“

Und die Menge rief im Chor: „Für Weiden! Für die Gräfin! Für Rondra!“

Ein Fest, das Geschichte schrieb

Als die Nacht hereinbrach, spiegelten sich die Lichter des Abschlussfests hundertfach im Neunaugensee. Walderia trat ein letztes Mal vor die versammelte Menge. Der Trubel der Feierlichkeiten und die vielen Menschen hatten ihrem körperlichen Befinden arg zugesetzt, denn sie ließ sich vom guten Prinzen Arlan stützen. Aber ihr Geist war wach und ihr Wille ungebrochen: „Ihr alle habt gezeigt, dass Bärwalde nicht nur Land und Stein ist, sondern auch Herz und Mut. Ich weiß nun, dass mein Werk nicht enden wird, sondern in euch allen weiterlebt.“

Weit hinter ihr im Nebel des Moors glomm auf wundersame Weise noch immer Toralds Siegerpfeil – ein Zeichen dafür, dass der Schild des Reiches steht.