Weidens Wehr misst sich im Lanzenstechen

Am zweiten Tag der Feierlichkeiten, als sich die güldene Praiosscheibe über den stillen Wassern des Neunaugensees erhob und den Nebel am Rand des Moores zurückdrängte, erfüllten schmetternde Fanfarenklänge, ein erwartungsvolles Stimmengewirr und das Stampfen schwerer Hufe die Festwiese. Das Lanzenstechen fand nicht innerhalb der engen Mauern von Olats Feste statt, sondern vor den Palisaden des rund 400 Einwohner zählenden Dorfes Olat, kaum einen Pfeilflug vom Hof der Altgräfin entfernt.

Dort hatte man einen weitläufigen Turnierplatz errichtet, geschmückt mit grün-weißen und schwarz-goldenen Bannerwimpeln. Auf den bunt beflaggten Tribünen saßen Adlige und Würdenträger, während sich das einfache Volk an den hölzernen Schranken drängte. Man ließ sich mit kurzweiligem Gaukelspiel und akrobatischen Kunststücken unterhalten. Händler und Handwerker tauschten die neuesten Neuigkeiten aus. Bauern reckten neugierig die Hälse. Knappen eilten geschäftig zwischen Zelten und Streitrössern umher. Und die Rondrageweihten vom Rhodenstein sprachen einen Segen über eine Schar stolzer Recken in prächtigen Rüstungen.

Das Einmalige an diesem Tsatagsturnier war, dass nicht wie sonst üblich alle Streiter von nah und fern daran teilnehmen durften, sondern dass es auf Walderias wunderlichen Wunsch hin der „rondragefälligen Ritterschaft“ vorbehalten war. Die Altgräfin hatte ihre Barone geheißen, je einen Favoriten zu benennen, der die Tugenden Bärwaldes – ritterliche Ehre und Zusammenhalt – am besten verkörpert. Gräfin Griseldis erwählte einen Streiter aus den Reihen der Ritter des Hains und von Olats Wacht, die Grafen der Heldentrutz, der Sichelwacht und Baliho ebenfalls je einen Ritter. Herzogin Walpurga hatte ihren Sohn, Prinz Arlan, höchstselbst entsandt.

So trat ein erlesener Kreis von sechzehn Ritter und Ritterinnen an, die als Paradebeispiele ihrer Zunft gelten können. Den Wettkampf leitete Wolfhard Melynlas von Rhodenstein. Der alternde Truchsess ist bestens vertraut mit Adel und Ordensmitgliedern, denn er bereist häufig die Lehen, in denen Besitzungen des Rhodensteins liegen.

Schon beim ersten Aufruf brandete Jubel auf: Arlan von Löwenhaupt, der 30-jährige Prinz von Weiden, ritt ein – hochgewachsen, mit goldblonden Locken und einem selbstbewussten Lächeln, das den Stolz seines Hauses widerspiegelte. Im grün-weißen Wappenrock der Löwenhaupts zeigte er sich mit jener natürlichen Würde, die nur wahrhaften Edlen zu eigen ist. Seine Lanze war präzise, seine Haltung untadelig, und sein Anblick allein ließ viele auf den Tribünen aufstehen. Als ersten Gegner wählte er Gringolf von Högelstein. Und als er den Ersten Ritter der Sichelwacht mit einem sauberen Treffer aus dem Sattel hob, brandete Jubel auf, begleitet vom Ruf: „Für Weiden! Für Rondra!“

Farold von Weiden-Harlburg, designierter Vogt von Rhodenstein, war einer der ältesten Teilnehmer auf dem Platz. Mit dem gepflegten Vollbart und der etwas altmodischen Rüstung wirkte der 38-jährige Ritter aus der Hollerheide wie ein Bild aus alten Tagen. Doch seine Erfahrung machte ihn gefährlich: ruhig, methodisch, ohne jeden Überschwang. Er führte seine Lanze, als wäre sie Teil seines Arms, und seine Treffer waren von einer Präzision, die manchen jungen Recken staunen ließ. „Ein Ritter vom Scheitel bis zur Sohle“, hatte Baron Lanzelund von Weiden-Harlburg und Streitzig gesagt – und die Menge verstand nun, was damit gemeint war.

Als Amelie Rondrina von Blauenburg aufgerufen wurde, ging ein Raunen durch die Menge. Mit ihrem tannengrünen Wappenrock, ihren leuchtend grünen Augen, ihrem kurzen, dunklen Haar und ihrer großen Statur war die junge Tochter von Baron Rondrian von Blauenburg eine besondere Erscheinung. Manche flüsterten von ihrem Lied, der „Tochter der drei Wege“, andere murmelten den Namen der Fee Pandlaril, deren Segen ihr nachgesagt wird. Amelies erster Ritt war makellos: Sie senkte die Lanze in perfektem Winkel, der Stoß traf den Schild ihres Gegners, Rondrasil Eichenstein von Brachfelde, mit solcher Wucht, dass Holz splitterte und der Junker zu Beonfirn den Halt verlor. Jubel brandete auf – nicht allein aus Bewunderung, sondern aus einer stillen Faszination für diese junge Frau, in der Anmut und Kampfgeist eine seltene Einheit bildeten.

Dann kam Rutger von Fuchsstein, der Erste Ritter des Hains und einer ihrer besten Lanzenreiter, blond, bullig und mit stahlblauen Augen. Seine schiefe Nase und die vielen Narben zeugen von zahlreichen Scharmützeln gegen die Orks. Von ihnen weiß er zahllose Geschichten zu erzählen. Gräfin Griseldis wählte Rutger zu ihrem Favoriten, denn sie kennt ihn noch bestens aus ihrer Zeit als Ritterin des Hains auf Olats Feste. Seine erste Gegnerin, eine Dienstritterin von Liutpercht von Dûrenstein, hielt nicht lange stand: Mit donnerndem Hufschlag preschte Rutger heran, seine Lanze traf wie ein Schmiedehammer und riss die Dornsteinerin zu Boden. „Das ist der Fuchsstein!“ jubelte die Menge, und die Ritter des Hains reckten stolz ihre schwarz-gelben Banner.

Weniger auffällig, aber mit stiller Entschlossenheit trat Ontho von Uhlredder an. Der junge Ritter aus Urkentrutz – groß, hager und mit einer prägnanten Hakennase – trägt die Farben des Guts Stegelsche und sein Familienwappen auf dem Schild. Der Sohn von Oberon von Uhlredder, einem loyalen Gefolgsmann der Baronin Lyssandra von Finsterborn und Schwertvater ihrer Tochter Minerva, steht für die neue Generation: Er ist besonnen, ernst und hatte ein starkes Gefühl für Pflicht und Heimat. Seine Reitkunst war makellos, doch seine Lanze war weniger wirksam. Nachdem er sich erst im dritten Stechen gegen den Streiter des Grafen Emmeran geschlagen geben musste, verließ er den Platz mit erhobenem Haupt und hatte den Respekt der Zuschauer sicher.

Der nächste, Fangol Dornschild aus Moosgrund, ist ein zäher Recke mit breitem Lächeln und aufrechtem Herz. Als Ritter des Alten Weges und Freund der Elfen ist er bekannt für seine Geschicklichkeit im Gelände. Selbst auf dem Turnierfeld schien sein Ross zu tanzen, und seine Lanze schlug präzise wie ein Pfeil. Seine Art, leicht und ohne Härte zu kämpfen, machte ihn zum Liebling der Menge.

Schließlich trat Kunrad von Pallingen an, der Bruder von Gräfin Griseldis. Er ritt im rot-weiß gestreiften Wappenrock, der das sitzende, rote Feenhörnchen auf Silber zeigte, das Wappentier der Familie von Pallingen. Der für seine Tapferkeit bekannte Ritter zu Wulfengrab stritt für Gräflich Pallingen und trug den Stolz seines Hauses in jeder Bewegung. Seine Lanze traf mit der Wucht eines Darpatbullen und hob seine Gegnerin, eine stämmige Ritterin aus dem Haus Binsböckel, aus den Schranken. Die Rufe „Pallingen! Pallingen!“ hallten über die Wiese.

Im Laufe des Tages schieden die Ritter aus, einer nach dem anderen. Holz splitterte, Lanzen brachen, Pferde wieherten, und der Staub des Kampfplatzes wirbelte in der Luft. Schließlich standen sich im letzten Durchgang Prinz Arlan von Löwenhaupt und Rutger von Fuchsstein gegenüber – Jugend gegen Erfahrung, Glanz gegen Standhaftigkeit.

Als die Fanfaren ertönten, senkten beide ihre Lanzen. Der Aufprall war wie ein Donnerschlag, die Lanzen zersplitterten. Rutger wankte, sein Schild zersprang und er stürzte vom Pferd. Arlan hingegen hielt dem Stoß stand und saß sicher im Sattel. Ein Augenblick der Stille – dann brandete Jubel auf, so laut, dass selbst die Mauern von Olats Feste davon widerhallten. Gräfin Griseldis selbst erhob sich, um den strahlenden Sieger zu beglückwünschen.

Die größte Ehrung war jedoch der Altgräfin Walderia von Löwenhaupt vorbehalten: Mit feierlichem Ernst überreichte sie Prinz Arlan den Luchsreif, die Siegestrophäe des Turniers: ein silberner Reif in der Form eines wachsamen Luchskopfes, dessen Augen aus zwei smaragdfarbenen Steinen bestanden. Er war ein Symbol für die Klugheit, Kraft und Wachsamkeit Bärwaldes.

Der Prinz von Weiden neigte den Kopf vor seiner weisen Großtante und sagte mit klarer Stimme: „Möge der Luchs über Bärwalde wachen – so wie Bärwalde über Weiden wacht.“

Und die Menge rief im Chor: „Für Weiden! Für die Gräfin! Für Rondra!“

Ein Fest, das Geschichte schrieb

Als die Nacht hereinbrach, spiegelten sich die Lichter des Abschlussfests hundertfach im Neunaugensee. Walderia trat ein letztes Mal vor die versammelte Menge. Der Trubel der Feierlichkeiten und die vielen Menschen hatten ihrem körperlichen Befinden arg zugesetzt, denn sie ließ sich vom guten Prinzen Arlan stützen. Aber ihr Geist war wach und ihr Wille ungebrochen: „Ihr alle habt gezeigt, dass Bärwalde nicht nur Land und Stein ist, sondern auch Herz und Mut. Ich weiß nun, dass mein Werk nicht enden wird, sondern in euch allen weiterlebt.“

Weit hinter ihr im Nebel des Moors glomm auf wundersame Weise noch immer Toralds Siegerpfeil – ein Zeichen dafür, dass der Schild des Reiches steht.