Alljährlich treffen sich die Weidener Briefspieler im Winter des jeweiligen Jahres, um an einem Wochenende gemeinsam in Weidener Gefilden zu wandeln, sich auszutauschen, miteinander zu plauschen und schließlich auch die Würfel rollen zu lassen. Dieses Ereignis wird Weidener Kaminstübchen genannt und bisweilen bereitet das Orga-Team eines der Treffen mit einer Reihe von Stimmungstexten vor. Sie sollen die Spieler in selbige bringen und bisweilen auch an das eine oder andere erinnern, was in den Tischspielplots aufgegriffen werden könnte...
Nachfolgend werden die Stimmungstexte zum Kaminstübchen 2023 vorgestellt.
Vorfreude
Reichsend, Ende Hesinde 1045 BF
Der Graf der Heldentrutz, Emmeran von Löwenhaupt, brummte zufrieden und schickte den Boten handwedelnd davon. In die Küche, sich etwas Warmes zu gönnen. Draußen hatte der Alte vom Berge längst die Herrschaft angetreten. Feld und Flur lagen unter einer dicken, mal pudrigen, häufiger verharschten Schicht. Alles wirkte nun viel sauberer und die Nächte waren heller, denn bei klarem Wetter spiegelte der glitzernde Schnee Mondenschein und Sternenglanz .
Es war eine Freude und ebensolche empfand der Graf, wenn er an die anstehenden Ereignisse dachte. Das war eine deutliche Verbesserung zu der Stimmung, in den ihn die Erkenntnis versetzt hatte, dass alle ... wirklich alle ... Weidener Grafschaften eine Jagd veranstalteten, die das Grafenhaus selbst auslobte.
Nur seine nicht!
Auf der anderen Seite: die Heldentrutz war immer auf der Jagd. Auf der Pirsch nach Schwarzpelzen, die über den Finsterkamm herüberschwappten und auf der Hatz nach solchen, die ihr Unwesen beständig an den Osthängen des Schicksalsgebirges trieben. Man war in der Heldentrutz schlicht immer beschäftigt mit dem, was im fetten Baliho und im beschaulichen Bärwalde wenig mehr war, als eine Freizeitbeschäftigung. Dass aber die Sichelwacht, jene ärmliche Grafschaft am anderen Ende der Mittnacht, auch eine gräfliche Jagd hatte, das hatte Emmeran gefuchst. Wenn sogar diese Habenichtse mit ihrem nichtsnutzigen Graf, der sich nichtmal den Anschein gab, ein anständiger Ritter zu sein, eine eigene Grafenjagd veranstalteten, dann, ja dann konnte die Heldentrutz nicht hinten an stehen!
Darum hatte er die Erste Heldentrutzer Grafenpirsch ins Leben gerufen und sich voller Elan an die Planung gemacht. In Herzoglich Waldleuen sollte sie stattfinden und somit, mit ausdrücklicher Billigung der Herzogin. Im Iseholz würden sie pirschen, jenem geschichtsträchtigen Wald, in dem schon Isegrein der Alte in Altvorderer Zeit gejagt und, wenn man den Geschichten Glauben schenken wollte, mit dem Leu gesprochen hatte. Dem Leu, erstem der Waldlöwen und Liebling der Sturmesgleichen, den sie in der Heldentrutz zur Ruhe gebettet hatte.
In seiner Grafschaft, die ihren Namen nicht von ungefähr trug, denn hier trotzten Helden!
Der Löwenhaupter brummte wohlig und ließ sich zu einem kleinen Lächeln hinreißen. Da war es nur würdig und recht, dass sein Neffe Arlan, Prinz der Weidenlande, sich anlässlich der Heldentrutzer Grafenpirsch die Ehre gab. Ebenso wie Arnwulf von Pandlaril, Graf von Baliho und die junge Griseldis von Pallingen, Gräfin von Bärwalde. Die Sichelwacht würde sicher irgendwen schicken, um das Gesicht zu wahren und das war Emmeran auch recht, denn den Wolkensteiner wollte er nun wirklich nicht um sich haben. Darüber hinaus hatten alle großen Häuser Weidens ihr Kommen zugesagt und ebenso, der Vorsteher des Hauses der Eisigen Stelen in Trallop.
Die Grafenpirsch war also schon im Vorfeld ein Erfolg und der Graf der Heldentrutz freute sich inzwischen wirklich auf das Ereignis. Sein Jagdmeister hatte verschiedene Vorjagden durchgeführt und zeigte sich zufrieden mit dem Wildbesatz im Iseholz. An würdiger Beute würde es also nicht mangeln, ebensowenig an gut abgehangenem Wildbret für Eröffnungs- und Abschlußbankett. Jetzt konnte ihm eigentlich nur das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen, aber irgendwie hatte der Löwenhaupter im Gefühl, dass dieses heurer nicht sein Problem sein würde. Was sollte schon schief gehen?
Bedenken
Junkergut Leuengrund, Firun 1045 BF
Griffpurga von Halberg-Kyndoch saß mit ihrer Stickarbeit vor dem wohlig prasselnden Kaminfeuer der guten Stube des Gutshauses. Die stets frierende, schlanke Frau streckte ihre Glieder von sich und seufzte. Es war ruhig gewesen … zu ruhig, denn wie schon die vergangenen Abende hatte ihr Gemahl wieder Wichtigeres zu tun als ihr Gesellschaft zu leisten. Bärwulf war die letzte Zeit seltsam geworden, kam spät ins Bett, verließ dieses früh und sprach nicht viel.
Dennoch wusste die Landritterin, wo es ihn auch an diesem Abend herum trieb. Sie erhob sich von ihrem lauschigen Platz, legte die Handarbeit beiseite und warf sich einen dicken Mantel über ihr dünnes Abendkleid. Beim ersten Schritt aus dem Gutshaus wurde die Halbergerin von einem eisigen Windstoß begrüßt, der ihr offenes und bereits ausgekämmtes, honigblondes Haar in alle Richtungen fliegen ließ. Hätte sie in diesem Moment nicht alle Hände voll damit zu tun gehabt, den Mantel fest zu halten, die Adelsdame hätte geflucht wie ein altes Waschweib und sich die Katastrophe auf ihrem Haupt sogleich wieder zurecht gestrichen. Griffpurga hasste sich dafür, jenem inneren Impuls nachgegeben zu haben und in diese niederhöllischen Kälte hinaus getreten zu sein, doch sollte ihr Ausflug aus der warmen Stube nicht allzu lange dauern.
Wie angenommen fand sie ihren Gemahl am hölzernen Wehrgang der Palisade des Rittergutes. Das Licht des Madamals ließ ihn in diesem Moment wie eine Figur aus einer fremden Sphäre erscheinen, während der eisige Wind an seinem schweren Mantel zerrte. Bärwulf vom Blautann stand hier gerüstet in der Dunkelheit - wie schon die vergangenen Abende.
“Bärwulf, bei Firun und Efferd …”, kämpfte Griffpurga gegen das Heulen des Windes an, “... was tust du hier schon wieder? Komm in die Wärme. Du holst dir hier den Tod.”
Es kam - wie es zu erwarten war - keine Antwort, was die Halbergerin dazu verleitete zu ihm hoch zu steigen. Vor ihnen lag der zugefrorene Vier-Lehen-See, welcher im Madaschein seltsam zu leuchten schien. Die Aufmerksamkeit ihres Mannes jedoch lag am dunklen Schatten dahinter - jenem düsteren Wald, dessen Namen auch Bärwulf und ihre drei gemeinsamen Kinder trugen.
“Was ist mit dir, Mann?”
Nun endlich wandte sich der Ritter seinem Weib zu. “Ich habe geträumt … sieben Nächte derselbe Traum ... ich suche Antworten.”
“Geträumt?”
“Ja von Sankta Fringilla und fallenden Blautannen”, ein seltsamer Glanz lag in seinen Augen. “Es scheint, als würde mich der Wald rufen … irgendetwas stimmt nicht …”
“Sankta Fringilla? Hat sie zu dir gesprochen?”, kam es ungläubig aus dem Mund seiner Frau, doch schüttelte Bärwulf darauf lediglich seinen Kopf.
“Ich weiß nicht ob es klug ist, der Einladung des Grafen zum Iseholz nachzukommen. Ich habe mich auch mit Nuria ausgetauscht ... ich sollte in den Bl …”
“Humbug!”, fuhr ihm Griffpurga dazwischen. “Du wirst zur Jagd gehen und deine Familie dort vertreten. Der Blautann steht in ein paar Tagen auch noch!”
Unkerei
Irgendwo in der Heldentrutz, Anfang Firun 1045 BF
"Grafenjagd?", fragte der eine ungläubig. "Im Winter?"
"Jawohl, im Winter, da haben die feinen Herrschaften Langeweile", nickte der andere. "Im Iseholz wollen sie pirschen, kennste?"
"Ne, wo is' das?"
"Herzoglich Waldleuen, mitten drin. Kleiner Wald, hübsch aufgeräumt, damit den feinen Herrschaften auch nichts Übles widerfährt."
"In Waldleuen liegt aber auch unser Wald", hakt der eine stirnrunzelnd nach.
"Ganz recht, mein Freund, ganz recht", grinst der andere, "du kannst es ruhig aussprechen: der richtige Wald, der einzig wahre, der einen prüft und alles abverlangt. Wundert es dich, dass sie ihn meiden, die Grafen und Barone, die Junker und Ritter? Sind nicht wirklich wagemutig, die Weidener. Nicht, wie ehedem. Verweichlicht sind sie heuer, wenn du mich fragst."
"Ai, das stimmt. Wird Zeit, dass wir uns das zu Nutze machen, eh?"
"Oh ja, genau das. Wollen ihnen mal zeigen, wie wahr die Bedeutung hinter den Worten 'In den Blautann gehen' doch ist!"
"Vielleicht gib es am Ende eine neue Weidener Redensart. Wie wärs mit: Den Blautann sehen und sterben", feixt der eine.
"Wenns nach uns geht, auf jeden Fall", nickt der andere und prostet seinem Kumpan schief grinsend zu. "Dafür müsste aber einer überleben!"
Kehliges Lachen füllt die kleine, schiefe Kate irgendwo im Heldentrutzer Nirgendwo.
Bärendienst
Ingerimms Steg, Burg Drôlenhorst, Herbst 1045 Bosparans Fall
„Wie stellt der sich das denn vor? Als ob ich hier nicht genug zu tun hätte.“
Affra von Fluck, Vögtin von Ingerimms Steg, flätzte sich auf dem hochlehnigen Stuhl hinter dem wuchtigen Schreibtisch und betrachtete den aufgefalteten Brief in ihren fleischigen Händen mit einem Blick, den man sich sonst für Dinge vorbehielt, die gelegentlich unter Stiefelabsätzen zu finden waren und klebten. Mit einem Schnauben warf sie das Dokument achtlos zurück auf den Stapel der restlichen Korrespondenz, um die sie sich zu kümmern gedachte.
„Ich reise doch nicht mitten im tiefsten Winter wochenlang quer durchs halbe Herzogtum, um an einer Jagdpartie teilzunehmen, wo sich dann irgendwelche Wichtigtuer gegenseitig Honig ums Maul schmieren“, ätzte sie. „Heldentrutzer Grafenpirsch, pfh.“
Torgunn von Ascheraden stand mit durchgedrücktem Rücken einige Schritt entfernt hinter einem Stehpult und legte bei den Worten Affras leicht den Kopf schief. Die Hofdame unterstützte die Vögtin häufig bei anliegendem Briefverkehr, da sie bisweilen recht hilfreiche Gedanken beizusteuern wusste und gut zu formulieren verstand. Darüber hinaus verfügte sie über eine durchaus gefällige Handschrift.
„Nun, wenn Ihr der Einladung aus verständlichen Gründen nicht persönlich zu folgen vermögt, wie wäre es dann, vielleicht einen Vertreter dorthin zu entsenden, Hochgeboren? Mir erscheint das ratsam“, sagte sie sanft.
„Und wer schwebt Euch da vor?“, fuhr die Vögtin sie an. „Euer Gatte womöglich? Das wird sicher nicht passieren. Der Platz des Burghauptmanns ist schließlich hier. Und überhaupt fiele mir auch sonst niemand ein, auf den ich einfach so mal eben verzichten könnte, damit er oder sie in irgendeinem Hinterwald am anderen Ende der Mittnacht durchs Unterholz schleichen kann. Nein, wir werden das ganze einfach absagen. Die Einladung wird ohnehin nur pro forma erfolgt sein.“
„Wie Ihr wünscht“, entgegnete die Ascheraderin, legte sich sogleich ein Blatt Papier zurecht und schickte sich an, das kleine Tintenfässchen zu öffnen, das am oberen Rand ihres Pultes in einer Aussparung eingelassen war. Plötzlich jedoch hielt sie inne und sah auf. „Wie wäre es mit dem Kressinger?“
Die Vögtin schien einen kurzen Moment über den Vorschlag nachzudenken, winkte dann aber ab. „Ich glaube, der alte Branghain versteht sich nicht besonders auf das Waidhandwerk. Und nachdem, was ich weiß, wird Graf Emmeran wohl nicht viel von einem Gesandten halten, der keiner adligen Familie entstammt und seinen Rittertitel ehrenhalber verliehen bekommen hat.“
Torgunn nickte. „Ja, das stimmt wohl. Ich dachte nur, weil der Herr Coran doch vor einiger Zeit den verwaisten Firunschrein auf seinem Lehn wieder hat einsegnen lassen. Da hätte das mit der Jagd als Anerkennung für seine Bemühungen ganz gut gepasst. Aber Ihr habt natürlich recht. Wahrscheinlich würde sich der Gute nur quälen.“
Nun war es Affra, die stutzte und langsam den Kopf zur Seite in Richtung ihrer Hofdame drehte. „Obwohl …, wenn ich es noch einmal bedenke, habt Ihr da in der Tat einen Punkt. Der Branghainer sollte unbedingt in angemessener Weise für seine Verdienste um den Alten vom Berg belohnt werden.“ Der Anflug eines Lächelns umspielte jetzt ihre schmalen Lippen. „Also, Ihr setzt zwei Schreiben auf! Eines als Antwort für den Grafen, in dem wir bedauern, dass ich der Einladung nicht selbst entsprechen kann - unabkömmlich, dringliche Amtsgeschäfte und so weiter -, aber dass wir uns freuen, einen treuen Vasallen und großen Verehrer des Wintergottes an meiner statt entsenden zu können. Und die zweite Depesche geht nach Kressing, in der wir Ritter Coran ui Branghain mitteilen, dass wir gedenken, ihm eine große Ehre zukommen zu lassen.“
In der Goldenen Au
Schloss Ginsterhold, Goldene Au, Königreich Garetien, Ende Hesinde 1045 BF
Friedlich, ins Weiß der winterlichen Landschaft gebettet, lag das malerische Wasserschloss Ginsterhold, das seit über 50 Götterläufen dem aus Aranien stammenden reichstreuen Haus Aimar-Gor – neben dem Alcazaba Aimar-Gor in der Reichsstadt Perricum - als Stammsitz diente. Der Reichsrat und zeitweise kommissarische Reichserzkanzler des Raulschen Reiches Pelion Eorcaïdos von Aimar-Gor hatte das einst verschlafene Schloss durch seine pompösen Bälle und Empfänge zu einem gesellschaftlichen Brennpunkt der Reichen und Mächtigen der Goldenen Au gemacht. Vielmehr, seine Frau Rymiona von Aimar-Gorzeichnete sich dafür verantwortlich.
Reichsvogt Reto Eorcaïdos von Aimar-Gor blickte aus dem Fenster auf den gefrorenen Schlosssee, während sein Leibdiener Amar Feqzaïl einen silbernen Luchskopf-Anstecker an seinen goldbestickten Brokatmantel befestigte. Bald schon, wenn der Frühling in der Goldenen Au wieder Einzug hielt, würde er wieder auf ein Meer aus roten und weißen Seerosen blicken, die nahezu die gesamte Oberfläche des Sees ausfüllten. Reto liebte diesen Anblick – wohl auch, weil die Farben Rot und Weiß die Farben seines Hauses waren.
Das Läuten eines Glöckchens verriet Reto die Ankunft seines Gastes, seinen väterlichen Freund Borro von Agur. Retos Vetter Timshal von Palmyr-Donas, der ihm in seiner Eigenschaft als Reichsvogt der Gerbaldsmark als Kammerherr diente, führte den Agur herein. Beide Männer begrüßten sich innig mit einer Umarmung.
„Mein lieber Borro, wie schön dich vor meiner Abreise noch einmal anzutreffen.“
„Selbstredend, mein Bester!“ Der sehr gepflegte und tadellos in der neusten Garether Mode gekleidete Agur lächelte erfreut. „Wie ich hörte, wirst du den Winterball deiner Frau Mutter nicht mit deiner Anwesenheit beehren, um … nach Weiden zu reisen?“
„Zwitschern sich dies die Vöglein am Hof meiner Mutter zu? Ja, mein Lieber, so ist es. Graf Emmeran von Löwenhaupt lädt zur ersten Heldentrutzer Grafenjagd und du weißt doch, seit der Grafenhochzeit in Bärwalde habe ich womöglich eine kleine Schwäche für die Weidener Lande.“
„Für das Land oder für ihre strammen Recken?“ Borro lächelte süffisant und nahm ein Kristallglas mit Perricumer Rotwein von einem Tablett, welches ihm Retos Leibpage Siyandrion offerierte.
„Wie gewohnt werde ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, bester Borro.“ Reto nahm sich ebenfalls ein Glas. „Und was die Weidener Recken angeht, so habe ich nun meinen eigenen.“
„Ah, den jungen Wulthos von Pandlaril, ja ja, wahrlich ein Bild von einem Mann.“ Der Agur nickte anerkennend. „Dazu noch aus bestem Weidener Hause. Er ist bestimmt sehr aufgeregt nach zwei Götterläufen wieder seine Heimat zu besuchen, oder etwa nicht?“
„Er redet von kaum etwas anderes.“ Reto rollte mit den Augen. „Versteh mich nicht falsch, ich kann ihn gut nachvollziehen, er will sich beweisen. Gerade jetzt, wo er kurz vor seinem Ritterschlag steht.“
„Wird er seiner Familie denn gerecht werden?“, wollte Borro wissen.
„Er ist ein ganz besonderer junger Mann, mit gutem Herzen“, begann Reto zu schwärmen, „und ja, nach seinem Ritterschlag wird er zum Reichsedlen von Briskengrund erhoben werden. So die Kaiserin meinem Gesuch folgt.“
„Hast du nicht unweit vom Schloss Briskengrund nicht auch ein kleines Schlösschen?“. Borro grinste schelmisch.
„Das Schloss Vulperquell, da hast du recht. Ist das nicht ein Zufall?“ Nun war es Reto der breit grinste.
„Ist das nicht eines der früheren Lustschlösser von Kaiser Bardo? Ausstaffiert mit entsprechendem ‚Mobiliar‘?“ Die Betonung des letzten Wortes war überdeutlich.
„Nun, meine selige Gemahlin hatte dort mit ihrer Rahja-Geweihtin ein außergewöhnlich erquickendes Leben. Es wird Zeit, dass das Pendel in die andere Richtung, in meine, schlägt. Und wir sind ja auch nicht in der Rommilyser Mark, wo man gar als unverheirateter Knappe nach der Zeugung eines Bastards den Bußgang antreten muss. Wahrlich lachhaft. Da lobe ich mir, dass hierzulande die Travia-Kirche nur eine Kirche des einfachen Volkes ist.“
„Wahr gesprochen, Ganter gehören nicht an einen Adelshof, zu viel Geschnatter um nichts.“ Beide Männer prosteten sich zu. „Wer wird dich auf deiner Reise nach Weiden begleiten?“
„Salix und Tolmario werden mich wieder begleiten, dazu noch eine Handvoll Kriegerinnen der Rash'Waharis. Und mein lieber Wulthos natürlich. Wir werden seinem Onkel, Graf Arbolf von Pandlaril unsere Aufwartung machen und dann mit diesem gemeinsam in die Heldentrutz reisen. Auch der junge Grîngelbaum wird uns begleiten. Salix und Tolmario haben mich nahezu angefleht, aber er ist auch ein sehr unterhaltsames Bürschchen. Die beiden haben sich mit ihm während der Bärwalder Grafenhochzeit angefreundet.“
„Ist es nicht ein wenig heikel jetzt, wo das Meilersgrunder Krongericht tagt, nach Weiden aufzubrechen? Wie du weißt, geht es um viel bei dem Prozess. Wird der großfürstliche Prinz verurteilt, oder freigesprochen? Womöglich werden nicht wenige adlige Köpfe rollen.“
„Gerade diese wenig erheiternde Aussicht ist ein Grund für mich nach Weiden zu reisen, mein Lieber. Mit dem Vairninger habe ich meinen besten Mann vor Ort.“
„Nicht wenige Stimmen flüstern, du könnest Truchsess an einem möglichen Großfürstenhof werden.“ Borro zog herausfordernd eine Augenbraue hoch.
„Noch ein Grund für meine Reise, denn sollte es so kommen, werde ich in Garetien gebunden sein. Aber erst einmal werden wir abwarten, wer seinen Kopf verliert, oder behält.“
Liebevoll tätschelte Reto den Luchskopf-Anstecker an seinem Mantel.
Urkentrutzer Nachlese
Baroniegrenze Waldleuen/Urkentrutz, Mitte Firun 1045
dramatis personae:
Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz
Firian Böcklin von Buchsbart, Baron von Schneehag
Yolanda von Brachfelde, Bardin und Schwester des Barons von Brachfelde + Junkerin zu Eibenruh
Roan von Elstersteg, Junker von Elstersteg
Grifo von Binsböckel-Graûgard, der Junker von Graûgard
Müde und resigniert saß Lyssandra von Finsterborn, Baronin von Urkentrutz im Sattel ihres Schlachtrosses „El Abrego“. Der Hengst, den sie auf dem Elenviner Rossmarkt erstanden hatte, stapfte durch den Schnee auf der Verbindungsstraße zwischen der Baronie Waldleuen und Urkentrutz. Bald würden sie Waldleuen hinter sich lassen und das Dienstrittergut Dachsrath auf Urkentrutzer Grund erreichen, wo sie für die Nacht Quartier beziehen wollten. An ihrer Seite ritten Knappin Erlinde Böcklin von Hunsfurt und Waffenknecht Trauwald, der das Packpferd führte.
Was für eine katastrophale Wendung hatte die gräfliche Jagd doch genommen! Sie hatte sich auf das firungefällige Ereignis in der benachbarten Baronie gefreut. Eine gehörige Zahl an Edlen aus Weiden hatte sich in Waldleuen versammelt gehabt, um im Iseholz zu jagen. Und dann? Eigenartige Geschehnisse, das Verschwinden zahlreicher Begleiter der Adeligen, hatten dazu geführt, dass sie das getan hatten, was sie nie hätten tun sollen – den Blautann betreten. Schon ihr Vater selig hatte es Lyssandra eingebläut. Ungute Dinge geschehen im Blautann! Es ist besser niemals einen Fuß in das verfluchte Baumdickicht zu setzen! Gab es nicht auch diesen Spruch, der die Gefahren knapp zusammenfasste: „Den Blautann sehen und sterben!“ Fast wäre dieser für sie und ihre Begleiter wahr geworden.
Nun, das hatte sie nun davon, dass sie nicht hatte hören wollen. Das linke Bein schmerzte noch immer. Trotz des Wundumschlags mit Einbeerenmarmelade würde es wohl noch einige Zeit dauern bis sie die schwere Wunde, die ihr der Anführer dieser eigenartigen Jäger verpasst hatte, die sich als üble Schurken entpuppt hatten, ganz verheilt sein würde.
Die Baronin grübelte weiter. Anfangs war ja sogar noch alles gut gegangen. Die Gruppe Adeliger, der sie zugeteilt worden war, um sich auf die Suchen nach den Verschwundenen zu machen, hatte sich so leidlich im Blautann zurechtgefunden. Widrigkeiten wie eine scheußliche Moorleiche auf einer Insel in einem Waldteich hatten sie hinter sich gelassen. Grifo von Binsböckel-Graûgard, der Junker von Graûgard hatte sowohl dem eiskalten Moorwasser als auch der Schauergestalt auf der Insel getrotzt. Nur wenig später machten sie die Bekanntschaft der Eulenkönigin Oropheïa und zu Lyssandras Überraschung war es gerade der sonst oft so polternde Böcklin, der mit seiner Hochachtung und seinem Respekt das Vertrauen der Tierkönigin gewann. Alles schien den Umständen entsprechend gut zu laufen, doch dann kam der Moment der Uneinigkeit. Man traf auf eine seltsame Jägergemeinschaft in einer Waldhütte. Dem Vernehmen nach schien die Zeit im Blautann anders zu verlaufen als außerhalb. Denn man versicherte ihnen dort, dass man sich im Götterlauf 945 befände. Während Lyssandra und Yolanda von Brachfelde, die Gemahlin ihres Schwertvaters Accolon, der sie seit den Zeiten ihrer Knappinnenzeit freundschaftlich verbunden war, einen diplomatischen Weg zur Erkundung der seltsamen Geschehnisse in und um die Jägerhütte im Wald anstrebten, entschied am Ende die Ungeduld des Schneehager Barons, dass alles in einen blutigen Kampf mündete. Kein Auge blieb trocken. Verletzt wurden alle ihrer Mitstreiter. Besonders übel erwischte es Roan von Elstersteg, doch auch Yolanda von Brachfelde, den Junker von Graûgard und ihre Wenigkeit mussten schwere Verletzungen einstecken. Lediglich der Baron von Schneehag, der den Kampf eröffnet hatte, war dank seiner schweren Rüstung mit ein paar Kratzern davongekommen. Sichtlich geknickt durch den Zustand und die teilweise schweren Wunden seiner Begleiter bot er großzügig Schlucke aus seinem Einbeerentrank an. Am Ende verdankten sie ihr Überleben der klugen Yolanda, die ihr Heil in der Flucht gesucht hatte und auf diesem Weg die Unterstützung der Belagerer der Jagdhütte gewann. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie nicht die um die Hütte versammelten Begleiter des bereits seit fast 100 Götterläufen verstorbenen Vogtes von Waldleuen Hillbrandt von Binsböckel auf sich aufmerksam gemacht hätte.
Verwirrend war letztlich auch die Erkenntnis, dass sich Kultisten in diesem Teil des Blautanns herumgetrieben, die es auf edles Blut abgesehen hatten. Ihnen war die Entführung und teilweise grausame Ermordung der Begleiter der Edlen der gräflichen Jagdgesellschaft zuzuschreiben. Und mehr noch. Diese hatten sich mit Orks zusammengetan, um ihre Ziele zu erreichen. Was für eine üble Konspiration sich da auftat, erschreckend! Lyssandra musste sich fragen, ob auch in jenem Teil des Blautanns der zu Urkentrutz gehörte und sich jenseits des Finsterbachs erstreckte solche Umtriebe stattfanden. Sie musste versuchen Gewissheit darüber zu bekommen und mehr Wissen über den Schnitterkult zu erlangen. Doch, wie sollte man Gewissheit bekommen ohne selbst in Gefahr zu geraten? Hatte sie doch gerade am eigenen Leib erfahren müssen, wie schnell einem im Blautann etwas zustieß und wie unvorhersehbar und geheimnis- und gefahrvoll ein Besuch des Tanns war. Sobald sie zurück auf der Burg war, wollte sie sich kundig machen, wie sie an die benötigten Informationen gelangen könnte.
Zur Jagd selber blieb dann nicht mehr viel zu sagen. Zwar konnten so einige der Entführten gerettet werden, viele aber mussten ihr Leben lassen. Dabei ging die Spannbreite vom einfachen Hundeknecht Brotlaus des Junkers Roan von Elstersteg bis hin zum langjährigen Waffenmeister und engen Vertrauten des Baronshauses der Bollinger Heide, Praiodan von Frauenhold. Tiefe Trauer herrschte daher in vielen der Reisegruppen und die Jagd wurde daher abgeblasen.
Stille Gedanken
Firun 1045, Ruine Blautann
Es war kalt in der Kapelle der Göttin Rondra. Auch die auf dem Altarstein flackernden Kerzen kamen nicht gegen Firuns eisigen Hauch an, der den Blautann und ganz Waldleuen in festem Griff
hielt.
“...drum lass mich dir danken für diesen Kampf,
danken für mein Leben im Glauben an dich,
und dafür, dass der Sieg der unsere ist!
Dir gebührt die Ehre, dieser Tag ist dein!”
Seine Stimme verklang in der Kapelle und die Atemwolken vergingen in der kalten Luft.
‘So flüchtig’, stellte Dietrad von Kesselhod fest, während er wieder in die Stille der Kapelle tauchte.
‘So still wie der Blautann, bevor im Zwielicht die Heilige erschienen war’, überlegte der Sichelwachter Ritter.
Er verdankte der Stammmutter der Blautann sein eigenes Leben und das seiner Erbin, davon war er überzeugt. Die dreifaltige Begegnung mit der Heiligen Fringilla hatte Dietrad nachhaltig beeindruckt und ihm trotz seiner Angst um Firre überhaupt
die Kraft verliehen, gegen seine Gegner zu bestehen. Es waren Orks aber auch Menschen gewesen und Dietrads Blick fiel auf seine Votivgaben vor dem schlichten hölzernen Bildnis der Göttin: Die beiden Arbach-Säbel, an deren Schneiden dunkel sein geronnenes Blut klebte, hatte er zuerst einem Ork und dann einem Menschen abgenommen.
Was die Ketzer - was diesen Gerwulf oder den anderen namenlosen Schnitter - angetrieben hatte, vermochte Dietrad noch immer nicht zu verstehen. Aber die meisten von ihnen waren nun tot und er selbst am Leben.
Eigentlich hätte ihm diese Tatsache Frieden und Zuversicht schenken müssen, doch Dietrad spürte noch immer, wie die Angst mit gierigen Klauen an ihm zerrte.
‘Wenn die Macht der gehörnten Götter - die Macht, die lange unerkannt war - so weit reicht, dass selbst der Adel sie verehrt, ist es schlecht um Weiden und besonders die Heldentrutz bestellt.’
Die Gedanken des Ritters waren für einen Moment so düster wie der Geisterwald, in dem sie der Heiligen begegnet waren.
Dort war ihnen aber auch Einsicht in Fringillas Heldentaten offenbart worden, und die Heilige hatte sogar mit ihnen gesprochen,
erinnerte sich der Sichelwachter. Und er - Dietrad von Kesselhod - hatte Fringillas Schild errungen und Bärwulf demütig zurückgegeben, so dass der Bund hatte erneuert werden können!
Sogleich verspürte er einen Funken Hoffnung - mehr als ihm das Gebet an die Leuin vorhin hatte schenken können - und eben das wollte er sich bewahren: Er würde Ihrer Heiligen zu Ehren einen kleinen Schrein in Isenwall errichten.