Bärwaldener Legenden – Der Wettstreit der Barden und Geschichtenerzähler
Am Nachmittag des ersten Rondratags füllte sich die Festwiese vor Olat abermals. Die Praiosscheibe neigte sich gen Westen, und ein warmer Abendwind trug den Duft von Braten, Met und süßem Gebäck heran. Bauern, Handwerker und Reisende mischten sich mit adligen Gästen, Ritter standen gespannt in Gruppen zusammen, und die Banner der Grafschaft wehten sanft im Wind.
Der zweite Wettbewerb stand unter dem Motto „Bärwaldener Legenden“. Mehr als ein Dutzend Barden und Geschichtenerzähler traten an, um die Altgräfin und ihre Gäste mit ihrer Kunst zu erfreuen. Die Bühne war aus frisch gezimmerten Bohlen errichtet und mit Girlanden aus Eichenlaub geschmückt – Symbol für Standhaftigkeit und Treue, wie sie der Grafschaft Bärwalde zu eigen ist.
Meister Eisewyn Auenfried oblag es, den Wettstreit anzuleiten. Der hagere, 70-jährige Mann trug bunte Gewandung und einen grauen Pagenschnitt, der seine ausdrucksvollen, braunen Augen zur Geltung brachte. Als Walderias Hofsänger und Geschichtenerzähler sorgt Meister Eisewyn dafür, dass Weidener Überlieferungen nicht in Vergessenheit geraten. Darüber hinaus unterstützt er die Altgräfin beim Verfassen der Gebete an die Tagesheiligen. Nur besonders begabte Schüler unterrichtet er persönlich in den Lehren Aldifreids des Sängers.
Unter den Teilnehmern waren:
- Rodegar Löwenkelch, ein wortgewandter Spielmann aus Mittenberge, der im Haus Aldifreids des Sängers zu Trallop gelernt und gelehrt hat und seit kurzem auf Burg Rotdorn Gräfin Griseldis von Pallingen und ihren Gemahl Aldron von Rabenmund mit seinem Spiel erfreut
- Dyderich vom Sümpfle aus dem Hause Gugelforst, ein adretter, talentierter Barde in der Tradition Aldifreids des Sängers, der mit seiner Dichtkunst die Herzen der Frauen zu erobern wusste
- Yolanda von Brachfelde, die Schwester des Barons von Brachfelde und beliebte Bardin aus dem Sängerkreis Feenklang. Mit ihrem virtuosen Gesang und Lautenspiel berührt sie die Menschen.
- Yolandas Neffe, Leonil Eichenstein von Brachfelde. Als junges Talent war er von Meister Eisewyn am Grafenhof gefördert worden. Später auf der Bärenburg hatte ihn Meistersänger Arve vom Ochsenwasser unter seine Fittiche genommen.
- Aldegard Lerchenquell, eine verträumte Harfenistin aus Herzoglich Altentrallop, deren Musik nicht nur Stadtmeister Tannfried von Binsböckel zum Wohlgefallen gereicht
- Taron Nebelblick, ein blinder, halbelfischer Erzähler und Dichter aus Perainenstein, der sich nur auf sein Gehör verließ und aufgrund seiner spöttischen Verse vom Adel wenig gelitten ist
Wolfhart von Creyenach, den viele mit Spannung erwartet hatten, war nicht erschienen. Der charmante, aber überaus spitzzüngige Barde war vor etlichen Götterläufen der jungen Griseldis von Pallingen in Liebe verfallen, heißt es. Dass sie seine Gefühlte erwidert haben soll, wird vom Grafenhof aufs Schärfste dementiert. Walderia hatte andere Pläne mit ihrer angenommenen Tochter, wies den unerwünschten Barden von ihrem Hof und vermählte Griseldis 1043 BF standesgemäß mit Aldron von Rabenmund.
Als erster Sänger betrat Rodegar Löwenkelch die Bühne. Der Meister hatte sich bereits in Trallop einen Namen gemacht und begeisterte nun seit einiger Zeit den Hof der Gräfin Griseldis in Pallingen. Rodegar genoss sichtlich das Handgeklapper der Menge und setzte sich siegessicher in Szene. Hochgewachsen, mit feurig rotem, glänzendem Haar und funkelnden Augen, wirkte er wie ein Held aus seinen eigenen Liedern. Er hob die Laute, die Finger glitten wie Falken über die Saiten, und seine Stimme erhob sich: klar, hell, kraftvoll und voller Glut. Er sang vom Orkensturm, von Ruhm, Blut und den Helden Bärwaldes. Die Menge schwankte zwischen Staunen und Jubel, Ritter nickten anerkennend, Bauern lauschten gebannt. Rodegar spielte mit Pathos und Virtuosität, doch auch mit Stolz und Selbstbewusstsein.
Nachdem der Beifall für Rodegar geendet hatte, betrat Yolanda von Brachfelde die Bühne. Ihr blondes Haar fiel offen über die Schultern und sie lächelte verspielt und selbstbewusst. „Ich bin nur eine Reisende auf der Straße der Lieder,“ begann sie, „doch vielleicht hat mir heute die Schöne Göttin selbst ihren Segen in die Stimme gelegt.“ Mit der Laute als Begleitung erfüllte ihre Stimme wie Honig die Festwiese – weich, süß, klar und doch kraftvoll genug, jedes Herz zu erreichen. Sie sang von Sehnsucht, Trost im Nebel und von der stillen Tapferkeit der Liebenden, die selbst in dunklen Zeiten standhaft bleiben. Die Zuhörer lauschten gebannt, jedes Wort, jede Geste ein Zeugnis von Können und Charme.
Meister Rodegar begegnete ihr am Bühnenrand, ein schmaler Blick des Respekts und der Rivalität in den Augen. Yolanda erwiderte ihn spielerisch: „Schön gesungen, Rodegar! Fast hätte ich geglaubt, du seist selbst beim Orkensturm dabei gewesen!“ Die Menge lachte, und für einen Moment schien das Duell zwischen Stolz und Charme greifbar in der Luft zu liegen.
Nach Yolanda traten mehrere weitere Barden und Geschichtenerzähler auf, jeder mit eigenen Liedern, Geschichten und Sagen aus den Baronien des Herzogtums. Einige, wie Dyderich vom Sümpfle, erzählten von mutigen Rittern, andere, wie Taron Nebelblick, von mystischen Wesen des Bärnwalds oder, wie Aldegard Lerchenquell, von Legenden der Tagesheiligen. Das Publikum lauschte aufmerksam, jeder Vortrag trug auf seine Weise zur Magie des Wettstreits bei.
Schließlich trat Madra Tannwurz, die alte Erzählerin, auf. Ihr Haar war schlohweiß, das Gesicht gezeichnet von Falten, doch ihre Augen funkelten klug und lebendig. Sie wirkte zunächst ruhig, beinahe zerbrechlich, doch als sie zu sprechen begann, erfüllte ihre Stimme die Wiese mit fesselnder Präsenz. Madra erzählte die Geschichte von Herzog Waldemar dem Bären, der einst im verfluchten Blautann ein Rätsel lösen musste, das selbst die kühnsten Ritter erzittern ließ. Nebel waberten zwischen uralten Bäumen, geheimnisvolle Stimmen flüsterten über Lichtungen, und ein alter Steinkreis offenbarte nur bei Vollmond sein Geheimnis. Madra spann die Worte wie einen silbernen Faden durch Raum und Zeit, ließ die Zuhörer die Gefahr und die Magie selbst spüren.
Als sie von den Taten und der Klugheit Herzog Waldemars erzählte, war Altgräfin Walderia sichtlich ergriffen. Tränen glitzerten in ihren Augen, als Erinnerungen an ihren geliebten Bruder wachgerufen wurden. Prinz Arlan von Weiden, ihr junger Neffe, bemerkte die Rührung und trat zu ihr. Behutsam nahm er sie in die Arme und flüsterte tröstende Worte: „Dein Bruder war ein wahrer Hüter Weidens.“ Nicht wenige Gäste behaupten, sie hätten dabei auch in seinem Augenwinkel eine Träne glitzern sehen.
Erfüllt vom Zauber der Geschichte zollte die Menge der alten Erzählerin fulminanten Beifall.
Die Entscheidung
Am Ende trat Meister Eisewyn vor und hob die Hand: „Heute haben wir große Kunst gehört. Viele Lieder und Geschichten haben uns bewegt. Doch die Meisterin des heutigen Wettstreits ist Madra Tannwurz, deren Erzählung die Seele Bärwaldes selbst spürbar machte.“
Die Menge brach in begeisterten Jubel aus. Madra Tannwurz verneigte sich tief. Altgräfin Walderia trat vor, setzte ihr sanft den Ehrenkranz aus Eichenlaub aufs Haupt und sprach: „Mögen deine Geschichten unserer Grafschaft stets erhalten bleiben.“
Als beste Barden wurden Rodegar und Yolanda mit einer kunstvoll geschnitzten Luchsfigur geehrt. Doch es war Madra Tannwurz, die den Sieg errungen hatte und deren Name unvergessen bleiben würde. Am Rand der Bühne standen die Jüngeren wie Leonil Eichenstein und Dyderich vom Sümpfle tief bewegt. Sie waren Zeugen eines seltenen Wettstreits aus Leidenschaft, Heldenmut und uralter Weisheit geworden – einem Wettstreit, der die Seele Bärwaldes auf der Festwiese vor Olat an diesem ersten Rondratag unvergesslich machte.
Das Rätsel im Blautann
Einst soll Waldemar der Bär tief in den Blautann geritten sein. Ein uralter Fluch hatte das Land am Finsterbach befallen: Es regnete ohne Unterlass, so dass die Ernte auf den Äckern verfaulte. Inmitten des unheilvollen Waldes stand er schließlich schwer gerüstet auf einer Lichtung, auf der er die Verursacherin des Fluches in üblicher Manier mit seiner Ochsenherde zu stellen gedachte. Aus dem dicht wabernden Nebel schälten sich drei gewaltige, moosüberwucherte Steintore. Eine unheimliche Stimme tönte aus dem Dunkel, kalt wie der Hauch des Winters:
„Wähle weise, Bärenherz.
Das erste Tor führt zum Sieg, doch auf Kosten deiner Güte.
Das zweite Tor führt zum Frieden, doch nur im Tausch für deine Stärke.
Das dritte Tor führt ins Nichts – und nur dort wirst du die Wahrheit finden.“
Waldemar erkannte, dass weder Gewalt noch List diese Prüfung lösen konnten. Er wählte das Tor des Nichts, bereit, Ruhm, Ehre und sein eigenes Verlangen nach Größe zu opfern – und trat hindurch. Als er einige Tage später zurückkehrte, war der Fluch gebrochen – nicht durch Kampfeskraft, sondern durch Selbstverzicht und Klugheit.
Das Tsatagsbankett
Während die Paiosscheibe dem Horizont entgegen sank, tauchte sie Olats Feste in goldene Töne und ließ die Wassergräben funkeln wie dunkles Glas. Die trutzigen Mauern und Türme warfen lange Schatten auf das glatte Pflaster des Burghofs, und die Luchsbanner flatterten im Abendwind. Auf der Festwiese vor Olat war der letzte Applaus des Bardenwettstreits verklungen, doch die Feierlichkeiten waren noch lange nicht beendet.
Die adligen Gäste und hohe Würdenträger zogen nun in den inneren Hof der Burg ein. Altgräfin Walderia empfing sie mit milder Würde und einem Lächeln, das Respekt und Herzlichkeit zugleich ausstrahlte. Rund um sie versammelten sich die Grafen und Barone, die Gesandten der benachbarten Provinzen sowie Geweihte der Kirchen, während die ersten Klänge von Flöten und leiser Harfenmusik den Burghof erfüllten und die Feier offiziell eröffneten. Diener der Altgräfin reichten Schalen voller Obst, Krüge mit Met und silberne Tabletts mit Braten und gebackenem Wild. Auf den Tischen glänzten Kerzen, deren Flammen tanzten und die Szene in ein festliches Licht tauchten.
Die Burg Olats Feste, klein, aber trutzig, war erfüllt von der Lebendigkeit und dem Stolz der Grafschaft Bärwalde, die an diesem Abend ihre Verbundenheit, Schlagkraft und Traditionsbewusstsein in jedem Detail des Festbanketts präsentierte.