Ein Bollwerk des Reiches – 90. Tsatag der Altgräfin Walderia von Löwenhaupt
Von der ersten Praiosstunde bis tief in die Nacht hallten zwei Tage lang Fanfaren, Lieder und Jubelschreie über die dunklen Wasser des Neunaugensees. Vor den trutzigen Mauern von Olats Feste, die wie ein uralter Wächter zwischen den Nebeln des Moors und den trügerischen Fluten des Sees steht, vereinten sich Anfang Rondra Geschichte, Glaube und das stolze Selbstverständnis einer Grafschaft, die seit Jahrhunderten unverbrüchlich zum Schild des Reiches zählt.
Die Herrin von Bärwalde
Am 1. und 2. Rondra 1046 BF erlebte die Grafschaft Bärwalde ein außergewöhnliches Fest, von dem die Weidener Chronisten sicher noch lange erzählen werden: Walderia von Löwenhaupt, die ehrwürdige Altgräfin, beging ihren 90. Tsatag. Auch wenn die Familie Löwenhaupt generell mit einer sehr langen Lebenszeit begünstigt zu sein scheint, erreichten sonst nur wenige in Weiden dieses hohe Alter. Mehr als sechzig Götterläufe herrschte Frau Walderia über das Land zwischen Finsterkamm und Pandlaril, aus dem erst 1014 BF die Heldentrutz herausgelöst wurde. Besonnen und hingebungsvoll führte sie die Geschicke Bärwaldes und wirkt angesichts der Bedrohung durch den alten Feind jenseits von Finsterkamm und Finsterbach bis heute als Vermittlerin zwischen Adel, Kirchen und dem einfachen Volk.
Die Altgräfin gilt weithin als weise und belesen, eine rondra- und firunfromme Herrin, die mehr Zeit mit Büchern, Chroniken und alten Legenden verbringt als mit dem Schwert oder höfischem Geplänkel. Unter ihrem Schutz erblühte nicht nur die Wehrhaftigkeit der Grafschaft Bärwalde, sondern auch Kunst und Kultur.
Nun, da sich Walderias Kräfte unweigerlich dem Alter beugen, führt Gräfin Griseldis von Pallingen, die sie als Tochter angenommen hat, das Luchsbanner weiter. Griseldis ist jung, leidenschaftlich und entschlossen und stand in den Tagen dieser besonderen Feier fest an der Seite ihrer Mutter – sofern es der kleine Tharald, Griseldis’ Erstgeborener, erlaubte.
Die Mauern von Olats Feste und der sie überragende, uralte Bergfried waren festlich geschmückt. Am blauen Himmel strahlte die Praiosscheibe und spiegelte sich im Wasser des Neunaugensees, Banner mit dem grün- und silber-gekonterten Löwenhaupt flatterten neben schwarz-goldenen Luchsbannern im Wind, und sogar das düstere Nebelmoor, das wie ein grauer Schleier den Horizont verschluckte, erschien weniger bedrohlich.
Ein Tag des Glaubens und der Treue
Walderia hatte ihren Ehrentag aber nicht nur für eine persönliche Feier vorgesehen, sondern auch als Zeichen der Treue Bärwaldes zum Herzogtum Weiden und als Bekräftigung, dass ihre Heimat von jeher ein tragender Teil des Schilds des Reiches war.
Der sommerlich warme Tag begann mit einem feierlichen Götterdienst unter freiem Himmel, gut gesichert durch die gräflichen Ritter des Hains und die Goldluchse, die Burgwachen auf der alten Wasserburg Olats Feste. Begleitet vom Klang der Hörner erhoben sich die Stimmen der Rondrageweihten des Ordens zur Wahrung auf dem Rhodenstein, deren weiße oder dunkelrote Mäntel mit dem eingestickten Ordenswappen im Wind flatterten. Der Abtmarschall, Brin Lirondiyan von Rhodenstein, führte in weißem Ornat höchstselbst die Delegation an, um der Altgräfin die Ehre zu erweisen.
Hofkaplan Jaargrein, ein wettergegerbter, mürrischer Firungeweihter mit grauem Bart und ernsten Augen, sprach ein eindringliches Gebet: „So wie uns unsere Wälder, Weiden und Gewässer ernähren, so mögen die Zwölfe uns mit Mut und Weisheit stärken. Kein Ork und kein Schrecken aus dem Nebelmoor soll jemals den Schild des Reiches durchdringen!“
Die Menge – Bauern, Handwerker, Ritter und Hochadlige – antwortete mit erhobenen Fäusten und rief: „Für Bärwalde! Für Weiden! Für das Reich!“
Unter den Gästen befanden sich neben Gräfin Griseldis von Pallingen und ihrer Familie auch die Herrscher der anderen Weidener Grafschaften: Graf Emmeran von Löwenhaupt, Graf Bunsenhold von Wolkenstein und Wettershag und Graf Arnwulf von Pandlaril sowie Pfalzgraf Kornrath Aldûf von Hohenstein. Zahlreiche Weidener Adlige sowie Gesandte aus Gareth, dem Kosch, den Nordmarken und aus Albernia hatten sich eingefunden. Selbst die geheimnisvolle Prinzessin Gwynna, auch die Hex' genannt, sah man hin und wieder an Walderias Seite. Auch Herzogin Walpurga von Weiden, die auf der Bärenburg krank das Bett hüten musste, hatte einen Vertreter entsandt, der kaum würdiger hätte sein können: Längst zum stattlichen Recken gereift, war es Prinz Arlan, der seiner Großtante lächelnd die liebsten Grüße der Mutter überbrachte.